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Stefano Mancuso

Alessandra Viola

DIE INTELLIGENZ
DER PFLANZEN


Aus dem Italienischen von

Christine Ammann

Verlag Antje Kunstmann

Inhalt

Einleitung

ERSTES KAPITEL

Die Wurzeln des Problems

Pflanzen und die großen monotheistischen Religionen

Das Pflanzenreich, wie es Schriftsteller und Philosophen sehen

Die Väter der Botanik: Linné und Darwin

Der Mensch ist das höchstentwickelte Lebewesen. Oder?

Pflanzen: die ewigen Zweiten

ZWEITES KAPITEL

Die Pflanze, das unbekannte Wesen

Euglena gegen Paramecium: ein Kampf mit gleichen Waffen

Vor fünfhundert Millionen Jahren

Jede Pflanze ist eine Kolonie

Ein Zeitproblem

Leben ohne sie: ein Ding der Unmöglichkeit

DRITTES KAPITEL

Die Sinne der Pflanzen

Sehen

Riechen

Schmecken

Fühlen

Hören

Und noch fünfzehn weitere Sinne!

VIERTES KAPITEL

Die pflanzliche Kommunikation

Die Kommunikation im Inneren der Pflanze

Die Kommunikation zwischen Pflanzen

Die Kommunikation zwischen Pflanzen und Tieren

FÜNFTES KAPITEL

Die Intelligenz der Pflanzen

Gibt es »pflanzliche Intelligenz«?

Was wir von der künstlichen Intelligenz lernen können

Intelligenz trennt nicht, sie verbindet

Charles Darwin und die pflanzliche Intelligenz

Die intelligente Pflanze

Pflanzen als lebendiges Web 2.0

Ein Wurzelschwarm

Die Aliens sind unter uns: Pflanzliche Intelligenz als Modell zum Verständnis extraterrestrischer Intelligenz

Der Schlaf der Pflanzen

Schlussfolgerungen

Literaturhinweise

Einleitung


SIND PFLANZEN INTELLIGENT? Gelingt es ihnen, Probleme zu lösen? Können sie mit ihrer Umgebung, anderen Pflanzen, Insekten und höheren Tieren kommunizieren? Oder sind sie doch nur passive Organismen, unfähig zu Empfindungen und von individuellem, geschweige denn sozialem Verhalten meilenweit entfernt?

Um darauf eine Antwort zu finden, müssen wir zunächst bis ins alte Griechenland zurückgehen. Denn schon die Philosophen der Antike haben sich mit solchen Fragen beschäftigt und in ihren Denkschulen darüber gestritten, ob Pflanzen eine Seele besitzen oder nicht. Doch welche Argumente führten sie ins Feld? Und warum konnten selbst die neuzeitlichen Naturwissenschaften den Streit nicht endgültig beilegen? Überraschenderweise ähneln die heutigen Argumente häufig denen der Antike: Sie gründen weniger auf wissenschaftlichen Erkenntnissen als vielmehr auf dem »gesunden Menschenverstand« und zahllosen Vorurteilen, die unsere Kultur seit Jahrtausenden prägen.

Auf den ersten Blick mag die Pflanzenwelt wenig komplex erscheinen, aber im Laufe der Jahrhunderte hat sich immer wieder der Gedanke Bahn gebrochen, dass Pflanzen empfindsame Organismen seien, die über kommunikative Fähigkeiten, ein Sozialleben und raffinierte Problemlösungsstrategien verfügen. Kurzum: über Intelligenz. Philosophen und Wissenschaftler von Platon bis Demokrit, von Linné bis Darwin oder Fechner bis Bose – die unterschiedlichen Jahrhunderten und kulturellen Kontexten angehörten? – gelangten zu ein und demselben Schluss: dass Pflanzen wesentlich raffiniertere Fähigkeiten besitzen als häufig angenommen.

Bis Mitte des vorigen Jahrhunderts konnten sich die Vertreter dieser Ansicht lediglich auf ihre – wenngleich geniale – Intuition berufen. In den letzten fünfzig Jahren hat die Wissenschaft jedoch zahlreiche neue Erkenntnisse gewonnen, die die Pflanzenwelt in einem neuen Licht erscheinen lassen. Damit beschäftigen wir uns im ersten Kapitel. Wir werden sehen, dass die Argumente derer, die Pflanzen jegliche Intelligenz absprechen, bis heute nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen, sondern vor allem auf vorgefassten Meinungen, die in unserer Kultur seit Jahrtausenden fest verankert sind. Doch die Zeit scheint reif für einen Paradigmenwechsel. Angesichts der Fülle an wissenschaftlichen Studien setzt sich heute langsam die Meinung durch, dass Pflanzen nicht nur imstande sind, sorgfältig abzuwägen und Entscheidungen zu fällen, sondern auch Lern- und Erinnerungsvermögen besitzen. Nach hitzigen Debatten hat die Schweiz sogar vor wenigen Jahren als weltweit erstes Land die Würde der Pflanzen gesetzlich geschützt.

Doch was sind Pflanzen genau? Wie sind sie beschaffen? Obwohl der Mensch – seit Anbeginn der Menschheit – mit ihnen Seite an Seite lebt, kann er keineswegs behaupten, sie besonders gut zu kennen. Allerdings ist dies nicht nur auf Probleme wissenschaftlicher oder kultureller Art zurückzuführen, die eigentliche Ursache liegt tiefer: in der unterschiedlichen Evolutionsgeschichte von Tier- und Pflanzenreich.

Wie andere Tiere auch, besitzt der Mensch spezifische Organe und ist als Lebewesen unteilbar. Weil Pflanzen aber sesshafte Organismen sind, die sich nicht von der Stelle rühren, haben sie sich evolutionsgeschichtlich anders entwickelt und einen modular aufgebauten Körper ohne spezifische Organe ausgebildet. Die Körperfunktionen von Pflanzen sind also nicht in speziellen Organen angesiedelt, sondern im ganzen Körper verteilt. Der Grund liegt auf der Hand: Pflanzen müssten sonst unweigerlich sterben, wenn ein gefräßiger Pflanzenfresser eins ihrer Organe verschlingen würde.

Der fundamentale Unterschied zwischen Tier- und Pflanzenreich erklärt auch, warum wir die Pflanzen bis heute nicht wirklich kennen und nicht als intelligente Wesen wahrnehmen. Wie es dazu kommen konnte, erörtern wir im zweiten Kapitel. Wir sehen dort, dass Pflanzen selbst massive Schädigungen überleben, weil sie, anders als wir, teilbar sind und zahlreiche »Kommandozentralen« sowie eine Netzstruktur besitzen, die dem Internet nicht so unähnlich ist. Schon in naher Zukunft könnte es sich allerdings als wichtig erweisen, dass wir uns mit den Pflanzen besser vertraut machen. Denn unser Überleben hängt letztendlich von ihnen ab. Nicht nur, dass es uns ohne Pflanzen gar nicht gäbe – denn ohne Fotosynthese hätte sich der Sauerstoff, den wir zum Atmen brauchen, nie gebildet. Pflanzen stehen auch am Anfang unserer Nahrungskette, und ihnen verdanken wir – was wir gerne vergessen – unsere Energieressourcen, die fossilen Brennstoffe, auf denen unsere Zivilisation seit Jahrtausenden aufbaut. Pflanzen sind für uns Nahrung, Arzneimittel, Energiereserve und Produktionsmaterial, also ein wertvoller Rohstoff, auf den wir auf Gedeih und Verderb angewiesen sind – und von dem unsere künftige wissenschaftliche und technologische Entwicklung in zunehmendem Maße abhängt.

Im dritten Kapitel stellen wir schließlich fest, dass Pflanzen über alle fünf Sinne verfügen: Sie können sehen, hören, schmecken, riechen und fühlen. Freilich sind ihre Sinne »pflanzlicher« Art, doch deshalb keineswegs weniger zuverlässig. Könnte man folglich sagen, dass Pflanzen uns in diesem Punkt ähneln? Nein. Pflanzen sind viel empfindungsfähiger als wir und besitzen neben unseren fünf mindestens fünfzehn weitere Sinne. So können sie etwa Schwerkraft, elektromagnetische Felder und Feuchtigkeit wahrnehmen und berechnen oder das Konzentrationsgefälle zahlreicher chemischer Stoffe analysieren.

Anders als vielfach angenommen, bestehen die grössten Ähnlichkeiten zwischen Pflanzen- und Tierreich wahrscheinlich im sozialen Bereich. Wir beleuchten im vierten Kapitel nicht nur, wie sich Pflanzen mit ihren Sinnen in der Welt orientieren, sondern auch, wie sie mit Nachbarpflanzen, mit Insekten und anderen Tieren interagieren und über chemische Moleküle kommunizieren und Informationen austauschen. Pflanzen reden miteinander. Sie erkennen Verwandte. Und sie haben Charakter: Nicht anders als in der Tierwelt gibt es opportunistische und großzügige, grundehrliche oder verschlagene Pflanzen. Pflanzen belohnen, wer ihnen Gutes tut, und bestrafen, wer ihnen schaden will.

Wie kann da noch jemand abstreiten, dass sie intelligent sind? Letztendlich handelt es sich dabei um eine Definitionsfrage, darum, wie wir den Begriff Intelligenz interpretieren. Im fünften Kapitel werden wir erläutern, warum man unter Intelligenz die »Fähigkeit zur Problemlösung« verstehen kann und warum Pflanzen sich, laut dieser Definition, gegenüber Schwierigkeiten im Leben nicht nur intelligent, sondern geradezu genial verhalten. Auch ohne ein Gehirn in unserem Sinne reagieren sie adäquat auf äußere Reize und sind sich ihrer selbst und ihrer Umwelt bewusst – auch wenn »bewusst« im Zusammenhang mit Pflanzen zugegebenermaßen etwas seltsam klingt.

Dass Pflanzen wesentlich raffiniertere Organismen sind als gemeinhin angenommen, konnte Charles Darwin als Erster durch wissenschaftlich gesicherte, quantifizierbare Daten belegen. Heute, beinah eineinhalb Jahrhunderte später, beweisen zahlreiche Forschungen, dass höher entwickelte Pflanzen tatsächlich »Intelligenz« besitzen: Sie empfangen Signale aus ihrer Umgebung, verarbeiten die erhaltenen Informationen und kalkulieren, welche Lösung ihr Überleben am besten sichert. Und damit nicht genug. Sie verfügen auch über eine sogenannte »Schwarmintelligenz«, die es ihnen ermöglicht, nicht nur als Einzelne, sondern als Gruppe bestimmte Verhaltensweisen zu entwickeln. Damit zeigen sie ein ähnliches Verhalten wie Ameisenvölker, Fisch- oder Vogelschwärme.

Nüchtern betrachtet, würde das Pflanzenreich hervorragend ohne uns auskommen. Die Menschheit dagegen wäre ohne Pflanzen zum baldigen Aussterben verdammt. Dennoch kennen beinahe alle Sprachen Wörter wie »dahinvegetieren«, die ein Leben bezeichnen, das auf die rudimentärsten Bedürfnisse reduziert ist.

Was heißt hier vegetieren? Wenn Pflanzen sprechen könnten, würden sie uns das vielleicht als Erstes fragen.

ERSTES KAPITEL
Die Wurzeln des Problems


IM ANFANG WAR DAS GRÜN: ein Chaos aus pflanzlichen Zellen. Dann schuf Gott die Tiere und zum Schluss das erhabenste unter ihnen: den Menschen. Wie in zahlreichen anderen Schöpfungsmythen ist der Mensch in der Bibel die Krone der Schöpfung. Er erscheint erst, als die Schöpfung beinahe vollendet, als alles für ihn bereit ist: auf dass sich der »Herrscher der Erde« die Schöpfung untertan mache.

Bekanntlich vollendet Gott sein Werk in einem Zeitraum von sieben Tagen. Die Pflanzen werden am dritten Tag erschaffen, während das überheblichste der Geschöpfe erst ganz zuletzt, am sechsten Tag, das Licht der Welt erblickt. Die Reihenfolge ihres Erscheinens auf der Erde entspricht in etwa dem derzeitigen wissenschaftlichen Stand: Danach gab es auf unserem Planeten bereits vor dreieinhalb Milliarden Jahren die ersten Zellen, die zur Fotosynthese in der Lage waren, während der Homo sapiens, der sogenannte »moderne Mensch«, seine ersten Spuren erst vor zweihunderttausend Jahren hinterließ – nach den Maßstäben der Evolution also erst vor wenigen Augenblicken. Dass der Mensch als Letzter auf der Erde erschien, hinderte ihn allerdings nicht daran, sich als privilegiertes Wesen zu begreifen – obwohl die neuesten Erkenntnisse auf dem Gebiet der Evolution seine Stellung als »Weltenherrscher« dramatisch beschnitten haben und ihm die wesentlich weniger prestigeträchtige Rolle des »zuletzt Erschienenen« zuweisen. Die sichert ihm keineswegs mehr a priori die Herrschaft über alle anderen Arten, auch wenn uns zahlreiche kulturelle Konditionierungen genau das glauben machen wollen.

Im Lauf der Jahrhunderte haben viele Philosophen und Wissenschaftler die Vorstellung vertreten, Pflanzen besäßen ein »Gehirn« und eine »Seele« und noch die einfachsten pflanzlichen Organismen könnten äußere Reize wahrnehmen und darauf reagieren. Einige der genialsten Köpfe ihrer Zeit, von Platon bis Demokrit und von Fechner bis Darwin, sahen in den Pflanzen intelligente Wesen. Manche glaubten an ihre Fähigkeit zu fühlen, andere stellten sie sich als Menschen vor, die kopfüber in der Erde stecken: als sensible, intelligente Lebewesen, die über alle menschlichen Fähigkeiten verfügen, mit Ausnahme derer, die ihnen durch ihre befremdliche Position verwehrt sind.

Dutzende großer Denker haben die Intelligenz der Pflanzen theoretisch untermauert und dokumentiert. Dennoch tritt in allen Kulturen der Welt wie auch in unserem täglichen Verhalten immer wieder die scheinbar unüberwindbare Überzeugung zutage, Pflanzen seien noch weniger intelligent und entwickelt als Wirbellose und ständen auf der »Evolutionsleiter« gerade einmal eine Stufe über den unbelebten Objekten. Für diese Leiter fehlt, nebenbei gesagt, jeder Beweis, und doch ist die Hypothese in unser aller Köpfen fest verankert. Es konnten sich noch so viele Stimmen erheben, die anhand wissenschaftlicher Experimente und Entdeckungen die Intelligenz der Pflanzen belegten, stets fanden sich noch mehr Stimmen, die der These widersprachen. Als gäbe es eine stille Übereinkunft, haben Religion, Literatur, Philosophie und moderne Wissenschaft in der westlichen Welt an der Verbreitung der Vorstellung mitgewirkt, Pflanzen seien niedrigere Lebewesen als andere – von Intelligenz ganz zu schweigen.

Pflanzen und die großen monotheistischen Religionen

»Von den Vögeln nach ihrer Art, von dem Vieh nach seiner Art und von allem Gewürm auf Erden nach seiner Art: von den allen soll je ein Paar zu dir hineingehen, daß sie leben bleiben« (1. Mose, 20). Mit diesen Worten erklärt Gott Noah im Alten Testament, welche Lebewesen er vor der Sintflut retten soll, damit das Leben auf der Erde weitergehen kann. Wie geboten, führt Noah Vögel, Landtiere und alles, was sich auf Erden regt, auf die Arche: »reine« und »unreine« Tiere in Paaren. Und die Pflanzen? Finden mit keinem Wort Erwähnung. In der Heiligen Schrift werden sie nicht nur geringer geschätzt als die Tiere, sondern noch nicht einmal erwähnt. Sie bleiben ihrem Schicksal überlassen: Sie ertrinken oder können sich vielleicht wie anderes Unbelebte retten. Die Geringschätzung geht so weit, dass sich nicht einmal jemand um sie Sorgen macht.

Doch die Widersprüche in der Schöpfungsgeschichte lassen nicht lange auf sich warten. Der erste findet sich im Fortgang der Erzählung. Als die Arche auf dem Berg Ararat aufgesetzt hat und einige Tage kein Regen mehr gefallen ist, lässt Noah eine Taube ausfliegen, um zu erfahren, wie es auf der Erde aussieht. Gibt es trockenes Land? Vielleicht sogar in der Nähe? Ist es bewohnbar? Die Taube kehrt mit einem Ölblatt im Schnabel zurück – das alle Fragen beantwortet. Es zeigt, dass Land trockengefallen und Leben dort möglich ist. Obwohl Noah es also nicht ausdrücklich sagt, weiß er genau, dass es ohne Pflanzen kein Leben auf der Erde gibt.

Die Nachricht der Taube sollte sich schon bald bestätigen: Noah verlässt die Arche gemeinsam mit den Tieren, dann dankt er dem Herrn. Er hat seine Pflicht erfüllt. Und was macht er als Erstes? Er pflanzt einen Weinstock. Woher kommt dieser Weinstock, der bis dahin nirgends erwähnt wurde? Noah muss ihn für so bedeutsam gehalten haben, dass er ihn auf die Arche mitnahm, obwohl er nicht zu den Lebewesen gehörte.

In die Schöpfungsgeschichte schleicht sich also, vom Leser beinahe unbemerkt, der Gedanke ein, dass Pflanzen keine Lebewesen seien. Ölbaum und Weinstock dienen zwar als Symbol für Wiedergeburt und Leben, den Pflanzen allgemein hingegen spricht die Schöpfungsgeschichte jede Belebtheit ab. Allerdings entpuppt sich nicht nur das Christentum als eine Religion, die Pflanzen den Status von Lebewesen verweigert. Auch der Islam und andere Religionen verwahren sich unausgesprochen dagegen, das Pflanzenreich als lebendig zu betrachten, und zählen es zum Unbelebten auf unserer Erde. So widmet sich beispielsweise die islamische Kunst hingebungsvoll der Darstellung von Pflanzen und Blumen, weil es ihr untersagt ist, sich ein Bildnis von Allah und allem Lebenden zu machen. Die floralen Ornamente, geradezu das Erkennungszeichen islamischer Kunst, zeugen also davon, dass Pflanzen gerade nicht als Lebewesen gelten. Andernfalls wäre ihre Darstellung nämlich verboten. Im Koran findet sich zwar kein ausdrückliches Verbot, Tiere abzubilden. Doch der Prophet Mohammed leitet dies im Hadith, der Grundlage des islamischen Rechts, aus dem islamischen Glauben ab: Es gibt keinen Gott außer Allah, er hat alles erschaffen und ist in allem. Das gilt offensichtlich jedoch nicht für Pflanzen.

Manche Religionen unterhalten allerdings auch durchaus andere Beziehungen zur Pflanzenwelt. Die Indianer in Amerika und verschiedene indigene Völker halten sie sogar für heilig.

Die Beziehung zwischen Mensch und Pflanzenwelt steckt voller Widersprüche. So verbietet es die jüdische Religion, auf deren heiligen Schriften das Alte Testament ja basiert, Bäume ohne Not zu fällen, und feiert sogar ein Neujahrsfest der Bäume (Tu BiSchwat). Hier zeigt sich bereits der tiefe Widerspruch, dass dem Menschen seine Abhängigkeit von den Pflanzen zwar sehr wohl bewusst ist, er sich aber trotz allem verweigert, anzuerkennen, welche bedeutende Rolle sie auf unserem Planeten spielen.

Während manche Religionen Pflanzen – oder besser gesagt Teile von Pflanzen – heiligsprechen, werden sie von anderen geradezu verteufelt. Zur Zeit der Inquisition war dieses Schicksal etwa Pflanzen beschieden, die die angeklagten »Hexen« angeblich in ihre Heiltränke mischten: In manchen Fällen wurde nicht nur den Hexen, sondern auch Knoblauch, Petersilie und Fenchel der Prozess gemacht! Übrigens genießen Pflanzen mit psychotroper Wirkung bis heute eine Sonderbehandlung: Sie werden verboten (Wie kann man Pflanzen verbieten? Könnte man Tiere verbieten?) oder kontrolliert – oder für heilig erklärt und von Schamanen in Stammeszeremonien verwendet.

Das Pflanzenreich, wie es Schriftsteller und Philosophen sehen

Ob gehasst oder geliebt, ignoriert oder heiliggesprochen – Pflanzen sind Teil unseres Lebens. Und folglich begegnen sie uns in Malerei, Volkskunst oder Literatur. Doch Maler und Schriftsteller sind mit ihren Werken auch Schöpfer eines Weltbilds. Kunst und Kultur verraten uns deshalb einiges über das Verhältnis von Mensch und Pflanzenwelt.

Von wenigen wichtigen Ausnahmen abgesehen, betrachten die meisten Schriftsteller Pflanzen als statischen, anorganischen Bestandteil der Landschaft und beschreiben sie als ebenso passiv wie einen Hügel oder eine Gebirgskette.

In der Philosophie wurde, wie erwähnt, jahrhundertelang über die Natur der pflanzlichen Organismen gestritten. Ob Pflanzen leben oder nicht, ob sie eine »Seele« haben, wie man damals sagte, beschäftigte bereits weit vor Christus die besten Köpfe. Lange Zeit bestanden in Griechenland, dem Mutterland der abendländischen Philosophie, zwei Meinungen einträchtig nebeneinander: Während Aristoteles (384/383–322 v. Chr.) die Pflanzen in die Nähe der anorganischen Welt rückte, achteten Demokrit (460–370 v. Chr.) und seine Anhänger sie so hoch, dass sie sie sogar mit dem Menschen gleichsetzten.

In seiner berühmten Klassifikation teilte Aristoteles die Lebewesen nach ihrem Seelenvermögen ein, danach, wie stark sie beseelt seien. Sein Konzept der Seele hatte allerdings nichts mit Religiosität zu tun, sondern vor allem mit dem Bewegungsvermögen – was bis heute an dem Wort »beseelt« deutlich wird, das auch innerlich »bewegt« bedeutet. In seinem Werk De anima schreibt Aristoteles: »Das Beseelte nun scheint von dem Unbeseelten durch zweierlei sich zu unterscheiden: durch Bewegung und durch Empfindung« (I–II 403b). Auf Grundlage seiner Definition und im Einklang mit den herrschenden Ansichten betrachtete Aristoteles die Pflanzen zunächst als »unbeseelt«.

Später ließ er sich allerdings eines Besseren belehren, weil Pflanzen sich ja offensichtlich vermehren konnten. Wie konnten sie da unbeseelt sein? Der Philosoph fand eine Lösung: Er sprach den Pflanzen ein Seelenvermögen auf unterster Stufe zu, eine vegetative Seele, die mehr oder weniger nur die Fortpflanzung erlaubte. Denn wenn Pflanzen sich vermehren, dachte Aristoteles, dann können sie zwar nicht als unbeseelt gelten, aber auch nicht allzu weit davon entfernt sein.

Das aristotelische Denken hat unsere abendländische Kultur über Jahrhunderte geprägt, und manche Wissenschaften wie die Botanik konnten sich erst mit der Aufklärung von seinem Einfluss befreien. Kein Wunder also, dass Philosophen die Pflanzen lange Zeit für bewegungsunfähig und ansonsten keiner weiteren Beachtung für würdig hielten.

Nichtsdestotrotz haben sich von der Antike bis heute immer wieder Stimmen zu Wort gemeldet, die dem Pflanzenreich zu mehr Achtung verhelfen wollten.

Beinah ein Jahrhundert vor Aristoteles hat Demokrit die Pflanzen mit völlig anderen Augen betrachtet. Seine Philosophie beruhte auf dem sogenannten atomistischen Materialismus. Danach bestehen alle Objekte, selbst die augenscheinlich unbeweglichen, aus Atomen, die sich ununterbrochen im leeren Raum bewegen. Nach Demokrits Ansicht ist alles in ständiger Bewegung, auch die Pflanzenwelt. Er hielt Bäume daher für durchaus mit dem Menschen vergleichbar, abgesehen davon, dass sie kopfüber in der Erde steckten. In den kommenden Jahrhunderten sollte sein Bild wiederholt aufgegriffen werden.

Unter dem Einfluss von Aristoteles und Demokrit galten Pflanzen im antiken Griechenland – allem Widerspruch zum Trotz – vielfach als gleichermaßen unbeseelt wie intelligent.

Und selbst Mitte des 18. Jahrhunderts wirkten beide Konzepte noch in der Gedankenwelt des Mannes fort, der als Vater der botanischen Systematik gilt: Carl Nilsson Linnæus.

Die Väter der Botanik: Linné und Darwin

Die Klassifizierung der Pflanzen machte den Arzt, Forschungsreisenden und Naturkundler, der besser unter dem Namen Carl von Linné (1707–1778) bekannt ist, weltberühmt – und brachte ihm den Ruf des »großen Systematikers« ein. Allerdings wird ihm der Ruf nur teilweise gerecht, denn Linné widmete sich, neben seiner bedeutenden Klassifizierungstätigkeit, ein Leben lang der Forschung.

Linné war ein überaus origineller Denker. So bestimmte er die »Fortpflanzungsorgane« und das »Sexualsystem« der Pflanzen als grundlegendes Kriterium seiner Taxonomie – was ihm kurioserweise zugleich einen Universitätslehrstuhl und eine Verurteilung wegen »Unmoral« einbrachte. Denn es war zwar bekannt, dass Pflanzen ein Geschlecht besitzen, doch die Erforschung desselben zu Klassifizierungszwecken löste einen Skandal aus. Und Linné vertrat noch eine andere neuartige Theorie, die nur aus purem Zufall nicht ebenso angegriffen wurde. Er behauptete nämlich schlicht und einfach, dass Pflanzen schlafen.

Nicht einmal im Titel der kurzen Abhandlung Somnus plantarum (Der Schlaf der Pflanzen) von 1755 ließ Linné die übliche Vorsicht walten, mit der Wissenschaftler sich damals vor möglichen Angriffen schützten. In dem Werk ging er einfach vom damaligen Forschungsstand und eigenen Beobachtungen der veränderten nächtlichen Blattstellung aus und folgerte lapidar, dass Pflanzen schlafen. Anmerken muss man vielleicht, dass Wissenschaftler erst heute im Schlaf eine grundlegende biologische Funktion sehen, die mit hoch entwickelten Gehirnaktivitäten zusammenhängt. Doch wie auch immer – Linnés Idee stieß jedenfalls auf keinerlei Widerspruch. Heute dagegen wird seine Theorie vielfach angezweifelt; und wären Linné die vielfältigen Funktionen des Schlafes bekannt gewesen, wer weiß, ob er seine Beobachtungen nicht selbst anders interpretiert und Pflanzen jede mit Tieren vergleichbare Aktivität abgesprochen hätte. In einem Fall hat er zumindest genau das getan: nämlich bei den fleischfressenden Pflanzen. Linné kannte einige fleischfressende Pflanzen sehr gut, beispielsweise die Venusfliegenfalle (Dionaea muscipula), und hat zweifellos beobachtet, wie sich die Pflanze über einem Insekt schließt und es verdaut. Eine insektenfressende Pflanze war für ihn jedoch so wenig mit der starren Rangordnung der Natur – und der niederen Stufe der Pflanzen – vereinbar, dass er wie andere seiner Zeitgenossen zahllose Erklärungen ersann, um nicht zugeben zu müssen, was offensichtlich war. Er stellte, ohne irgendeinen wissenschaftlichen Nachweis, die abenteuerlichsten Behauptungen auf: Die Insekten sterben gar nicht, sie halten sich freiwillig oder aus Bequemlichkeit im Inneren der Pflanze auf, sie besuchen die Pflanze aus purem Zufall und nicht, weil sie bewusst angelockt werden, oder die Pflanzenfalle klappt rein zufällig zu. Nie und nimmer sei die Pflanze jedenfalls in der Lage, ein Tier zu erbeuten. Ganz offensichtlich war das widersprüchliche Bild der Pflanzenwelt im Kopf des großen schwedischen Botanikers noch höchst lebendig.

Erst mit Charles Darwin und seiner Abhandlung Insectenfressende Pflanzen von 1875 sollten sich die Dinge wandeln. Darwin erkannte schließlich an, dass sich pflanzliche Organismen auch von Tieren ernähren. Mit der ihm eigenen Vorsicht ging er allerdings nicht so weit, solche Pflanzen, wie heute, als »fleischfressend« zu bezeichnen – obwohl er sogar Mega-Fleischfresser wie Nepenthes-Arten kannte, die Kleintiere wie Ratten und andere verspeisen. Von wegen »Insektenfresser«!

Doch wir sollten uns nicht über Darwin und seine Vorsicht mokieren – ebenso wenig wie über Galileo Galilei und andere Wissenschaftler vergangener Jahrhunderte. Gerade ihre »Diplomatie« sorgte nämlich dafür, dass sich manch revolutionäre Idee langsam, aber sicher ihren Weg ins allgemeine Bewusstsein – und das der extrem konservativen Wissenschaftszirkel – bahnen konnte.

Was Linné betrifft, stellt sich natürlich die Frage, warum er für seine dreiste Behauptung, dass Pflanzen schlafen, nicht angegriffen oder aus der Wissenschaftswelt ausgeschlossen wurde. Die Antwort liegt eigentlich auf der Hand. Seine Theorie galt lange Zeit als dermaßen unsinnig, dass man es nicht für nötig befand, sie anzufechten. Und wen interessierte schon, ob Pflanzen schlafen oder nicht, wenn dem Schlaf keine besondere Funktion zukam?

Heute kennen wir die lebenswichtigen zerebralen Funktionen, die mit diesem physiologischen Vorgang zusammenhängen. Doch noch vor zehn Jahren dachte selbst die Wissenschaft, nur höher entwickelte Tiere würden schlafen. Bis der italienische Neurowissenschaftler Giulio Tononi den Gegenbeweis erbrachte: Im Jahr 2000 wies er nach, dass sogar ein einfaches Insekt wie die Fruchtfliege (Drosophila melanogaster) in einen wohlverdienten Schlaf fällt.

Nur Pflanzen sollen also nicht schlafen? Die einzig plausible Erklärung dafür ist, dass schlafende Pflanzen nicht in das Bild passen, das wir uns vom Pflanzenreich machen.

Der Mensch ist das höchstentwickelte Lebewesen. Oder?

Unsere Vorstellung vom Pflanzenreich und der »Hierarchie der Lebewesen«, der wir nunmehr seit Jahrhunderten anhängen, geht bis auf Charles de Bouelles (1479–1567) und seine Schrift De sapiente (Vom Wissen) von 1509 zurück.


Die »Hierarchie der Lebewesen« im Liber de sapiente (1509) von Charles de Bouelles: Sie prägt noch heute unsere Vorstellung von der Natur.

Eine Abbildung aus dem Werk verrät mehr als tausend Worte: Sie zeigt, auf Treppenstufen angeordnet, die belebte und unbelebte Natur. Auf den Fels – der lapidar »est«, also einfach existiert – folgen die Pflanzenwelt – die »est et vivit«, also existiert und lebt – und die Tierwelt – die »sentit«, Empfindungsvermögen besitzt – und schließlich der Mensch, der »intelligit« und damit als Einziger vernunftbegabt ist. Die Vorstellung der Renaissance, Lebewesen seien unterschiedlich entwickelt und beseelt, wirkt bis heute fort und gehört zu unserem kulturellen Erbe, von dem wir uns nur schwer lösen können. Da nützt es wenig, dass uns Charles Darwin bereits 1859, vor über 150 Jahren, in seinem Grundlagenwerk Über die Entstehung der Arten das Leben auf der Erde erklärt hat. Mit Blick auf Darwins Werk stellte der große Biologe Theodosius Dobzhansky übrigens fest: »Nichts in der Biologie hat Sinn, außer im Lichte der Evolution.«

Die Theorien des großen Charles Darwin, der zugleich Biologe, Botaniker, Geologe und Zoologe war, gehören heute zum kollektiven Wissen der Menschheit. Trotzdem ist sogar in der Wissenschaft die Annahme weiterhin fest verankert, Pflanzen seien passive Wesen, die weder zu Empfindung noch zu Kommunikation, Verhalten oder Kalkül in der Lage seien. Dabei beruht sie allein auf einer völlig falschen Vorstellung von der Evolution.

Darwin selbst hat zweifelsfrei gezeigt, dass schon der Ausgangspunkt falsch gewählt ist. Denn es gibt keine mehr oder weniger entwickelten Organismen: Alle heutigen Lebewesen bilden laut Darwin die Spitze ihres Entwicklungszweigs, sonst wären sie nämlich ausgestorben. Wir sagen es noch einmal klar und deutlich: Wer nach Darwin an der Spitze der Entwicklungskette steht, hat im Laufe der Evolution seine außergewöhnliche Anpassungsfähigkeit unter Beweis gestellt.

Der begnadete Naturforscher wusste, dass Pflanzen äußerst feine, komplexe Geschöpfe sind, die über weit mehr Fähigkeiten verfügen, als man gemeinhin denkt. Einen Großteil seines Lebens und Werks – genauer gesagt sechs Bände und ungefähr siebzig Aufsätze – widmete er der botanischen Forschung. Häufig belegte er damit seine Evolutionstheorie, die ihm schließlich unsterblichen Ruhm einbringen sollte. Doch Darwins enorme Forschungsleistungen auf dem Gebiet der Botanik stehen stets im Hintergrund – was einmal mehr bezeugt, wie wenig Beachtung das Pflanzenreich bis heute in der Wissenschaft findet.

In seinem 1994 erschienenen Buch One Hundred and One Botanists (Hundert und ein Botaniker) schreibt Duane Isely:

Über Darwin wurde mehr geschrieben als über jeden anderen Biologen […]. Doch Botaniker nennen ihn die wenigsten […]. Dass er über seine Pflanzenstudien verschiedenste Bücher verfasste, wird zwar von allen Darwinisten erwähnt, doch eher beiläufig, etwa nach dem Motto: »Manchmal brauchte der große Denker wohl ein wenig Zerstreuung.«

Darwin hat mehrfach erklärt, er halte Pflanzen für die außergewöhnlichsten Lebewesen, die ihm je begegnet seien: »Mit großer Freude habe ich in der Hierarchie der Lebewesen stets die Pflanzen gerühmt.« In seinem 1880 erschienenen Grundlagenwerk The Power of Movement in Plants (Das Bewegungsvermögen der Pflanzen) äußert er sich näher dazu. Darwin ist ein Forscher alter Schule, der die Natur beobachtet und daraus Gesetzmäßigkeiten ableitet. Wenngleich ihm ausgefeilte Versuchsanordnungen fremd sind, beschreibt er in seinem Werk Hunderte von Versuchen, die er mit seinem Sohn Francis durchgeführt hat, und erläutert, wie vielfältig sich Pflanzen bewegen können. Ihr Bewegungsvermögen beschränkt sich dabei meist nicht nur auf den oberirdischen Teil der Pflanze, sondern betrifft auch die Wurzel, die Darwin als eine Art »Kommandozentrale« betrachtet.

Dem letzten Absatz seiner Werke widmet der britische Naturforscher stets besondere Aufmerksamkeit. Denn dort legt er seine Schlussfolgerungen einfach und allgemein verständlich dar. Ein wunderbares Beispiel dafür ist der berühmte Schluss der Entstehung der Arten:

Es ist wahrlich eine großartige Ansicht, daß der Schöpfer den Keim alles Lebens, das uns umgibt, nur wenigen oder nur einer einzigen Form eingehaucht hat, und daß, während unser Planet den strengsten Gesetzen der Schwerkraft folgend sich im Kreise schwingt, aus so einfachem Anfange sich eine endlose Reihe der schönsten und wundervollsten Formen entwickelt hat und noch immer entwickelt.

Im letzten Absatz seines Werks Das Bewegungsvermögen der Pflanzen unterstreicht Darwin seine Überzeugung, dass sich in den pflanzlichen Wurzeln so etwas wie das Gehirn niederer Tiere verbirgt (auf S. 127 f. werden wir darauf noch einmal zurückkommen). Und tatsächlich besitzen Pflanzen Tausende von Wurzelspitzen, von denen jede mit einem »Rechenzentrum« ausgestattet ist. Wir wählen hier bewusst den Begriff »Rechenzentrum«, um noch dem hartnäckigsten Kritiker klarzumachen, dass weder Darwin noch heutige Forscher je behauptet haben, Wurzeln besäßen ein – nussförmiges oder dem menschlichen ähnliches – Gehirn, das bloß jahrtausendelang übersehen worden sei. Vielmehr geht die Wissenschaft davon aus, dass ein pflanzliches Äquivalent in den Wurzelspitzen zahlreiche Funktionen des Tiergehirns ausführen kann. Kein Grund zur Panik also.

Darwins These hätte eine beträchtliche Wirkung entfalten können – wenn er sich nicht davor gehütet hätte, sie in seinen Büchern weiterzuentwickeln. Das Bewegungsvermögen der Pflanzen verfasste er in hohem Alter. Er wusste, dass Pflanzen intelligente Organismen sind, aber ebenso, dass er mit dieser These erneut in ein Wespennest stechen würde. Und da er schon genug Mühe hatte, seine Kritiker davon zu überzeugen, dass der Mensch vom Affen abstammt, überließ er die Weiterentwicklung seiner botanischen Theorie anderen, vor allem seinem Sohn.

Die Theorien und Forschungsarbeiten von Charles Darwin hatten großen Einfluss auf Francis Darwin (1848–1925), seinen Sohn, der die väterlichen Forschungen fortführte. Francis Darwin gehörte zu den weltweit ersten Lehrstuhlinhabern für Pflanzenphysiologie und war Verfasser der ersten englischsprachigen Abhandlung über die neue Disziplin. Ende des 19. Jahrhunderts galten Pflanzen und Physiologie noch als unvereinbare Konzepte. Doch Francis Darwin, der mit seinem Vater jahrelang Pflanzen und deren Verhalten erforscht hatte, hielt sie schließlich sogar für intelligent. Bei der Eröffnung des Jahreskongresses der British Association for the Advancement of Science am 2. September 1908 sagte der inzwischen weltberühmte Botaniker ohne jede diplomatische Zurückhaltung: »Pflanzen sind intelligente Lebewesen.« Seine Aussage löste, wenig überraschend, einen Sturm der Entrüstung aus. Francis Darwin blieb nichtsdestotrotz bei seiner These und veröffentlichte in der Zeitschrift Science noch im selben Jahr einen dreißigseitigen Artikel zu dem Thema.

Seine These stieß auf enorme Resonanz und entfachte in der Presse eine weltweite Debatte, bei der sich zwei wissenschaftliche Lager unversöhnlich gegenüberstanden: auf der einen Seite die Anhänger von Francis Darwin, die angesichts der erdrückenden Beweislage von der Intelligenz der Pflanzen überzeugt waren, auf der anderen Seite all jene, die seine These entrüstet ablehnten. Genau wie im alten Griechenland!

Bereits einige Jahre zuvor hatte Charles Darwin einen regen Briefwechsel mit einem italienischen Botaniker geführt, dessen Namen heute zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist. Federico Delpino (1833–1905) zählte zu den bedeutendsten Naturforschern seiner Zeit: Er ist der eigentliche Erfinder der Pflanzenbiologie. Der außergewöhnliche wissenschaftliche Denker und Leiter des Botanischen Gartens von Neapel war, unter anderem durch seinen Briefwechsel mit Darwin, davon überzeugt, dass Pflanzen intelligent sind, und beschäftigte sich in vielen Versuchen mit der Symbiose von Pflanzen und Ameisen, der sogenannten Myrmekophylaxis (von griechisch múrmex, Ameise, und phílos, Freund).

Darwin wusste nur allzu gut, dass zahlreiche Pflanzen nicht nur in der Blüte Nektar erzeugen – obwohl Nektar natürlich überwiegend in der Blüte erzeugt wird, um Insekten als Pollenträger anzulocken. Er beobachtete auch, dass der süße Nektar Ameisen anzieht, erforschte das Phänomen aber nie näher, weil er annahm, dass die Pflanze mit den sogenannten »extrafloralen Nektarien« lediglich Reststoffe absondere. Delpino war in diesem Punkt völlig anderer Meinung als sein berühmter Lehrmeister. Denn Nektar, so wusste er, ist ein energiereicher Stoff, dessen Produktion für die Pflanzen sehr aufwendig ist. Warum, so fragte er sich, sollten sie ihn dann wieder absondern? Es musste noch eine andere Erklärung geben. Aufgrund seiner Beobachtungen kam Delpino zu dem Schluss, dass »Ameisenpflanzen« eine ausgefeilte Verteidigungsstrategie verfolgen und extraflorale Nektarien ausscheiden, um damit Ameisen anzulocken: Denn wie brave Soldaten schützen die wohlgenährten Ameisen die Pflanze vor ihren Feinden, den Pflanzenschädlingen. Jeder, der sich schon einmal auf einer Wiese niedergelassen und die Bisse der aggressiven Hautflügler zu spüren bekommen hat, weiß, wovon Delpino redet. Ameisen rotten sich bei Gefahr auf der Stelle zusammen, greifen den potenziellen Räuber an und zwingen ihn zum Rückzug! Wer wollte da noch abstreiten, dass beide Arten davon prächtig profitieren?


Der Artikel der »New York Times« über Francis Darwin, der auf dem Jahreskongress der British Association for the Advancement of Science 1908 erklärte: Pflanzen besitzen eine grundlegende Intelligenz.

Auf dem Foto von links nach rechts: D.G. Hogarth, W. Dunstan, A.G. Harcourt, S. Hartland, T. Anderson, R.T. Glazebrook, C. Hawkesley, G. Darwin, A.S. Woodward, S. Dewar, C. Foster, F. Darwin, W.A. Herdman, A.C. Haddon, A. Geikie, S. Vincent, E. Brabook, O. Lodge

Bei den Ameisen, die auf diese Weise ihre Futterquelle verteidigen, gehen die Insektenforscher von intelligentem Verhalten aus, doch die Botaniker sehen die Sache bis heute völlig anders. Nur wenige gestehen den Pflanzen ein intelligentes – oder absichtsvolles – Verhalten zu und betrachten die extraflorale Nektarabsonderung als eine bewusste Strategie, mit der sich Pflanzen ihre ungewöhnlichen Bodyguards geneigt machen.

Pflanzen: die ewigen Zweiten

Kein Wunder also, dass zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse, die wir Pflanzenversuchen verdanken, häufig erst nach Jahren – und nach analogen Tierversuchen – von der Wissenschaftswelt anerkannt werden. Selbst bedeutsame Entdeckungen über Grundvorgänge des Lebens sind nicht davor gefeit, mehr oder minder ignoriert oder völlig unterschätzt zu werden, solange sie die Pflanzenwelt betreffen. Erst wenn Tiere ins Spiel kommen, erlangen sie dann mit einem Schlag Berühmtheit.

Das gilt etwa für die Erbsenversuche von Gregor Johann Mendel (1822–1884): Sie läuteten die Geburtsstunde der Genetik ein, doch ihre Ergebnisse blieben vierzig Jahre lang völlig unbeachtet – bis die Genetik mit den ersten Tierversuchen einen Boom erlebte. Dasselbe Schicksal ereilte Barbara McClintock (1902–1992). Allerdings mit glücklicherem Ausgang: Sie erhielt für ihre Entdeckung der genomischen Instabilität 1983 schließlich den Nobelpreis.

Bis zu ihrer bahnbrechenden Entdeckung hielt man das Genom (Erbgut) für statisch und dachte, es könne sich im Laufe eines Lebens nicht verändern. Die »Konstanz des Genoms« war als wissenschaftliche Lehrmeinung quasi unantastbar. In den 1940er-Jahren entdeckte Barbara McClintock, dass dieses Prinzip jedoch nicht unter allen Bedingungen galt, und bewies dies mit mehreren Forschungsarbeiten über Mais.

Sie hat eine grundlegende Entdeckung gemacht. Doch den Nobelpreis erhielt sie erst vierzig Jahre später. Warum? Ganz einfach. Sie hat Pflanzen untersucht, und weil ihre Beobachtungen der herrschenden Lehrmeinung widersprachen, galt sie in der Wissenschaft lange als Außenseiterin. Bis analoge Forschungen an Tieren in den Achtzigern schließlich gezeigt haben, dass genomische Instabilitäten auch bei anderen Arten vorkommen. Barbara McClintock verdankt die verdiente Anerkennung durch den Nobelpreis nicht allein ihrer Forschungsleistung, sondern erst der »Wiederentdeckung« ihrer Ergebnisse anhand von Tierversuchen.

Selbstverständlich ist die genomische Instabilität kein Einzelfall. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen: von der Entdeckung der Zellen – die erstmals bei Pflanzen gelang – bis zur RNA-Interferenz, für die Andrew Fire und Craig C. Mello 2006 den Nobelpreis erhielten. Sie haben im Wesentlichen an einem Wurm (Caenorhabditis elegans) die RNA-Interferenz wiederentdeckt, die Richard Jorgensen bereits zwanzig Jahre zuvor für die Petunie nachgewiesen hatte. Fazit: Studien über Petunien nimmt kein Mensch zur Kenntnis, aber analoge Forschungen an einem gemeinen Wurm (immerhin ein Tier) sind den Nobelpreis für Physiologie und Medizin wert.

Wir könnten hier noch etliche Beispiele anführen, das Ergebnis bleibt dasselbe: Die Pflanzenwelt steht hintan, auch in der Wissenschaft. Gleichwohl werden Pflanzen in der Forschung häufig verwendet, da sie den Tieren in ihrer Physiologie ähneln, und natürlich, weil Pflanzenversuche weniger ethische Fragen aufwerfen. Doch was macht uns überhaupt so sicher, dass die ethischen Probleme bei Pflanzen geringer sind? Vielleicht gelingt es uns ja, mit diesem Buch zumindest gewisse Zweifel an dieser Vorstellung zu wecken.

Zweifellos wird der Mensch die Pflanzenwelt eines Tages genauso achten wie die Tierwelt, und Wissenschaftler werden endlich, was auch wesentlich sinnvoller ist, an Pflanzen forschen, weil sie sich von Tieren unterscheiden, und nicht, weil sie diesen ähneln. Der Forschung eröffnen sich damit völlig neue Horizonte. Allerdings muss man sich wohl fragen: Welcher brillante Forscher wird sich den Pflanzen widmen, wenn ihm die wissenschaftliche Anerkennung dann grösstenteils versagt bleibt?

Unsere Geringschätzung der Pflanzenwelt ist, wie wir gesehen haben, in unserer Kultur tief verwurzelt. Ob im Alltag oder in der Wissenschaft: Die allgemeine Wertehierarchie verbannt die Pflanzen auf die unterste Stufe der Lebewesen. Ein ganzes Reich, das Pflanzenreich, wird völlig unterschätzt, obwohl unser Überleben und unsere Zukunft auf der Erde genau davon abhängen.

ZWEITES KAPITEL
Die Pflanze, das unbekannte Wesen


SEIT ANBEGINN DER MENSCHHEIT, also seit ungefähr zweihunderttausend Jahren, leben wir mit den Pflanzen zusammen. Zweihunderttausend Jahre. Man sollte meinen, dies sei ausreichend Zeit, um jemanden wirklich kennenzulernen. Doch weit gefehlt. Wir wissen nicht nur aberwitzig wenig über die Pflanzenwelt, sondern betrachten sie vermutlich noch immer genauso wie der erste Homo sapiens.

Das lässt sich selbstverständlich kaum beweisen, aber durch ein einfaches Beispiel leicht untermauern. Versuchen wir einmal, ein Tier – eine Katze – näher zu beschreiben. Was könnten wir über eine Katze sagen? Sie ist klug, geschickt, anschmiegsam, umgänglich, opportunistisch, flink und geschmeidig. Und versuchen wir nun, eine Pflanze näher zu beschreiben. Was könnten wir beispielsweise über eine Eiche sagen? Sie ist groß, dicht belaubt, knorrig, sie duftet. Und was noch? Bestenfalls fällt uns etwas zu ihrer Schönheit oder Nützlichkeit ein, niemals würden wir ihr aber irgendwelche auch nur im Entferntesten »sozialen« Eigenschaften zuschreiben. Die Katze haben wir dagegen als umgänglich bezeichnet – übrigens würde auch »einzelgängerisch« ihr Verhältnis zur Umwelt bestens beschreiben. Wir gestehen Pflanzen keine Intelligenz zu, aber Katzen schon, und ebenso wenig würden wir eine Eiche je als umgänglich bezeichnen.

Aber irgendetwas stimmt hier doch nicht. Denn wären die Pflanzen wirklich dermaßen dumme, unsoziale Wesen, die mit ihrer Umwelt keinerlei Beziehung aufnehmen können, dann hätten sie auf diesem Planeten doch gar nicht überleben und sich weiterentwickeln können. Wäre es um die Pflanzen wirklich so schlecht bestellt, hätte die natürliche Auslese ihnen längst den Garaus gemacht.

Davon abgesehen, zeigen wissenschaftliche Forschungen schon seit Jahrzehnten, dass Pflanzen Empfindungsvermögen besitzen, komplexe soziale Beziehungen knüpfen und untereinander und mit der Tierwelt kommunizieren können. In den nächsten Kapiteln beschäftigen wir uns damit ausführlicher. Doch wie kann es sein, dass der Mensch bis heute Pflanzen nur als Rohstoff, als Nahrungsquelle oder schmückendes Beiwerk betrachtet? Was hindert uns bloß daran, unsere erste, oberflächliche Einschätzung der Pflanzenwelt zu korrigieren?

Euglena gegen Paramecium: ein Kampf mit gleichen Waffen

Abgesehen von den kulturellen Faktoren, die wir im ersten Kapitel beleuchtet haben, wird unser Bild vom Pflanzenreich durch zwei weitere Faktoren beeinflusst: den Faktor Evolution und den Faktor Zeit.

Schauen wir uns zunächst die Evolution an. Was verstehen wir überhaupt unter Evolution? »Evolution« bezeichnet einen langsamen, fortlaufenden Prozess der Umweltanpassung, in dem lebende Organismen die Eigenschaften auswählen, die ihr Überleben am ehesten garantieren. Um sich an ihren Lebensraum anzupassen, erwerben oder verlieren Arten – allerdings im Verlauf sehr langer Zeiträume – bestimmte Eigenschaften und Fähigkeiten. Dabei kann es auch zu makroskopischen Veränderungen zwischen ursprünglichen und später entwickelten Organismen kommen. Die Evolution hat für die Differenzierung zwischen Tier- und Pflanzenreich eine ganz entscheidende Rolle gespielt – und ist heute Teil des Problems, wenn es um unser Verständnis von Pflanzen geht. Eine Zeitreise soll das näher erläutern.


Paramecium und Euglena im Vergleich: Die beiden Organismen ähneln sich sehr, doch Euglena besitzt einen zusätzlichen Augenfleck (Fotorezeptor), mit dem sie Licht wahrnehmen kann.

Bekanntlich gehörten Algen, also pflanzliche Lebewesen, zu den ersten einzelligen Organismen auf der Erde. Durch Fotosynthese erzeugten sie den Sauerstoff, der die weitere Entwicklung des Lebens erst ermöglichte. Zwischen pflanzlichen und tierischen Zellen gab es allerdings, genauso wie heute, geringere Unterschiede, als man gemeinhin glaubt.

Natürlich sind pflanzliche Zellen komplexer als tierische. Sie besitzen nicht nur ein Organell mehr, die Chloroplasten, in denen die Fotosynthese stattfindet, sondern auch eine wesentlich robustere Außenwand. Doch abgesehen davon sind sich beide Zelltypen äußerst ähnlich. Will man also unbedingt einen Vergleich zwischen beiden ziehen, dann schneiden die raffinierten pflanzlichen Zellen besser ab. Wie kann es dann sein, dass ein »tierischer« Einzeller als komplexer und höher entwickelt, kurzum als besser gilt als ein pflanzlicher?

Stellen wir doch einmal einen tierischen und pflanzlichen Einzeller gegenüber: Auf der einen Seite sehen wir Paramecium, zu Deutsch Pantoffeltierchen, auf der anderen Euglena. Wenn wir Paramecium als Tier bezeichnen, nehmen wir uns allerdings eine gewisse Freiheit heraus, weil es heute wie andere Protozoen dem Reich der Protisten zugeordnet wird. Doch bis vor wenigen Jahren galt es zweifelsfrei als Tier, und auch der Begriff Protozoon definiert es, wie der Name sagt, als Proto-Tier (Protozoon kommt von griechisch prótos, Erstes, und zôon, Tier).

Das Pantoffeltierchen ist ein winziger, rundum bewimperter Einzeller. Seine Wimpern fungieren als Ruder, mit deren Hilfe es sich im Wasser fortbewegen kann. Betrachtet man es unter dem Mikroskop, faszinieren seine eleganten Bewegungsabläufe, die auf ein raffiniertes Verhalten schließen lassen. Paramecium ist ein Einzeller mit verblüffenden Fähigkeiten, zweifellos ein Held unter den Lebewesen – der an die Worte denken lässt, die Herbert Spencer Jennings (1868–1947) 1906 in Behavior of Lower Organisms (Das Verhalten der niederen Organismen) bezüglich eines anderen tierischen Einzellers formulierte: »Wenn die Amöbe so groß wäre wie ein Walfisch […], so glaube ich, wäre es keine Frage […], dass wir ihr in ähnlicher Weise (wie dem Hunde) gewisse Bewusstseinszustände zuschrieben.«

Auf der anderen Seite der Arena sehen wir ein weiteres Wunder der Schöpfung: die winzige, einzellige Grünalge Euglena. Sie wird heute ebenfalls den Protisten zugeordnet, ist aber zweifellos pflanzlicher Natur – auch wenn sie auf Deutsch unzutreffend Augentierchen heißt.

Der Vergleich dieser sehr einfachen Lebewesen und ihrer außergewöhnlichen Fähigkeiten ermöglicht uns, zur Ursache der Vorurteile vorzudringen, die unseren Blick auf die Pflanzenwelt normalerweise verstellen. Was haben diese beiden Einzeller gemeinsam, und was trennt sie? Stimmt es, dass tierische Lebewesen Intelligenz besitzen, und sei sie noch so rudimentär, Pflanzen aber nicht?

Betrachten wir zunächst das Pantoffeltierchen. Der winzige Einzeller verfügt über erstaunliche Fähigkeiten: Beispielsweise kann er Nahrung erkennen und sich zu ihr hinbegeben.

Euglena benötigt zum Leben selbstverständlich ebenfalls Energie und deckt ihren Energiebedarf, wie andere Pflanzen auch, mittels Fotosynthese. Wenn das Licht einmal knapp wird, verfällt sie allerdings nicht dem Trübsinn, sondern verhält sich wie ein typischer Jäger: Sie kann Nahrung erkennen und sich zu ihr hinbegeben. Ja, sie ist eine Pflanze, und sie kann sich fortbewegen! Die mikroskopisch kleine Alge kann mithilfe ihrer winzigen Geißeln tatsächlich schwimmen.

Sowohl Paramecium als auch Euglena können sich natürlich auch fortpflanzen. Sieht man beide im Wasser umherschwimmen, lässt sich kaum ein Unterschied ausmachen. Doch keine voreiligen Schlüsse: Durch das Pantoffeltierchen wandern elektrische Signale, die Informationen von einer Körperseite zur anderen weiterleiten. Deshalb hat man es auch swimming neuron, schwimmende Nervenzelle genannt, und die Definition trifft zweifelsfrei zu. Doch Euglena durchqueren vergleichbare elektrische Impulse. Also wieder umsonst: Es herrscht Gleichstand.

Haben Paramecium und Euglena also dieselben Fähigkeiten? Geht der Wettkampf zwischen Tier und Pflanze unentschieden aus? Mitnichten. Allerdings endet die Sache anders als erwartet. Denn nicht das Pantoffeltierchen, sondern Euglena hat noch ein Ass im Ärmel: die Fotosynthese. Dank Fotosynthese kommt sie schließlich kampflos zum Sieg. Euglena hat sogar ein rudimentäres Auge, das Lichtfrequenzen wahrnimmt, und kann sich folglich immer dort aufhalten, wo das Licht für die Fotosynthese am besten ist.

Doch wenn Euglena dieselben Fähigkeiten wie das Pantoffeltierchen besitzt, noch dazu sehen und Sonnenlicht in Energie verwandeln kann, wieso hat dann noch niemand Euglena eine »schwimmende Nervenzelle« genannt oder ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten auf andere Weise gelobt? Schwer zu sagen. Rational lässt sich jedenfalls nicht erklären, warum die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die die Überlegenheit pflanzlicher gegenüber tierischer Zellen belegen, kaum beachtet werden.

Vor fünfhundert Millionen Jahren

Doch wenden wir uns nun erneut dem anfangs erwähnten evolutionsbedingten Hindernis zu und blicken ungefähr fünfhundert Millionen Jahre zurück. Damals nahm die Differenzierung zwischen Pflanzen- und Tierreich ihren Anfang, und die ersten Organismen schlugen, vereinfacht gesagt, einen von zwei Lebenswegen ein: Die Pflanzen optierten für ein sesshaftes Leben, während die Tiere ein Nomadenleben wählten. Übrigens drängt sich hier die reizvolle Parallele auf, dass auch die Menschheit erst große Kulturen hervorbrachte, als sie sesshaft wurde.

Doch zurück zu den Pflanzen. Sie waren nun gezwungen, alles Lebensnotwendige aus Boden, Luft und Sonne zu beziehen. Die Tiere ernährten sich dagegen von anderen Tieren oder von Pflanzen und entwickelten daher vielfältige Fortbewegungsarten (Laufen, Fliegen, Schwimmen etc.). Die Ersteren nennt man »autotroph« (von griechisch autós, von selbst, und trophé, Nahrung), also selbstgenügsam, weil sie zum Überleben keine anderen Lebewesen brauchen, Letztere hingegen »heterotroph« (von griechisch éteros, andere, und trophé, Nahrung).

Im Laufe von Generationen hat diese anfängliche Entscheidung zu weiteren grundlegenden Unterschieden zwischen Tier- und Pflanzenreich geführt. Heute kann man beide geradezu als Yin und Yang, als das Schwarz und Weiß des Ökosystems bezeichnen: Pflanzen sind sesshaft, Tiere mobil, Pflanzen passiv und Tiere aggressiv, Tiere sind schnell und Pflanzen langsam. Es ließen sich noch Dutzende solcher Gegensatzpaare finden, doch das Ergebnis bleibt dasselbe: In den letzten fünfhundert Millionen Jahren haben sich Pflanzen- und Tierreich beträchtlich auseinanderentwickelt.

Aus der allerersten Entscheidung – Sesshaftigkeit oder Nomadenleben – hat sich im Laufe der Zeit eine erstaunliche Differenzierung in Körperbau und Lebensweise ergeben. Denn die Tiere optierten dafür, sich durch Bewegung (oder Flucht) zu verteidigen, zu ernähren und zu vermehren.

Die Pflanzen wollten dasselbe durch eine sesshafte Lebensweise erreichen. Sie mussten also nach eigenen, originellen Lösungen suchen – zumindest aus unserer Sicht, die ja, was wir nicht vergessen dürfen, die der Tiere ist.

Jede Pflanze ist eine Kolonie

Nehmen wir ein Beispiel: Weil die sesshafte Pflanze leicht zur Beute von Tieren wird, hat sie eine Form des »passiven Widerstands« entwickelt. Ihr Körper ist modular aufgebaut, das heißt, jeder Körperteil ist wichtig, aber letztendlich keiner unverzichtbar. Im Vergleich zur Tierwelt bietet der pflanzliche Körperbau einen wesentlichen Vorteil – vor allem, wenn man bedenkt, wie viele hungrige Pflanzenfresser es auf der Erde gibt und dass Pflanzen ihnen nicht entfliehen können. Durch ihren modular aufgebauten Organismus macht es Pflanzen jedoch nichts aus, angefressen zu werden! Welches Tier könnte das von sich behaupten?

Wie wir noch sehen werden, beruht die Physiologie der Pflanzen auf anderen Prinzipien wie die der Tiere. Während sich in der Tierwelt im Laufe der Evolution beinah alle lebenswichtigen Funktionen in nur wenigen Organen wie Gehirn, Lunge oder Magen konzentriert haben, hüteten sich die wehrlosen Pflanzen davor, ihre Fähigkeiten in nur wenigen neuralgischen Bereichen zusammenzufassen. Sie verhielten sich damit ähnlich wie ein Mensch, der sein Geld aus Angst vor Einbrechern nicht an einem Ort aufbewahrt, sondern an mehreren Stellen versteckt, oder der bei Geldanlagen das Risiko streut, um eventuelle Verluste so gering wie möglich zu halten. Beim Menschen nennen wir das eine kluge Entscheidung.

Pflanzliche Funktionen sind nicht an bestimmte Organe gebunden: Pflanzen atmen ohne Lungen, ernähren sich ohne Mund und Magen, stehen aufrecht ohne Skelett und treffen, wie wir sehen werden, Entscheidungen, obwohl sie kein Gehirn besitzen.

Dank ihrer physiologischen Eigenschaften gerät eine Pflanze selbst dann nicht in Lebensgefahr, wenn man sie beträchtlicher Teile beraubt. Manche Pflanzen können auf 90 bis 95 Prozent ihrer Bestandteile verzichten und sich aus winzigen Überbleibseln völlig neu entwickeln. Eine kahl gefressene Wiese kann sich in nur wenigen Tagen vollständig regenerieren. Um dieses Phänomen zu beobachten, braucht es nicht einmal einen Pflanzenfresser: Wer im Garten schon einmal den Efeu gestutzt hat oder regelmäßig seinen Rasen mäht, weiß, wovon wir sprechen. Die sesshaften Pflanzen entschieden sich evolutionsstrategisch also für einen teilbaren Körper, um gegen Feinde besser gewappnet zu sein. Weil die Verteidigungsstrategie der Tiere hingegen auf Bewegung beruht, entwickelten sie keine Regenerationsfähigkeit – oder nur äußerst selten. Ein abgetrennter Eidechsenschwanz wächst bekanntlich nach, doch für Fuß, Arm oder Kopf gilt das nicht. Entfernt man dagegen Pflanzenteile, überlebt die Pflanze nicht nur, sondern nutzt dies bisweilen sogar zu ihrem Vorteil. Denken wir nur an die kräftigende Wirkung eines Baumschnitts. Die Pflanze verdankt diese Fähigkeit ihrem besonderen Körperbau: Pflanzen bestehen aus repetitiven Modulen, das heißt, Zweige, Stamm, Blätter und Wurzeln setzen sich aus jeweils einfacheren eigenständigen Modulen zusammen, die wie Legosteine ineinandergreifen.

Unserer Geranie auf dem Balkon sieht man das nicht gerade an, sie scheint eher ein einzelnes Lebewesen. Doch trennt man ein Stück von ihr ab und pflanzt es ein – vermehrt sie also, wie der Gärtner sagt, über Stecklinge –, dann schlägt der Steckling Wurzeln und entwickelt sich zu einer neuen Pflanze. Aus unserem Arm oder einem Elefantenfuß können sich dagegen keine neuen Organismen entwickeln, und getrennt vom Körper sind sie gar nicht lebensfähig.

Nicht zufällig sprechen wir von uns als »Individuen«. Der aus dem Lateinischen stammende Begriff setzt sich aus in (nicht) und dividuus (teilbar) zusammen: Unser Körper ist in der Tat nicht teilbar. Würde man uns halbieren, könnten unsere beiden Hälften nicht eigenständig weiterleben, sondern müssten sterben. Wenn wir dagegen eine Pflanze in der Mitte durchschneiden, sind beide Teile lebensfähig. Aus einem einfachen Grund: weil eine Pflanze kein Individuum ist. Darum ist es auch wenig passend, einen Baum, Kaktus oder Busch mit einem Menschen oder Tier zu vergleichen. Eine Pflanze stellt man sich besser als Kolonie vor, weil ein Baum wesentlich mehr Ähnlichkeit mit einem Bienen- oder Ameisenvolk hat als mit einem einzelnen Tier.

Die evolutionsgeschichtlich uralten Pflanzen zeigen sich damit ultramodern. Heutige Internet-Technologien wie soziale Netze beruhen nämlich vielfach auf Gruppenbeziehungen und auf dem Konzept der »emergenten Eigenschaften«, wie sie für Superorganismen oder Schwarmintelligenz typisch sind. Solche emergenten Eigenschaften besitzen einzelne Elemente nicht von sich aus, sondern immer nur im Zusammenspiel mit anderen. So entfalten beispielsweise Bienen oder Ameisen als Kolonie eine höhere kollektive Intelligenz als jedes einzelne Tier, aus denen die Kolonie besteht. Im Kapitel über die pflanzliche Intelligenz wird davon noch die Rede sein (siehe S. 119 ff.).

Ein Zeitproblem

Kehren wir noch einmal zu den Ursachen zurück, die uns daran hindern, Pflanzen als das zu sehen, was sie sind, nämlich soziale, komplexe und entwickelte Organismen wie wir. Es gibt noch ein zweites, ein zeitliches Problem, das es uns so schwermacht, Pflanzen in ihrer Komplexität zu erfassen.

Bekanntlich kann die Lebenserwartung von Art zu Art sehr unterschiedlich sein. Ein Mensch lebt ungefähr achtzig Jahre, eine Biene nicht einmal zwei Monate, eine Riesenschildkröte kann deutlich über hundert Jahre alt werden. Zudem unterscheiden sich die Arten in ihrem Lebensrhythmus: Manche Tiere fallen in einen Winterschlaf, manche bewegen und vermehren sich weit schneller als wir, andere weit langsamer. Eigentlich sollte also unschwer zu erkennen sein, dass die zeitlichen Maßstäbe des Lebens recht unterschiedlich ausfallen. Doch die Realität sieht anders aus. Denn wenn Ereignisse so langsam ablaufen, dass unser Auge sie nicht wahrnehmen kann, verlieren sie für uns jede Bedeutung. Man könnte über das Verhältnis von Menschen und Pflanzen auch sagen – und dies ist absolut wertfrei zu verstehen: Menschen sind »schnell« und Pflanzen »langsam«. Sehr langsam sogar!

Die Geschwindigkeitsdifferenz zwischen uns und ihnen ist sogar so gewaltig, dass sie zu echten Wahrnehmungsstörungen führt. Man könnte von einem Trompe-l’œil oder einer optischen Täuschung auf zeitlicher Ebene sprechen. Wir wissen beispielsweise nur zu gut, dass Pflanzen sich bewegen: Sie wachsen zum Licht, weichen Gefahren aus oder neigen sich in Richtung Kletterhilfe. Seit einigen Jahrzehnten können wir ihr Bewegungsvermögen, das schon Darwin beobachtet hat, sogar fotografisch festhalten und, so sollte man meinen, nun auch richtig einschätzen. Schließlich finden wir im Internet mit nur wenigen Klicks zahllose Videos von sich öffnenden Blüten und keimenden Pflanzen. Und doch bleiben Pflanzen in unserer Wahrnehmung bewegungsunfähige Wesen.

Wir blicken gebannt auf die Videos, wir erfahren durch sie eine Menge über die Bewegung von Pflanzen, und dennoch: Die Bilder können unsere felsenfeste, großteils instinktive Überzeugung nicht im Geringsten erschüttern, Pflanzen ständen den Mineralien näher als den Tieren. Unsere Sinne sind unfähig, pflanzliche Bewegungen wahrzunehmen, folglich verhalten wir uns so, als wären Pflanzen unbelebt. Wir wissen, dass Pflanzen wachsen und sich folglich bewegen, doch weil wir ihre Bewegungen nicht sehen und daher kein wirkliches Bewusstsein dafür entwickeln können, halten wir Pflanzen trotz allem für bewegungsunfähig.

Doch wo liegen die tieferen Gründe für unseren hartnäckigen Widerstand – der jeglicher Vernunft widerspricht? Wir leben schließlich in einer hoch technisierten Gesellschaft, in der wir unglaublich viele Dinge nicht mehr unmittelbar erfahren können. Dennoch würde es uns nicht im Traum einfallen, an ihrer Leistungsfähigkeit zu zweifeln. Obwohl die allerwenigsten wissen, wie Fernseher, Telefon oder Computer funktionieren, leugnet niemand ihre technischen Eigenschaften, weil er ihre Funktionsweise nicht sinnlich begreifen kann. Bei unseren Erkenntnissen über Universum und Materie sind wir sogar auf unvorstellbar komplizierte Vorrichtungen angewiesen, und trotzdem würde niemand die komplexe Struktur der Atome je infrage stellen – dabei liegt deren Wahrnehmung fernab aller unserer Möglichkeiten. Schule und Bildung spielen hier natürlich eine nicht unerhebliche Rolle. Doch warum gilt das dann nicht für Pflanzen? Die These mag gewagt klingen, doch es spricht einiges für sie: Vermutlich verhindert eine »psychische Blockade«, dass unser Instinktverhalten allen kulturellen Vermittlungsversuchen widersteht. Das wollen wir näher erläutern.

Wir sind, naturgegeben, von den Pflanzen absolut abhängig – ähnlich wie Kinder von ihren Eltern. Ein Kind durchlebt eine Entwicklungsphase, in der es seine Abhängigkeit von den Eltern komplett leugnet: die Pubertät. In dieser Phase will es sich befreien und psychisch eigenständig werden – bevor es schließlich viele Jahre später wirklich selbstständig wird. Dieser Mechanismus könnte in ähnlicher Form auch für unser Verhältnis zu den Pflanzen gelten. Niemand ist gern abhängig. Abhängigkeit geht immer mit einem Gefühl der Schwäche einher, mit Verletzlichkeit, an die niemand gerne erinnert werden will.

Wir wollen nicht anerkennen, von wem wir abhängig sind, weil wir uns sonst nicht frei fühlen würden. Unsere Abhängigkeit von den Pflanzen ist so allumfassend, dass wir sie am liebsten vollständig verdrängen möchten. Wahrscheinlich wollen wir nicht daran erinnert werden, weil schon allein der Gedanke Ohnmachtsgefühle in uns auslöst. Von wegen Herrscher der Welt! Klar, unsere These ist ein wenig kühn. Doch sie eignet sich auf jeden Fall sehr gut dazu, das Kräfteverhältnis zwischen uns und dem Pflanzenreich zu verdeutlichen.

Leben ohne sie: ein Ding der Unmöglichkeit

Wenn die Pflanzen morgen von der Erde verschwinden würden, wäre in wenigen Wochen, allerhöchstens Monaten alles menschliche Leben erloschen, und in kürzester Zeit gäbe es keine höher entwickelten tierischen Lebensformen mehr auf unserem Planeten. Würde der Mensch dagegen von der Erde verschwinden, hätten die Pflanzen in nur wenigen Jahren alles zurückerobert, was wir ihnen entrissen haben, und sämtliche Spuren menschlicher Zivilisation wären in kaum hundert Jahren überwuchert. Das sollte eigentlich genügen, um das biologische Kräfteverhältnis zwischen Pflanze und Mensch zurechtzurücken.

Man kann es auch so ausdrücken: In der Biologie leben wir noch immer im aristotelisch-ptolemäischen Zeitalter. Vor der kopernikanischen Wende dachten die Menschen, die Erde sei der Mittelpunkt des Universums und alle Himmelskörper kreisten um sie. Nachdem Galileo Galilei dieses anthropozentrische Weltbild mit Mühe entthront hatte, dauerte es noch Jahrhunderte, bis es endgültig aus den Köpfen verschwand. Die Biologie, so kann man sagen, ist dem vorkopernikanischen Denken weiter verhaftet. Sie glaubt, der Menschen sei das wichtigste Lebewesen, um das sich alles dreht. Weil der Mensch sich über alle erhoben hat, hält sie ihn für den absoluten Herrscher über die Natur. Zugegeben, ein gleichermaßen faszinierender wie tröstlicher Gedanke. Doch leider stimmt er nicht. Unsere Lage ist nämlich bei Weitem nicht so glorreich. Das Pflanzenreich stellt sage und schreibe 99,5 Prozent der gesamten Biomasse auf der Erde; das heißt, wenn man das Gewicht aller Lebewesen auf der Erde mit 100 ansetzt, entfallen, je nach Annahme, zwischen 99,5 und 99,9 Prozent auf die Pflanzen. Anders gesagt, der Anteil tierischer Lebensformen – einschließlich des Menschen – beträgt verschwindende 0,1 bis 0,5 Prozent.

Der Mensch hat wahrlich sein Bestes gegeben, um möglichst viele Wälder zu roden, doch die Pflanzen bleiben die unumstrittenen Könige unter den Lebewesen. Zum Glück, denn nur darum ist Leben auf der Erde überhaupt noch möglich.

Wie jeder weiß, stehen die Pflanzen am Anfang der Nahrungskette. Alles, was wir essen, auch Fleisch oder Fisch, ist entweder pflanzlicher Natur oder ernährt sich von Pflanzen.

Nun sollte man meinen, der Mensch mache bei seiner Ernährung wenigstens reichlich Gebrauch von der pflanzlichen Vielfalt, doch auch das ist nicht der Fall. Den größten Teil unserer Kalorien beziehen wir aus nur sechs Pflanzen. Die Ernährungsgrundlage beinah der gesamten Menschheit bilden Zuckerrohr, Mais, Reis, Weizen, Kartoffeln, Soja und wenige andere Pflanzen. Sie sind unsere Nutzpflanzen und damit ganz besondere Lebewesen. Mit der Kultivierung von Pflanzen ist es ein wenig wie mit der Aufzucht von Tieren. Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, warum sich unsere fleischliche Nahrung fast ausschließlich auf Rind, Huhn und Schwein beschränkt und warum keine einzige Kultur mit Vorliebe Löwe, Gnu, Wolf, Bär oder Schlangen verzehrt? Deren Fleisch ist genauso genießbar wie das von Kühen oder Hühnern. Warum also? Ganz einfach: Unsere Nutztiere lassen sich leichter aufziehen. Bär mag gut schmecken, doch seine Aufzucht gestaltet sich schwierig. Ebenso eignen sich nicht alle Pflanzen für die intensive Landwirtschaft. Auch wenn es viele essbare Pflanzen gibt, lassen sich die meisten nicht industriell anbauen, weil sie sich nicht entsprechend entwickelt haben. Es sind Wildpflanzen, ebenso wie Tiger und Bär Wildtiere sind. Der Hund dagegen hat sich sogar als neue Art aus dem Wolf entwickelt, weil er gemerkt hat, dass es sich als Begleiter des Menschen bequemer und einfacher leben ließ als in der freien Wildbahn. Im Lauf der Evolution hat sich so eine ideale Partnerschaft herausgebildet, von der beide profitieren: Während der Mensch den Hund füttert und versorgt, schützt dieser ihn und leistet ihm Gesellschaft. Einige Pflanzen haben auf ähnliche Evolutionsstrategien gesetzt: Sie nähren den Menschen, und er schützt sie dafür vor Schädlingen, hegt und pflegt sie und verbreitet vor allem ihre Samen bis in die letzten Winkel der Erde.

Doch nicht nur, was die Nahrungskette betrifft, sind wir von Pflanzen abhängig. Gleiches gilt auch für den Sauerstoff. Bekanntlich erzeugen Pflanzen den Sauerstoff, den wir zum Atmen brauchen. Schon weniger bewusst ist vielen vielleicht, dass auch ein Großteil unserer Energieressourcen von Pflanzen stammt und dass wir die Energiequellen, die wir seit Jahrtausenden nutzen, den Pflanzen verdanken.

Betrachten wir die Energieressourcen auf unserer Erde doch einmal näher: Zuallererst wurden sie in Pflanzen gespeichert, weil diese Sonnenenergie in chemische Energie verwandelten. Dank der wundersamen Fotosynthese können Pflanzen Sonnenlicht und Kohlendioxid aus der Luft in Zucker umformen, in ein höchst energiehaltiges Molekül also – wie jeder weiß, der schon einmal kalorienarme Kost zu sich nehmen musste. Das war der erste grundlegende Schritt – aus dem dann durch weitere die Energiequellen entstanden, die wir heute nutzen: seien es Holz oder Kohle, Erdöl oder andere fossile Brennstoffe.

»Die Pflanzen«, schrieb Anfang des vergangenen Jahrhunderts der russische Botaniker Kliment Timiryazev (1843–1920), »sind das Verbindungsglied zwischen Erde und Sonne.« Und er hatte recht, denn der Mensch verdankt ihnen beinah alle seine Energiequellen.

Fossile Brennstoffe wie Kohle, Kohlenwasserstoff, Öl oder Gas sind im Grunde nichts anderes als unterirdisch gespeicherte Sonnenenergie, die pflanzliche Organismen während verschiedener geologischer Zeitalter durch Fotosynthese in der Biosphäre fixiert haben. Von wegen Mineralstoffe, wie manche noch immer behaupten! Fossile Energiequellen sind in Wahrheit organische Ablagerungen.

Wir sind also nicht nur in puncto Sauerstoff und Nahrung vom Pflanzenreich abhängig, sondern auch in einem weiteren wichtigen Punkt: unserer Energie. Allein deshalb müssten wir eigentlich alles, was grünt und blüht, vergöttern. Aber es geht noch weiter, denn nehmen wir unsere Medikamente: Beinah alle unsere Arzneimittel werden aus pflanzlichen Molekülen gewonnen oder nach deren Vorlage synthetisch nachgebildet.

Pflanzen sind aus der Medizin nicht wegzudenken – und das gilt für alle Kulturen weltweit, ob Ost oder West, Industrie- oder Entwicklungsländer. Doch Pflanzen entfalten ihre wohltuende Wirkung auf den Menschen nicht nur indirekt, als Arzneimittel. Vielfach wirkt schon die Gegenwart von Pflanzen unmittelbar positiv auf unser psychophysisches Befinden.

Dass wir Nutznießer der Pflanzen sind, weil sie Sauerstoff produzieren, Kohlendioxid und Schadstoffe absorbieren und somit einer weiteren Erderwärmung entgegenwirken, ist heute Allgemeingut. Dass sie unser Wohlbefinden aber noch auf andere Weise beeinflussen, zeigen jetzt neue eindrucksvolle Forschungsergebnisse. Pflanzen können durch ihre Gegenwart Stress mindern, die Konzentrationsfähigkeit erhöhen und zu einer schnelleren Genesung beitragen.

Allein der Anblick einer Pflanze wirkt entspannend, wie entsprechende Messungen von physiologischen Parametern zeigen. Krankenhauspatienten, die aus ihrem Zimmer ins Grüne blicken, benötigen weniger Schmerzmittel und können früher entlassen werden als Patienten in Zimmern, die nur Aussicht auf Gebäude und Asphalt bieten. Bei Krankenhausneubauten in Nordeuropa plant man heute deshalb, vor allem aus wirtschaftlichen Gründen, ausreichend Platz für Pflanzen ein. Manchmal können Patienten sogar auf einer ganzen Etage im Grünen wandeln.

In den letzten Jahren haben sich zahlreiche Studien mit der Wirkung von Grünpflanzen auf Kinder und Jugendliche beschäftigt. Die ersten Ergebnisse dieser Untersuchungen sind, vorsichtig formuliert, signifikant.

Eine Forschergruppe ließ beispielsweise Studenten einer amerikanischen Universität bestimmte Prüfungen in ihren Studentenzimmern absolvieren.

Studenten, die von ihrem Zimmer ins Grüne schauten, zeigten bei der Prüfung, die ihnen eine gewisse Konzentration abverlangte, wesentlich bessere Ergebnisse. Wer bei der Prüfung dagegen auf Beton blickte, löste die Aufgaben bedeutend schlechter.

Wie mehrere Versuche in Florenz belegen, ist die Verbesserung der Konzentrationsleistung bei Grundschülern sogar noch offenkundiger. Studien zeigen außerdem, dass es in Alleen weniger Autounfälle und in Wohnvierteln mit viel Grün weniger Selbstmorde und Kriminalität gibt. Pflanzen wirken sich demnach zweifelsfrei positiv auf unsere Stimmung, unsere Konzentration, auf Lernerfolg und allgemeines Wohlbefinden aus.

Pflanzen scheinen daher auch bei längeren Weltraummissionen unverzichtbar, nicht nur als Nahrungsmittel, sondern auch, weil ihr Anblick beruhigt.

Bisher weiß man noch wenig darüber, warum Pflanzen das psychophysische Wohlbefinden von Menschen steigern. Die Gründe liegen wahrscheinlich in unserer Vergangenheit, in unserem instinktiven Wissen, dass unsere Gattung ohne Pflanzen nicht lebensfähig ist. Das Gefühl der Ruhe in Gegenwart von Pflanzen erwächst vermutlich aus der archaischen Gewissheit, dass uns das pflanzliche Grün alles bietet, was wir zum Überleben brauchen. Damals ebenso wie heute.

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02 октября 2024
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193 стр. 40 иллюстраций
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9783956140440
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