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Читать книгу: «Der Pastor von Ashbourn»

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Erster Band

I.
Der große Pope

An den Herrn Doctor Petrus Barlow, Professor der
Philosophie an der Universität von Cambridge
Ashbourn, bei Nottingham, den 5. April 1754.
Lieber College!

Lassen Sie mich Ihnen den freundschaftlichen Titel College geben; denn nach meiner Meinung gebührt Ihnen dieser Titel, obgleich Sie ein gelehrter Doctor der Philosophie sind, und ich ein einfacher Dorfpastor bin; Sie haben für den Körper zu sorgen, wie ich für die Seelen zu sorgen habe; ich bereite zum Sterben vor, aber Sie bereiten zum Leben vor, und Gott allein vermöchte zu sagen, wer von uns Beiden das heiligste Amt bekleidet.

Freilich begegnet es mir zuweilen, mein lieber College, genöthigt zu sein, das zu verbessern, was Sie gemacht haben; Ihre unglückliche Schulphilosophie neigt sich immer ein wenig nach der heidnischen Seite, und ich bin oft berufen zu erkennen, daß, obschon die Iliade und die Bibel, der Phädon und das Evangelium, sehr schöne und besonders sehr beredtsame Dinge sind, die Iliade und die Bibel sich zuweilen widersprechen, der Phädon und das Evangelium nicht immer einverstanden sind. Und Sie werden wohl begreifen, mein lieber Petrus, daß, wenn solche Widersprüche sich in meiner Gegenwart zeigen, ich nicht anzunehmen vermag, daß der Phädon oder die Iliade Recht haben.

Aber haben wir, wie Sie mir in Ihrem letzten Briefe sagten, trotz dieser Meinungsverschiedenheiten zwischen den Schriftstellern, die wir auslegen, und zwischen den Dingen, die wir lehren, die Hoffnung, daß es einen Punkt der Straße giebt, auf welchem unsere beiden Wege, so auseinander laufend sie auf den ersten Blick auch scheinen mögen, eines Tages zusammentreffen werden! Dieser Punkt ist der Glaube an die ewige Gerechtigkeit, und besser noch, auf die göttliche Barmherzigkeit, welche, ich bürge dafür, mein lieber Petrus, uns allen Beiden die guten Absichten anrechnen wird, ohne uns zu sehr über unsere Fehler oder unsere Irrthümer zu beunruhigen, welche ihren Ursprung in der menschlichen Schwäche gehabt haben.

Einstweilen, bis daß es dem Herrn gefällt, über uns in jener Welt zu verfügen, welche auf die unserige folgen soll, geben wir uns auf dieser, Jeder auf seiner Seite, einem Studium hin, welches auf den ersten Blick und mit oberflächlichem Auge betrachtet, dasselbe scheinen würde, während es dem Philosophen und dem Denker beträchtliche Verschiedenheiten zeigt.

Sie, mein lieber Petrus, Sie studiren den Menschen, und ich studire die Menschen.

Möchte es Ihnen auf Ihrer Seite besser gelingen, als es mir auf der meinigen, besonders bei meinem ersten Auftreten im Leben, gelungen ist!

Jetzt wünschen Sie dieses Studium des Menschen, das heißt des menschlichen Geschlechtes, durch einzelne Personen an mir zu machen, wie Sie es an Anderen gemacht haben. Sie behaupten in Ihrer Nachsicht für den armen Pastor, daß ich einige gute Eigenschaften habe; worauf ich dadurch antworte, daß ich mich beschuldige, große Fehler zu haben. Um sich eine bestimmte Meinung zwischen unseren beiden verschiedenen Meinungen zu schaffen, verlangen Sie, daß ich mich Ihren Augen so darstelle, wie ich aus den Händen meines Schöpfers hervorgegangen bin, – solus, pauper et nudus; – es sei, ich will von meinen Schultern jenen Mantel des Demüthigen gleiten lassen, durch dessen Löcher man oft das Herz des Hochmüthigen sieht. Erforschen Sie meine arme Person so langsam und so sorgfältig, als Sie wollen; ich werde nicht versuchen, Ihnen einen einzigen meiner Fehler oder eine einzige meiner Lächerlichkeiten zu verbergen; denn, wie ich hoffe, wird mich Gott um so mehr erheben, als ich mich erniedrigt haben werde.

Ich bin im Jahre 1728 in dem kleinen Dorfe Beeston geboren, dessen Pastor mein Vater war. Was meine Mutter anbelangt, so war sie die Tochter eines Bootsmannes auf einem Kauffahrteischiffe, der drei Jahre vor meiner Geburt in einem Sturme umkam, bei welchem das Schiff unterging , auf dem er diente, und auf welchem er sein kleines Hab und Gut hatte. Alles war daher mit ihm verloren, mit Ausnahme eines vortrefflichen Seefernrohres, das er einem seiner Freunde geliehen hatte, und das dieser Freund, der den Tag nicht wußte, an welchem mein Großvater unter Segel gehen sollte, ihm erst zwei Tage nach seiner Abreise zurückbrachte.

Ich führe die Thatsache an, weil dieses Fernrohr eine wichtige Rolle in meinem Leben spielt.

Aber das, was mein Vater in der Frau suchte, die er seinem Leben zugesellen wollte, das waren die Eigenschaften, welche das wahre Witthum der Gattin und die fromme Mitgift der Mutter ausmachen. Er bekümmerte sich daher um den Mangel des Vermögens nicht: er nahm meine Mutter arm, als Waise, kurz so wie sie das Unglück gemacht hatte, und das einzige Möbel, das sie in die Gütergemeinschaft mitbrachte, als sie die Schwelle der Thür des Pfarrhauses mit dem Titel als Gattin überschritt, war dieses vortreffliche Fernrohr, das man ehrerbietiger Weise über dem Kamine, als dem ehrenvollsten und dem am meisten in die Augen fallenden Orte des Hauses, aufhängte.

So jung ich auch sein mochte, mein Vater gab mir ein schönes Beispiel: er war fest, muthig, aufrichtig, sanft gegen die Armen, aber wenig schonend gegen die Vornehmen und die Reichen, indem er selbst den Gutsherrn des Dorfes weit strenger behandelte, als den Bettler, der ihn an der Thür der Kirche erwartete, um ihm die Hand hinzustrecken, und den er niemals ohne ein Almosen und einen Rath fortschickte, und weit eher mit dem ersten allein als mit dem zweiten ohne das erste; denn er meinte in diesem Falle, daß ein Almosen nicht durchaus nöthig hat, von einem Rathe begleitet zu sein, während der Rath sehr mager und sehr seicht ohne das Almosen ist. Aus dieser unparteiischen Geradheit und dieser unbeugsamen Würde ging hervor, daß er von dem einen Theile seiner Pfarrkinder geliebt und von dem andern geachtet war.

Es versteht sich von selbst, daß, wohlbegabt nach dem Herzen Gottes, es die Armen waren, die ihn liebten.

Was mich anbetrifft, so war es nicht einfach und allein Liebe, die ich für meinen Vater empfand, es war Ehrfurcht; mehr als Ehrfurcht, Bewunderung! Ich betrachtete ihn als ein erhabenes Geschöpf, als ein über der Menschheit stehendes Wesen, und ich hätte niemals gewagt, meine Lippen auf die Wangen und selbst auf die Hände tiefes würdigen Mannes zu drücken, wenn er mich nicht durch eine Aufforderung dazu berechtigt hätte, welche, damit ich ihr Folge leistete, zuweilen fast nöthig hatte, die Form eines Befehles anzunehmen.

Eines Tages, als ich mich, zu ihren Füßen auf einem Teppich liegend, bei meiner Mutter befand und in einem vor mir aufgeschlagenen Buche las, trat mein Vater mit einem Briefe in der Hand ein. Sein Gesicht strahlte, und es war leicht zu sehen, daß dieser Brief ihm irgend eine wichtige Nachricht überbracht hätte.

In der That, ein Verwandter, den wir in Southwell hatten, meldete meinem Vater, daß der berühmte Pope, welcher auf der Universität Oxford der Freund dieses selben Verwandten gewesen war, am folgenden Donnerstage auf seiner Reise nach York bei ihm einkehren sollte.

Er lud dem zu Folge meinen Vater, der ihn seit länger als zehn Jahren nicht gesehen hatte, ein, diese Gelegenheit zu benutzen, um ihn zu besuchen und zu gleicher Zeit Bekanntschaft mit dem Verfasser des Versuches über den Menschen und der Dunciade zu machen.

Diese Einladung war es, welche meinen Vater so vergnügt machte.

Ich fragte, wer Pope wäre.

– Der Verfasser des Buches, das Du in Händen hältst, antwortete mir mein Vater.

Und in der That, mein Vater hatte mir kurze Zeit vorher ein Geschenk mit der Uebersetzung der Iliade des berühmten Schriftstellers gemacht, die mit herrlichen Kupferstichen geschmückt war, welche eben so viel Antheil als der Text an meiner Bewunderung hatten.

Als ich erfuhr, daß mein Vater eingeladen wäre, mit dem Manne zu Mittag zu essen, der die schönen Verse geschrieben hatte, die ich auswendig wußte, rief ich aus:

– Und auch ich werde mit Ihnen gehen, nicht wahr, mein sehr geehrter Vater?

– Ja, gewiß, antwortete mein Vater, bei welchem ich in diesem Augenblicke die Flamme der Begeisterung leuchten sah; ja, mein Sohn, es soll nicht gesagt sein, daß ich die Gelegenheit gehabt hätte, Dich den größten Dichter des Jahrhunderts sehen zu lassen, und daß ich sie nicht benutzt hätte.

Ich stand auf, indem ich in die Hände klatschte; aber im selben Augenblicke unterbrach ich mich ganz beschämt: es war das erste Mal, daß es mir begegnete, mich einem solchen Ausbruche in Gegenwart meines Vaters hinzugeben.

Aber sei es nun, daß mein Vater selbst außer allen seinen Gewohnheiten gebracht war, oder daß er die Bewegung nicht bemerkt hatte, die ich so eben gemacht, er richtete keine Ermahnung an mich und begnügte sich damit, meiner Mutter zu sagen:

– Hurtig! Frau, es handelt sich darum, sich mit dieser Reise zu beschäftigen.

Wir hatten indessen drei Tage vor uns und nur zwölf Meilen zurückzulegen.

Aber das Ereigniß war so unerwartet, der Zweck so herrlich, daß während dieser drei Tage in dem Hause von nichts Anderem mehr die Rede war.

Die ganze Toilette meines Vaters wurde durchgesehen. Man machte ein Packet aus seinem schönen Fracke und aus seinen schönen kurzen Hosen von schwarzem Sammet; man hütete sich wohl, seine seidenen Strümpfe und seine Atlasweste zu vergessen; man putzte die silbernen Schnallen seiner Schuhe, bis daß sie wie Spiegel glänzten, und meine Mutter, welche sich für die Ehre ihres Gatten opferte, machte ihm einen Busenstreif und Manschetten aus einem herrlichen Kragen von englischen Spitzen, den sie von ihrer Mutter, und den ihre Mutter von ihrer Großmutter geerbt hatte.

Was mich anbetrifft, so wurde ich ganz neu in ein Costüm gekleidet, das aus einem kastanienbraunen Rocke gemacht war, den mein Vater erst drei Jahre getragen hatte; – eine Verschwendung, die noch nicht vorgekommen war, und die keine nachfolgenden in meinem Leben wie in dem seinigen haben sollte.

Zehn Personen des Dorfes, und sogar der benachbarten Stadt hatten meinem Vater ihren Wagen für diese große Reise angeboten; ein Augenblick der Eitelkeit machte, daß mein Vater nahe daran war, die Kutsche von dem Gutsherrn des Ortes anzunehmen, gegen dessen Stolz er zuweilen auf eine freilich versteckte, aber dennoch so klare Weise gepredigt hatte, daß Niemand, nicht einmal er sich darüber hatte täuschen können; aber sei es nun, daß er durch den Gedanken zurückgehalten wurde, daß das Anerbieten keinen anderen Zweck hätte, als ihn selbst in diesen dem Menschen um so verzeihlicheren Fehler verfallen zu lassen, da der schönste der Engel ihn begangen hatte, oder daß er von selbst in sich ging, mein Vater schlug das Anerbieten des Gutsherrn aus, und nahm das seines Pächters an. Am Morgen des wichtigen Tages fanden wir daher die bescheidene Carriole vor der Thür, die uns von Beeston nach Southwell fahren sollte.

Ich werde mich dieser Reise immer erinnern, mein lieber Petrus; wenn ich nach diesem, von dem großen Gesetzgeber den Hebräern gelobten Lande aufgebrochen wäre, so wäre ich nicht vergnügter und stolzer gewesen.

Das kam daher, weil auch die ganze Natur, – und zum ersten Male achtete ich auf sie, da ich sie so glänzend geschmückt sah, – weil auch die ganze Natur gleichfalls vergnügt und stolz schien; wie wir, hatte sie ihr Festtagskleid angelegt: das grüne Gewand des Mai-Monats und seine wohlriechende Blumenkrone. Man sah auf der ganzen Länge des Weges nur vom Winde geschüttelte Zweige mit jungem Laube, nur Schlüsselblumen und Veilchen, die den Boden schmückten, und fliegende und singende kleine Vögel, die sich nur ausruhten um Gott zu preisen, der ihnen erlaubte, mit dem Menschen, seinem erstgebornen Sohne, diese Welt zu theilen, welche mit jedem Jahre so schön, so frisch, so duftig wieder aufersteht, daß der Mensch, da er die Welt nicht alt werden sieht, nicht bemerkt, daß er alt wird.

In der Carriole neben meinem Vater sitzend, den ich nicht anzureden wagte, und der, obgleich weit freundlicher als gewöhnlich, mir kein Wort sagte, wohnte ich glücklich, aber still, diesem Feste der Natur bei, indem ich auf dem Grunde meines Geistes den Keim aller der Ideen sich regen fühlte, die ihn seitdem beschäftigt haben, und den diese Maisonne zu erwecken und zum Leben zu rufen schien, wie sie es mit dem grünen Grase, den weißen Gänseblümchen und den himmelblauen Veilchen machte.

Der Vergleich war um so richtiger, als ich glaubte, in meinen Augen eine Thräne rollen zu fühlen, wie ich in dem Kelche der Blumen einen Thautropfen zittern sah.

In jedem Dorfe hielt die Carriole vor der Thür des Pastors; mein Vater stieg aus, ließ mich aussteigen, und indem er vielleicht geräuschvoller bei seinem Amtsbruder eintrat, als es unserem bescheidenen Stande geziemt, sagte er:

– Mein lieber Freund, wünschen Sie mir Glück. . .

– Und wozu? fragte der Amtsbruder. Sendet Ihnen Gott eine Bischofsmütze, oder ist Ihre Frau zum zweiten Male schwanger?

– Mein Freund, ich werde mit dem großen Pope, dem ersten Dichter Englands, der Welt und selbst des Jahrhunderts zu Mittag essen!

Dann erhob der, an de n er sich wandte, die Arme gen Himmel, indem er sagte:

– Mein Freund. Sie sind ein glücklicher Mann!

Und die Frauen sagten zu ihren Kindern, indem sie ihnen meinen Vater zeigten:

– Meine Tochter, – oder, – mein Sohn, blicke den Pastor Bemrode an, er wird heute mit dem ersten Dichter des Jahrhunderts, der Welt, Englands, mit dem großen Pope zu Mittag essen!

Und nun entstand um meinen Vater herum ein Gemurmel neidischer Bewunderung, in welchem er zu wachsen schien, wie der Priester in Mitte einer Weihrauchwolke zu wachsen scheint.

Und wir stiegen wieder in die Carriole, und die immer schönere, immer lachendere, immer in dem Maße, als die Sonne am Horizonte aufging, an Wohlgerüchen verschwenderische Natur schien dem Reisenden gleichfalls ihren Tribut an Glückwünschen darzubringen.

Eine Meile weiter hin hielt der Wagen von Neuem; mein Vater stieg nochmals aus, und derselbe Auftritt erneuerte sich.

Die Folge davon war, daß wir wegen dieser hochmüthigen Stationen, welche sich vielleicht der Feind des Menschengeschlechts in seinen Feuerregistern anmerkte, erst um zwei Uhr Nachmittags bei dem Vetter meines Vaters ankamen, obgleich wir um fünf Uhr Morgens von Beeston aufgebrochen waren, und obgleich uns der Pächter sein bestes Pferd gegeben hatte.

Glücklicher Weise war der große Pope noch nicht da.

Aber gerade deshalb, weil er ein wenig auf sich warten ließ, war Alles bei dem Vetter durcheinander. Dieser Vetter, von dem ich wie von einem einfachen Manne, der keine Umstände macht, hatte sprechen hören, war ganz von Stolz aufgebläht; weiß gepudert wie ein Februar-Morgen, warf er den Kopf zurück, schob den Fuß vor, hustete, spie aus, und nahm von fünf Minuten zu fünf Minuten mit großem Geräusche und großem Gepränge aus einer Tabaksdose von sächsischem Porzellan eine Prise Tabak, von welcher drei Viertel auf seinen gestärkten, und gleich einem Hahnenkamm oder einer Fischgräte steifen Busenstreifen in Cascaden zurückfiel.

Der Stolz, der sich seiner ganzen Person bemächtigt hatte, verrieth sich in seiner Stimme, wie in seinem Blickt und in seinen Geberden; er sprach langsam und gravitätisch.

– Hierher, sagte er, indem er um den Tisch herumging, werde ich den großen Pope, den berühmten Verfasser der Dunciade, des Versuches über den Menschen und so vieler anderer erhabener Werke hinsetzen. Zu sein« Rechten werde ich mich setzen; zu seiner Linken werde ich meine Frau setzen; ihm gegenüber meinen Vetter Bemrode, und zur Rechten und zur Linken meines Vetters Bemrode die ehrenwerthen Decane von Newark und von Chesterfield. Wie Sie sehen, meine Herren, ist der Tisch rund, fügte er hinzu, indem er sich an seine Gäste wandte, wodurch, obgleich wir zu vierundzwanzig bei Tische sein sollen, der große Pope von Jedermann wird gesehen und gehört werden können.

Hierauf kehrte man in den Salon zurück, wo zwei schöne, weiß gekleidete junge Mädchen von sechszehn bis siebzehn Jahren Kränze von mit Rosen untermischten Lorbeeren flochten, die zu verstehen geben sollten, daß es dem großen Pope gleicher Weise in der lyrischen Poesie, wie mit den leichten Gedichten gelungen wäre.

Bei jedem Geräusche, welches aus dem Vorzimmer erschallte, entstand eine Revolution in dem Salon, Jedermann stand auf, indem er mit einer mit Unruhe gemischten Neugierde seinen Nachbar fragte:

– Ist es der große Pope?

Was mich anbetrifft, so war meine Bangigkeit so groß, daß ich die Hausflur nicht verließ, und daß ich, die Augen auf die Thür geheftet, indem ich Alles, selbst meinen kastanienbraunen Rock über den Mann vergaß, dem zu Ehren er gemacht worden war, aufmerksam auf die geringste Bewegung auf der Straße, auf die leichteste Erschütterung der Thür, mit jedem Augenblicke ausrief:

– Mein Vetter, man schellt! – Oder: – Mein Vetter, man klopft!

Und indem ich das rief, klopfte mein Herz mehr, als es noch für die wichtigsten Dinge meines kindlichen Lebens geklopft hatte; nur schien es mir zum Verwundern, nicht die Trommeln und die Trompeten zu hören, welche nach meiner Meinung diese Feierlichkeit anmelden müßten. Ich glaubte – so viel hatte man mir von dem großen Pope gesprochen – einen Riesen eintreten zu sehen, der die Decke berühren würde, oder zum allerwenigsten irgend etwas einem jener Könige ähnliches, mit denen ich in meinen Feenmährchen Bekanntschaft gemacht hatte; eine stattliche Person in einem Rocke von Goldtuch mit Sternen von Diamanten, Orden und Kreuzen wie ein großer Herr, der eine Menge von Pagen und von Livréebedienten nach sich führte.

Plötzlich klopfte man an die Thür, aber so bescheiden, daß ich dieses Mal nicht einmal glaubte rufen zu müssen, wie ich es bei den anderen gethan hatte: »Man klopft!«

Die Thür ging nichtsdestoweniger auf und ließ einen kleinen, ein wenig hinkenden, sehr bucklichen und in einen grauen Rock gekleideten Mann von fünfzig bis zwei und fünfzig Jahren eintreten. Ich stand im Begriff, ihn hochmüthiger Weise zu fragen, was er wollte, als ich einen großen Lärm hörte; die Gäste stürzten durch die Vorplätze und die Treppen mit dem Wirthe an ihrer Spitze herbei, indem sie ausriefen:

– Er ist es! er ist es! es ist der berühmte Dichter, es ist der große Pope! Heil dem unsterblichen, erhabenen Manne!

Und ich blickte um mich, indem ich suchte, mit wem alle diese Leute zu thun hätten, die mir Wahnsinnige schienen, und die indessen diesen kleinen hinkenden und bucklichten Mann grüßten, ehrten und priesen, der, ganz verlegen einen so lärmenden Empfang und eine so zahlreiche Gesellschaft zu finden, wo er geglaubt hatte, das einfache und fast einsame Haus eines Freundes zu betreten, grüßte, stammelte, die Hand auf sein Herz legte, und, nicht im Stande, durch die Stimme die Rührung auszudrücken, die er empfand, wenigstens durch Geberden seinen männlichen und weiblichen Bewunderern zu danken versuchte.

Als die erste Aufregung der Begeisterung vorüber war, hielt unser Vetter dem großen Pope – denn dieser kleine hinkende und bucklichte Mann war wirklich er – eine lange Rede, die er vorbereitet hatte, und von der Alles, dessen ich mich erinnere, ist, daß er ihn mit Homer, mit Virgil, mit Dante, mit Petrarea und mit Tasso verglich, wobei er ihm, wohlverstanden, den Vorzug vor diesen fünf Dichtern, seinen Vorgängern, gab.

Nach einigen Reden kamen die beiden weiß gekleideten jungen Mädchen, ihre Kränze von Lorbeeren anzubieten.

Pope antwortete auf die Reden nur durch einige Worte, küßte die beiden jungen Mädchen, und schritt nach dem Salon zu, wohin ihm die ganze Gesellschaft folgte, die beinahe eine Viertelstunde darauf verwandte, die Schwelle der Thür zu überschreiten, so sehr glaubte sich Jeder verbunden, seinem Nachbar Artigkeiten zu erzeigen.

Ich glaube, daß einige dieser Bewunderer des großen Pope noch dort sein würden, wenn man nicht, wie man es für die Fürsten thut, welche das Haus eines Privatmannes mit ihrem Besuche beehren, dem berühmten Verfasser des Versuches über den Menschen gemeldet hätte, daß angerichtet wäre; eine Meldung, welche, indem sie den durch ein langes Warten gesteigerten Appetit verdoppelte, die Nachzügler bestimmte, ihre Höflichkeitsbezeugungen einzustellen, und die am meisten Hungrigen zuerst eintreten ließ.

Diese Erinnerung, mein lieber Petrus, ist, wie Sie aus alle den einzelnen Umständen ersehen können, die ich Ihnen angebe, wie eine der ersten Enttäuschungen meines Lebens tief in meinem Gedächtnisse eingeprägt geblieben. Ich erwartete einen Riesen, irgend etwas, das an den Koloß von Rhodus oder die Statue Nero’s erinnerte, – und ich hatte einen hinkenden und bucklichten kleinen Mann eintreten sehen! Ich stellte mir vor, einen in einen prachtvollen Mantel gekleideten und, wie ich Ihnen gesagt habe, mit goldenen, ganz von einer Diamanten-Stickerei glänzenden Stoffen bedeckten König ankommen zu sehen, – und die Thür hatte eine Person im grauen Rocke von einer solchen Haltung eingelassen, daß ein Vornehmer ihn gewiß nicht zu seinem Bedienten hätte annehmen wollen!

Jedes Mal, wo in dem Laufe meines Lebens mir statt eines glücklichen, mit Ungeduld erwarteten Ereignisses irgend ein trauriges und schmerzliches Abenteuer zugestoßen ist, jedes Mal, wo statt des glänzenden Tages voller Sonne, der mir versprochen war, ein trüber und regnerischer Tag über meinem Haupte aufgegangen ist, habe ich daher auch an diesen, bei unserem Vetter in Southwell zugebrachten Tag gedacht; ich habe dem Herrn diese neue getäuschte Hoffnung dargebracht, und ich habe folgende Worte gemurmelt, die ich allein verstehen konnte und über die sich gar viele Leute verwundert haben:

– O großer Pope!

Jetzt hatte dieser Besuch noch einen anderen Einfluß auf mich, aber da dieser Brief bereits sehr lang ist, und. dieser Einfluß, – so wie das Fernrohr meines Großvaters, des Bootsmannes, – nicht ohne Wichtigkeit in meinem Leben gewesen ist, so erlauben Sie mir, mein lieber Petrus, Abschied von Ihnen zu nehmen, indem ich Sie bitte, mich Ihrem würdigen Bruder Samuel Barlow von Liverpool zu empfehlen, und für meinen nächsten Brief das verschiebe, was mir ,über diesen Gegenstand zu sagen übrig bleibt, eine Erzählung, welche, wenn ich sie in diesen Brief einschlösse , sich ganz natürlicher Weise eines Theiles der Entwickelung beraubt finden würde, die ihr nothwendig ist.

Aber ich fürchte sehr, lieber und geehrter College, daß Sie, sobald ich Ihnen mein Leben erzählt und das gesagt habe, was Sie zu wünschen wissen, in Ihrer Erwartung getäuscht, wie ich es selbst so oft gewesen bin, gleichfalls ausrufen werden:

– O großer Pope! . . .

II.
Auf welche Weise ich ein großer Mann werden würde

Was mir als Eindruck von diesem Tage übrig blieb, war das Verlangen, selbst ein großer Mann zu werden, damit man eines Tages für mich alles das thäte, was ich für den großen Pope hatte thun sehen.

Und dieses Verlangen war um so dringender, als, indem ich mich zum ersten Male in einem Spiegel betrachtete, meine Eitelkeit mir sagte, daß ich nicht allein weder hinkend, noch buckelicht wäre, sondern daß ich im Gegentheile ein ziemlich hübscher Knabe sei.

Wenn man mich sehen würde, würde ich daher nicht dieselbe getäuschte Hoffnung einflößen, welche mir der große Pope eingeflößt und Anderen hatte einflößen müssen; was am Ende bereits ein Vortheil war, den der Himmel mir vor ihm bewilligte.

Nur, auf welche Weise würde ich ein großer Mann werden? Das war die Frage, die ich mir stellte.

Wäre es nach der Art Achilles, Alexander’s, Cäsar’s, Karl’s des Großen oder Richard Löwenherz?

Ich habe niemals einen großen Beruf für das Gewerbe des Eroberers gehabt. Wie die Kirche, der ich angehöre, oder vielmehr der ich nicht angehöre, – denn die Lehre ist katholisch, – habe ich einen Abscheu vor Blut. Außerdem waren alle die großen Männer, deren Namen ich angeführt habe, selbst Söhne von Königen, oder sogar Nachkommen von Göttern und von Göttinnen, die zu einer bestimmten Zeit die Männer und das Geld unter ihrer Hand gefunden hatten, welche für die Eroberung von Troja, Indien, Gallien, Sachsen oder dem gelobten Lande nöthig sind, während ich der Sohn eines einfachen Pastors mit fünfzig Pfund Sterling Gehalt war, der einen sehr großen Einfluß auf die Seelen, aber eine sehr geringe Gewalt auf die Körper hatte.

Zuverlässig war es also nicht als Eroberer, daß ich ein großer Mann werden sollte.

Sollte es nach der Art des Apelles, des Zeugniß in dem Alterthume, oder Leonardo da Vinci’s und Raphael’s in dem Mittelalter sein?

Ich muß sagen, daß ich gegen die Malerei nicht denselben Widerwillen, als gegen den Krieg hatte. Ich war im Gegentheile ein großer Bewunderer der Malerei, ich schätzte Apelles, Zeuxis, Leonardo da Vinci und Raphael sehr. Aber man mag wohl wie Correggio sagen: »Und auch ich werde ein Maler sein!« Anch’ io son’ pittore! – Man muß auch noch eine Werkstatt und einen Meister finden. Nicht jeder Motto, der ein Schaf auf eine Schiefertafel zeichnet, begegnet bei dem Hüthen seiner Schafe einem Cimabue, der ihn seine Communion als Künstler machen läßt. Um Maler zu werden, und ein berühmter Maler, bedarf es langer und geduldiger Studien, einer großen Stadt, dem unermeßlichen Centrum, – und wir wohnten in einem armen Dorfe von Rotts!

Es war also wieder nicht als Maler, daß ich ein großer Mann werden konnte, und ich war gezwungen, auf die Malerei zu verzichten, wie ich auf die Eroberung verzichtet hatte.

Wäre es nach der Weise Homer’s, Virgil’s, Dante’s, Petrarea’s, Tasso’s oder Pope’s?

Oh! das war etwas Anderes! Außer daß ich meinte, darin meinen Beruf zu sehen, meinte ich auch die Anlage dazu zu haben.

Denn am Ende ist die Poesie die Tochter der Einsamkeit; sie hat fast immer die Armuth zur Pathin. Um ein Dichter zu werden, hat man keine Meister, hat man keine Modelle nöthig. Ein Jahr, fünf Jahre, zehn Jahre reichen zuweilen nicht aus, um die Erziehung eines Malers vollständig zu machen, während Jedermann weiß, daß man als Dichter geboren wird. Wenn ich nun aber das Glück gehabt hätte, als Dichter geboren zu sein, – und an diesem Glücke zweifelte ich nicht, – so hatte ich also nur mir die Mühe zu geben, zu wachsen und zu blühen; das schwierigste der Sache war geschehen, da ich geboren war! Was die Unkosten anbelangt, so waren sie nicht beträchtlich: eine Feder, Tinte und Papier; – die Begeisterung mußte das Uebrige thun.

Ich beschloß daher in meinem Innern, daß ich nach der Weise Homer’s, Virgil’s, Dante’s, Petrarea’s, Tasso’s und Pope’s ein großer Mann werden würde.

Von dem Augenblicke an, wo dieser Entschluß gefaßt war, beschloß ich keine Zeit zu verlieren, um ihn in Ausführung zu bringen. Ich verlangte von meinem Vater Geld, um das für den neuen Stand, den ich wählen wollte, nothwendige Geräth zu kaufen, und mein Vater, erfreut, endlich in mir diese Neigung zur Arbeit erwachen zu sehen, deren Erscheinen er so ungeduldig erwartete, nahm majestätischer Weise einen Schilling aus seiner Tasche, den er mir schenkte, und für den ich mir ein Buch weißes Papier, ein Bund Federn und eine Flasche Tinte kaufte. – Seit diesem Tage, mein lieber Petrus, hat es mir der Gipfel des Ruhmes geschienen, meine Ideen in ungleichen Zeilen gedruckt in einem in halb Franzband gebundenen oder sogar nur in einfaches Papier broschirten Buche zu sehen, denn welche Anwandlung mich seitdem auch befallen hat, in Prosa zu schreiben, so habe ich doch immer eine große Vorliebe für die Poesie empfunden, und unter allen Arten von Poesien die für das Heldengedicht.

Was ich im Alter von dreizehn Jahren daher beschloß, ist, daß ich ein Heldengedicht machen wollte.

Welches Thema sollte ich jetzt wählen? …

Die Iliade war ein sehr schönes Thema: – aber es war von Homer genommen worden!

Die Aeneïde war gleichfalls ein sehr schönes Thema: – aber es war von Virgil genommen worden!

Die göttliche Komödie war wieder ein sehr schönes Thema: – aber es war von Dante genommen worden!

Ah! wenn das befreite Jerusalem nicht von Tasso, und das verlorene Paradies nicht von Milton genommen gewesen wären, so waren das zwei Themas, die für den Sohn eines Pastors ganz gepaßt hätten!

Aber Tasso und Milton hatten das Glück gehabt, der eine hundert und fünf und dreißig, und der Andere hundert fünf und zwanzig Jahre vor mir geboren zu sein; – dieses Glück verursachte mir einen unwiderbringlichen Nachtheil, da sie diesen Zufall der Geburt benutzt hatten, um die beiden einzigen Themas zu Heldengedichten zu nehmen, welche bei den Modernen zu behandeln übrig geblieben!. . .

Glauben Sie indessen nicht, mein lieber Petrus, daß ich mich sogleich Anfangs schlagen ließ, und bei dem ersten Angriffe nachgab, indem ich wie Horaz floh und meine Ehre und mein Schild auf dem Schlachtfelde ließ. – Nein, mein Freund, nein; ich sträubte mich im Gegentheile aus allen meinen Kräften gegen die Armuth der Geschichte, indem ich mit einer über mein Alter gehenden Beharrlichkeit sowohl in den Büchern, als in meiner Einbildungskraft einen Helden suchte, welcher der poetischen Forschung meiner Vorgänger entgangen wäre. Ich ging alle Jahrhunderte durch; ich verlangte von jedem von ihnen ein Thema, das ein Aequivalent für die bieten könnte, welche ich dadurch verloren hatte, daß ich zwei oder dreihundert Jahre zu spät auf diese Welt kam; aber das Eine war nicht national, das Andere war antireligiös; dieses da bot nicht die unerläßlichen Bedingungen des Heldengedichts, das heißt den möglichen Austausch des Verkehres zwischen den Menschen und Wesen von einer höheren Natur, Göttern, Schutzgeistern oder Dämonen; jenes da sündigte endlich doch gegen die nothwendige Entwickelung, eine Entwicklung, welche verlangt, daß die Hauptperson des Gedichtes Sieger ist, während meine Helden, wie Hector, wie Turnus, wie Hannibal, wie Wittekind oder wie Harold, statt zu siegen, besiegt waren. – Ich schrieb mit wundervoller Handschrift mehr als zwanzig Titel auf mein Buch weißes Papier, aber, wie ich so eben sagte, ging ich niemals über den Titel hinaus, und da ich in dem Maße, als ich eine neue Enttäuschung erlitt, den geschriebenen Titel zerriß, um einen andern auf die folgende Seite zu schreiben, so ging daraus hervor, daß ich nach Verlauf von fünf Jahren, – gerade an meinem Geburtstage, zu derselben Stunde, wo die Zeit den letzten Tag meines achtzehnten Jahres zerriß, – das letzte Blatt meines Buches Papier zerriß.

Von diesem Augenblicke an war ich überzeugt, daß für mich eine Unmöglichkeit obwaltete, als Verfasser eines Heldengedichtes ein großer Mann zu werden; nicht etwa, daß ich nicht alles Das besaß, um dieses Gedicht zu schreiben, sondern einfach und allein, weil das Thema mangelte.

Es blieb mir die dramaturgische Poesie übrig.

Zuverlässig waren die von mir angeführten Namen, obgleich sie die glänzendsten waren, nicht die einzigen, welche an dem Himmel der Vergangenheit leuchteten. Zur Seite der Namen der großen epischen Dichter funkelten die des Aeschylus, Sophokles, Euripides, Aristophanes, Plautus, Shakespeare’s, Corneille’s, Moliere’s und Racine’s! Warum sollte ich daher nicht, statt ein epischer Dichter zu werden, ein dramatischer Dichter werden? Freilich würde ich in Beeston weder ein Theater, noch Schauspieler haben; aber was lag daran! Ich würde das thun, was Sophokles that, der in Kolonos seine Gedichte träumte, überlegte und ausführte, und der, wenn sie beendigt waren, sie in Athen spielen ließ; ich würde das thun, was Corneille that, der in Rouen seine Trauerspiele träumte, überlegte und ausführte, und sie in Paris spielen ließ; ich würde meine Dramen in Beeston träumen, überlegen und ausführen, und sie in London spielen lassen. Es gab sogar noch mehr: um sicher zu sein, daß meine Gedanken richtig wiedergegeben würden, könnte ich wie Shakespeare und wie Molière sie selbst spielen. Um die Wahrheit zu sagen, war mir dieses letzte Mittel ein wenig zuwider: ich hatte eines Tages in Nottingham herumziehende Schauspieler gesehen, und zwischen diesen würdigen Künstlern und den Zigeunern, denen ich wenige Stunden vorher auf der Heerstraße begegnet war, hatte mir der Unterschied nicht groß geschienen; aber man mußte indessen bemerken, daß diese Schauspieler Stücke spielten, deren Verfasser sie nicht waren, während ich, – was etwas ganz Anderes war und mich in meiner eigenen Achtung erhob! – meine eigenen Werke spielen würde. Nur würde ich in diesem Falle meinen würdigen Vater bestimmen müssen, seinen einzigen Sohn die Bretter betreten zu sehen, was, ich zweifelte durchaus nicht daran, eine große Schwierigkeit bieten würde; aber es würde Zeit sein, sie zu überwinden, wenn der Augenblick herbei gekommen wäre. Die Hauptsache war, anzufangen, um das Werk zu schaffen, und sobald es vollendet, so würde ich vielleicht wohl unter den angesehensten Schauspielern Londons einen Künstler finden, der würdig wäre es aufzuführen: wenn ich keinen finden sollte, ei nun! so würde mir das Mittel übrig bleiben, das erhabene Wort Seneca’s und Corneille’s in der Medea auszusprechen, – das so erhaben ist, daß es für zwei hat dienen können! Ich würde also Denen antworten, die mich in ihrer Bewunderung für mein Stück fragen sollten: »Aber wer wird Ihre Hauptperson spielen?«

– Ich! . . .

Nur würde ich nicht hinzufügen: »Ich, sage ich, und das ist genug!« denn so großes Vertrauen ich auch zu mir selbst hatte, so zögerte ich doch nicht anzuerkennen, daß das Anhören eines Stückes mit einer einzigen Person während fünf Acten sehr lang scheinen müßte, so schön die Grundsätze, so herrlich die Verse auch sein möchten, und daß von dem Augenblicke an, wo dieses Stück zehn bis fünfzehn Personen nöthig machte, ich neun, elf oder vierzehn Schauspieler haben müßte, um die anderen Rollen auszuführen und mir zu Trabanten zu dienen.

Aber es war im Voraus wohl verstanden, daß sie nichts Anderes, als Trabanten würden, und ich immer die Sonne.

Als ich alles das gehörig überlegt und entschlossen war, mich aus den Wolken des Heldengedichtes auf die Gipfel des Trauerspieles herabzulassen, nahm ich von Neuem meine Zuflucht zu der Freigebigkeit meines Vaters, welcher, obgleich durch die Unfruchtbarkeit meiner ersten Bemühungen ein wenig in seiner Hoffnung getäuscht, dennoch nicht zögerte, einen Schilling zu wagen, der auf der Stelle dazu diente, ein zweites Buch Papier, ein zweites Bund Federn und eine zweite Flasche Tinte zu kaufen.

Nun begann eine neue Arbeit, welche, ich muß es gestehen , mein lieber Petrus, ebenso fruchtlos war als die erste; – es hatte seit der Schöpfung der Welt noch mehr dramatische Dichter gegeben, als es epische Dichter gegeben hatte; daher rührte ein weit größerer Verbrauch von Themas und ein weit größerer Mangel an Helden; – ohne zurechnen, daß der epische Dichter ein Gedicht in seinem ganzen Leben macht, während ein dramatischer Dichter zehn, zwanzig, dreißig Trauerspiele, und sogar mehr macht, ein Beweis davon ist Aeschylus, welcher deren vierzig machte, Sophokles, der deren hundert drei und zwanzig machte, Euripides, der deren vier und achtzig machte! Indem ich das Verzeichniß der Alten und der Modernen las, bemerkte ich daher auch mit Schrecken, daß sich nicht eine große Katastrophe ereignet hatte, daß es nicht einen großen König oder großen Feldherrn gegeben hatte, ohne daß die Katastrophe zum Thema, und der König oder Feldherr zum Helden irgend eines Trauerspieles oder irgend eines Dramas gedient hätte. Alles war benutzt worden: Aeschylus, der indessen die Wahl unter den Helden hatte, da er als der erste auftrat, war bis zu Prometheus, das heißt bis zu Titan, dem Schöpfer der Welt, hinaufgegangen; Racine, der als der letzte kam, war bis zu Bajazet, das heißt fast bis zu der Geschichte unserer Zeit hinabgegangen. Was die Anderen anbelangt, so hatten ,sie mit vollen Händen, zur Rechten und zur Linken, hier und dort geerntet; – Sophokles hatte Ajax, Philoktetes, Antigene, Elektra, König Oedipus, Oedipus auf Kolonos genommen; er hatte soviel davon genommen, daß er am Ende genöthigt gewesen war, dasselbe Thema zwei Male zu nehmen. Euripides hatte Hecuba, Alceste, Medea, Iphigenia in Aulis, Iphigenia auf Tauris genommen, ein Beweis davon ist, daß auch er am Ende, wie sein Vorgänger Sophokles, keine Themas mehr gefunden hatte; – Shakespeare hatte Hamlet, Macbeth, Richard II., Richard III., Julius Cäsar, Coriolanus, den König Lear, Heinrich VIII., Titus Andronicus, Perieles, Antonius und Kleopatra genommen, so daß es ihm eines Tages gleichfalls an historischen Helden fehlte, und, da die Geschichte von ihm und seinen Vorgängern erschöpft war, er deren von seiner Einbildungskraft verlangte, welche, gehorsam und fruchtbar, Othello, den Kaufmann von Venedig, die beiden Seigneurs von Verona, Romeo, Falstaff, Prospero . . . was weiß ich? gab… – Corneille hatte den Cid, die Horatier, Cinna, Attila, Sertorius, Polyeuctes, Rodogune, Pompejus, Hannibal genommen; so weit gekommen, hatten ihm die Themas dermaßen gefehlt, daß er zum großen Nachtheile seines Ruhmes seine Zuflucht zu Pertharites, zu Otto, zu Surena genommen hatte, so daß er, nachdem er mit jenem Feldherrn der Parther zu thun gehabt hatte, da er nicht mehr wußte, weder was, noch wen er in Verse setzen sollte, die Nachahmung Jesus Christus in Verse gesetzt hatte! Endlich hatte Racine Eteokles und Polynices, Alexander, Andromache, Brittanicus, Berenice, Mithridates, Iphigenia, Phädra genommen, wonach ihm die Themas dermaßen erschöpft geschienen, daß er zwölf Jahre lang müßig blieb, bevor er Esther schrieb, und vierzehn Jahre, bevor er Athalia schrieb! Die Commentatoren sagen wohl, daß es ein religiöser Grund war, der den großen Dichter in seiner langen Laufbahn aufhielt, aber ich sage, ich behaupte, ich versichere, daß die wahre Ursache das von seinen Vorgängern bewirkte dramatische Gemetzel war . . .

Ich sage es mit um so mehr Grund, mein lieber Petrus, als es während dreier Jahre, in welchen ich ein Thema zu einem Trauerspiele oder einem Drama suchte, es mit dem Trauerspiele und dem Drama eben so war, als es mit dem Heldengedichte gewesen war. Ich schrieb den Titel von mehr als fünfzig Trauerspielen oder Dramen auf mein Heft; aber als ich nach Verlauf von drei Jahren sah, daß es mir unmöglich wäre, ein unbenutztes Thema zu finden, und da ich mich nicht zu dem Stande eines Plagiarius oder Abschreibers erniedrigen wollte, so verzichtete ich, – nachdem ich das letzte Blatt meines zweiten Buches Papier zerrissen, – darauf, ein großer Mann durch das Trauerspiel und das Drama zu werden, wie ich darauf verzichtet hatte, ein großer Mann durch das Heldengedicht zu werden.

Man wird mir sagen, daß mir das Lustspiel, diese unerschöpfliche Quelle, übrig blieb, welches die Laster, die Lächerlichkeiten der Menschen, die Irrthümer und die Verkehrtheiten der Gesellschaft zum ewigen Stoffe hat; aber als ich versuchen wollte, von dem Trauerspiele und von dem Drama zu dem Lustspiele überzugehen, bemerkte ich, daß, da ich in Beeston oder in Southwell eben keine anderen Männer als meinen Vater und mich, unseren Vetter und den großen Pope gesehen hatte, da ich keine Gelegenheit gehabt hatte, weder irgend ein Laster, noch irgend eine Lächerlichkeit zu beobachten, ich die Menschen nicht züchtigen konnte, wäre es auch nur im Spaße; eben so als ich, da ich keine andere Gesellschaft, als die des kleinen Dorfes kannte, welches wir bewohnten, nicht im Großen die Irrthümer und die Verkehrtheiten der großen menschlichen Gesellschaften schildern konnte, von der Beeston mir nur eine unmerkliche Miniatur bot.

Ich verzichtete daher auf das Lustspiel aus, wie Sie sehen, mein lieber Petrus, nicht weniger scheinbaren Gründen als die, welche mich bereits das Heldengedicht, das Trauerspiel und das Drama hatten aufgeben lassen.

Außerdem trug sich im Laufe dieses dritten Jahres,—, welches das ein und zwanzigste meines Alters war, – ein doppeltes Ereigniß zu, welches, indem es mein ganzes Herz und alle meine Thränen für wahres und persönliches Unglück in Anspruch nahm, meinen Geist wenigstens für den Augenblick verhinderte, sich länger an fremdem oder eingebildetem Unglücke zu üben.

Meine Mutter zuerst, und nachher mein Vater starben einen Monat nach einander.

Der Tod meiner Mutter war für mich ein unermeßlicher Schmerz, der meines Vaters war zugleich ein unermeßlicher Schmerz und eine außerordentliche Verlegenheit.

Wie das? Das will ich Ihnen in meinem nächsten Briefe erklären, mein lieber Petrus, da dieser nach meiner Meinung bereits die Grenzen eines gewöhnlichen Briefes überschritten hat.

Aber ich bedurfte nicht weniger als der zehn bis zwölf Blätter, aus denen er besteht, um Ihnen zu erklären, wie ich, statt ein großer epischer Dichter wie Homer, Virgil, Dante, Petrarca, Tasso, oder ein großer dramatischer oder komischer Schriftsteller wie Aeschylus, Sophokles, Euripides, Aristophanes, Plautus, Shakespeare, Corneille, Molière oder Racine zu werden, ein einfacher Dorfpastor wie Swift bin, – dabei noch mit Ausnahme seiner tausend Pfund Sterling Einkünfte, die ich nicht beziehe, und seiner Reisen Gulliver’s, seines Mährchens von der Tonne, seiner Prophezeihung Bickerstaff’s und seiner Bücherschlacht, die ich nicht geschrieben habe, wobei ich aber dennoch nicht verzweifle, eines Tages Aehnliches zu schreiben.

Denn obgleich ich gerade heute, meinem Geburtstage, mein sechs und zwanzigstes Jahr vollendet habe, ohne daß ich mich noch habe entschließen können, die erste Zeile des Buches zu schreiben, das mich berühmt machen wird, so habe ich doch immer noch die Hoffnung, mit Hülse des Herrn, der Nachwelt einen berühmten Namen hinterlassen zu können, wo nicht durch die Poesie, auf welche ich so ziemlich verzichtet habe, doch wenigstens durch irgend ein schönes Buch in Prosa, wie deren Rabelais, Montaigne und Daniel de Foë geschrieben haben.

III.
Erster Rath meines Wirthes, des Kupferschmieds

Ich habe Ihnen in meinem letzten Briefe gesagt, mein lieber Petrus, daß der Tod meiner Mutter für mich ein , unermeßlicher Schmerz, aber daß der meines Vaters zugleich ein unermeßlicher Schmerz und eine außerordentliche Verlegenheit gewesen war.

Ich habe Ihnen ferner gesagt, daß mein Vater nicht reich war; bei seinem Tode bemerkte ich, daß er nicht allein nicht reich war, sondern auch noch daß er arm, mehr als arm, – in dem Elende war!

Obgleich von einem strengen und frostigen Aeußern, hatte mein Vater doch ein nachsichtiges und gutes Herz. Die Armen, mit denen er bei der Ausübung seines Amtes zu thun hatte, wußten es wohl und liebten ihn nicht ohne Grund. Wenn er von der Höhe der evangelischen Kanzel gegen die selbstsüchtigen, geizigen, gefühllosen Herzen donnerte, so geschah es, weil sein Geldbeutel leer war; so geschah es, weil, da er überall um sich herum Unglück sah, das er nicht erleichtern konnte, sein Unwille gegen die überströmte, welche Gott reich gemacht hat, damit sie die zweite Vorsehung der Armen wären, und die, indem sie ihr Herz den Klagen der Unglücklichen verschließen, auf eine unwürdige Weise gegen die Sendung fehlen, die sie vom Himmel erhalten haben.

Mein Vater konnte in der That nicht zwei gefaltete Hände sehen, ohne sie durch ein Almosen zu öffnen, indem er nicht bedachte, daß er der erste Bedürftige seiner Gemeinde wäre. Seine Güte in dieser Beziehung war so sehr bekannt, daß ein armer Weber unseres Dorfes, der für sechszig Pfund Sterling Hanf, Flachs und Garn bei einem Handelsmanne in Nottingham gekauft hatte, und der durch das Abbrennen seines Hauses Alles verloren hatte und den Handelsmann nicht bezahlen konnte, der ihm die Waare geliefert, von diesem Handelsmanne verklagt und für diese Schuld verhaftet, sich, von den Gerichtsdienern begleitet, achtzehn Monate vor seinem Tode zu meinem Vater hatte führen lassen, – obgleich er wohl wußte, daß mein Vater diese Summe nicht zu seiner Verfügung hätte; – aber er rechnete auf das, was sich ereignete: nämlich daß mein Vater, von Mitleiden bewegt, mit ihm nach der Stadt aufbrach, damit anfing, zu versuchen, den Handelsmann zu erweichen, und als er sah, daß es ihm nicht gelang und der arme Weber in das Gefängniß geführt werden sollte, für ihn bürgte, indem er sich anheischig machte, jährlich vier Pfund Sterling zu bezahlen, ein Versprechen, das er so lange als er lebte, pünktlich hielt, so daß er bei seinem Tode bereits sechs Pfund von den sechszig bezahlt hatte.

Diese Armuth machte, daß der Geschäftsmann, an den ich mich wandte, nachdem er die Lage untersucht hatte, mir den Rath ertheilte, die Erbschaft nur unter der Begünstigung des Inventariums anzunehmen, was ich durchaus verweigerte, da es mir, wenn ich so handelte, geschienen hatte, dem Andenken meines Vaters einen Schimpf zuzufügen. Ich lud daher die Gläubiger, die mein Vater in dem Dorfe haben konnte, ein, ihre Rechtsansprüche vorzulegen, und da, als das Leichenbegängniß begangen und dem würdigen Manne die letzten Ehren erwiesen worden waren, nur noch elf Schilling in dem Pfarrhause übrigblieben, so ließ ich unser ganzes armseliges Mobiliar verkaufen, mit Ausnahme von dem Fernrohre meines Großvaters, des Bootsmannes, von dem mich niemals zu trennen meine Mutter mich hatte versprechen lassen, in welche Roth ich auch versinken möchte, indem sie dasselbe nicht allein als eine Familienreliquie, sondern auch noch als einen Talisman des Glückes betrachtete.

Als das ganze Mobiliar verkauft war, fand es sich, daß ich sechs Pfund Sterling vor mir hatte, aber daß ich dem Handelsmanne in Nottingham vierundfünfzig schuldig war.

Vielleicht hätte ich diese Schuld, die meinen Vater nicht persönlich anging, streitig machen können; aber, wie ich gesagt habe, ich wollte nicht, daß nur der Schatten eines Fleckens auf seinem Andenken bliebe. Ich übernahm seine Schuld unter denselben Bedingungen, und ich verpflichtete mich an seiner Stelle, – obgleich es von mir, der ich durchaus Nichts besaß, nicht sehr klug war, mich zu verpflichten, jährlich vier Pfund Sterling zu bezahlen, besonders wo die Urkunde über diese Schuld die Bedingung enthielt, daß bei dem Ausbleiben der Zahlung zwei Jahre hinter einander die ganze Summe acht Tage nach dem Ausbleiben der Zahlung dieses zweiten Jahres auf einen einfachen Befehl eingefordert werden könnte.

Aber trotz meiner getauschten Hoffnungen in der epischen und in der dramatischen Poesie, hoffte ich immer noch zur Berühmtheit und zum Vermögen dadurch zu gelangen, daß ich einen der tausend Zweige der Literatur wählte, die ich noch nicht versucht hatte, und die immer zu meiner Verfügung bleiben würden, sobald mein Genie geruhte, sich bis zu ihnen herabzulassen.

Ich glaubte daher diese Verbindlichkeit übernehmen zu können und übernahm sie ohne Furcht; dann, da ich am Ende, – bis daß ich das große Werk schriebe, das meinen Namen berühmt machen und mein Vermögen begründen sollte, – irgend einen Stand annehmen mußte, so wählte ich den, den mein Vater auf eine so würdige Weise ausgefüllt hatte; ich nahm die Weihe, was nur eine einfache Förmlichkeit war, da alle meine klassischen und theologischen Studien unter der Leitung des tugendhaften Mannes gemacht worden waren, den ich beweinte, und der, nachdem er für alle meine Bedürfnisse während seines Lebens gesorgt, noch meine Zukunft nach seinem Tode sicherte.

Aber es war nicht Alles, die Weihe erhalten zu haben, ich mußte auch noch, damit diese Weihe mir zu etwas diente, zu irgend einer Pfarrstelle gelangen, so klein und so schlecht bezahlt sie auch sein möchte. Ich war dermaßen gewöhnt, mit Wenigem zu leben, daß, ich war überzeugt davon, diese Pfarrstelle für meine Bedürfnisse hinreichend sein und mir noch das Mittel gewähren würde, dem Handelsmanne in Nottingham die Schuld abzutragen, die mein Vater gegen ihn eingegangen, um den armen Weber von Beeston aus der Verlegenheit zu ziehen, auf den ich außerdem nicht rechnen durfte, um mir zu helfen, da der würdige Mann gerade einen Monat nach meinem Vater gestorben war.

Uebrigens zweifelte ich nicht, daß, sobald man wissen würde, daß ein Mann, der Hoffnungen wie die meinigen bot, einwilligte, Dorfpastor zu sein, der Rector von Nottingham, von dem alle Pfarrstellen der Umgegend abhingen, sich beeilen würde, mir die Wahl unter denen zu lassen, welche offen ständen.

Man muß gestehen, daß mein Ehrgeiz nicht übertrieben war: ich war durch das Lesen der griechischen und lateinischen Schriftsteller aus dem Jahrhunderte des Perikles und dem Jahrhunderte des Augustus gebildet, und ich las sie mit mehr Leichtigkeit, als die englischen Schriftsteller des dreizehnten und vierzehnten Jahrhunderts; ich sprach französisch und deutsch wie meine Muttersprache; ich hatte einen gewissen natürlichen Verstand, verbunden mit einer hochmüthigen Treuherzigkeit, die mich offen meine Hoffnungen aussprechen ließ, so lächerlich sie auch sein mochten; endlich hatte ich in Ermangelung praktischer Studien so viel gelesen, so viel behalten, so sehr die Jahrhunderte mit, den Jahrhunderten und die Menschen mit den Menschen verglichen, daß ich glaubte, zu einer gründlichen Kenntniß der Menschheit gelangt zu sein, einer Kenntniß, welche mir erlaubte, auf der Tiefe der Herzen den wirklichen und wahren Grund aller Handlungen dieser Welt zu erforschen, wären sie auch in die dichtesten Schleier der Selbstsucht, in die dunkelsten Falten der Heuchelei gehüllt.

In der Berechnung und in der Theorie, mein lieber Petrus, waren meine Schlüsse in der That vollkommen; aber sobald ich von der Theorie zu der Praxis übergehen mußte, verwirrte mich der Anblick der Leute, mit denen ich zu thun hatte, gänzlich. Die Einsamkeit meiner Jugend, in welcher ich alle die erhabenen Ideen geschöpft hatte, mit deren Hilfe ich in der Stille und der Sammlung der Arbeit meinen Namen zu verherrlichen und mein Glück zu machen gedachte, war unvermögend gewesen, mich zu dem Umgange mit den Menschen zu bilden; meine in der Ruhe der Ueberlegung gefaßten Entschlüsse verschwanden, die Logik meines Unheiles verlor sich unter dem Erbeben meiner Lippen und dem Stammeln meiner Stimme, und, der Gefahr gegenüber, der ich aus der Ferne Trotz geboten, sie bekämpft, durch meine siegreiche Logik überwunden hatte, fand ich nur Redensarten ohne Kraft, Worte ohne Werth, kurz eine gänzliche Machtlosigkeit, unfähig anzugreifen, noch mich zu vertheidigen.

Und was es wirklich Unglückseliges für mich bei dieser bedauernswerthen Beschaffenheit meines Temperamentes gab, ist, daß ich, da ich trotz alledem das Gefühl meines eigenen Werthes, und demzufolge das Bewußtsein meiner geistigen Ueberlegenheit gerade über die hatte, welche mich so niederbeugten, meine Niederlage nicht ihrem wahren Grunde, das heißt einer unüberwindlichen Schüchternheit zuschreiben konnte, oder vielmehr nicht wollte; sondern ich suchte im Gegentheile eine fremde, meiner Eigenliebe schmeichelnde Ursache, die vor dem Lächerlichen dieses Ich schützte, auf dessen Würde ich um so eifersüchtiger war, als ich in Mitte der Leute, die es nach meiner Meinung nicht recht schätzten, ihm, gleichfalls nach meiner Meinung, allein seinen wirklichen Werth bewilligte; – einen Werth, der eines Tages glänzend und unbestritten aus dem großen Werke hervorgehen würde, das ich der Bewunderung meiner Mitbürger zu überliefern gedachte, wie die Sonne majestätisch und strahlend aus den Dünsten der Nacht oder den Wolken des Gewitters hervorgeht!

Aber um zu der Abfassung dieses großen Werkes zu gelangen, bedurfte ich jener Ruhe des Geistes, welche mir allein, so bescheiden es auch sein mochte, ein festes und sicheres Einkommen gewähren konnte, das der Seele die beständige Sorge für die Bedürfnisse des Körpers nahm.

Zu diesem Zwecke, und in der Erwartung der Pfarrstelle, die nicht ermangeln konnte mir irgend eines Tages bewilligt zu werden, verließ ich Beeston, wo ich keine Aussichten hatte, und miethete mir, indem ich als einziges Möbel nur das Fernrohr meines Großvaters, des Bootsmannes, mitnahm, in Nottingham ein kleines Zimmer, das mir ein wackerer Kupferschmied von Devonshire gegen fünf Schilling monatlich im dritten Stockwerke seines, in der Nähe der Sanct-Marienkirche gelegenen Hauses abtrat, dem, so ungebildet er auch in Bezug auf Erziehung war, nicht ein gewisser natürlicher Verstand fehlte.

Sobald ich mich einmal in Nottingham niedergelassen, war es meine Absicht, mich in der Welt vorzustellen, und, indem ich überall auf meinen Wegen jenes Aufsehen zurückließ, welches meine geistige Ueberlegenheit natürlicher Weise hervorbringen mußte, die Bewunderung zu benutzen, welche diese Ueberlegenheit erwecken würde, um mir von dem Rector die Pfarre geben zu lassen, nach der ich strebte.

Unglücklicher Weise kannte ich in Nottingham, um mich in die Welt einzuführen, durchaus Niemand als jenen Handelsmann, dem ich vier und fünfzig Pfund Sterling schuldete, die jährlich zu vier Pfund zahlbar waren. Die Logik sagte mir, daß dieser Mann alles Interesse dabei hätte, mich mein Vorhaben gelingen zu lassen, da er, wenn er mich auf den Weg des Glückes führte, nicht allein seine Forderung sicherte, sondern auch noch die Bezahlung derselben beschleunigte, weil es leicht zu begreifen war, daß ich von dem Tage an, wo ich mein Glück gemacht, nicht eine so armselige Schuld zurücklassen würde. Ich beschloß daher, obgleich ich ihm in der Wirklichkeit die vier Pfund erst am Ende des Jahres schuldig war, ihm dennoch, da das erste Quartal dieses Jahres abgelaufen, ein Pfund zu überbringen, das ich von den drei oder vier Guineen nahm, die mir übrig blieben. Das war ein Opfer, aber ohne allen Zweifel würde diese Vorausbezahlung meinen Gläubiger günstig für mich stimmen, und mir durch eine geschickte Spekulation bei weitem mehr eintragen, als eine Guinee, wäre sie auch auf die höchsten gesetzmäßigen oder wucherischen Zinsen angelegt, gewöhnlich in einem Jahre einträgt.

Geben Sie mir zu, mein lieber Petrus, daß ich, indem ich dabei in den Regeln der strengsten Rechtschaffenheit blieb, oder vielmehr mich zu dem Erhabenen des Zartgefühles erhob, da ich in der Wirklichkeit neun Monate vorausbezahlte, – geben Sie zu, daß ich da eine Berechnung gefunden hatte, die ein Meisterstück der Logik und zugleich der Speculation war.

Noch heute zweifle ich daher auch nicht, daß diese Berechnung vollkommen ohne die Dazwischenkunft meiner bedauernswerthen Schüchternheit gelungen wäre, doch diese verdarb Alles, und vernichtete meine weder zur Blüthe noch zur Frucht gereiften Hoffnungen in der Wurzel.

In der That, sobald ich einmal bei dem Handelsmanne, ihm und seiner Frau, einer mageren, unfreundlichen und zänkischen Person, gegenüber war, kurz, sobald ich einmal die Guinee aus meiner Tasche gezogen hatte und sie in die meines Gläubigers übergegangen war, der, – ich muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, – mir auf der Stelle einen Empfangsschein anbot, konnte ich kein einziges Wort mehr finden, um auf die Hauptfrage einzugehen, das heißt meiner Vorstellung in die Welt, so linkisch und kleinstädtisch fand ich mich, als ich mich in einem ungeheuren Spiegel betrachtete, dem gegenüber mich ein Unglückseliger Zufall gestellt hatte.

Dann wollte das Unglück, daß ich, um dem Empfangsscheine entgegen zu gehen, den mir der Handelsmann brachte, nachdem er sich erhoben, um ihn an seinem Pulte zu schreiben, selbst aufgestanden war, so daß ich mich mitten in dem Zimmer stehend und mit meinem Hute in der Hand wie Jemand befand, der bereit ist, Abschied zu nehmen.

Nun aber verlangte die Bitte, die ich an meinen Handelsmann zu stellen hatte, eine gewisse Entwickelung: ich mußte ihn nicht allein bitten, mich in der Welt vorzustellen, sondern ihm auch noch auseinandersetzen, zu welchem Zwecke ich diese Bitte an ihn stellte; mich wieder zu setzen, wo ich ausgestanden war, schien mir linkisch; meine lange Auseinandersetzung stehend zu machen, schien mir unmöglich. Außerdem war es augenscheinlich, daß der Handelsmann meinte, daß wir uns nichts mehr zu sagen hätten, ich hatte mich verneigt, um ihm den Empfangsschein aus der Hand zu nehmen; er, in der Meinung, daß ich mich so verneigte um ihn zu grüßen, hatte sich gleichfalls verneigt; da er sah, daß ich mich nicht wieder aufrichtete, richtete er sich auch nicht wieder auf, und da weder der Eine noch der Andere von uns sich weder rührte, noch sprach, so hatten wir das Ansehen von zwei Parenthesen, die den Satz erwarteten, .der ihnen zur Verbindung dienen sollte; indem sie sich verlängerte, – und sie verlängerte sich! – wurde die Lage dermaßen wunderlich, daß ich diese so magere, so unfreundliche und so zänkische Frau sich umwenden sah um zu lachen; nun gerieth ich in Verlegenheit; meine Verlegenheit steigerte ihre Lustigkeit; diese Lustigkeit, welche der Handelsmann zu theilen begann, ließ mich gänzlich den Kopf verlieren. Ich dachte an nichts Anderes mehr als eine Redensart zu suchen, nach welcher ich auf eine ehrenvolle Weise meinen Rückzug bewerkstelligen könnte; endlich glaubte ich sie gefunden zu haben, und indem ich mich wieder aufrichtete, sagte ich zu ihm.

– In drei Monaten, mein Herr, werde ich Ihnen eine weitere Guinee bringen.

Ohne Zweifel machte mich dieses Versprechen in den Augen meines Handelsmannes weniger lächerlich, denn indem er von dem Lachen zu dem einfachen Lächeln überging, sagte er

– Bringen Sie, mein Herr, und Sie werden willkommen sein.

Hierauf reichte er mir artiger Weise seine Hand, die ich linkisch mit einer kalten, feuchten und zitternden Hand ergriff. ,

Das kam daher, weil ich vollkommen fühlte, daß ich eine Albernheit dadurch begangen hätte, daß ich das sagte, was ich so eben gesagt hatte, weil ich gegen diesen Mann eine unnöthige Verpflichtung einging, welche einzugehen mich nichts nöthigte. Noch mehr: dieses Versprechen war nicht allein unnöthig, sondern es war auch noch gefährlich: wenn ich, nachdem ich dieses Versprechen gegeben, in drei. Monaten kam, um ihm die Guinee zu überbringen, so wußte er es mir keinen Dank, da er im Voraus davon benachrichtigt war; wenn ich dagegen nicht kam, so brach ich, obgleich ich diese Guinee erst in sechs Monaten schuldig war, mein Wort und machte ihn unwillig gegen mich. Der Fehler war so groß, daß ich, wie immer, außerhalb mir eine Ursache für das Unglück suchte, das mir begegnete endlich glaubte ich diese Ursache entdeckt zu haben: ich sagte mir, daß wenn die Frau des Handelsmannes nicht anwesend gewesen wäre, ich mich mit ihrem Gatten vollkommen Mann gegen Mann erklärt hätte; das, was mir begegnet, war also die Schuld dieser Frau: ich entfernte mich daher, indem ich sie verwünschte, wo in der Wirklichkeit ich allein es war, den ich verwünschen mußte.

Ich kehrte zu meinem Kupferschmied zurück, dem ich meinen Unfall erzählte, wobei ich demselben ein für meine Eigenliebe ganz befriedigendes Ansehen gab, und da ich von diesem Manne durchaus nicht eingeschüchtert war, so sagte er zu mir:

– Meiner Treue, Herr Bemrode, an Ihrer Stelle würde ich keine langen Umstände machen und geraden Weges zu dem Rector gehen. Sie stellen sich so gut vor, und Sie sprechen mit so vieler Beredtsamkeit, daß ich keinen Augenblick daran zweifle, daß Sie von ihm alles das erlangen, um was Sie ihn bitten werden.

Dieser Gedanke überraschte mich wie ein Lichtstrahl, und ich verwunderte mich, daß ich ihn noch nicht gehabt hätte. Der Rector war nicht verheirathet: demzufolge würde ich aller Wahrscheinlichkeit nach bei ihm keine Frau finden, die mich einschüchterte. – Ich drückte die Hand meines Kupferschmieds mit bei weitem mehr Freimüthigkeit, als ich die Hand meines Handelsmannes gedrückt hatte.

– Sie haben Recht, rief ich aus, ich werde zu dem Rector gehen. Er ist es, der die Kandidaten ernennt; ich werde mich ihm mit jener edlen Dreistigkeit vorstellen, die zu Gunsten dessen einnimmt, der sich bewirbt, und welche macht, daß man seine Bitte nicht zurückzuweisen wagt. Ich kenne die Menschen, mein lieber Wirth, und nach den ersten Worten, die er an mich richtet, werde ich seinen Charakter beurtheilen, und da man sich am Ende ein wenig helfen muß, wenn man seinen Zweck erreichen will, so werde ich mir mit dieser gründlichen Kenntniß helfen, die mir die Natur verliehen und welche die Erziehung vervollkommnet hat. Wenn er hochmütig ist, so werde ich ihm auf eine feine Weise und in den Grenzen schmeicheln, wo die Schmeichelei einem Christen erlaubt ist; wenn er gefühlvoll ist, so werde ich ihn bei dem Herzen angreifen und ihn rühren; wenn er gelehrt ist, so werde ich mich mit ihm über Wissenschaften unterhalten und ihm zeigen, daß auch mir die Wissenschaften nicht fremd sind; wenn er endlich unwissend ist, so werde ich ihn durch den Umfang meiner Kenntnisse in Erstaunen setzen, und, wie Sie sehen, mein lieber Wirth, wird er mir wohl in dem einen oder andern Falle das bewilligen müssen, um was ich ihn bitten werde.

Mein Wirth hatte mich aufmerksam angehört, aber es war augenscheinlich, daß er meine Begeisterung nicht theilte.

Nach Verlauf eines Augenblickes brach er das Schweigen.

– Sehen Sie, Herr Bemrode, was Sie da so eben gesagt haben, ist sehr schön gesagt . . .

– Nicht wahr? erwiderte ich ganz vergnügt über seinen Beifall.

– Ja . . . nur würde ich nicht so verfahren.

– Weil Sie nicht die Kenntniß der Menschen haben, mein lieber Wirth.

– Das ist möglich; ich habe nur Instinkt, den Instinkt eines Thieres vielleicht; aber dieser Instinkt hat mich niemals getäuscht.

Ich lächelte, und da ich wissen wollte, wie mein Wirth verfahren würde, so fragte ich ihn in einem Protectortone:

– Wohlan! mein lieber Freund, was würden Sie denn an meiner Stelle thun? Lassen Sie hören, sagen Sie, – ich bin ganz Ohr.

Und um ihn mit mehr Bequemlichkeit anzuhören, streckte ich mich gravitätisch in seinem großen Sessel von geschnitztem Holze aus.

– Nun denn! begann mein Wirth wieder, ich würde ihm ganz einfach sagen: »Herr Rector, Sie haben vielleicht von einem würdigen Manne sprechen hören, der dreißig Jahre Pastor der Gemeinde von Beeston gewesen ist; während dieser dreißig Jahre hatte er, was schwierig ist – sich die Achtung der Reichen und die Liebe der Armen zu erwerben und zu erhalten gewußt. Ich bin sein Sohn, Herr Rector, las heißt nichts, durchaus nichts durch mich selbst, und ich komme im Namen meines verstorbenen Vaters, Sie um eine kleine Dorfpfarre zu bitten, in welcher ich die Tugenden ausüben könnte, von denen er mir seit dem Tage meiner Geburt bis zu seinem Todestage das Beispiel gegeben hatte.« Das würde ich ihm sagen, Herr Bemrode, ich, der ich die Menschen nicht kenne, und ich bin überzeugt, daß diese wenigen Worte, so einfach und kunstlos sie auch sind, den Rector mehr rühren würden, als alle Ihre großen vorbereiteten Reden.

Ich lächelte mitleidig. – Mein Freund! sagte ich zu ihm, Ihre Rede, – denn es ist eine Rede, obgleich, wenn man die von Ciecro in seinem Buche von den Rednern vorgeschriebenen Lehren auf sie anwendet, es leicht zu sehen ist, daß sie in der Form fehlt, – mein Freund, Ihre Rede ist zu einfach; es fehlt ihr jene erhabene Kunst, die wir die Beredtsamkeit nennen. Nun ist aber die Beredtsamkeit die einzige Sache, welche rührt, welche erschüttert, welche fortreißt. Plinius sagt, daß die Alten die Beredtsamkeit mit goldenen Ketten vorstellten, die ihr aus dem Munde hervorhingen, um anzudeuten , daß sie unumschränkte Gebieterin auf dieser Welt sei, und daß alle Menschen ihre Sklaven wären. Ich werde daher beredt sein, und da ich meine Beredtsamkeit dem Verstande, dem Charakter und dem Temperamente Ihres Rectors anpassen werde, so wird es mir gelingen… Auch ich, rief ich in meiner Begeisterung aus, auch ich habe goldene Ketten, die an meinen Lippen hängen, und mit diesen Ketten werde ich die Welt unterwerfen!

– Dem sei so! murmelte mein Wirth mit einer Miene, welche sagen wollte: »Ich wünsche es Ihnen, mein lieber Freund, aber ich glaube es nicht . . .«

IV.
Zweiter Rath meines Wirthes, des Kupferschmieds

Da ich wegen des Besuches bei meinem Handelsmanne in meinen schönsten Anzug gekleidet war, so beschloß ich, meinen Besuch bei dem Rector nicht auf den folgenden Tag zu verschieben und meine Toilette zu benutzen, um, wie man zu sagen pflegt, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Außerdem schien es mir, da es mir so gänzlich auf einer Seite mißlungen war, daß es mir an demselben tage nicht auf der andern mißlingen könnte. Ich kannte meine Rechtswissenschaft zu gut, um nicht den Grundsatz des non bis in idem zu kennen; endlich schöpfte ich, wie es wahrhaft muthigen Herzen begegnet, eine neue Kraft aus meiner Niederlage, und es drängte mich, sie durch einen Sieg wieder gut zu machen.

Ich machte mich daher stolz und voller Hoffnung auf den Weg. – Unglücklicher Weise wohnte der Rector am Ende der Stadt. Wenn er zehn Schritte, zwanzig Schritte, sogar fünfzig Schritte weit von dem Hause meines Wirthes, des Kupferschmieds, gewohnt hätte, so zweifle ich noch heute nicht, daß ich ihn mit der unerschütterlichen Ueberlegenheit angeredet hätte, welche mir natürlicher Weise das gründliche Studium der Menschen verlieh, das ich gemacht hatte; aber, wie gesagt, wohnte er an dem anderen Ende der Stadt! In dem Maße, als ich weiter kam, schienen mir die vorbereiteten Beweisgründe weniger triftig, und wider meine.n Willen fiel mir die so einfache Rede meines Wirthes, des Kupferschmieds, wieder ein; anfangs verwarf ich sie verächtlich, denn unstreitig hielt sie sich, wie ich es dem Verfasser bereits selbst gesagt hatte, in einer bedauernswerthen Schwäche der Form; aber gleichfalls unstreitig lag in ihr eine der Bedingungen der Beredtsamkeit, freilich eine untergeordnete Bedingung, – submissa oratio, – wie Cicero sagt, aber eine Bedingung, die indessen ihren Werth hat: die Einfachheit.

Diese Zusammenstellung unserer beiden Reden,– meiner Rede und der Rede meines Wirthes, des Kupferschmieds, – erfüllte mich mit einem ersten Zweifel. War es besser, den Rector in dem erhabenen Style oder in dem einfachen Style anzureden? Mußte ich imposant oder natürlich sein?

Bei einem Umstande, von welchem meine ganze Zukunft abhing, verdiente die Frage wohl erwogen zu werden.

Ich blieb einen Augenblick lang stehen, um zu überlegen, ohne auf das von den Vorüberkommenden bei dem Anblicke dieses Mannes, welcher gesticulirte und mitten auf der Straße allein sprach, an den Tag gelegte Erstaunen zu achten.

Diese Berathung, – bei welcher ich mich selbst mit einer Unparteilichkeit, welche den ausgezeichnetsten Rechtsgelehrten von Großbritannien Ehre gemacht hätte, zum Advocaten des einfachen Styles machte, – hatte zum Resultate, den Advocaten in einen Richter umzugestalten und dem Richter ein dem Könige Salomo würdiges Urtheil vorzuschreiben.

Dieses Urtheil war, daß in der Rede, die ich an den Rector richten würde, eine glückliche Vereinigung des edlen und pathetischen Styles mit dem einfachen und schmeichelnden Style angebracht werden sollte, und daß ich auf diese Weise mit einem Glücke und einer Kenntniß, die nur mir angehörten, die beiden entgegengesetzten Grenzen der Bendtsamkeit berühren würde, – indem ich meiner Sprache gebot, die ich nach Belieben anfeuern oder zügeln würde, wie der geschickte Führer eines Triumphwagens zwei Pferden von verschiedener Race, das eine feurig und aufbrausend, das andere sanft und folgsam, gebietet, indem er sie durch seine Geschicklichkeit nöthigt, in demselben Schritte zu gehen und den Triumphwagen, in welchem er nach dem Ziele vorangeht, mit gleicher Kraft und mit gleicher Schnelligkeit zu ziehen!

Als das beschlossen, handelte es sich nur noch darum, die beiden Reden in eine einzige zu verschmelzen und aus dem erhabenen mit dem einfachen vereinigten Style den gemäßigten Styl zu bilden.

Ich dachte auf der Stelle darüber nach.

Aber darin lag die Schwierigkeit, – eine Schwierigkeit, an die ich nicht gedacht hatte, und die in Betracht der wenigen Zeit, die mir übrig blieb, um sie zu lösen, sich unüberwindlich vor mir aufrichtete. Vergebens erinnerte ich mich aller der von den alten und modernen Rednern, welche die Vereinigung des Einfachen und des Erhabenen behandelten, gegebenen Vorschriften; die Lage schien mir ausschließlich und die beiden Reden die einzigen, welche dieser glücklichen Verschmelzung nicht unterworfen werden konnten. Weit mehr noch, – und ich weiß nicht warum, – sie hatten in meinen Augen gegen einander einen Widerwillen gleich dem, den gewisse Menschen und gewisse Geschlechter unter sich haben, und ich erinnerte mich in dieser Beziehung eines irländischen Sprichwortes, welches, um die Antipathie zu schildern, die England von Irland trennt, mit mehr Wahrheit als Poesie sagt: » Man lasse drei Tage lang einen Irländer und einen Engländer in demselben Topfe kochen, und nach drei Tagen wird man zwei getrennte Brühen haben.«

Nun denn! mein lieber Petrus, es schien mir, daß eine solche Antipathie zwischen meiner Rede und der meines Wirthes, des Kupferschmieds, herrschte, daß, wenn man sie auch drei Tage und sogar sechs in demselben Topfe kochen ließe, man niemals dazu gelangen würde, daraus eine einzige Brühe zu machen.

Daran war ich mit meiner geistigen Arbeit und meinen philosophischen Betrachtungen, als ich Plötzlich mit Schrecken gewahr wurde, daß ich an der Thür des Rectors angekommen war.

Die Entfernung, welche dieses Haus von dem meines Wirthes, des Kupferschmieds, trennte, war zugleich zu klein und zu groß!

Sie werden zugeben, mein lieber Petrus, daß diese außer allen menschlichen Berechnungen liegenden Arten von Unglücksfällen für mich allein geschaffen sind …

Aus dieser für die Lage unpassenden Entfernung ging hervor, daß meine Rede, die ich noch heute als der anderen unendlich vorzuziehen betrachte, ohne irgend eine Veränderung von mir hätte gehalten werden, und demzufolge eine glänzende Wirkung hätte hervorbringen können, wenn das Haus des Rectors, wie gesagt, von dem meines Wirthes nur zehn, zwanzig oder selbst fünfzig Schritte entfernt gewesen wäre; daß eine gemäßigte, verschmolzene, in Einklang gebrachte Rede aus der Vereinigung beider Reden hätte hervorgehen können, wenn das Haus des Rectors, statt eine halbe Viertelstunde weit, zum Beispiel eine Viertelstunde weit von dem meines Wirthes entfernt gewesen wäre, während dieses Haus, indem es sich in einer mittleren Entfernung befand, entfernt genug war, daß meine erste Rede die Zeit gehabt hatte, umgestürzt zu werden, und zu nahe, als daß ich aus den Trümmern dieser ersten Rede die Zeit gehabt hätte, eine zweite zusammenzusetzen.

Ich trat daher zu dem Rector ein, indem ich durchaus nicht wußte, was ich ihm sagen sollte; mein Geist war von zwei gleichen Kräften hin und her gezogen, und da in der Dynamik, wie Sie wissen, mein lieber Petrus, zwei gleiche Kräfte sich neutralisiren, so werden Sie sich nicht verwundern, wenn ich Ihnen sage, daß in dem Augenblicke, wo der mich einführende Bediente die Thür von dem Vorzimmer des Rectors aufmachte, mein Verstand gänzlich neutralisirt war.

Ich hatte noch eine Hoffnung; denn Gott hat mir, – sei es nun meines Glaubens willen, oder sei es im Vertrauen auf mich selbst, die herrliche Gabe der Hoffnung im höchsten Grade verliehen, durch welche sich die Zukunft mit dem glänzendsten Schimmer und den reichsten Farben vergoldet, Schimmer und Farben, welche freilich in dem Maße verschwinden, als die Zukunft die Gegenwart, und die Gegenwart die Vergangenheit wird, aber die nichtsdestoweniger bewirken, daß mein Leben ein langer Lobgesang für den Herrn ist.

Ich hoffte daher auf Eines, nämlich daß der Rector Gesellschaft hätte und mich nicht sogleich empfangen könnte; während ich sein Belieben erwartete, würde ich meine Gedanken ordnen, und mit jener Klarheit des Urtheils, die zu besitzen ich mich rühme, berechnete ich, daß es nicht mehr als einer halben Stunde bedürfte, um meine Rede durchzugehen und sie klar zu machen, so verworren sie auch sein möchte.

Unglücklicher Weise war der Rector allein, und bei den von dem Bedienten ausgesprochenen Worten:

– Herr Rector, kann ich Herrn Bemrode, den Sohn des ehemaligen Pastors von Beeston, einführen? hörte ich eine barsche Stimme, welche antwortete:

– Lassen Sie ihn eintreten!

Diese Antwort ließ mir das Blut in die Wangen steigen und bedeckte meine Stirn mit Schweiß.

Der Bediente wandte sich nach meiner Seite um:

– Treten Sie ein, sagte er; der Herr Rector willigt ein, Sie zu empfangen.

Eine Wolke trat vor meine Augen; ich schritt wankend voran, und sah durch diese Wolke, an seinem Schreibtische sitzend, mit einem Käppchen von schwarzem Sammet bedeckt und in einen weiten Schlafrock von Molton gekleidet, einen Mann von ungefähr vierzig bis fünfzig Jahren, der mich, halb zurückgeworfen, die linke Hand auf der Armlehne seines Sessels ausgestreckt und die rechte mit einem Instrumente spielend, empfing, das ich anfangs für einen Dolch hielt, aber das ich bald als ein einfaches Falzbein erkannte.

In dieser Stellung voller nachlässiger Würde schien mir der Rector so majestätisch, daß ich zuverlässig nicht mehr Gemüthsbewegung empfunden hätte, wenn man mich in das Cabinet und zu der erlauchten Person König Georg’s II. selbst eingeführt hätte.

Sie werden daher auch begreifen, mein lieber Petrus, was sich zwischen ihm und mir zutrug. Statt daß ich anfing, die Ueberlegenheit zu gewinnen, indem ich ihn fragte, ihn bestritt,, ihn beherrschte, war er es, der mich zuerst anredete, und das, indem er mich um die Ursache meines Besuches und was ich von ihm wollte, mit einer solchen Klarheit der Betonung und einer solchen Schärfe des Blickes fragte, daß, ganz verwirrt, wie ich es bereits durch die wenige Zeit war, welche ich gehabt hatte, um meine beiden Reden in einander zu verschmelzen, dieses scharfe Auge und diese klangvolle Stimme mich vollends den Kopf verlieren ließen, und daß ich kaum die Worte von theologischen Studien, Dorfpfarre und evangelischem Berufe zu stammeln vermochte.

Der Rector wußte indessen bei alle dem mit einem Scharfblicke, der seinem Verstande die größte Ehre machte, das zu unterscheiden, was ich wünschte. Nun, und zu gleicher Zeit, als es mir schien, ein geringschätzendes Lächeln auf seinen Lippen zu sehen, antwortete er mir, oder glaubte ich vielmehr zu hören, – denn der Sinn des Gehöres war bei mir eben so sehr unterbrochen, als die anderen Sinne, – glaubte ich zu hören, sage ich, daß er mir antwortete, daß ich sehr jung wäre; daß weit Aeltere und weit Verdienstvollere als ich seit Jahren warteten, ohne noch angestellt zu sein; daß alle Pfarrstellen seiner Verfügung versprochen wären, und daß er in seinem Gefühle für Gerechtigkeit und Unparteilichkeit es sich als ein Verbrechen vorwerfen würde. Jemand zu meinen Gunsten zu überspringen; daß er mich daher aufforderte, meine Studien zu beendigen, die ihm eine Ergänzung nöthig zu haben schienen, und ihn in ein bis zwei Jahren wieder zu besuchen. Ich bat ihn nun, indem ich mehr als jemals stammelte, meinen Namen gefälligst in sein Gedenkbuch einzuschreiben, damit mein Name ihn an meine Person erinnerte, wenn sich derselbe zuweilen seinen Augen zeigte. Aber er sagte mir (es schien mir wenigstens so), indem er von dem geringschätzenden Lächeln zu einem spaßhaften Tone überging, daß er sich als sehr verlassen von seinem Schutzengel ansehen würde, wenn er jemals das Andenken an einen Mann verlöre, der sich ihm mit der Empfehlung der seltensten und kostbarsten der christlichen Tugenden – der Demuth vorstellte.

Und in der That, gebeugt und stammelnd, wie ich es vor ihm war, mußte ich ihm, je nach der hochmüthigen Natur seines Geistes oder der barmherzigen Stimmung seines Herzens, die höchste Geringschätzung oder das tiefste Mitleiden einflößen. Mochte es nun das eine oder das andere dieser Gefühle sein, die ich ihm eingeflößt, hatte, ich nahm nichtsdestoweniger in einem so beängstigten Zustande Abschied von ihm, daß er dem Blödsinn glich, und der sich, sobald ich ihn verlassen, in ein Gefühl der Wuth gegen dieses Haus verwandelte, das sich in einer so albernen Entfernung von dem meines Wirthes, des Kupferschmieds, befand, und gegen diesen Bedienten, der mich gleich bei meinem Erscheinen eingeführt hatte, statt mir die Zeit zu lassen, mich wieder zu erholen.

Mein Wirth, der Kupferschmied, wartete unter der Thür, das Gesicht nach dem Wege gewendet, den ich einschlagen mußte, um nach Haus zurückzukehren. Sobald er mich in der Ferne erblickte, erkannte er, daß die Sachen zwischen mir und dem Rector übel abgelaufen waren, und als ich in dem Bereiche seiner Stimme war, sagte er kopfschüttelnd:

– Ich wußte es wohl, lieber Herr Bemrode, daß Ihre Rede zu beredtsam war! Sie werden dem Rector so kühne Dinge gesagt haben, daß Sie ihn verletzt haben und er Ihnen die Pfarrstelle verweigert hat, um welche sie ihn baten. O! die Menschen sind so: sie können Denen, die sie als abhängig von sich betrachten, eine Ueberlegenheit nicht verzeihen, welche die Stellung ändert, indem sie in der Wirklichkeit aus dem Protector den Protegirten, und aus dem Protegirten den Protector macht . . . Der Herr Rector hat Ihre Ketten nicht gewollt, obgleich sie von Gold waren, nicht wahr? Daher rührt Ihre Traurigkeit, lieber Herr Bemrode, aber ich muß Ihnen gestehen, daß ich auf die so getäuschte Hoffnung bei der Rückkehr gefaßt war, als ich Ihre Zuversicht beim Fortgehen sah . . . Nun denn, lassen Sie hören! erzählen Sie mir das, und sagen Sie mir, wie sich die Sachen zugetragen haben.

– Mein lieber Wirth, antwortete ich ihm majestätischer Weise, ich glaube, wie Sie sagen, in der That einen ziemlich unangenehmen Eindruck auf den Herrn Rector hervorgebracht zu haben. Ich hatte mich geirrt, mein wackerer Freund, und ich habe so eben bemerkt, daß ich nicht geschaffen bin, um zu bitten . . . Ei nun! es sei, fuhr ich mit einem Schaukeln des Kopfes voller Entschlossenheit fort, da es der Wille der Vorsehung ist, so werde ich meinen Weg allein machen; es wird nur um so ehrenvoller für mich sein, ohne Protection, ohne Gunst, ohne Ränke meinen Zweck zu erreichen, und mein Glück nur meinen Talenten und meinen Tugenden zu verdanken!

– Ach! das ist gut gedacht und gut gesagt, lieber Herr Bemrode! rief mein Wirth aus, und es ist mir leid, daß meine liebe Freundin, die Frau des Pastors von Ashbourn, Sie nicht gehört hat! Das ist eine Frau von Verstand, die sie nach den wenigen Worten beurtheilt hätte, welche Sie so eben gesagt, und die Ihnen vielleicht einen guten Rath gegeben hätte; aber es ist nichts dabei verloren: sie ist in dem Laden, wo sie sich mit meiner Frau unterhält; wir essen mit einander zu Mittag . . . Erzeigen Sie mir das Vergnügen, unser Gast zu sein.

Ich wünschte nichts lieber; mehr als ein Mal, wenn ich, indem ich die drei bis vier Pfund Sterling, die mir übrig blieben, so lange als möglich ausreichen lassen wollte, zu meinem ganzen Mittagessen ein Stück Brod und ein Stück geräuchertes Rindfleisch, mit einem einfachen Glase Wasser benetzt aß, – mehr als ein Mal war der aus den unteren Theilen des Hauses hervorgehende Geruch einer kräftigen Küche bis zu mir hinaufgestiegen und hatte meint Nase auf eine angenehme Weise gekitzelt. Dieser Geruch führte die Sache meines Wirthes so siegreich, daß ich, ohne die geistige und gesellschaftliche Entfernung zu ermessen, die einen Redner von einem Kupferschmiede trennt, seine Einladung annahm. Demzufolge kehrte er zurück, indem er mir vorausging und seiner Frau zurief:

– Liebe Freundin, danke Herrn Bemrode, der uns die Ehre erzeigen will, mit uns zu Mittag zu essen.

Indem er sich hierauf nach einer Fremden umwandte, die sich mit seiner Frau unterhielt, sagte er:

– Meine liebe Madame Snart, da Sie eine heilige Frau sind, und Gott Sie zuweilen in dieser Eigenschaft begeistert, so lassen Sie mich Ihnen einen jungen Mann vorstellen, dessen Name Ihnen zuverlässig nicht unbekannt ist, und der in diesem Augenblicke sehr nöthig hat, daß eine Frau von Verstand, wie Sie, ihm einen guten Rath ertheilt. Es ist der Sohn des ehrenwerthen Herrn Bemrode, ehemaligen Pastors von Beeston, dem der Herr Rector eine Pfarrstelle verweigert hat, und der jetzt, da er keine andere Aussicht des Gelingens mehr hat, durch sein eigenes Verdienst seinen Zweck erreichen möchte.

Indem er sich hierauf von Neuem an mich sandte, sagte er zu mir:

– Setzen Sie Madame Snart das selbst auseinander, Herr Bemrode, was sich zwischen Ihnen und dem Herrn Rector zugetragen hat, so wie auch das Verlangen, das Sie tragen, sich dem kirchlichen Berufe zu widmen, auf der Ihnen Ihr Vater einen so schönen und so heiligen Weg vorgeschrieben hat.

Ich habe Ihnen bereits gesagt, mein lieber Petrus, in welchem Grade ich bei Personen von geringerem, und selbst dem meinigen gleichen Stande die Rednergabe besitze. Ich folgte daher auch auf der Stelle der Aufforderung meines Wirthes, des Kupferschmieds, und nachdem ich Madame Snart meine Unterredung mit dem Rector so ungefähr erzählt hatte, entwarf ich ihr ein Bild so voller christlicher Liebe, Frömmigkeit und Salbung über die Art und Weise, wie ich das Leben eines Dorfpastors in seinen Beziehungen mit seinen Pfarrkindern, die nur eine Ausdehnung seiner eigenen Familie sein dürften, auffaßte, daß die Augen der würdigen Frau sich mit Thränen füllten, während meine Wirthin schluchzte, und ihr fast eben so sehr als sie gerührter Gatte ausrief, wobei er seine Augen mit der Rückseite seiner geschwärzten Hand abtrocknete:

– He! was sagte ich Dir, Frau? . . He! Madame Snart, was sagte ich Ihnen? . . .

Und indem ich den Eindruck sah, den ich auf diese wackeren Leute hervorbrachte, indem ich die natürliche Beredtsamkeit bewunderte, welche diese Wirkung herbeiführte, fragte ich Euch, ohne diese Frage beantworten zu können, warum ich nicht eine Stunde vorher so mit dem Rector gesprochen hätte; was mich um so mehr in der Idee bestärkte, daß bei den Unglücksfällen wie der, welchen ich soeben erlitten hatte, immer ein Verhängniß obwaltete, das gegen mein Genie kämpfte.

Nun that sich bei der würdigen Madame Snart jene Richtigkeit des Verstandes und des Urtheiles kund, von welcher mir mein Wirth, der Kupferschmied, gesprochen hatte.

– Mein lieber Herr Bemrode, sagte sie zu mir mit noch von Thränen feuchten Augen und mit einem Ausdrucke der Stimme, welcher bewies, daß diese Thränen aus dem Herzen kämen, mein lieber Herr Bemrode, der Entschluß, den Sie gefaßt haben, sich allein, ohne Protection und ohne Ränke empor zu schwingen, ist edel, erhaben, großmüthig, und ich für mein Theil zolle ihm von ganzer Seele Beifall. Wie jetzt auf diese Weise Ihren Zweck erreichen? Ich will Ihnen das Mittel dazu angeben . . .

– Ach! meine liebe Dame, rief ich aus, wie viel Dank wäre ich Ihnen schuldig, wenn Sie mir eine Laufbahn eröffneten, welche, indem sie mir Sicherheit für die Gegenwart und Zukunft verleihet, mir erlaubt, meinen Namen berühmt zu machen und meine Zeitgenossen durch das große Werk in Erstaunen zu versetzen, das ich vorhabe, und für welches ich zugleich der Einsamkeit, der Stille und der Ruhe bedarf . . . Meine liebe Madame Snart, ich gebe das feierliche Versprechen, Ihnen dieses Werk zu widmen, und auf diese Weise im Angesichte der Nachwelt alle die Dankbarkeit anzuerkennen, die ich ihnen schuldig sein werdet,

Die gute Frau lächelte mit schwermüthiger Miene.

– Herr Bemrode, sagte sie, was Sie mir da als Belohnung für den kleinen Dienst anbieten, den ich Ihnen erwiesen haben werde, vorausgesetzt, daß ich Ihnen denselben erweise, gehört zu den Eitelkeiten dieser Welt, Eitelkeiten, auf welche ich seit langer Zeit verzichtet habe. Beschäftigen wir uns daher, wenn es Ihnen gefällig ist, damit, Ihnen zuvörderst diese Einsamkeit, diese Stille und diese Ruhe zu verschaffen, die Sie nothwendig haben, um das in Rede stehende große Werk zu schreiben, und sobald dieses Werk einmal geschrieben ist, so werden Sie, sein Sie überzeugt davon, weit Verdienstvollere als mich finden, um es diesen zu widmen.

– Niemals, Madame Snart! niemals! rief ich aus; durch Ihre Hilfe wird das Werk geschrieben worden sein, Ihnen wird es daher angehören; aber, wie Sie mit jener Richtigkeit des Verstandes sagen, welche meine Bewunderung erregt, denken wir zuvörderst an das Dringendste, das heißt an die Mittel, mich bekannt zu machen, und demzufolge mich allein emporzuschwingen.

Es ist sehr einfach, Herr Bemrode, und es wird kein großes Verdienst für mich sein, es gefunden zu haben. Bitten Sie die Pastoren der Umgegend, die alle Ihren Herrn Vater gekannt haben, und Ihnen zuverlässig diese Bitte nicht ausschlagen werden, um die Erlaubniß, eines Tages an ihrer Stelle vor ihren Gemeinden zu predigen. Nehmen Sie zum Thema Ihrer Predigten die Texte entweder aus dem alten Testamente, oder aus dem neuen, die sich am besten für Ihre Beredtsamkeit eignen; machen Sie sich einen Ruf in den Dörfern und in den Flecken, die zu der Grafschaft Nottingham gehören, und ich zweifle nicht, daß bei der ersten erledigten Pfarrstelle die Bewohner eines dieser Flecken oder eines dieser Dörfer Sie von selbst zum Pastor verlangen werden. Bei einem solchen Verlangen wird der Herr Rector, welches Vorurtheil er auch gegen Sie haben möge, wohl gezwungen sein, sich zu fügen. Sie werden Ihre Pfarrstelle haben, und zugleich die edle Genugthuung, sie nur Ihrem eigenen Verdienste zu verdanken.

– Oh! liebe Madame Snart! rief ich nochmals aus, mein Wirth hat es mir wohl gesagt, daß Sie eine Frau von gutem Rathe waren!… Ja, ich werde die Kanzel besteigen; ja, ich werde predigen; ja, ich werde Gott preisen und die Boshaften von der Höhe meiner Beredtsamkeit vernichten. . . Ich fühle mich bereits bei dem bloßen Gedanken begeistert, vor diesen Menschen zu sprechen, die ich so lange studirt habe und die ich so genau kenne! Nur eine Gelegenheit!. . . Sie, die Sie bereits so viel für mich gethan haben, liebe Madame Snart, bieten Sie mir diese Gelegenheit, und es ist nicht allein mein erstes Werk, das ich Ihnen widmen werde, sondern auch noch mein zweites Werk, mein drittes Werk! alle Werke, die ich schreiben werde!

– Ach! Herr Bemrode, antwortete mir Madame Snart, unglücklicher Weise für mich bietet sich diese Gelegenheit von selbst, und ich werde nicht die Mühe haben, sie weit zu suchen: mein Gatte, der seit länger als einem Jahre krank ist, hütet seit drei Wochen das Bett. Seine Gemeinde, welche er an das Wort Gottes gewöhnt, hat nöthig, daß irgend Jemand seine Stelle vertritt. Ich kehre noch heute Abend zu ihm zurück; ich werde ihn von Ihrem Wunsche benachrichtigen, und sobald von dem Pastor Snart einmal das Beispiel gegeben ist, Ihnen seine Kanzel zu leihen, so werden Ihnen alle Kanzeln der Umgegend offen stehen.

– Oh! meine gute Madame Snart! äußerte ich immer dankbarer gegen die würdige Frau, bei meiner Seele, Sie retten mir das Leben!

– Nun denn! wann wünschen Sie zu predigen?

– Sobald als möglich auf der Stelle morgen, wenn der Herr Pastor darein willigt.

– Morgen, das ist ein wenig zu früh, antwortete die gute Frau mit ihrem sanften und schwermüthigen Lächeln; die Feierlichkeit Ihres ersten Auftretens würde nicht die Zeit gehabt haben, bekannt gemacht zu werden.

– Dann nächsten Sonntag, meine liebe Frau; nicht später, ich bitte Sie inständigst darum ich brenne vor Verlangen, meinen Anfang in der Laufbahn zu machen! Nächsten Sonntag, nicht wahr?

– Bedenken Sie, daß es heute Dienstag ist. . .

– Nun denn! ich habe vier Tage vor mir, ohne die Morgenstunden des fünften zu rechnen; das ist Alles, was ich nöthig habe, liebe Madame Snart, es ist sogar mehr, als ich nöthig habe.

– Sie kennen die Hilfsquellen Ihres Verstandes und und den Reichthum Ihrer Gelehrsamkeit besser als ich, Herr Bemrode; der Tag, den Sie wählen, wird also unser Tag sein.

– Aber. . . Herr Snart? fragte ich mit Besorgniß.

– Herr Snart wird Ihnen morgen durch einen Brief für den Dienst danken, den Sie ihm erzeigen.

– Also auf nächsten Sonntag! rief ich auf dem Gipfel der Freude aus.

Nehmen Sie am Sonnabend Abend das Bett an, Herr Bemrode, das ich Ihnen in meinem Hause anbiete, und am Sonntag Morgen stehen die Kirche, die Kanzel und das Dorf Ashbourn zu Ihren Diensten.

Ich stand im Begriffe, mich zu den Füßen der guten Madame Snart zu werfen und Ihre Kniee zu küssen, als man meldete, daß das Mittagessen angerichtet wäre.

– Nun denn! nun denn! mein lieber Herr Bemrode, geben Sie Madame Snart die Hand, und zu Tische! . . . Denn es giebt nur eine Sache auf der Welt, welche schlimmer ist als eine schlechte Predigt, – das sei ohne Anspielung auf die gesagt, die Sie am Sonntag halten werden, und die, ich bin überzeugt davon, ein Meisterwerk sein wird, – das ist ein kalt gewordenes Mittagessen.

– Zu Tische! Wiederholte ich, zu Tische!. . . Ich weiß nicht, was Ihr Mittagessen ist, aber Sie werden sehen, was meine Predigt sein wird.

Das Mittagessen meines Wirthes, des Kupferschmieds, war vortrefflich; was meine Predigt war, werden Sie in meinem nächsten Briefe erfahren, mein lieber Petrus.

V.
Dritter Rath meines Wirthes, des Kupferschmieds

Am folgenden Tage erhielt ich in der That einen Brief von Madame Snart, welche mir meldete, daß das von ihr gegebene Versprechen von ihrem Gatten genehmigt wäre, und daß, da meine Predigt bereits in dem Dorfe gemeldet sei, die Gemeinde von Ashbourn für den folgenden Sonntag auf mich rechnete.

Ich hatte diesen Brief nicht abgewartet, um mich an’s Werk zu machen, und am selben Abende meines Besuches bei dem Rector und meines Mittagessens bei meinem Wirthe, dem Kupferschmiede, hatte ich in Folge des gefälligen, von Madame Snart gemachten Anerbietens meine Predigt angefangen.

Sei es nun, daß ich mich in einer reizbaren Gemüthsstimmung befand, oder sei es, daß ich den Gedanken gehabt hatte, daß ich, wenn ich eine große Wirkung hervorbringen und meine Zuhörer in Erstaunen versetzen wollte, fest auftreten und durch meine Strenge imponiren müßte, ich beschloß zum Gegenstande meiner Predigt die Laster der Zeit und die Verdorbenheit des Jahrhunderts zu nehmen. Das Thema war herrlich, glänzend, ohne Grenzen. Wenn ich vor dem Hofe von Frankreich, vor dem Hofe von Spanien, oder selbst vor dem Hofe von England zu sprechen gehabt hätte, so zweifle ich nicht an dem Eindrucke, den eine solche Predigt in dem Munde eines Bossuet, dessen sie wahrhaft würdig war, hervorgebracht hätte; aber für ein kleines Dorf von fünf Hundert Seelen, wie Ashbourn, für alltägliche und mit den meisten dieser Laster, gegen welche ich eiferte, unbekannte Gemüther, für eine Bevölkerung, bei welcher alle Stunden während der Woche der Arbeit, alle Stunden des Sonntags der Frömmigkeit und der Ruhe gewidmet waren, und unter welcher die Trunkenbolde, die Faulenzer und die Wüstlinge eine Ausnahme waren, war vielleicht eine solche Predigt nicht ganz an ihrem Platze. Unglücklicher Weise sah ich das nicht; ich that das, was ein dramatischer Dichter thun würde, der ein Stück wie Hamlet oder wie Don Juan mit fünfzig Personen und mit fünfundzwanzig Veränderungen der Decorationen für ein kleines Marionettentheater schreiben würde, auf welchem ein lebendiger und wirklicher Schauspieler, wenn er sich aufrecht hielte, die Gesimse einstoßen würde, wie der olympische Jupiter von Phidias das Gewölbe des Tempels eingestoßen hätte, wenn ihn die Lust angewandelt, von dem Sessel von Gold und von Elfenbein aufzustehen, auf dem er saß. Statt kaltblütiger Weise den Schauplatz und die Zuschauer zu beurtheilen, verblendete ich mich selbst an dem Glanze meines Themas; ich berauschte mich an den Strömen meiner eigenen Beredtsamkeit, und als ich am Sonnabend Morgen aus meinem kleinen Zimmer zu meinem Wirthe, dem Kupferschmiede, hinunterging, um ihm meine Predigt vorzulesen, bedauerte ich ganz aufrichtig, daß die Calvins, die Wiclefs, die Zwinglis, die Boffuets, die Fenelons, die Flèchiers, die Bourdaloues, die Massillons, kurz alle Prediger, die gelebt hatten oder noch lebten, nicht am folgenden Tage in der kleinen Kirche von Ashbourn versammelt wären, damit sie dort ein für alle Male eine tüchtige Lection in der geistlichen Beredtsamkeit erhielten.

An meiner wichtigen und mit mir selbst zufriedenen Miene sah mein Wirth, der Kupferschmied, wohl, daß sich irgend was Neues zutrüge.

– Nun denn! mein lieber Herr Bemrode, was haben Sie uns Gutes mitzutheilen?

– Ich will Ihnen sagen, mein würdiger Wirth, daß meine Predigt fertig ist.

– Und Sie sind mit ihr zufrieden? erwiederte er.

– Das heißt, antwortete ich mit meiner gewöhnlichen «Offenherzigkeit, das heißt, daß ich sie als ein Meisterstück ansehe.

–Hm! hm! äußerte mein Wirth.

– Sie zweifeln? sagte ich geringschätzender Weise.

– Mein lieber Herr Bemrode, antwortete mir der würdige Mann, ich weiß nicht, ob es mit den Predigten wie mit den Kasserolen, und mit den Kupferschmieden wie mit den Predigern ist, aber ich habe die schlechten Arbeiter immer mit ihrer Arbeit zufrieden gesehen, während die Meister, die wahren Meister, immer abwarten, bis das Lob der Kenner sie über den Werth ihrer eigenen Werke unterrichtet hat.

– Nun denn! antwortete ich, mein würdiger Wirth, gerade deshalb komme ich zu Ihnen, um Sie um Ihre Meinung zu fragen; ich will Ihnen meine Predigt vorlesen, und wenn Sie dieselbe gehört, so werden sie mir offenherzig sagen, was Sie von ihr halten.

– Sie erzeigen mir zu viel Ehre, mich so zum Richter zu nehmen, sagte mein Wirth, indem er seinen Hut lüftete, fragen Sie mich, ob ein Kessel von gutem oder schlechtem Kupfer, ob eine Kasserole gut oder schlecht verzinnt ist, so werde ich in meinem Elemente sein, und Ihnen dreist und ruhig antworten; was aber eine Predigt anbetrifft, so könnte ich Ihnen nur den empfundenen Eindruck angeben, ohne nur zu versuchen, Gründe für meine gute oder schlechte Meinung anzugeben.

– Und was Sie da thun werden, wird in der That von einem vernünftigen Manne zeugen, mein würdiger Wirth, und ich sehe wohl, daß Sie die Anekdote des Apelles und des Schuhmachers kennen.

– Sie irren sich, Herr Bemrode, antwortete mein Wirth einfacher Weise, ich kenne sie nicht.

– Wohlan! ich will sie Ihnen erzählen; sie wird meiner Predigt vortrefflich zur Vorrede dienen; nur werden Sie annehmen, daß ich Apelles bin, und daß Sie der Schuhmacher sind.

– Ich werde Alles annehmen, was Ihnen beliebt, Herr Bemrode. . . Lassen Sie die Anekdote hören.

Hierauf fügte er mit einem Gefühle der Bewunderung hinzu, für das ich ihm Dank wußte:

– Wahrlich, jedes Mal, wo ich Sie verlasse, nachdem ich mich mit Ihnen unterhalten habe, mein lieber Herr Bemrode, frage ich mich, wo Sie alles das gelernt haben, was Sie wissen!

Ich lächelte mit zufriedener Miene und verneigte mich leicht, wie um das Compliment im Fluge aufzuraffen, das von den Lippen meines Wirthes gefallen war.

– Apelles, sagte ich zu ihm, war ein berühmter Maler von Kos, Ephesus oder Colophon; seine Biographen sind wie die des großen Homer über den Ort seiner Geburt nicht einig. Alles was man von ihm weiß, ist, daß er 332 Jahre vor Jesus Christus in Ansehen stand.

– Den Teufel! unterbrach mich mein Wirth lächelnd, 332 Jahre vor Jesus Christus! wissen Sie, daß das nicht gestern war, Herr Bemrode, und daß es mich nicht wundert, wenn man den Ort seiner Geburt vergessen hat. . . Wer wird in zwei Tausend Jahren wissen, Herr Bemrode, wo Sie und ich geboren sind?

– Oh! mein Freund, was in dieser Beziehung mich anbetrifft, so wird man es wissen; denn damit die Nachwelt nicht im Zweifel bleibt, oder in dieser Beziehung nicht irgend einen Irrthum begeht, so werde ich in der Vorrede des großen Werkes, das ich gleich nach meiner Ernennung zu schreiben gedenke, Sorge tragen zu beurkunden, daß ich am 24. Juli 1728 in dem Dorfe Beeston geboren bin.– Aber kommen wir auf Apelles zurück, welcher, da er diese Vorsicht vernachlässigt, die Nachwelt im Zweifel gelassen hat.

– Erzählen Sie, mein lieber Herr Bemrode; wahrlich, Sie sprechen wie ein Buch!

– Ich sagte also, daß Apelles gegen das Jahr 332 vor Jesus Christus in Ansehen stand. Er lebte an dem Hofe Alexanders, hierauf an dem des Ptolomäus. Er war ein großer Arbeiter, ein Maler, der nicht einen Tag zubrachte, ohne seine Pinsel zur Hand zu nehmen, wie ich nicht einen Tag zubringe, ohne meine Feder zu berühren, und da er bescheiden war, wie es einem großen Talente geziemt, so stellte er seine Gemälde öffentlich aus, und sammelte über sie die geringsten Meinungen.

– Wie Sie es machen, lieber Herr Bemrode, da Sie in diesem Augenblicke so gefällig sein wollen, mich um die meinige zu fragen.

– Hören Sie Folgendes, mein Freund, begann ich wieder. Eines Tages machte ein unter die Menge gemischter Schuhflicker eine so richtige Bemerkung über die Sandale einer der Personen, daß Apelles ihm dankte und den von diesem Manne angedeuteten Fehler verbesserte, was »den Chieupus in alten Schuhen,« wie unser herrlicher Shakespeare sagt, so hochmüthig machte, daß er, als er am folgenden Tage zurückgekehrt war, sich nicht mehr damit begnügte, die Sandalen zu tadeln, sondern das Uebrige des Gemäldes zu tadeln begann; aber dieses Mal unterbrach ihn Apelles kurz in seinen Bemerkungen, und indem er ihm die Hand auf die Schulter legte, sagte er zu ihm: «Schuster! bleib bei deinem Leisten!« was im Lateinischen ausgedrückt wird: Ne sutor ultra crepidam! und im Griechischen: Mé uper to upodema, skutotmos!

– Und das war gut gesagt, lieber Herr Bemrode; nur, wenn in Ihrer Predigt nicht von kupfernem Küchengeschirr die Rede ist, so weiß ich nicht, was ich Ihnen darüber werde sagen können, denn Sie werden mir wahrscheinlich wie Apelles seinem Schuhflicker antworten: »Kupferschmied! bleib bei deiner Kasserole!«

– Es ist weder ein Tadel, noch ein Lob meiner Predigt, was ich von Ihnen verlange, mein lieber Wirth; ich bitte Sie einfach, sich zu. meinem Auditorium zu machen, und mir zu sagen, welchen Eindruck sie auf Sie hervorgebracht haben wird.

– Oh! wenn Sie nicht mehr von mir verlangen, mein lieber Herr Bemrode, das ist etwas Leichtes, und Sie sollen nach Wunsch bedient werden . . . Fangen Sie daher an: ich bin ganz Ohr.

– Setzen Sie sich, um ganz wie in der Kirche zu sein. . . Ich spreche für sitzende Leute, und Cicero stellt einen Unterschied zwischen den Reden auf, welche vor einem sitzenden Auditorium, oder einem stehenden Auditorium gehalten werden sollen.

– Da Sie es wünschen, Herr Bemrode, so werde ich mich setzen.

Und er setzte sich.

Was mich anbetrifft, so blieb ich stehen, denn der Prediger steht auf der Kanzel, was ihm eine große Leichtigkeit für den Vortrag seiner Rede und die Mannigfaltigkeit der Geberde verleiht.

Hierauf hustete ich, spie aus, wie ich es die verschiedenen Prediger hatte thun sehen, deren Predigten ich beigewohnt hatte, und fing meine Vorlesung an.

Ich muß Ihnen, unter uns gesagt, gestehen, mein lieber Petrus, daß ich diese Vorlesung meinem Wirthe nicht allein darum hielt, um seine Meinung zu haben, sondern auch noch um mich auf die Feierlichkeit des folgenden Tages vorzubereiten, kurz, um ihr zur Generalprobe zu dienen, wie die Dichter von Schau- und Trauerspielen sagen.

Ich vernachlässigte daher auch keines jener künstlichen Mittel der Sprache, welche die Kunst des Redners sind; ich hatte das, was Cicero für den Mann verlangt, der öffentlich spricht, eine gefällige Aussprache, ein angenehmes Gesicht und eine edle Geberde.

Stimme, Geberde und Gesicht harmonirten ganz mit einer hohen Gewandtheit; ich war geringschätzend, wenn ich von den Mächtigen der Erde sprach, vor denen der geringste Bettler im Himmel den Vortritt haben würde; ich war finster und streng, als ich von den Lastern der Zeit und der Verdorbenheit der Sitten sprach; ich war schrecklich, ohne Erbarmen, donnernd, als ich die den Sündern vorbehaltenen Qualen in den sieben von Dante, dem großen florentinischen Dichter, offenbarten Kreisen der Hölle herzählte; endlich gelangte ich zu meinem Schlusse dermaßen durch das Feuer und die Heftigkeit erschöpft, die ich darauf verwandt hatte, meine Predigt zu wiederholen, daß ich bei dem letzten Satze, oder vielmehr bei dem letzten Worte dieses Satzes, – denn die Begeisterung hatte mich bis an das Ende aufrecht erhalten, – auf einen Stuhl sank, der sich glücklicher Weise hinter mir befand; was sagen will, daß ich auf den Boden gefallen wäre, wenn sich dieser Stuhl nicht dort befunden hätte.

Ich hatte keine Kraft mehr zu sprechen, aber ich befragte meinen Wirth mit dem Blicke.

Er blieb indessen sitzen, indem er kein Wort sagte und sich hinter dem Ohre kratzte.

– Nun denn? fragte ich ihn endlich, indem ich anfing, einige Besorgnisse über dieses anhaltende Schweigen zu fassen.

– Ei nun! sagte er zu mir, was Sie mir da soeben vorgelesen haben, Herr Bemrode, ist in der That sehr schön.

– Ah! äußerte ich, indem ich wieder Athem schöpfte und meinen Kopf wieder erhob, mit dem ich stolzer Weise nickte.

– Aber. . . wagte mein Kupferschmied zu äußern, der ohne Zweifel zögerte, indem er sich der Anekdote des Apelles und des Schuhflickers erinnerte.

– Aber, begann ich wieder, indem ich ihn unterbrach, aber was?. . .

– Aber ich hielt Sie nicht für so bös, lieber Herr Bemrode . . . Ach! wie streng Sie sind! Wissen Sie, daß Sie uns arme Sünder verteufelt mitnehmen?

– Ich bin nicht bös, mein lieber Wirth, antwortete ich mit Stolz: die Menschen sind es. Da ich nun aber die Menschen kenne, so behandle ich sie nach ihrem Verdienste.

– Ei! mein lieber Herr Bemrode, antwortete mein Wirth, ich bin in meinem Leben nur ein Mal im Schauspiele gewesen; das war im vorigen Jahre, als eine Schauspielertruppe von London nach Nottingham kam. Man spielte ein Stück, dessen Verfasser ich nicht kenne und dessen Titel ich vergessen habe; Alles, was ich mich erinnere, ist, daß darin folgender Grundsatz vorhanden war: »Wenn man allen Denen die Peitsche gäbe, die sie verdienen, welcher Mensch würde da sicher sein, nicht gepeitscht zu werden?«

– Sie behaupten also, mein lieber Wirth, rief ich, ich gestehe es, ein wenig gereizt über diese Anführung aus Hamlet aus, die wie der rauhe Nachtwind, von dem der dänische Prinz spricht, mir das Gesicht zerschnitt; Sie behaupten also, daß die Menschen gut sind, und daß sie weder Laster noch Fehler haben?

– Ich sage nicht, daß die Menschen gut sind, lieber Herr Bemrode, ich sage Ihnen, daß ich sie nicht für so bös hielt . . . ich sage Ihnen, daß Sie Mühe haben werden, Ihre Zuhörer zu überreden, daß Sie das einzige gerechte, rechtschaffene, züchtige, billige und sanfte Wesen sind, das es auf der Welt giebt. Uebrigens sage ich Ihnen nochmals, daß Ihre Predigt sehr schön ist, Herr zukünftiger Pastor… aber ich erwarte Sie morgen bei der Rückkehr von Ashbourn. Auf Wiedersehen und glückliche Reise, lieber Herr Bemrode!

Und indem er hierauf seinen Hut nahm, ging er hinaus und ließ mich unter seinen Kesseln und Kasserolen, mit meiner Predigt in der Hand, allein.

Ich blieb einen Augenblick lang ganz verblüfft über das Urtheil meines Wirthes, des Kupferschmieds; indem ich hierauf endlich den Kopf wieder erhob und ihn schüttelte, schlug ich den Weg nach dem Dorfe ein, wo ich am folgenden Tage meine erste Predigt halten sollte, und wo mir eine so rührende und so väterliche Gastfreundschaft angeboten worden war.

Ich hatte beschlossen, zu Fuß zu gehen, um meinen armen Guineen – welche, trotz meiner Sparsamkeit und meiner Entbehrungen, sichtlich abnahmen – den Preis eines Wagens zu ersparen. Da ich sieben Meilen auf einer wenig besuchten Straße zurückzulegen hatte, so ging daraus hervor, daß mir das Urtheil meines Wirthes wieder einfiel. In dem Maße, als ich mich von ihm entfernte, um mich dem Dorfe zu nähern, wo ich predigen sollte, nahm meine Aufregung gegen den wackern Mann ab, und es schien mir allmählich, daß es seiner Meinung darum, daß sie zu streng war, dennoch nicht an Verstand fehlte. – In der That, mit welchem Rechte wollte ich, ein junger Mann von drei und zwanzig Jahren, und demzufolge jünger als die meisten der Zuhörer, die ich haben würde, sie unter der Last meiner Strenge vernichten, ihnen Laster vorwerfen, die sie vielleicht nicht kannten, Verbrechen, die sie ohne Zweifel nicht begangen hatten? Ich war nicht ihr Pastor; ich hatte nicht unter ihnen gelebt; ich sollte alle diese nach mir gewandten Gesichter zum ersten Male sehen. Setzte ich mich nicht ihrem Urtheile aus, wenn ich mich so zu ihrem Richter aufwarf? Konnte mir meine gründliche Kenntniß der Menschen, eine Kenntniß, die sie nicht im Stande waren zu würdigen, zur Entschuldigung dienen? Es gab dabei in der That gar Vieles zu sagen, was mir mein Wirth, der Kupferschmied, nicht gesagt hatte, zuvörderst, weil ich ihm nicht die Zeit dazu gelassen, und vielleicht auch, weil sein unausgebildeter gesunder Verstand wohl ein Ganzes auffassen , aber nicht eine so große Anzahl einzelner Umstände übersehen konnte. Zuverlässig war meine Predigt darum nicht weniger schön; sie mußte darum nichtsdestoweniger ein herrliches Stück der Beredtsamkeit bleiben; nur fragte ich mich, ob das wohl solche Beredtsamkeit wäre, die man vor alltäglichen und rohen Wesen ausschütten dürfte. Hieß das nicht einen falschen Weg einschlagen, und, wie man im gemeinen Leben sagt, Perlen vor die Säue werfen? – Das waren die Betrachtungen, welche mich auf der ganzen Lange des Weges überfielen, und die, ich wiederhole es, mit jedem Schritte weit dringender wurden.

Unglücklicher Weise hatte ich nicht mehr die Zeit, eine andere Predigt zu verfassen; meine Predigt war für den folgenden Tag angekündigt und erwartet. Ich beschloß daher, die Nacht damit zuzubringen, sie wieder durchzusehen, die Haupthärten derselben zu mildern und die heftigsten Stellen derselben zu streichen. Diese Aenderungen waren mir durch meine eigenen Betrachtungen eingegeben, die in Folge der Bemerkungen meines Wirthes, des Kupferschmieds, gekommen waren, und auch durch den Anblick der Gegend und ihrer Bewohner. – Das Ansehen der Gegend war das einer reizenden, bereits unter den warmen Sonnenstrahlen gelb werdenden Ebene, in welcher sich stellenweise köstliche Baumgruppen befanden, das Ganze von guten Landleuten belebt, die sich den verschiedenen Arbeiten des Ackerbaues hingaben, welche die Jahreszeit erheischte.

Alle diese Leute, welche diese Ebene mit ihren Arbeiten und ihren Gesängen belebten, hatten das Ansehen rechtschaffener Sterblicher, die unfähig waren, an das Böse zu denken und boshaft zu handeln. So daß, als ich aus der Ferne den Kirchthurm des Dorfes sah, wohin ich mich begab, ich mehr als jemals überzeugt war, daß dieses Mal, wie immer, mein Wirth, der Kupferschmied, es war, der Recht hatte, und ich, der Unrecht hatte.

Mit diesem Eindrucke kam ich nach dem Pfarrhause. Die gute Madame Snart erwartete mich unter der Thür, sie führte mich zu ihrem Gatten, der, seit einem Monate auf einem Kanapee liegend, nicht mehr ausging, nicht mehr aufstand, und an einer Lungenschwindsucht dahin starb.

Der Kranke reichte mir die Hand, hieß mich mit erloschener Stimme willkommen und lud mich ein, mich neben sein Kanapee an den für seine Frau und mich gedeckten Tisch zu setzen.

Ich hatte sieben Meilen zu Fuß zurückgelegt; ich war jung, gesund; ich hatte großen Appetit; ich nahm mir nur die Zeit in das kleine, wie eine Brautkammer weiße Zimmer zu gehen, das für mich zurecht gemacht worden war, und nachdem ich meiner Toilette einige Aufmerksamkeit gewidmet, kehrte ich zu meinen beiden Wirthen zurück.

Man sah, daß, ohne reich zu sein, das Haus wohlhabend war. In der That, der Pastor sagte mir, daß seine Pfarre ihm jahrlich neunzig Pfund Sterling eintrüge, was mehr als hinreichend war, um in einem kleinen Dorfe von fünfhundert Seelen zu leben. Alles, Wäsche, Porzellan und Silberzeug war daher auch in dem Innern schön, frisch und glänzend. Eine einzige Magd besorgte die kleine Haushaltung; aber sie war sauber, gut gekleidet, freundlich, gefällig, indem sie in den Augen ihrer Herrschaft ihre Wünsche las und ihnen zuvorkam, bevor sie dieselben ausgedrückt hatte. Mit Ausnahme des Sterbenden, der übrigens, wie alle Brustkranke, seinen Zustand nicht ahnete, und die schönsten Pläne für die Zukunft machte, schien Alles um dieses Kanapee herum gesegnet, auf welchem er mit dem Tode rang. Nur, wenn das Auge auf dem schwermüthigen Gesichte der Frau, auf dem besorgten Blicke der Magd verweilte, sah man ein, daß da auf der einen Seite ein unermeßlicher Schmerz, und auf der andern eine große Furcht herrschte, welche die beiden Frauen vor den Augen des Kranken, und selbst vor ihren eigenen Augen zu verbergen suchten.

Ich war um fünf Uhr angekommen; die Mahlzeit, die wir gehalten hatten, und die weit eher ein Vesperbrod, als ein Mittagessen war, hatte bis um halb sieben Uhr gedauert. Als wir vom Tische aufstanden, und ich mich anschickte, auszugehen, hatten wir also noch beinahe zwei Stunden Tag. Ich sage, als ich mich anschickte, auszugehen, weil ich, beständig von dieser unglückseligen Predigt gequält, von der ich meine Gedanken keine einzige Minute lang entfernen konnte, beschlossen hatte, einen Spaziergang in das Dorf, und eine weit genauere Bekanntschaft mit den Bewohnern von Ashbourn zu machen. Herr und Madame Snart, welche mir bereits Einiges über die Einfachheit des Herzens und die Reinheit der Sitten dieser wackeren Leute gesagt hatten, forderten mich ihrerseits dazu auf, wie als ob sie meine Besorgnisse auf dem Grunde meiner Seele hätten lesen können und errathen hätten, daß ich des Anblickes eines jener friedlichen Dorfabende bedurft hätte, um meine Ideen zu berichtigen. – Ich ging also aus, indem ich einen besorgten und bestürzten Blick um mich warf, und nichts so sehr fürchtete, als sich vor meinen Augen das Schauspiel eines unschuldigen und ruhigen Lebens entfalten zu sehen! . . .

Ach! mein lieber Petrus, ein Abend des goldenen Zeitalters wäre nicht friedlicher und lachender gewesen als der, welcher sich meinen Blicken bot, und der von den letzten Strahlen der Sonne vergoldet verfloß! – Die alten Mütter spannen vor ihren Thüren, die Greise plauderten auf Bänken von Stein, von Holz oder Rasen; die Männer im mittleren Alter schoben Kegel oder spielten Siam; endlich tanzten die jungen Leute und die jungen Mädchen bei der Musik einer Violine und einer Flöte unter vier großen Linden, welche den Marktplatz des Dorfes beschatteten. Man errieth, daß es der Abend des Sonnabends , das heißt das Ende des letzten Tages der Woche war; man begriff diese fröhliche Einleitung zu der Ruhe des folgenden Tages, und man fühlte, daß alle diese wackeren Leute, die indessen niemals Horaz gelesen hatten, indem sie bereits die vergangenen Beschwerden vergaßen und sich noch nicht um die kommenden Beschwerden kümmerten, wie jener Fürst der Dichter und jener König der Epikuräer sagten: Valeat res ludicra!

Ich gestehe zu meiner Schande, mein lieber Petrus, daß dieses des Pinsels van Ostade’s und Tenier’s würdige Bild, statt mich zu erfreuen, wie es dasselbe hätte thun sollen, mich unendlich betrübte. Ich hätte Gesang und Geschrei in den Schenken, Wortwechsel und Balgereien an den Straßenecken gewollt; ich hätte diesen unter der Aufsicht ihrer Großeltern tanzenden jungen Leuten und jungen Mädchen verstohlene Gruppen vorgezogen, die sich wie Schatten davon schlichen und heimlicher Weise das Feld erreichten; ich hätte den Reichen sehen mögen, wie er dem Armen das Almosen verweigerte, und den Armen weinend und lästernd; kurz, ich hätte irgend Etwas sehen mögen, was meine Predigt des folgenden Tages rechtfertigte, während ich im Gegentheile, nach welcher Seite ich die Augen auch wenden mochte, nur das friedliche Schauspiel einer rechtschaffenen Bevölkerung fand, die sich ohne Aergerniß belustigte und ihre Spiele nur unterbrach, um mich wohlwollend zu grüßen und mir freundschaftlich zuzulächeln: denn als man mich allein, fremd, durch die Straßen des Dorfes umherirren sah, dachte man sich, daß ich, der junge Pastor, ohne Heerde wäre, der in seinem evangelischen Eifer käme, umsonst das Wort des Herrn auf dem Boden auszusäen, den die Krankheit eines seiner Amtsbrüder brach liegen ließ.

Ich blieb, indem ich hoffte, daß die Dunkelheit, welche sich auf die Erde herab ließ, und welche die Mutter der schlechten Gedanken und das Asyl der schlechten Handlungen, ist, eine Aenderung unter dieser unschuldigen Bevölkerung herbeiführen würde, die nur eine einzige Familie auszumachen schien. Ich irrte mich. Die Dämmerung kam herbei, dann die Nacht, eine finstere Nacht, wie das Laster und das Verbrechen selbst sie hätten verlangen können, wenn sie dieselbe nöthig gehabt hätten; aber bei dem Einbruche der Nacht kehrten Alle nach Haus zurück, indem sie unschuldige Küsse oder freundschaftliche Händedrücke auswechselten. Die Lichter verloschen eines nach dem anderen, das Geräusch hörte allmälig auf, und ich befand mich mit untergeschlagenen Armen, – an eine der Linden gelehnt, welche den fröhlichen Tanz beschirmt hatten, – weit trauriger, weit finsterer, als diese Nacht, die mich umgab, allein auf diesem Marktplatze!

Ich kehrte bestürzt nach Haus zurück!

VI.
Mein erstes Auftreten als Redner

Meine gute Wrthin hatte mich erwartet, obgleich sie nichts von meiner verlängerten Abwesenheit begriff. Sie wollte mich zurückbehalten, um den Thee mit ihr zu trinken; aber ich bat sie um die Erlaubniß, mich in mein Zimmer zurückzuziehen, indem ich die Ermüdung der Reise und das Bedürfniß der Ruhe vorschützte.

Oh! ich war nicht ermüdet, ich hatte keine Lust, zu schlafen, ich versichere es Ihnen, mein lieber Petrus!

Nein, ich wollte allein sein, um meine Predigt zu verbessern.

Ich verwandte die ganze Nacht darauf; während der ganzen Nacht war ich damit beschäftigt, die zu heftigen Stellen zu mildern, die zu lebhaften Farben zu verwischen; dann, als diese Farben verwischt, diese Stellen gemildert waren, sie mit lauter Stimme zu wiederholen und sie meinem Gedächtnisse einzuprägen.

Ach! nach dieser Arbeit schien meine Predigt noch nicht für dieses freundliche und reizende Dorf Ashbourn, sondern für irgend eine verfluchte Stadt gemacht zu sein, wie Babylon oder Gomorrha, wie Karthago oder Sodom, wie London oder Paris.

Ah! welche Wirkung hätte diese unglückselige Predigt in der Sanct Paulskirche oder in Notre Dame hervorgebracht!

Am Ende dieser Nacht, einer der mühseligsten, die ich jemals zugebracht habe, schlief ich vor Müdigkeit erschöpft, vor Schlaf umfallend, in dem Augenblicke ein, wo die ersten Strahlen der Sonne auf dem Rande meines Fensters durch das Laub der Reben und der blühenden Levkojen und Nelken spielten.

Dieser zweistündige Schlaf war ein sehr garstiger Schlaf und brachte mir mehr Ermüdung, als Ruhe. – Endlich schlug die Stunde und fand mich noch über meine Predigt gebückt, die ich mit Noten, Strichen und Parenthesen bedeckte; ich steckte sie in meine Tasche und schlug den Weg nach der Kirche ein. Ich hatte noch ungefähr eine halbe Stunde vor mir; ich trat in die Sakristei, verlangte eine Feder und Tinte, und verwandte diese halbe Stunde dazu, von Neuem alle Härten dieser unglückseligen Predigt durchzufeilen.

Ich hatte nur noch einen Wunsch, nämlich aus ihr etwas Unbedeutendes und Farbloses zu machen; unglücklicher Weise war sie, welche Mühe ich mir auch geben mochte, zu reich an Ideen und zu mächtig in der Form, um zu einer so gänzlichen Nullität zu gelangen.

Endlich kam der schreckliche Augenblick herbei: ich bestieg wankenden Schrittes die Kanzel. Es versteht sich von selbst, daß die Versammlung zahlreich war; das Gerücht, daß ein fremder Pastor, daß ein junger Mann von dem größten Verdienste, kurz daß der Sohn des Pastors Bemrode, an dem ersten Sonntage des Monates Juni in der Kirche von Ashbourn predigen sollte, hatte sich schnell verbreitet, und die Kirche war voll, so voll, daß man durch die offenen Thüren auf dem Vorplatze, wie an den Thüren eines Theaters, eine lange Reihe von Leuten sah, die nicht hatten eintreten können.

Alle Landleute der Umgegend waren, mit ihren Festtagskleidern angethan, mit offenem Munde vor Erwartung und die Augen mit einer verzehrenden Neugierde auf mich geheftet, auf den Beinen.

Besonders nun, mein lieber Petrus, als ich alle diese einfachen Gesichter, alle diese rechtschaffenen Mienen erblickte, sah ich ein, daß sich in dieser ganzen Versammlung vielleicht nicht ein Mann oder eine Frau befände, welche eines einzigen der Vergehen schuldig wären, gegen die ich donnern wollte, und deren entsetzliches Verzeichniß sich wie ein Heer von Gespenstern, die Einen drohend, die Anderen spöttisch, vor mir aufrichteten. Im Voraus glaubte ich das Erstaunen, die Bestürzung, den Schmerz aller dieser wackeren Leute zu sehen, sobald sie bemerkten, daß ich sie so schlecht beurtheilt hatte; im Voraus glaubte ich ihre erzürnten Stimmen mich der Ungerechtigkeit, der Verdrehung, der Bosheit beschuldigen zu hören: im Voraus glaubte ich den, der sich so ungerechter Weise zum Richter aufgeworfen hatte, gerechter Weise gerichtet, und ohne Erbarmen und ohne Mitleid gerichtet zu sehen, weil er selbst ohne Mitleid und Erbarmen gewesen war.

Unter anderen zwei Männer, zwei Greise mit weißen Haaren, patriarchalischen Gesichtern, mit sanften und heiteren Zügen, standen vor mir, indem sie mich mit einem Lächeln anblickten, wie sie ihren Sohn angeblickt hätten.

Nun denn! ich stellte mir diese beiden Gesichter bereits vor, wie sie sich zusammenzogen und verfinsterten, und wie dieses wohlwollende Lächeln dem Ausdrucke des Zornes und des Unwillens wich.

Wenn ich es gewagt hätte, so würde ich meine Zuhörer im Voraus um Verzeihung wegen der Predigt gebeten haben , die ich vor ihnen zu halten im Begriffe stand.

Ah! wenn mein Wirth, der Kupferschmied, da gewesen wäre, so schwöre ich Ihnen, mein lieber Petrus, daß ich mich in seine Arme geworfen hätte, indem ich zu ihm sagte:

– Mein einziger, mein alleiniger Freund, haben Sie Mitleid mit mir, und sagen Sie allen diesen wackeren Leuten, welche gekommen sind, um mich zu hören, daß ich ein böser und hochmüthiger Mensch sei, unwürdig, zu ihnen im Namen des Herrn zu sprechen, der ganz Milde und Barmherzigkeit ist.

Aber der würdige Mann war nicht da, und ich blickte vergebens um mich, ich fand kein einziges bekanntes Gesicht, ausgenommen das der guten Madame Snart, die mich zugleich mit den Lippen und mit den Augen, dem Lächeln und dem Blicke ermuthigte.

Glücklicher Weise sang man während dieser Zeit das Lied; ich benutzte diese Frist, um mein Heft nochmals flüchtig durchzusehen und mit Bleistift die letzten Aenderungen daran zu machen, und – wenn die Verwirrung meines Geistes mir nicht erlaubte, diese Aenderungen zu machen – kleine Kreuze zu zeichnen, welche sagen wollten: »Wegzulassen!«

Das Lied endigte, die Stimmen verhallten. Meine Reihe war gekommen. – Die Zuhörer flüsterten, spieen aus, schneuzten sich, dann entstand eine tiefe Stille.

Ich fing an.

Den wahren Vorschriften der Rednerkunst gemäß hatte ich das Gemälde der Verbrechen für den zweiten Theil meiner Rede vorbehalten, und das der Strafen für die Nutzanwendung. Der Anfang meiner Predigt ging ziemlich gut; es war eine Schilderung der göttlichen Barmherzigkeit, welche, um müde zu werden, einer solchen Masse von Verbrechen bedarf, daß die Verzweiflung allein sie zur Gerechtigkeit führen kann. Man hörte daher diese Auseinandersetzung nicht allein mit einem vollkommenen Wohlwollen, sondern auch noch mit sichtbaren Zeichen der Zufriedenheit an. Nichtsdestoweniger, weit davon entfernt, mich zu beruhigen, erschreckten mich diese Zeichen des Wohlwollens, diese Beweise der Zufriedenheit für die Zukunft: – das waren jene Dünste, welche sich am Morgen von der Oberfläche des Bodens erheben, welche die Sonne aufsaugt, indem sie dieselben mit ihren Strahlen vergoldet und ihnen mit ihrem Lichte Regenbogen-Farben verleiht, und die sie uns eine Stunde nachher in Gewitter, in Regen, in Hagel, in Donner und Blitzen wiedergiebt.

Sie werden daher auch begreifen, mein lieber Petrus, mit welchem Schrecken ich fühlte, daß ich mich mit jedem Worte dem zweiten Theile näherte; – dieser zweite Theil, von dem ich nicht die erste Zeile auswendig konnte, so viele allmälige Veränderungen hatte er erlitten, dieser zweite Theil erschien mir, selbst indem ich annahm, daß ich meine Zuflucht zu dem Hefte nähme, dermaßen mit Strichen überladen, dermaßen mit Noten bedeckt, daß ich die Unmöglichkeit voraussah, mich darin zurecht zu finden. In der That, von dem Anfange an bemerkte ich, daß die nach einander an dem ersten Texte vorgenommenen Verbesserungen meinem Gedächtnisse trotz der vergeblichen Bemühungen entgingen, welche ich mir gab, um sie zu behalten; man hätte sagen können, es seien scheu gewordene Vögel, welche in dem Maße, als ich mich ihnen näherte, ihre Flügel öffneten und in unabsehbare Fernen davonflogen. Der erste Text allein, der ganz voller jener Schilderungen abscheulicher Laster war, welche ich den Menschen vorwarf, weil ich sie zu kennen glaubte, stellte sich meinen Gedanken vor und klopfte, so zu sagen, an die Thüren meines Gedächtnisses. Ich wollte die Verbesserungen behalten und den Text verwerfen; mein Geist erinnerte sich der einen und versuchte die anderen zu verjagen; ich fühlte, daß ich mich verwickelte, und, welchen Nachtheil mein Ruf auch dadurch erdulden sollte, ich nahm meine Zuflucht zu dem Texte . . . Ich ergriff das Heft mit einer Art von Wuth, und da ich fühlte, daß es mir unmöglich wäre, länger aus dem Gedächtnisse zu sprechen, und daß, wenn ich darauf beharrte, ich stecken bleiben würde, so versuchte ich zu endigen, indem ich las; aber die ursprüngliche Predigt war in der Wirklichkeit unter dem Ausstreichen, unter dem Dazwischenschreiben und unter den Noten verschwunden . . . Diese rettenden Blätter erschienen mir wie ein unermeßlicher, ganz mit Dornen, Gräbern und Leichenkreuzen bedeckter Friedhof. Ich überschritt alles das mit großen Schritten, indem ich strauchelte und sprach, ohne zu wissen, was ich sagte. Ich wagte nicht mehr meine Zuhörer anzublicken, aber, ohne sie anzublicken, sah ich mit den Augen meines Geistes ihr Erstaunen, ihren Unwillen, ich möchte fast sagen ihren Schrecken. Endlich gelangte ich zu dem heftigsten Stücke, zu der Nutzanwendung, das heißt zu der Schilderung der schrecklichen Qualen, welche die Sünder erwarteten, zu den die Meineidigen verzehrenden Feuerseen, zu den die Selbstsüchtigen verschlingenden Eismeeren, zu den die Heuchler verbrennenden Mänteln von siedendem Pech, zu den Schlangen, die das Fleisch der Unzüchtigen zernagten, kurz zu allen jenen entsetzlichen Bildern, welche Dante mit seiner riesenhaften Einbildungskraft in dem Verlangen einer riesenhaften Rache schöpfte; nur, da ich in dem Maße, als sich diese Bilder stärker und unbarmherziger aufhäuften, einsah, daß ich, um die Wirkung dieser unglaublichen Strafpredigt zu neutralisiren, durch die Sanftheit meines Tones die Härte meiner Drohungen mäßigen müßte, wurde meine Stimme zärtlicher, schmeichelnder, väterlicher, so daß ich am Ende meine Zuhörer in die schrecklichsten Martern der Hölle mit derselben Stimme einweihte, als ob ich ihnen die unaussprechlichen Wonnen des Paradieses verheißen hätte.

Bei dieser Stelle meiner Predigt unterdrückte sich das Murren nicht mehr einige Frauen verließen die Kirche, indem sie die Hände und die Augen gen Himmel erhoben und ganz laut sagten:

– Herr, mein Gott, habe Erbarmen mit ihm; denn er ist verrückt!

Die Anderen sagten:

– Er hat die fallende Sucht! er hat seine ruhigen Augenblicke, aber man darf dem nicht trauen!

Endlich brachen einige Andere in Gelächter aus, und diese da waren die am wenigsten Böswilligen. Dieses Gelächter verwirrte mich vollends; ich fühlte, daß das Blut in meinen Schläfen kochte, daß eine Wolke sich vor meine Augen legte, und daß ich ohnmächtig werden würde, wenn ich darauf beharrte, bis an’s Ende zu gehen . . .

Ich kürzte meine Marter ab, die, ich bin überzeugt davon, schlimmer war als eine von denen, die ich so eben beschrieben hatte, indem ich Plötzlich sagte:

– Amen!

Ich las die Gebete noch weit schlechter, wenn es möglich war, als ich die Predigt hergesagt hatte, und indem ich ganz athemlos, ganz verwirrt, ganz wankend von der Kanzel hinunterging, schritt ich demüthig, mit gesenktem Kopfe und den Schweiß der Scham auf der Stirn, durch den Rest der Zuhörer, welche darauf beharrt hatten, meine Predigt bis an’s Ende zu hören. An der Thür der Kirche angekommen, nahm ich meinen Lauf durch das Dorf, indem ich in gerader Linie nach der Straße von Nottingham zusteuerte, ohne nur den Muth zu haben, im Vorbeigehen bei der würdigen Madame Snart einzukehren, um ihr, wie ihrem Gatten, für die Gastfreundschaft zu danken, die sie mir an ihrem Tische und unter ihrem Dache gewährt hatten.

Ich kehrte außer Athem, mit Staub bedeckt, von Schweiß triefend, – und wüthend und verzweifelt unter der Scham, und ich möchte fast sagen unter den Gewissensbissen vernichtet, in meine Wohnung nach Nottingham zurück.

VII.
Die Großmuth des Herrn Rectors

Mein Wirth, der Kupferschmied, war ein sehr würdiger Mann! Ein Anderer hätte ausgerufen: » Nun denn! . . . ah! ah!. . . hatte ich es Ihnen nicht vorausgesagt. . .«, aber er vermied es im Gegentheil, sich auf meinem Wege zu zeigen, so daß ich während zwei bis drei Tagen allein bleiben und dem zufolge meine Demüthigung verdauen konnte.

Nach Verlauf dieser Zeit kam er zu mir herauf, und ohne nur auf meine unglückliche Reise nach Ashbourn und das anzuspielen, was sich zugetragen hatte, sagte er zu mir:

– Mein lieber Herr Bemrode, Sie hatten mir früher den Wunsch ausgesprochen, sich einige Schüler für das zu verschaffen, was Sie die gelehrten Sprachen nennen, und was ich die unnöthigen Sprachen nenne; ich habe das für Sie gefunden. Hier sind die Adressen.

Und er reichte mir in der That vier bis fünf Karten, auf denen die Namen der angesehensten Bewohner der Stadt geschrieben standen. Der wackere Mann hatte in meiner Abwesenheit seine Kunden besucht und mir nicht allein vier oder fünf Schüler zusammen gelesen, sondern auch noch, da er meine bedauernswerthe Schüchternheit kannte, meine Interessen verfochten, die Lehrstunden und den Preis derselben bestimmt, so daß ich nur noch an die bezeichneten Thüren zu klopfen und mein Amt anzutreten hatte.

Das war es wirklich, was ich nöthig hatte; sobald es sich nur um griechisch und lateinisch, um Homer oder um Virgil, um Aristoteles oder um Cicero handelte, war ich ganz zu Haus und befand mich in meinem wahren Elemente.

Es ging daraus hervor, daß ich einiges Geld verdiente und daß ich nach Verlauf von drei Monaten zu meinem Handelsmanne gehen und ihm die versprochene Guinee bezahlen konnte; aber als ich diese Guinee bezahlt, blieben mir ungefähr nur noch zwölf Schilling, und wie es leicht vorauszusehen war, war es, als wir Abschied von einander genommen hatten, nicht mehr ich, sondern mein Gläubiger selbst, der gesagt hatte: »In drei Monaten!«

Mein Sturz in Ashbourn war so tief gewesen, daß ich nicht einmal versucht hatte, mich wieder dadurch von ihm zu erheben, daß ich eine Genugthuung in irgend einem benachbarten Dorfe nahm und meine Niederlage durch irgend einen glänzenden Sieg wieder gut machte; nein, ich war wieder auf die Idee des großen Werkes zurückgekommen, das zugleich meinen Ruf und mein Glück machen sollte, und da ich nach einander, aber, wie Sie gesehen haben, lieber Petrus, ohne ein passendes Thema finden zu können, – das Heldengedicht, das Trauerspiel und das Drama versucht hatte, so ’beschloß ich, bei einer unermeßlichen Abhandlung der vergleichenden Philosophie stehen zu bleiben, welche alle moralischen Begriffe der alten Philosophen mit allen den spiritualistischen Begriffen der modernen Philosophen verbinden und ans diese Weise Sokrates an den heiligen Augustin, Plato an Spinoza, Aristoteles an Leibnitz anschließen sollte.

Ich stand im Begriff, mich ernstlich an diese Arbeit zu machen, der ich mich mit um so mehr Eifer hinzugeben gedachte, als ich alle Hoffnung verloren hatte, eine Pfarrstelle zu erlangen; ich hatte sogar bereits mit großen Buchstaben auf das erste Blatt eines Buches weißes Papier den Titel des Werkes geschrieben, als ich zu meinem großen Erstaunen einen Brief des Rectors erhielt, der mich einlud, zu ihm zu kommen.

Ich gestehe, daß bei dem Lesen dieses Briefes mir ein Schauder durch die Adern rollte. Was konnte dieser Mann von mir wollen, der mich bei dem ersten Besuche, den ich ihm gemacht, so barsch empfangen hatte? Hatte er denn irgend etwas Tadelnswerthes an meinem Leben, meinen Gewohnheiten oder meinen Beschäftigungen gefunden, und ließ er mich holen, um mich zu tadeln?

Es lag wohl die unglückselige Predigt von Ashbourn vor; aber das war ein Unglück und kein Vergehen.

Der Eindruck dieses verhängnißvollen Briefes war so tief, daß, um mich dieser Zusammenkunft zu entziehen, die mir nichts Gutes versprach, wenig daran fehlte, daß ich auf der Stelle Nottingham verließ und mich auf die Gefahr hin, dort vor Hunger zu sterben, in irgend eine unzugängliche Zurückgezogenheit flüchtete; aber glücklicher Weise trat mein Wirth, der Kupferschmied, welcher die Livree des Rectors erkannt hatte, in mein Zimmer und tröstete mich wieder. Besorgt wie ich über das Schreiben, hatte er den Bedienten gefragt, welche Miene sein Herr machte, als er ihm das Billet übergab, das er so eben gebracht, und dieser hatte geantwortet: »Seine gewöhnliche Miene, und sogar weit eher freundlich als aufgebracht.«

Ich hatte mich unter den anderen Umständen so wohl dabei befunden, den Rath meines Wirthes zu befolgen, daß ich dieses Mal nicht zögerte. Da er der Meinung war, daß ich der Einladung des Rectors Folge leiste und diesen Besuch auf der Stelle mache, so zog ich meinen Feiertagsrock an, bürstete meinen Hut mit meinem Aermel und schlug den Weg nach dem Hause dieser vornehmen Person ein, von der mein Schicksal abhing, ein Haus, das, wie ich gesagt habe, an dem andern Ende der Stadt gelegen war.

Eben so wie das erste Mal wurde ich ohne zu warten eingeführt; aber meine Stellung war weit besser als damals, angenommen, daß die Voraussichten meines Wirthes ihn nicht getäuscht hatten. Ich kam nicht aus eigenem Antriebe, Seine Excellenz zu stören; es war im Gegentheil Seine Excellenz, die mich störte, da ich ohne seinen Brief an demselben Tage mein großes Werk über die vergleichende Philosophie angefangen hätte; es war nicht mehr an mir, ihn anzureden; ich hatte im Gegentheil nur zu warten, daß man mich anredete. Wenn man mir irgend einen Verweis gab, so würde ich, da mein Herz rein und mein Lebenswandel ohne Tadel war, stark durch mein Bewußtsein, auf eine kühne und sogar stolze Weise antworten. Aus allen diesen Betrachtungen ging hervor, daß bei meinem Eintritte bei dem Rector mein Geist eben so fest und ruhig war, als er das erste Mal schwankend und verlegen gewesen war.

Der Rector saß an seinem Schreibtische, in denselben Schlafrock von Molton gekleidet, Mit demselben Käppchen von schwarzem Sammet bedeckt; er hatte eine nicht weniger majestätische Haltung, als bei unserer vorhergehenden Zusammenkunft; aber ich glaubte zu bemerken, daß sein Blick weniger streng und sein Lächeln wohlwollender wäre.

Er gab mir einen Wink mit der Hand, zu gleicher Zeit, als er mich mit der Stimme aufforderte, näher zu kommen.

Ich verneigte mich und gehorchte.

– Guten Tag, Herr Williams Bemrode, sagte er zu mir. Ich verneigte mich von Neuem.

– Ich freue mich sehr über Ihren bereitwilligen Eifer, mich zu besuchen . . . Verbinden Sie mit allen den Eigenschaften, die Sie bereits haben, die Gabe der Voraussicht, und haben Sie, errathen, daß ich Ihnen eine angenehme Nachricht mitzutheilen hätte?

– Nein, Herr Rector, antwortete ich; aber eine Einladung von Ihnen war ein Befehl, und ich freue mich unendlich, daß Sie so gütig gewesen sind, meinen Eifer, diesem Befehle Folge zu leisten, bemerken zu wollen.

– Vortrefflich! sagte der Rector mit einer leichten Bewegung des Kopfes, so habe ich es gern, daß man antwortet.

Indem er hierauf die Stimme erhob, um seinen Worten mehr Wichtigkeit zu geben, sagte er:

– Herr Williams Bemrode, seit dem Besuche, den Sie mir vor ungefähr drei Monaten oder drei und einem halben Monat gemacht haben, habe ich beständig ein wachsames Auge auf Sie gehabt. Ihre Geduld, Ihr gutes Betragen, die Pünktlichkeit, mit welcher Sie trotz Ihrer Dürftigkeit, ich möchte fast sagen Ihrem Elend, eine Schuld bezahlen, welche, wie ich weiß, Sie nicht persönlich angeht, alles das verdient belohnt zu werden. Demzufolge habe ich Sie für die Pfarrstelle von Ashbourn vorgeschlagen, die seit gestern durch den Tod ihres Pastors erledigt ist.

– O mein Gott! Herr Rector, rief ich, von einem ersten Gefühle hingerissen, aus. Der arme Herr Snart ist gestorben? . . . Welches Unglück!

– Wie! Sie gewinnen eine Stellung bei diesem Tode, Sie erben eine Pfarre, die neunzig Pfund Sterling werth ist, und als Sie zugleich diese Katastrophe und ihre Vorstellung erfahren, stoßen Sie einen Ausruf des Schmerzes und nicht einen Freudenschrei aus? . . . Aber, mein lieber Herr Williams, das ist ganz evangelisch!

– Ich bitte Sie um Verzeihung, Herr Rector, antwortete ich, daß mein erstes Wort nicht ein Wort der Dankbarkeit gewesen ist, aber ich kannte den armen Herrn Snart; ich kannte seine Gattin, eine gute und würdige Frau, Herr Rector, und obgleich ich wußte, daß er sehr krank war, so hoffte ich doch, daß er längere Tage zu leben hatte. . . Gott hat ihn zu sich gerufen: der Wille Gottes geschehe!

Und ich flüsterte leise einige Worte des Gebets für die Ruhe der Seele des würdigen Pastors.

Der Rector blickte mich mit einem gewissen Erstaunen an.

– Jetzt, Herr Bemrode, sagte er zu mir, wissen Sie, daß ich für die erledigten Pfarrstellen ernenne, aber auf die Vorstellung der Gemeinden. Sie haben einen Mitbewerber; kämpfen Sie mit ihm; halten Sie Ihre Probepredigt. Er wird gleichfalls die seinige halten, und obgleich dieser Mitbewerber mein Neffe ist, so gebe ich Ihnen dennoch mein Wort, mein lieber Herr Bemrode, daß, wenn die Gemeinde Sie verlangt, Sie ernannt werden sollen.

– Herr Rector, sagte ich zu ihm, das, ich gestehe es Ihnen, erfüllt mich mit Bewunderung; ich bin daher auch trotz dem wohlwollenden Anerbieten, das Sie mir machen, bereit, mich vor Ihrem Herrn Neffen zurückzuziehen, und werde Ihnen darum nicht weniger dankbar sein, als wenn Sie mich ernannt hätten.

– Nicht doch, Herr Bemrode, nicht doch, rief der Rector aus; man sagt, daß Sie sehr gelehrt in den alten Sprachen, ganz bewandert in der Philosophie und in der Theologie, beredtsam wie Demosthenes und Cicero mit einander sind . . . Concurriren Sie, mein lieber Herr Williams Bemrode, concurriren Sie mit meinem Neffen; ich sage Ihnen nicht allein: » Das ist mein Wunsch«; ich füge hinzu: » Das ist mein Wille.«

Ich verneigte mich.

– Herr Rector, antwortete ich, vor einer solchen Erklärung Ihres Willens würde ich glauben, Ihr unparteiisches Wohlwollen zu beleidigen, wenn ich den Kampf ausschlüge, den Sie mir vorschlagen. – Es ist wahr, fuhr ich mit Zuversicht fort, daß ich ziemlich gute Studien gemacht habe; es ist wahr, daß ich einige Kenntnisse in der Theologie und in der Philosophie habe, und ich stand sogar im Begriff, eine Abhandlung über diese letzte Wissenschaft anzufangen, als ich die Ehre gehabt habe, von Ihnen beschieden zu werden, mein Herr; es ist ferner wahr, daß ich mich nicht für gänzlich der Gabe der Sprache entblößt glaube, obgleich es mir bis jetzt bei meinen Versuchen öffentlich zu sprechen, mißlungen ist; aber von Ihnen, Herr Rector, ermuthigt, unterstützt und protegirt, wird es mir hoffentlich gelingen . . . und, wenn ich nicht über einen Mitbewerber triumphire, der kein gewöhnlicher Mensch sein kann, da er Ihr Neffe ist, so habe ich wenigstens die Gewißheit, daß ich mit Ehren unterliegen werde.

Wie Sie haben sehen können, mein lieber Petrus, hatte ich seit dem Anfange dieser Unterhaltung ziemlich geläufig auf die verschiedenen Aufforderungen des Rectors geantwortet; ich hatte sogar zu sehen geglaubt, daß, indem er mich ohne Zweifel nach meinem ersten Besuche beurtheilte, ihn diese Leichtigkeit des Vortrages ein wenig verlegen gemacht hatte; ein spöttisches Lächeln, das sich auf seinen Lippen gezeigt, als er mich mit Demosthenes und Cicero verglichen, war mir nicht entgangen; aber die Absicht, mir nützlich zu sein, war bei diesem würdigen Manne so offenbar, es wäre ihm so leicht gewesen, mich in dem Falle nicht holen zu lassen, wo seine Absicht nicht die gewesen, welche er sagte; – ich suchte so vergebens das Interesse, das er haben könnte, mich zu täuschen, daß ich weder bei dieser Verlegenheit, noch bei diesem spöttischen Lächeln stehen blieb, und mit den Ausdrücken der lebhaftesten und besonders der aufrichtigsten Dankbarkeit Abschied von ihm nahm.

Ich kehrte mit großen Schritten, zu meinem Wirthe, dem Kupferschmied, zurück, der mich voller Ungeduld erwartete. – Nun? fragte er mich, sobald er mich erblickte.

– Ei nun, sagte ich zu ihm, mein lieber Wirth, die Zukunft hängt nur noch von mir ab! Der arme Herr Snart ist gestorben, und der Rector hat mich rufen lassen, um mich zu benachrichtigen, daß ich berufen wäre, um für die erledigte Pfarrstelle zu concurriren, was um so schöner von seiner Seite ist, da es in diesem Augenblicke nur einen einzigen Mitbewerber um diese Pfarrstelle giebt, und dieser Mitbewerber sein Neffe ist.

– Sein Neffe? den Teufel! äußerte der Kupferschmied, indem er sich hinter dem Ohre kratzte. Und auf welche Weise concurriren Sie?

– Durch eine Predigt. Er und ich, wir werden jeder die unsrige halten. . . Das ist das, was man die Probepredigt nennt. Die Gemeinde wird unter uns richten, und der, den sie vorzieht, wird ernannt werden.

– Den Teufel! den Teufel! wiederholte der Kupferschmied, indem er sich immer stärker hinter dem Ohre kratzte; eine Predigt! . . . Und das erschreckt Sie nicht, ein zweites Mal vor den Bewohnern von Ashbourn zu predigen?

– Ich weiß nicht, woher das kömmt, mein lieber Wirth: wie. ich glaube, wäre ich gestern in der That lieber gestorben, als die Kanzel wieder zu besteigen, auf welcher ich eine so schwere Niederlage erlitten habe. . . Aber seit meiner Unterredung mit dem Rector sagt mir irgend Etwas, daß es mir gelingen wird, und ich bin voller Vertrauen zu dieser geheimen Stimme, indem ich hoffe, daß sie mir von dem Herrn, und nicht von meinem Stolze und meiner Eitelkeit kommt.

– Es sei, sagte mein Wirth; aber ich rathe Ihnen Eines, mein lieber Herr Bemrode, nämlich Ihre Schüler nicht zu sehr zu vernachlässigen; vielleicht werden Sie sehr glücklich sein, sie eines Tages wiederzufinden. . .

– Im Gegentheile, antwortete ich lächelnd mit einer Zuversicht, die meinen Wirth zu erschrecken schien, im Gegentheile, ich habe meine ganze Zeit nöthig, um meine Probepredigt vorzubereiten; noch heute Abend richte ich an diese wackeren jungen Leute ein Rundschreiben, in welchem ich ihnen melde, daß ich zu meinem großen Bedauern, da ich mich auf dem Punkte befände, für die Pfarrstelle von Ashbourn ernannt zu werden, mich gezwungen sähe, ihre Erziehung zu unterbrechen; morgen mache ich mich an die Arbeit, und nächsten Sonntag halte ich meine Probepredigt.

– Ist dieser Entschluß gefaßt, lieber Herr Bemrode?

– Unwiderruflich, mein lieber Wirth.

– Dann wünsche ich, antwortete der wackere Mann, daß Sie ihn nicht bereuen mögen. . .

Und er entfernte sich, indem er den Kopf schüttelte, sich weit stärker als jemals hinter dem Ohre kratzte und murmelte:

– Den Teufel! den Teufel! den Teufel! diese Großmuth des Herrn Rectors scheint mir nicht natürlich . . .

Was mich anbetrifft, so ging ich wieder in mein Zimmer hinauf; ich schrieb meine fünf Abschiedsbriefe an meine fünf Schüler, und machte mich noch an demselben Abend an meine Probepredigt.

VIII.
Hoc

Indem Sie mich so ungeduldig sehen, mich an meine Probepredigt zu machen, lieber Petrus, müssen Sie sich wohl denken, daß mir für diese Predigt eine jener vortrefflichen Ideen gekommen war, die sich des Menschen von Erfindungsgabe bemächtigen, und die ihm keine Ruhe mehr lassen, bis er mit ihnen fertig geworden ist.

Diese Idee war ganz in dem Geschmacke, und ich möchte fast sagen, in der Mode der Zeit.

Es war eine Art von evangelischer Charade, die bestimmt war, die drei großen Tugenden Christi hervortreten zu lassen.

Das Losungswort der Charade war die lateinische Sylbe Hoc, die aus drei Buchstaben besteht, welche die Anfangsbuchstaben dreier Worte bilden, die meiner Predigt zum Texte dienten: Humilitas, 0bedientia, Castias.

Zuverlässig ist uns das erhabenste Beispiel der Demuth, des Gehorsams und der Keuschheit von Christus gegeben worden:

Der Demuth, – indem er als der Sohn eines armen Zimmermannes auf die Welt kam, und zum Orte seiner Geburt eine Krippe, und zu Bewohnern dieser Krippe einen Esel und einen Ochsen wählte;

Des Gehorsams, – indem er die Befehle seines Vaters Punkt für Punkt befolgte und ergeben, ruhig, barmherzig zu diesem schrecklichen, schimpflichen, ehrlosen Tode ging, der die Welt erlösen sollte;

Der Keuschheit, – indem er die dreißig Jahre seines Lebens zurücklegte, ohne daß irgend einer jener Flecken, die aus den menschlichen Leidenschaften entspringen, das weiße Gewand des Knaben oder den Mantel des Mannes besudelt hat.

Außerdem habe ich nicht nöthig Ihnen zu sagen, mein lieber Petrus, daß, wenn man seine Bedeutung ein wenig anders auslegt, das Wort Hoc sagen will: Hier, da.

Was machte, daß meine Predigt sich durch folgende Worte auslegen ließ:

»Demuth, Gehorsam, Züchtigkeit, – darin liegt das Heil.«

Ich zweifle, daß jemals ein Prediger einen schöneren Text gefunden hat, und ich forderte im Stillen, und sogar laut den Neffen des Rectors heraus, einen ähnlichen zu finden!

Aber, als der Stoff gefunden, blieb noch die Form übrig.

Obgleich ich, wie ich gesagt habe, die Feder am selben Abende ergriffen hatte, blieb ich doch lange die Feder über das Papier haltend, bevor ich das erste Wort schrieb.

In der That, in welche Form einen so herrlichen Stoff kleiden?

Ich kannte die Menschen hinlänglich, um zu wissen, daß man alle Herrschaft über sie ausübt, sei es nun, wenn man sie rührt, oder sei es, wenn man sie in Erstaunen versetzt.

Die Herrschaft würde weit größer und die Wirkung eine doppelte sein, wenn ich sie zugleich rührte und in Erstaunen versetzte.

Es gab bei der Ausführung dieses Planes eine große Klippe zu vermeiden, besonders Leuten gegenüber, die gegen mich eingenommen sein mußten.

Wenn ich eine einfache und gänzlich ihrer Fassungskraft angemessene Predigt machte, so würden sie sich selbst sagen: »Ah! meiner Treue, ein schönes Wunder! der erste beste unter uns würde es eben so gut machen!«

Wenn ich eine gelehrte und gekünstelte Predigt machte, so waren sie im Stande, nichts davon zu verstehen.

Nachdem ich die Sache reiflich überlegt, ist hier das, was ich beschloß:

Ich beschloß die einfachen Theile meiner Predigt in hochtrabenden Ausdrücken zu schreiben, und die hochtrabenden Theile in einfachen Ausdrücken. Das war eine große Arbeit, die nicht leicht war, ich bürge Ihnen dafür. Endlich kam ich damit zu Stande.

Am Sonnabend Morgen war meine Predigt beendigt, und, wie ich mich dazu verpflichtet hatte, befand ich mich für den folgenden Tag vollkommen bereit.

Ich bat nun meinen Wirth, den Kupferschmied, zu mir in mein Zimmer zu kommen. Ich wollte ihm meine Predigt vorlesen, und ich fürchtete, daß in dem Laden seine Aufmerksamkeit durch die Ankunft irgend eines Kunden gestört werden möchte.

Auf mein erstes Ansuchen kam der wackere Mann herauf, und da er mich mit feurigem Auge und vergnügtem Gesichte sah, sagte er:

– Ah! ah! lieber Herr Bemrode, es scheint, daß unsere Predigt fertig ist?

– Ja, mein Wirth, ja, antwortete ich, indem ich mir die Hände rieb.

– Und daß Sie damit zufrieden sind?

– Entzückt!

– Um so besser! um so besser! lieber Herr Bemrode.

– Aber es ist nicht genug, daß ich entzückt darüber bin, sie muß Sie auch entzücken.

Mein Wirth begann zu lachen.

– Daß sie mich auch entzückt? wiederholte er. Und was liegt einem Manne von Ihrem Verdienste an der Billigung oder Mißbilligung eines armen Unwissenden wie ich? …

– Es liegt mir viel daran, mein lieber Wirth, denn mehr als ein Mal habe ich Gelegenheit gehabt, die Richtigkeit Ihres Urtheiles zu erkennen.

– Herr Bemrode, erlauben Sie mir, Sie selbst an die Anekdote zu erinnern, die Sie mir in Bezug auf einen berühmten griechischen Maler und einen armen atheniensischen Schuster erzählt haben: »Schuster, bleib bei Deinem Leisten!«

– Wohlan! es sei, mein lieber Wirth, sagte ich zu ihm, bleiben Sie in den Schranken, welche sie selbst Ihrer Fassungskraft stellen zu müssen glauben; aber in diesen Schranken da rathen Sie mir.

Mein Wirth machte ein Zeichen, welches zu sagen schien: »Da Sie es durchaus wollen, so sprechen Sie.«

Und er setzte sich.

– Mein lieber Wirth, sagte ich zu ihm, es giebt zwei Sachen in der Predigt, die Sie hören werden: es giebt den Stoff, und es giebt die Form.

– Erklären Sie mir zuvörderst, lieber Herr Bemrode, was diese beiden Sachen sind, denn ich möchte Ihnen keine Meinung über sie aussprechen, ohne sie gehörig zu verstehen.

– Das ist leicht, mein lieber Wirth, und um Ihnen die Darstellung fühlbar zu machen, will ich einen aus Ihrem eigenen Handwerke gezogenen Vergleich anwenden: der Stoff ist das Kupfer, aus welchem Sie Ihre Kasserole machen; die Form ist die Rundung, welche Sie ihm geben.

– Ich verstehe, sagte mein Wirth. Sie können jetzt anfangen, Herr Bemrode, ich höre.

Ich fing in der That an, indem ich ihm meinen Text erklärte und ihm Alles das zeigte, was dieser Stoff Sinnreiches hätte. Hierauf fuhr ich fort, indem ich nach meinen besten Kräften das zeigte, was die Form Gelehrtes und Angenehmes hätte.

Mein Wirth hörte mich bis an das Ende an, ohne ein Wort auszusprechen; nur kratzte er sich von Zeit zu Zeit sanft hinter dem Ohre, was mir zeigte, daß er meine Predigt nicht durchaus bewunderte.

Als ich geendigt hatte, fuhr er fort zu schweigen, aber er kratzte sich ein wenig stärker hinter dem Ohre.

– Nun denn? fragte ich ihn mit einer gewissen Ungeduld, deren ich nicht Herr war.

– Nun denn! Herr Bemrode, antwortete er mir, ich soll Ihnen also meine Meinung zuvörderst über den Stoff Ihrer Predigt, über das Kupfer sagen, aus dem sie gemacht ist, nicht wahr?

– Ja, mein lieber Freund, sagte ich mit selbstgefälliger Miene zu ihm, Sie müssen mit dem Stoffe anfangen, dann werden Sie zu den Nebenumständen übergehen.

– Was den Stoff anbelangt, begann er wieder, so rührt das ohne Zweifel von meiner Unwissenheit des Lateinischen her, aber ich muß Ihnen sagen, daß ich ihn ein wenig gesucht, sogar kindisch, und demzufolge der Erhabenheit und der Heiligkeit des Gegenstandes unwürdig finde.

– Mein lieber Wirth, antwortete ich ihm, nichts ist Klein, nichts ist Groß; aus den kleinsten Dingen kann ein großer Verstand erhabene Lehren ziehen, eben so als ein mittelmäßiger Verstand aus den erhabensten Dingen nur Schwäche und Alltäglichkeit ziehen wird . . . Sehen wir daher, was Sie aus meinem Texte gezogen haben; das ist, glauben Sie mir, die Hauptsache.

– Zuverlässig, lieber Herr Bemrode, haben Sie herrliche Dinge daraus gezogen; aber erlauben Sie mir indessen, Ihnen über die Form einen aus meinem Handwerke, wie Sie sagen, gezogenen Vergleich zu machen . . .

– Machen Sie, mein lieber Wirth, machen Sie, erwiederte ich, indem ich nun auch lächelte; ich bin in Wahrheit neugierig, Ihren Vergleich zu hören.

– Hier ist er. Sie wissen, Herr Bemrode, daß es Kasserole von Kupfer und Kasserole von Silber giebt?

– Ja, mein lieber Wirth, ich weiß das, antwortete ich, obgleich ich weit öfter aus dem einen, als aus dem andern gegessen habe.

– Sie wissen auch, daß man die silbernen Kasserole vergoldet, während man sich damit begnügt, die von Kupfer zu verzinnen.

– Vollkommen.

– Wohlan! lieber Herr Bemrode, es scheint mir, daß Sie ganz das Gegentheil gethan haben; es scheint mir, daß Sie in Ihrer Predigt das Silber verzinnt und das Kupfer vergoldet haben.

– Das ist es, mein lieber Wirth, das ist es gerade, rief ich ganz vergnügt aus, und Sie haben meinen Gedanken errathen . . . Ah! Sie sind in der That ein Mann von Verstand und ein vorzüglicher Roth! Umarmen Sie mich, mein lieber Wirth, umarmen Sie mich. . . Der Neffe des Rectors ist überwunden, und ich bin Pastor des Dorfes Ashbourn!

Aber er erheiterte sich nicht, und indem er den Kopf schüttelte, sagte er:

– Nehmen Sie sich in Acht, Herr Bemrode, nehmen Sie sich in Acht; ich habe bemerkt, daß Alles das, was Sie mit Ihrem Herzen machten, vortrefflich war, während Alles das, was Sie mit Ihrem Kopfe machen, schlecht ausschlägt . . . Nun denn! ich fürchte etwas, nämlich, daß Sie diese Predigt da wieder bei Weitem mehr mit Ihrem Kopfe, als mit Ihrem Herzen gemacht haben . . .

Ich war genöthigt, in meinem Innern einzugestehen, daß etwas Wahres in dem lag, was mein Wirth da sagte; aber meine Predigt war gemacht, ich fand sie nach meinem Geschmacke, und ich beschloß, sie so zu halten wie sie war.

Ich konnte, wie das erste Mal, zu Fuß nach Ashbourn gehen; – eine Strecke von sieben Meilen ist nicht sehr entsetzlich für dreiundzwanzigjährige Beine; – aber ich war jetzt so sicher, zu meiner Pfarre ernannt zu werden, daß ich nicht zögerte, mir den Luxus einer Carriole zu gewähren. Wäre außerdem dieser wie ein Bettler oder ein Landstreicher zu Fuß ankommende Pastor nicht sehr armselig in den Augen meiner zukünftigen Gemeinde, während diese aus der Stadt kommende Carriole ein gutes Ansehen hatte, und bei dem Candidaten einen gewissen Wohlstand andeutete. Nun aber liegt es leider, wie man weiß, in den Gewohnheiten der Menschen, besonders dem etwas anzubieten, der Nichts nöthig hat: da man also glauben würde, daß ich meine Pfarrstelle nicht nöthig hätte, so würde man sie mir ohne allen Zweifel anbieten.

Demzufolge ließ ich einen Miethkutscher kommen, der mir ein Pferd, einen Korbwagen und einen Kutscher für die Summe von fünf Schillingen gab.

Für diese Summe sollte er mich noch zurückfahren, wenn ich am folgenden Tage zurückkehrte; aber die Summe sollte sich auf sieben Schillinge belaufen, wenn meine Rückkehr erst am Montage stattfände.

Um elf Uhr Morgens machten wir uns auf den Weg. Mein Wirth, der Kupferschmied, stand unter seiner Thür; er wünschte mir glückliche Reise, aber er enthielt sich, mir einen glücklichen Erfolg zu wünschen, dann sah ich ihn ein letztes Mal den Kopf schütteln und in seinen Laden zurückkehren.

Diese Beharrlichkeit der Meinung bei einem Manne, dessen gesunden Verstand ich kannte, fing an, mich zu erschüttern. Ich nahm meine Predigt aus der Tasche, befahl meinem Kutscher, den Sommerweg der Straße einzuschlagen, um seiner Carriole und mir so viel Stöße als möglich zu ersparen, und begann mein Meisterstück wieder durchzulesen.

Ich muß sagen, daß, je weiter ich auf meiner Reise kam, und je mehr ich mich in meine Predigt vertiefte, desto mehr war ich genöthigt, mir selbst zugestehen, daß ich mich ein wenig sehr von einer Laune des Witzes hatte fortreißen lassen, die mich wohl zu dem Paradoxen hätte führen können; aber da der paradoxe, obgleich unbestreitbar falsche Witz, wenn er gut behandelt ist, einer der glänzendsten Witze ist, und es außer Zweifel war, daß meine Predigt in dem Stoffe und in der Form wundervoll ausgearbeitet war, so fuhr ich fort, mir zu sagen, daß sie durch den Glanz, mit dem sie bekleidet war, verblenden würde, wenn sie nicht rührte.

Nach Verlauf von drei Stunden des Fahrens fing ich an, jene Zeichen zu erkennen, welche die Annäherung eines Dorfes andeuten. Von Zeit zu Zeit erhoben sich an dem Rande des Weges, wie über ein Armeecorps wachende Vorposten aufgestellt, kleine weiße Häuser zwischen zwei Gärten; – vorn, ein Garten für die Blumen, ein ganz blendender und ganz von Nelken, Rosen und Jasmin duftender Garten; hinten ein Garten für die Früchte, an deren Bäumen die neuen Früchte anfingen, sich zu bilden, welche der folgende Monat vergolden und reifen sollte; vor den Thüren dieser Häuser, – zwischen Hühnern, die ihre Küchlein führten, Hunden, die im Schatten umherlagen, und Katzen, die in der Sonne blinzelten – wälzten sich rosige, blonde und halb nackte schöne Kinder. Das ganze reizende Schauspiel der lachenden und fruchtbaren Natur öffnete mein Herz sanften und zärtlichen Gefühlen. Ich ertheilte im Vorüberfahren und im Geiste aus dem Innern der Carriole meinen Segen diesen Häusern, diesen Blumen, diesen Früchten, diesen Hühnern, diesen Hunden, diesen Katzen, diesen Kindern, dieser ganzen beseelten und lebendigen Natur, die nach sechstausend Jahren des Bestehens frisch und jung war, wie als ob der Schöpfer sie am Tage vorher aus seinen Händen hätte fallen lassen. Ich sagte mir: »O mein Gott! Du allein weißt in diesem Augenblicke, und ich werde es bald mit Dir wissen, wie viele glückliche oder unglückliche Wesen diese bescheidenen Hütten enthalten, die in Mitte von Blumen blühen, die in Mitte von Früchten wachsen; ich werde es wie Du wissen, denn wenn Du ihr Gott bist, so werde ich ihr Pastor sein, das heißt der von der Vorsehung zwischen sie und Dich, o mein Gott, gestellte Vermittler! Dann verspreche ich Dir, Herr, alle meine Sorgfalt, alle meinen Eifer, alle meinen Verstand darauf zu verwenden, den Einen zu zeigen, wie man das Glück verdient, den Andern, wie man den Schmerz erträgt. Hier, mein Gott? – wenn Deine Weisheit zuläßt, daß ich zu diesem heiligen Amte berufen werde, – hier werde ich die Hände mit den Händen und die Herzen mit den Herzen verbinden; hier werde ich die kleinen Kinder in dem Augenblicke empfangen, wo sie nackend und indem sie ihren ersten Schmerzesschrei ausstoßen, in das Leben eintreten; hier werde ich sie aus dem Schooße ihrer irdischen Mutter in den Schooß der Kirche, ihrer himmlischen Mutter, übergehen lassen; hier werde ich die Jugend unterrichten und sie lehren, Dich zu preisen, mein Gott! Hier werde ich dem Alter die Augen schließen und es lehren, Dich für das Gute wie für das Böse, für das Vergnügen wie für den Schmerz zu segnen!«

Und indem ich das sagte, wurde mein Herz von einer so außerordentlichen Rührung beklommen, daß Thränen aus meinen Augen flossen, und daß ich, indem ich die Arme gen Himmel erhob, meine Predigt aus meinen Händen fallen ließ.

– Nehmen Sie sich in Acht, mein Herr, sagte der Kutscher zu mir, Sie verlieren Ihr Heft Papier.

Diese Worte riefen mich wieder zu dem Irdischen zurück, ohne mich indessen gänzlich aus meinem Entzücken zu erwecken; ich raffte meine Predigt wieder auf, und warf die Augen auf die ersten Zeilen . . .

O, mein lieber Petrus! wie ich, bevor ich auf die Hälfte der ersten Seite gekommen, der Meinung meines Wirthes, des Kupferschmieds war! Diese süßen Thränen, welche ich vergoß, fühlte ich in dem Maße in meinen Augen versiegen, als ich meine Prosa las; diese Begeisterung, welche mir das Herz klopfen ließ, fühlte ich in dem Maße in meiner Brust erlöschen, als ich in meiner Predigt weiter kam. Ich sah endlich diesen Text als das, was er war, das heißt, ein wahres Wortspiel; diese Form erschien mir in ihrer wahren Ansicht, das heißt falsch, schwülstig, erbärmlich! Ich versuchte weiterzugehen, es war mir unmöglich. Ich fragte mich, wie man dieser reichen Natur und dieser blühenden Menschheit gegenüber, Wirkung in Zusammensetzungen von Worten oder Spielen der Gedanken und des Witzes suchen könnte. Ich erröthete selbst über diese Treibhausberedtsamkeit, verglichen mit den einfachen, aber reinen Gedanken, welche mir die Gegenstände so eben eingeflößt, die ich vor Augen hatte. Ich rief aus: »O Ihr, die Ihr von mir das Wort des Herzens erwartet, beruhigt Euch, meine Brüder! ich werde Euch nicht das Gift des Verstandes bringen! Und wenn ich, morgen Euch gegenüber angekommen, Euch nur die Worte sagen sollte: »O meine Brüder! lobet den Herrn und liebt Euch unter einander!« nein, ich werde Euch nicht diese lügnerische und alberne Predigt halten, die mein Wirth, der Kupferschmied, dieser Arme an Geist, der so reich an Herz ist, so richtiger Weise verachtet hat.

Und da wir gerade in diesem Augenblicke die ersten Häuser des Dorfes erreichten, so zerriß ich meine Predigt, und indem ich die Stücke aus der Carriole warf, so fand ich ein Vergnügen daran zu sehen, wie der Wind sie verwehte und in die Vergessenheit fortführte.

IX.
Wie Witwe

Die Carriole hielt vor der Thür der Madame Snart. Bei dem Rollen der Räder erschien meine ehemalige Protectorin auf der Schwelle; sie war schwarz gekleidet, und ihre gerötheten Augen und ihre durchfurchten Wangen bezeugten das Vorüberkommen von Thränen, wie auf der Oberfläche der Erde nach einem Gewitter die ausgehöhlte Schlucht das Vorüberkommen eines Waldstromes anzeigt.

Und dennoch fühlte man unter diesem entstellten Gesichte ein ruhiges Herz und ein reines Gewissen. Sie lächelte mir traurig zu, und indem sie mich willkommen hieß, sagte sie zu mir:

– Herr Bemrode, ich erwartete Sie. Ich weiß, was Sie herführt, und wünsche, daß dieses Haus, in welchem ich Sie vor drei Monaten empfangen habe, und in welchem ich Sie heute empfange, das Ihrige wird.

Dieser Wunsch war mit so vieler Einfachheit und einer so sympathetischen Stimme ausgesprochen, daß kein Zweifel über seine Aufrichtigkeit zu erheben war.

Ich stieg aus und dankte ihr; dann, während der Kutscher das Pferd in den Stall führte und die Carriole unter den Schoppen schob, sagte sie zu mir:

– Kommen Sie, lieber Herr Bemrode; das erste Mal, wo Sie mir die Artigkeit erzeigt haben, zu uns zu kommen, war ich in meinem Hause, und Sie waren unser Gast; heute, wo Sie Aussichten zu haben scheinen, der Nachfolger meines armen Gatten zu werden, sind Sie in Ihrem Hause, und ich bin Ihre Dienerin … Kommen Sie, ich will Sie das Pfarrhaus in allen seinen Theilen sehen lassen.

Und auf der Stelle ließ sie mich, indem sie mir vorausging, den Hof überschreiten, den Garten besuchen, in die Keller hinunter, auf den Speicher hinauf gehen, und indem Sie mich in dieses Zimmer zurückführte, in welchem bei dem ersten Male, wo ich gekommen war, der würdige Herr Snart auf einem Kanapee lag, in der Erwartung des kalten und letzten Bettes im Grabe, sagte sie zu mir:

– Das ist Ihre zukünftige Wohnung, denn ich habe die Hoffnung, daß die Pfarre Ihnen gegeben werden wird, lieber Herr Bemrode. Ich habe in ihr fünfundzwanzig Jahre glücklich mit dem Manne gelebt, den der Herr zu sich gerufen hat, und mit dem er mich, wie ich hoffe, in seiner Barmherzigkeit bald wieder vereinigen wird . . .

– Fünfundzwanzig Jahre! rief ich aus; aber das ist ein ganzes Leben . . . Sagen Sie mir, wie schwer es Ihnen werden muß, ein so lange von Ihnen bewohntes Haus zu verlassen! . . .

– Indem er es zuerst verließ, lieber Herr Bemrode, hat der Mann, der hier fünfundzwanzig Jahre mit mir zugebracht hatte, das Signal zum Aufbruche gegeben. Sicher, wie ich bin, irgend eines Tages mich wieder mit ihm im Himmel zu vereinigen, liegt mir wenig an dem Orte, wo ich den Augenblick der Wiedervereinigung erwarten werde. . . Aber folgen Sie mir hierher, sagte sie zu mir, es bleibt Ihnen ein letztes Zimmer zu besuchen übrig.

Sie ging voraus, wie sie es bis dahin gethan hatte, und führte mich in ein Schlafzimmer.

– Sie sind jung, begann sie wieder, und im Alter, eine Gefährtin zu haben. Nehmen Sie diese Gefährtin, sittsam, liebend, von einem dem Ihrigen gleichen Stande; nehmen Sie dieselbe aus Liebe, wie Herr Snart mich genommen hat, und nicht aus Berechnung . . . und Ihre fünfundzwanzig Jahre der Wonne und der Glückseligkeit werden verfließen, wie die unsrigen verflossen sind.

Ich blickte diese würdige Frau mit einem mit Achtung gemischten Erstaunen an. – Fünfundzwanzig Jahre der Wonne und der Glückseligkeit! Niemals hat weder bei den Alten, noch bei den Neueren ein menschliches Wesen seinem Gott für fünfundzwanzig Jahre des Glückes danken können.

– Liebe Frau, fragte ich sie, sind Sie denn während fünfundzwanzig Jahren wahrhaft glücklich gewesen?. . . Hat während fünfundzwanzig Jahren – das heißt während einer längeren Dauer der Zeit, als die, welche ich bereits auf der Erde zugebracht habe – keine Betrübniß, kein Schmerz, keine Thräne diese Wonne und diese Glückseligkeit verfinstert, für welche Sie so eben Gott danken?

Indem ich mich nun nach diesen mit einer einfachen Papiertapete bedeckten Wänden kehrte, rief ich aus:

– O gesegnete Mauern! die ihr ein solches Wunder habt geschehen sehen, möchtet ihr eines Tages mein Haupt beschirmen können, wie ihr das dieser beiden Gatten beschirmt habt, und möchte ich späterhin sagen können, wie mir heute diese in Trauer gekleidete Wittwe sagt: »Habe Dank, mein Gott! für diese fünfundzwanzig Jahre des Glücks, ohne Störung und ohne Wolke, welche Du Deinem Diener bewilligt hast!«

Madame Snart lächelte, und indem sie schwermüthig den Kopf schüttelte, sagte sie zu mir:

– Lieber Herr Bemrode, es wäre nicht die Wahrheit, wenn Sie darunter verständen, daß diese lange Periode meines Lebens, wie Sie so eben sagten, ungestört und ungetrübt verflossen sei . . . Nur, da nach meiner Meinung das wahre Unglück in der Schuld und in der Sünde liegt, so sage ich, daß Gott uns gestattet hat, fünfundzwanzig Jahre in der Reinheit der Seele und der Heiterkeit des Gewissens zu leben . . . Ein Glück ohne Störung und ohne Wolke! O nein! im Gegentheil, und ich hoffe, daß meine Schmerzen mir angerechnet werden! . . . Nein! . . . Hier habe ich sehr gelitten; hier habe ich gar viele Thränen vergossen . . . und wenn das Herz bräche, lieber Herr Bemrode, hier würde mein Herz gebrochen sein; denn hier hat die Wittwe nicht allein ihren Gatten verloren, sondern die Mutter hat auch noch ihre Kinder sterben sehen! . . . Ich hatte drei Töchter, lieber Herr, drei Engel auf Erden, drei Engel im Himmel, jung, schön, rein! Der Thautropfen, welcher am Morgen an der Spitze des Weidenblattes zittert, war nicht klarer als ihr Blick; der blaue Maihimmel war nicht reiner als ihr Herz. Eines Tages kam eine Mutter mit ihrem kranken Kinde in ihren Armen, auf der Schwelle des Pfarrhauses, um Almosen zu bitten; die jüngste unserer drei Töchter drückte ein Geldstück in die fieberhafte Hand des Kindes; das Kind hatte die Blattern: meine Tochter brachte den Tod für sich und für ihre Schwestern zurück . . . Sehen Sie, dort . . . dort, Herr Bemrode, unter diesen Ringen, welche an der Decke die Vorhänge von drei Betten zurückhielten, dort war in fünf Tagen Alles vorbei . . . Ich war Mutter von drei Kindern; nach Verlauf von fünf Tagen war ich keine Mutter mehr. Drei kalte und gefühllose Leichen hatten nach einander meine geliebten Kinder ersetzt! Die letzte, welche starb, war die älteste; weit stärker, kämpfte sie länger . . . Sie war vor Kurzem fünfzehn Jahre alt geworden. Sie starb, indem sie zu mir sagte, »Sei ruhig, Mutter, ich sehe bereits im Himmel und sehe noch auf der Erde . . . Auf der Erde bist Du, welche weint, aber im Himmel sitzen meine beiden Schwestern zur Rechten Gottes und sie machen mir ein Zeichen, daß es neben ihnen einen Platz für mich giebt . . . Sei ruhig, meine Mutter, wir werden den Herrn für Dich und für unseren Vater bitten, und wir werden uns dort oben wiedersehen. Dort oben ist die wahre Heimath. Der Mensch ist nur ein Fremdling auf der Erde!« Und nach diesen Worten verschied das arme Kind oder schlief vielmehr ein, denn einen ganzen Tag lang wollte ich nicht glauben, daß sie gestorben wäre, indem ich bei ihr wachte und zu den Besuchenden sagte: » Geht leise! macht keinen Lärm« . . . so ruhig und lächelnd war ihr Gesicht geblieben! Endlich verließ sie als die Letzte dieses Zimmer, wie ihre beiden Schwestern es bereits verlassen hatten . . . Dieses Zimmer, das so viele Todte gesehen und so vieles Schluchzen gehört hat! Dieses Zimmer ist daher auch das einzige des ganzen Hauses, das ich bedauern werde.

– O, liebe Madame Snart, flüsterte ich leise; o, möge Gott mich beschützen, und ich verspreche Ihnen, daß Sie es nicht bedauern werden.

– Ja, fuhr sie fort, ohne mich zu verstehen, ja, ich werde es bedauern, denn dort in diesem Zimmer, an der Wand, sind nicht allein die drei Plätze, an welche ihre drei Betten, weiß wie jungfräuliche Schleier, gelehnt waren, sondern ich sehe auch noch durch das Fenster dieses Zimmers die Bäume, welche ihr Vater an dem Tage der Geburt einer jeden von ihnen gepflanzt hatte. . . Ach, armer Vater! als er sie pflanzte, hatte er nicht bedacht, daß die Trauerweiden Kirchhofsbäume, Schmuck der Gräber sind! Welcher Vater oder welche Mutter vermag in der That auch zu glauben, wenn er sein neugeborenes Kind umarmt, daß dieses Kind eines Tages sterben würde? . . . O doch, doch, Herr Bemrode! ich habe sehr gelitten, fuhr die arme Wittwe fort, indem sie in Schluchzen ausbrach; denn ich habe zugleich alles das gelitten, was eine Gattin, und alles das, was eine Mutter leiden können! . . . Jetzt stehe ich allein auf der Welt; Gott wird mich nach seinem Gefallen zu sich nehmen, ich erwarte seinen Willen . . .

Und sie erhob ihren Blick voller Glauben und Ergebung gen Himmel, indem sie wieder stumm wurde, während Thränen langsam über ihre Wangen rollten.

Ohne mir Rechenschaft von dem abzulegen, was ich empfand, fühlte ich meine Knie sich beugen, und ich befand mich in Anbetung neben dieser neuen Schmerzensmutter.

Ich ergriff eine ihrer Hände und küßte sie.

– Nein, sagte ich zu ihr, nein, Sie stehen nicht allein auf der Welt; nein, Sie haben nicht alle Ihre Kinder verloren! denn es bleibt Ihnen ein Sohn, ein Sohn, der Sie ehren und achten wird, meine Mutter, als ob er die Frucht Ihres Leibes und der Säugling ihrer Milch gewesen wäre. . . Nein, nein, Sie werden dieses Zimmer nicht verlassen; Gott wird mich begeistern, Gott wird mich beredtsam machen, Gott wird mir den Sieg verleihen, wäre es auch nur zu Gunsten Ihrer Verdienste, meine Mutter, wäre es auch nur, um Ihnen zu erlauben, nach Ihrer Reihe die Augen in diesem Zimmer zu schließen, in welchem alle die gestorben sind, die Sie liebten . . . Nein, Sie werden dieses Zimmer nicht verlassen, Sie werden jeden Abend Ihr dreifaches Gebet an der Stelle verrichten, welche die drei Betten einnahmen, und am Morgen werden Sie beim Erwachen durch das Fenster noch jene drei Weiden sehen, zu Bäumen der Trauer gewordene Bäume der Freude . . . Meine Mutter, möge das Haus mein sein, und das Haus wird Ihnen gehören, und ich werde immer nur Ihr Gast sein, wie an jenem Abend, wo ich, ohne zu wissen, was dieses Haus an Tugenden, Verdiensten und Schmerzen enthielte, gekommen bin, Sie um Gastfreundschaft zu bitten. Nur wenn das Unglück auch mich erreicht, wenn ich mein Herz brechen fühle, wenn Gott die Hand von mir zurückzieht, dann lassen Sie mich in dieses Zimmer kommen, meine Mutter, um mich dort leiden zu lehren, wo Sie so viel gelitten haben.

Sie blickte mich einen Augenblick lang erstaunt an, als ob sie nicht an das zu glauben vermochte, was ich ihr sagte; hierauf hob sie mich auf, ohne ein einziges Wort aussprechen zu können, und schlang schluchzend ihre Arme um meinen Hals. – Das Schluchzen gab ihr die Sprache wieder.

– Oh! mein Sohn! mein Sohn! sagte sie, sei tausend Mal gesegnet. Du suchtest eine Mutter, wie ich ein Kind suchte; Gott hat uns einander in die Arme geführt; was Gott thut, das ist wohlgethan . . . Mein Sohn, ich verlasse Dich nicht mehr. Hier bleibe ich bei Dir; anderswohin folge ich Dir, denn, mein geliebtes Kind, Du darfst Dir keine zu großen Hoffnungen machen: der Kampf wird schwer sein.

– Oh! sein Sie unbesorgt, meine Mutter, ich habe es Ihnen gesagt, Gott wird mich begeistern.

– Ja, rechnen Sie auf Gott, aber rechnen Sie nicht zu sehr auf sich . . . Erinnern Sie sich Ihres ersten Besuches in diesem Dorfe . . .

– Ich war ein Narr, ein Hochmüthiger: Gott hat mich bestraft; dann komme ich, wie Sie wissen, mit der Protection des Rectors.

– Enttäuschen Sie sich, im Gegentheile, rief die würdige Frau lebhaft aus . . . Sie werden sehen! Sie werden sehen! . . . Weil sein Neffe, ein Mensch von wenig Verdienst, sich um diese Pfarrstelle bewarb, hat er sie ihm nicht ohne Weiteres geben wollen, aus Furcht, der Parteilichkeit gegen die Seinigen beschuldigt zu werden … Er hat Sie hierher gesandt, Ihre Probepredigt zu halten, damit kein Anderer käme, der den Sieg über diesen Neffen davon trüge, und das wegen seiner Unwissenheit auf eine leichte Weise… während Sie…

Sie unterbrach sich erröthend.

– Endigen Sie, gute Mutter, sagte ich mit einem Lächeln zu ihr.

Dann, da sie fortfuhr zu schweigen, so sagte ich zu ihr:

– So sprechen Sie doch, gute Mutter… Sie wollen nicht?. . . Ich glaubte, daß eine Mutter kein Geheimniß für ihr Kind hätte; ich irrte mich: die meinige zögert, denn ihr Sohn ist ein Hochmüthiger. . . Wohlan! geliebte Mutter, um mich für diesen Hochmuth zu bestrafen, will ich Ihnen helfen. – Während ich, nicht wahr, noch weniger Verdienst habe, als dieser Neffe? . . .

– Er hat es geglaubt; er hat sich geirrt.

– Und Jedermann hat es glauben können, Sie zuerst, meine geliebte Mutter.

– O! er irrte sich . . . ich irrte mich gleichfalls . . . Wir irrten uns Alle, und das war erlaubt, mein armes Kind, fügte Madame Snart leise und in ihrem sanftesten Tone hinzu, denn die Predigt, die Sie gehalten haben…

– War sehr abscheulich, nicht wahr!… aber fürchten Sie nichts, es wird mit dieser da nicht eben so sein.

– Und über was predigen Sie am Sonntage, mein lieber Sohn?

– Ich weiß es noch nicht, meine Mutter.

– Wie! Ihre Predigt ist nicht gemacht?

– Sie war es . . . ich habe sie am Eingange des Dorfes zerrissen.

– Und warum das?

– Weil sie vielleicht noch weit schlechter war als die erste.

– Das ist viel, daß Sie das bemerkt haben, bevor Sie sie gehalten.

– Und dem wird von nun an mit allen meinen Predigten so sein, meine Mutter; denn, wenn ich sie mit meinem Verstande mache, den ich für falsch zu halten anfange, so werde ich sie mit meinem Herzen beurtheilen, welches, wie ich hoffe, rechtschaffen und gut ist.

– Wohlan! sagte sie, gehen Sie in Ihr Zimmer hinauf; es ist das, in welchem während fünf und zwanzig Jahren ein würdiger Pastor seine Predigten verfaßt hat. Es waren vielleicht keine Muster der Beredtsamkeit, aber es waren Ermahnungen zu einer Frömmigkeit, zu einer Mildthätigkeit, zu einer Bruderliebe, zu denen er das Beispiel gab. Die einfachen und guten Leute dieses Dorfes liebten ihn, weil sie ihn einfach und gut wie sie fanden. Streben Sie nicht danach, Besseres als er zu machen: es eben so gut zu machen wird für Ihr Glück und ihr Heil hinreichen.

– Ach! beruhigen Sie sich, meine gute Mutter, sagte ich zu ihr: da ich nur Ihr Glück im Auge habe, so stehe ich von heute an unter dem Schutze derer, die Sie geliebt haben; diese da werden mir eingeben, was ich thun muß, und Alles wird gut gehen.

Ich drückte ihr von Neuem die Hand, und ging in mein Zimmer hinauf; aber vergebens wollte ich an meine Predigt denken, es war etwas Unmögliches. Ich vermochte nur alles das wieder in meinem Gedächtnisse durchzugehen, was mir diese vortreffliche Frau gesagt hatte, und zu bewundern, welche Beispiele der Frömmigkeit, des Muthes und der Ergebung Gott zuweilen in einem unbekannten Winkel der Erde verbarg.

Die Stunde des Abendessens kam herbei; Madame Snart hatte es selbst zubereitet, seit dem Tode ihres Gatten hatte sie ihre Magd fortgeschickt.

Als das Abendessen angerichtet war, rief sie mich.

Ich hatte großen Hunger, den Appetit eines jungen Mannes von dreiundzwanzig Jahren, mein lieber Petrus; außerdem ein zufriedenes Herz ohne Sorgen für den folgenden Tag; denn dieses Mal fühlte ich, ohne daran zweifeln zu können, daß der Herr mit mir wäre.

Sie, die arme Mutter, aß im Gegentheile kaum und trank nur ein Glas Wasser. Als sie sah, daß ich mich an diesen Tisch, an die Stelle setzte, die gewöhnlich ihr Gatte einnahm, waren ihr dicke Thränen in die Augen gekommen, die sie unterdrückt hatte, aber die auf ihr Herz zurückgefallen waren.

– Und Ihre Predigt? sagte sie an dem Ende des Abendessens zu mir.

– Ich habe noch nicht daran denken können, meine gute Mutter, aber Sie sehen, wie ruhig und unbesorgt ich bin . . . Gott hat seine Absichten mit mir, nicht wegen meiner Verdienste, sondern wegen der Ihrigen.

– Dem sei so! sagte sie lächelnd.

Und indem sie mir eine Lampe reichte, sagte sie:

– Gehen Sie, für mich zu arbeiten, ich werde für Sie beten.

Und sie trat allein und ohne Licht in dieses Zimmer, in welchem ihre drei Kinder und ihr Gatte verschieden waren; denn ohne Zweifel glaubte sie in der Dunkelheit jene unbestimmten und undeutlichen Gestalten, die stummen Bewohner des Reiches der Todten, wiederzusehen.

X.
Der Mensch ist ein Fremdling ans Erden

Ich ging in mein Zimmer hinauf; es war das, welches ich bei meiner ersten Reise bewohnt hatte; aber welche Veränderungen, mein lieber Petrus, hatten sich seit dieser ersten Reise in mir und um mich herum zugetragen! Ich hatte angefangen, das Γυϲόϑι σεαυτόν des Sokrates auf mich anzuwenden, und in kurzer Zeit hatte dieses Studium mich zu dem Zweifel an mir selbst und zu dem Glauben an Gott geführt.

Ich stellte meine Lampe auf den Tisch, sank auf einen Stuhl und träumte.

Ich träumte von meinen auf einander folgenden getäuschten Hoffnungen, von meinem Versuche im Heldengeeicht, von meinem Versuche im Trauerspiele, von meinem Versuche einer philosophischen Abhandlung, von meinem drei Male, wie Jakob durch den Engel, gedemüthigten Stolze, und ich sah als Ersatz dieses Kampfes, der während der langen Nacht meines Geistes gedauert hatte, die vor der Morgenröthe des Glaubens zu verschwinden begann, das ruhige und friedliche Leben dieses Pastors, dessen Platz ich einnahm, der in der Einfachheit seiner Arbeit und seines Lebens niemals gescheitert war, der während fünfundzwanzig Jahren seiner Gemeinde Beispiele der Frömmigkeit, der Mildthätigkeit und der Bruderliebe gegeben hatte, und der die Hände, nicht mit schönen Büchern, sondern mit guten Thaten gefüllt, wieder zu Gott zurückgegangen war. Ich sagte mir, daß mein Stolz, der Dämon, den ich besonders zu bekämpfen habe, – mich bis diesen Augenblick betrogen hätte, indem er mich überredete, daß mein Genie berufen wäre, Aufsehen in der Welt zu machen, während es mir im Gegentheile, erst seit diesem glückseligen Abende, schien, daß ein ruhiges, stilles und friedliches Leben, das unter dem Flügel des Engels der Familie verflösse, das wahre Dasein sei, das mir vorbehalten wäre.

Und bei dem Gedanken, ungekannt auf diesem kleinen Winkel der Erde zu leben und zu sterben, ein Gedanke, der drei Tage vorher mich zur Verzweiflung gebracht hätte, fühlte ich etwas Tröstendes, Belebendes sich in meine Adern ergießen und sanft bis zu meinem Herzen strömen.

Es befand sich zufällig ein Spiegel vor mir. Mein Blick verweilte darauf, und es schien mir, daß mein Auge begeistert, meine Stirn leuchtend und mein Mund lächelnd wären.

Das kam daher, weil ich, wie ich glaube, zum ersten Male in meinem Leben glücklich, ohne Bedauern, ohne Wünsche und dennoch voller Hoffnung war.

Ich weiß nicht, wie lange seit ich in diesem Zustande der Glückseligkeit und des Entzückens blieb; ich wurde aus ihm durch die Glocke der Kirche gerissen, an welche das Pfarrhaus angebaut war; es schlug neun Uhr.

Ich machte das Fenster auf.

Es war eine wundervolle Nacht, eine schöne, durch milde Lüfte gemäßigte Juni-Nacht. Mein Fenster ging zuvorderst auf den Garten des Pfarrhauses, dann auf andere, an diesen da anstoßende Gärten; dann kam das Feld, dessen Horizont durch eine kleine Hügelkette geschlossen war.

Alles, was mein Blick in Mitte der durchsichtigen Finsterniß der Nacht zu übersehen vermochte, bot das vollständigste Bild der Unschuld und der Ruhe.

Nur drei Lichter glänzten in diesem Kreise, bescheidene Parodieen aller dieser funkelnden Lichter, mit denen die blaue Unermeßlichkeit des Himmels besäet war. Lange heftete sich mein Blick tiefsinnig und forschend auf diese Heerschaar von Sternen, durch welche die Milchstraße wie ein Strom, wie eine Lawine, wie ein Wasserfall von Welten geht! Dann, unter der Erhabenheit des Schauspieles niedergebeugt, indem ich mich unfähig fühlte, diesen Sonnen, diesen Planeten, diesen Sternen, diesen Trabanten, denen Copernicus, Galilei und Newton, —, diese drei großen Erforscher des Firmamentes, – ihren Weg vorgeschrieben haben, in den Bewegungen zu folgen, die ihnen eigen sind, oder die ihnen gegeben sind, ließ ich meine Augen wieder ohne Scham über meine Schwäche auf die Erde zurückfallen; denn ich erinnerte mich jener Worte Pascal’s: »Das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume erschreckt mich!« und ich fürchtete nicht demüthig mit dem Erfinder der Rechenmaschine und mit dem Verfasser der lettres provinciales und der Pensées zu sein.

Während der wenigen Augenblicke, in denen mein Blick sich auf die Lichter des Himmels geheftet hatte, waren die Lichter der Erde erloschen, und Alles war in die Dunkelheit zurückgekehrt.

In diesem Augenblicke erschien ein schwacher weißlicher Schein auf dem Gipfel eines dieser kleinen krausen Hügel, welche den Horizont begrenzten.

Meine Augen verweilten auf dieser Art von nächtlicher Morgendämmerung.

Es war der Mond, welcher langsam, majestätisch, glänzend aufging; aus seinem nicht recht gut gerundeten Kreise, der allmälig hinter dem Kamme des Hügels erschien, strömte gleich einer Strahlenkrone, und sich mildernd, indem es sich von dem Mittelpunkte entfernte, ein sanftes, friedliches Silberlicht. Dieses Licht verbreitete sich in dem Maße, als der ruhige König der Nächte nach den erhabenen Höhen des Firmamentes aufstieg über die Ebene, auf welcher es die Bäche wie gewässerte Bänder funkeln und die Teiche wie Silberspiegel glänzen ließ; allmälig floh die Dunkelheit vor ihm, indem sie vor seinem Lichte zurückwich, das allmälig den ganzen von meinen Augen übersehenen Kreis erfüllte, wie eine Fluth, welche von dem Horizonte kommt, allmälig das ganze Bett des Meeres erfüllt, das die Ebbe bei ihrem Zurückziehen leer gelassen hat, und auf diese Weise siegreich, unwiderstehlich, wachsend bis zu dem Gipfel der höchsten Gestade steigt. – Plötzlich, in dem Augenblicke, wo dieses Licht sich in dem Garten des Pfarrhauses verbreitete und bis zu dem Fenster hinaufstieg, auf dessen Brüstung ich mich gelehnt befand, erhob sich ein melodischer Gesang von den Ufern des kleinen Teiches, und inmitten dieser so durchsichtig gewordenen Nacht, daß man sie für eine Morgenröthe hätte halten können, erblickte ich den gefiederten Sänger, dessen Stimme allein die Rückkehr des bleichen Lichtes und die erhabene und schweigende Heiterkeit der Nacht begrüßte.

Es war eine auf dem höchsten Zweige der größten der drei Weiden sitzende Nachtigall, oder sagen Sie mir, mein lieber Petrus, meinen Sie nicht wie ich, daß es vielmehr die Seele des jungen Mädchens war, die von dem Gipfel dieser Weide, die an demselben Tage, an welchem ihr vergänglicher Körper auf der Erde erschienen, gepflanzt war in Mitte der Finsterniß und mit diesem lieblichen Gesange ihre trostlose Mutter im Namen ihrer Schwestern, ihres Vaters und Gottes zu begrüßen kam?

O, welche angenehme, schöne, heitere Nacht! Wie sehr war sie verschieden von der, die ich drei Monate vorher in demselben Zimmer zugebracht hatte, als ich über meine erste Predigt gebückt, mit fieberhaftem Pulse, mit vor Schweiß triefender Stirn, mit diesem Dämon des Hochmuths kämpfte, der jetzt von mir besiegt und zu meinen Füßen gefesselt war!

Es giebt Stunden, welche verfließen, ohne daß man die Zeit ermißt; während dieser Stunden weiß man nicht einmal, ob man gelebt, wenigstens das irdische Leben . . . Der Mond glänzte während der ganzen Nacht; die Nachtigall sang während der ganzen Nacht; ich betrachtete und horchte während der ganzen Nacht.

Endlich sah ich nach seiner Reihe den glänzendsten der Sterne erscheinen, den, welchen die Dichter zur Tochter Jupiters und der Aurora gemacht und dem sie den Namen Venus gegeben haben, den unsere modernen Astronomen in Lucifer geändert, weil er, da er der Sonne nur um einige Stunden vorausgeht, rasch am Himmel aufsteigt und auf seinem Wege die glänzende Fackel des Morgens schüttelt.

Die Nachtigall hörte auf zu singen, der Mond erbleichte; ich machte mein Fenster zu und legte mich zu Bett.

Ich erwachte zu derselben Stunde als das erste Mal; aber statt des schrecklichen schweren Traumes, der mich während des anderen Schlummers gepeinigt, war ich nur von angenehmen Träumen besucht gewesen, die aus jener Pforte von Elfenbein hervorgehen, welche sich am Abend den durchsichtigen und lügenhaften Erscheinungen öffnet.

Fast zu gleicher Zeit klopfte meine gute Mutter an meine Thür, indem sie mir meldete, daß die Glocke in einer Viertelstunde läuten würde.

Ich stand auf, kleidete mich an und suchte ein letztes Mal meine Ideen für die Predigt zu sammeln, die ich halten – Unmöglich! Mein Geist war voller Bilder und Töne, die ich seit dem gestrigen Tage gesehen und gehört hatte. Ich sah nur diese schwarz gekleidete Wittwe, diese drei, eines nach dem andern auf der Erde erlöschenden Lichter, diese Myriaden von Welten, welche sich an dem Himmel anzündeten und funkelten, diesen die Dunkelheit verjagenden Mond, und diesen Morgenstern, der, emporsteigend, den Mond verjagte und den Tag meldete. Ich hörte nur diese trostlose Mutter, welche, wie Rachel in Rama, den Verlust ihrer Töchter bejammerte, und diese melodische Nachtigall, welche, auf dem höchsten Zweige dieser Weide sitzend, die das Ende ihrer Zweige in das dunkle Wasser des Teiches tauchte, die ganze Nacht über gesungen hatte, um sie zu trösten.

Die Stunde schlug; es befand sich in der Kirche eine vielleicht noch größere Menschenmenge als das erste Mal, wo ich gepredigt hatte. Ich schritt ohne Affectation durch diese Menge, indem ich die Augen weder erhob, noch niederschlug und vollkommen ruhig von Herzen wie im Geiste war.

Wie das erste Mal trat ich in die Sakristei, dieses Mal nicht mehr, um eine schlechte Predigt zu verbessern, sondern um ein inbrünstiges Gebet zu verrichten. Ich kniete nieder, und nachdem ich demüthig mein Herz Gott zu Füßen gelegt, kehrte ich in die Kirche zurück und bestieg die Kanzel, indem ich noch nicht wußte, über welchen Gegenstand ich sprechen würde, aber überzeugt, daß Gott, auf den ich mich mit so viel Glauben verließ, mich in diesem entscheidenden Augenblicke nicht verlassen würde.

Während des Gesanges blickte ich um mich und sah zu meiner Rechten in einer Seitenkapelle die ehrwürdige Wittwe des Pastors Snart knieend und die Augen auf die Wand geheftet; an dieser Wand waren drei kleine Immortellenkränze aufgehängt, und in der Mitte jedes dieser Kränze befand sich ein Anfangsbuchstabe. Ich errieth, daß diese drei Kränze den drei jungen Mädchen gewidmet wäre n und daß diese Anfangsbuchstaben die ihrer Namen seien. Ich beschwor nun im Geiste diese drei Engel der Reinheit, damit sie mich begeistern und unterstützen möchten. – In diesem Augenblicke erinnerte ich mich in der That, als ob mein Gebet erhört worden wäre, der letzten Worte der ältesten der drei jungen Mädchen: » Der Mensch ist nur ein Fremdling auf Erden,« und ich beschloß, sie zum Texte für meine Predigt zu nehmen.

In der That, welchen schöneren Text gab es? welchen besser gewählten Text, um zu den Herzen Aller zu reden? Je zahlreicher die Versammlung war, desto größer würde die Absonderung eines Jeden erscheinen. Es war daher eine wahre Eingebung, die mir aus dem Grabe kam. Ich wandte mich nach den drei Kränzen, um sie zu begrüßen, und ich sah unsere würdige Mutter, die mich mit einem Gefühle voller Bangigkeit und Augen voller Thränen anblickte.

Ich lächelte ihr zu, indem ich ihr einen Wink gab, um sie zu beruhigen; dann, da in diesem Augenblicke der Gesang aufhörte, wandte ich mich wieder nach meiner zukünftigen Gemeinde und zeigte mit einer zugleich sanften und ruhigen, liebevollen und festen Stimme den Text an, über den ich sprechen würde.

Bei dieser einfachen Anzeige verbreitete sich ein wohlwollendes Gemurmel in der Versammlung.

Ich fing an.

Sie machen sich keinen Begriff, mein lieber Petrus, mit welcher Klarheit sich die Ideen meinem Geiste und die Worte meinem Munde boten. Ich hatte keine Furcht, keine Verlegenheit, keine Unschlüssigkeit. Bei den ersten Worten, die ich aussprach, blickten sich meine Zuhörer voller Erstaunen an, wie um sich einander zu fragen, ob ich wirklich dieselbe Person wäre, welche ihnen drei Monate vorher jene geschraubte, weitschweifige, unverständliche Predigt gehalten hatte . . . Ich nahm den Menschen von seiner Geburt an; ich verglich ihn mit einem in seiner Jugend mit grünen Blättern bedeckten Baum, der jedes Jahr seine Blätter verliert, die mit jedem Jahre wieder wachsen – die aber gegen eine gewisse Zeit anfangen, weniger frisch, weniger lebenskräftig, weniger zahlreich zu wachsen – bis daß er endlich, alt und entlaubt, einsam und vertrocknet, nichts mehr über diese Erde ausbreitet, die er einen Augenblick lang mit Schatten bedeckt hat, als einen knorrigen Stamm und abgezehrte Arme. Ich zeigte nicht allein den Menschen wie eine vorüberkommende Erscheinung, sondern auch noch die Generationen, die sich wie Schatten einander folgten, eine unermeßliche Prozession, schnell vergänglich durch die Einheit, ewig durch ihre Masse; den Menschen, wie er nackend und wankend aus der Erde hervorgeht, die er einen Augenblick lang bewohnt, indem er sich nach dem Himmel sehnt, und der nach vierzig, fünfzig, sechszig Jahren, das heißt nach einer Stunde, einer Minute, einer Sekunde nach der Rechnung der Ewigkeit, seinen wankenden und nackten Leib dieser Erde zurückgiebt, aus der er hervorgegangen ist, während die unsterbliche Seele wieder zum Himmel aufsteigt, das heißt zu der göttlichen Wohnung, aus der sie herabgekommen ist, und wo – eine Fremde auf Erden – sie die hohe Belohnung aus den Händen der höchsten Güte erwartet. Ich zeigte in dem Maße, als der Mensch in das Leben eintritt, diesen Menschen, wie er Alles verliert, was er geliebt hat; zuerst den Vater, der ihm das Dasein gegeben hat, dann die Mutter, die ihn ernährt hat; dann nach ihrer Reihe die Kinder, die er erzeugt, erzogen, genährt hat, wie sie ihn nicht für den Tod, sondern für das Leben verlassen: der Gatte, um in einer anderen Stadt, einer anderen Gegend, in einer anderen Welt die für seinen Lebensunterhalt, für den Lebensunterhalt seiner Frau, für den Lebensunterhalt seiner Kinder nöthigen Mittel zu suchen; die Gattin, um ihrem Gatten überall hin zu folgen, wohin er geht; ich zeigte ihn, wie er in dem Maße, als er dem Grabe zuschreitet, an jeder Ecke des Weges einen Bruder, einen Verwandten, einen Freund verliert, so daß er, wenn er jemals auf diesem Wege des Jammers und der Thränen zurückkäme, er ihn Schritt vor Schritt wegen der Gräber wieder einschlagen könnte, die er wie Meilensteine auf der ganzen Länge und auf beiden Seiten seines Weges wiederfinden würde.

Indem ich mich dann endlich nach meiner guten Mutter umwandte, welche mich anhörend und mich anblickend, Thränen der Rührung und der Wonne vergoß, die drei Kränze zeigte, vor denen diese Frau kniete, die dreimal das gelitten hatte, was die Mutter Gottes gelitten, rief ich aus:

– Ja, ja, der Mensch ist ein Fremdling auf dieser Erde, er erscheint, er wächst, er leidet, er geht vorüber . . . und einige vertrocknete Blumen, der erste Buchstabe eines Namens, die Furche, die er gegraben, die er mit seinen Thränen benetzt hat und die sich hinter ihm über dem Abgrunde der Vergangenheit wieder schließen wird, wie die Furche eines Schiffes auf dem Abgrunde des Oceans, das ist es, was er von sich, nach sich zurückläßt! . . . Aber beruhigt Euch, Ihr, die Ihr entweder eine Mutter oder einen Vater, oder einen Gatten, oder ein Kind beweint, beruhigt Euch! Fremdlinge auf dieser Erde, haben Euch die, welche Euch verlassen haben, nur für eine Zeit lang verlassen, und sie sind hingegangen, Euch in dem Himmel, jener Heimath, zu erwarten, wo Ihr Euch eines Tages in der glückseligen Ewigkeit und in dem unendlichen Glanze wieder mit ihnen vereinigen werdet!

Ich vermag Ihnen nicht auszudrücken, mein lieber Petrus, zu welchem Grade der Rührung ich, als ich dazu kam, meine Zuhörer geführt hatte; es gab nicht eine einzige Person unter dieser Menge, die nicht in Thränen ausbrach, und ich selbst, als der erste, vergoß reichliche Thränen, indem ich an meinen würdigen Vater und an meine ehrwürdige Mutter dachte. Nun aber wissen Sie, daß die besten Freunde, die zuverlässigsten Freunde die sind, welche mit einander geweint haben. Als ich die Kanzel verließ, fand ich alle Arme offen, um mich zu empfangen; ich wurde im Triumph in die Sakristei getragen; die Greise, die, da sie bereits das Meiste auf dieser Welt verloren haben, mich am besten verstehen mußten, die Greise umarmten mich, drückten mich an ihr Herz und riefen mit einem Gefühle aus, das an Begeisterung grenzte:

– O, Sie werden unser Pastor werden, wir wollen keinen anderen als Sie; wir werden Sie von dem Herrn Rector verlangen, und müßten wir auch Alle nach der Stadt gehen, um diese Forderung an ihn zu stellen, wir werden Sie erlangen!

Einen Augenblick lang hätte man glauben können, daß diese Forderung unnöthig wäre, denn es versicherte Jemand, den Herrn Rector erblickt zu haben, wie er in einem der dunkelsten und entlegensten Winkel der Kirche meine Predigt angehört hätte, wohin er ohne Zweifel in der Güte seiner Seele gekommen war, um meinem Triumphe beizuwohnen.

Aber man suchte ihn vergebens; er war verschwunden.

XI.
Gott lenkt

Meine gute Mutter erwartete mich an der Thür der Sakristei. Wir kehrten mit einander, fast von dem ganzen Dorfe begleitet, nach dem Pfarrhause zurück. Dort nahmen die Kirchenvorsteher Abschied von mir, aber um ihre Bitte an den Herrn Rector aufzusetzen.

Meine Mutter und ich kehrten allein in das Innere des Pfarrhauses zurück, und ich war erstaunt, alle Schränke offen, alle Schubladen aufgezogen zu sehen.

Ich fragte Madame Snart, was das bedeutete.

– Mein Sohn, sagte sie zu mir, Sie haben mich als Ihre Mutter angenommen, es ist daher sehr natürlich, daß ich Sie als meinen Sohn anerkenne.

Bevor Sie wußten, ob ich reich oder arm wäre, haben Sie zu mir gesagt: »Sie werden dieses Zimmer behalten, in welchem Sie glücklich und unglücklich gewesen sind, in welchem Sie gelächelt und geweint haben, in welchem Sie Mutter geworden, und in welchem Ihre Kinder gestorben sind.« Ich habe es angenommen; nehmen Sie daher jetzt auch das an, was ich Ihnen anbiete, das heißt das Haus so wie es ist, mit seinen Möbeln, seiner Wäsche und seinem Silberzeug. So lange ich lebe, wird Alles für uns beide sein; sobald ich gestorben bin, wird Alles Ihnen allein gehören.

Ich wollte eine Geberde der Weigerung machen.

– O! sagte sie, schützen Sie nicht das Unrecht vor, welches ich denen anthue, die auf das Wenige rechnen, was ich besitze. Zuvörderst habe ich nur entfernte Erben, die kein wirkliches Recht auf mein kleines Vermögen haben; dieses kleine Vermögen, so wie es ist, eine Gabe der Wittwe, der Heller der Mutter, gehört Ihnen, und wenn Sie mich nicht unendlich betrüben wollen, so gehen wir noch heute zu dem Notar von Wirksworth, wo ich Ihnen eine Schenkung darüber ausstellen werde.

Ich dankte dem guten Wesen mit Thränen in den Augen; ich sagte zu ihr, daß ich Alles mit demselben Herzen annähme, als dieses Alles mir angeboten wäre; aber ich bat sie inständigst, diese Schenkung auf späterhin zu verlegen, um mir nicht in den Augen meiner zukünftigen Gemeinde das Ansehen eines habsüchtigen und mißtrauischen Menschen zu geben. Nach dem Beifalle, den ich so eben erlangt hatte, nach der dringenden Forderung, welche die Leute des Dorfes mir an den Herrn Rector zu richten versprachen, war es unmöglich, daß seine Entscheidung lange auf sich warten ließe.

Höchstens in vierzehn Tagen würde ich zurückgekehrt sein, und es würde dann Zeit genug sein, diese Schenkung zu machen, die ich im Voraus annahm.

Aber ich konnte ihr nicht verweigern, mit ihr alle diese bescheidenen, während fünfundzwanzig Jahren der Arbeit und der Sparsamkeit aufgehäuften Schätze der Haushaltung zu besuchen, und, ich beeile mich es zu sagen, bei der guten und würdigen Frau glich der Ueberfluß der Einfachheit fast dem Luxus.

Gott weiß, daß ich, hätte ich sie auch mit Lumpen bedeckt an der Ecke von dem Sarge des armen Pastors, der mein Vorgänger gewesen war, sitzend gefunden, sie aufgenommen, geliebt und verehrt haben würde, wie ich es that; aber ich muß auch gestehen, daß es nicht ohne eine gewisse, von aller Liebe zum Eigenthume freie Zufriedenheit war, daß ich diese Musterung meines zukünftigen Reichthumes hielt.

Nun fielen mir diese wenigen Worte wieder ein, welche sie mir über die Wahrscheinlichkeit gesagt hatte, daß vielleicht bald eine junge Gefährtin dieses Pfarrhaus mit mir bewohnen würde; ich dachte mit Stolz, daß wenn die Prophezeiung in Erfüllung ginge, wir bei unserm Eintritte in die Ehe auf der Stelle reich sein würden, wie die Andern es erst nach Verlauf von zehn, zwanzig und dreißig Jahren sind. Meine Zärtlichkeit für diese liebe Schenkerin nahm dadurch nicht zu; aber die Dankbarkeit vereinigte sich mit ihr und machte aus ihr ein zärtlicheres, liebevolleres, und ich möchte fast sagen, – so sehr hält sich die Liebe zum Eigenthume in einem Winkel des menschlichen Herzens verborgen, – ein weit ergebeneres Gefühl.

Wir setzten uns zu Tische. Sie wissen bereits, mein lieber Petrus, daß die Natur mich mit einem vortrefflichen Appetit begabt hat; aber dieses Mal fügte der Gedanke, daß ich von einem Porzellan und mit Silbergeschirr äße, das mir eines Tages angehören würde, dem Mahle noch ein Vergnügen hinzu, und ließ es mich von dem Guten, wie es war, vortrefflich finden; dann, nach der Mahlzeit, während welcher wir, sie als eine gute Mutter, und ich als ein guter Sohn unsere Verabredungen für die Zukunft trafen, umarmte ich sie, und stieg trotz ihren Bitten, daß ich noch einen Tag langer bleiben möchte, wieder in die Carriole und schlug den Weg nach Nottingham ein.

Der wahre Grund dieser Abreise war, daß ich Eile hatte, meinem Wirthe, dem Kupferschmiede, meinen Triumph zu melden.

Als sie die Carriole vor der Thür des Pfarrhauses sahen, hatten sich ein Dutzend Landleute in der Absicht versammelt, mich beim Vorüberkommen zu grüßen. Ich nahm Abschied von ihnen, indem ich sie bat, für meine baldige Rückkehr zu beten. Sie versprachen es mir mit entblößtem Kopfe und die Hand schüchtern nach mir ausgestreckt. Ich ergriff alle diese Hände eine nach der andern, und drückte sie in die meinigen; dann umarmte ich den Aeltesten, bat ihn um seinen Segen, und stieg, wie ich gesagt habe, wieder in die Carriole, welche den Weg nach Nottingham einschlug.

In der ganzen Länge der Straße fand ich Gruppen von drei oder vier Landleuten, die sich mit einander unterhielten. Bei dem Rollen des Wagens wandten sie sich um, und als sie mich sahen, lächelten sie.

Und ich sagte mir stolzer Weise, – denn ach! mein lieber Petrus, Sie wissen nicht, welches Unkraut, welche ausdauernde Pflanze der Stolz ist! – und ich, ich sagte mir:

– Sie sprechen von meiner Predigt, und sie sind stolz einen Pastor zu haben, der beredtsamer als alle Pastoren der Nachbarschaft ist.

Dann fügte ich wieder im Stillen, in der geheimen Tiefe meiner Seele hinzu:

– Was wird es denn erst sein, wenn ich mein großes Werk geschrieben haben werde?

Denn an dieses große Werk, das ich für immer zum Nichts verdammt zu haben glaubte, dachte ich doch noch von Zeit zu Zeit wieder.

Wahr ist es, daß ich bald durch den Anblick der Gegend, dieser Häuser, dieser Kinder, dieser Thiere wieder zerstreut wurde, welche mir bei meiner Ankunft so heilsame Gedanken eingeflößt hatten. Ich lächelte Alle diesem zu und segnete es im Vorüberkommen bei Weitem vergnügter, als ich es am Tage vorher gethan hatte; denn ich hatte jetzt Ursache, das als eine Gewißheit anzusehen, was vorher nur eine ungewisse Hoffnung war.

Gegen zwei Uhr Nachmittags war ich nach Nottingham zurückgekehrt. Mein Wirth, der Kupferschmied, war ausgegangen, um Arbeit in die Stadt zu tragen; aber da man mir sagte, daß er bald nach Haus kommen würde, so erwartete ich ihn in seinem Laden.

In der That, einige Minuten nach meiner Ankunft erschien er auf der Schwelle.

– Ah! sagte er, als er mich erblickte und auf meinem Gesichte eine mit Stolz gemischte Freude las, es ist nicht nöthig, Sie zu fragen, ob Sie mit Ihrer Reise zufrieden sind . . . Die Sachen sind gut gegangen, wie es scheint?

– Vortrefflich, mein lieber Wirth, und der Erfolg hat meine Erwartung übertreffen.

– Um so besser, sagte er, um so besser! und ich freue mich, in meinen Voraussichten geirrt zu haben . . . Ich erwartete Sie mit einer gewissen Besorgniß, und ich hoffte nichts so Gutes von Ihrer Predigt . . . Aber das ist nicht meine Schuld; ich bin ein armer Mann, der nichts von allen den Dingen der Literatur, der Theologie und der Wissenschaft versteht. Ich hatte Unrecht, und Sie hatten Recht.

Ich muß Ihnen gestehen, mein lieber Petrus, daß ein Rest des alten noch nicht recht aus meiner Person ausgetriebenen Stolzes sich dazu neigte, diesen wackeren Mann glauben zu lassen, daß in der That er es wäre, der sich geirrt hätte, und ich, der unfehlbar gewesen sei; aber ich schämte mich dieser Regung des Stolzes, und indem ich sie fast sogleich verwarf, sagte ich zu ihm:

– Nein, mein lieber Wirth, nein; Sie hatten im Gegentheil Recht, und ich hatte Unrecht.

Von der alten Predigt, die ich Ihnen vorgelesen habe, und die Sie mit so vielem Rechte abscheulich gefunden, ist nichts übrig geblieben, als die Scham, sie gemacht zu haben.

Und nun erzählte ich ihm alles das, was sich zugetragen hatte; wie der Anblick aller dieser natürlichen und reizenden Gegenstände, die ich auf meinem Wege angetroffen hatte, den Gang meiner Ideen geändert; wie ich muthiger Weise meine Predigt zerrissen, und wie ich mit Hilfe Gottes eine andere aus dem Steigreife gehalten hätte.

– Nun denn, sagte er, indem er auf mich zukam und mir die Hand reichte, ich habe es wohl gedacht, Sie haben ein goldenes Herz; nur ist der Verstand zuweilen falsch; aber das rührt daher, Herr Bemrode, daß Sie zu gelehrt sind. Es giebt viele Leute, ich unter Anderen, die nöthig hätten zu lernen; Sie, lieber Herr, Sie hätten im Gegentheile nöthig zu vergessen.

Ich lächelte hochmüthiger Weise. Ich hatte eine hinlänglich gute Idee von dem Grade der Kenntnisse, die ich besaß, um fast der Meinung meines Wirthes, des Kupferschmieds, zu sein und mir im Stillen zu sagen, daß ich in der That viel vergessen und noch außerordentlich viel wissen könnte.

Ich nahm wieder Besitz von meinem kleinen Zimmer und wartete geduldig die Entscheidung des Herrn Rectors ab, zu dem ich zwei Mal ging, ohne die Ehre zu haben, von ihm empfangen zu werden.

Es war augenscheinlich, daß die würdige Madame Snart sich nicht geirrt hatte. Der Rector hatte darauf gerechnet, daß meine zweite Predigt wie die erste durchfallen würde, dann würde sein Neffe nach seiner Reihe predigen und da einen Beifall erlangen, wo ich einen Sturz erlitten hatte; die Gemeinde würde selbst diesen jungen Mann verlangen , den der Rector ihr bewilligte, indem er dabei den Schein der strengsten Unparteilichkeit erhielt, da er einen öffentlichen Wettstreit unter uns angeordnet hatte, und der Sieg, nicht er, zu Gunsten des Verdienstvolleren entschieden hätte.

Unglücklicher Weise für diesen schönen Plan und gegen alle Erwartung hatte ich statt des gehofften Durchfallens einen unerwarteten Beifall erlangt; statt daß die Landleute den Neffen des Rectors zu ihrem Pastor verlangten, hatten sie geschrieben, daß ich es wäre, den sie zu ihrem Pastor wünschten, wobei sie hinzufügten, daß ihre Wahl so fest beschlossen sei, daß es unnöthig wäre, daß ein anderer Candidat sich vorstellte. Da er nicht wagte, gegen eine solche Einstimmigkeit zu wirken, hatte der Neffe des Rectors sich entfernt gehalten, und der Onkel hatte mir in einer ersten Regung übler Laune seine Thür verschlossen.

Aber er war ein zu gewandter Mann, um mir auf diese Weise öffentlich zu schmollen; demzufolge erhielt ich drei Wochen nach dem Tage, an welchem ich mit so viel Beifall gepredigt hatte, meine Ernennung zum Pfarrer von Ashbourn.

Diese Ernennung, welche alle meine Wünsche erfüllte, machte mich um so vergnügter, als das Schweigen des Rectors anfing, mich ernstlich zu beunruhigen. Kaum hatte ich daher auch den Brief aufgebrochen, welcher sie enthielt, als ich mich zum Rector begab, um ihm zu danken. Dieses Mal empfing er mich, antwortete auf meine Danksagungen, daß er nur nach seiner Ueberzeugung handelte; daß er, um nicht durch falsche Berichte getäuscht zu werden, selbst gekommen wäre, um mich zu hören, und daß er, mit meiner Art und Weise, zu predigen, zufrieden, sich von Herzen unter die gemischt, die mir Glück gewünscht hätten. Nur glaubte er, daß die Pfarre des Dorfes Ashbourn einer Verringerung des Gehaltes unterworfen werden würde, daß die Ersparnisse immer nothwendiger würden, und daß ich mich nicht verwundern sollte, wenn die Pfarrstelle von neunzig Pfund Sterling auf achtzig und sogar auf siebzig herabgesetzt wäre.

Ich antwortete ihm, daß ich mich in dieser Beziehung auf sein Wohlwollen verließe, ein Wohlwollen, von dem er mir einen so großen Beweis gegeben hätte.

Der Rector brummte einige Worte, die weder eine Versicherung, noch eine Drohung waren; dann, als ich bemerkte, daß nach seinem Wunsche mein Besuch lange genug gedauert hätte, nahm ich Abschied von ihm und entfernte mich.

Sobald ich einmal ernannt war, hatte ich Eile, wieder zu meiner guten Adoptivmutter zu gehen und Besitz von diesem schönen Pfarrhause zu nehmen, das so gut mit allen Dingen versehen war, daß mir, da ich nichts auf der Welt zu kaufen hatte, diese Herabsetzung von zehn Pfund Sterling jährlich, angenommen, daß sie stattfände, kaum fühlbar sein würde. Demzufolge benachrichtigte ich, bevor ich zu meinem Wirthe, dem Kupferschmied, zurückkehrte, den Miethkutscher, daß er mir die Carriole mit ihrem Kutscher zu senden und es so einzurichten hätte, daß ich noch an demselben Tage um Mittag oder spätestens um ein Uhr abreisen könnte.

Um halb ein Uhr war die Carriole vor meiner Thür.

Mein Wirth, der Kupferschmied, schien zugleich traurig und vergnügt über meine Abreise: traurig, daß ich ihn verließe, vergnügt darüber, daß ich ihn für diese gute Pfarre verließe, von der ich ihm, wie von dem nec plus ultra meiner Wünsche gesprochen hatte. In dem Augenblicke, wo wir uns zu verlassen im Begriffe standen, bat er mich daher auch mit ganz gerührtem Herzen, zum Andenken von ihm drei oder vier Kasserole und einen oder zwei Kessel anzunehmen, die bestimmt wären, den Anfang meines Küchengeschirres zu bilden; aber da ich bei meine! Wittwe eine Menge von weit schöneren und weit größeren Kasserolen und Kesseln als die gesehen hatte, die mir mein Wirth anbot, so schlug ich es aus, indem ich ihm vielleicht ein wenig zu offenherzig die Ursache meiner Weigerung sagte; so daß er empfindlich wurde, seine Kasserole und seine Kessel wieder nahm, sie an ihren Nagel hing, und mit einer Kälte von mir Abschied nahm, die mich bekümmerte, aber die zu bekämpfen ich unter meiner Würde hielt.

Mein Auszug bedurfte keiner langen Vorbereitungen, alle meine Kleidungsstücke bestanden aus einem Ueberrocke, einem Fracke, zwei Paar kurzen Beinkleidern, zwei Westen, vier Paar Strümpfen, fünf oder sechs Hemden, zwei Paar Schuhen und einem Hute.

Als einziges Möbel hatte ich nur das Fernrohr meines Großvaters, des Bootsmannes.

Ich legte mein Bündel in den Wagen, stellte mein Fernrohr zwischen meine Beine, und indem ich selbst durch ein Schnalzen der Zunge das Signal zum Aufbruche gab, entfernte ich mich, ohne meinen Wirth, den Kupferschmied, zu umarmen, welche Lust ich im Grunde des Herzens auch dazu hatte.

Als ich, indem ich mich entfernte, hinter mich durch ein kleines in der Carrio^e angebrachtes Fenster blickte, schien es mir, den würdigen Mann in seinen Laden zurückkehren zu sehen, indem er den Kopf schüttelte und eine Thräne abtrocknete.

Ich hatte den Gedanken, wieder umzukehren, um mich mit ihm zu versöhnen; aber ich fürchtete mich zu irren, und demzufolge einer lächerlichen Regung nachzugeben.

Meine bereits, um die Schulter des neben mir sitzenden Kutschers zu berühren, ausgestreckte Hand sank daher wieder auf mein Knie zurück, während ich leise murmelte:

– Ah! meinetwegen! warum ist er so empfindlich!

Mein lieber Petrus, ich habe mir seitdem mehr als ein Mal gesagt, daß diese Empfindlichkeit sehr natürlich war. Was dieser wackere Mann mir anbot, bot er mir von Herzen an, und so gering ein Geschenk auch sein möge, so giebt es doch eine gewisse Art es anzubieten, welche macht, daß es immer angenommen werden muß.

Vielleicht würde ich mich mit diesem Umstande ohne das Ereigniß noch mehr beschäftigt haben, das mich auf andere Gedanken brachte, und das wichtig genug war, um plötzlich selbst die Erkaltung meines Wirthes, des Kupferschmieds, zu vergessen.

Ich hatte keine Veränderung auf der Straße gefunden; sie war immer noch heiter und lebendig; aber bei meiner Ankunft an den ersten Häusern des Dorfes schien es mir, als ob ein Trauerschleier über die Gesichter verbreitet wäre, die sich mir zeigten. Statt meiner Carriole entgegenzueilen und mich willkommen zu heißen, senkten die Landleute den Kopf und wandten die Augen ab. Bei diesem Anblicke fühlte ich etwas so Schmerzliches mir das Herz beklemmen, daß ich nicht den Muth hatte zu fragen; ich setzte, oder ließ vielmehr das Pferd den Weg fortsetzen, ohne seinen Schritt weder zu beschleunigen, noch zu mäßigen, und ich kam auf diese Weise vor der Thür des Pfarrhauses an.

Meine Augen senkten sich sogleich in den Hof, und ich sah diesen Hof voll schwarz gekleideter, alle dem Dorfe fremder, alle mir unbekannter Leute: es gab deren vor der Thür, es gab deren an den offenen Fenstern, und alle sprachen unter einander voller Eifer und schienen sehr geschäftig.

Ich fing an, ein gräßliches Unglück zu vermuthen.

Ich sprang aus der Carriole; ich drang in das Haus; ich schritt durch den Speisesaal, ich trat in das Schlafzimmer, das einzige, welches leer war, und dort sah ich auf dem Boden, auf den Steinplatten, mitten in diesem gänzlich ausgeräumten Zimmer, einen Sarg von Tannenholz, dessen nicht recht schließender Deckel andeutete, daß er noch nicht zugenagelt wäre.

Ein Schauder rollte mir durch die Adern; ich hatte Alles errathen.

Ich verschloß die Thür hinter mir; ich blieb an dieser Thür stehen, indem ich meine Hand auf mein klopfendes Herz legte, um wieder ein wenig Kräfte zu sammeln; dann, meiner weit sicherer, ging ich gerade auf den Sarg zu, dessen Deckel ich aufhob.

Meine gute Adoptivmutter lag darin in einem ganz zerrissenen Leintuche; ihr zurückgeworfener Kopf ruhte hart auf einer Querleiste von Holz.

Diese Männer und diese Frauen, welche das Haus erfüllten, waren jene Erben im zehnten Grade, von welchen sie mir als von Leuten gesprochen hatte, denen sie keine Rechenschaft von ihrem Vermögen schuldig sei.

Ich fing damit an, ein frommes Gebet neben diesem entseelten Körper zu verrichten; dann entrüstet und betrübt, daß diese würdige Frau, deren Schränke von so schöner Wäsche strotzten, in ein so armseliges Grabtuch gebettet war und ihren Kopf auf einer so harten Querleiste ausruhte, verließ ich das Zimmer, und kaufte von dem Einen dieser Erben ein Leintuch, von dem Andern ein Kopfkissen; ich kehrte zu ihr zurück und hüllte diese arme Leiche in dieses neue Betttuch, indem ich die Querleiste wegnahm, und an ihrer Stelle unter ihren Kopf, der so ruhig war, daß sie eingeschlafen schien, dieses Kopfkissen schob, auf welchem sie während der Ewigkeit ausruhen sollte.

Ich warf mich auf die Knie und betete, bis daß die Tischler, die zum Trinken gegangen waren, zurückkehrten, um den Sarg zu vernageln.

Als ich sie mit ihren Hämmern in der Hand und ihren Nägeln in ihrer Schürze eintreten sah, begriff ich, daß die Stunde gekommen wäre, dieser armen Leiche ein letztes Lebewohl zu sagen; ich kreuzte ihre Hände auf ihre Brust; ich ging in den Garten, um einen Zweig von jeder der drei Weiden zu pflücken, welche an den Geburtstag ihrer Töchter erinnerten; ich legte die drei Zweige unter ihre Hände und auf ihre Brust, und küßte sie ehrerbietig auf ihre Stirn, indem ich zu ihr sagte:

– Geh, würdige Mutter! geh, fromme Gattin! Dich in dem Himmel wieder mit allen denen zu vereinigen, die Du geliebt hast! . . . Der Mensch ist nur ein Fremdling auf Erden!

Einige Augenblicke nachher hatten sechs Nägel und vier Bretter von Tannenholz zwischen sie und mich den Abgrund der Ewigkeit gelegt.

XII.
Huf welche Weise sich das leere Hans möblirte

Wie war jetzt diese würdige Frau gestorben? Das ist es, wonach mich zu erkundigen ich vorher nicht gedacht hatte: ich hatte ihre Leiche vor Augen, ich konnte nicht an diesem Unglücke zweifeln, ich hatte nicht nöthig, mehr darüber zu wissen.

Aber als man mich von ihr zu trennen kam, – als ich sie verließ, um sie nicht mehr wiederzusehen, erkundigte ich mich.

Am Tage vorher, bei der Rückkehr von dem Kirchhofe, wo sie ihr tägliches Gebet auf dem Grabe ihrer Töchter verrichtet, hatte sie auf der Schwelle ihrer Thür einen Anfall von Schlagfluß gehabt, der sie auf der Stelle getöhtet. Das Gerücht von diesem Tode hatte sich verbreitet, und sogleich waren die Verwandten herbeigeeilt, und, während die Leiche noch da war, vor ihrem aufgedeckten Gesichte, hatten sie sich in diese schöne Wäsche, dieses schöne kupferne Küchengeschirr und dieses schöne Silberzeug getheilt, das mein Eigenthum werden sollte.

Die Karren waren schon vor der Thür, bereit, das Erbe zu den verschiedenen Erben zu bringen.

Uebrigens, mein lieber Petrus, glauben Sie das, was ich Ihnen sagen werde; ich habe mich bis jetzt offenherzig genug vor Ihren Augen geschildert, so daß Sie hoffentlich nicht an meinem Worte zweifeln. Wenn ich in den verächtlichen Theilen des Herzens einiges Bedauern über alle diese schönen Sachen empfand, die mir entgingen, so wurde es schnell unter dem edlen und wirklichen Schmerze erstickt, den mir dieser Tod einflößte.

Das Begräbnis, sollte um fünf Uhr Abends stattfinden. Da man meine Ankunft nicht wußte, so hatte man den Pastor von Wirksworth für das Leichenbegängniß entbieten lassen: alle Erben hatten Eile, Ashbourn zu verlassen; jeder wollte noch am selben Abende mit der Todesbeute nach Haus zurückgekehrt sein.

Dieser Pastor war ein Mann von sechszig bis fünfundsechzig Jahren, mit sanftem und freundlichem Gesicht; er begrüßte mich als seinen Amtsbruder, indem er mir sagte, daß er von den Leuten des Dorfes so viel Gutes über mein Talent und über meine Person hätte sagen hören, daß er deshalb ein großes Verlangen getragen mich zu sehen.

Er lud mich demzufolge ein, ihn in seinem kleinen Hause in Wirksworth zu besuchen, das er seit seiner Geburt bewohnte.

Er war verheirathet und hatte eine ’Frau und eine Tochter.

Ich war durch diese Complimente und diese Einladung weniger geschmeichelt, als ich es unter einem andern Umstande gewesen wäre; alle meine Geisteskräfte waren durch den unermeßlichen Schmerz in Anspruch genommen, den ich über den Verlust dieser würdigen Madame Snart empfand.

Ich drückte daher einfach und allein Herrn Smith die Hand, indem ich einige Worte des Dankes stammelte; hierauf wandte ich mich wieder um, um zu weinen: die Thränen erstickten mich.

Ich hörte ihn murmeln:

– Guter junger Mann! . . . man hatte mich nicht getäuscht.

Es schlug fünf Uhr; die Träger nahmen die Leiche; Herr Smith und ich gingen ihr voraus, die Erben und die Leute des Dorfes folgten ihr.

Das Auffallende dabei war, daß die wahrhaft Betrübten die aller Verwandtschaft und jedem Interesse fremden wackeren Leute des Dorfes waren.

Die Erben gingen, indem sie sich mit einer fast Aergerniß erregenden Gleichgültigkeit mit einander unterhielten.

Man weiß, wie einfach unsere Leichenbegängnisse sind: kein Priestergepränge, keine, frommen Gesänge; – nur Gebete.

Nach einer Station in der Kirche, trug man die Leiche daher auf den Friedhof.

Wenn es mir nicht durch das gegrabene Grab angedeutet gewesen wäre, so hätte ich dennoch den Ort erkannt, wo die würdige Frau während der Ewigkeit ruhen sollte.

Es war der Mittelpunkt dreier Gräber, welche alle drei weit eher das Ansehen eines freundlichen Gartens, als das eines Leichenbettes hatten. Das eine, – das der Aeltesten, – war ganz duftend von Rosen; das zweite, – das der Jüngeren, – verschwand unter Immergrün; – das dritte,– und es war das der Jüngsten, eines armen Kindes von sieben Jahren, welches das Almosen in die Hand der Bettlerin gedrückt hatte, und die, zuerst befallen, zuerst ihre Engelsflügel geöffnet hatte, um gen Himmel zu fliegen, – das dritte war mit Veilchen bedeckt.

Seit dem Tode ihrer drei Töchter brachte Madame Snart täglich dort eine Stunde zu, indem sie die Blumen, die sie auf ihre Gräber gepflanzt hatte, pflegte und begoß, und ihre letzte Wohnung in diesem geheiligten Triangel vorbereitete.

Der mit so vieler Ungeduld von ihr erwartete Tag war endlich gekommen: ein Grab war gegraben worden und erwartete sie.

Herr Smith und ich verrichteten ein Gebet über diesem bescheidenen Sarge, welcher, als das Gebet beendigt, auf den Stricken gleitend und die engen Wände der Gruft schlagend, hinunter sank. Bald meldeten die knarrend wieder heraufkommenden Stricke, daß der Sarg den Grund berührt hätte; ein letztes Gebet wurde durch diese Todtengruft der Leiche zugesendet, die bereits in dem Schatten der Ewigkeit schwebte; dann rollte unter dem Spaten des Todtengräbers die erste Schaufel voll Erde, die auf den Sarg mit jenem so dumpfen Klange fiel, daß der, der ihn ein Mal gehört hat, ihn niemals vergißt; dann kamen die anderen weniger geräuschvollen Schaufeln; dann endlich erhob das gefüllte Grab über dem Grase jenen grauen Hügel, der außerhalb der Erde an die Form des Sarges erinnert, den man in seinen Eingeweiden begraben hat.

Ich hatte Lust, auf diesem Grabe einige Worte des Abschiedes auszusprechen, aber in dem Augenblicke, wo ich den Mund öffnete, erstickte Schluchzen meine Stimme.

Dieses Schluchzen sagte mehr, als die beredteste Leichenrede gesagt hätte.

Wenn ich hätte sprechen können, so ist hier das, was ich ohngefähr gesagt hätte:

– Fromme Frau! edles Herz! glückselige Seele! der Tod, den Du ohne Ungeduld, wie ohne Schrecken erwartetest, hat Dich endlich heimgesucht, um Deine Schmerzen zu beruhigen, Deine Leiden und Deine Besorgnisse zu beendigen . . . In diesem Augenblicke, gute Mutter, hast Du Deine drei Kinder wiedergefunden; der Anblick ihrer Leichenkränze läßt Deine Thränen nicht mehr fließen, denn diese Kränze leuchten frisch, duftend, unsterblich auf ihrer Engelsstirn. Der, welcher weint, bin ich, der Dich überlebt hat. Der noch nicht weiß, was das Leben ihm für Wonnen und für Schmerzen vorbehält, und der ich mich, glückselige Frau, auf Deine Gebete verlasse, um von mir die Bangigkeiten abzuwenden, die Du erlitten hast, oder, wenn Du sie nicht abwenden kannst, mir wenigstens die Kraft zu verleihen, sie zu ertragen, wie Du sie selbst ertragen hast! . . .

Das ist es, was ich laut gesagt hätte; das ist es, was ich leise stammelte.

Schweigend, ohne ein einziges Wort auszusprechen, kehrte ich auf den Arm des würdigen Herrn Smith gestützt zurück.

An dem Thore des Friedhofes zerstreute sich das Gefolge; die Erben allein blieben in einer Gruppe, und erreichten das Haus wieder, indem sie den Schritt beschleunigten.

Wie ich gesagt, hatten sie Eile, das Dorf zu verlassen, indem Jeder das mitnahm, was ihm zukam.

Als ich gleichfalls ankam, konnte ich daher auch die letzten, mit Möbeln beladenen Karren um die Ecke der Straße fahren sehen.

– Werde ich mit Ihnen eintreten, oder Sie hier verlassen, mein Amtsbruder? fragte Herr Smith.

– Ich danke für Ihr Anerbieten, antwortete ich ihm, aber ich habe das Bedürfniß, allein zu sein . . .

–Dann umarmen Sie mich, sagte er, und erinnern Sie sich, daß Sie eine Meile weit von hier, in dem Dorfe Wirksworth, einen Freund haben.

Wir umarmten uns; hierauf entfernte er sich, nachdem er mir die Hand gedrückt.

Ich wartete auf der Schwelle, bis daß ich auch ihn hatte verschwinden sehen, und nun betrat ich das einsame, leere und auf seine vier Wände beschränkt? Haus.

– Nein, mein lieber Petrus, in meinem Leben hatte ich nicht, noch werde ich wahrscheinlicher Weise jemals ein solches Gefühl der Traurigkeit, der Verlassenheit, der Einsamkeit empfinden. Alle Thüren und alle Fenster standen offen; man fühlte, daß der Tod hier durchgekommen war, und daß sich vor diesem unumschränkten Gebieter, wie vor einer geheiligten Majestät, Thüren und Fenster geöffnet hatten.

Stumm, und selbst gleich einem Schatten, irrte ich überall herum.

Ein einziger Schemel, von zu geringem Werthe gehalten, um mitgenommen zu werden, war in einer Ecke geblieben, und lehnte sich wackelnd an die Wand. – Dieser Schemel und das Fernrohr meines Großvaters, des Bootsmannes, war der Anfang meines zukünftigen Mobiliars, und mit einer Guinee und einigen in meiner Tasche verlorenen Schillingen war das Alles, was ich auf der Welt besaß.

Ich verschloß die Thüren und die Fenster; ich trug meinen Schemel in das Zimmer der Wittwe, lehnte ihn an die Wand, an dieselbe Stelle, wo ihr Bett stand und setzte mich darauf, indem ich flüsterte:

– O! wie Du Recht hattest, junges Mädchen, als Du von Deinen sterbenden Lippen jene letzten Worte fallen ließest: » Der Mensch ist nur ein Fremdling auf Erden!«

Die Dunkelheit senkte sich vom Himmel herab; sie erfüllte das Innere des Hauses, und bald befand ich mich nicht allein in der Einsamkeit, sondern auch noch in der Finsterniß.

Es lag mir wenig daran! denn so dunkel und so einsam dieses Haus auch war, mein Herz war sicher, immer noch weit leerer und weit dunkler als dasselbe zu bleiben!. . .

Am folgenden Morgen klopfte man mit Tagesanbruche an die Hausthür.

Ich erhob mich von meinem Schemel, auf welchem ich am Ende gegen ein Uhr Morgens eingeschlafen war, und machte die Thür auf.

Der, welcher anklopfte, war der Schulmeister.

Ich gab ihm einen Wink einzutreten und blieb in dem Eßzimmer stehen, indem ich erwartete, daß er mir den Grund seines frühen Besuches erklärte.

Der wackere Mann schien sehr verlegen; er drehte seinen Hut in seinen Händen und stammelte unverständliche Worte.

Ich ermuthigte ihn, indem ich lächelte und mich entschuldigte, ihm keinen Stuhl anzubieten, weil die Erben als einziges Möbel nur den Schemel zurückgelassen hätten, auf dem ich die Nacht zugebracht.

– Und das ist gerade die Ursache meines Besuches, Herr Pastor, sagte er. Die Leute des Dorfes wissen, daß Madame Snart, die Sie als Mutter angenommen hatten, Sie als ihren Sohn betrachtete und Sie zu ihrem Erben machen wollte. . . Der Tod hat sie unvorbereitet überrascht, ohne daß die würdige Frau die Zeit gehabt hätte, weder eine Schenkung, noch ein Testament zu schreiben, so daß Sie jetzt hier ohne einen Vorhang, ohne einen Stuhl, ohne eine Matratze sind.

– In der That, mein Freund, sagte ich, wenn ich Ihnen meine Armuth auch verbergen wollte, so vermöchte ich es nicht.

– Nun denn! Herr Pastor, begann der Schulmeister wieder, indem er immer dreister wurde, hier ist mit Ihrer Erlaubniß das, was sie beschlossen haben . . .

– Wer das?

– Ihre Pfarrkinder . . . Gestern Abend haben sie sich also versammelt und beschlossen, daß jeder je nach seinen Mitteln Ihnen einen Theil seiner kleinen Haushaltung anbieten sollte: dieser die Bettstatt, jener den Pfühl, der Eine die Matratze, ein Anderer die Betttücher, ein Anderer die Vorhänge; der Tischler wird Ihnen einen Tisch liefern; der Drechsler wird Ihnen Stühle geben, und so fort, Herr Pastor.

– Wie! rief ich aus, diese wackeren Leute haben das beschlossen?

– Ja, Herr Pastor, immer vorbehältlich Ihrer Erlaubniß, und heute Morgen haben sie mich an Sie abgesandt, indem sie zu mir sagten: »Benachrichtige den Herrn Pastor von unserer Absicht, und mache ihm wohl bemerklich, daß das, was wir ihm anbieten, von keinem großen Werthe ist, wir wissen es, aber daß es mit gutem Herzen angeboten ist.«

– Vortreffliche Leute! rief ich aus; wo sind sie denn, damit ich ihnen danke?

– Ah! sie sind zu Haus, indem sie ein Wort der Erlaubnis, erwarten, um Alle herbeizueilen, Ihnen ihre kleine Gabe anzubieten . . . Nur zwei oder drei befinden sich auf dem Marktplatze, wo sie das Ansehen haben, sich zu unterhalten . . . Ich will ihnen einen Wink geben, daß Sie es annehmen, nicht wahr, Herr Pastor?

– Nicht doch!

– Wie! Sie schlagen es aus?

– Im Gegentheile, ich will ihnen selbst sagen, wie sehr ich dankbar bin.

Indem ich hierauf nach der Thür eilte und die Arme öffnete, rief ich ihnen mit Thränen in den Augen zu:

– Kommt, kommt! Ich nehme es an! ich nehme es von ganzem Herzen und mit großer Freude an, und ich lege ein öffentliches Zeugniß der Armuth ab, damit Ihr wißt, daß Euer demüthiger Pastor nichts Eigenes hat, und daß Alles, was er besitzt, Euch gehört.

Ich hatte noch nicht ausgesprochen, als die drei Männer des Marktplatzes unter Freudengeschrei in drei verschiedenen Richtungen davon eilten.

Fünf Minuten nachher kam aus jeder Thür ein Mann, eine Frau oder ein Kind heraus. Keiner hatte leere Hände, Alle gingen nach dem Pfarrhause.

Mein Herz war mit Freude und mit Stolz erfüllt, und ich sagte mir im Stillen, – ich bitte Gott und Sie darüber um Verzeihung, mein lieber Petrus:

– Ich habe also einigen Werth, daß man mich so liebt? . . .

Ich schloß die ersten, welche erschienen, in meine Arme; ich umarmte sie, Männer, Frauen, Kinder, wie ich meine Brüder, meine Frau und meine eigenen Kinder umarmt hätte.

– Jetzt, Herr Pastor, sagte der Schulmeister zu mir, müssen Sie sie handeln lassen, ihnen das Pfarrhaus überlassen, und mit mir zum Frühstück kommen. Leider bin ich einer der ärmsten, und ich habe Ihnen nur das Frühstück geben können: aber meine Frau und meine Tochter haben sich alle beide daran gemacht, und sie zu zwei werden Ihnen vielleicht am Ende irgend etwas zubereiten, das nicht zu unwürdig ist, Ihnen angeboten zu werden.

Ich gehörte mir nicht mehr an, ich gehörte diesen wackeren Leuten; ich ließ daher mit mir schalten. Da ich nicht mehr sprechen konnte, so sehr erstickten mich die Thränen, so dankte ich ihnen durch Zeichen und folgte dem Schulmeister.

Wie der wackere Mann gesagt, sein Haus war eines der ärmsten des Dorfes; wir frühstückten aus irdenem Geschirr und mit zinnernen Löffeln, aber ich zweifle, daß ich selbst an der Tafel des Königs von England ein eben so gutes Mahl gehalten hätte.

Während des Frühstücks stand mein Wirth zwei oder drei Mal auf, um Berathungen mit dem einen oder anderen meiner wackeren Pfarrkinder zu halten. Er hatte mich gebeten, nicht eher nach Haus zurückzukehren, als bis er mir sagen würde, daß es Zeit dazu sei. Ich erwartete daher seine Meldung, indem ich mich mit seiner Tochter und seiner Frau unterhielt.

Gegen elf Uhr öffnete sich die Thür der armen Hütte. Die beiden ältesten Greise der Gemeinde erschienen in ihren Sonntagskleidern auf der Schwelle.

– Wenn der Herr Pastor jetzt kommen will, sagten sie, wir erwarten ihn.

Ich ging hinaus. Das ganze Dorf war längs der Straße in zwei Reihen aufgestellt; der Boden war mit grünen Blättern und mit Blumen bestreut, wie man es an den Tagen großer Kirchenfeierlichkeiten macht; meine Thür selbst war ganz mit Zweigen und geflochtenen Blumenkränzen beschattet.

Das war der Triumph des Bescheidenen.

Ich blieb auf der Schwelle stehen, indem ich sie Alle einlud einzutreten; aber mit einem außerordentlichen Zartgefühl schlugen sie es aus.

– Wir danken, Herr Pastor, sagten sie; wir haben mit großem Vergnügen den dritten Theil des Tages für Sie verloren; aber Jeder muß an seine Arbeit zurückkehren, die Einen auf die Felder, die Anderen in die Werkstatt. Kehren Sie nach Haus zurück, und verzeihen Sie uns, wenn wir es nicht besser gemacht haben.

Ich umarmte die beiden Greise, und indem ich mich an alle diese wackeren Leute wandte, sagte ich zu ihnen:

– Freunde, Ihr habt für mich Etwas gethan, das ich niemals vergessen, und wofür ich Euch eine ewige Dankbarkeit erhalten werde . . . Geht in dem Frieden Eures Bewußtseins und unter der Obhut des Herrn!

Alle dankten mir einstimmig und entfernten sich weit zufriedener und weit glücklicher, als ich es vielleicht selbst war; denn ich hatte empfangen, wahrend sie gegeben hatten.

Ich trat in das Haus; zwei Stunden hatten hingereicht, um es gänzlich zu verändern. Ich hatte es traurig und leer verlassen, ich fand es heiter und möblirt wieder.

Ich fing mit dem Speisezimmer an. In der Mitte stand ein runder, mit einer feinen Matte bedeckter Tisch; um den Tisch herum standen sechs Strohstühle, an der Wand ein Schrank von Nußbaumholz; in diesem Schranke befanden sich Gläser, Krüge von Steingut, Fayencen mit Blumen und Vögeln; – alles das ohne Zweifel nicht kostbar, aber sauber, freundlich und glänzend.

In den Schubladen befanden sich zwölf Couverte von Zinn, welche wie Silber glänzten.

Vor den Fenstern hingen schneeweiße Vorhänge, die von baumwollenen Schnüren zurückgehalten waren.

Ich ging, indem ich die Hände faltete und zugleich Gott und diesen wackeren Leuten dankte, in das Schlafzimmer.

Ein gutes Bett erwartete mich dort; zwei große Sessel öffneten mir ihre Arme; eine Kommode mit einem kleinen Spiegel darüber stand dem Bette gegenüber, und sechs große Vorhänge von Baumwollenzeug machten das Amöblement vollständig, indem zwei von dem Himmel des Bettes und vier von den Fensterstangen herabfielen.

Ich ging in die Küche hinab; nichts fehlte darin, und dennoch, indem ich einen Gedanken zurückwarf, bedauerte ich die drei oder vier Kasserole und die beiden Kessel, die mir mein Wirth angeboten und die ich ausgeschlagen hatte.

Aus der Küche ging ich in das kleine Zimmer hinauf, das ich während der beiden Reisen bewohnt hatte, die ich nach Ashbourn gemacht; es war von den wackeren Leuten in ein Arbeitszimmer verwandelt worden, an dessen Wand sich ein mit Federn, Tinte, Federmesser, Linealen, Bleistiften und Papier bedeckter Schreibtisch lehnte.

Das Papier war prachtvoll.

– O, rief ich aus, nicht später als morgen werde ich mein großes Werk ansangen! . . . Morgen, fügte ich hinzu, warum morgen, und nicht auf der Stelle? . . .

Demzufolge nahm ich einen Stuhl, stellte ihn vor den Schreibtisch, setzte mich, schnitt eine Feder, und schrieb auf die erste Seite:

»Abhandlung über die vergleichende Philosophie.«

Aber ich hatte zu sehr auf die Kraft meiner Seele und die Klarheit meines Kopfes gerechnet. Die Ereignisse, die sich zugetragen, hatten mich zu sehr aufgeregt; ich hatte in diesem Augenblicke offenbar nicht die Kraft, meine Ideen zu ordnen und ihnen eine Richtung zu geben; zerstreut und unschlüssig bei dem Anblicke des Todes, wie bei dem Erblicken des Wolfes erschreckte Schafe, mußte ich ihnen die Zeit lassen, sich zu sammeln und zu beruhigen. Einstweilen klammerte sich jeder meiner Gedanken an Etwas an: an die drei mit Rosen, Immergrün und Veilchen bedeckten Gräber, in deren Mitte sich ein viertes Grab geöffnet hatte; – an die abscheuliche Gleichgültigkeit dieser Erben, die einem Leichenzuge mit demselben Gesicht gefolgt waren, das sie bei einer Hochzeit gemacht hätten; – die meisten gruppirten sich, wie Bienen sich um blühende Zweige gruppiren, an die Güte dieser wackeren Leute, die mir in ihrer Mitte ein so gutes und freundliches Nest bereitet hatten. Ich ging in meinem Gedächtnisse alle meine Reichthümer durch; sie stellten sich meinen Augen wieder vor, dann erinnerte ich mich dessen, was mir meine gute Mutter bei meiner zweiten Reise von meiner Jugend, von dem Alleinsein meines Herzens, von dem Bedürfnisse gesagt hatte, das ich nach einer Gefährtin empfinden würde. Ich sagte mir, daß ich mich in der That, so heiter das Haus auch geworden war, so freundlich sein Mobiliar auch war, welche Liebe ich auch für meine Pfarrkinder hegen, welche Zuneigung sie mir auch erwiedern möchten, immer zu gewissen Stunden des Tages mit mir selbst allein befinden würde; ich fragte mich, was ich mit dieser Haushaltung anfangen sollte, die vielleicht ein wenig beschränkt für zwei Personen, aber zuverlässig zu beträchtlich für eine einzige war. Wer würde über die Ordnung des Hauses wachen? Wer würde sich um die Mahlzeiten bekümmern? Wer würde mich bei meiner Rückkehr von meinen Gängen, entweder in dem Dorfe oder in der Umgegend, mit jenem vergnügten Gesicht erwarten, welches mit weit rascherem Schritte den nach Hause zurückführt, der von ihm entfernt war? Sollte ich mit alle dem eine Fremde beauftragen? Ach, mit einer Fremden in dem Hause würde das Haus nur um so leerer und mein Herz um so einsamer sein!

Ich ließ die Feder meiner Hand entfallen; ich stieß einen Seufzer aus, und indem ich fühlte, daß das Blut mir in die Brust und in das Gesicht stieg, ging ich das Fenster aufzumachen, um freier zu athmen.

Am folgenden Tage würde mein Geist ruhig sein und Nichts sich dem widersetzen, daß ich mich an meine Abhandlung der vergleichenden Philosophie machte.

XIII.
Was ich. Dank dem Fernrohre meines Großvaters, des Bootsmannes, durch das Fenster sah

Es war zuverlässig um Luft zu schöpfen, daß ich mich an das Fenster stellte. Der Himmel war so bedeckt, die Luft so nebelig, daß man kaum auf fünfhundert Schritte weit vor sich sah. Aber, als ob die Atmosphäre nur meine Anwesenheit erwartet hätte, um sich aufzuklären, in dem Augenblicke , wo ich die Augen auf das Feld warf, drang ein schwacher Sonnenstrahl durch zwei Wolken, und indem er sich in den Nebel mischte, anfing ihn mit einem gelblichen Scheine zu färben, welcher bald verschwindend, bald weit feuriger wieder erscheinend am Ende den ganzen Horizont erfüllte, und indem er sich zerriß, ließ der Himmel eine Ecke seines Blaues sehen.

Von nun an war die Aussicht vorhanden, daß der Tag wieder schön würde.

Bei Weitem mehr zur Träumerei als zur Arbeit gestimmt, heftete ich meine Augen auf diese blaue Ecke des Firmaments, indem ich mir mit jenem Aberglauben sagte, der in dem Herzen jedes Menschen liegt und der in diesem wichtigen, fast entscheidenden Augenblicke meines Lebens vielleicht noch mehr in meinem Herzen lag, als in dem der andern:

»Wenn dieses Blau, das die Hoffnung ist, sich über den ganzen Himmel verbreitet; wenn diese Sonne, welche das Glück ist, die Wolken und den Nebel verjagt, so wird es ein Zeichen sein, daß Gott mich beschützt und mir glückliche Tage vorbehält. Wenn es aber im Gegentheile diese Ecke des Firmaments ist, welche verschwindet; wenn die Sonne unter dem feuchten Schleier der irdischen Dünste »erlöscht, so ist das ein Zeichen, daß mein Leben traurig, einsam und unfruchtbar sein wird.«

Sie werden begreifen, mein lieber Petrus, welche Abgeschmacktheit von meiner Seite darin lag, die Bestimmung meines Lebens an die Launen eines gewitterhaften Junitages zu knüpfen; aber habe ich nöthig, Ihnen, dem ausgezeichneten Philosophen, zu sagen, daß der Mensch, ohne die Ursache dieser Erschlaffung seines Mutlos zu wissen, seine Tage der Niedergeschlagenheit hat, während welcher er sich von dem Gipfel seiner Kraft und seines Verstandes bis zu der Leichtgläubigkeit des Kindes oder bis zur Schwäche des Greises herabläßt?

Ich befand mich an einem dieser Tage da; mein Herz hatte viele verschiedene Eindrücke empfunden, meine Seele hatte zu viele außerordentliche Gemüthserschütterungen erlitten, – um sich wieder in ihren natürlichen Zustand zu versetzen, bedurften alle beide jener Schlafsucht, welche für den Geist das ist, was die Dämmerung für den Tag ist, ein Uebergang zwischen der Nacht und dem Lichte, zwischen der Ermüdung und der Ruhe.

Meine Augen hefteten sich daher eben so begierig auf den Himmel, als wenn ich an ihm entweder den Stern des Heils hätte erscheinen sehen sollen, der die auserwählten Hirten nach der Krippe führte, oder jene drei schrecklichen Worte, welche einen Augenblick lang vor den Augen Balthasars den Abgrund erleuchteten, in den er zu fallen im Begriff stand.

Während länger als einer halben Stunde war es mir unmöglich zu errathen, wem, dem guten oder dem bösen Genius, die mit einander kämpften, der Sieg bleiben würde, aber endlich trug ihn Oromaze davon. Ein leichter Wind, der ihm zu Hilfe kam, fing an, die Wolken durch den Raum wallen zu lassen, indem er sie in flockige Wogen theilte, dann zerriß sich der Mantel des Himmels Stück für Stück; die Strahlen, welche sich in dem Maße erweiterten als sie auf die Erde herabfielen, spalteten die Reste des Nebels mit ihren goldenen Klingen; ganze Theile des Himmels entblößten sich lachelnd durch den Azur; breite Spalten erlaubten dem Gesichte, sich über gewisse Theile der Ebene zu erstrecken; die Teiche funkelten; die am Horizonte sich schlängelnde Hügelkette zeigte den Schattenriß ihres Gipfels über breiten Streifen von Dünsten, welche sie von ihrem Fuße zu trennen schienen; ein Strom von Licht überschwemmte gleich einem Wasserfalle ein kleines, an dem Fuße des entferntesten dieser Hügel gelegenes Dorf in dem Grade, daß, obgleich eine Meile weit entfernt, man geglaubt hätte, es berühren zu können, wenn man die Hand ausstreckte. Endlich verschwanden allmälig alle diese Spiele der Sonne, alle diese Launen der Atmosphäre. Die Erde nahm ihr wahres Ansehen wieder an, der Himmel verjagte in die Tiefen des Westens Alles bis auf seine letzte Wolke, und triumphirend und strahlend blieb die Sonne allein Herrin des Raumes, alleinige Herrscherin des klaren und unendlichen Reiches.

Indem ich immerhin den Triumph des königlichen Gestirns theilte, ein Triumph, dem ich einen so glücklichen Einfluß auf meine Bestimmung bewilligte, suchte ich mit den Augen dieses kleine, so eben durch den Strahl der Sonne, der es erleuchtet hatte, so glänzende und so nahe Dorf das sich jetzt, in die gewöhnlichen Verhältnisse zurückgekehrt, an dem Horizonte verlor. Ich hatte einige Mühe, es wiederzufinden; aber am Ende erblickte ich in der bläulichen Ferne Etwas wie ein Rest von Häusern, daß eine in seinen einzelnen Umständen durchaus nicht zu bestimmende und in seinem Ganzen beinahe unsichtbare Masse bildete.

Nun befiel mich die Lust, noch einmal dieses aus der Nacht hervorgegangene, um sogleich wieder in sie zurückzukehren, kleine Dorf wiederzusehen.

Ich ergriff das Fernrohr meines Großvaters, des Bootsmannes, und stellte es nach meinem Auge. Ich lehnte es an die Ecke des Fensters. Ich suchte die Richtung des Dorfes, und ich betrachtete.

Anfangs sah ich, wie es sich immer ereignet, wenn man mit einem Fernrohr nicht vertraut ist, so gut es auch sein möge, etwas weniger gut als mit meinen Augen. Allmälig schienen sich indessen die Gläser aufzuklären, die Entfernung näherte sich, und ich unterschied vollkommen den Punkt, auf welchen der Zufall das Fernrohr gerichtet hatte.

Es war ein einsam liegendes kleines Haus, von Backsteinen erbaut, ehedem mit einem weißen Anstriche bedeckt, der, da er an verschiedenen Stellen abgesprungen war, durch diese Sprünge sein ursprüngliches Gerippe sehen ließ; diese durch die Zweige eines riesenhaften Epheus, der dieses Haus fast gänzlich überzog, unter sich verbundenen Farbentöne bildeten daraus für das Auge des Dichters oder den Pinsel des Malers ein reizendes und pittoreskes Gebäude, welches die Landschaft schmückte, während diese es gleichfalls hervorhob. An der einen seiner Ecken erhoben sich gleich einem dicken Glockenthurme drei so genau unter sich verbundene Pappeln, daß ihre Stämme allein die Trilogie andeuteten, während die vereinigten und dichten Zweige von derselben Farbe nur eine einzige Laubpyramide bildeten; an der anderen Ecke gruppirte sich ein dichtes Hollundergebüsch, das der Mai hatte blühen sehen und das sich an eine Gruppe rosiger und weißer Acacien anschloß, deren wohlriechende Blüthen man herabhängen und im Winde schaukeln sah.

Endlich öffnete sich über diesen Acacien in einem grünen Rahmen von Laub das Fenster eines kleinen Zimmers, in welches das Auge drang, aber ohne anfangs etwas Anderes in seinem Halbschatten unterscheiden zu können, als Vorhänge von weißem Mousselin, die ein Bett einhüllten.

Ich weiß nicht, warum das auf dieses Fenster gerichtete Fernrohr meines Großvaters, des Bootsmannes, sich nicht abwandte, um auf einem anderen Theile der Landschaft zu verweilen, und sich im Gegentheil mit jener sonderbaren Beharrlichkeit lebloser Dinge, die zuweilen glauben lassen könnte, daß sie eine Absicht und einen Willen haben, sich damit belustigte, mir dieses kleine Zimmer in allen seinen Umständen zeigen zu wollen. Es ging daraus hervor, daß mein Blick sich durch diesen Eigensinn meines Fernrohrs, statt ein anderes Haus oder sogar einen anderen Punkt des Hauses zu suchen, auf diese Oeffnung fesselte, durch dessen Rahmen es mir gelang, nicht allein die zuerst erblickten Gegenstände zu unterscheiden, sondern auch noch den übrigen Theil des Amöblements, der sich in dem Kreise meines Gesichtsstrahles befand.

Der übrige Theil dieses Amöblements, das heißt alles das, was ich davon sehen konnte, bestand aus einer mit Mousselin gleich den Vorhängen überzogenen Toilette, zwei Sesseln von weißem Stoff mit Rosen und einem Tische, der einen Topf von blauer Fayence voller Feldblumen trug.

Ich war ganz mit dieser Musterung beschäftigt, der ich eine Aufmerksamkeit schenkte, von der ich mir selbst keine Rechenschaft ablegte, als ich in dem Hintergrunde des Zimmers sich Etwas wie einen Schatten bewegen sah. Dieser Schatten nahm, indem er sich langsam dem Fenster näherte, einen Körper an, und dieser Körper schien mir in dem Maße, als er deutlicher wurde, der eines jungen Mädchens von achtzehn bis neunzehn Jahren.

Nun entstand in meinem Innern eine sonderbare Wirkung; es schien mir, als ob zu gleicher Zeit, als dieses junge Mädchen in meinen Horizont eintrat, es auch in mein Leben einträte.

Sie lehnte sich auf das Fenster, und der bis dahin leere Rahmen hatte sein Bild.

Und welches Bild! mein lieber Petrus, ein Bild, das sogar einen Professor der Philosophie an der Universität Cambridge hätte träumen lassen.

Stellen Sie sich ein junges Mädchen von achtzehn bis neunzehn Jahren vor, in einem weißen Kleide, das um die Taille, die man mit zwei Händen hätte umspannen können, mit einem blauen Gürtel zusammengezogen war, dessen beide Enden wallend herabfielen; mit einem Strohhute mit breiten Rändern bedeckt, welcher Schatten auf reizende Züge warf. Stellen Sie unter diesen Hut ein rundes, weißes, rosiges Gesicht, das von zwei reichen Büscheln blonder, feiner, seidiger Haare umgeben war, die sich bei der geringsten Bewegung der Luft erhoben, und Sie werden einen Begriff von der anmuthigen Bewohnerin des kleinen Winkels haben, auf den, wie ich gesagt, der Zufall das Fernrohr meines Großvaters gerichtet hatte.

Das junge Mädchen hielt einen Strauß von Kornblumen und gelb werdenden Aehren in der Hand, woraus sie einen Kranz flocht.

Dieser Kranz war für diesen Strohhut bestimmt. Sobald der Kranz beendigt war, zog daher auch das blonde Kind die Schleife ihres Hutes auf und nahm ihn von ihrem Kopfe.

Ein Zufall, der der feinsten Koketterie angemessen gewesen wäre, machte, daß bei dem Abnehmen desselben ihr Zopf sich auflöste und ihre Haare herabfielen.

O! mein lieber Petrus, welche prachtvolle Haare, und wie das junge Mädchen, die sich allein und unsichtbar glaubte, mir Zeit ließ, sie zu bewundern! Sie fing damit an, sie zwischen ihre beiden Hände zu nehmen; dann zog sie sie über ihre Schultern vor sich; sie fielen weit tiefer als die Lehne des Fensters, und man errieth, daß sie bis auf ihre Füße herab reichen müßten. Die Sonne, welche sie wiederspiegelten, machte aus ihnen Etwas wie einen goldenen Strahl eines Heiligenscheines, der in Cascaden auf dieses weiße Kleid herabfiel, das ihren Glanz und ihre seidige Natur hervorhob. Sie vereinigte sie, drehte sie und knüpfte sie wieder fest, ohne sich nur im Spiegel zu betrachten. Man fühlte, daß sie jene vollkommene Sicherheit hatte, welche die Jugend und die Schönheit verleihen.

Nun, statt den Kornblumenkranz auf ihrem Hute zu befestigen, setzte sie ihn auf ihren Kopf, indem sie sich nur der Fensterscheibe als Spiegel bediente.

Ich vermöchte, ich wagte Ihnen, dem ernsten Manne, fast nicht zu sagen, mit welcher Anmuth der Stellung, mit welcher Einfachheit der Geberde alle diese Bewegungen ausgeführt wurden. Man fühlte, daß in diesen wiederverknüpften Haaren, in diesem aufgesetzten Kranze in der Wirklichkeit nur die ungekünstelte Koketterie eines jungen Mädchens lag, die, vollkommen unwissend in der Kunst, sich mit der Natur hilft, um sich noch schöner zu machen, – nicht in den Augen Anderer, sondern nur in ihren eigenen Augen, und ich bin fest überzeugt, daß, wenn ich mich in dem Bereiche der Stimme befunden und sie gefragt hätte: Sie finden sich schön? – sie mir geantwortet hätte: Ja, – wie mir eine Rose,antworten würde, wenn ich sie fragte: Sind Sie wohlriechend? – wie mir eine Nachtigall antworten würde, wenn ich sie fragte: Haben Sie einen lieblichen Gesang?

In diesem Augenblicke trat die Sonne aus ihrer letzten Wolke hervor und erschien so glühend , daß das junge Mädchen die Schnur einer grünen Persienne aufknüpfte, die zwischen sie und mich herabfiel, sie meinem Blicke entzog und mir den Zugang zu diesem kleinen Zimmer verschloß, wohin meine Einbildungskraft allein fortfahren konnte, ihr zu folgen.

Ja, gewiß, sie fand sich schön; aber dennoch beschäftigte sie sich nur eine Secunde lang mit ihrer Schönheit, die Zeit sich zu betrachten und sich zuzulächeln. Hieran kehrte sie in das Zimmer zurück und nahm einen leeren Käfig, den sie vor das Fenster hing; dann stützte sie sich auf den Rand desselben, neigte sich hinaus, indem sie um sich blickte und irgend Etwas zu suchen schien. Fast sogleich flog ein kleiner Vogel auf ihre Schulter, pickte zwei oder drei Mal ihre Lippen, wie es jener von Catullus unsterblich gemachte Sperling mit denen Lespia’s machte, worauf er von selbst in seinen Käfig zurückkehrte, dessen Thür offen blieb, ohne daß er daran dachte, aus dieser Zufluchtsstätte zu entfliehen, die er augenscheinlich als einen Schutzort, und nicht als ein Gefängniß betrachtete.

Ich blieb noch länger als eine halbe Stunde, das Fernrohr auf das Fenster, das Auge auf das Fernrohr geheftet, in der Hoffnung, daß die Persienne sich wieder öffnen würde; aber sei es nun, daß meine unbekannte Schöne das Zimmer verlassen hatte, oder daß sie in der Frische und der Dunkelheit bleiben wollte, die sie sich geschaffen, die Persienne blieb hartnäckig verschlossen.

Ich mußte wohl, wenigstens für den Augenblick, darauf verzichten, sie zu sehen. Ich schob die Röhren von dem Fernrohre meines Großvaters , dessen wahren Werth ich zum ersten Male schätzte, wieder in einander.

In der That, ein Instrument, mit welchem man auf drei Viertelstunden weit erkennen konnte, zu welcher Familie eine Blume gehörte, von welcher Farbe Augen waren, von welcher Gattung ein Vogel war, war ein Schatz.

Ich wünschte mir daher auch sehr aufrichtig Glück, den Rath meiner Mutter befolgt zu haben, die mir so sehr anempfohlen hatte, mich unter keinem Vorwande dieses kostbaren Fernrohrs zu entäußern.

O! mein lieber Petrus, ich habe nicht allein bei dieser Veranlassung zu bemerken geglaubt, daß die Mütter die Gabe des doppelten Gesichts hätten.

Sie haben bemerkt, mein lieber Petrus, daß ich die Röhren meines Fernrohres wieder in einander geschoben hatte, wie als ob, wo diese Persienne geschlossen, nichts mehr in der Schöpfung würdig wäre, gesehen zu sein.

Und dennoch, würde ich, ich weiß nicht wie lange, noch an meinem Fenster geblieben sein, wenn ich nicht sich etwas in dem anstoßenden Zimmer hätte bewegen hören.

Ich wandte mich um, und sah die Tochter des Magisters. Ihr Vater sandte sie mir, damit sie meine Aufträge für das Mittagessen einholte. Ich hatte weder eine Magd, noch einen Bedienten, und der Magister, in der Meinung, daß ich ziemlich in Verlegenheit sein würde, mir mein Mittagessen selbst zuzubereiten, hatte ihr gesagt, sich zu meiner Verfügung zu stellen.

Ich nahm es für dieses Mal an, indem ich dabei erkannte, daß ich in dieser Beziehung einen Entschluß fassen müßte. Ich konnte nicht so allein mit einem jungen Mädchen bleiben und ihr die Besorgung meiner Haushaltung überlassen. Ich sah ein, daß ihr Ruf und der meinige bald darunter gelitten haben würden.

Ach! wie meine gute Mutter mir gesagt, war es eine Gefährtin, die ich nöthig hatte.

Ich stieß einen schweren Seufzer aus und ging mit dem jungen Mädchen hinab. Indem sie das Haus möblirten, hatten meine Pfarrkinder die Speisekammer und den Keller möblirt, so daß ich für einige Tage durchaus nichts zu kaufen hatte. Ich machte die Tochter des Magisters mit Allem bekannt, und ging in den Garten, um spazieren zu gehen.

Warum war ich denn so vergnügt und zugleich so traurig? Warum hatte denn die Stimme, welche in meinem Herzen sang, zugleich einen so lieblichen und so schwermüthigen Ausdruck? Waren nicht alle meine Wünsche erfüllt? Hatte ich nicht diese so sehr begehrte Pfarre? Waren die Schränke nicht mit Wäsche, die Truhe mit Geschirr, der Keller mit Bier, die Speisekammer mit Brod, der Garten mit Früchten versehen? Gewährten mir diese vier Linden, unter denen man meinen Tisch deckte, nicht selbst am vollen Mittage Schatten und Frische? Was fehlte mir noch und was hatte ich denn weiter nöthig?

Ach! mein lieber Petrus, ich hatte das nöthig, woran ich am Tage vorher nicht gedacht hatte, und das, wovon ich fühlte, daß ich von nun an beständig träumen würde, ich hatte ein Wesen nöthig, um mit ihm alle diese Güter zu theilen, die mir der Herr sandte, ich hatte Jemand nöthig, der sich neben mich an diesen Tisch setzte, an den ich mich allein setzen würde.

Es schien mir unerläßlich, damit mein Glück für den Fall, wo der Herr mir diesen Schutzengel meines Lebens bewilligen würde, vollständig wäre, daß dieser Engel lange blonde Haare, blaue Augen, ein rosiges Gesicht und ein weißes, mit einem Bande von der Farbe des Himmels zusammengehaltenes Kleid hätte.

XIV.
Welchen Einfluß ein offenes oder verschlossenes Fenster auf das Leben eines armen Dorfpastors haben Kann

In dem Augenblicke, wo ich mein einsames Mittagessen beendigte, führte die Tochter des Schulmeisters einen Landmann zu mir ein.

Dieser Landmann war ein Bote meines Amtsbruders, des Pastors von Wirksworth, – dieses wackern und vortrefflichen Herrn Smith, über den ich Ihnen einige Worte in meinem vorletzten Briefe gesagt zu haben glaube, mein lieber Petrus, – desselben, welcher meiner guten Madame Snart die letzten Ehren erwiesen hatte. – Sie erinnern sich, nicht wahr?

Dieser Bote überbrachte mir einen Brief von ihm.

Hier ist das, auf welche Veranlassung er mir schrieb:

Der Pastor eines kleinen benachbarten Dorfes von Wirksworth war krank geworden, und seit länger als sechs Wochen war seine Gemeinde des Wortes Gottes beraubt. Sie hatten sich demzufolge an Herrn Smith gewandt, damit er, wäre es auch nur ein einziges Mal, die Stelle seines kranken Amtsbruders verträte. Nun hatte Herr Smith an mich gedacht und mich diesen wackeren Leuten vorgeschlagen, indem er mit Recht meinte, mir zugleich ein Vergnügen zu erzeigen und mir nützlich zu sein, indem er mir die Gelegenheit zu einem neuen Triumphe bot. Da nun aber mein Beifall großes Aufsehen in der Umgegend gemacht hatte, so hatten die Landleute es mit vieler Freude angenommen, so daß Herr Smith, da die Sache jetzt nur noch von mir abhing, mich fragen ließ, ob es mir genehm sei, in Wetton – das war der Name des kleinen Dorfes – am folgenden Donnerstage zu predigen. Er wählte den Donnerstag, weil, da mein Sonntag von Rechtswegen meiner Gemeinde angehörte, er den Sonntag nicht andeuten konnte.

Uebrigens war dieser Donnerstag ein Festtag, und das kam für mich auf dasselbe heraus, da dieser Festtag mir ein zahlreiches Auditorium versprach.

Wenn ich es annähme, so würde der Pastor mich erwarten, um mich nach dem kaum eine Viertelstunde weit von Wirksworth gelegenen Dorfe zu führen, dann würden wir zurückkehren, und in seinem Pfarrhause im Familienkreise frühstücken.

Er verlangte eine bestimmte Antwort von mir, damit seine Frau und seine Tochter, welche in zwei Stunden abreisten, um, – die Frau ihrer Schwester, die Tochter ihrer Tante, die in Chesterfield wohnte, einen Besuch abzustatten, am folgenden Donnerstag zurückgekehrt wären, wenn ich die Einladung annähme; wenn ich sie im Gegentheile ausschlüge, so würden sie zwei oder drei Tage länger in Chesterfield bleiben.

Die Einladung war so herzlich, daß es mir nicht einfiel , sie auszuschlagen oder sie auf einen anderen Tag zu verlegen. – Ich ließ mir von der Tochter des Schulmeisters eine Feder, Tinte und Papier bringen, und antwortete meinem Amtsbruder auf der Stelle, daß er für den angedeuteten Tag auf mich rechnen könnte.

Um ihn nicht warten zu lassen, würde ich um acht Uhr Morgens in Wirksworth sein.

Ich wollte dem Boten einen Schilling für seinen Gang geben, aber er war bezahlt.

Ich ließ ihn ein Glas Bier mit mir auf die Gesundheit des guten Herrn Smith trinken, und er brach entzückt auf.

Jetzt, mein lieber Petrus, warum hatte ich die Einladung mit so vielem Eifer, ich möchte fast sagen, mit so vieler Freude angenommen?

War es, um den Kreis meines Rufes auszudehnen, war es, um die Einladung des Herrn Smith anzunehmen, war es, um einem Amtsbruder einen Dienst zu erzeigen? Es waltete ein Wenig von alle Dem ob.

Aber es war vor Allem der Wunsch, mich dem jungen Mädchen mit blonden Haaren und blauen Augen, mit rosigem Gesicht, mit dem weißen Kleide, mit dem himmelblauen Bande zu nähern, – und zu wissen, wer sie wäre.

Mit ein wenig Gewandtheit würde ich zuverlässig zu meinem Zwecke gelangen, ohne im Geringsten vor der Welt das Gefühl merken zu lassen, dem ich nachgab.

Als das Mittagessen beendigt, schickte ich mit Dank die Tochter des Magisters fort, und ging wieder in mein Zimmer hinauf.

Warum ging ich mit so viel Eifer wieder in mein Zimmer hinauf? Sie errathen es, mein lieber Petrus, nicht wahr? Es geschah, um das Fernrohr meines Großvaters zu nehmen, es wieder nach meinem Auge zu stellen und es auf Wirksworth zu richten; es geschah, um zu sehen, ob sich nicht etwa zufällig die Persienne des kleinen rothen und weißen Hauses unter ihrem Efeukleide erhoben hätte.

Sie war nicht allein immer noch herabgelassen, sondern es war auch noch vergeblich, daß ich von drei bis fünf Uhr Nachmittags dablieb, um zu erwarten, daß sie aufgezogen würde.

In alle dem lag nichts als etwas sehr Einfaches. An einem heißen Junitage verschließt Jedermann seine Fenster, um sich ein wenig Dunkelheit und Kühlung zu verschaffen: meine unbekannte Schöne hatte es wie Jedermann gemacht.

Mit der Dämmerung würde die Persienne sich erheben, um das kleine Zimmer durch diesen auf das Feld geöffneten Mund die ersten so frischen und nach einem gewitterhaften Sommertage so angenehmen Lüfte der Nacht einathmen zu lassen.

Das Ganze war also, noch zwei Stunden zu warten. Nur war das sehr lange . . . zwei Stunden.

Sehr lange, zwei Stunden! um eine Frau wiederzusehen! Begreifen Sie, mein lieber Petrus, ich, der ich drei und zwanzig Jahre gewartet hatte, ohne das Drückende der Zeit zu bemerken und ohne zu wünschen, irgend eine der Frauen wiederzusehen, die ich gesehen hatte, ich fand, daß zwei Stunden sehr lang wären!

Uebrigens gab es für mich ein Mittel, die Zeit abzukürzen, das bestand darin, nach der Seite des Dorfes Wirksworth spazieren zu gehen.

Es war sehr natürlich, daß ich, der Pastor von Ashbourn, ein Wenig Bekanntschaft mit der Umgegend dieses Dorfes machte.

Da nun aber Wirksworth zu der Umgegend gehörte, so fing ich mit Wirksworth an.

Warum nicht? es war eben so gut mit Wirksworth, als mit den anderen Dörfern anzufangen.

Ich ging aus; es war um jene Stunde des Tages, zu welcher die Landleute nach beendigter Arbeit in das Dorf zurückkehren; die Frauen erwarteten sie auf der Schwelle der Thür, die Kinder liefen ihnen entgegen, Alles lächelte sich zu, Alle umarmten sich in der großen menschlichen Familie.

Nun dachte ich an unseren sanften und zärtlichen Virgil, mein lieber Petrus, den fast christlichen Dichter, der so schön die großen weißen Ochsen mit langen Hörnern, wie sie die bleichen Kräuter im Schatten der Eichen wiederkauen, die sich drängenden Hammel, mit gesenktem Kopfe, unter der Huth des Hirten und der Hunde, wenn das Gewitter sich am Himmel zusammenzieht, und die an dem Felsen hängende und den bitteren Geisklee abrupfende Ziege schildert, und ich rief aus:

O fortunatos nimium, sua si bona norint Agricolas!

Aber ich dachte fast sogleich, daß die Anführung ungerecht wäre, und daß meine Landleute, – die des Dorfes Ashbourn, – ihr Glück kennten, und da sie vor Denen, von welchen Virgil spricht, das Glück voraus hatten, Christen zu sein, sie dem Himmel dafür dankten.

Aber was machte auch alle diese Männer so glücklich? Das waren die Frauen, welche sie auf der Schwelle der Thür erwarteten, das waren die Kinder, die ihnen entgegen liefen, das war das aus der Ferne ausgewechselte Lächeln, das war der in der Nähe gegebene Kuß.

Jeder dieser Männer hatte seinen Schutzengel, welcher das Haus lebendig in seiner Abwesenheit, liebend bei seiner Rückkehr machte.

Welchen Unterschied giebt es zwischen einem leeren Hause und einem vollen Grabe?

Das Grab ist unter der Erde gegraben, das Haus ist auf ihr erbaut. Das Haus ist das Gefängniß der Zeit, das Grab das der Ewigkeit.

O! wie würde mein Haus, das mir ein Grab schien, schön für mich sein, – wenn ich bei der Rückkehr von meinen kirchlichen Gängen aus der Ferne auf seiner Schwelle, mit ausgestreckten Armen und auf mich geheftetem Auge – eine weiße Gestalt sähe, von der ich allmälich und in dem Maße, als ich mich näherte, unter ihrem großen Strohhute das frische Gesicht, die blauen Augen und die blonden Haare unterscheiden würde!

Und während ich mir das sagte, hatte ich das Dorf Ashbourn verlassen, und näherte mich mit großen Schritten dem Dorfe Wirksworth, freilich wurde in dem Maße, als ich mich dem kleinen grünen, weißen und rothen, wie einen Vorposten an der Straße aufgestellten Hause näherte, mein Schritt langsamer; ich fing an, es durch die einbrechende Dämmerung mit unbewaffnetem Auge fast eben so gut zu unterscheiden, als ich es von dem Fenster meines Zimmers aus mit dem Fernrohre meines Großvaters unterschied. Aber trotz der Rückkehr der Dunkelheit, trotz der Abwesenheit der Sonne, trotz der eingetretenen Kühle, war das Fenster immer noch geschlossen.

Unglücklicher Weise aßen hundert Schritte weit von mir zwei oder drei Familien von Dorfbewohnern in der Kühle unter einem Baume zu Nacht, während fünf bis sechs Kinder auf dem Wege in der Runde tanzten.

Bereits mehrere Male hatten sie nach meiner Seite geblickt. – Wieder umzukehren hieß das Ansehen zu haben sie zu fliehen, ich ging bis zu ihnen mit der Absicht, sie gleichgültiger Weise über verschiedene Oertlichkeiten des Dorfes, und unter andern über das kleine Haus zu befragen, das nur noch drei bis vier Hundert Schritte weit von mir entfernt war.

Bei meinem Herannahen standen sie auf. Ich grüßte sie. Zwei unter ihnen hatten mich predigen hören und erkannten mich wieder, sie luden mich sogleich ein, mich zu ihnen zu setzen und ihr Mahl zu theilen, aber ich dankte ihnen. Die Kinder hatten ihren Tanz eingestellt und umringten mich, die Eltern baten mich, sie zu segnen.

– Ich bin zu jung, um zu segnen, antwortete ich, aber gleichviel, ich segne sie, Euch, Eure Früchte, Eure Ernten und Eure Häuser von Herzen.

Sie fragten mich nun, ob es wahr wäre, daß ich übermorgen in Wetten an der Stelle des kranken Pastors predigen sollte. Ich antwortete ihnen mit ja, da Herr Smith mich eingeladen, diese kleine Reise zu machen und mir die Gastfreundschaft in seinem Hause angeboten hätte.

Nun rühmten mir die Landleute die Biederkeit, die Rechtschaffenheit, die Weisheit des würdigen Herrn Smith. Seine Frau galt für die beste Haushälterin der Umgegend, und obgleich die Pfarre eben nicht mehr als sechzig Pfund Sterling eintrüge, so war die würdige Frau doch dazu gelangt, das am besten eingerichtete Haus des Dorfes zu haben. Es war bei ihr wie auf dem Schlosse des Grafen von Alton, das man auf dem Hügel erblickte, und zuverlässig hatte Herr Stiff, der Verwalter des Grafen, der im Begriffe stand, sich mit einer reichen Erbin von Chesterfield zu verheirathen, keine weißere und feinere Wäsche, kein schwereres und glänzenderes Silberzeug, kein dickeres und besser verzinntes kupfernes Küchengeschirr, als es die Wäsche, das Silberzeug und das kupferne Küchengeschirr der Madame Smith war.

Was die Tochter des Pastors anbetrifft, so gab es nichts Anderes über sie zu sagen, als daß sie ein Engel an Sittsamkeit, Religion und Wohlthätigkeit wäre.

Alles das hatte mich sehr weit von dem kleinen grünen, rothen und weißen Hause geführt. Wie darauf zurückkommen, nachdem man über das Schloß des Grafen von Alton, über die Wohnung, welche der Verwalter, Herr Stiff, für seine Frau einrichtete, über die Wäsche, das Silberzeug, das kupferne Küchengeschirr der guten Madame Smith, und über die Sittsamkeit, die Religion und die Wohlthätigkeit der Mademoiselle Smith gesprochen hatte?

Das war besonders für mich schwer, mein lieber Petrus, der ich, ich gestehe es Ihnen, kein Mann der Uebergange bin.

Außerdem war ich fast übler Laune, daß man mir so einstimmig das Haus des Herrn Smith, der Madame Smith und der Mademoiselle Smith rühmte, und daß man mir kein Wort über das kleine grüne, rothe und weiße Haus sagte, das drei Hundert Schritte weit von uns entfernt war, und von diesem reizenden Wesen mit blonden Haaren, blauen Augen und rosigen Wangen, neben welchem Mademoiselle Smith zuverlässig nur ein gewöhnliches Frauenzimmer sein mußte.

Diese üble Laune machte, daß ich Abschied von den Landleuten nahm und ganz verdrießlich nach Ashbourn zurückkehrte.

Ach! von Weitem sah ich das dunkle Pfarrhaus in der Nacht: Niemand erwartete mich auf der einsamen Schwelle. Ich hatte den Schlüssel in meiner Tasche, ich machte die Thür auf und ging tappend in der Dunkelheit, indem ich das Feuerzeug und die Schwefelhölzer suchte.

– Ach! armer Williams Bemrode! murmelte ich mit einem Seufzer, als der nach Schwefel riechende Schein längs der Wände des leeren Eßzimmers zitterte.

Die Reste des Mittagsessens befanden sich in dem Speiseschranke, aber ich hatte nicht den Muth, mich an den Tisch zu setzen; meine Lampe in der einen, und ein Stück Brod in der andern Hand, ging ich in das kleine Zimmer hinauf.

Ich machte mein Fenster auf, stellte einen Stuhl daran, und setzte mich.

Dieses Mal eilten meine Blicke über das Dorf weg und gingen geraden Weges nach den Lichtern, welche an dem Horizonte leuchteten. Unter allen diesen Lichtern suchte ich eines, welches in der Richtung des grünen, rothen und weißen Hauses war.

Ein ganz großer dunkler Raum erstreckte sich in. der Richtung, wo es gelegen war.

In diesem ganzen Raume fühlte man, daß die Nacht friedlich herrschte.

Ich konnte mich indessen nicht entschließen, dieses Fenster zu verlassen. Ich zerbrach mein Brod in kleine Stücken, und aß es betrübter Weise, ohne die Augen einen Augenblick lang von dem Punkte abzuwenden, auf den sie geheftet waren. Endlich schlug es Mitternacht, und, da ich keine Hoffnung mehr hatte, das kleine Fenster sich erleuchten zu sehen, so ging ich, nachdem ich einen nach dm andern die wie ein Nachtvogel mit Flügeln von Erz von dem Thurme davon fliegenden Schläge gezählt hatte, hinab und legte mich zu Bett.

Meine Nacht war noch viel aufgeregter, als der Tag gewesen war; das Fieber verzehrte mich: mit jenem Mangel an Zusammenhang der Träume sah ich weiß und verschleiert die drei Töchter der Wittwe mit ihren verwelkten Kränzen auf ihren Köpfen vor mir vorüberkommen; sie gingen durch die Gartenthür hinaus und entfernten sich auf der Straße von Wirksworth. Nun öffnete sich das Fenster; meine Unbekannte, mit einem goldenen Heiligenscheine, mit langen weißen Flügeln, neigte sich zu den drei Gestorbenen; sie entblätterte über ihren Häuptern den Kranz von Kornblumen, den ich sie auf ihren Kopf hatte setzen sehen. Dann entfernten sich die drei Phantome über das Feld, indem sie allmählig verschwanden, sich verdunsteten, auf der Oberfläche der Erde schwebten, dann stiegen sie still, langsam, wie drei durchsichtige Wolken gen Himmel auf. Nun kehrte mein Blick, der ihnen gefolgt war, bis daß sie unerkennbar in dem Aether verschmolzen, zurück, indem er das Fenster suchte, aber das Fenster, das Haus, Alles war verschwunden; ich sah an ihrer Stelle ein gestaltloses Monument, halb Kirche, halb Grab, halb in den Wolken verloren, über denen der schöne Engel mit blonden Haaren, blauen Augen, rosigen Wangen, mit weißem mit einem himmelblauen Bande befestigten Kleide schwebte, und während aller dieser Verwandlungen sang die Nachtigall auf dem höchsten Zweige der größten Weide, und ich sah sie durch die Mauern, wie als ob für mein geschlossenes Auge die materiellen Hindernisse nicht mehr beständen.

Ich erwachte zehn Male; zehn Male, durch diesen Traum ermüdet, sammelte ich alle meine Sinne, um ihn zu brechen, ihn zu vernichten, aber kaum hatten sich meine Augen von Neuem geschlossen, kaum war die Dämmerung in meiner Denkkraft entstanden, als alle Bruchstücke des verstümmelten Traumes sich wie die abgebrochenen Stücke einer Schlange wieder mit einander vereinigten, und ich mich wiederfand, wie ich meine Rolle in dieser phantastischen Welt spielte, die für mich die lebendige und wirkliche Welt würde.

Ich erwachte mit dem Tage: es blieb von alledem nur noch der Gesang der Nachtigall übrig, welche die Morgenröthe begrüßte. Mit den ersten Strahlen der Sonne hörte der Gesang auf.

Man hätte sagen können, es sei der vor dem Lichte fliehende Geist der Nacht. Ich war vor Ermüdung erschöpft.

Ich stand auf, und ging in mein Arbeitszimmer hinauf; ich hatte das Fernrohr nicht nöthig, um zu sehen, daß Alles, wie am Tage vorher, geschlossen wäre. Dieses kleine Haus war mein ganzer Horizont, ich blickte nirgend anderswohin; ich machte mein Fenster wieder zu, und setzte mich vor meinen Schreibtisch.

Ich fand dort das Heft weißes Papier ganz für mein großes Werk vorbereitet, dessen Titel bereits geschrieben war, und nur noch die Hand und die Feder erwartete; aber wie anmaßend mir in diesem Augenblick der Titel, wie leer mir der Gegenstand schien!

Ich schob die Achseln zuckend das Heft zurück; die Philosophie und die Philosophen dauerten mich. Um acht Uhr begab ich mich in die Kirche, um das Morgengebet zu halten; es befanden sich fast nur Frauen darin. Die Männer begaben sich mit Tagesanbruche an ihre Arbeiten. Ich meldete, daß ich am folgenden Tage keinen Gottesdienst halten würde, da ich in Wetton predigte.

Ich hatte mit Aufmerksamkeit alle Frauen, oder vielmehr alle jungen Mädchen betrachtet, indem ich mich fragte, ob es nicht eine einzige unter diesen letzteren gäbe, aus der ich meine Lebensgefährtin machen möchte. Keine von ihnen entsprach meinem Ideal; einige waren hübsch, aber selbst die Hübschesten waren gemein und schienen mir von niedriger Erziehung. Viele, ich bin überzeugt davon, hätten vortreffliche Hausfrauen abgegeben; aber indem sie immer die materiellen Bedingungen der Frau erfüllten, bot doch keine die geistigen Bedingungen der Gefährtin, der Gattin, der Hälfte.

Unter allen diesen jungen Mädchen war die Tochter des Magisters noch die, welche am ausgezeichnetsten und hübschesten war.

Aber von der Tochter des Magisters zu der Unbekannten mit blonden Haaren, von der Haltung der einen zu der Anmuth der Anderen, von dem Gesichte dieser zu den Zügen jener fand der Unterschied statt, der zwischen einer Klatschrose und einer Rose, einer Glockenblume und einer Lilie besteht.

Indessen, als das junge Mädchen wie am vorigen Tage zu mir zurückkehrte, um mir mein Mittagsessen zuzubereiten, so, sei es nun aus langer Weile, dieses Fenster beständig geschlossen zu sehen, oder sei es, weil meine kleine Haushälterin in der That wirklich hübsch war und dabei gewann, in der Nähe gesehen und aufmerksam betrachtet zu werden, folgte ich ihr mehr als ein Mal mit den Augen bei den Gängen, die sie aus Einfalt oder aus Coketterie, Gott weiß es, um mich herum machte; ein Mal rief ich sie sogar und versuchte mit ihr zu plaudern; aber der Versuch war unglücklich und wandte sich zum Nachtheile des armen Mädchens.

Gott weiß, mein lieber Petrus, daß ich mit einer solchen Frau noch mehr allein, als allein sein würde!

Es ist das Unglück der erhabenen Geister, nur nach oben blicken zu können und immer nur das zu bemerken, was sich von dem Himmel ablöst.

XV.
Welches nur die Fortsetzung des Vorhergehenden ist

Vergebens hielt ich mich beinahe beständig in meinem Zimmer auf; vergebens hielt ich von zehn zu zehn Minuten das Fernrohr vor meine Augen, das Fenster öffnete sich nicht.

Was wollte das sagen?

Wenn meine Unbekannte mich hätte sehen – oder ahnen können, daß ich sie sähe, – so hätte ich ganz natürlich gedacht, daß meine Beharrlichkeit sie zu betrachten, sie verletze. – Aber wahrscheinlich wußte sie nicht einmal um mein Dasein, oder wohl, wenn sie wußte, daß es einen Pastor in Ashbourn gäbe, was nach dem Beifalle, den meine Predigt erlangt hatte, wahrscheinlich war, so wußte sie zuverlässig nicht, daß dieser Pastor sich in diesem Grade mit ihr beschäftige und besonders ein Fernrohr besäße, mit welchem man in der Entfernung von mehr als zwei Meilen ebenso deutlich sieht, als man mit seinen Augen in der von hundert Schritten sieht.

Wäre ihr irgend ein Unglück zugestoßen?

O! wenn dem so wäre, warum ließ sie nicht den Pastor von Ashbourn holen? Welche Freude er empfinden würde, sie zu trösten; welche freundliche, zärtliche und religiöse Worte er für sie finden würde; wie er ihr den Himmel nach der Erde, Gott bei dem Anfange und bei dem Ende von Allem zeigen würde!

Welches Glück er empfinden würde, diese schönen, mit Thränen benetzten blauen Augen, diese erbleichten Wangen unter seinen Ermahnungen, die Einen ihre Ruhe und ihre Heiterkeit, die Anderen ihre Frische und rosige Farbe wieder annehmen zu sehen.

Aber war diese Erscheinung, welche mit der Schnelligkeit eines Gesichts vor meinen Augen vorübergezogen war, nicht viel mehr ein Traum, den ich gehabt hatte? Konnte ein so reizendes Wesen, ein so vollkommenes Geschöpf als die, welche ich flüchtig gesehen hatte, auf Erden bestehen? War das Fernrohr meines Großvaters nicht ein bezaubertes Instrument, das an gewissen Tagen und unter gewissen Bedingungen das Recht hatte, seinem Eigentümer phantastische Bilder zu schaffen, die bestimmt waren, ihn die wirkliche Welt verachten zu lassen?

Ach! das war noch das, was es am wahrscheinlichsten gab: daher rührte die so dringende Anempfehlung meiner Mutter, welche ohne Zweifel die Eigenschaft dieses Talismans kannte, und die mit mir nicht darüber hatte sprechen wollen, indem sie meinte, daß sie irgend eines Tages sich mir von selbst offenbaren würde.

Nur befand ich mich weder an dem Tage, noch unter der vorgeschriebenen Bedingung: daher kam es, daß das Fernrohr unfruchtbar und das Fenster geschlossen blieb.

Der Abend kam herbei. Es waren die letzten Stunden, die mir am längsten dauerten. Endlich verließ ich Schlag acht Uhr das Dorf Ashbourn, und schlug den Weg nach dem Dorfe Wirksworth ein.

Da es später war, als am Tage vorher, so hoffte ich die Straße einsam zu finden. In diesem Falle würde ich bis nach dem kleinen Hause gehen, dann, wenn sich dieses Mal die Gelegenheit böte, zu fragen, so würde ich sie ergreifen.

Bei jedem Schritte, den ich that, hoffte ich ein Licht hinter den Leisten der Perfienne leuchten zu sehen; aber bei jedem Schritte war diese Hoffnung getäuscht.

In dem Augenblicke, wo ich das Dorf betrat, ging ich querfeldein; als ich mich aber dem Hause näherte, wurde ich Plötzlich durch eine sechs Fuß hohe Mauer aufgehalten, die ich nicht bemerkt hatte, da sie sich in den Baumgruppen verlor.

Diese Mauer deutete die Grenzen des Gartens an. Ich ging um sie herum.

Mein lieber Petrus, Sie, der Sie ein so großer Philosoph, oder vielmehr ein so großer Kenner in der Philosophie sind, – sagen Sie mir, warum mein Herz so gewaltig klopfte und warum meine Beine so heftig zitterten, – da unsere heilige protestantische Religion, statt uns von der Gesellschaft zu trennen, uns von der Familie abzusondern – uns erlaubt, Mensch, Gatte, Vater zu sein – welche Schande lag dann für mich darin, zu der zu kommen, die ich gesehen hatte und deren liebliches Gesicht mich anzog? – Das kommt daher, weil bei den ersten Schritten, welche der Mensch in dem Leben des Mannes thut, dasselbe Zögern, dieselbe Schüchternheit herrscht, wie bei den ersten Schritten, welche das Kind in dem Leben des Kindes thut – der eine wie das andere treten in eine unbekannte Welt ein, und alle beide straucheln auf der Schwelle.

Ich machte die Runde um die Mauer: alle Fenster des Hauses waren nicht allein verschlossen, sondern auch noch mit ihren hermetisch verschlossenen Läden bedeckt.

Endlich kehrte ich zu der vorderen Seite zurück; die Mauer machte einem Gitter Platz. Ich senkte meinen Blick durch das Gitter: ein einziges Licht drang durch die Fenster des Ladens eines Zimmers im Erdgeschosse.

Das ganze Leben dieses Hauses hatte sich also in dieses Zimmer im Erdgeschosse geflüchtet, das Uebrige schien ausgestorben.

Es war unmöglich, daß meine Unbekannte in dem Hause wäre; ihre alleinige Anwesenheit hätte es beseelt, belebt, erleuchtet.

Sie war nicht mehr darin; sie hatte es verlassen; sie war abgereist. Oh! das war es wirklich! Wie hatte ich es nicht errathen?

Würde jetzt ihre Abwesenheit lange dauern? – Würde sie eines Tages zurückkehren? – Würde sie niemals zurückkehren?

War dieses in dem Zimmer des Erdgeschosses wachende Licht die Hoffnung, die selbst über den Gräbern wacht?

Daran war ich mit den Fragen, die ich an mich selbst stellte, als ich Schritte sich nähern hörte. Zuverlässig hatte ich keine schlimme Absicht, indem ich um das Haus herum streifte, und es war ein bei weitem religiöseres und zärtlicheres Gefühl, als die Neugierde, das mich antrieb, meinen Kopf durch dieses Gitter zu strecken; aber dennoch wurde mein Herz bei diesem Geräusche von Schrecken befallen.

Was würde man sagen, wenn man den Pastor von Ashbourn erkannte, wie er sein Gesicht an da« Gitterthor eines Hauses im Dorfe Wirksworth zwischen acht und neun Uhr Abends heftete.

Ich entfernte mich daher rasch, um so rascher, als ich, indem ich den Kopf umwandte, drei Männer sah, die nach meiner Seite zukamen.

Ich glaubte außerdem, in der Ferne das Rollen eines Wagens zu hören.

Ich verdoppelte den Schritt, ohne weiter hinter mich zu blicken; ich hatte eine Gemüthsbewegung gleich der, welche man empfinden muß, wenn man eine schlechte That begangen hat; Gott weiß indessen, ob das Herz, das so heftig klopfte, rein war.

Was trug sich den, in meinem Innern zu? – War ich verliebt? Verliebt! – Welche Thorheit! – Verliebt in eine Frau, die ich gesehen, oder vielmehr flüchtig mit einem Fernrohre und in der Entfernung von zwei Meilen gesehen hatte!

Uebrigens konnte ich nicht darüber urtheilen, da ich nicht wußte, was die Liebe war.

Ich kehrte rasch nach dem Pfarrhause zurück, – und tappend, ohne weder eine Lampe, noch ein Talglicht anzuzünden, – ging ich, um mich von meiner Gemüthsbewegung wieder zu erholen, in mein Arbeitszimmer hinauf, und ließ mich auf meinen Sessel sinken.

Das Fenster war offen geblieben, mein Blick senkte sich auf den Horizont. Ich stieß einen Schrei aus.

Ein Licht leuchtete an dem Orte, wo das Fenster meiner Unbekannten sein mußte, gerade an dem Orte, der am vorigen Abend in die dichteste Dunkelheit gehüllt war.

Die Nacht war so dunkel, daß es unmöglich war, selbst mit dem Fernrohre irgend etwas Anderes zu unterscheiden, als dieses Licht.

Das war eine Wahrscheinlichkeit, aber ich mußte den folgenden Morgen abwarten, um eine Gewißheit zu haben.

Ich ging ohne Licht hinab und legte mich zu Bett. Ich hatte Eile einzuschlafen, und mit Hilfe des Schlafes rasch diese Nacht zurückzulegen, diese Nacht, welche mich noch von der Wirklichkeit trennte.

Aber man schläft nicht wie man will. Dieser so sehr von mir beschworene Schlaf schien weit flüchtiger als sein Gefolge von Träumen, und erst, spät in der Nacht kam er, nicht meine Augen zu berühren, sondern sich auf meine Brust zu setzen.

Ich will nicht versuchen, Ihnen die Träume dieser zweiten Nacht zu erzählen, mein lieber Petrus, es war etwas den Abenteuern Lucius’ in der Erzählung des Apulejus Aehnliches. Ein ganzer, mit Hexen, Harpyen, Gespenstern besäeter Weg, den ich zurücklegen mußte, blutende Wunden, die ich schließen mußte und die beständig wieder aufbrachen, und an der Stelle des lieblichen Gesanges der Nachtigall alles nächtliche Geschrei von Thieren von schlimmer Vorbedeutung.

Wie führte mich dieser schwere und mühselige Schlummer bis um sechs Uhr Morgens? Ich weiß es nicht, aber so viel weiß ich, daß es heller Tag war, als ich erwachte.

O! welche Nacht! mein lieber Petrus; als ich die Augen aufschlug, schien ich aus der Hölle in den Himmel überzugehen.

Der erste Gedanke, den ich hatte, war der an dieses Licht, das ich am Abende vorher gesehen hatte, aber meine Nacht war so fieberhaft und so aufgeregt gewesen, daß ich in Wahrheit die Wirklichkeit nicht mehr von dem Traume zu unterscheiden wußte.

Ich sagte mir, daß ich mich geirrt hätte, daß ich mir keine voreilige Freude machen müßte, welche verschwinden würde, wenn ich sie berühren wollte, und um meine Gewalt über mich selbst zu versuchen, beschloß ich, mich langsam anzukleiden, indem ich keinen Umstand meiner Morgentoilette unterließ.

Hierauf verließ ich mein Schlafgemach, schritt durch das Eßzimmer, ging langsam die Treppe nach dem Arbeitszimmer hinauf, und statt an das Fenster zu treten, setzte ich mich auf den Sessel meines Schreibtisches.

Nun erst erlaubte ich meinem Blicke, sich nach der Seite des Fensters zu wenden.

Kaum unterschied ich mit unbewaffnetem Auge die Gegenstände in einer solchen Entfernung. Indessen durch eine Oeffnung des Vorhanges, die mir ausdrücklich angebracht schien, um den Gesichtsstrahl, durchdringen zu lassen, glaubte ich, ein dunkles Loch an der Stelle dieser grünen Persienne zu sehen.

Ich ergriff das Fernrohr, das ich am Tage vorher gestellt gelassen hatte, ohne es wieder zusammenzuschieben, machte das Fenster auf und hielt das Fernrohr an mein Auge.

O welches Glück! Die Persienne war aufgezogen, der Käfig an seinem Platze, der kleine Vogel in dem Käfig.

Nur schien es mir, daß das Zimmer leer wäre.

Aber was lag mir daran, daß das Zimmer leer wäre? Konnte die, welche es bewohnte, nicht aufgestanden und hinunter gegangen sein?

Nicht Jedermann erwachte wie ich um sechs Uhr Morgens, – nicht Jedermann verwandte eine Stunde darauf, um seine Toilette zu machen.

O! wie ich alle diese verlorene Zeit bedauerte. . .

Ich stieß einen Freudenschrei aus; – ich bedauerte nichts mehr.

Das junge Mädchen war in ihr Zimmer zurückgekehrt; ich hatte sie in dem Hintergrunde dieses Zimmers vorüberkommen sehen, indem sie wahrscheinlich von der Thür nach dem Kamine ging, und ich hatte sie erkannt.

Bald hatte ich keinen Zweifel mehr. Sie näherte sich dem Fenster, und ihre Züge wurden in dem Maße immer sichtbarer, als sie in den Kreis des äußeren Lichtes trat.

Sie war wie gewöhnlich weiß gekleidet; ihr Kleid war wie gewöhnlich mit einem blauen Bande zugeschürzt. Ihr Gesicht allein war vielleicht noch weit frischer und weit rosiger als gewöhnlich, und ihre blonden Haare weit schneeiger und weit wallender in der Morgenluft.

Sie machte den Käfig auf und gab dem Vogel die Freiheit.

Aber er flog dankbar zuerst auf ihre Schulter, spielte einen Augenblick lang mit den Locken ihrer Haare, und indem er hierauf ein zweites Mal fortflog, setzte er sich auf die äußerste Spitze eines Weißdorns, wo er schaukelnd blieb.

Das junge Mädchen warf ihm eine Rose zu, welche sie in der Hand hielt, kehrte in das Zimmer zurück und verschwand.

Die Glocke rief mich zur Kirche. Ich brachte dem Herrn ein freudiges und dankbares Herz mit, und bat ihn, mich für den folgenden Tag zu begeistern.

Ich suchte einen Text, ich fand ihn.

War es Gott, der mir ihn sandte, oder traf ich ihn ganz natürlich in dem Ideenkreise, in welchem ich mich seit zwei bis drei Tagen bewegte?

»Und der Herr sagte zu Rachel: Du sollst Deinen Vater und Deine Mutter verlassen, um Deinem Gatten zu folgen.«

Ich kehrte nach Hause zurück. Mein erster Besuch war für mein Arbeitszimmer, mein erster Blick für das Fenster.

Es stand immer noch offen, aber das Zimmer war leer.

Zwei oder drei Male sah ich indessen meine Unbekannte – aber flüchtig und wie geschäftig; – man hätte sagen können, daß sich ein wichtiges Ereigniß zutrüge, oder sich am Abend oder am folgenden Tage zutragen würde.

Das wichtige Ereignis, für mich – war die Rückkehr meiner Unbekannten. – Ich warf einen Blick auf meine arme kleine Haushälterin, die Tochter des Schulmeisters, und fragte mich, wie ich nur einen einzigen Augenblick lang das arme Mädchen hätte betrachten können.

Am Abend schien meine Unbekannte weit ruhiger zu sein; sie blieb während der ganzen Zeit, in welcher der Tag sich zur Dämmerung neigte, und die Nacht sich niedersenkte, auf ihr Fenster gelehnt; die Sonne ging in einem Bette von Wolken glänzend, in Purpur und Gold unter; – sie verlor sie keinen Augenblick lang aus dem Gesichte, bis sie in, diesem strahlenden Oceane begraben war.

Nun zog sie sich zurück, gleichsam als ob nach einem solchen Schauspiele nichts mehr in der Schöpfung verdient hätte, gesehen zu werden, und ließ die Persienne wieder herabfallen.

Und da, sobald sie verschwunden, nichts mehr einen Blick meiner Augen verdiente, so machte auch ich mein Fenster wieder zu.

O! diese Nacht war gut und angenehm,. statt des abscheulichen Alpdrückens der vorhergehenden Nacht hatte ich reizende Erscheinungen, und es war die Nachtigall und nicht die Nachteule und der Rabe, welche bis zur Morgendämmerung meinem Ohre sang.

Mit der Morgendämmerung erwachte ich daher auch. – Ich hatte versprochen, um acht Uhr bei Herrn Smith zu sein. – Ich kleidete mich so gut, als ich vermochte, und frisirte mich so gefällig, als es mir möglich war; unglücklicher Weise war meine Garderobe gering, und statt der eleganten Perrücken, welche die jungen Leute jener Zeit trugen, war ich genöthigt, mich mit meinen eigenen Haaren zu frisiren.

Ich fand nicht, daß das häßlicher wäre; aber vielleicht würde meine Unbekannte nicht derselben Meinung sein.

Was mich für den Fall, wo ich ihr begegnen sollte, – am Ende etwas sehr Mögliches, – beruhigte, ist, daß sie sich selbst, statt mit zurückgeschlagenen und gepuderten Haaren, wie man sich zu jener Zeit frisirte, einfach mit Flechten und wallenden Locken ohne Puder frisirte.

Zum ersten Male war ich aufmerksam auf mein Gesicht, mein lieber Petrus; bis dahin hatte ich mich niemals darum bekümmert, und es wäre mir in Wahrheit schwer gewesen, zusagen, ob ich schön oder häßlich wäre. Ich bemerkte nun mit einer mit einem gewissen Stolze gemischten Freude, daß ich weit eher schön, als häßlich wäre. In der That, diese Haare, die ich ganz beschämt war zu zeigen, waren von dem schönsten Schwarz, ausgezeichnet fein und von Natur aus gekräuselt; mein Auge war dunkelblau, groß, und es fehlte ihm nicht an Ausdruck unter einer schwarzen, ziemlich gut gewölbten Augenbraue; meine Nase war gerade, mein Mund groß und mit ein wenig starken Zähnen besetzt, die ab« wundervoll weiß waren; meine Gestalt war gut gebaut; ich war weit eher groß, als klein . . . Indem ich endlich den Trauring meiner Mutter, den ich immer trug, von meinem Finger zog, bemerkte ich, daß ich eine ziemlich schöne Hand hätte, und beim Anziehen meiner Schuhe, daß mein Fuß lang, aber schmal sei.

Dieses Ganze und eine Pfarre, welche jährlich neunzig Pfund Sterling eintrug, machten aus mir einen Mann, der durchaus nicht von Eltern zu verschmähen und sehr annehmbar für ein junges Mädchen war.

Ich ging in mein Arbeitszimmer hinauf, Um einen Blick auf das Fenster meiner Unbekannten zu werfen.

Das Fenster stand offen, aber das Zimmer schien verlassen.

Es schlug sieben Uhr.

Ich hatte keine Stunde nöthig, um die zwei Meilen zurückzulegen, die Ashbourn von Wirksworth trennten; aber bei der Wahl, eine Viertelstunde zu früh oder eine Viertelstunde zu spät anzukommen, war es besser, eine Viertelstunde zu früh anzukommen.

In dem Maße, als ich auf dem Wege weiter kam, wurde das kleine Haus weit sichtbarer, und mit jedem Augenblicke glaubte ich, daß meine Unbekannte erscheinen würde. Aber ohne Zweifel war sie in irgend einem andern Theile des Hauses beschäftigt; denn ich erblickte sie nicht.

Dieses Mal hatte ich das Fernrohr nicht nöthig, um Alles zu sehen. Der leere Käfig, die weißen Vorhänge, die von dem Bette herabfielen, die Blumen-Tapete, welche die Wand bedeckte, boten sich nach der Reihe meinen Augen.

In dem Augenblicke, wo ich auf der Straße in der Höhe der Mauer vorüberkam, welche den Garten verschloß, und die mich vor zwei Tagen auf meiner nächtlichen Auskunftschaft aufgehalten hatte, setzte sich der kleine Vogel, der ein Distelfink war, indem er über einen Baum des Gartens flog, auf den Baum des Weges, der mir am nächsten stand, und dort fing er seinen Gesang an, gleichsam als ob er mich im Namen seiner Gebieterin hätte willkommen heißen wollen.

Endlich ging ich vor dem Hause vorüber; ich wagte kaum durch das Gitter zu blicken, ich that es indessen . . . aber die Vorhänge waren zugezogen.

Vielleicht konnte man durch die inneren Oeffnungen nach Außen sehen, aber von Außen konnte man zuverlässig nicht in das Innere blicken.

Ich wußte nicht, wo die Wohnung des Herrn Smith lag, aber da das Pfarrhaus gewöhnlich an die Kirche angebaut ist, so erreichte ich die Kirche und erkundigte mich nach dem, was ich suchte, bei einem Manne, der mir der Küster zu sein schien.

Er war es in der That; er fragte mich, ob ich nicht der Pastor von Ashbourn wäre, und auf meine bejahende Antwort sagte et zu mir:

– Herr Smith hatte mich hierher gestellt, um Sie zu erwarten; er hat vergessen, Ihnen zu sagen, daß er nicht neben der Kirche, sondern im Gegentheile ziemlich weit entfernt davon wohnt.

– In diesem Falle, mein Freund, sagte ich zu ihm, werden Sie die Güte haben, mir sein Haus anzudeuten.

– Ich werde mehr thun, Herr Pastor, antwortete er mir: mit Ihrer Erlaubniß werde ich Sie dorthin führen. Herr Smith hatte mir aufgetragen, mich auf der Straße aufzuhalten, um Ihnen einen unnöthigen Weg zu ersparen, und ich wollte mich so eben dorthin begeben; denn man erwartete Sie erst um acht Uhr.

Es schlug in diesem Augenblicke drei Viertel auf acht.

– Sie haben Recht, mein Freund, sagte ich zu ihm, es ist nicht Ihre Schuld, Sie haben sich nicht verspätet, sondern ich bin zu früh gekommen. Gehen Sie daher voraus, ich folge Ihnen.

Mein Führer schlug den Weg wieder ein, den ich so eben zurückgelegt hatte, und ich folgte ihm.

XVI.
Die Frau und die Tochter des Pastors Smith

Wie ich gesagt, war ich durch einen Theil des Dorfes gegangen, um nach der Kirche zu gelangen; ich bekümmerte mich daher anfangs nicht sehr um den Weg, den mich mein Führer einschlagen ließ. Als indessen die Häuser allmälig seltener wurden und am Ende nur noch eines davon übrig blieb, als das, welches übrig blieb, kein anderes als das grüne, rothe und weiße Haus, das heißt das Haus meiner Unbekannten war, so legte ich die Hand auf den Arm meines Führers und hielt ihn, zurück.

– Wohin führen Sie mich, mein Freund?

– Ei, wohin Sie gehen müssen, mein Herr, antwortete er mir, zu dem Pastor Smith.

– Wohnt der Pastor Smith in diesem Hause? fragte ich erbleichend.

– Ja, mein Herr, antwortete er, es gehört ihm von seiner Frau her, und er bewohnt es seit seiner Verheiratung.

– Und hat der Pastor Smith nicht eine Tochter? fuhr ich, aber zögernd, fort.

– Ja, mein Herr.

– Blond, achtzehn bis neunzehn Jahre alt?

– Ganz recht, ja . . . ein frommes junges Mädchen, mein Herr.

– O mein Gott! murmelte ich ganz wankend.

– Was haben Sie denn, Herr Pastor? Man möchte sagen, daß Sie sich unwohl befänden?

– Nichts! ein Schwindel, das ist Alles, erwiederte ich rasch. Gehen wir!

Und ich selbst schritt auf das Haus zu, die Hand nach dem Klopfer der Thür ausgestreckt.

Aber in diesem Augenblicke ging die Thür auf, und ich sah auf der Schwelle das lächelnde Gesicht des würdigen Herrn Smith. ^

– Gut! sagte er, da sind Sie! das ist schön, pünktlich zu sein . . . Aber was haben Sie denn? Sie scheinen mir bleich und zitternd.

Ich beruhigte ihn durch ein Lächeln und durch einen Händedruck. Ich fürchtete, daß, wenn ich zu sprechen wagte, man an der Veränderung meiner Stimme die Gemüthsbewegung bemerken möchte, die ich empfand.

Aber mein Führer antwortete für mich.

– Ah! sagte er, ich weiß in Wahrheit nicht, was den Herrn Pastor zwanzig Schritte weit von hier befallen hat, das heißt, daß er bleich geworden ist, um glauben zu lassen, daß er sich unwohl befinden würde.

– Wie! sich unwohl befinden? rief Madame Smith aus, welche hinter ihrem Gatten erschien. Smith, geh’ geschwind in die Apotheke, hole Melissenwasser, Orangeblüthwasser, Zucker, während ich Herrn Bemrode in den Salon führen werde. Aber so geh’ doch! aber so geh’ doch!

Ich wollte Madame Smith zurückhalten, aber es war keine Möglichkeit. Sie schob ihren Gatten nach der einen Seite und zog mich nach der anderen fort.

Sobald wir in dem Salon waren, zwang sie mich, in einen Sessel mich zu setzen, und machte das Gartenfenster auf, um mir Luft zu verschaffen.

Alles das geschah, indem sie sprach, mich befragte, selbst auf ihre Fragen antwortete und neue stellte, auf die sie wieder antwortete.

Der Pastor kehrte nach Verlauf von fünf Minuten zurück, indem er ein ganz zubereitetes Glas Wasser in der Hand hielt.

Diese fünf Minuten hatten für Madame Smith hingereicht, um mir mitzutheilen, daß, obgleich ihr Gatte zweiundfünfzig Jahre alt wäre, sie nur neununddreißig alt sei; daß sie eine Tochter hätte, die noch nicht neunzehn Jahre alt wäre; und daß diese Tochter hübsch sei, sänge, Klavier spielte, zeichnete, und mehr noch durch ihren glücklichen Charakter, als durch ihre Schönheit und ihre Talente, nicht ermangeln könnte, das Glück eines Gatten zu machen.

Bei diesen letzten Worten seiner Frau trat Herr Smith ein, und ich sah ihn die Achseln wie Jemand zucken, welcher einsieht, daß ein solches Lob in dem Munde einer Mutter immer verdächtig ist.

In der That, so voreingenommen ich zu Gunsten meiner unbekannten Schönen auch sein mochte, so hätte ich es doch lieber gesehen, wenn Madame Smith nichts gesagt und mich diese Vollkommenheit, die sie so laut proclamirte, selbst hätte schätzen lassen.

Vergebens erklärte ich Madame Smith, daß mein Schwindel, wenn ein solcher stattgefunden hätte, nun vorüber wäre, und daß ich mich jetzt vollkommen wohl befände; vergebens: sie ließ mich das von Herrn Smith zubereitete Glas Wasser trinken.

– So! sagte sie, jetzt ist unser lieber Herr Nachbar Bemrode gänzlich wieder hergestellt, – denn Sie fühlen Ihr Unwohlsein nicht mehr, nicht wahr, lieber Herr Bemrode? . . .

Ich machte ein Zeichen, daß ich mich vollkommen wohl befände.

– Nun denn! wir wollen ihm unsere liebe Jenny vorstellen, nicht wahr, mein Freund? fuhr Madame Smith fort.

– Aber, meine Gute, sagte Herr Smith, unsere liebe Jenny wird sich wohl ganz allein vorstellen; es scheint mir, daß Du diesem kleinen Mädchen weit mehr Wichtigkeit verleihst, als sie verdient.

– Wie, mehr Wichtigkeit als sie verdient! wie, kleines Mädchen! rief Madame Smith aus: aber Jenny ist eine große Person von neunzehn Jahren, mein lieber Herr Bemrode, und die schon sehr schöne Parthien ausgeschlagen hat, ich bitte Sie, es zu glauben.

– Ei! ich glaube Ihnen, meine liebe Mistreß Smith, antwortete ich lächelnd.

– Sie ist so gut erzogen, daß das bloße in ihrer Gegenwart ausgesprochene Wort Heirath sie bis über die Ohren erröthen lassen würde. – He! komm doch, mein Kind, komm doch!

Und bei diesen Worten zog sie Miß Jenny Smith weit eher in den Saal, als sie dieselbe einführte.

Ich erwartete meine Unbekannte des Fensters mit ihrem großen, mit Kornblumen bekränzten Strohhute, ihren blonden Haaren, ihren rosigen Wangen, ihrem weißen Kleide und ihrem blauen, um einen, wie ein Rohr schmiegsamen Leib geknüpften Gürtel zu sehen.

Keineswegs: die Person, welche eintrat, war steif frisirt, hatte weiße und rothe Schminke aufgelegt, war in ein Kleid von durchwirktem Pekin gekleidet und wie in einen Schraubstock eingeschnürt; der übrige Theil ihrer Person verlor sich in unermeßlichen Reifröcken.

Sie war immer noch ein sehr reizendes, nach der Mode des Tages gekleidetes Wesen, das war unbestreitbar; aber ach! es war nicht mehr meine Unbekannte des Fensters.

Von alle dem, was ich an ihr bewundert hatte, blieben ihre schönen blauen Augen allein unversehrt; ihre schönen Augen waren das Einzige, was zu verderben der Kunst nicht gelungen war.

– Ach! mein Gott, rief Herr Smith aus, indem er seine Tochter anblickte, wer hat Dich denn so zugerichtet, meine arme liebe Jenny?

– Wie! rief Mistreß Smith aus, wer sie so zugerichtet hat? ei ich!

– Jesus mein Gott! äußerte der Pastor, und wozu, liebe Frau?

– Ei, weil es die Mode ist.

– Und was hat denn die Mode mit armen Landleuten wie wir zu thun, meine gute Augusta, die Mode ist gut für die Stadtleute und für die großen Herrn der Schlösser.

– Mein lieber Herr Smith, bekümmern Sie sich um Ihre Predigten. Sie machen sie sehr schön, obgleich man behauptet, daß unser Herr Nachbar Bemrode sie noch schöner macht, als Sie, und lassen Sie um unsere Toilette uns allein bekümmern.

– Macht Eure Toiletten, es sei; aber um des Himmels Willen entstellt Euren Wuchs und Euer Gesicht nicht! – Ach! meine arme Jenny, fuhr der Pastor fort, wie unbehaglich Du Dich in einem solchen Mieder fühlen mußt, Du, die Du daran gewöhnt bist frei wie die Wespe und wie der Vogel zu sein! und wie häßlich Du Dich unter einer solchen Maske finden mußt, Du, die Du niemals eine andere Schminke, als den Thau des Frühlings gebraucht hast!

– Wissen Sie, mein lieber Herr Smith, rief die Frau des Pastors unwillig über alle diese spöttischen Bemerkungen Ihres Gatten aus, daß Jenny Dank der Reise, die wir nach Chesterfield gemacht haben, heute genau dasselbe Costüm trägt, welches Miß Elisabeth Rogers an dem Tage haben wird, wo sie die Frau des Herrn Stiff geworden, dem Herrn Grafen und der Frau Gräfin von Alton vorgestellt werden wird.

– Alles das sagt mir nicht, meine Liebe, fuhr der gute Pastor fort, der sichtlich unwillig zu werden anfing, warum Jenny, die nicht das Glück haben soll, die Frau des Herrn Verwalters Stiff zu werden, noch die Ehre, dem Herrn Grafen und der Frau Gräfin von Alton vorgestellt zu sein, heute dieses Kostüm trägt.

Während dieses ganzen Gespräches war Miß Jenny Smith sehr verlegen und unter ihrer Schminke enöthend stehen geblieben; als sie aber sah, daß eine Wolke den blauen Himmel der Ehe zu trüben drohte, sagte sie, indem sie die Hände faltete:

– Guter Vater, ich bitte, bestehen Sie nicht darauf; sehen Sie nicht, daß Sie der Mutter großen Kummer machen, welche seit zwei Stunden die Güte gehabt hat, sich mit mir zu beschäftigen?

– Ja, mein liebes Kind, ja, ich verstehe, sagte der Pastor Smith mit einer leichten Bewegung der Achseln; komm mich zu umarmen.

Indem er sich hierauf nach mir umwandte, sagte er:

– Mein lieber Nachbar, ich versichere Ihnen, daß es Tage gibt, an welchen das arme Kind wirklich hübsch ist.

– Mein Vater! flüsterte Jenny.

Gut! gut! sagte der Pastor, sprechen wir nicht mehr davon, und setze Dich, wenn Du kannst.

Jenny wandte sich um, um mit der Spitze des Fingers eine dicke Thräne abzutrocknen, die an dem Rande ihres Auges perlte, und nachdem sie den weitesten Sessel des Salons gewählt hatte, setzte sie sich mit Mühe darauf.

Was den Pastor anbelangt, der ohne Zweifel verstanden hatte, wie unbehaglich ich mich während dieses kleinen Familien-Auftrittes hatte befinden müssen, so gab er der Unterhaltung eine andere Wendung, und richtete einige theologische Fragen an mich.

Er traf es gut, mein lieber Petrus; Sie wissen, daß die Theologie meine starke Seite ist. Der Pastor Smith ist darin gleichfalls sehr bewandert, so daß es nach Verlauf eines Augenblickes unserer Unterhaltung nicht an einem gewissen Interesse fehlte.

Ich schenkte ihr indessen keine dermaßen unumschränkte Aufmerksamkeit, daß ich nicht, da ich mir Rechenschaft über die Absichten der Mistreß Smith in Bezug auf ihre Tochter ablegen wollte, ihr in allen ihren Bewegungen folgte.

Nun aber strebten alle ihre Bewegungen nach einem einzigen und alleinigen Ziele.

Nachdem,sie so viel als es in ihren Kräften stand, – sie glaubte es wenigstens, – die körperlichen Vorzüge der Mademoiselle Jenny geltend gemacht hatte, hielt sie darauf mir zu beweisen, daß diese körperlichen Vorzüge nicht auf sich allein beschränkt wären, und daß der Gatte, der diese liebe Tochter heirathen würde, außer einer Mitgift, über welche man sich nicht erklärt hatte, wahrscheinlich eine höchst vollständige Ausstattung finden würde.

Das ging aus der Sorge hervor, welche Mistreß Smith darauf verwandte, im Voraus einen Theetisch, von dem wir erst bei der Rückkehr Gebrauch machen sollten, mit ihren Tassen, ihrer Wäsche, ihrer Theekanne von chinesischem Porzellan, und mit zwölf silbernen Theelöffeln zu bedecken, obgleich wir nur zu vier waren.

Außerdem hatte sie zwei oder drei Male einen nach dem andern zwei große Schränke von Nußbaumholz aufgemacht, die von oben bis unten voller Wäsche waren, die trotz ihrem ein wenig bräunlichen Scheine von großer Feinheit schien.

Alle diese Bewegungen waren Herrn Smith eben so wenig als mir entgangen.

Er beschäftigte sich am Ende dermaßen damit, daß er, indem er sich plötzlich mitten in unserer Unterhaltung unterbrach, zu mir sagte:

– Wahrlich, mein lieber Nachbar, ich bin versucht zu glauben, daß Sie, statt ein einfacher Dorfpastor wie ich zu sein, ein Fürst der Kirche sind, der incognito reist. Meine Frau hat sie unter Ihrer Verkleidung erkannt. Deshalb hat sie ihre Tochter als Prinzessin kleiden lassen; deshalb holt sie aus ihrem Kästchen unsere zwölf silbernen Löffel hervor, die einzigen, die wir besitzen; deshalb zeigt sie Ihnen endlich alle diese schöne Wäsche, die sie selbst gesponnen hat, denn trotz ihren Dünsten des Ehrgeizes, die sich ihrer bei wichtigen Veranlassungen bemächtigen, wie die, in der wir uns befinden, ist Mistreß Smith eine vortreffliche Hausfrau.

– Ich zweifle durchaus nicht daran, mein Herr, antwortete ich; aber, sagen Sie mir, ist es nicht Zeit, daß wir uns nach dem kleinen Dorfe Wetton auf den Weg machen, wo ich predigen soll?

– O! sagte Mistreß Smith, Sie haben noch eine gute halbe Stunde Zeit. Aber gleichviel, Jenny, hole Dein Gesangbuch: ich hoffe wohl, daß Du diese Gelegenheit nicht verlieren wirst, die schöne Predigt zu hören, welche Herr Williams Bemrode halten wird, um ihm bei seiner Rückkehr ein Compliment darüber machen zu können.

Augenscheinlich erfreut, diese Gelegenheit zu finden, das Zimmer zu verlassen, gelang es Miß Jenny, sich nach einigen Bemühungen aus ihrem Sessel zu ziehen, und entfernte sich, um ihr Gebetbuch zu holen.

Nun ereignete sich das, was ich vorausgesehen hatte: kaum war die Thür hinter dem jungen Mädchen wieder verschlossen, als die Mutter, die nur diesen Augenblick erwartete, um ihr Lob wieder vorzunehmen, anfing ihre Tochter wegen ihrer Sparsamkeit, ihrer Talente in der Malerei, in der Musik, im Sticken, im Nähen und in der Küche zu rühmen.

Was mich anbetrifft, so fing ich an, Eines zu bemerken: nämlich, daß ohne Zweifel die gute Mistreß Smith, welche wußte, daß ich zu verheirathen wäre, das Einkommen der Pfarre von Ashbourn kannte und besonders wünschte, ihre Tochter in ihrer Nachbarschaft zu verheirathen, die Augen auf Ihren Diener geworfen hätte, mein lieber Petrus, um ihren Schwiegersohn aus ihm zu machen.

– So ist es, sagte ich mir im Stillen: daher die wunderliche Toilette, welche selbst den guten alten Smith verwundert hat, daher die Zurschaustellung der silbernen Löffel und der Wäsche, daher endlich das Hinausgehen der Mademoiselle Jenny, ein ohne Zweifel zwischen ihr und ihrer Mutter verabredetes Hinausgehen, damit die Mutter hinter dem Rücken der Tochter und von der Tochter alles das Gute sagen könnte, was sie nicht in ihrer Gegenwart zu sagen wagte. Nicht übel berechnet, Mistreß Smith, nicht übel!

Und Sie, der Sie mich kennen, mein lieber Petrus, Sie, der Sie wissen, mit welcher Widerspenstigkeit ich auferlegte Bedingungen annehme, Sie müssen begreifen, daß, je mehr Mistreß Smith Miß Jenny rühmte, desto mehr ich mit meinem unglückseligen Geiste des Widerspruches geneigt war, Fehler an ihr zu finden.

Ohne Zweifel sah der würdige Herr Smith mit seinem herrlichen Instinkte als rechtschaffener Mann, der mehr werth ist als alle Berechnungen des Verstandes, das ein, denn indem er lächelte, um seine Ungeduld zu verbergen, sagte er zu seiner Frau:

– Aber, meine liebe Augusta, wahrlich, ich erkenne Dich eben so wenig im Moralischen, als ich so eben Jenny im Physischen nicht erkannte. Auf welchen Balsam, auf welches Universalmittel, auf welches Kraut bist Du denn heute gestoßen, daß die arme Jenny, an der Du gewöhnlich so viel zu tadeln findest, heute Morgen vollkommen ist?

– Ich, an Jenny etwas zu tadeln! rief Mistreß Smith erröthend aus. Aber ich weiß nicht, wo Sie das hernehmen. Höchstens Kleinigkeiten, denn am Ende finde ich zuweilen in einem Monate, in sechs Monaten, sogar in einem Jahre keine Gelegenheit, sie ernstlich zu schelten.

– Aber bemerke wohl, liebe Frau, erwiederte Herr Smith mit einem freundlichen Lächeln, das trotz seiner Freundlichkeit nicht frei von Spott war, bemerke wohl, daß ich Dich durchaus nicht tadle, Jenny heute so vollkommen zu finden, – da ich Dir mehr als ein Mal, wenn das arme Kind fern und wir beide allein waren, im Gegentheile vorgeworfen habe, ein wenig zu streng gegen sie zu sein.

– Gut! sagte ich mir in meinem Innern, jetzt ist die Reihe an dem Vater! Die Komödie scheint mir gut gelernt und die Rollen vollkommen vertheilt.

Aber die gute Mistreß Smith war nicht die Frau, einen Vorwurf anzunehmen ohne darauf zu antworten; sie war sogar so empfindlich bei dem, der so eben aus dem Munde ihres Gatten hervorgegangen war, daß sie einen Augenblick lang ihre Rolle vergaß, um darauf zu antworten.

– Streng, rief sie aus, streng gegen unser Kind! und das, weil ich ihr immer Sparsamkeit, Mildthätigkeit, Frömmigkeit, Einfachheit anempfehle, und . . .

– Ich sage Dir streng, liebe Freundin, weil Du willst, daß Deine Tochter, die nur ein Kind ist, alle Vorzüge in demselben Grade als Du besitzt, die Du eine Frau und eine Mutter bist; gib unserer Jenny zwanzig Jahre der Ehe, einen Gatten, der sie liebt, und statt eines Kindes, das sie ist, wird Jenny wie Du das Muster der Gattinnen und der Mütter sein.

Indem er sich hierauf nochmals nach mir umwandte, sagte er:

– Und jetzt kommen Sie, mein lieber Amtsbruder, denn wir haben gerade die Zeit, die Viertelstunde Weges zurückzulegen, die wir zu machen haben.

– Aber! rief Madame Smith aus, erwarten wir die liebe Jenny nicht?

– Die liebe Jenny hat uns nicht nöthig, wenn sie ihre Mutter hat; – kommen Sie, mein lieber Bemrode, kommen Sie!

Und indem er vorausging, zeigte er mir den Weg. Ich verneigte mich vor Mißtreß Smith, und folgte dem vortrefflichen Manne.

In dem Augenblicke, wo ich das Haus aus dem Gesicht verlor, wandte ich mich um, und sah nun auch Mademoiselle Jenny, die uns, ihr Gesangbuch unter dem Arme, mit ihrer Mutter folgte.

Ich weiß nicht, warum ich den Schritt beschleunigte, damit die beiden Frauen uns nicht einholten.

XVII.
In welchem ich meine Unbekannte mit ihren blonden Haaren, ihrem Strohhute, ihren rosigen Wangen und ihrem weißen, mit einem blauen Bande geschürzten Meide wiederfinde

Doch, ich weiß, warum ich den Schritt beschleunigte, mein lieber Petrus, und ich will es Ihnen sagen.

Das kam daher, weil meine Träume in Bezug auf meine schöne Unbekannte verschwunden waren.

Weil ich eine mütterliche und sogar väterliche Berechnung da sah, wo ich anfangs Einfachheit des Herzens zu finden gehofft hatte.

Weil ich endlich meine Frau wählen wollte, und nicht, daß man mir sie aufdrängte.

Wir legten die Strecke, welche Wirksworth von Wetton trennte, zurück, ohne mehr als drei bis vier Worte zu wechseln. Herr Smith respectirte mein Schweigen, indem er ohne Zweifel glaubte, daß ich meine Predigt vorbereite.

Dem war nicht so. Ich dachte an meine Unbekannte.

O! meine Unbekannte, wenn ich sie so wiedergefunden hätte, wie ich sie in ihren Erscheinungen, mit ihren wallenden Haaren, ihren Blumen, ihrem Vogel, ihrem klaren Blicke, ihrer Natürlichkeit, kurz aller der Anmuth gesehen hatte, die ich ihr in der Gluth meines Herzens, in der Thorheit meiner Einbildungskraft zuschrieb! Wenn ihre Eltern, statt sie mir in gewisser Art an den Hals zu werfen, abgewartet hätten, daß ich sie verlangte, ihr die Zeit gelassen hätten, mich zu lieben, und mir mit jener patriarchalischen Einfachheit, die man immer sucht und die man niemals findet, gesagt hätten:

– Sie sind arm, lieber Herr Bemrode, und unsere Tochter ist arm wie Sie; aber Ihr seid jung, aber Ihr liebt Euch, – vereinigt Eure beiden Armuthen, und die Liebe wird daraus einen Reichthum machen!

O! wie ich die arme Jenny angenommen haben würde, wenn sie das gesagt hätten; wie ich ihren Arm in den meinigen gelegt, wie ich sie in mein kleines Haus von Ashbourn geführt hätte, ohne irgend Etwas von ihren Eltern zu verlangen, als diesen Strohhut, dieses weiße Kleid und diesen blauen Gürtel, mit denen sie mir erschienen war, und von denen ich sie, wenigstens in meiner Erinnerung, nicht zu trennen vermochte!

Aber nichts hatte sich so zugetragen, wie ich es hoffte; statt frei, vergnügt und leicht an meiner Seite zu gehen, folgte uns Jenny von Weitem, gehindert, traurig, und wegen ihrer Pantoffeln mit hohen Absätzen bei jedem Schritte strauchelnd.

Wir kamen beinahe zehn Minuten vor den Damen in der Kirche an.

Die Kirche war voll. Es war augenscheinlich, daß man mich mit Ungeduld erwartete; aber ich gestehe Ihnen, mein lieber Petrus, daß meine Predigt in meinem Geiste nur noch eine untergeordnete Sache war, auf welche ich, ganz beschäftigt mit der getäuschten Hoffnung, die ich erlitten hatte, einen geringen Werth legte. Glücklicher Weise erreiche ich besonders dann, wenn ich mir die wenigste Mühe gebe, zu einem Resultate zu gelangen, es weit sicherer.

Mein Text war schön: es ist die große Selbstsucht der Natur, welche, indem sie immer vor sich blickt und vor allen Dingen nöthig hat, daß die Generationen den Generationen folgen, durch die,Stimme des Herrn zu der jungen Gattin sagt: Du sollst Deinen Vater und Deine Mutter verlassen, um Deinem Gatten zu folgen.

Und das ist es, warum Gott, der im Voraus für Alles gesorgt hat, den Vätern und den Müttern eine unermeßliche Liebe für ihre Kinder verliehen hat, während die Kinder, ohne undankbar zu sein, da sie den Absichten des Herrn gehorchen, weit davon entfernt sind, dieselbe Liebe für ihre Eltern zu haben, als die Eltern für sie haben.

Man sage zu einer Mutter: »Du sollst Deine Tochter verlassen,« wäre es auch, um die heiligste Pflicht zu erfüllen, und die Mutter wird nicht gehorchen, so schmerzlich theuer ist ihr das Kind ihres Schooßes und ihrer Milch. Man sage zu der Tochter: »Du sollst Deine Mutter verlassen, um Deinem Gatten zu folgen,« und die Tochter wird lächelnd gehorchen, indem sie wie die Rose dem entgegen geht, der aus dem Wege vorüber kommt und der sie im Vorüberkommen pflückt, sie in sein Knopfloch oder an seinen Hut steckt, indem er den Rosenstrauch unfruchtbar läßt und die Blume und den Wohlgeruch mit sich fortnimmt.

Ich erntete großen Beifall; ich ließ alle Mütter weinen und alle Kinder lächeln.

Und dennoch hatte mich Zweierlei mit ernsten Gedanken erfüllt.

Ich hatte die Kanzel einige Augenblicke früher bestiegen, bevor ich meine Predigt anfing, so daß ich die Augen auf meine Zuhörer werfen konnte, welche den Augenblick, wo ich sprechen würde, mit mehr oder weniger Ungeduld, mit mehr oder weniger Neugierde erwarteten.

Unter der Zahl dieser Zuhörer befanden sich Jenny und ihre Mutter; ihre Mutter hatte sich gerade mir gegenüber gesetzt, und natürlicher Weise hatte sich ihre Tochter neben sie gesetzt.

Aber kaum war sie in die Kirche eingetreten, als alle Verlegenheit, alle Befangenheit, alles Erröthen das junge Mädchen verlassen hatte, um einer sanften, heiligen und wahrhaften Frömmigkeit Platz zu machen; kaum hatte sie sich um die Art von Aufruhr bekümmert, den um sie herum ihr für ihre Stellung viel zu eleganter Anzug erhoben hatte, und, als ob sie eingesehen hätte, daß Gott unter der vergoldeten Hülle das reine Herz sehen würde, hatte sie einen Augenblick lang ihre Augen gen Himmel erhoben. Hierauf hatte sie dieselben auf ihr Buch niedergeschlagen, das sie von diesem Augenblicke an nicht mehr verlassen hatten.

Der Gesang begann. Bei dem einfachen Gebete sitzend, stand sie für den Gesang auf. Nun schienen ihre Augen und ihr Mund sich mit einander zu öffnen – ihre Augen für die Frömmigkeit, ihr Mund für die Harmonie; nun schien sie Alles zu vergessen: die Erde für den Himmel, die Menschen für die Engel; nun sonderte sich in reiner, himmlischer Ton von den anderen Tönen ab. Ihre Worte schienen Flügel zu haben, um sich allein unter den anderen Worten in die Räume des Himmels zu erheben und sich in der Unendlichkeit zu verlieren. Ich erinnerte mich, daß ihre Mutter sie mir als sehr musikalisch gerühmt hatte. Aber was sie da trieb, war nicht Musik; es war etwas Einfaches und Erhabenes, wie der Gesang eines Vogels, wie das Rauschen eines Baumes, wie das Murmeln eines Baches, kurz wie eine Stimme der Natur, und nicht wie ein Gesang der Menschheit. Alle diese Harmonie strömte ohne Anstrengung und ohne Ermüdung über ihre Lippen. Nur verlieh ihr ein wenig auf ihre Schulter geneigter Kopf, als ob ihr Hals— ein reizender Fehler der Schwäne – zu lang und zu biegsam wäre, um ihn zu tragen, ihrer ganzen Haltung eine unbeschreibliche Anmuth und ihren Zügen einen hohen Reiz, und das dauerte so lange als der Gesang. Ihre Stimme, ein sanftes Ausströmen der Seele, das mit ihm angefangen ’hatte, hörte mit ihm auf, mit der Einfachheit des Gebetes entstehend und mit der Erhabenheit des Glaubens sterbend.

Hierauf setzte sie sich wieder, wie sie aufgestanden war, ohne etwas Auffallendes und ohne Geräusch, indem sie nicht ahnte, daß sie einen göttlichen Ton in ein menschliches Concert gemischt hatte.

Nun war an mir die Reihe zu sprechen.

Bei den ersten Worten, welche ich aussprach, erhoben sich ihre schönen blauen Augen auf mich und verließen mich nicht mehr; aber es war leicht zu sehen, daß es nicht der Mann war, den sie anblickte, sondern der Prediger, den sie mit dem Blicke anhörte, als ob ihre Ohren nicht ausgereicht hätten, als ob sie verstanden hätte, daß das, was man mit den Lippen sagt, allein aus dem Verstande kommen kann, während das, was man mit den Augen sagt, zuverlässig aus dem Herzen kommt.

Ich gestehe, daß alles das, was ich seit einigen Augenblicken sah und hörte, mich ein wenig mit Mademoiselle Jenny ausgesöhnt hatte; als meine Predigt beendigt – vielleicht war es, mein lieber Petrus, nur um ihre Meinung darüber zu erfahren, aber am Ende, ich wiederhole es, als meine Predigt beendigt, war ich daher auch entschlossen, ihr den Arm anzubieten, um nach Wirksworth zurückzukehren.

Aber während meines kurzen Aufenthaltes in der Sakristei war das junge Mädchen mit ihrer Mutter aufgebrochen.

In der Sakristei fand ich Herrn Smith wieder, der mich erwartete und mir mit einem so aufrichtigen Ausdrucke, daß man sich nicht über die Absicht täuschen konnte, sein Compliment machte. An der Thür der Sakristei und der Kirche fand ich fast mein ganzes Auditorium wieder, das mich gleichfalls erwartete, um mir Complimente zu machen.

Das war ein Triumph, Sie werden es zugeben, mein lieber Petrus; aber warum schien er mir unvollständig? Weil diesem Triumphe eine Stimme fehlte und es eine so reine Stimme war, daß alle anderen mir nur im Namen der Erde Glück zu wünschen schienen, während, wenn sie mir Glück gewünscht, es mir geschienen hatte, daß sie mir im Namen des Himmels spräche.

Ich kehrte also nach Wirksworth zurück, wie ich gekommen war, in der alleinigen Begleitung des Herrn Smith, und noch weit wortkarger bei der Rückkehr, als ich es bei dem Kommen gewesen war. Dieses Mal hatte ich nicht die Entschuldigung, in Gedanken versunken zu sein, und dennoch überließ mich der gute Pastor Smith gänzlich meiner Träumerei.

Ja, meiner Träumerei, mein lieber Petrus, denn ich träumte unwillkürlich von ihr. Unter der von ihrer Mutter umgestalteten Jenny fand ich allmälig meine Unbekannte des Fensters wieder. Und dennoch schüttelte ich den Kopf und sagte mir in meinem Innern: »Nein, nein, nein, niemals!«

Wir kehrten in das Haus zurück. Madame Smith und ihre Tochter erwarteten uns in dem Salon. Madame Smith ergoß sich in Lobeserhebungen über meine Predigt.

Jenny sagte nicht ein Wort.

Ich glaube, mein lieber Petrus, daß ich alle Lobeserhebungen der Mutter für ein einziges Wort des Tadels der Tochter hingegeben hätte; das hätte mir wenigstens eine Veranlassung geboten, sie anzureden, ihr zu antworten, mit ihr zu erwägen.

Ihr Schweigen erbitterte mich.

Man meldete, daß das Frühstück angerichtet wäre.

Ich setzte mich wüthend zu Tisch.

Wenn ich Jenny nicht aufmerksam und von dem einen Ende meiner Predigt bis zu dem andern die Augen auf mich geheftet gesehen hätte, wenn ich sie nicht in dem Augenblicke gesehen hätte, wo ich von jener Bereitwilligkeit der Kinder sprach, die zu verlassen, denen sie das Leben verdanken , wenn ich sie nicht mit einer Hand die Hände ihrer Mutter hätte suchen, und mit der andern eine Thräne in ihrem Auge hätte abtrocknen sehen, so würde ich mir gesagt haben, daß sie mich nicht gehört und demzufolge nicht verstanden hätte. Aber dem war nicht so. Sie hatte nicht eines meiner Worte verloren, ich war überzeugt davon; ihr Schweigen war daher Eigensinn, Unhöflichkeit, oder wenigstens linkisches Benehmen.

Eigensinn mit diesen wie eine Gazelle sanften Augen, Unhöflichkeit mit dieser wie ein Gesang rührenden Stimme, linkisches Benehmen mit dieser entzückenden Anmuth, das war schwer zu glauben, und dennoch mußte dem wohl so sein.

Ich beschloß daher auch, ihr Schweigen durch mein Schweigen zu vergelten. Ich wußte, daß das Frühstück von Miß Jenny zubereitet war, und, obgleich ich gestehen muß, mein lieber Petrus, daß es vortrefflich war, obgleich diese Vortrefflichkeit noch durch einen schrecklichen Hunger gewürzt war, den ich meinen beiden Morgengängen verdankte, obgleich ich für mich allein die Hälfte von diesem Frühstücke verschlang, so sprach ich doch kein einziges Wort aus, welches glauben lassen konnte, daß ich es gut fände.

Nur ist der Unterschied, der zwischen uns beiden stattfand, daß Jenny einfach und wie Jemand schwieg, der nichts zu sagen hat, während ich wie Jemand schwieg, der das Herz voll hat und der sich ärgert nicht zu sprechen.

Bei diesem gegenseitigen Schweigen wurde das Frühstück, – wie sie begreifen müssen, mein lieber Petrus, – sehr langweilig. Mademoiselle Jenny stand zuerst auf und beschäftigte sich mit dem Thee mit derselben Einfachheit, welche sie seit unserer Rückkehr aus der Kirche darauf verwandte, Alles zu thun. Sei es nun, daß sie sich allmählig an ihr Costüm gewöhnte, oder daß die Natur den Sieg über diese unglückselige Kunst davon getragen, in welche man alle ihre Bewegungen eingezwängt hatte, sie hatte allmählig ihre natürliche Anmuth und ihre gewöhnliche Einfachheit wieder angenommen.

Ich ärgerte mich daher nur noch mehr, daß sie, da sie so einfach und so natürlich war, mich nur anredete, um mir zu sagen, daß der Thee gemacht wäre, und um mich einzuladen, von der Tafel zu dem runden Tische überzugehen.

Was die Mutter anbetrifft, so war es leicht zu bemerken, daß alle diese Langsamkeiten des Mahles und des Thees ihr lästig waren; kaum hatte ich daher meine erste Taffe Thee getrunken, als sie, ohne mich zu fragen, ob ich eine zweite wollte, zu mir sagte:

– Herr Bemrode, Sie haben nur das Erdgeschoß unseres kleinen Hauses besucht. Folgen Sie mir, und ich will Ihnen den ersten Stock zeigen: Sie werden sehen, daß es zwischen seinen vier Mauern mehr Wohnungen enthält, als man auf den ersten Blick glauben würde, und daß im Nothfalle zwei Haushaltungen darin Raum fänden.

Ich war entzückt, das Zimmer zu verlassen, in welchem sich Mademoiselle Smith befand, wäre es auch nur um ihr zu beweisen, daß ich nicht im Geringsten von der Welt auf ihre Gegenwart hielte.

Ich folgte daher Mistreß Smith, indem ich ein Lächeln schnitt, von dem ein feinerer Beobachter, als der Greis, oder neugieriger, als das junge Mädchen leicht den Grund erforscht hätten, von dem aber die gute Madame Smith, der Pastor und Mademoiselle Jenny nur die Oberfläche sahen.

Ich dachte mir, daß diese Wanderung in die höheren Breiten des Hauses keinen andern Zweck hätte, als mir die Reichthümer zu zeigen, die mir unbekannt geblieben waren, da ich nur seine unteren Regionen besucht hatte.

Ich irrte mich nicht.

Es war eine zweite Auflage der Untersuchung, welche mich die gute Madame Snart hatte anstellen lassen, als sie mich in dem Pfarrhause von Ashbourn empfangen.

Aber welcher Unterschied in der Absicht, mein lieber Petrus! – Bei Madame Snart war es Dankbarkeit; bei Madame Smith war es Verführung.

Eben so sehr, wie Madame Snart leicht zu meinem Herzen gelangt war, eben so sehr beschloß ich daher auch, mit aller Kraft meines Willens gegen Mistreß Smith zu wirken.

Endlich, als sie sah, daß ich trotz der Musterung, die wir über alle ihre Reichthümer angestellt hatten, kalt und fast stumm geblieben war, sagte sie zu mir:

– Lieber Herr Bemrode, ich glaube zu bemerken, daß Sie ein sehr uneigennütziger Mann sind.

Ich machte mit dem Kopfe ein Zeichen, welches andeutete, daß sie sich nicht irrte.

– Sie haben Recht, sagte sie zu mir, die Uneigennützigkeit ist eine um so lobenswertere Tugend, als sie selten ist. Aber, glauben Sie mir, der vernünftige Mann, – und ich halte Sie für einen eben so vernünftigen als uneigennützigen Mann, – der vernünftige Mann verachtet diesen rechtschaffenen Wohlstand nicht, ohne welchen die Ruhe des Geistes und der Frieden des Gewissens bestehen kann, aber ohne dem kein wirkliches Glück besteht. Mit Schulden in die Ehe einzutreten, ist ein schlechter Anfang des gemeinschaftlichen Lebens, glauben Sie es mir. Man schläft gut auf einem Strohsacke von Maisblättern, aber man schläft noch besser auf guten Matratzen von Roßhaaren und von Wolle. So bringt ein Mann wie Sie zuverlässig seiner Frau genug mit, wenn er eine gute Pfarre, wie die von Ashbourn und ein schönes Talent, wie Ihr Talent mitbringt; aber in diesem Falle ist es nöthig, daß die Frau von ihrer Seite auch etwas mitbringt, eine Aussteuer, wo nicht an Geld, doch wenigstens an schöner Wäsche und an schönen Möbeln. Sie haben, wie ich vermuthe, zuweilen daran gedacht, lieber Herr Bemrode?

Der Angriff war so direct, daß ich meine Nerven sich zusammenziehen fühlte.

– Niemals, Madame, antwortete ich.

– Wie! niemals? rief sie aus; Sie haben niemals daran gedacht, sich zu verheirathen?

– Das sage ich nicht, Madame, antwortete ich, ganz im Gegentheile; ich habe viel daran gedacht, besonders seit einiger Zeit.

– Seit einiger Zeit? erwiederte Madame Smith mit einer Stimme, deren Aufregung sie nicht zu verbergen vermochte; aber sollten Sie denn bereits Ihre Gefährtin gewählt haben, sollten Sie die Gattin Ihres Herzens angetroffen haben?

Ich wollte, um welchen Preis es auch sein möchte, selbst um den Preis einer Lüge, dieser Zudringlichkeit ein Ende machen.

– Ja, Madame, sagte ich zu ihr, und seit langer Zeit.

– Dann wollen Sie sich also verheirathen?

– Ich erwartete dazu nur meine Ernennung als Pastor.

– Und jetzt, wo Sie es sind? . . .

– Jetzt wird hoffentlich der Erfüllung meiner Wünscht nichts mehr entgegen sein.

– O mein Gott! flüsterte Madame Smith, indem sie eine Hand auf ihre Brust legte, wie als ob sie einen Stoß mitten in das Herz erhalten hätte, und die andere auf die Lehne eines Stuhles stützte, wie als ob sie unter dem Stoße wankte.

Aber sie erholte sich fast sogleich wieder.

Ich muß Ihnen gestehen, mein lieber Petrus, daß ich nach diesem Geständnisse eine Veränderung in ihren Manieren erwartete, und sogar auf diese Veränderung rechnete, um in meinen Augen die Sünde zu entschuldigen, die ich dadurch begangen hatte, daß ich eine so große Lüge sagte.

Aber, ganz im Gegentheile, ein aufrichtiges Lächeln, obgleich es nicht frei von einer gewissen Schwermuth war, zeigte sich auf ihren Lippen und indem sie mir die Hand reichte, die sie einen Augenblick lang auf ihr Herz gedrückt hatte, sagte sie zu mir:

– Entschuldigen Sie mich, mein lieber Herr Bemrode, ich wußte das nicht und ich hielt Sie für frei.

Bei diesen Worten, bei diesem Ausdrucke, bei diesem Lächeln sah ich ein, daß ich mich in der Würdigung geirrt hätte, die ich vielleicht ein wenig oberflächlich über den Charakter der Madame Smith angestellt, und indem ich die Hand ergriff, welche sie mir reichte, sagte ich stammelnd zu ihr:

– Ich bitte Sie im Gegentheile, mich zu entschuldigen, liebe Madame Smith.

– Und weshalb, sagte sie, darum, daß Sie glücklicher sind, als ich es glaubte? O! nein! nein! keinen Rückhalt mehr, weder in meinem Geiste, noch in meinem Herzen, lieber Herr Bemrode; Sie lieben Jemand: die reine Liebe, die uneigennützige Liebe ist das edelste, ich möchte sagen, das heiligste unter allen Gefühlen. Von diesem Augenblicke an werde ich jeden Tag, Morgens und Abends für Sie und Ihre geliebte Gefährtin zu Gott beten; Sie lieben sich, ich habe Ihnen also nichts zu wünschen, als etwa, daß diese Liebe bis zum Grabe dauert. Sie sind gut, Sie sind gelehrt, Sie sind fromm, Ihr e Gemeinde liebt Sie, bewundert und achtet Sie; Sie haben ein gutes Herz und ein gutes Gewissen, das ist Alles, was es bedarf, um den Segen des Himmels zu erlangen: Gott ertheilt Ihnen den seinigen, wie ich, die arme Frau, Ihnen den meinigen ertheile. Der Segen Gottes ist das größte Gut, das der rechtschaffene Mensch auf dieser Welt wünschen kann. – Nun denn! lieber Herr Bemrode, sprechen wir nicht mehr davon. Möge Ihre Frau sanft, fromm, liebend sein . . . möge sie Sie eben so glücklich machen . . . als . . . (sie unterbrach sich und änderte rasch ihre Aeußerung) als . . . als ich mich bemüht habe, Herrn Smith glücklich zu machen . . . der gleichfalls ein würdiger Mann ist. Kommen Sie, mein lieber Herr Bemrode, Sie haben nichts mehr zu sehen, und ich habe Ihnen unglücklicher Weise nichts mehr zu zeigen.

Indem sie hierauf eine verstohlene Thräne abtrocknete, ging sie die Treppe hinab.

Ich folgte ihr ganz gerührt und selbst bereit zu weinen, ohne recht zu wissen, ob ich sie enttäuschen oder in dem Irrthume lassen sollte.

Aber bevor ich einen Entschluß gefaßt, hatte sie die Thür des Salons aufgemacht.

– Mein Freund, mein Kind, sagte sie, indem sie sich an ihren Gatten und an ihre Tochter wandte, ich habe Euch eine angenehme Neuigkeit zu melden: unser lieber Nachbar, der Pastor Bemrode, wird sich mit einer Person verheirathen, die er liebt, und die ihn hoffentlich eben so glücklich machen wird, als er es zu sein verdient.

Der Pastor blickte seine Frau mit triumphirender Miene an. Jenny stieß einen Ausruf aus, der einem Freudenschrei glich, und eilte aus dem Zimmer.

.Ich sah, ich gestehe es, diese Entfernung, über welche ich mir keine gehörige Rechenschaft ablegte, mit einem gewissen Erstaunen.

Aber Herr Smith ließ mir nicht die Zeit, mich damit zu beschäftigen.

– Kommen Sie her, mein junger Freund, sagte er zu mir, indem er mir beide Hände reichte. Ich verstehe, warum Sie meiner Frau dieses Geständniß gemacht haben, und ich schätze Sie deshalb nur um so mehr.

Indem er sich hierauf nach Madame Smith umwandte, sagte er:

– Nun denn! Mutter, jetzt sind wir ungezwungen – und wir werden weit heiterer zu Mittag essen, als wir gefrühstückt haben. – Ich muß Ihnen etwas sagen, mein lieber Nachbar, fügte er lachend hinzu, was Sie bereits bemerkt haben, – nämlich, daß die Mutter, diese vortreffliche Frau hier, nach dem Guten, was ich ihr bei meiner Rückkehr von Ashbourn über Sie gesagt, sich eine gewisse Angelegenheit in den Kopf gesetzt hatte. Arme, liebe Frau! Glücklicher Weise hat Gott mit Ihrer Hilfe zugelassen, daß ihre Thorheit von kurzer Dauer war. Daher die Reise nach Chesterfield, um dieses abscheuliche Damenkostüm zu kaufen, unter welchem man Ihnen, ohne mich davon zu benachrichtigen, unsere Jenny gezeigt hat; daher die doppelsinnigen Worte über die Verheirathung; daher die Zurschaustellung aller unserer armseligen Reichthümer. – Wozu hat Dich das geführt, Frau? zu dem Einsturze Deiner Hoffnungen. Ach! ich sagte Dir es noch heute Morgen: die Schleichwege taugen nichts: sobald man sie betritt, hat man zwei Gefährten, von denen der eine voran, der andere hinterher geht, voran der Zweifel, hinterher die Bangigkeit. Seit heute Morgen wanderst Du so, Frau, und ich sah Dich voller Betrübniß, und ich möchte Dir fast sagen, voller Scham, bei jedem Schritte straucheln; Du schlugst einen falschen Weg ein. Unser Freund hat Dich wieder auf den rechten Weg geführt. – Ich danke! Nachbar Bemrode. Die Lection ist gut gewesen, ich hoffe, daß sie Nutzen bringen wird.

– Mein Freund, sagte Madame Smith, entschuldige mich! Entschuldigen Sie mich, Herr Bemrode! Aber ich habe geglaubt, daß es nicht verboten wäre, der Vorsehung ein wenig zu helfen.

– Frau, erwiederte der Pastor, merke Dir wohl Folgendes: die Vorsehung, die Tochter Gottes, schwebt so hoch über unseren Häuptern, daß alle die kleinen Mittel, die wir anwenden können, um sie unseren Launen zu unterwerfen, nicht bis zu der Hälfte der Höhe reichen, wo sie sich aufhält. Das Gebet allein steigt bis zu ihr auf. Frau, was in den Nachschlägen Gottes liegt, wird sich immer ereignen, möge der Mensch sich darein mischen oder nicht darein mischen. Und das ist ein großes Glück, denn Gott weiß besser, was er uns verweigern oder bewilligen muß. Danken wir daher Gott, selbst für das Unglück, das er uns sendet; denn das, was wir als ein Unglück betrachten, ist zuweilen nur der Anfang unserer Glückseligkeit.

– Dem sei so! flüsterte traurig Madame Smith.

In diesem Augenblicke ging die Thür des Salons wieder auf. Ich wandte mich bei dem Geräusche um, und vermochte nicht, mich zu enthalten, einen Ausruf des Erstaunens und der Freude auszustoßen.

Es war Jenny, aber nicht mehr so, wie sie uns verlassen hatte, das heißt, mit ihrem gepuderten Zopfe, mit ihren steiffrisirten Haaren, mit ihren unter der rothen und weißen Schminke verlorenen rosigen Haut, ihrem Kleide von durchwirktem Pekin, ihren riesenhaften Reifröcken und ihren Pantoffeln mit hohen Absätzen, sondern Jenny, mit ihrem mit Kornblumen bekränzten Strohhute, ihren in dem Winde wallenden blonden Haaren, ihrem frischen Gesichte, ihrem weißen Kleide und ihrem blauen Gürtel.

Sie trat lachend und hüpfend ein, ganz vergnügt, zugleich ihrer Toilette und meiner entledigt zu sein, zwei Dinge, die sie sehr zu belästigen schienen.

– Lieber Herr Bemrode, sagte sie, meine Mutter hat Ihnen ihre Wäsche, ihre silbernen Löffel und ihre schönen Schränke von Nußbaumholz gezeigt. Kommen Sie mit mir, ich will Ihnen meine Blumen, meine Hühner, meine Vögel zeigen; Sie werden mir von Der sprechen, welche Sie lieben, und die sehr schön sein muß, und ich werde Ihnen von Ihrer Predigt sprechen, die sehr schön war.

Ich wandte mich nach Herrn und Madame Smith um, wie um sie um die Erlaubniß zu bitten, die Einladung des anmuthigen Kindes anzunehmen. – Geht! geht! sagte der Vater zu mir, Gott will, was er will, und der Mensch ist nur das blinde Werkzeug dieses Wissens.

Ich nahm rasch den Arm Jenny’s und verließ mit ihr das Zimmer.

Zweiter Band

I.
Der Spaziergang

Habe ich nöthig. Sie daran zu erinnern, mein lieber Petrus, daß ich kaum fünf und zwanzig Jahre alt war, und daß Jenny nur neunzehn zählte?

Wir waren weniger in dem Leben vorgerückt, als es die Natur in dem Jahre war: die Natur war in dem Monat Juni, und wir waren erst, Jenny in dem April, und ich im Mai.

Unsere beiden Herzen blühten daher auch wie die Schlüsselblumen, welche den Weg schmückten, und die Veilchen, die ihn mit Wohlgeruch erfüllten. Wir enteilten daher auch ganz vergnügt dem Auge der Eltern, wie der Vogel Jennys aus seinem Käfig flog. Man hätte sagen können, daß wir wie er Flügel hätten.

Sie fragen sich vielleicht, lieber Petrus, ob alle diese Freude, alle dieses Glück, alle diese Heiterkeit der Seele wohl in Uebereinstimmung mit meinem Stande als Pastor und der Sendung waren, dir er mir auferlegt.

Ja, lieber Freund, ja, denn das Glück macht die gut, welche schlecht sind, die besser, welche gut sind; ja, denn ich fühlte mich besser, als ich es gewesen war; ich hätte die ganze Welt an meine klopfende Brust drücken mögen; ich hätte die Blumen meines Kranzes auf den Schritten der Menschheit ausstreuen mögen.

Wenn mir ein Bettler begegnet wäre, so würde ich ihm die Guinee und die wenigen Schillinge geschenkt haben, die mir übrig blieben. Wozu hatte ich Geld nöthig? War ich nicht reich durch meine Liebe und durch mein Glück? War ich nicht reich durch diesen Schatz, den ich verloren glaubte/ und den ich wieder gefunden hatte? Durch dieses schöne junge Mädchen mit blonden Haaren, mit blauen Augen, mit einem Strohhute, mit dem weißen Kleide; durch dieses junge Mädchen, das sich auf meinen Arm stützte, wie als ob sie meine Schwester wäre, und für die, ich fühlte es wohl, ich mehr als ein Bruder war?

Aber sie hielt mich in ihrer Unschuld in Wahrheit für einen Freund, für einen Spielgefährten, für den Gast ihres Vaters, für nichts Anderes.

Wie sie mir gesagt, führte sie mich hin, ihre Hühner zu sehen, die bei ihrem Anblicke herbeieilten, ihre Tauben, die auf der Stelle um sie herumflogen.

– O mein Gott! sagte sie, die armen Kleinen, ich habe ihr Futter vergessen. . . . Das ist das erste Mal, daß sie getäuscht sein werden, indem sie mir entgegen kommen!

– Sie machen diese armen Thiere sehr egoistisch, liebe Jenny, wenn Sie annehmen, daß sie nicht auch ein wenig für Sie selbst kommen.

– Gleichviel, sagte sie, ich will diese Erfahrung nicht machen, die vielleicht zu meiner Schande ausfallen würde. . . . Lassen Sie uns Gerste holen.

Wir eilten, von den Hühnern, gefolgt, die hinter uns her trippelten, und von schönen weißen und anmuthigen Tauben, die um uns herum flatterten, nach einer Art von Schoppen.

Ein an seiner Kette liegender Hund that Alles was er vermochte, um sie zu zerreißen und uns nachzuspringen; er heulte halb vergnügt, Jenny zu sehen, halb traurig, ihr nicht schmeicheln zu können. Er war außer sich, nicht an diesem allgemeinen Feste Theil nehmen zu können, dem sich der Hühnerhof zu Ehren Jenny’s hingab.

Selbst zwei Enten, ein Männchen und ein Weibchen, von einem Dutzend Jungen gefolgt, die durch die allgemeine Anziehungskraft aus der kleinen Pfütze gelockt waren, in der sie plätscherten, liefen hinter uns, indem sie die Nachhut dieser ganzen gefiederten Schaar bildeten.

Unter dem Schoppen stand ein Kasten; in diesem Kasten befanden sich alle Arten von Getreide, das für die Gäste des Hühnerhofes bestimmt war.

Hühner, Enten und Tauben kannten diesen Kasten gar gut, den die Hühner gackernd, die Enten schnatternd, und die Tauben girrend begrüßten.

Ich erhob den Deckel des Kastens, dem ich meinen Kopf zum Stützpunkte gab, was uns allen beiden erlaubte, mit vollen Händen daraus zu schöpfen.

Hierauf, als unsere Hände gefüllt, ließ ich den Deckel des Kastens wieder zufallen.

Sie werden sich eines reizenden Kupferstiches nach einem französischen Gemälde erinnern, mein lieber Petrus, das den Titel hat: Die kleine Pächterin?

Es ist eine schöne, junge Frau, die von einer ganzen geflügelten Welt umringt ist, welche ihre Nahrung erwartet.

Jenny war das Original des Gemäldes.

Die Hühner flatterten, um ihre Hände zu erreichen; die Tauben setzten sich auf ihre Schultern; die Enten richteten sich ungeschickter Weise auf ihren Füßen auf, indem sie mit den Flügeln schlugen.

Ich wich einen Augenblick lang zurück, um ganz nach meinem Gefallen die Königin des geflügelten Reiches zu sehen, und obgleich meine beiden Hände mit Korn gefüllt waren, so verließ doch keines von Jenny’s Unterthanen seine Gebieterin für mich.

– Sie sehen, liebe Nachbarin, sagte ich zu ihr, daß Sie undankbar gegen diese armen Thiere waren.

– Warten Sie, sagte sie, und sie streute ihr Korn aus. Die ganze gefiederte Familie fiel über dieses Korn her, das in einem Augenblicke verschwand.

Hierauf blieb alles das mit dem Auge und dem Schnabel in der Luft, indem es schwermüthig den Kopf umwandte und mit dem Auge blinzelte, um zu sehen, ob das wirklich Alles wäre, was man von der kleinen Pächterin erwarten dürfte.

– Da! sagte Jenny, jetzt ist an Ihnen die Reihe! Und ich rief nun auch die Hühner, die Enten und die Tauben mit der Stimme und der Geberde.

Bei dem Regen von Korn, den ich um mich herum verbreitete, verließ der ganze Hof Jenny’s seine Gebieterin, um mich als seinen König zu begrüßen, mit Ausnahme einer schönen weißen Taube, welche, auf der Schulter des jungen Mädchens geblieben, ihre rosigen Lippen mit ihrem rosigen Schnabel liebkoste, und keine andere Nahrung nöthig zu haben schien, als die Küsse, die sie gab und empfing.

– Nun denn! liebe Jenny, sagte ich zu ihr, Sie sehen, daß es treue Herzen auf dieser Welt giebt!

– Ja, antwortete sie lächelnd, vielleicht eines unter fünfzig, ich weiß es.

– Und, erwiederte ich ihr, ist das nicht viel, oder ist das vielmehr nicht genug?

Sie nahm ihre Taube zwischen ihren beiden Händen, küßte sie ohne zu antworten, und warf sie in die Luft.

Aber statt nach dem Taubenschlage zurück zu kehren, wohin man sie zu senden schien, flog diese während einiger Augenblicke mit einem kreisförmigen Fluge um Jenny herum, und kehrte zurück, um sich wieder auf ihre Schulter zu setzen. Selbst von ihrer Gebieterin fortgejagt, wollte sie dieselbe nicht verlassen.

– Da haben Sie den Beweis, Jenny, fügte ich lächelnd hinzu, daß es nicht allein treue Herzen, sondern auch noch ergebene Herzen giebt.

Der Hund bellte immer noch vor Freude und spannte seine Kette nach seiner Gebieterin.

– Lassen Sie den armen Gefangenen nicht zu sehr auf Ihren Besuch warten, sagte ich zu ihr, er würde einen Theil seines Werthes verlieren.

Wir schritten mit dem ganzen Gefolge der Hühner und der Enten, die an unsere geringsten Schritte gefesselt schienen, nach der Hütte zu.

– Das ist Fidel, sagte Jenny, in Ihrer Eigenschaft als Nachbar müssen Sie Bekanntschaft mit ihm machen. Lassen Sie ihn selbst los, damit diese Bekanntschaft von Ihrer Seite mit einem erwiesenen Dienst, und von der seinigen mit der Dankbarkeit anfängt.

Ich machte Fidel los, der in Mitte der Hühner, der Enten und der Tauben lustig zu springen begann, ohne sich darum zu bekümmern, wohin er seine Pfoten setzte.

Die Tauben flogen davon, die Hühner wurden scheu, die Enten erreichten auf das schnellste ihre Pfütze wieder.

Es war Jenny zunächst, an welche sich die ersten Freudenbezeigungen Fidels richteten. Dann kam er in der gerechten Vertheilung seiner Danksagungen nachher zu mir. Zwei oder drei Schmeicheleien, die ich ihm machte, ließen unter uns einen Anfang von Freundschaft entstehen.

– Jetzt, sagte Jenny, kommen Sie, meine Blumen zu sehen.

Ich hatte keinen anderen Willen als den des schönen jungen Mädchens; es schien mir, daß es mein Beruf wäre, hinter ihr zu gehen, diesen Hals, diesen Wuchs, diese Füße zu bewundern, die so schlank, so fein, so leicht waren, daß ich mit jedem Augenblicke fürchtete, dieses luftige Ganze Flügel annehmen und wieder gen Himmel auffliegen zu sehen, indem es mich allein auf der Erde zurückließe!

Jenny machte eine nach der andern zwei Gitterthüren auf, und wir befanden uns in einem reizenden kleinen Garten voller Blumen, in welchen Fidel mit dem Entzücken der Freiheit stürzte, indem er den Schmetterlingen nachsprang und auf der Verfolgung der Vögel bellte.

Jenny rief ihn zurück: Vögel und Schmetterlinge waren die Gäste des jungen Mädchens, und da sie wußten, daß sie nichts von ihr zu fürchten hätten, so kamen die einen wie die anderen gewöhnlich, um sie herum zu flattern.

Fidel gehorchte, beruhigte sich und folgte ernsthaft den Alleen, statt ausgelassener Weise über die Beete zu springen.

Dieses Reich der Blumen war ein Anhang von dem Reiche Jenny’s. – In Mitte der Rosen, der Schwertlilien, der Anemonen, der Hyacinthen und der Tulpen, schien Jenny eine freie, lebendige, mit der Macht, sich zu bewegen, begabte Blume; sie sprach zu allen diesen glänzenden und wohlriechenden Pflanzen, wie sie mit ihren Hühnern, ihren Tauben und ihren Enten sprach; jede Blume hatte für Jenny nicht allein ihren Blumennamen, sondern auch noch ihren Freundschaftsnamen; sie war die ältere Schwester dieser ganzen Familie, welche sie seit dem Frühlinge wie eine Mutter gepflegt hatte; sie erzählte mir das Unwohlsein dieses Lilas, die Krankheit jener Ranunkel; sie rühmte mir die gute und kräftige Gesundheit dieser Balsaminen . . .

Auf der anderen Seite hätte man sagen können, daß die Blumen ihr wie mit Gefühl begabte Wesen dankbar wären; man hätte sagen können, daß, wenn ihre Wohlgerüche sich zuweilen weit stärker erhoben, es eine Huldigung war. welche die zärtlichsten ihr erwiesen. Man hätte endlich sagen können, daß das sanfte Erbeben, welches der Wind veranlaßte. dessen Hauch sie zu ihren Füßen beugte, nichts Anderes wäre, als die Anziehungskraft, welche sie auf die schweigsamsten und die liebevollsten ausübte. . . .

Ohne Zweifel war das nur Täuschung, aber es schien mir, als ob die Rosenstöcke bei ihrem Vorüberkommen ihre Zweige ausstreckten, um sie zurück zu halten, daß die Lilas ihre Büsche wallen ließen, die Jasmine ihren Schnee schüttelten, und daß diese ganze wohlriechende Welt ihre Gegenwart durch den Gesang der Nachtigallen, der Zeisige und der Meisen begrüßte, die so gut in den blühenden Dickichten verborgen warm, daß es unmöglich war, zu wissen, ob es die Wohlgerüche wären, welche Stimmen, oder die Stimmen, welche Wohlgerüche hätten.

An einer Ecke des Gartens angekommen, welche durch eine kleine Thür auf die Wiese führte, legte Jenny ihren Finger auf den Mund, um mir Schweigen zu gebieten.

Ich schwieg, sie ging noch weit leiser, um mir anzudeuten, kein Geräusch zu machen, und ich folgte ihr, indem ich auf den Zehen ging. So gelangte sie als die erste zu einem dichten Gebüsch von Schneebällen und Lilas, das sich vor einer Gruppe grüner Bäume befand; sie schob vorsichtig die Zweige zurück, und zeigte mir mit einer Bewegung des Auges und der Augenbrauen ein in dem Laube des Baumes verborgenes Nest.

Ich hatte anfangs einige Mühe, es zu erblicken, so künstlich war es von der klugen Vorsicht der geflügelten Baumeister verborgen; es war ein Nest von Schwarzköpfchen; – die Mutter saß darauf.

– Fürchte dich nicht – kleine Mutter, sagte Jenny mit ihrer lieblichen Stimme, und indem sie die Hand ausstreckte, ergriff sie leicht die Mutter, und hob sie von dem Neste auf, in welchem ich fünf hellgraue Eier mit dunkelgrauen Flecken sehen konnte.

– Oh! sagte ich zu ihr, sie brütet . . . setzen Sie sie geschwind wieder auf ihr Nest. . . Sie wissen, daß die Vögel ihr Nest verlassen, wenn sie bemerken, daß man es berührt hat.

– Die anderen Vögel vielleicht, sagte Jenny, aber nicht die meinigen . . . Sie werden sehen.

Und sie näherte den Vogel ihren Lippen und küßte ihn, dann den meinigen und ich küßte ihn auch, worauf sie das arme kleine Thier wieder auf sein Nest setzte.

Das Schwarzköpfchen spreizte sogleich seine einen Augenblick lang zusammengedrückten Federn, und vertiefte sich in die Höhlung, die es gänzlich mit seinem Körper bedeckte.

– Sehen Sie, sagte sie zu mir, indem sie sich nach mir umwandte, es entflieht nicht einmal.

Ich nickte mit dem Kopfe.

Ich sah in der That, aber durch eine Wolke: indem sie mir den Vogel zum Küssen reichte, hatte Jenny mir auch ihre Hand gereicht, so daß meine Lippen den Kopf des Vogels ein wenig, und die Hand des jungen Mädchens viel berührt hatten.

Jenny lächelte in ihrer Unschuld; sie hatte diesen mit einem Vogel getheilten Kuß nicht einmal gefühlt, der, indem er sie gleichgültig ließ, mir einen so süßen Schleier über die Augen warf.

Sie bemerkte indessen die Art von Verblendung, von der ich befallen war.

– Sie haben keinen großen Strohhut wie ich, lieber Herr Bemrode, sagte sie, so daß die Sonne Ihnen weh thut. . . . Gehen wir ein wenig in den Schatten.

Und sie öffnete die Thür des Gartens, welche auf eine schöne mit Bäumen bedeckte Wiese führte, unter deren Schatten Fidel voraussprang, und wohin wir Beide dem Hunde folgten.

II.
Wie wir ein Wenig von meiner Predigt, und viel von der Frau sprechen, die ich liebte

Es war unmöglich, dem Auge, dem Geruche, ich möchte fast sagen dem Gefühle, kurz allen Sinnen einen reizenderen Kontrast als den zu bieten, den die frische und dunkle Wiese, welche wir betraten, mit dem Garten voller Licht, Farben und Wohlgerüchen bot, den wir verließen.

Diese grüne, mit ungeheuren Erlen und riesenhaften Zitterpappeln bepflanzte Wiese war die Mitte zwischen dem Tage und der Finsternis zu unserer Linken erstreckte sich ein wahrer, aus diesen beiden Baumarten bestehender Wald, die auf feuchtem Boden so gut wachsen; zu unserer Rechten eine Weidenallee, die einen reizenden kleinen Bach einfaßte, der seinen ewigen Gesang murmelte, indem er dabei in seinem Lause und aus seiner Oberfläche die himmelblauen Sterne des Immergrüns und des Vergißmeinnicht mit goldenem Augapfel zittern ließ.

Auf der anderen Seite des Baches erhoben sich auf dem rauhen Teppich einer frisch gemähten Wiese gelb werdende Heuschober, welche in dem heißen Mittagswinde ihre aromatischen Gerüche verbreiteten.

Wir gingen so ungefähr fünf Minuten lang. Fidel, indem er lief und bellte, Jenny, indem sie den kleinen Fußpfad einschlug, auf welchem man nur einzeln gehen konnte, und ich, indem ich in die Fußtapfen Jenny’s trat. Endlich blieb das junge Mädchen unter einer weit buschigeren Weide, als die anderen stehen, an deren Fuße das niedergedrückte Gras einen gewöhnlichen Aufenthalt andeutete. Sie nahm ihren Hut ab, den sie an einen Zweig hing, setzte sich, und gab mir einen Wink, mich neben sie zu setzen.

Ich gehorchte. Fidel sprang über den Graben, beschrieb einen großen Kreis auf der Wiese, und kehrte zurück, um sich gravitätisch uns gegenüber zu setzen.

Nun, indem sie dabei einen Strauß von Blumen ihres Gartens und von Feldblumen zusammenband, wandte sich Jenny nach mir und sagte:

– Mein lieber Nachbar, als wir beide mit einander ausgegangen sind, habe ich Ihnen versprochen, daß ich Ihnen meine Hühner, meine Tauben und meine Blumen zeigen würde: Sie haben Alles das gesehen. Ich habe hinzugefügt, daß ich Ihnen meine Complimente über Ihre Predigt machen würde: Ihre Predigt war sehr schön, und Sie zweifeln nicht daran, denn Sie haben mich weinen sehen, und die Thränen sind mehr werth, als Lobeserhebungen. Endlich habe ich gesagt, daß Sie mir Ihrerseits von dem Mädchen sprechen würden, das Sie lieben; Sie haben Nichts geantwortet, aber Nichts antworten heißt, versprechen: wer Nichts sagt, willigt ein, oder das Sprichwort ist falsch. Es ist daher jetzt an Ihnen, zu sprechen, und an mir, zu schweigen, mein lieber Nachbar, . . . Sprechen Sie. ich schweige, ich bin ganz Ohr.

Ich saß neben ihr auf meinen Ellbogen gestützt, indem ich sie halb von der Seite betrachtete und Sie auf diese Weise reizend fand: der Augenblick war also gut gewählt von ihr, wie Sie sehen, mein lieber Petrus, um mich aufzufordern, ihr von der Frau zu erzählen, die ich liebte.

Ich hatte die Versuchung, sie entweder in meine Arme zu schließen, oder mich zu ihren Füßen zu werfen, indem ich ausrief:

– Jenny! Jenny! Das Mädchen das ich liebe, bist Du! Aber ich wagte es nicht, und dann, muß ich es Ihnen sagen, mein Freund, die Lage war so angenehm, ich fühlte mich so glücklich, neben ihr zu sitzen, ich fand ihren Anblick so schön, daß ich mit dem Glücke, welches ich empfand, noch nicht endigen wollte, wäre es auch für ein weit größeres Glück.

– Sie wünschen also, liebe Jenny, sagte ich zu ihr, die kennen zu lernen, welche ich liebe?

– Ja . . . mein Vater hat uns so viel Gutes über Sie gesagt. . . .

Sie sah, welchen Weg sie eingeschlagen hatte, und da sie nicht zurückweichen wollte, fuhr sie lächelnd und erröthend fort:

– Mein Vater hat uns so viel Gutes über Sie gesagt, daß Sie gesehen haben, zu welcher Thorheit er meine Mutter veranlaßt hatte!

– Eine Thorheit, welche Sie selbst keinen einzigen Augenblick lang getheilt haben, nicht wahr, Jenny?

– Oh! ich, ich verabscheute Sie! Waren Sie nicht die Ursache, daß man mir die Haare rupfte, um mich steif zu frisiren, daß man mir dm Leib in einen Eisenpanzer einschnürte, und daß man mich auf Absätzen gehen ließ, welche mich um zwei Zoll größer machten und die mir die Füße verdrehten? . . . Ich meine, daß dabei wohl Ursache vorhanden war, um Jemand zu verwünschen.

– Ja . . . aber jetzt?

– Oh! jetzt ist es ganz etwas Anderes. . . . Sobald meine Mutter auf ihre Pläne auf Sie verzichtet hat, sobald ich meine kleinen Schuhe habe wieder anziehen, meinen eisernen Panzer weit von mir habe wegwerfen und den Puder aus meinen Haaren bis aus das letzte Stäubchen habe abschütteln können, von diesem Augenblicke an verabscheute ich Sie allein nicht mehr, sondern . . .

Ich unterbrach sie.

– Wahrhaftig? . . . Und glauben Sie, daß ich mich damit begnüge, daß Sie mich nicht mehr verabscheuen?

– Sie haben mich nicht aussprechen lassen, sagte sie; ich stand im Begriffe, Ihnen zu gestehen, daß ich sie nicht allein nicht mehr verabscheute, sondern daß ich Sie auch wie einen Bruder liebte.

– Ich danke! äußerte ich, indem ich ihre Hand ergriff, ich danke, Jenny!

– Da ich Sie nun aber wie einen Bruder liebe, so will ich die Frau kennen lernen, mit der Sie verlobt sind, um sie wie eine Schwester zu lieben, fuhr das junge Mädchen fort.

– Ich habe Ihnen nicht gesagt, daß ich verlobt sei, Jenny.

– Oh! mein Gott! erwiederte sie, indem sie ihre Hand aus der meinigen zurückzuziehen suchte, verlobt oder nicht, da Sie sie lieben und da sie Sie liebt. . . .

Ich hielt ihre Hand zurück.

– Ich habe Ihnen gesagt, daß ich sie liebte. Jenny, aber ich habe Ihnen nicht gesagt, daß sie mich liebe . . .

– Wie! rief das junge Mädchen erstaunt aus, ohne sich mehr mit ihrer Hand zu beschäftigen, die sie mir überließ, Sie lieben eine Frau, die Sie nicht liebt?

– Hat man das niemals gesehen, Jenny, fragte ich sie. indem ich sie zärtlich anblickte, daß man Jemand liebt, der uns nicht liebt?

– Ich weiß nicht, sagte sie.

Indem sie mich hierauf mit mitleidiger Miene anblickte, sagte sie.

– Oh! mein Gott! sollten Sie das Unglück haben zu lieben, ohne geliebt zu seyn?

– Ich habe das Unglück. Jemand zu lieben, antwortete ich, die nicht weiß, daß ich sie liebe.

– Haben Sie niemals gewagt, ihr Ihre Liebe zu gestehen?

– Ich habe sie nur ein einziges Mal in meinem Leben gesprochen!

– Aber wie haben sie sich in eine Frau verlieben können, die Sie nur einmal gesehen haben?

– Ich sagte Ihnen nicht, daß ich sie nur einmal gesehen hätte, Jenny, ich habe Ihnen nur gesagt, daß ich sie nur einmal gesprochen hätte.

– Oh! aber dann ist das ein ganzer Roman, rief das junge Märchen lustig aus.

– Ein ganzer Roman, ja, liebe Jenny, ein Hirtengedicht von Longus. . . .

– Und Sie werden mir hoffentlich das erzählen.

– Wenn Sie es erlauben, Jenny. . . .

– Wenn ich es erlaube? Ich glaube wohl, daß ich es erlaube! ich thue mehr, ich bitte Sie darum!

Es wäre mir unmöglich, Ihnen zu sagen, mit welcher reizenden Koketterie, die zugleich voller Unschuld und Treuherzigkeit war, Jenny diese letzten Worte aussprach.

Wenn ich sie nicht geliebt hätte, so würde ich zuverlässig da, unter dieser Weide, – sie neben mir sitzend, mit diesem zu unseren Füßen murmelnden Bache, diesen über unsern Häuptern singenden Vögeln, diesem aus dem Schatten strömenden Geruche der Maiblumen, diesem von der sonnigen Wiese herüber gewehten Dufte des Heues – mit ihrer in meinen Händen ruhenden Hand, ihren auf meine Augen gefesselten Augen, ihrem freundlichen Lächeln, das meine Gedanken auf dem Grunde meines Herzens suchte, ihrer Neugierde, welche meine Worte auf den Rand meiner Lippen lockte, – — wenn ich sie nicht geliebt hätte, – so würde ich zuverlässig zu dieser Stunde, in diesem Augenblicke mich in sie verliebt haben! —

– Oh! ja, Jenny, rief ich aus, indem ich ihre Hand feurig an meine Lippen drückte, oh! ja, ich will Ihnen sagen, wen ich liebe, und nicht wahr, Sie werden mich nicht in Verzweiflung setzen, mir zu sagen, daß man mich nicht lieben könnte?

Das junge Mädchen blickte mich voller Erstaunen an.

– Hören Sie, sagte ich zu ihr, es ist das erste Mal, daß ich liebe; vor acht Tagen kannte ich die Liebe nur erst dem Namen nach, oder ich kannte sie vielmehr nicht einmal dem Namen nach.

– Vor acht Tagen?

– Ja.

– Und Sie haben plötzlich dieses Wunder der Schöpfung entdeckt, das Ihr Herz fangen sollte? sagte sie lachend. Und Sie haben auf diese Weise geliebt?

– Ganz recht, Jenny, es hat sich so zugetragen, wie Sie sagen. . . Hat man Ihnen nicht zuweilen erzählt, daß man an einem Winkel des Himmels, den man für unbewohnt hielt, plötzlich mit Hilfe eines Teleskops einen bis dahin unbekannten Stern, und dennoch den schönsten, den glänzendsten der Sterne entdeckt hätte?

– Und Sie haben dazu ein Fernrohr nöthig gehabt?

– Ja, Jenny, und das ist es, warum ich sie kenne, ohne daß sie mich kennt, warum ich sie sehe, ohne daß sie mich sieht. .. Zwei Tage ist der Himmel bedeckt gewesen, zwei Tage war sie verschwunden; während dieser beiden Tage habe ich nicht gelebt; die Erde schien mir entvölkert, der Himmel leer; die anderen Sterne bestanden nicht. . . Endlich habe ich sie wieder gesehen, aber neblig, aber gealtert . . . Nun habe ich geglaubt, mich geirrt zu haben; ich habe an meinem Teleskop gezweifelt, ich habe an mir selbst gezweifelt. . . Glücklicher Weise war es dieses Mal, wo ich mich wirklich irrte! Plötzlich hat sie sich der Wolken entledigt, die sie einhüllten, und ich habe sie rein, züchtig, glänzend wiedergefunden; so daß Sie mich nach allen meinen Zweifeln, nach allen meinen Befürchtungen, beruhigter und verliebter als jemals in sie sehen!

– Hören Sie, Herr Bemrode, sagte Jenny zu mir, die ernster geworden, ohne streng zu sein, ich verstehe die bildliche Sprache nicht recht, und besonders ist mein Verstand nicht scharf und geziert genug, um Ihnen in demselben Style zu antworten. Lassen Sie daher Ihren Stern aus dem siebenten Himmel herabkommen, in den Sie ihn gestellt haben, so daß man ihn nur mit diesem wundervollen Teleskop sehen kann, mit dessen Hilfe Sie ihn entdeckt haben; sondern sie ihn ein wenig mehr ab, stellen Sie ihn in meinen Gesichtskreis, und dann allein werde ich Ihnen zu sagen vermögen, was ich davon denke, und dem zufolge, was Sie von ihm denken müssen.

Als ich sie hörte, mein lieber Petrus, sah ich ein, daß jener entscheidende Moment des Lebens für mich gekommen war, wo es dem Menschen verliehen ist, zwischen der Freude und der Traurigkeit, zwischen dem Leben oder dem Nichts zu wählen; ich sah ein, daß Gott das Leben und die Freude in meinen Bereich stellte, und daß es sich nur noch darum Handelte die Hand auszustrecken und sie zu ergreifen. – Ich erzählte ihr Alles: meine Ankunft in Ashbourn; wie ich dort von der würdigen Wittwe des Pastors Snart empfangen worden wäre; wie ich geglaubt hätte in ihr eine zweite Mutter wiederzufinden; wie sie mich einen Augenblick lang ihren Sohn genannt hätte. Ich schilderte ihr meinen Schmerz. als ich sie bei meiner Rückkehr todt fand; mein Alleinsein, meine Armuth, dann, wie durch die Liebe meiner Gemeinde meine Armuth verschwunden wäre, indem sie mir nur noch das Alleinsein ließ; dann endlich, wie durch eine Gunst der Vorsehung, durch eine Mildthätigkeit des Herrn dieses Alleinsein gleichfalls verschwunden wäre. Ich machte ihr die Beschreibung dieses kleinen grünen, rothen und weißen Hauses, das halb aus einem Dickicht von Bäumen und Blumen hervortretend, mein einziger Horizont geworden war; ich schilderte ihr dieses Fenster, den reizenden Rahmen eines noch reizenderen Porträts. Sie wohnte allen meinen Hoffnungen bei, wenn meine Unbekannte erschien, allen meinen Bangigkeiten, wenn das Fenster leer oder geschlossen war. Ich verhehlte ihr meine beiden Abend-Ausgänge nicht, den einen, wo ich mich darauf beschränkt hatte, auf die Heerstraße zu kommen und das Lob des Herrn Smith und seiner Tochter zu hören; den andern, wo ich so weit gegangen war, die Runde um das Haus zu machen, das erloschen, fast todt war, mit Ausnahme jenes in dem unteren Saale gebliebenen Funkens von Leben und von Licht, das ich flüchtig durch das Gitterthor der Straße gesehen hätte, ein Gitterthor, von welchem mich die Stimme dreier Männer und das Rollen des Wagens verjagt hätten. Sie konnte mir nach meiner Wohnung folgen, mich in das Pfarrhaus zurückkehren sehen, das weit trauriger, weit einsamer, weit leerer als jemals war; mich in mein Zimmer, ohne Licht hinaufgehen, unwillkürlich mein Fenster aufmachen sehen, und plötzlich einen Schrei ausstoßen hören, als ich meinen verschwundenen Stern wiederfand. Dann kamen nach diesem Ganzen die ausführlicheren Umstände: der Käfig und der Distelfink, die weißen Vorhänge des Bettes, die Sessel von Zitz mit Rosen, der Topf von blauer Fayence, der Strohhut, der Kranz von Kornblumen, nichts war ausgelassen, nichts war vergessen, nicht einmal meine getäuschte Hoffnung am Morgen, als ich meine blonde Unbekannte mit dem weißen Kleide und dem blauen Gürtel, in eine Stadtdame verwandelt, steif frisirt, in einem Kleide von durchwirktem Pekin und auf ihren Pantoffeln mit hohen Absätzen wanken sah. So weit gekommen, mußte ich bis an das Ende gehen und Alles sagen, selbst meine Lüge.

Ich sagte es, – aber ich sagte auch meine Freude, mein Glück, als ich den reizenden Schmetterling, von dem ich geträumt hatte, in dem Augenblicke wiederfand, wo er aus seiner goldenen Hülle weit glänzender, weit frischer, weit luftiger als jemals hervorging. Ich nahm eine nach der andern alle die Umstände dieser letzten, wie eine Sekunde rasch verflossenen Stunde vor, die indessen mein ganzes zukünftiges Leben enthielt: Den Hühnerhof mit seinen Hühnern, seinen Enten, seinen Tauben, das heißt das materielle Leben; den Garten mit seinen Blumen, seinen Singvögeln, seiner Sonne, das heißt das poetische Leben; diese Wiese mit ihrem Schatten, ihrem murmelnden Bache, ihren fernen Wohlgerüchen, das heißt das sinnende und gesammelte Leben; ich unterbrach mich in meiner Erzählung erst bei dem Ende meines Romans selbst, das mich hierher, unter diese Weide führte, wo ich neben ihr lag und dazu gelangt, rief ich aus:

– Jenny! theure Jenny! Sie kennen die Geliebte meines Herzens jetzt; meine Wonne oder mein Schmerz hängen von ihr ab . . . Sagen Sie meine theure Jenny, darf ich hoffen oder muß ich verzweifeln? —

Jenny hatte den ganzen Anfang meiner Erzählung angehört, indem sie ihre schönen Augen lächelnd und forschend auf mich heftete, denn sie verstand noch nicht und glaubte, daß die Rede von einer Fremden wäre; dann hatte sie allmählig errathen, daß es sich um sie handelte, nun hatte sie langsam die Augen niedergeschlagen, aber ohne daß sie aufhörte, mich anzuhören; endlich hatte eine weit feurigere Röthe ihre Wangen bedeckt, eine weit raschere Bewegung ihren Busen gehoben; plötzlich war sie aufgestanden, aber sie war, immer mehr erröthend, regungslos und gleich der Statue der Bescheidenheit stehen geblieben . . . Und ich hatte mich bei den letzten Worten auf die Kniee geworfen, indem ich sie bei ihrer schönen Hand zurückhielt, denn sie hatte geschienen, sich entfernen zu wollen; aber auf meine Bitte, bei dem leisen Schmerzensschrei. der mir entschlüpfte, als ich diese Hand bereit fühlte, aus der meinigen zu gleiten, hatte sie Mitleid mit mir und blieb. Dieses Mitleid machte mich sehr glücklich, denn in diesem Falle, – Sie, der gelehrte Professor der Philosophie weiß es, – in diesem Falle ist das Mitleid nichts Anderes, als ein Anfang von Liebe!

Ich blieb also mit einem Knie auf dem Boden, athemlos, das Auge auf sie geheftet, indem ich ihre Hand in meine Hand drückte und nur die Kraft hatte, folgende Worte zu flüstern.,

– Jenny!. . . theure Jenny!. . .

Nun sagte sie mit ihrer sanften und zugleich bebenden Stimme zu mir:

– Herr Bemrode, es scheint mir, daß das nicht recht ist, was Sie in diesem Augenblicke thun, und daß der Umweg, den Sie genommen haben, sehr spitzfindig für Jemand ist, der liebt. . . Aber gleichviel, ich will Ihnen einfach antworten: Ja, als mich meine Mutter nach Chesterfield geführt hat, um mich wie die Braut des Verwalters des Grafen von Alton kleiden zu lassen, als man mir gesagt hat, daß ich um Ihnen zu gefallen, meine Haare pudern, dieses garstige durchwirkte Kleid und diese hohen Pantoffeln anziehen müßte, die mich nicht allein daran verhinderten zu laufen, sondern sogar zu gehen, hat es mir geschienen, daß ein Mann, der nur sie zu lieben, von einer Frau alle Opfer des Einfachen, des Natürlichen, des Wahren verlangte, falsch lieben müßte; daß dieser Mann meine Vögel, meine Blumen, meine Wiese verabscheuen würde; daß das Leben, in welches ich eintreten sollte, ein anderes als das meinige wäre, das so freundlich, so still, so ruhig war. . . Nun habe ich, eben so wie Sie ein Vorurtheil gegen mich gefaßt haben, ein Vorurtheil gegen Sie gefaßt; ich habe meine Mutter verspätet, die mich beeilte, um den Weg nicht mit Ihnen zurückzulegen; ich habe mich, oder vielmehr meine Mutter hat mich zu meinem großen Bedauern der Kanzel gegenübergesetzt; ich habe mich mit der Absicht gesetzt, Ihre Predigt schlecht zu finden. . . das wurde mir unmöglich. Ihre Predigt war sehr schön. . . . Nur hat mich der Text wohl noch als Ihre Worte weinen lassen, denn der Text sagte: »Du sollst Deinen Vater und Deine Mutter verlassen, um Deinem Gatten zu folgen,« und meinen Vater und meine Mutter zu verlassen, schien mir das größte Unglück von der Welt. . . Als Ihre Predigt beendigt, weinte ich zugleich über Ihre Worte und über den Text, denn, ich wiederhole es Ihnen. Sie sind sehr beredtsam gewesen; aber ich war bös auf Sie, einen solchen Gegenstand gewählt zu haben. Deshalb bin ich zuerst aufgebrochen, und habe Sie nicht erwarten wollen, wie sehr meine Mutter auch in mich drang. Daher mein Schweigen bei Ihrer Rückkehr; zehn Male habe ich das Verlangen gehabt, Ihnen Komplimente zu machen, ich habe nicht den Muth dazu gehabt. Als Sie mit meiner Mutter das Zimmer verlassen haben, – ich muß Ihnen Alles sagen, nicht wahr? – als Sie mit meiner Mutter das Zimmer verlassen haben, bin ich aufgestanden, bin zu meinem Vater gegangen, und habe ihn auf die Stirn geküßt; hierauf habe ich mich vor ihm auf die Kniee geworfen und mit gefalteten Händen zu ihm gesagt: »Nicht wahr, guter Vater, Du wirst nicht verlangen, daß Deine Tochter einen Mann heirathet, den sie nicht liebt und der sie unglücklich machen würde?«

– O! Jenny! Jenny! rief ich aus.

– Warten Sie doch! antwortete das junge Mädchen mit einem liebenswürdigen Lächeln; Sie haben mir Alles gesagt, lassen Sie mich Ihnen auch Alles sagen. – Mein Vater ist gut, mein Vater liebt mich; er hat mir geantwortet: »Mein Kind, Du wirst niemals einem Anderen angehören, als dem Manne, den Du wählen wirst.« Nun bin ich ihm um den Hals gefallen und habe ihn noch weit zärtlicher als das erste Mal geküßt. In diesem Augenblicke sind Sie mit meiner Mutter wieder eingetreten, und meine Mutter hat uns gemeldet, daß Sie eine andere Frau liebten und daß Sie sich verheirathen würden. Bei dieser angenehmen Nachricht habe ich mein Herz wieder lächeln fühlen; ich würde in die Hände geklatscht haben und vor Freude gesprungen sein, wenn ich es gewagt hätte. . . Aber wenigstens frei, wieder das zu scheinen, was ich war, bin ich aus dem Saale geeilt und rasch auf mein Zimmer hinauf gegangen, um mich dieser abscheulichen Toilette zu entledigen, und in dem Maße, als ich meine Haare von dem Puder befreite, als ich mein Kleid aufschnürte, als ich meine Pantoffeln mit hohen Absätzen an das andere Ende des Zimmers warf, schienen Sie mir bei weitem schöner, bei weitem liebenswürdiger, bei weitem beredtsamer als eine Stunde vorher. Ich erinnerte mich, den Text Ihrer Predigt in der Bibel gelesen zu haben, und da er in der Bibel stand, so verwunderte ich mich nicht mehr, daß Sie ihn genommen hatten. Endlich bin ich munter, vergnügt und mit leichtem Herzen hinuntergegangen; ich habe Sie in dem Salon wiedergefunden und mir gesagt, daß ich ungerecht gegen Sie gewesen sei; es hat mir geschienen, daß Sie meine Vögel, meine Blumen, den Schatten der Weiden, den Spaziergang an dem Ufer des Baches lieben müßten; ich habe Ihnen gesagt: »Kommen Sie!« Sie sind gekommen. Nun habe ich Ihnen, wie als ob ich Sie seit zehn Jahren kannte, meine Vergnügungen, meine Freuden, mein Leben erzählt; Sie haben meine Hühner gefüttert, Sie haben Fidel geschmeichelt, Sie haben mein Schwarzköpfchen geküßt, Sie haben sich neben mich gesetzt, indem Sie die Wohlgerüche der Wiese einathmeten. – und ich fürchtete Sie nicht allein nicht mehr, sondern ich liebte Sie auch noch wie meinen Bruder!. . . Jetzt fragten Sie mich, ob ich Sie auf eine andere Weise lieben könnte. . . Ich weiß es nicht, denn da ich niemals Jemand Anderes, als meinen Vater, als meine Mutter gekannt habe, da ich nur die Landleute dieses Dorfes gesehen, so kenne ich die Liebe durchaus nicht. Aber Sie, der Sie so gelehrt sind. Sie werden es wohl sehen, ob ich Sie liebe. . . Sie werden es mir sagen, und obgleich Sie einmal gelogen haben, so werde ich dennoch trachten Ihnen zu glauben. . .

– O! Jenny! Jenny! rief ich aus, Sie sind ein Engel der Aufrichtigkeit!. . . Ja, Sie werden mich lieben, wie ich Sie liebe!

Ich wünsche nichts mehr, antwortete das junge Mädchen, indem sie mir ihre Hand wiedergab, die sie mir entzogen hatte.

Und ich drückte von Neuem meine Lippen darauf, aber dieses Mal war es nicht aus Ueberraschung.

Ich fühlte daher auch diese das erste Mal gefühllose Hand unter meinem Kusse erbeben.

– Kehren wir in das Haus zurück, Herr Bemrode, sagte Jenny, es scheint mir. daß nach dem, was wir uns gesagt, ich das Bedürfniß habe, meine Mutter zu umarmen . . .

Und wir gingen neben einander, ohne uns ein einziges Wort zu sagen, so voll waren unsere Herzen.

III.
Die Probezeit

Ich kehrte allein in den Salon zurück. Nachdem sie ihre Mutter, der sie auf dem Hofe begegnet war, mit einer Zärtlichkeit und einer Rührung umarmt hatte, welche die gute Frau in Erstaunen versetzten, ging Jenny in ihr Zimmer hinauf, wo sie bis zu der Stunde des Mittagessens blieb.

Und, wie sonderbar! Diese Abwesenheit machte mich fast vergnügt! mein Herz sagte mir, daß Jenny sich nicht, um mich zu fliehen zurückgezogen hätte, sondern, um sich wieder allein mit mir zu befinden; sie hatte dieses kleine Zimmer wiedersehen wollen, von dem ich ihr gesprochen hatte, und vielleicht – das Herz ist schnell bereit, sich solche Eitelkeiten einzubilden – vielleicht suchte auch sie mit den Augen mein Fenster, wie ich das ihrige gesucht hatte.

Den Kopf frei und mit freudigem Herzen, unterhielt ich mich während dieser Zeit mit ihrem Vater. . . Ueber was?. . . Ich will es Ihnen sagen, mein lieber Petrus: über die Menschen, die ich niemals so gut, über die Natur, die ich niemals so schön, über Gott, den ich niemals so erhaben gefunden hatte.

Uno der Greis hörte mich mit einem liebevollen Erstaunen an, und zuweilen schüttelte er sanft den Kopf, indem er sagte:

– O Jugend! o Jugend!. . .

Wie lange ich so überströmend, beredtsam. begeistert sprach? ich weiß es nicht: – es gab in mir eine unerschöpfliche Quelle von Danksagungen für den Herrn, der mir das Leben so süß und so angenehm machte.

Endlich trat die gute Mutter wieder ein. Als ich sie erblickte, war auch ich von einer großen Lust ergriffen, meine beiden Arme um ihren Hals zu schlingen . . . Vielleicht kam das daher, weil Jenny sie umarmt hatte.

Sie kam um zu melden, daß das Mittagessen angerichtet wäre.

Wir gingen in den Speisesaal.

– Wo ist Jenny? fragte Herr Smith.

Die Mutter blickte um sich.

– Ich weiß es nicht, sagte sie, ohne Zweifel in ihrem Zimmer . . . Verzeihung für die kleine Wilde, Herr Bemrode, die uns so verläßt. . .

O! theure Jenny, wie sehr Dir verziehen war!

In diesem Augenblicke störte ich, so leicht er auch war, ihren Schritt auf der Treppe und ihr das Geländer streifendes Kleid; ich errieth. daß mein Auge sie bei ihrem Eintritte in das Zimmer erröthen lassen würde: ich wandte mich daher auch erst einen Augenblick nach ihrem Eintritte um.

Erhabener Instinct der Liebe! sie hatte mich verstanden, und dankte mir mit dem Blicke.

Jenny wurde mir gegenüber gesetzt, ihre Mutter zu meiner Rechten, ihr Vater zu meiner Linken.

Dort sah ich nochmals ein. daß wenn ich sie anblickte, mein Blick sie in Verlegenheit setzen würde; daß, wenn ich schwiege, mein Schweigen ihr schwer zu ertragen sein würde.

Ich sprach daher! – ich sprach von den gleichgültigsten Dingen, aber es lag in meiner Stimme ein Ausdruck, welcher sagte: »Jenny, meine geliebte Jenny, in Ermangelung meiner Augen, blickt Dich mein Herz an!. . . Jenny, meine geliebte Jenny, in Ermangelung meiner Stimme, sagt Dir mein Herz, daß ich Dich liebe!«

Und dieser Blick und dieses Geständniß meines Herzens wurden von dem schönen jungen Mädchen verstanden; es lag in ihrem Schweigen etwas Athemloses, das mir antwortete: »Ich höre Dich, ich verstehe Dich!«

Und, wie als ob das Alter und die Jugend zwei verschiedene Sprachen sprächen, der Vater und die Mutter sahen Nichts, hörten Nichts, nur blickte Herr Smith von Zeit zu Zeit seine Frau lächelnd an.

– Nun Mutter, sagte er endlich zu ihr, findest Du nicht, daß dieses Mittagessen besser ist. als das Frühstück, daß wir es ungezwungener, freier, vergnügter genießen, Jenny mit inbegriffen, die heute Morgen die Augen schließen zu wollen schien, um unseren lieben Gast nicht zu sehen, die Ohren zu schließen, um ihn nicht zu hören, und die ihn jetzt verstohlen anblickt und Alles verschlingt, was er sagt?

Jenny schlug die Augen nieder und erröthete, um die Rose erbleichen zu lassen, die sie in ihren Haaren hatte.

– Nun denn, woher kommt das Alles? begann der Greis wieder: daher, daß wir uns erklärt haben, daß jeder von uns mit Aufrichtigkeit denkt, spricht und handelt.

– Das ist wahr. Vater, antwortete Madame Smith; ich kann es nicht ändern, ich war thöricht!

– Sag an. Jenny, fuhr der Greis fort, bist Du nicht der Meinung Deiner Mutter? Findest Du Dich nicht in Gegenwart des Herrn Bemrode weit ungezwungener, seitdem Du die Absichten unseres lieben Nachbars kennst? Nun denn! so antworte doch.

– Ja, lieber Vater, stammelte Jenny. . . Aber beliebt es Ihnen nicht, daß ich in den Keller ginge, um eine Flasche von dem alten Cläret zu holen, den Ihnen der Herr Graf von Alton bei seiner letzten Reise gesandt hat?

– Bei meiner Treue! Du hast Recht, Jenny, und ich weiß nicht, wie ich es vergaß, unseren lieben Nachbar damit zu traktiren. . . Weh, Jenny geh, . . . und wir werden auf die Gesundheit der Braut des Pastors von Ashbourn trinken.

Jenny, welche aufgestanden war, wankte beinahe.

– Nun denn! nun denn! sagte der Greis, Du hast indessen diese verwünschten Pantoffeln nicht mehr an, die Dich straucheln ließen . . . Geh. mein Kind, geh!

Sie verließ das Zimmer; aber bevor sie verschwunden war, begegneten sich unsere Augen, Ich sandte ihr mein Herz in meinem Blicke zu: sie faltete ihre beiden Hände über ihre Brust, und entfernte sich ohne die Thür zu verschließen, indem sie den Kopf wie eine bestürzte Nymphe schüttelte.

– Ei! aber was hat denn dieses kleine Mädchen? fragte die Mutter.

– Was sie hat? erwiederte der Pastor, das brauchst Du noch zu fragen? sie ist noch ganz verwirrt über Deine Absichten von heute Morgen, – worüber ich Sie von Neuem um Verzeihung bitte, mein lieber Amtsbruder. . . aber Sie müssen dem guten Wesen nicht bös darüber sein; ich habe den Fehler begangen, indem ich ihr zu viel Gutes über Sie sagte. . . Nun Frau, Du hast darüber nicht zu erröthen: Jede Mutter, welche ihre Tochter liebt, wünscht ihr Glück, und Du sagtest Dir: »Meine Jenny wird glücklich sein, wenn sie die Frau des Herrn Bemrode ist!« Und, glauben Sie es mir, lieber Nachbar, meine Jenny ist nicht zu verschmähen, denn, jetzt wage ich es zu sagen, sie ist ein gutes, ein vortreffliches Kind, und wer der Mann auch sein möge, der sie zur Gattin haben wird, er kann gewiß sein, ein züchtiges und ehrbares Wesen in seine Arme zu schließen. . . Das werden Sie nicht sein, ich bedaure es. . . sprechen wir nicht mehr davon, und verzeihen Sie uns.

Indem er diese Worte sagte, reichte mir der Greis die Hand.

Ich fühlte, daß ich nicht die Kraft hatte, mein Geheimniß länger zu bewahren: mein Herz strömte über.

Ich ergriff die Hand des Pastors, und indem ich sie an meine Lippen drückte, sagte ich zu ihm:

– Ich bin es, mein Vater, der Sie bittet, mir zu verzeihen! Ich habe Sie hintergangen, ich habe gelogen, als ich Ihnen sagte, daß ich eine andere Frau liebte. . . Die Frau, welche ich liebe, ist Jenny, ist Ihre Tochter! und ich liebe sie in dem Grade, daß ich. ich sage es Ihnen, sterben würde, wenn Sie mir sie ausschlügen!

Die Mutter stieß einen Schrei aus und stand auf.

– O mein Gott! rief sie aus, was sagte er?

– Gut! sagte der Pastor, jetzt ist es wohl eine andere!. . . Meine Tochter ist es, welche Sie lieben, und Sie werden sterben, wenn wir sie Ihnen ausschlagen?

– O! dieses Mal lüge ich nicht. . . dieses Mal ist es wirklich die Wahrheit!

– Und Sie haben ihr während Ihres Spazierganges etwas über diese Veränderung gesagt?

– Etwas. . . ja. . . antwortete ich stammelnd.

– Und wie hat sie es aufgenommen?

– Sie hat gesagt, daß sie mich noch nicht liebte, aber daß sie nichts thun würde, um mich nicht zu lieben.

– O! Vater! Vater! rief Madame Smith aus, das ist Gottes Fügung!

– Nun, schweig Frau! Alles das ist sehr ernst. Indem er sich hierauf an mich wandte:

– Ihr Wort, mein lieber Bemrode, daß Sie Jenny keine Sylbe von dem Geständnisse sagen, das Sie uns gemacht haben…

– Aber, lieber Herr Smith . . .

– Ihr Wort. . .

– Ich gebe es Ihnen.

– Und jetzt ein Versprechen . . .

– Welches?

– Daß Sie acht Tage bleiben, ohne hierher zu kommen, ohne daß Sie Jenny zu sprechen suchen.

– Aber sie wird glauben, daß ich sie nicht mehr liebe!

– Ich erlaube Ihnen, ihr zu sagen, daß wir das von Ihnen verlangt haben.

– Aber den Grund einer so langen Abwesenheit nach alle dem. was ich ihr von meiner Liebe gesagt habe?

– Gut! so eben hatten Sie ihr nur Etwas davon gesagt!

– Verzeihung. . . Verzeihung. . . ich werde Alles thun. was Sie wollen . . .

– Still! da kommt Jenny!

In der That. ich hörte ihren Schritt sich nähern, und bald erschien sie wieder mit der Flasche in der Hand, welche den Grund zu ihrer Abwesenheit gegeben hatte, – eine Abwesenheit, während welcher so Vieles gesagt worden war!

– Dann gestehen Sie also, lieber Herr Bemrode, begann plötzlich Herr Smith wieder, daß Sie Locke Leibnitz vorziehen.

– Ich, stammelte ich ganz verblüfft, ich sage das nicht . . .

– Es ist also Leibnitz, den Sie Locke vorziehen?

– Ich sage das gleichfalls nicht. . .

– Man muß indessen für den einen oder für den andern sein, mein lieber Nachbar, fuhr Herr Smith fort, indem er sich über meine Verlegenheit belustigte.

– Es ist schwer, antwortete ich, zwischen zwei Männern zu wählen, von denen der eine der Weise, und der andere der Gelehrte genannt worden ist.

O! ich frage Sie nicht über ihren persönlichen Werth, sondern über die Moralität ihrer Systeme. Locke verwirft in seinem Versuche über den menschlichen Verstand die Hypothesen der angebornen Begriffe, betrachtet die Seele bei der Geburt wie einen leeren Tisch; erklärt alle unsere Begriffe durch die Erfahrung, aus welcher sie durch zwei Kanäle abstammen: die Empfindung und die Ueberlegung. Leibnitz behauptet dagegen, daß bei dem Menschen die Seele und der Körper nicht die eine ohne den anderen handelt, sondern daß zwischen diesen beiden Kräften eine so vollkommene Uebereinstimmung besteht, daß jede von ihnen, indem sie sich immerhin nach den Gesetzen entwickeln, die ihnen eigen sind, Veränderungen empfinden, welche genau den Veränderungen der anderen entsprechen. Das ist es, was er, wie Sie wissen, mein lieber Nachbar, die vorausbestimmte Uebereinstimmung nennt. Er sagt nicht allein mit der Schule: Nihil est in intellectu quin prius fuerit in sensu, sondern er fügt auch noch hinzu: Nisi ipse intellectus. – Fühlen Sie wohl den Werth dieses Nisi ipse intellectus?

Ich verstand, besonders in diesem Augenblicke, mein lieber Petrus, den Werth davon so gut, daß zwischen dem Pastor Smith und mir über den Materialismus und den Fatalismus Lockes, und über den Spiritualismus Leibnitz eine Erörterung entstand, die bis zu dem Ende des Mittagessens dauerte, und die Jenny alle Freiheit gewährte, an Alles zu denken, was sie wollte.

Außerdem, obgleich wir die Flasche Cläret geleert hatten, vergaß man dennoch, die Gesundheit der zukünftigen Gattin des Pastors Bemrode auszubringen.

Nach dem Mittagessen, während Herr Smith seine Mittagsruhe hielt, oder das Ansehen hatte sie zu halten, und Madame Smith die Haushaltung besorgte, näherte ich mich Jenny.

Sie schien mir ein wenig zu schmollen. Ohne Zweifel hatte sie gefunden, daß es den Geist sehr frei zu haben hieße, so in ihrer Gegenwart von Philosophie zu sprechen.

– Liebe Jenny, flüsterte ich leise, erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß es etwas giert, das ich wohl zu sehen wünschte, und das Sie vergessen haben, mir zu zeigen.

– Was? fragte Jenny.

– Dieses kleine Zimmer mit weißen Vorhängen, mit Möbeln von Zitz mit Rosen. . . Glauben Sie denn, daß ich nicht neugierig bin. dieses Heiligthum in allen seinen Umständen zu sehen, in welchem Sie zu Gott beten, der Sie so schön, so gut, so liebend gemacht hat, und das für mein Glück. . . wie ich hoffe. . .

– Lieber Nachbar, sagte sie zu mir, ich dachte, daß Sie, der Sie so Vieles wissen, auch wüßten, daß die Schwelle von dem Zimmer eines jungen Mädchens von keinem Manne überschritten werden darf, es sei denn, daß dieser Mann der Bruder oder der Verlobte derer wäre, die er besucht.

– Nun denn! haben Sie mir nicht gesagt, daß Sie mich bereits wie einen Bruder liebten, und daß Sie sich nicht gegen Ihr Herz vertheidigen würden, wenn es demselben einfiele, mich aus eine andere Weise zu lieben? Bedenken Sie, liebe Jenny, daß ich acht Tage, acht lange Tage zubringen werde, ohne Sie zu sehen, wenn es nicht mit diesem glücklichen Fernrohre geschieht, das leider zu ungenügend ist, seitdem ich Sie in der Nähe gesehen und seitdem ich Sie gesprochen habe!

– Acht Tage ohne uns zu besuchen? antwortete mir Jenny, indem sie ihre schönen Augen erstaunt auf mich heftete. Warum das?

– Weil Ihr Vater es mich hat versprechen lassen.

– Zu welchem Zwecke?

– Fragen Sie Ihn darum. Jenny, und trachten Sie, daß er mir mein Wort zurückgiebt, denn, acht Tage ohne Sie zu sprechen, ich versichere es Ihnen, das wird sehr lange sein!. . . Deshalb, theure Jenny, möchte ich Sie sehen, nicht allein, wenn Sie an Ihrem Fenster sein werden, – denn Sie werden zuweilen an ihm erscheinen, nicht wahr? – deshalb sage ich, möchte ich Sie nicht allein mit den Augen des Körpers, sondern auch, wenn dieses Fenster geschlossen sein wird, mit den Augen der Seele sehen. . . .

– Es sei, sagte sie, aber mit der Erlaubniß meiner Mutter.

Und indem sie sich der guten Frau näherte, welche auf den Fußzehen wieder eintrat, um Herrn Smith nicht zu wecken, der vielleicht nicht schlief, sagte sie leise einige Worte zu ihr. auf welche Madame Smith laut, und indem sie die Augen gen Himmel erhob, antwortete:

– Thue es, mein Kind, thue es. . . Hat Dein Vater, der die Weisheit selbst ist, nicht heute Morgen gesagt: »Was in den Rathschlüssen Gottes liegt, wird sich immer erfüllen. möge der Mensch sich nun darein mischen oder sich nicht darein mischen?«

Und sie küßte Jenny auf die Stirn.

Diese näherte sich mir und sagte:

– Kommen Sie, da Sie das Zimmer Ihrer Schwester zu sehen wünschen, so wird Ihre Schwester es Ihnen zeigen.

Ich folgte Jenny; aber beim Hinausgehen schien es mir, als ob der Pastor Smith ein Auge aufgeschlagen und mit diesem Auge einen Blick mit den beiden Augen der Madame Smith ausgewechselt hätte.

IV.
Das Ende meines Romans

Dieses Zimmer war wirklich das, welches ich aus der Ferne flüchtig gesehen hatte, und das ich geträumt haben würde, selbst wenn ich es nicht flüchtig gesehen hätte. – ein wahres Schwanennest.

Ich begrüßte nach einander alle die Gegenstände, mit denen es möblirt war: die Vorhänge von Zitz mit Rosen, die Vasen von weißem und blauem Porcellan.

Ich küßte die Vorhänge des Bettes.

Jenny blickte mich halb vergnügt, halb lächelnd an; ich war der erste Mann, der jemals ihr Zimmer betreten hatte.

Das Fenster stand offen, um die rothen Flammen einer schönen untergehenden Sonne einzulassen, die bis in den Hintergrund des Zimmers drang, und in einem Spiegel, den sie zu zerbrechen schien, ihren Lichtstrahl in’s Unendliche verlängerte.

Das junge Mädchen stellte sich an das Fenster und erforschte, ohne etwas zu sagen, den Horizont. Der Horizont war das Dorf Ashbourn.

Unter allen diesen fernen Fenstern, welche Jenny neugieriger Weise erforschte, erkannte ich das Fenster meines kleinen Zimmers, welches, wie das Jenny’s, offen stand. Obgleich sie mich nicht darum gefragt hatte, sagte ich dennoch zu ihr, indem ich die Hand ausstreckte:

– Dieses da ist es, das, welches ganz mit Weinreben bedeckt ist.

Sie lächelte.

– Es ist sehr weit für die, sagte sie, welche kein Fernrohr haben.

– Ich würde Ihnen wohl das meinige senden, Jenny, aber ich würde in Wahrheit zu viel dabei verlieren.

– O! es liegt nichts daran, ich habe vortreffliche Augen, und ich werde es wohl sehen, wenn Sie an Ihrem Fenster sein werden.

– Jenny, seit fünf Tagen bin ich fast nur dort, und während der acht Tage, wo es mir verboten ist, hierher zu kommen, werde ich fast nirgends anders sein.

– Ich werde es wohl sehen, sagte Jenny.

– Dann, theure Geliebte, rief ich aus, werden Sie selbst hier sein?. . .

– Ist es nicht das Zimmer, das ich bewohne? sagte sie. . . es sei denn, daß meine Mutter mich ein zweites Mal nach Chesterfield führt, um mir dort eine zweite Toilette machen zu lassen.

– O! für solche, Jenny, wird es hoffentlich nicht nöthig sein nach Chesterfield zu gehen, um sie zu bestellen: man findet überall ein weißes Kleid und einen Myrtheukranz.

– Still, mein Herr Bruder! sagte Jenny, Sie sprechen von unserer Verheirathung, als ob ich bereits meine Einwilligung dazu gegeben hätte…

– Es ist wahr, sagte ich zu ihr, ich vergaß, daß ich erst in acht Tagen das Recht habe, etwas zu verlangen.

– Und sind Sie denn so sicher, daß man es Ihnen in acht Tagen bewilligen wird?

– Jenny, sagte ich in einem bittenden Tone und mit einem flehenden Blicke zu ihr, ich hoffe es!

– Und da die Hoffnung eine der drei göttlichen Tugenden ist, so will ich sie Ihnen nicht rauben.

– O! Jenny, Jenny! rief ich aus, indem ich ihre Hand ergriff, wie gut Sie sind und wie sehr ich Sie liebe.

Indem Jenny ihre Hand zurückzog, legte sie den Zeigefinger auf ihre Lippen.

– Still! mein Herr Bruder: dieses Zimmer darf solche Worte nicht hören, und da ich glaube, daß Sie nicht für sich bürgen würden, so wollen wir, wenn es Ihnen gefällig ist, wieder in den Salon hinuntergehen. Außerdem wird es spät; Sie haben Ihre Pfarrkinder seit heute Morgen nicht gesehen, und irgend eines unter ihnen kann Sie nöthig haben.

Was Jenny sagte, war wahr; ich hatte mich weit über die Stunde hinaus vergessen, bis zu welcher ich in Wirksworth bleiben durfte. Ich stieß einen Seufzer aus, sagte jedem der Möbeln dieses kleinen Zimmers mit den Augen und mit dem Herzen: Auf Wiedersehen! und ging hinab.

Der Pastor hatte seine Mittagsruhe, und Madame Smith die Besorgung ihrer Haushaltung beendigt; alle Beide erwarteten mich in dem Salon.

Es war augenscheinlich, daß sie, wie ihre Tochter, meinten, daß die Stunde gekommen wäre, mich zu entfernen. Außerdem giebt es selbst mitten in dem Glücke Momente, in denen der Mensch das Bedürfniß empfindet, mit seinen Gedanken allein zu sein. Ich nahm Abschied von ihnen, indem ich sie umarmte; ich küßte Jenny die Hand. Herr und Madame Smith begleiteten mich bis an die Thür, und grüßten mich mit den Worten.

– In acht Tagen!

Ich suchte mit den Augen Jenny, um auch ihr, wo nicht mit der Stimme, doch wenigstens mit den Augen zu sagen: »In acht Tagen!« aber sie war verschwunden.

Mein erstes Gefühl war ein Bedauern, fast eine Anklage. Wir trennten uns für acht Tage, und Jenny blieb nicht bis zum Augenblicke des Aufbruchs bei mir!

Was hatte sie denn Dringenderes zu thun, als Abschied von mir zu nehmen?

Ich stieß einen schweren Seufzer aus und murmelte leise:

– O! Jenny! Jenny! warum Deiner Abwesenheit, wäre es auch nur eine Minute, wäre es auch nur eine Secunde hinzufügen? Eine Minute der Wonne ist so kostbar! eine Secunde des Glückes ist so selten!

Plötzlich schlug ich mich vor die Stirn; meine Brust erweiterte sich; das Lächeln kehrte auf meine Lippen zurück, und ich beeilte den Schritt. Ich hatte Eile, mich zu entfernen, ich hatte Eile, um die Ecke des Hauses zu gehen und mich wieder auf der Heerstraße zu befinden.

Ich hatte eine Hoffnung gefaßt!

Jenny hatte mich verlassen, um wieder in ihr Zimmer hinaufzugehen; Jenny mußte an ihrem Fenster sein.

O! wie mein Herz klopfte, als mein Kopf sich umwandte! . . . Wenn sie nicht dort sein sollte?

Aber sie war Gott sei Dank dort.

Ich machte eine solche Bewegung der Freude, ich streckte die beiden Arme mit so viel Feuer nach ihr aus, daß sie zurückwich.

Ich blieb bittend und mit gefalteten Händen auf derselben Stelle.

Sie näherte sich allmälig wieder.

Die Sonne ging vollends unter; ihr letzter Strahl fiel gerade auf Jenny, indem er ihr eine feurige Strahlenkrone bildete, und sie mit Gold bekleidete.

.Sie selbst ahnete nicht, wie schön sie auf diese Weise war. – Man hätte sie für eine jener Jungfrauen der katholischen Kirchen halten können, wie deren die italienischen Maler des sechzehnten Jahrhunderts nach dem Abendlande sandten.

Jenny gab mir lächelnd einen Wink, meinen Weg fortzusetzen. Ohne diesen Wink wäre ich dort geblieben, indem ich die ganze Welt in der Beschallung ihres lieblichen Gesichts vergaß.

Ich wanderte weiter; aber man hätte sagen können, daß ich, wie der Gott Merkur, Flügel an den Fersen hätte, nur daß diese Flügel mich zurückzögen.

Die Sonne ging unter; dann kam Dämmerung, hierauf die Nacht. So lange als ich Jenny an ihrem Fenster erblicken konnte, wandte ich mich um; sogar noch lange nachdem Alles in dem grauen Scheine der ersten Finsterniß verschwunden war. wandte ich mich noch um.

Ich sah sie nicht mehr, aber ich errieth sie.

Es war an einem jener warmen Abende der ersten Julitage, an denen man so zu sagen das Herz der Natur klopfen fühlt; an denen Alles in der Schöpfung singt, das Rothkehlchen in dem Gebüsche, die Heuschrecke auf ihrer Aehre, die Grille in dem Grase.

Und auch ich hatte einen Vogel in dem Herzen, der sein Jubellied sang; dieser Vogel nannte sich das Glück.

Ich weiß nicht, ob Sie jemals solche Augenblicke gehabt haben, mein lieber Petrus, aber dann gelangt man zu dem Glauben, der Schmerz sei für ewig von der Erde verbannt, und es gebe keine Leiden.

Ich kehrte in mein Pfarrhaus zurück. O! dieses Mal war es nicht mehr leer, nicht einmal mehr dunkel: es schritt mir ein liebliches Phantom voraus, das es bevölkerte und erleuchtete.

Es schritt lustig die Stufen der Treppe hinauf, die nach meinem Zimmer führte; ich folgte ihm in dasselbe, dann schien es mir durch das Fenster davon zu fliegen, und an seiner Stelle sah ich an dem Horizonte ein Licht, einen funkelnden, in der Nacht leuchtenden Stern, dem ich. ein neuer Copernicus, ein neuer Galilei, ein neuer Newton, den süßen Namen Jenny gab.

Nun sah ich ein, daß ich sie sah. und daß sie mich nicht sähe; ich zündete nun auch eine Wachskerze an, und sah auf der Stelle meinen Stern sich bewegen. Es schien mir, daß sie einen Namenszug in der Nacht beschrieb; ich antwortete ihr dadurch, daß ich durch flüchtige Lichtfurchen die ersten Buchstaben unserer beiden Taufnamen mit einander verschlang; nun schien mein Stern sich in den Himmel zu erheben und erlosch, – ein Symbol des Glaubens, der zu Gott aufsteigt!

Mein lieber Petrus, ich will Ihnen die Geschichte dieser acht Tage nicht entwerfen; das hieße alles das von Neuem anfangen, was ich ihnen bereits erzählt habe, nochmals das zu sagen, was ich Ihnen gesagt habe. Am Morgen erwartete das gerichtete Fernrohr die Erscheinung Jenny’s und da sie weit eher errieth. daß ich dort wäre, als sie mich sah. so schwenkte sie ihr weißes Taschentuch, ein jungfräulicher Gruß, der mich gegen das Vergessen beruhigte! Am Abend erleuchtete sich unser Himmel, und wie Vieles wir uns mit der Bewegung unserer Lichter sagten!

Ich glaubte, daß diese acht Tage niemals endigen würden, und dennoch zögere ich nicht zu sagen, daß es die süßesten, die zärtlichsten, die geheimnißvollsten acht Tage sind, die ich gelebt habe. Während dieser acht Tage, ich bemerkte es, mein lieber Petrus, starb Niemand in meiner Gemeinde, zwei Kinder wurden geboren, zwei Brautpaare heiratheten sich.

Man hätte sagen können, daß mein Glück sich über diese ganze kleine Welt erstreckte, zu deren Pastor mich die Vorsehung gemacht hatte.

Mit welcher Freude, welcher Dankbarkeit und welchem Vertrauen zu Gott ich alle meine während dieser Periode mir so leicht gewordenen geistlichen Amtsverrichtungen versah! wie ich mit freudigen Worten das Leben dieser Kinder eröffnete, die ich zu Christen machte! wie lange und glückliche Tage ich diesen Verlobten verhieß, die ich zu Gatten machte!

Endlich verflossen die acht Tage; es waren nur noch Stunden und eine Nacht, die mich von dem Augenblicke trennten, an welchem Jenny’s Thür mir wieder offen stehen würde.

Dann erschien der Tag. und es waren nur noch Minuten.

Mit der Morgendämmerung hatte ich mich auf den Weg begeben; als ich es aber fünf Uhr auf dem Thurm von Ashbourn schlagen hörte, kehrte ich wieder nach Haus zurück, wie Sie wohl begreifen werden.

Nun spielte das Fernrohr seine Rolle; aber sei es nun, daß Jenny nicht aufgestanden war, oder daß sie mir an diesem Tage zuviel zu sagen hatte, sie machte ihr Fenster nicht auf, und sogar die Vorhänge blieben fest verschlossen.

Ich wartete bis um sieben Uhr. – Was wollte diese Abwesenheit sagen, eine zuverlässig freiwillige Abwesenheit? War es, damit die Besorgniß meinen Besuch beschleunigte?

Ich legte es so aus. und ich begab mich auf den Weg.

Während dieser zwei langen Meilen wandten sich meine Augen keinen Augenblick, keine Secunde lang von meinem Ziele ab! Dieses verschleierte Fenster hörte nicht aus, mein Horizont zu sein; oft sah ich es nur noch durch eine Wolke, so hartnäckig war die Stetigkeit meines Blickes.

Nicht einen Augenblick lang sah ich Jenny erscheinen. Nur schien es mir ein Mal, ein einziges Mal, den Vorhang zittern zu sehen, wie als ob er, leicht zur Seite geschoben, wieder zurückgefallen wäre.

Ich beschleunigte den Schritt. Mein Herz klopfte mit einer solchen Gewalt, daß ich es schlagen hörte. – Endlich wandte ich mich um die Ecke des Hauses; endlich erreichte ich die Thür, und streckte meine zitternde Hand aus, um zu klopfen. . .

Nun ging die Thür von selbst auf, und der Pastor Smith und seine Frau erschienen lächelnd auf der Schwelle.

Meine Freude war so groß, daß ich stehen blieb, indem ich durch meinen ganzen Körper etwas wie einen Schwindel fühlte.

Ich wollte sprechen, meine Stimme erstarb auf meinen Lippen.

Der Pastor sah, was in mir vorging.

– Sei willkommen, mein Sohn, sagte er. Deine Mutter und ich erwarteten Dich auf der Schwelle dieser Thür, um Dich zu Deiner Braut zu führen.

Ich stieß einen Freudenschrei aus, und da ich in dem Hintergrunde der Hausflur Jenny schüchtern und erröthend erblickte, schob ich sie alle Beide zur Seite, und auf sie zuschreitend, sank ich ohne Stimme und fast ohne Bewußtsein zu ihren Füßen.

Sie neigte sich zu mir. und indem sie mich wieder aufhob, reichte sie mir, selbst zu erschüttert, um mir ein Wort zu sagen, ihre Stirn zum Kusse.

Endlich fand ich die Stimme wieder, und rief aus dem Grunde meiner Seele aus:

– Sei gepriesen, allmächtiger Gott, für die Gnade, die Du mir erzeigst!

Einen Monat nachher heirathete ich Jenny.

V.
Der Ansang meiner Geschichte

Es giebt in dem Leben jedes Menschen eine Stunde höchster Freude, in welcher er, da er fühlt, daß Gott ihm nicht mehr bewilligen kann, ihn bittet, nicht mehr, daß er das Glück ihm nähere, sondern daß er das Mißgeschick von ihm entferne.

Das war das Gebet, welches ich an den Allmächtigen an dem Tage richtete, an welchem ich meine Jenny zur Kirche führte.

Der würdige Pastor traute uns selbst, und er nahm zu der Rede, die er uns hielt, denselben Text, den ich fünf Wochen vorher zum Texte meiner Predigt genommen hatte: »Und der Herr sagte zu Rahel: Du sollst Deinen Vater und Deine Mutter verlassen, um Deinem Gatten zu folgen.«

Vielleicht wäre die Stimme des guten Pastors weniger sanft gerührt gewesen, wenn diese Trennung, auf welche er anspielte, erheblicher gewesen wäre. Diese Trennung, von der wir bedroht waren, war in der That keine große, da, wenn diese Trennung zu schmerzlich wurde, drei Viertelstunden Weges hinreichten, um sie aufhören zu lassen.

Ich kehrte als Sohn in dieses Pfarrhaus zurück, in welchem ich als Freund aufgenommen worden war; ich kehrte als Gatte in dieses jungfräuliche Zimmer zurück, in welches ich als Bruder eingetreten war.

Es war verabredet, daß am folgenden Tage an mir die Reihe sein sollte, meine geliebte Jenny in meinem Hause zu empfangen. Seitdem unsere Verheirathung beschlossen worden war, bereitete ich diesen Empfang vor. Ich hatte meiner Frau dieses reizende, der Sonne geöffnete und auf das Feld gehende kleine Zimmer bestimmt, aus dem ich, bevor ich sie kannte, mein Arbeitszimmer gemacht, und von dessen Fenster aus ich sie zum ersten Male erblickt hatte. Als diese Bestimmung getroffen, faßte ich den Entschluß, dieses kleine Zimmer ihrer würdig zu machen, und indem ich alles das zu Hilfe rief, was mich mein armer Vater vom Zeichnen hatte lehren können, unternahm ich es, dieses Zimmer in Fresko nach der Weise der französischen Maler, das heißt mit Blumenguirlanden und mit Früchten, Altären für den Gott der Ehe, girrenden Tauben, kurz mit allen den Sinnbildern auszumalen, welche auf die Lage anwendbar waren.

Dieses Unternehmen war keine geringe Aufgabe für mich und die Arbeit war lang und schwierig gewesen; glücklicher Weise hatte ich, da ich mit Wasserfarben und nach der Art der Theatermaler malte, des Nachts malen können; den Tag widmete ich gänzlich meinen Pflichten als Pastor und meinen Besuchen bei Jenny. Nur ereignete es sich zuweilen, daß ich, nachdem ich einen Theil der Nacht über gemalt und mich vollkommen zufrieden mit meiner Arbeit zu Bett gelegt hatte, am folgenden Morgen beim Erwachen bemerkte, daß ich grün für blau, gelb für weiß, und umgekehrt angewendet hatte: dann mußte ich Alles von Neuem anfangen; aber ich fing wieder an, um eine Arbeit zu ihrer Vollkommenheit zu bringen, die ich für Jenny unternommen hatte, und das unterstützte mich bei diesem langwierigen, aber reizenden Werke.

Am Abend vor unserer Verheirathung hatte ich die letzte Hand an den Altar des Gottes Hymen und an zwei Tauben gelegt, welche lustig darüber spielten; ich hatte meinen Blumen und Früchten den letzten Pinselstrich gegeben, und sehr zufrieden mit mir, hatte ich mir im Voraus eine Freude aus der Ueberraschung und der Dankbarkeit meiner theueren Jenny gemacht, wenn sie ein Talent an mir entdecken würde, das sie nicht an mir kannte, und sähe, daß ich dieses Talent dem Verlangen gewidmet hätte, ihr ein Vergnügen zu machen.

Der übrige Theil der Möbeln war in Nottingham angefertigt worden; sie bestanden aus einem hübschen Kanapee von geflochtenem Rohr mit weißem Barchent überzogen, aus zwei Sesseln von geblümtem Zeug, und einer kleinen nach der des Schlafzimmers von Wirksworth gearbeiteten Toilette.

Was den Fußboden anbelangt, so war er von Tannenholz, dessen beständige Sauberkeit man mit einer Lage Sand erhalten konnte.

Ich muß sagen, daß ich. da ich noch nicht das erste Vierteljahr meines Gehaltes bezogen hatte, um alle meine Einkäufe zu machen, gezwungen gewesen war, meine Zuflucht zu der Gefälligkeit meines Wirthes, des Kupferschmiedes, zu nehmen, der den herzlichsten Antheil an dem mir begegneten Glücke genommen, und der auf der Stelle seine Kasse zu meiner Verfügung gestellt hatte. Wie Sie wohl begreifen werden, mein lieber Petrus, hatte ich sein Vertrauen nicht mißbraucht, und mit sechs Guineen die unentbehrlichsten Ankäufe bestritten.

Aber ich habe Ihnen versprochen, mich so zu schildern, wie ich war, mein lieber Petrus. Ich weiß nicht, welche falsche Scham mich in dem Augenblicke meiner Verheirathung zurückhielt; ich wagte nicht, den wackeren Mann zu der Hochzeit einzuladen, eine Unterlassung, von der er gegen mich niemals sprach, und die er in seiner bewunderungswürdigen Bescheidenheit ohne Zweifel ganz natürlich fand.

Dem war nicht eben so mit mir; mehr als ein Mal warf ich mir diese Unterlassung vor, ohne den Muth zu haben sie wieder gut zu machen.

Das Haus war also bereit, seine neue Wirthin zu empfangen. Seit acht Tagen putzte die Tochter des Magisters die Möbeln, scheuerte das kupferne Küchengeschirr und stäubte die Vorhänge ab. Man hatte Blumen in alle Töpfe und alle Flaschen gestellt, und die von der Morgendämmerung an geöffneten Fenster hatten bis in die dunkelsten Winkel Lust, Licht und Wohlgerüche dringen lassen.

Wir umarmten den guten Herrn Smith und seine Frau; hierauf entschlüpften wir auf den Hof, um Abschied von unseren Hühnern, unseren Enten und unseren Tauben zu nehmen; wir gaben Fidel die Freiheit, um aus ihm den Gefährten unseres Weges und den Zeugen unseres Glückes zu machen; wir erreichten den Garten; Jenny gab den Rosen. ihren Schwestern, den Abschiedskuß, und es schien mir. daß die schmeichelnden Blumen eben so viel Raum zurücklegten, um ihren Lippen entgegenzukommen, als ihre Lippen, um sie zu finden; nach ihr küßte ich gleichfalls die, welche ihr Mund berührt hatte. Auf diese Weise gelangten wir an das Ende des Gartens. Das Schwarzköpfchen befand sich in seinem Dickicht mit seiner geflügelten Familie, fünf Jungen, die mit den Flügeln schlugen und von Zweig zu Zweig um ihre Mutter herumhüpften. Hierauf gingen wir auf die Wiese; wir schlugen denselben Weg ein, den wir fünf Wochen vorher eingeschlagen hatten; ich erkannte an dem Fuße der großen Weide die Stelle, wo ich Jenny gesagt hatte, daß ich sie liebte; ich führte sie an denselben Ort, wo ich ihr dieses Geständnis; abgelegt; ich sank von Neuem vor ihr auf die Knie; nur war es dieses Mal nicht mehr ein Geständniß. das meinem Munde entschlüpfte: es war ein Schwur, der Schwur sie immer zu lieben, der aus meinem Herzen kam!

Bevorrechtigte, wie wir waren, legten wir auf diese Weise den fröhlichen Weg des Glückes wieder zurück, den man so selten wieder zurücklegt, und auf diesem Weg fanden wir jene Spur wieder, die so schnell verschwindet, – die Schritte des glücklichen Menschen.

Im Garten hatte ich die Blumen geküßt, welche der Mund Jenny’s berührt hatte; dort küßte ich die Erde, die ihr Fuß betreten hatte.

Nun gingen wir über eine zitternde, über den kleinen Bach geworfene Brücke, von der einen Seite der Wiese auf die andere, um die Straße wieder zu erreichen, auf welche wir gelangten, nachdem wir die Runde um das Haus gemacht.

Wir schritten vergnügt nebeneinander, Jenny’s Arm aus den meinigen gestützt, als das Rollen eines Wagens, de r hinter uns kam, unsere Aufmerksamkeit auf sich zog. Wir traten zur Seite, um diesen Wagen zu vermeiden, aber bei uns angelangt hielt er, und zwei aus demselben Schlage hervorgestreckte Köpfe sprachen, der eine den Namen Jenny, der andere den Mademoiselle Smith aus.

Ich kannte keinen von ihnen, aber Jenny kannte sie Beide. Es waren ein Mann und eine Frau.

Die junge Frau war dieselbe Demoiselle Rogers, noch deren Kleidern Madame Smith sich gerichtet hatte, um Jenny jenes Kostüm machen zu lassen, das unser kaum aufblühendes Glück beinahe zerstört hätte.

Der vierzigjährige Mann war Herr Stiff, der Haushofmeister des Grafen von Alton.

Die junge Frau hatte in ihrer ganzen Person etwas Steifes, Geziertes und Hochmüthiges.

Der vierzigjährige Mann bot auf den ersten Blick alle Abstufungen der Albernheit und der Einfalt, von der feinsten bis zur gröbsten.

Beide hatten Jenny erkannt und den Wagen halten lassen, um sie, nicht aus Freundschaft, sondern aus Stolz zu grüßen; es war augenscheinlich, daß sie sich freuten, den demüthigen Fußgängern den glänzenden Wagen zeigen zu können, in welchem sie reisten. Unglücklicher Weise deutete eine an den Schlag gemalte Grafenkrone an, daß der Herr Haushofmeister sich in dem Wagen seines Herrn brüstete. Ohne Zweifel hatten sie gehofft, daß wir diesen Umstand nicht bemerken würden, und. ich muß es sagen, ich bemerkte ihn in der That allein; Jenny achtete nicht darauf.

Man machte den Schlag auf.

– O! Sie sind es, liebe Kleine, sagte die junge Frau. Wie ich mich freue. Sie zu sehen! Kommen Sie doch, mich zu umarmen!

Jenny näherte sich, stieg auf den Kutschentritt, den ein Livree-Bediente herabschlug, und Madame Stiff berührte mit den Spitzen ihrer Lippen Jenny’s Stirn.

Durch einen ziemlich sonderbaren Zufall hatten sie sich nicht allein an demselben Tage, sondern auch zu derselben Stunde verheirathet, wie wir. Mademoiselle Rogers nannte sich seit vorigem Tage Madame Stiff.

Die Erklärung fand gerade in diesem Augenblicke statt, und wir erfuhren auf diese Weise das Zusammentreffen in unseren Geschicken.

– Ich hoffe, sagte Madame Stiff, daß Ihnen das Glück bringen wird, meine Schöne . . . Aber stellen Sie Ihren Gatten doch Herrn Stiff vor.

Ich trat vor und machte mit dem Kopfe und dem Hute in der Hand die in einem solchen Falle von der strengsten Höflichkeit vorgeschriebenen Bewegungen. Herr und Madame Stiff hatten ihren Eindruck nicht verfehlt, und bei dem ersten Male hatten sie das Glück, mir gräßlich zu mißfallen.

Während ich mich verneigte, machte die junge Frau die Herzählung der Namen und Titel ihres Gatten.

– Herr Adam Leonhard Stiff. sagte sie, erster Haushofmeister des Herrn Grafen Noël von Alton. Pair von England. Hierauf sagte sie leise und so, daß ich es hörte:

– Und Ihr Gatte, liebe Kleine, welches Gewerbe treibt er?

– Madame, sagte ich, ohne Jenny Zeit zu lassen zu antworten, ich habe die Ehre, der Pastor der Gemeinde von Ashbourn zu sein.

– Ah! Bravo! äußerte Herr Stiff, das ist gerade unsere Pfarre und Sie werden uns den Gottesdienst auf dem Schlosse halten, mein guter Freund.

Ich war wüthend; ich hatte keinen Grund, mich wenigstens durch meine persönlichen Gefühle für den guten Freund des Herrn Stiff zu halten. Diese Vertraulichkeit verletzte mich, und vielleicht würde ich auf eine barsche Weise auf diese alberne Aeußerung geantwortet haben, als Madame Stiff mir in die Rede fiel, indem sie zu Jenny sagte:

– Stellen Sie sich vor, meine Liebe, daß, als meine Kleidermacherin mir gesagt hat, daß sie Ihrer Mutter eines meiner Muster gegeben hätte, ich geglaubt habe, daß ich Ihnen Glück zu wünschen haben würde und daß Sie irgend einen Baronet oder irgend einen reichen Mann heiratheten, ,– denn, Sie werden es zugeben, ich konnte mir eben nicht denken, daß eine solche Toilette die Ehren Ihrer Person für einen armen Dorfpastor machen sollte. Ich sehe daher auch mit Vergnügen, daß Sie zu Ihrer einfachen Tracht zurückgekehrt sind, die Ihnen außerdem so gut steht . . . Ist es nicht wahr, Herr Stiff. daß Mademoiselle Smith in einem einfachen weißen Kleide, mit diesem großen Strohhute und diesem blauen Bande, reizend ist?

– Reizend, das ist der richtige Ausdruck, äußerte Herr Stiff, indem er seine fünf Finger an den Mund hielt und ein leises Schnalzen mit den Lippen hören ließ.

– Madame, sagte Jenny, ohne daß sie die ungebührllche Zustimmung des Herrn Stiff zu bemerken schien, ich nehme von Ihrer Güte den Glückwunsch in Anspruch, den Sie mir zu machen gedachten; denn, obgleich ich weder einen Baronet, noch einen reichen Mann heirathe, so heirathe ich doch einen Mann, den ich liebe. . . Unsere Heirath ist weder eine Convenienzheirath, noch eine Vernunftheirath: sie ist eine Heirath aus Liebe.

– Sehr schön! sagte Herr Stiff, nichts rührt mich auf der Welt mehr, als diese Arten von Verbindungen; man sagt, daß sie selten glücklich sind; aber ich hoffe, mein lieber Herr, daß die Vorsehung eine Ausnahme zu Ihren Gunsten machen wird . . . Was uns anbetrifft, so ist unsere Heirath nicht ganz eine Heirath aus Liebe, – nicht wahr, Madame Stiff? – es ist eine Heirath . . . aus Achtung . . . Ich habe wahrlich den richtigen Ausdruck gefunden. Wir sind daher auch, fügte er lachend hinzu, bereits ruhig wie zwei alte Eheleute, während, als wir Sie aus der Ferne auf der Straße gehen sahen, Madame Stiff und ich uns fragten, wer die beiden Turteltauben wären, die wir einzuholen im Begriffe standen. . . Ah! ein Einfall, Madame Stiff!

– Welchen, mein Herr? fragte die junge Frau.

– Alle vier gestern zu derselben Stunde verheirathet, das ist eine Begebenheit, die sich vielleicht in zwanzig Jahren, in hundert Jahren, vielleicht niemals wiederholen wird. . . Sie verdient daher auch gefeiert zu werden. Wir nehmen Mademoiselle Smith und ihren Gatten mit auf das Schloß. und bringen einen Theil des Tages mit einander zu. – Ja! Madame Stiff. was sagen Sie dazu?

– Ach! mein Herr, rief ich rasch aus. das ist unmöglich!

– Nicht doch, nicht doch, wenn das Madame Stiff gefällt.

– Ei zuverlässig, mein Herr, und wenn unsere jungen Nachbarn uns das Vergnügen erzeigen wollen . . .

– Ach! was sagen Sie? ob sie wollen? rief Herr Stiff halb spaßend, halb ernsthaft aus, ich möchte einmal sehen, ob sie es ausschlügen!

– Madame, sagte Jenny, ich glaube in Wahrheit, daß es Ihre Güte mißbrauchen hieße. . .

– Mein Herr, unterbrach ich sie, ich habe bereits die Ehre gehabt, Ihnen zu sagen . . .

– Still! äußerte der Haushofmeister: sobald Madame Süss das gefällig ist, so werden Sie wohl begreifen, daß das sein muß. Ich spreche im Namen des Herrn Grafen, und ich sage Ihnen: »Mein lieber Pastor, ich nehme keine Entschuldigungen an . . . ich will!« Ah! was antworten Sie darauf?

Leider hatte er Recht, mein lieber Petrus; ich hätte antworten müssen: »Sie wollen? Wohlan! ich will nicht, weil Sie ein einfältiger Mensch, ein Geck, ein Unverschämter sind!« Und das hieß, mich nicht mit einem mächtigen Manne, sondern mit dem Bedienten eines mächtigen Mannes entzweien, was noch weit schlimmer war. . .

Außerdem hatte Jenny bei dem Worte: »Ich will« die Röthe auf meine Stirn steigen sehen, und sogleich sagte sie, indem sie meinen Arm ergriff, den sie sanft und zärtlich drückte:

– Mein Freund, da Herr und Madame Smith uns auf eine so artige Weise einladen, ihnen einen Besuch abzustatten, so laß uns die Ehre annehmen, die sie so gütig sind uns zu bewilligen . . . Nur werden wir unsern edlen Wirth gegen Mittag oder Ein Uhr um unsere Freiheit bitten; auch wir richten uns ein, und wir haben tausend, wenigstens für uns wichtige Dinge in unserm armen kleinen Hause einzurichten.

– Nun denn! so ist es vortrefflich! sagte Herr Stiff; Sie werden frei sein, sobald Sie es wünschen. Was uns anbetrifft, so ist glücklicher Weise Alles im Voraus eingerichtet; da Madame Stiff mich im Voraus benachrichtigt hat, daß sie einen Abscheu vor alle dem hätte, was die Haushaltung anbeträfe, so habe ich einen Tapezierer und zwei Bedienten gesandt, so daß ich hoffe, daß kein Nagel an unserer Wohnung fehlen wird. Im entgegengesetzten Falle, und wenn ich mich unglücklicher Weise irre, so werden die Schelme mit mir zu thun haben! – Jetzt, wo das abgemacht ist, und wo Sie, wie ich vermuthe, keine Einrede mehr zu machen haben, so steigen Sie ein, liebe Demoiselle Smith, steigen Sie ein. lieber Pastor . . . Entschuldigen Sie mich, Demoiselle Smith, wenn ich Ihnen nicht den Platz neben meiner Frau gebe; es macht mich unwohl, rückwärts zu fahren.

Bei dieser neuen Unschicklichkeit stand ich auf dem Punkte auszubrechen, aber mein Blick begegnete dem Jenny’s. und der Blitz, den er im Begriffe stand zu schleudern, erlosch bei ihrem Lächeln.

Jenny stieg zuerst ein, setzte sich mit bescheidener Miene auf den vorderen Sitz und ich setzte mich neben sie, indem ich leise flüsterte:

– Mein Gott! verleihe mir Geduld und Demuth, diese beiden erhabenen Tugenden, ohne welche es kein wahrhaft christliches Herz giebt!

An dem Thore des Schlosses machte ich einen letzten Versuch, um weiter zu gehen und Abschied von dem Herrn Haushofmeister und der Frau Haushofmeisterin zu nehmen, aber sie waren zuverlässig entschlossen, daß wir nicht damit davon kamen, ihren Wagen zu bewundern, und daß wir auch noch ihre Wohnung bewundern sollten.

Wir mußten nachgeben.

Madame Stiff ging hurtig, und ohne sich umzuwenden, die sechs Stufen der Freitreppe hinauf, und trat zuerst ein.

Was Herrn Stiff anbelangt, so wollte er zuvorkommend Jenny die Artigkeit erweisen, sie voraus gehen zu lassen.

Es versteht sich von selbst, daß er mir vorausging.

Aber Gott hatte mein Gebet erhört; ich war demüthig wie Abel und geduldig wie Hiob.

Ich litt nur für Jenny, für Jenny, die mir so schön schien, daß ich kaum hätte annehmen können, daß eine Königin ihr vorausginge.

Aber das liebenswürdige Wesen lächelte mir mit seiner engelgleichen Sanftmuth zu, und alle Bitterkeit verschwand in meinem Innern.

Herr Stiff hatte inzwischen die Spitze der Colonne eingenommen, und indem er eine Thür öffnete, sagte er zu seiner Frau:

– Hier ist Ihr Schlafzimmer, Madame, es ist von dem besten Tapezierer von Chesterfield möblirt worden. Ich wünsche, daß es nach Ihrem Geschmacke ist.

Aber Madame Stiff würdigte es kaum, auf das köstliche Amöblement dieses Zimmers zu achten, und indem sie um sich blickte, sagte sie:

– Wahrlich, mein Herr, ich glaube, daß Sie etwas Wesentliches vergessen haben.

– Was, Madame?

– Ein Vorzimmer. . . Es wäre unerhört, wenn man so geraden Weges in das Schlafzimmer einer Frau einträte!

Herr Stiff lächelte.

– O! sagte er, halten Sie mich nicht für so ohne Lebensart. Madame. Ich habe Sie über die Diensttreppe geführt. Gehen Sie durch das Boudoir, den Salon und das Eßzimmer, dann werden Sie das Vorzimmer finden, das Sie verlangen, und das auf die Ehrentreppe geht.

Madame Stiff nickte mit dem Kopfe, was sagen wollte: »Ich wußte wohl, daß Sie nicht in diesem Grade die Rücksichten vergessen hätten, die mir gebühren,« und indem sie durch das Boudoir und den Salon ging, ohne darin zu verweilen. versicherte sie sich, daß das Vorzimmer wirklich vorhanden wäre.

Ueber diesen Punkt im Reinen, kehrte sie hierauf m das Boudoir zurück.

Dieses Boudoir war ein Wunder. Die Wände waren mit einem Stoffe von perlgrauer Seide behangen, die ganz mit kleinen Kirschensträußen bedeckt war; die Sessel und die Vorhänge waren von gleichem Stoffe; die anderen Möbel waren von Rosenholz mit Medaillons von Porzellan.

– Wahrlich, Sie haben ziemlich guten Geschmack, Herr Stiff, sagte die junge Frau, und dieses Boudoir ist nicht übel. – Was meinen Sie dazu, Mademoiselle Smith.

– Ich meine. Madame, antwortete Jenny mit jenem treuherzigen Ausdrucke, der allen ihren Worten einen Reiz verlieh, ich meine, daß es wahrhaft prachtvoll ist, und daß ich nichts Schöneres gesehen habe.

Indem sie dieses sagte, hatte Jenny eine Miene so wahrhafter Bewunderung, daß mir die Thränen darüber in die Augen kamen.

Der Schlag hatte mich im Herzen getroffen.

– Sehen wir doch, wie man auf diesem Sopha sitzt, sagte Madame Stiff.

Und sie streckte sich nachlässig darauf aus.

– Kommen Sie, setzen Sie sich neben mich, meine liebe Kleine, sagte sie zu Jenny, und Sie werden mir sagen, ob Sie sich gut befinden.

Und indem sie Jenny an sich zog. zwang sie dieselbe, sich auf das Sopha zu setzen.

– O! gewiß Madame, sitzt man gut darauf! rief Jenny aus.

Ich blickte sie mit einem Auge an, das sie um Gnade zu bitten schien, aber, beschäftigt wie sie damit war, den Stoff des Möbels zu betrachten, sah sie mich nicht.

– O Weib! flüsterte ich leise, Du mußt also immer in irgend einem Winkel Deines Herzens das schwache Geschöpf sein, das den Mann zur Sünde verführt hat!

– Und jetzt, Madame Stiff, sagte der Haushofmeister, jetzt, wo Sie dieses Boudoir betrachtet haben, und damit zufrieden zu sein scheinen, ist es Ihnen nun gefällig, den übrigen Theil der Wohnung anzusehen, auf den Sie nur einen einfachen Blick geworfen haben?

Bei diesen Worten bot er mit einer ungewöhnlichen Artigkeit, die er ohne Zweifel aus dem Verlangen schöpfte, unseren Neid zu erregen, Jenny den Arm.

– Ich bitte Sie tausend Mal um Verzeihung, Herr Haushofmeister, sagte ich zu ihm, aber meine Frau hat gleichfalls ihr Haus zu besuchen, ein sehr armseliges Haus im Vergleiche mit dem Ihrigen, ich weiß es. aber so, wie ich es ihr mit großer Liebe und mit kleinen Mitteln habe einrichten können. – Willst Du kommen, Jenny?

– O! ja, ja, rief sie aus, laß uns gehen, mein Freund! Herr und Madame Stiff werden uns entschuldigen . . . Sie wissen, daß, je weniger man besitzt, desto sehnsüchtiger man auf das ist, was man hat.

Der Haushofmeister und seine Frau wechselten einen Blick aus, welcher sagen wollte: »Sie haben das gesehen, was wir wünschten, das sie sehen sollten; lassen wir sie gehen.«

Und der Herr Haushofmeister machte mir eine tiefe Verbeugung, indem er zu mir sagte:

– Wir hätten Sie zum Mittagessen zurückhalten wollen, mein lieber Pastor, aber, wie wir sehen, ist Ihre Ungeduld so groß, sich wieder mit Ihrer Frau unter vier Augen zu befinden, daß wir nicht darauf zu bestehen wagen. So geht denn, glückliche Gatten! Ich sage glückliche, denn ein lateinischer Dichter hat, wie ich glaube, geschrieben, daß das Glück in dem Mittelstande besteht. Sie wissen das, Herr Pastor, Sie, der Sie ein Gelehrter sind.

– Ja, mein Herr, ich weiß das, antwortete ich, und Jenny und ich werden hoffentlich den Beweis liefern, daß dieser Grundsatz in dem modernen Evangelismus wahr ist, wie er es in der Gesellschaft des Alterthums war.

– Was Ihr Gatte da so eben gesagt hat, ist sehr schön ausgedrückt, meine liebe Demoiselle Smith, äußerte die Frau Haushofmeisterin mit einem geringschätzenden Zeichen der Billigung, und ich bedauere in Wahrheit, mich nicht länger an seiner Unterhaltung zu unterrichten . . . Aber da Sie uns durchaus verlassen wollen, so müssen wir Ihrem Wunsche nachgeben. . . So leben Sie denn wohl, liebe Kleine, und möge der Himmel Sie beschützen! . . . Leben Sie wohl! Herr Pastor.

Jenny und ich verneigten uns; hierauf wollten wir uns durch die Thür der kleinen Treppe entfernen, welche die nächste war, aber der Haushofmeister hielt uns zurück.

– Nicht so, mein lieber Pastor, sagte er zu mir, durch den großen Eingang, wenn es Ihnen gefällig ist… Nichts ist zu schön für Sie! Der andere Weg ist für die Dienerschaft vorbehalten.

Und indem er uns den Weg zeigte, ließ er uns von Neuem durch den Salon, den Speisesaal und dieses Vorzimmer gehen, dessen unerläßliche Nothwendigkeit ihm Madame Stiff auf eine so empfindliche Weise hatte fühlen lassen, als sie gefürchtet, daß die Wohnung desselben beraubt wäre.

O! mein lieber Petrus, ich verließ dieses Haus mit blutendem Herzen! Diese Begegnung, dieser Zufall, dieses Verhängniß hatte den schönsten Tag meines Lebens getrübt, denn, während ich geglaubt hatte, daß es mir erlaubt sei, meine Jenny ganz, allein, ausschließlich mir angehörend zu besitzen, ohne daß ich einen Wunsch gehabt hätte, de r nicht erfüllt worden wäre, ohne daß ihr ein Bedauern übrig bliebe . . . hatten der verwünschte Haushofmeister und seine Frau dieses ganze reizende Gebäude glücklicher Träume mit einer armseligen Wirklichkeit umgestürzt! Wie nach diesem so guten, so sanften Wagen Jenny zu Fuße führen? Wie Jenny nach diesem vergoldeten Salon, diesem Boudoir von Seide, diesem Schlafzimmer von Atlas in dieses kleine Zimmer mit Möbeln von Rohr und mit Vorhängen von Kattun eintreten lassen? Es gab also nur meine, für Jenny ausgeführten Fresko-Malereien, die ihm einen Werth in ihren Augen verleihen konnten! Aber ich war kein großer Maler, und diese Fresken konnten nicht ermangeln, um Vieles im Vergleiche mit den Thür-Gemälden und den Pfeilertischen zu erbleichen, welche die Wohnung des Herrn Haushofmeisters schmückten.

Am Tage vorher, in dem Augenblicke, wo ich aufbrach, um meine Jenny abzuholen und sie in die Kirche zu führen, hatte ich mit so vieler Freude meinen schönen Schrank von Nußbaumholz mit feinpolirten Thüren betrachtet; meinen mit einem blauen Teppich bedeckten Tisch von Birnbaumholz mit seinen beiden Schubladen zum Verschließen; endlich den großen Spiegel, der sich dem Fenster gegenüber befand, und der, wenn das Fenster offen stand, mir den geliebten Horizont wiederholte, dessen Beschauung mich so glücklich gemacht hatte, so daß ich durch diesen Spiegel, – der eine künstliche Landschaft durch die Wiederspiegelung einer wahren Landschaft vorstellte, – zugleich den Traum und die Wirklichkeit meines Glückes hatte! O! am Tage vorher hatte ich Alles das mit gar vieler Freude und vielleicht mit gar vielem Stolz betrachtet, und jetzt setzte Gott durch den Vergleich meinen Stolz herab und mäßigte meine Freude!

Konnte ich es jetzt wagen, meiner Jenny das Wenige anzubieten, was ich besaß, wenn ein Herr Stiff, ein Haushofmeister, ein niedriger und ungebildeter Mensch ohne Erziehung seiner Frau Kanapees von Seide, Schränke von Rosenholz und Tische von Boule anbot?. . .

Bis zu dem Augenblicke, wo wir diesem unglückseligen Wagen begegnet waren, war mein Herz so zufrieden, so froh, so köstlich durch den Gedanken eingewiegt gewesen, meine Gattin in ihr kleines Paradies einzuführen und ihr zu sagen, indem ich sie in dasselbe einführte:

– Meine liebe Freundin, hier ist Dein Zimmer!

Aber dieser verwünschte Mann hatte mir Alles geraubt, selbst meine Worte der Einführung bis auf eine kleine Aenderung. Hatte er nicht bei seinem Eintritte in seine Wohnung gerade dieselben Worte gesagt, die ich bei meinem Eintritte in die meinige zu sagen gedachte: »Madame Stiff, hier ist Ihr Zimmer!«

Freilich lag nach meiner Meinung ein großer Unterschied zwischen den Worten: Madame Stiff und meine liebe Freundin, aber ach! würde Jenny, welche das Boudoir so prachtvoll gefunden, Jenny, die so üppiger Weise die weiche Elasticität des Sophas der Madame Stiff gewürdigt hatte, meiner Meinung sein, wenn sie ihre wassergrünen Wände sehen und besonders, wenn sie sich auf ihr mit weißem Barchent überzogenes Kanapee von Rohr setzen würde?

O! verwünscht! hundert Mal verwünscht dieser Haushofmeister, der uns die Thür geöffnet hatte, durch welche das Auge meiner Jenny in jene unbekannte Welt geblickt, die ich ihr nicht anbieten konnte, ich, der ich ihr wie der Dichter gesagt hätte: »Geliebte meines Herzens, betrachte nicht so verliebter Weise diesen Stern! Leider bin ich nicht im Stande, ihn Dir zu geben!. . .«

Daran war ich mit meinen schmerzlichen Betrachtungen, und ich hatte ein Schweigen beobachtet, dessen Traurigkeit sich noch durch das Schweigen Jenny’s vermehrt hatte, als, indem wir durch einen reizenden kleinen Wald gingen, der uns von allen Blicken absonderte, Jenny, nachdem sie sich versichert hatte, daß uns kein neugieriges Auge sehen könnte, stehen blieb, indem sie zwei dicke Thränen vergoß, und ihre Arme um meinen Hals schlingend ausrief:

– O mein Freund! nicht wahr. Du wirst mich niemals Madame Bemrode nennen? . . .

Ich stieß einen Freudenschrei aus, so richtig antwortete der Gedanke Jenny’s auf meinen Gedanken, so sehr hatte ihr Herz mein Herz errathen.

O! niemals! niemals! rief ich aus.

Und indem ich sie an meine Brust drückte, vergaß ich auf der Stelle den Wagen, das Kanapee von Atlas, den vergoldeten Salon, die Thürstücke von Watteau, wie als ob Alles das ein böser Traum wäre, den ich gehabt hätte, und der niemals wiederkehren sollte. . .

Und, meine Jenny an meinem Arme, ihren blonden und züchtigen Kopf an meine Schulter gelehnt, kamen wir nach einer Viertelstunde des Weges an der Schwelle unseres gesegneten Hauses an.

Fidel, der bescheiden vor dem äußeren Thore des Schlosses geblieben war, weil er einsah, daß es ihm nicht erlaubt wäre, in eine so glänzende Wohnung einzutreten, begann ungeduldig an der Thür des kleinen Pfarrhauses zu kratzen, welche eine geringe Magd, die Tochter des Schulmeisters, ihm aufzumachen sich beeilte.

Eine glückliche Vorbedeutung! er trat zuerst vor Freude bellend ein.

Wir folgten ihm.

Ich führte Jenny in das Eßzimmer, dann in das Zimmer der Madame Snart, ein durch den mütterlichen Schmerz geheiligtes Zimmer; hierauf in das Hochzeitszimmer.

Das war die große Prüfung.

– Theurer Engel meines Herzens! rief ich ans, ich werde Dir nicht wie der Haushofmeister zu Madame Stiff sagen: »Madame Bemrode, hier ist Ihr Zimmer;« ich sage Dir: »Meine innig Geliebte, hier ist unser Zimmer, ich hoffe, daß wir es durch die Gnade Gottes bis ans Ende unserer Tage mit einander bewohnen werden!«

Und um Jenny das Kanapee des Haushofmeisters gänzlich vergessen zu lassen, setzte ich mich zuerst auf unser Kanapee von Rohr, und zog sie auf meinen Schooß.

O! in diesem Augenblicke, sage ich Ihnen, mein lieber Petrus, im Namen Jenny’s wie in dem meinigen, wären uns die kahlen Wände einer Hütte oder die vergoldeten Wände eines Palastes gleicher Weise gleichgültig gewesen. . . Was liegt an dem Glücke der Könige dem, der die Glückseligkeit der Engel schmeckt!?. . .

VI.
Wie ich anfange, wirklich Bekanntschaft mit Jenny zu machen

Unsere Tage der Einrichtung wurden Tage des Glückes, das keine Wolke trübte.

Ich fing damit an, Jenny dieses merkwürdige Fenster zu zeigen, an welchem ich so viele traurige und vergnügte Stunden zugebracht hatte; dann gab ich ihr das Fernrohr meines Großvaters in die Hand, damit sie die Wahrheit meiner Erzählung selbst beurtheile.

Sie hielt das Fernrohr an ihr Auge, betrachtete aufmerksam , und indem sie es mir mit einer Rührung reichte, die mir nicht entging, sagte sie:

– Sieh!

Und sie blieb die Hand aus meine Schulter gelehnt. Ich hielt gleichfalls das Fernrohr an mein Auge, und erkannte in dem Halbdunkel des kleinen Zimmers Madame Smith, die an dem Fuße des Bettes ihrer Tochter kniete.

– Arme Mutter, begann Jenny wieder, wir vergessen sie, während sie für uns betet.

Und sie wiederholte schwermüthig den Text meiner Predigt: »Und der Herr sagte zu Rahel: Du sollst Deinen Vater und Deine Mutter verlassen, um Deinem Gatten zu folgen.«

Zwei dicke Thränen perlten in der Ecke ihrer Augen und flossen über ihre Wangen; aber da es Thränen des Glückes waren, so hütete ich mich wohl, sie aufzuhalten.

In der That, wie hinter einer Wolke die Sonne noch leuchtet, so fuhr hinter diesen beiden Thränen ihr Lächeln fort zu glänzen.

Ich ließ dem süßen Strahle der Freude die Zeit, seine ganze Macht wieder anzunehmen, und indem ich sie an mich zog, sagte ich zu ihr:

– O! wie sehr wünschte ich, daß Du zeichnen könntest. meine schöne Jenny, um die Ansicht, ich möchte fast sagen das von Dir gemachte Portrait dieses kleinen Hauses zu haben! . . . habe ich Deine Mutter nicht sagen hören, daß Du ehedem gezeichnet hättest?

Jenny lächelte.

– Ja, sagte sie, ehedem . . . ein wenig. . . aber jetzt, wo ich nur daran denke, eine gute Hausfrau zu sein, habe ich Alles das vergessen. Um Dir einen Gefallen zu thun, mein geliebter Williams, werde ich mich indessen wieder daran machen.

Und indem sie die Gelegenheit ergriff, dankte sie mir für meine Rosenguirlanden, meine Tauben und meinen Altar des Hymen.

– Wenn Du willst, meine gute Jenny, sagte ich zu ihr, so wirst Du Dich in unseren Mußestunden, angenommen, daß das Glück uns deren übrig läßt, wieder an das Zeichnen machen, und ich werde Dir Rath ertheilen. Unsere heilige protestantische Religion ist nicht dermaßen streng, daß sie die gute Hausfrau nur zur Besorgung der Küche und den Arbeiten der Nadel verdammt.

– Ich werde Alles thun was Du willst, sagte Jenny lächelnd.

Es lag in ihrem, übrigens immer reizenden Lächeln ein leichter Ausdruck, ich will nicht sagen von Lustigkeit, ich will nicht sagen von Zärtlichkeit, der mich überraschte: es war etwas Gutes, Sanftes. Liebevolles, das die Mitte zwischen diesen beiden Gefühlen hielt.

Ich blickte sie mit einem gewissen Erstaunen an, so viel Unerklärliches fand ich in diesem Lächeln.

– Nun denn! fragte sie mich, was giebt es?

– Nichts, antwortete ich. – Komm, meine Jenny, ich muß Dich jetzt den übrigen Theil unserer Herrschaft sehen lassen.

Wir gingen die Treppe hinab, in ihrem engen Raume aneinander gedrückt; aber für zwei Wesen, die sich lieben, ist Alles Freude.

– Wir werden diese Treppe oft mit einander hinauf und hinunter gehen, theure Jenny, sagte ich zu ihr, indem ich auf der letzten Stufe stehen blieb und ihr Lächeln erwiederte.

Sie antwortete nicht, aber sie lehnte sich ans meine Schulter, und wir erreichten den Hof.

Fidel sprang um uns herum, aber auf dem Hofe erblickte er eine Hundehütte.

Bei diesem Anblicke schüttelte er den Kopf, nieste und stellte sich jämmerlich hinter uns, was bewies, wie wenig der in Rede stehende Gegenstand seine Blicke erfreute.

Armer Fidel! er hatte auf eine Freiheit ohne Halsband und ohne Kette gerechnet, und ich versprach sie ihm im Stillen.

– Sieh, sagte ich zu meiner Jenny, es wird hier Raum für Deine Tauben, Deine Hühner und Deine Enten geben; ich sage für die Deinigen und nicht für andere, denn sie kennen ihre süße Herrin, und sie müssen fern von ihr sehr unglücklich sein. Was mich anbetrifft, so möchte ich, da ich Alles liebe, was Dich liebt, sie bereits hier eingezogen sehen.

– Du bist unendlich gut, mein lieber Williams, sagte Jenny. In zwei bis drei Tagen werden wir sie holen.

– Und, nicht wahr? Du wirst zu gleicher Zeit Deiner Mutter sagen, daß Gott, der ihr Gebet in der Gegenwart erhört hat, es wahrscheinlich auch in der Zukunft erhören wird.

– Ich werde ihr sagen, daß ich sehr glücklich bin.

Wir traten in den Garten, indem wir um das Haus herum gingen; ich zeigte ihr die drei Trauerweiden und den Teich, in welchen sie die Spitzen ihrer Zweige tauchten. Was die Nachtigall anbetrifft, so war sie stumm, aber nicht unsichtbar geworden, denn wir fanden sie in einem Hagedorngebüsche, in welchem das Weibchen drei graue, rothgefleckte Eier ausbrütete.

Aber sie kannten mich nicht, wie das Schwarzköpfchen Jenny kannte, so daß das Männchen und das Weibchen bei unserem Anblick davon flogen und sich besorgt auf einen Mandelbaum setzten.

Wir entfernten uns rasch: die Eier hätten, wenn sie kalt geworden wären, die Brut mißlingen lassen können. Indem wir uns entfernten, verloren wir sie indessen nicht aus den Augen, und wir sahen sie bald ihre Hagedornhecke wieder erreichen und unter dem Laube derselben verschwinden.

Die Geschichte der guten Madame Snart und ihrer wieder gen Himmel aufgestiegenen drei Engel hatte Jenny tief gerührt. Der Anblick der Weiden hatte diese ganze traurige Erzählung in ihrem Herzen wieder belebt, und indem sie sich weit sanfter wieder auf meinen Arm stützte, sagte sie:

– Haben wir nicht Beide einen Besuch zu machen, mein Freund?

– Wem, Jenny? fragte ich.

– Einer guten Frau, welche Du geliebt hast, weil Du sie kanntest, und die ich liebe, ohne sie zu kennen.

– Du willst sagen der, die ich meine Mutter nannte, nicht wahr?

– Ja.

– Komm, meine Jenny, Du vergißt Niemand . . . Komm.

Und wir schlugen den Weg nach dem Friedhofe ein.

Wir hatten durch das ganze Dorf zu gehen; wider die Gewohnheit befand sich der Friedhof nicht neben der Kirche.

Ich ging mit meiner Jenny am Arme stolz durch die Straßen; alle Männer waren bei den Feldarbeiten; die Kinder und Frauen blieben allein. In dem Maße, als ich weiter kam, kehrten die auf den Straßen, durch welche wir gingen, spielenden Kinder in die Häuser zurück, indem sie riefen:

– Es ist der Herr Pastor Bemrode und seine Frau!

Und die Mütter eilten auf die Schwelle der Thüren herbei, indem sie ihre Töchter bei der Hand hielten und mir freundschaftlich einen guten Tag wünschten, den sie zwischen mir und Jenny theilten.

Ich antwortete mit der Hand, und Jenny lächelte.

Wir kamen an dem Thore des Friedhofes an; als Pastor hatte ich das traurige Vorrecht, einen Schlüssel zu diesem Garten der Todten zu besitzen, aber in meiner Zerstreuung hatte ich ihn vergessen.

Ich schickte ein Kind fort, ihn aus dem Pfarrhause zu holen.

Während dieser Zeit blieben Jenny und ich an das Gitter gelehnt.

Nach Verlauf eines Augenblickes bedeckte sich das Gesicht des lieblichen Wesens mit einem Schleier der Schwermuth und ihre Augen wurden feucht.

– Meine Jenny ist ein wahres Engelherz, sagte ich zu ihr: sie kann nichts von den menschlichen Schmerzen sehen, ohne daß ihre Güte sich in Trauer hüllt.

– O! antwortete sie mir, Deine Güte macht mich besser, als ich es bin, mein Williams!

– Und dennoch macht Dich der Anblick dieses Friedhofes traurig!

– Ja und nein . . . Ein Friedhof ist der irdische Schmerz, aber er ist die göttliche Hoffnung. Dann hat der Friedhof eines Dorfes einen ganz eigenthümlichen Anblick. Bei meiner letzten Reise nach der Stadt habe ich den von Chesterfield gesehen, und er hat nicht denselben Eindruck auf mich hervorgebracht, den ich vor diesem hier empfinde . . . Man könnte sagen, daß Thomas Gray für diesen hier seine herrliche Elegie gedichtet hätte. . . Du kennst sie, nicht wahr, mein Williams?

Ich gestand mit einer gewissen Scham, daß mir nicht allein die Elegie unbekannt wäre, sondern daß ich auch sogar nicht einmal den Dichter kenne.

– O! dabei giebt es nichts zu verwundern, sagte Jenny; Thomas Gray ist ein Freund meines Vaters, er ist mit ihm in Eton erzogen worden; erst voriges Jahr hat er einen ganz kleinen Band Gedichte drucken lassen, den er meinem Vater gesandt hat, und in diesem Bande befindet sich das Gedicht, von dem ich Dir gesprochen habe.

– Und welchen Titel hat dieses Gedicht?

– Elegie, auf einem Dorfkirchhofe geschrieben.

– Ohne Zweifel weiß sie meine Jenny auswendig?

– Ja. sagte Jenny erröthend.

– Sag sie mir, antwortete ich ihr; von Dir hergesagt, können die schönsten Verse nur gewinnen.

– Schmeichler! sagte sie.

Als sie anfing, kehrte das Kind mit dem Schlüssel zurück. Ich schloß das Thor auf, und wir traten ein.

Nur gingen wir, statt Arm in Arm zu gehen, frommer und ehrbietiger Weise nebeneinander.

Man könnte sagen, daß allein die Mahnung an den Tod hinreicht, um die am innigsten mit einander verbundenen Herzen zu trennen. Wahr ist es, daß wenn er die Herzen trennt, er die Seelen wieder vereinigt.

Jenny erkannte nach der Beschreibung, die ich ihr von ihm gemacht, auf den ersten Blick das Grab des ehemaligen Pastors, der Wittwe und ihrer drei Töchter.

Sie näherte sich diesem kleinen Winkel der Erde, der eine ganze verschwundene Familie enthielt, ohne daß sie eine andere Spur als die zurückließ, welche in dem Herzen eines Fremden blieb, und indem sie den Strauß nahm, den sie in dem Garten gepflückt und dem sie Zweige von den drei Weiden hinzugefügt hatte, streute sie dieselben auf die vier Gräber.

Hierauf kniete sie nieder und begann zu beten.

Und ich blieb an einen Baum gelehnt stehen und betete gleichfalls für die, welche betete.

VII.
Wie ich immer mehr Bekanntschaft mit Jenny machte

Während der acht Tage, welche dem meiner Einrichtung folgten, hatte ich mich mit den, wegen des wichtigen Ereignisses, das sich in meinem Leben zugetragen hatte, ein wenig vernachlässigten Pflichten meines Amtes zu beschäftigen; aber meine guten Pfarrkinder sahen mich so glücklich, daß sie mir leicht verziehen.

Jenny machte mehrere Gänge nach Wirksworth, um unserer Uebereinkunft gemäß die Genossen des väterlichen Hauses fortzuschaffen, welche ihr in das eheliche Haus folgen sollten.

Als sie einen dieser kleinen Ausflüge ausführte, begegnete sie auf dem Wege dem Herrn Haushofmeister Stiff, der Arbeitern seine Befehle ertheilte; der Herr Haushofmeister hatte die Güte sie zu erkennen, und erzeigte ihr die Artigkeit sie einen Theil des Weges zu begleiten.

Er hatte uns sehr dringend eingeladen, berichtete mir Jenny, einen zweiten Besuch auf dem Schlosse zu machen, aber dieses Mal, um den ganzen Tag über auf dem Schlosse zu bleiben. Nach dem, was er behauptete, hörte Madame Stiff nicht auf, von ihrer lieben Freundin, Mademoiselle Smith zu sprechen, die sie in ihrem einfachen Kleide hübsch und anmuthig fände, wie es nur möglich wäre.

Er hätte auch das größte Verlangen, nähere Bekanntschaft mit einem so ausgezeichneten Manne, wie ich, zu machen. Woraus hervorginge, daß, wenn wir ihn nicht auf dem Schlosse besuchten, er uns für seine Frau und für sich um die Erlaubniß bäte, uns in dem Pfarrhause zu besuchen.

Jenny, die eben so wenig als ich selbst Herrn Stiff und seine Frau leiden mochte, hatte höflich geantwortet, denn sie sah wohl ein, von welcher Wichtigkeit es für uns wäre, uns nicht mit so mächtigen Nachbarn zu entzweien; Jenny hatte geantwortet, daß die seit einem Monate vernachlässigten Pflichten meines Amtes mir viel Zeit wegnähmen, was sie verhinderte, in meinem Namen zu versprechen, diesen zweiten Besuch zu machen; was die Absicht anbelangte, welche Herr Stiff hätte, einen Besuch mit seiner Frau im Pfarrhause zu machen, so würde derselbe mit all der Dankbarkeit angenommen werden, die eine so große Gunst verdiente.

Dann hatte man von Regen und schönem Wetter gesprochen, von der Ernte, die dieses Jahr sehr schön sein würde, von dem unermeßlichen Vermögen des Herrn Grafen, und von dem großen Einflusse, den Herr Stiff auf diesen vornehmen Herrn hätte.

Und so sprechend, war man an der Thür des Herrn Smith angekommen, wo der Herr Haushofmeister Abschied genommen hatte.

Der neunte Tag nach unserer Einrichtung in dem Pfarrhause von Ashbourn war mein Geburtstag.

An diesem Tage, dem 19ten Juli, trat ich mein sechsundzwanzigstes Jahr an.

Ach! seit dem Tode meiner armen Eltern hatte sich eben Niemand mehr dieses Geburtstages erinnert!

Ich selbst hatte ihn fast vergessen.

Was Jenny anbelangt, so mußte sie ihn nicht kennen; mein Alter war ein einziges Mal in ihrer Gegenwart erwähnt worden, an dem Tage, an welchem ich ihr Gatte geworden war, und es wäre ein Wunder gewesen, wenn sie sich seiner erinnert hätte.

Am Tage vorher hatte sie mich indessen mehrere Male auf eine sonderbare Weise angelächelt, als ich sie über die Einkäufe an Lebensmitteln befragte, die sie machte; am Morgen hatte sie mich indessen weit zärtlicher als gewöhnlich umarmt; in dem Augenblicke, wo ich in das ehemalige Schlafzimmer der Madame Snart hinuntergegangen war, das mein Zimmer der Arbeit und der Betrachtungen geworden, hatte es mir indessen geschienen, als ob sie mir folgte.

Bei dem Eintritte in dieses Zimmer sah ich Anfangs weder etwas Neues, noch Außergewöhnliches darin; sobald ich aber einmal vor meinem Schreibtische saß, erhob ich den Kopf, und stieß einen Ausruf der Ueberraschung aus.

Ich befand mich einem reizenden Gouachebilde gegenüber, welches das grüne, rothe und weiße kleine Haus vorstellte; das Fenster dieses Hauses stand offen, und an diesem Fenster Jenny mit ihrem Distelfinken auf der Schulter.

Ich stand auf, ich neigte mich zu dem Gouachebilde, gegenüber betrachte Anfangs das Ganze mit meinem Herzen, dann alle einzelnen Umstände mit meinem Verstande – und nach der Prüfung befand sich mein Verstand eben so befriedigt, als mein Herz.

Es war entworfen, und ich möchte fast sagen ausgeführt wie ein Miéris.

Das kleine Gesicht mit der Aehnlichkeit Jenny’s, halb im Schatten ihres großen Strohhutes, halb in einem schönen Sonnenlichte, war von bewunderungswürdiger Feinheit. – Die Mauer des Hauses und ihre ganze Bekleidung von Epheu, Lilas und Pappeln war von einer Festigkeit des Tones, welche einen geübten Pinsel andeutete.

Meine Ueberraschung war so groß, daß ich mich nicht enthalten konnte, sie laut auszudrücken.

– O! mein Gott! rief ich aus, wer hat denn dieses reizende Bild gemacht?

In diesem Augenblicke fühlte ich zwei Arme, die meinen Hals umschlangen, und einen warmen Hauch, der mir das Gesicht liebkoste.

Dann hörte ich die schmeichelnde Stimme Jenny’s an meinem Ohre flüstern:

– Hast Du nicht, mein geliebter Williams, in meiner Gegenwart den Wunsch ausgedrückt, eine Ansicht von dem armen kleinen Hause mit dem Fenster zu haben, an welchem Du mich zum ersten Male erblickt hattest?

– Ja. ohne Zweifel, antwortete ich.

– Nun denn! sind Sie nicht mein Herr? habe ich Ihnen nicht Gehorsam gelobt?. . . Ihre Befehle sind von Ihrer gehorsamen Dienerin ausgeführt worden, mein gnädiger Herr!

Und Jenny machte eine reizende Verbeugung voller Anmuth und zugleich Koketterie.

– Ja, sagte ich, aber der Maler? der Maler? . . .

– O! der Maler ist nicht sehr schwer zu finden gewesen, sagte Jenny lächelnd zu mir, denn Sie sind so gütig gewesen, ihm selbst Ihren Wunsch auszusprechen.

– Wie! rief ich aus, der Maler . . . der Verfertiger dieses köstlichen Gouachebildes . . . bist Du?

Jenny machte mir, immer lächelnd, eine zweite Verbeugung gleich der ersten.

– Also dieses wundervolle Talent, von dem Du mir niemals ein Wort gesagt hattest. . .

– Vergeßlicher! ich habe Dir an dem Tage unseres Einzuges davon gesprochen.

– Ja, aber wie ein Schüler davon spricht, der nach einer Vorschrift zeichnet, und nicht wie ein Künstler davon spricht, der entwirft und als Meister ausführt.

Plötzlich erinnerte ich mich des ihr gemachten Anerbietens, ihre Studien zu leiten.

– Und ich, rief ich aus . . . O! meine gute Jenny, jetzt verstehe ich das Lächeln, mit welchem Du meinen Antrag aufgenommen hast.

– Williams!

– Und diese Fresken, die ich mit so viel Stolz in dem Zimmer meiner Gattin gemalt habe . . . Einen Pinsel, eine Bürste, damit ich alles das verwische!

Jenny hielt mich zurück, als ich auf die Thür zueilte.

– Nein, mein Freund, sagte sie zu mir. Du wirst nichts auslöschen . . . Diese Fresken sind das Monument Deiner Liebe zu mir, und bevor ich hinuntergegangen, habe ich mich vor dem Altare auf die Knie geworfen, indem ich Gott dankte, so geliebt zu sein, und die beiden weißen Tauben, das Symbol unserer Liebe, küßte.

Ich stieß einen halb traurigen, halb freudigen Seufzer aus.

Die traurige Seite richtete sich an meinen Stolz, mein lieber Petrus; ich fange an zu glauben, daß der Stolz der Dämon ist, der von seinem Gebieter Satan den Auftrag erhalten hat, mich in das Verderben zu stürzen.

Ich bildete mir ein, Alles zu wissen, und jetzt wußte Jenny, daß es einen Dichter gab, der Thomas Gray hieß, und der eine herrliche Elegie gedichtet hat.

Ich bildete mir ein, das Malen zu verstehen, und jetzt gab mir ein bescheidenes und zurückgezogenes kleines Landmädchen ganz einfacher, ganz natürlicher Weise eine Lection in der Malerei und in der Demuth.

O Stolz! Stolz! wann werde ich mich denn von Dir lossagen!? . . .

Glücklicher Weise hatte ich nicht die Zeit, mich zu weit in diese Betrachtungen zu vertiefen, die nicht unterlassen hätten, beunruhigend für mein Wohl zu sein. Man klopfte an die Thür. Jenny eilte herbei, und bevor ich nur drei Schritte gethan hatte, machte sie ihrem Vater und ihrer Mutter auf.

Der gute Pastor Smith kam mit seiner Frau, meinen Geburtstag zu feiern.

Das war der Besuch, den Jenny erwartete; die am vorigen Tage eingekauften Vorräthe waren für diesen, im Familienkreise zugebrachten Tag.

O mein lieber Petrus! es gab an diesem Tage einen Augenblick, an welchem ich mich der schönen Geschichte erinnerte, die Herodot über den Tyrannen Polykrates erzählt, der über sein Glück erschreckt, seinen Ring in das Meer warf.

Was vermag ich gleichfalls in das Meer zu werfen, um das zukünftige Unglück zu beschwören, und damit das Verhängniß mir mein gegenwärtiges Glück verzeiht? . . .

Ein Fisch brachte Polykrates seinen Ring zurück, und damit das Unglück seinem Glücke gleich käme, wurde er einige Monate später durch Verrath von Orestes, Cambyses Statthalter, gefangen genommen, der ihn auf ein Kreuz nageln ließ.

Mein Gott! jeder Mensch hat seinen Orestes und sein Kreuz! Wer ist mein noch unbekannter Orestes, und auf welchem Schmerzenskreuze gedenkst Du mich auszustrecken, um mich mein Glück büßen zu lassen?

Drei Monate nach meinem Geburtstage kam der meiner Jenny; sie trat in ihr zwanzigstes Jahr ein, und während dieser drei Monate suchte ich irgend ein Geschenk, das ich ihr an diesem Tage machen könnte; aber meine gewöhnlich so fruchtbare Einbildungskraft ließ mich bei diesem wichtigen Umstande im Stiche. In der That, meine arme Jenny erklärte sich so glücklich, daß sie nicht einen Wunsch aussprach. Da nun aber Jenny keinen Wunsch aussprach, so befand ich mich in der Unmöglichkeit zu errathen, was ihr angenehm sein könnte. Nach reiflicher Ueberlegung meinte ich, daß das, was Jenny am meisten Vergnügen machen würde, ein schönes Hochzeitsgedicht wäre, in welchem ich unser gemeinsames Glück feierte. Ich hatte zuerst die Idee, es in lateinischer Sprache zu dichten, damit es das Verdienst der überwundenen Schwierigkeit hätte; aber ich bedachte, daß ich genöthigt sein würde, es in’s Englische zu übersetzen, und daß es natürlicher Weise sehr bei der Uebersetzung verlieren würde. Ich entschloß mich daher, ganz einfach die alltägliche Sprache, die Sprache Shakspeare’s, Milton’s und Pope’s anzuwenden.

Das mußte nun, besonders für Jemand, der wie ich fünf Jahre lang von einem Heldengedichte, und drei Jahre von einem Trauerspiele geträumt hatte,, so leicht werden, daß ich meinte, es würde immer noch Zeit sein, mich an’s Werk zu machen.

Dem zu Folge beschäftigte ich mich erst drei Tage vor dem wichtigen Tage ernstlich mit meinem Hochzeitsgedichte.

Ich wollte zuerst alle berühmten Hochzeiten des Alterthums durchgehen, von der der Thetis und des Peleus an; aber es war in Wahrheit unmöglich, unsere bescheidene Hochzeit mit diesen göttlichen Hochzeiten zu vergleichen, welche den trojanischen Krieg und alle die Ereignisse herbeigeführt hatten, die von diesem Kriege ausgegangen waren, wie der Mord Agamemnons, Ulysses Reisen, die Gründung Roms, u. s. w.

Ich gab daher die Hochzeiten der Thetis und des Peleus auf, um zu denen des Pirithous und der Hippodamia zu gelangen; aber diese da waren wieder die Ursache einer so schrecklichen Katastrophe gewesen, daß, wäre es auch nur wegen der schlimmen Vorbedeutung, ich beschloß, irgend einen anderen Text zu suchen. In der That, kein Centaur hatte versucht, mir meine Hippodamia zu entführen, die Schüsseln der Tafel hatten ganz unversehrt ihren gewöhnlichen Platz in dem Schranke der Madame Smith wieder eingenommen und nicht allein kein Feuerbrand war erloschen, indem er in dem Schlunde irgend eines Entführers brannte, sondern es war auch noch wegen der Wärme der Jahreszeit kaum Feuer angezündet worden.

Ich war daher gezwungen, die Hochzeiten des Pirithous und der Hippodamia bei Seite zu lassen, wie ich es mit denen der Thetis und des Peleus gemacht hatte.

Es gab noch du Hochzeiten des Perikles und der Aspasia, welche nach der Aussage Plutarchs die ganze Stadt Athen drei Tage lang in Bewegung setzten, so neugierig waren die Athenienser, dieses geistreiche und unbeständige Volk, den Besiege! Cimon’s den Gatten der Buhlerin Milet’s werden zu sehen; aber obgleich ich mich in Bezug auf Kenntnisse des Attieisnuis und des Geschmackes im Nothfalle mit dem Onkel des Alcibiades vergleichen konnte; obgleich ich, wenn die Veranlassung sich dazu bot, oder die Gelegenheit dazu gegeben war, eben so gut als er den Parthenon aufgeführt und meinen Namen meinem Jahrhunderte vermacht hätte, so konnte ich doch in keiner Beziehung, ausgenommen in der der Schönheit, meine Frau mit der Aspasia vergleichen. Es waltete ein zu großer Unterschied, – ein Unterschied, der Gott sei Dank ganz zu ihrem Vortheile ausfiel! – in der Art und Weise, mit der sie erzogen worden war, mit der ob, mit welcher Aspasia gelebt hatte.

Ich mußte daher aus die Hochzeiten des Perikles und der Aspasia verzichten, wie ich auf die des Pirithous und der Hippodamia, und auf die der Thetis und des Peleus verzichtet hatte.

Aber die Arbeit, welche meinen Kopf, mein Gedächtniß und meine Gelehrsamkeit in Anspruch genommen, um alle diese berühmten Hochzeiten die Musterung passiren zu lassen, hatte mir zwei ganze Tage weggenommen; ich entschloß mich daher erst am Anfange des dritten, und als ich nur noch vier und zwanzig Stunden vor mir hatte, etwas weniger Verwickeltes zu machen, ein einfaches Lied des Herzens, einen ungekünstelten Dank für die unveränderliche Zärtlichkeit, von der mir meine theure Jenny seit drei Monaten den Beweis geliefert hatte.

Unglücklicher Weise erinnerte mich gerade in dem Augenblicke, wo ich, nachdem ich den Plan zu diesem kleinen Gedichte gehörig entworfen hatte, aus dem ich wegen seiner Geringfügigkeit selbst ein Meisterstück zu machen gedachte, wo ich, zuvörderst durch den Gegenstand selbst, und dann durch zwei Stunden der Betrachtung begeistert, endlich die Feder ergriffen und oben auf ein schönes Blatt weißes Papier geschrieben hatte: »An Jenny!« der zu mir eingeführte Magister daran, daß ich eine Trauung zu feiern hätte.

Ich wußte aus eigener Erfahrung zu gut, wie groß die Ungeduld eines Bräutigams wäre, um diesen warten zu lassen. Ich stand daher schnell auf und eilte nach der Kirche, indem ich mir vornahm, mein Hochzeitsgedicht gleich nach meiner Rückkehr wieder vorzunehmen.

Ich fertigte in der That so schnell als möglich, und ohne Zweifel zu ihrer großen Zufriedenheit, meine beiden Brautleute ab, und während, dem protestantischen Gebrauche gemäß, die jungen Leute und die jungen Mädchen des Dorfes sie an der Thüre erwarteten, um Blumen auf ihren Weg zu streuen, wurde ich von dem Dämon der Dichtkunst gepeinigt, der seinen ersten Vers vor meinem Ohr murmelte, und schickte mich an. nach Haus zurückzukehren.

Aber als ich hinausgehen wollte, hielt mich der Magister zurück.

– Herr Bemrode, sagte der wackere Mann zu mir, es scheint mir, daß Sie etwas vergessen . . .

– Was, mein Freund? fragte ich ihn.

– Daß der alte Blum gestorben, und daß sein Begräbniß für Mittag festgesetzt ist.

– Ah! es ist meiner Treue wahr, rief ich aus; ich bin gestern benachrichtigt worden, und ich selbst habe diese Stunde bestimmt.

– Da es nun aber halb zwölf ist, fuhr der Magister fort, so glaube ich nicht, daß es sehr der Mühe werth ist. nach Haus zurückzukehren . . . In einer halben Stunde wird die Leiche in der Kirche sein.

– Sie haben Recht, mein Freund, sagte ich zu ihm; gehen Sie, Madame Bemrode von dem zu benachrichtigen, was sich ereignet, und sagen Sie ihr, daß ich bei meiner Rückkehr von dem Friedhofe essen würde.

– In der That. sagte der Magister, der in seinem Geiste einer Berechnung zu folgen schien, das Begräbniß wird zuverlässig um ein Uhr beendigt sein, und von ein Uhr bis um zwei werden Sie alle Zeit haben, zu Mittag zu essen . . . Ich werde Madame Bemrode benachrichtigen.

Und der wackere Mann verließ die Kirche.

– Zuverlässig werde ich die Zeit haben, von ein Uhr bis um zwei zu Mittag zu essen, sagte ich, indem ich ihn sich entfernen sah; dann werde ich mich um zwei Uhr an mein Hochzeitsgedicht machen, und das ist, besonders für mich, etwas so leichtes, daß es heute Abend gemacht sein wird . . . Was hält mich außerdem ab, einstweilen zu arbeiten? Ich habe eine halbe Stunde, und ich fühle mich Gott sei Dank begeistert.

Dadurch. daß ich meine Gedanken beständig auf denselben Gegenstand richtete, war ich wirklich zu jenem fieberhaften Zustande gelangt, den wir Dichter mit dem Namen Begeisterung beehren, als der Magister ganz athemlos zurückkehrte.

– O! Herr Pastor, sagte er. Madame Bemrode bittet Sie, so schnell als möglich zu kommen. . . Es hält eine schöne Kutsche vor der Thür des Pfarrhauses, und zwei Livréebedienten sitzen auf dem Bocke derselben.

– Aber, fragte ich, wer sind die Personen, welche diese Kutsche hergeführt hat?

– Ich vermöchte nicht es Ihnen zu sagen, Herr Bemrode; aber Sie werden es erfahren, wenn Sie der Einladung der Madame Bemrode folgen, denn die Personen, welche der Wagen hergeführt hat, sind bei Ihnen, und erwarten Sie, wie es scheint.

Ich beeilte mich die Kirche zu verlassen und erblickte in der That eine Kutsche vor der Thür des Pfarrhauses.

Auf den ersten Blick erkannte ich den Wagen und die Livree. – Die Livree war die des Grafen von Alton, und der Wagen der, in welchem wir Herrn und Madame Stiff begegnet waren.

Ich gestehe, daß meine wenige Sympathie für den Herrn Haushofmeister und die Frau Haushofmeisterin mir zuerst den Gedanken eingaben, in die Kirche zurückzukehren, und dort das Begräbniß, einen hinreichenden Vorwand für meine Abwesenheit, abzuwarten; aber das Dringende, womit mich Jenny hatte rufen lassen, beunruhigte mich, und nachdem ich einen Augenblick lang die Gefahr bedacht hatte, meine beiden vornehmen Besucher zu verletzen, setzte ich meinen Weg nach dem Hause fort.

VIII.
Wie das Hochzeitsgedicht unterbrochen wurde

Es waren in der Thai Herr und Madame Stiff, welche, da sie sahen, daß wir nicht zu ihnen gingen, sich entschlossen hatten, nicht stolzer als Mahomet in Bezug auf den Berg zu sein, und die zu uns kamen.

Welcher der beiden Gatten hatte den Einfall zu diesem Besuche gehabt? Ich weiß es nicht. Aber soviel weiß ich, daß der Eine, wie die Andere, sich vorgenommen hatten, uns ihn so unangenehm als möglich zu machen.

Zuvörderst waren Herr und Madame Stiff, die nun auch unser Haus betrachteten, in dem Augenblicke, wo ich eintrat, gerade an dem Schlafzimmer.

– O! mein Gott! meine Liebe, sagte Madame Stiff zu Jenny, welchen Einfall haben Sie gehabt, Ihr Zimmer so auszuschmücken, statt die Wände mit irgend einem Stoffe oder ganz einfach mit einer Papier-Tapete zu bedecken. Sie haben diese Fresken von einem Dorfmaler malen lassen?

Ich trat vor. und da das Kompliment nicht sehr angenehm für mich gewesen war, so sagte ich zu ihr:

– Nein, Madame, wir haben dazu nicht einmal einen Dorfmaler gesucht, ich habe sie gemalt.

Ah! in der That, sagte Madame Stiff ohne außer Fassung zu kommen, das war noch weit ökonomischer.

Jenny war zu mir gekommen und hatte meine Hand ergriffen, die sie zärtlich drückte, während ihre Augen mir alles das zu sagen suchten, was sie litt.

Was Herrn Stiff anbelangt, so summte er ein kleines Lied, indem er mit der Spitze seines Stöckchens die Ueberzüge der Möbeln aufhob.

Meine Ankunft schien keinen anderen Eindruck auf ihn zu machen.

– Ei! ei! äußerte er, guten Tag, mein lieber Pastor . . . Sagen Sie mir, um sich zu kasteien, haben Sie Strohstühle und Kanapee’s von Rohr?. . . Den Henker! wie unbequem man darauf sitzen muß!. . . Sagen Sie doch, Madame Stiff, Sie, die Sie sich beklagen, daß Ihre Möbel hart sind, ah! gut! ich werde Sie acht Tage lang in der Schule der Mademoiselle Smith leben lassen!

Die Albernheit, meine Frau immer Mademoiselle Smith zu nennen, war mir bereits aufgefallen, dieses Mal beschloß ich, eine solche Ungebührlichkeit nicht vorübergehen zu lassen, ohne sie zu rächen.

– Darf ich es wagen, antwortete ich, dem Herrn Haushofmeister bemerklich zu machen, daß Mademoiselle Smith seit länger als drei Monaten Madame Bemrode geworden ist?…

– Madame Bemrode! . . . Ah! Madame Bemrode!. . . Sie nennen sich also Herr Bemrode, mein lieber Pastor?. . . Welchen sonderbaren Namen Sie da gewählt haben!

Ich stand im Begriff zu antworten, seine Frau schnitt mir das Wort ab.

– Aber, meine liebe Kleine, sagte sie, wo lassen Sie denn Ihre Dienerschaft sich aufhalten? Ich habe noch keinen einzigen angetroffen, seitdem ich bei Ihnen bin. und ich habe sogar zu bemerken geglaubt, daß Sie mir selbst die Thür aufgemacht haben.. .

– Madame, sagte Jenny mit wundervoller Würde, wir sind einfache Leute. Ich bin die Tochter eines Pastors und mein Gatte ist Pastor; es ist wahrscheinlich, daß das Einkommen der beiden Pfarrstellen, die meines Gatten und die meines Vaters, mit einander nicht soviel eintragen würden, um die beiden auf Ihrem Wagen sitzenden Bedienten zu bezahlen.

– Ah! was das anbetrifft, so ist es wahr, sagte Herr Stiff; bedenken Sie doch, liebe Freundin, daß der Kutscher fünfzig Pfund Sterling Lohn, nebst Kost und Kleidung hat, und daß der andere Schelm, der neben ihm sitzt, fünfunddreißig hat, um durchaus nichts zu thun . . . Sie sehen wohl, daß das, was Mademoiselle Smith sagt, in der That vollkommen richtig ist, und daß. wenn man die fünfzig Pfund des Einen mit den fünfunddreißig des Andern zusammenlegt, und dazu ihre Nahrung und ihre Kleidung hinzufügt, der Ertrag der beiden Pfarrstellen nicht dazu ausreichen würde . . . Dieser Faulenzer von Kutscher, der niemals absteigt, verbraucht und beschmutzt für sich allein jährlich für mehr als fünfzehn Pfund Sterling an seidenen Strümpfen!

– Sie sehen wohl, mein Herr, sagte Jenny lächelnd, daß ich Grund habe keinen Bedienten zu halten.

– Sie thun also Alles selbst, mein armes Kind? sagte Madame Stiff.

– Ein junges Mädchen aus dem Dorfe hilft mir, Madame; ein liebenswürdiges Kind voller gutem Willen und Gefälligkeit. . . die Tochter des Magisters.

– Ah! ja. . . Sie besorgt die Küche? sagte Madame Stiff. indem sie anfing die Treppe hinunter zu gehen.

– Nein, Madame, begann Jenny wieder, diese Arbeit ist die meinige. Ich habe den Geschmack meines Gatten studirt, ich kenne die Gerichte, die er gern ißt, und indem ich sie zubereite, bin ich glücklich mir zu sagen: »Mein lieber Williams wird mit Vergnügen essen.« – Das Uebrige der Haushaltung geht Betsy an.

– Und das verdirbt Ihnen nicht die Hände?

– Nicht doch, Madame, antwortete Jenny.

Jenny hatte wundervolle Hände, ich ergriff die Gelegenheit, diese Schönheit geltend zu machen; außerdem hatte ich bemerkt, daß die Hände der Madame Stiff plump und ein wenig gemein waren.

– Meine liebe Jenny, da die Frau Haushofmeisterin, – ich betonte das Wort, und bemerkte in der That, daß das Wort Mademoiselle Rogers erröthen ließ, – da die Frau Haushofmeisterin an dem zu zweifeln scheint, was Du sagst, so zeig ihr doch Deine Hände.

– Wozu? fragte Madame Stiff.

– Ei, um Ihnen zu beweisen, Madame, antwortete ich artiger Weise, daß man die Küche besorgen kann, ohne verdorbene Hände zu haben . . . Zeig Deine Hände, Jenny, zeig sie, Du thust mir einen Gefallen.

– Nun denn! da Du es willst, sagte sie.

Und sie streckte ihre beiden weißen, fleischigen, seinen und kleinen Hände, mit perlmutterfarbigen und rosigen Nägeln aus.

–– Es ist bei Gott wahr! rief der Haushofmeister aus, Hände einer Herzogin! . . . Mademoiselle Smith, ich mache Ihnen mein Compliment.

– Aber Sie ziehen Handschuhe an, um die Küche zu besorgen, meine liebe Kleine? fragte die Haushofmeisterin.

Indem sie hierauf auf etwas anderes überging. sagte sie:

Ah! ah! das ist hier das Eßzimmer? . . . Es ist sehr schlecht erleuchtet . . . Wahrlich, ich kenne nichts Traurigeres auf der Welt, als in einem dunkeln Zimmer zu essen! Freilich kann man die Läden zumachen und Kerzen anzünden. – Aber ich sehe bei Ihnen keinen Salon . . .

– Er wäre uns gänzlich unnöthig, Madame, sagte Jenny mit ihrer Engelssanftmuth; seit den verflossenen

drei Monaten, wo wir hier wohnen, ist Ihr Besuch, – für den wir sehr dankbar sind, Madame, – der einzige, den wir die Ehre gehabt haben zu empfangen . . . und wir werden vielleicht von Neuem drei Monate zubringen ohne einen andern zu erhalten.

– O! nicht doch, nicht doch! rief Herr Stiff aus, rechnen Sie darauf nicht! Ich empfinde ein zu großes Vergnügen an Ihrer Zufriedenheit und der des Herrn . . . Gut! da habe ich den Namen Ihres Gatten vergessen . . . Be . . . Be . . . Bi . . .

– Bemrode, Herr Haushofmeister, sagte ich.

– Ah! ja, Bemrode . . . Ich sage nochmals, der Name ist sonderbar.

– Aber, sagte Madame Stiff. Herr Bemrode hat wohl einen Ort, ein Kabinet, einen Winkel, wo er die schönen Predigten vorbereitet und verfaßt, welche die Bewunderung aller unserer Landleute erregen!?

– Ja, Madame, antwortete ich, ich habe einen Ort. . . und, wenn Sie ihn zu sehen wünschen, wie Sie den übrigen Theil des Hauses gesehen haben . . .

– Zuverlässig, vorausgesetzt, daß es nicht zu hoch ist . . . Ihre Treppe ist mit ihren abscheulichen Stufen ohne Teppich so steil !

– Beruhigen Sie sich, Madame, sagte ich zu ihr, der Weg, der Ihnen zurückzulegen übrig bleibt, wird Sie nicht ermüden.

Ich machte die Thür des ehemaligen Schlafzimmers der Witwe auf.

– Hier, sagte ich zu der Haushofmeisterin.

Sie trat zuerst ein, dann Jenny, dann Herr Stiff.

Während dieser Bewegung, und da ich mich verwunderte, daß Herr Stiff meine Frau zuerst hatte eintreten lassen, wandten sich meine Augen nach der Seite der Thür, und es schien mir, daß Herr Stiff Jenny leise einige Worte sagte, welche sie erröthen ließen.

Aber meine Aufmerksamkeit wurde auf der Stelle durch Madame Stiff abgelenkt, welche, indem sie sich meinem Schreibtische näherte, die Augen auf das für das Hochzeitsgedicht vorbereitete Blatt Papier warf.

– »An Jenny!« las sie; – denn, Sie werden sich dessen erinnern, mein lieber Petrus, der Titel war geschrieben —; an Jenny! was ist das?

– Nichts, Madame, nichts, rief ich aus, indem ich rasch das Blatt Papier ergriff, es zwischen meinen Fingern zusammenballte und in meine Tasche steckte.

Nachdem sie meiner Bewegung mit dem Blicke gefolgt war, erhob Madame Stiff den Kopf, und ihre Augen richteten sich auf das Gouache-Bild Jenny’s.

– Ah! ah! sagte sie, das ist eine hübsche Zeichnung.

– Das ist ein großes Glück, sagte ich in meinem Innern, daß sich hier etwas befindet, was ihrer Aufmerksamkeit würdig ist!

– Diese Zeichnung gefällt Ihnen, Madame, antwortete ich laut.

– Ja, äußerte sie. Kommen Sie doch zu sehen, Herr Stiff.

– Mit Vergnügen, Madame, sagte der Haushofmeister, aber Sie wissen, daß ich mich auf alle diese Narrenspossen nicht verstehe. . . Wie mir scheint, stellt das ein Haus mit einem jungen Frauenzimmer am Fenster vor?

Madame Stiff zuckte die Achseln, ohne sich darum zu bekümmern, ob ihr Gatte die geringschätzende Bewegung, welche ihr entschlüpfte, sähe oder nicht sähe.

– Und von wem ist diese Zeichnung? fragte sie.

– Von meiner Frau, Madame, sie stellt das Haus ihres Vaters und das Fenster vor, an welchem ich sie zum ersten Male erblickte.

– Ei! sagte die Frau Haushofmeisterin, wie kommt es, liebe Kleine, daß Sie, da Sie ein solches Talent besitzen, nicht Nutzen daraus ziehen, um sich in Ihrer Haushaltung zu helfen?

– Madame, antwortete Jenny, mein Vater hat mir alles das, was ich von der Malerei verstehe, als eine Zerstreuung, und nicht als ein Hilfsmittel gelehrt. Wenn uns indessen das Unglück erreichen sollte, so würde ich sehen, ob es mir nicht möglich wäre, woran ich zweifle, Nutzen aus meinem schwachen Talente zu ziehen.

Ich war wüthend. Seit meiner Ankunft hatten dieser Mann und diese Frau nur den Mund aufgethan, um uns unangenehme Dinge zu sagen.

Gerade in diesem Augenblicke kam man mir zu melden, daß die Leiche meines Verstorbenen in der Kirche angekommen wäre.

Zugleich erinnerte mich das dumpfe und langsame Läuten der Glocke daran, daß man mich erwartete.

Es wurde mir schwer das Haus zu verlassen, und meine Frau den Quälereien dieser beiden bösen Geister preiszugeben, so daß ich mir in meinem Innern sagte: Ich kann nicht helfen! möge der Vater Blum warten.

Und ich blieb da wie jene durstigen Wanderer, die in eine saure Frucht beißen, die, durch ihre Säure selbst reizend, sie antreibt, sie bis auf den letzten Bissen zu verzehren.

Madame Stiff hörte das Läuten der Glocke.

– Ah! ah! sagte sie, ist irgend Jemand in Ihrer Gemeinde gestorben?

– Ja, Madame, antwortete ich.

– Und Sie besorgen das Begräbniß?

– Ja, Madame.

– Gehen wir! Herr Stiff, wir dürfen Herrn Bemrode nicht abhalten, an seine Geschäfte zu gehen.

– Sie haben Recht, Madame, antwortete ich, um so mehr, als meine Geschäfte, die Geschäfte Gottes sind.

– O! Verzeihung, Verzeihung, sagte Herr Stiff, der die Nachricht von meiner Entfernung mit Freuden erhalten zu haben schien, es bleibt mir noch der Garten zu sehen übrig, und ich erlasse das der Mademoiselle Smith nicht.

– Wohlan! lassen Sie sich den Garten zeigen, mein lieber Herr, sagte Madame Stiff; ich bin ermüdet, und da ich hier einen ziemlich guten Sessel sehe, so werde ich mich ausruhen.

Und bei diesen Worten streckte sie sich in der Thal in einem Lehnsessel aus.

– Gehen Sie, fuhr sie fort, gehen Sie, und wenn Sie einige schöne Blumen finden, so machen Sie mir einen Strauß daraus; seitdem wir Chesterfield verlassen haben, bin ich ihrer entwöhnt.

– Wahr ist es, sagte Herr Stiff, daß wir aus dem Schlosse einen Gärtner haben, den wir mit fünfzig Pfund jährlich bezahlen, und daß der Schelm, einzig und allein mit seinem Kohl und seinen Rüben beschäftigt, niemals daran denken würde, Ihnen eine Rose zu bringen … Aber lassen Sie mich daran denken, Madame; jeden Morgen werden Sie bei Ihrem Aufstehen einen Strauß in Ihrem Boudoir finden, und das erste Mal, wo der Schelm ermangeln wird einen abzugeben, jage ich ihn fort! – Gehen wir, gehen wir! fuhr Herr Stiff fort, indem er meiner Frau galanter Weise den Arm bot, kommen Sie, mich Ihre wahre Herrschaft sehen zu lassen.

Jenny warf einen fragenden Blick auf mich.

– Liebe Freundin, sagte ich zu ihr, gieb Herrn Stiff Deinen Arm, und da mir einige Augenblicke übrig bleiben, so werde ich die Ehre haben, Euch auf Eurem Gange zu begleiten.

– O! Herr Bemrode. sagte Madame Stiff. das ist nicht artig! Sie sehen, daß ich allein bleibe, und Sie verlassen mich. . .

In diesem Augenblicke, und wie um mir eine Antwort zu ersparen, welche in der Geistesstimmung, in der ich mich befand, zuverlässig wenig artig für Madame Stiff gewesen wäre, ging die Thür auf, und der kleine Sohn eines Landmannes, der mir bei dem Gottesdienste half, trat mit den Worten ein:

– Herr Pastor, ich komme, Ihnen im Auftrage des Herrn Magisters zu melden, daß der Vater Blum sich langweilt.

– Wer ist der Vater Blum? fragte die Haushofmeisterin.

– Es ist der Gestorbene, Madame, antwortete der kleine Knabe.

Madame Stiff brach in ein Gelächter aus.

– Sie sehen wohl, Madame, sagte ich zu ihr, daß ich mit dem besten Willen von der Welt Sie verlassen muß. Ich muß, wie Sie sagten, an meine Geschäfte gehen.

– Gehen Sie, mein lieber Herr, gehen Sie! sagte Madame Stiff.

Indem sie hierauf den kleinen Knaben zu sich rief, begann sie wieder:

Nimm, mein Freund, hier ist eine halbe Krone für den hübschen Witz, den Du gemacht hast. . . Wäre es auch nur für diesen Witz da, so würde ich es nicht bedauern, gekommen zu sein.

Und sie gab dem entzückten Knaben ein kleines Goldstück.

Ich nahm mit Wuth im Herzen Abschied von Herrn und Madame Stiff, indem ich Madame Stiff in dem Lehnsessel liegend und Herrn Stiff meine Frau am Arme nach dem Garten fortziehend verließ.

– O! bei meiner Seele, rief ich aus, indem ich von meinem kleinen Knaben gefolgt, der vor Freude hüpfte und seine halbe Krone küßte, wieder den Weg nach der Kirche einschlug, das sind alberne und boshafte Leute!

IX.
Wie trotz meinem guten Willen, das Hochzeitsgedicht nicht für den folgenden Tag gemacht werden konnte

Ich war in der That, nicht von dem Gestorbenen, aber von seiner ganzen Familie, voller Ungeduld in der Kirche erwartet.

Zufolge der gewöhnlichen Einfachheit unseres protestantischen Ritus verrichtete ich die Todtengebete über dem Sarge; die Glocke läutete ihre letzten Trauertöne, und wir verließen die Kirche, um den Verschiedenen auf das Feld der Ruhe zu begleiten.

Als ich vor der Thür des Pfarrhauses vorüber kam, sah ich mit Vergnügen, daß Herr und Madame Stiff, bereit in den Wagen zu steigen, von meiner Frau Abschied nahmen.

Die Frau Haushofmeisterin machte mir mit ihrem Fächer ein Zeichen des Abschiedes, das sie mit einem seltsamen Lächeln begleitete.

Was Herrn Stiff anbelangt, so grüßte er Niemand, nicht einmal diese Majestät des Todes, die an ihm vorüberkam, und welche die Stirn der Lebendigen entblößt und ihre Knie beugt, so hoch sie auch stehen mögen.

An der Ecke des Platzes wandte ich den Kopf, und sah den Wagen, der sich in Bewegung setzte, indem er den Weg nach dem Schlosse einschlug.

Mein Herz erheiterte sich wieder, und indem ich immerhin den Trauerzug führte, kehrte ich in Gedanken zu meiner armen Jenny zurück.

Welcher Engel an Sanftmuth und Ergebung! mit welcher Kraft und mit welcher Geduld sie alle Demüthigungen dieser Emporkömmlinge ertrug!

Herr Stiff! aber was war denn Herr Stiff gewesen? Ein elender, durch die Gunst seines Herrn, dem er schimpfliche Dienste erwiesen hatte, zu der Stelle als Haushofmeister erhobener Bediente.

Mademoiselle Rogers! aber was war sie denn, bevor sie Madame Stiff wurde, was nach meiner Meinung eben nicht Großes war? Die Tochter eines Kaufmannes, der im Auslande gestorben war, weil er seine Verbindlichkeiten in seiner Heimath nicht hatte erfüllen können, eine von ihrer Mutter verzogene Tochter, die. wie man sagte, mehr als einmal die Freiheit mißbrauchte, welche ihr die alte Frau ließ.

Und das sind die Leute, welche Jenny und mich verachteten, die, wo sie in ihrem Schlosse bleiben konnten, wie wir in unserem Pfarrhause blieben, sich in unser Leben mischten, in unser, fern von ihnen, so ruhiges, so glückliches, so klares Leben, um es zu stören und zu betrüben!

Das waren die wenig christlichen Gedanken, die meinen Kopf erregten, als der Magister mich benachrichtigte, daß meine Geberden nicht die eines Pastors wären, der einen Todten nach seiner letzten Wohnung führt, sondern die von dem Anführer eines Aufstandes, der an der Spitze einer Zusammenrottung von Empörern marschirt.

Es scheint, mein lieber Petrus, daß meine Aufregung sich im Aeußeren durch dermaßen übertriebene Bewegungen der Arme und Rollen der Augen verrieth. daß sie mir den guten Rath des Magisters zugezogen hatte.

Die Warnung trug ihre Früchte, ich beruhigte mich. Außerdem hatten sich diese Leute entfernt, und ich hoffte, sie niemals wieder zu sehen. Ich ging daher meine schöne, meine gute, meine theure Jenny wieder aufzufinden, deren Geburtstag ich am folgenden Tage feiern sollte.

Das erinnerte mich an das Hochzeitsgedicht, das ich ihr zu Ehren machen wollte; und bei meiner Rückkehr von dem Friedhofe würde ich Gott sei Dank wohl die Zeit dazu haben.

Ich fühlte in meiner Tasche das zusammengeballte Blatt Papier, auf welchem Madame Stiff die Worte gelesen hatte: »An Jenny!« und dieses leise Rauschen des Papieres unter meinen Fingern reizte mir gräßlich die Nerven, indem es mich an den Besuch unsrer verhaßten Nachbarn erinnerte.

O mein lieber Petrus! glücklicher Weise rechnet Gott, der den Grund sieht, nicht die That an! Aber ich muß Ihnen sagen, daß niemals Jemand schlechter begraben wurde, als der arme Blum.

Ich hoffe, daß seine Seele, mir verziehen haben wird, indem sie die Martern meines Herzens sah.

Endlich, als die Gebete beendigt und das Grab wieder zugeworfen war, beeilte ich mich, von einem unermeßlichen Bedürfnisse angetrieben, Jenny wieder zu sehen und sie an mein Herz zu drücken, nach Haus zurückzukehren, als der Magister, der meine Eile mich zu entfernen sah, mir nacheilte.

Bei dem Geräusche seiner Schritte wandte ich mich.

– Nun, was giebt es noch. Magister? fragte ich ihn.

– Was es giebt? erwiederte er ein wenig verblüfft über den Ausdruck meiner Stimme, daß der Herr Pastor mir heute so zerstreut scheint, daß ich ihn an die Taufe des kleinen Peters erinnern möchte.

Ich schlug mich vor die Stirn. Es war wahr!

Ich hatte für denselben Tag eine Verheirathung, ein Begräbniß und eine Taufe.

– O! was den kleinen Peters anbetrifft, rief ich aus. so kann er einen Augenblick warten. Ich bin überzeugt, daß er gefrühstückt hat, und eher zwei Male, als eins, während ich, – ich ging vor den Kirchthurm und warf einen Blick darauf, – während ich ein Viertel auf drei Uhr noch nüchtern bin.

Der Grund schien dem Magister dermaßen triftig, daß er zum Zeichen der Zustimmung den Kopf verneigte und gleich mir wiederholte:

– Wahr ist es, daß der kleine Schelm warten kann. Nach dieser Versicherung schlug ich weit ruhiger den Weg nach dem Pfarrhause ein.

Ich fand dort Jenny. Auf den ersten Blick glaubte ich zu bemerken, daß eine Wolke von Traurigkeit ihr hübsches Gesicht verschleierte, aber als sie mich erblickte, verschwand diese Wolke, und sie kam mir mit offenen Armen entgegen.

Ich drückte sie an mein Herz. Es schien mir, als ob ich, ohne es zu sehen, an einem großen Unglücke vorüber gekommen wäre. Welches? Ich wußte es nicht; aber die Atmosphäre war mit jenem Fluidum erfüllt, welches traurige Ahnungen erregt.

Ich blickte um mich, wie als ob ich plötzlich den Schmerz im Trauergewande in einer Ecke sitzen sähe.

Glücklicher Weise war das Haus mit Ausnahme Jenny’s leer, bald, ich muß es gestehen, bevölkerte ihr. obgleich Anfangs ein wenig schmerzliches Lächeln es wieder; ihre Stimme schien das eingeschlafene Gefolge unserer süßen Träume und unserer zärtlichen Erinnerungen wieder zu erwecken. Ich athmete wieder freier und lächelte gleichfalls.

Wir setzten uns zu Tische. – O! wie köstlich mir dieses von den schönen Händen Jenny’s, diesen Händen, welche die der Madame Stiff hatten erröthen lassen, zubereitete Mahl schien! Wie dieses Zinn, das die Frau Haushofmeisterin im Vorbeigehen verächtlich angeblickt hatte, vor alle diesem, auf den Schenktischen in dem Speisesaale des Schlosses aufgehäuften Silbergeschirre den Vorzug zu verdienen schien!

Ich hatte die Taufe vergessen, wie ich das Begräbniß vergessen hatte, als der Magister kam mir zu sagen, der kleine Peters schreie dermaßen, daß es dringend nothwendig wäre, mit ihm ein Ende zu machen.

Es war augenscheinlich, daß je eher ich gehen würde, desto früher ich zurückgekehrt sein müßte. Ich machte daher keine Schwierigkeit. Ich umarmte Jenny; ich versprach ihr, in einigen Minuten wieder bei ihr zu sein, und eilte nach der Kirche.

Ein ziemlich kalter Empfang erwartete mich dort. Es war das zweite Mal an demselben Tage, daß ich mich verspätet hatte: die, denen Gott die Zeit mit karger Hand zugemessen hat, sehen es nicht gern, daß man sie dieselbe verlieren läßt.

Von meinen Widerwärtigkeiten unterrichtet, hätten meine Pfarrkinder mir zuverlässig verziehen, wenn sie jeden Falles dieselben hätten begreifen können.

Die Ceremonie der Taufe ging vor sich. Ich war freilich nicht ohne Zerstreuung, aber diese Zerstreuung wandte sich unmerklich auf einen andern Gegenstand. Diese vergnügte Mutter, dieser vor Freude strahlende Vater, diese beiden Zeugen, die mir ein Kind brachten, um es zum Christen zu machen, führten natürlicher Weise meine Gedanken zu weit lieblichem Bildern und weit lachenderen Gegenständen zurück. Ich sagte mir. daß wahrscheinlich eine Stunde kommen würde, in welcher Jenny und ich, mit unserem Kinde in den Armen, den guten Herrn Smith besuchten, um ihn zu bitten, für seinen Enkel das zu thun, was ich soeben für den jungen Peters gethan hatte.

Dieses Kind, von dem übrigens noch nicht die Rede war, möchte es nun ein Knabe oder ein Mädchen sein, würde in jedem Falle willkommen und besonders sehr geliebt sein.

Alle diese Gedanken machten, daß ich die Taufgebete mit einer Salbung hersagte, welche alle Anwesenden rührte. In dem Augenblicke, wo ich das Kreuz auf die Stirn des Kindes machte, das ich dem Herrn empfahl, erhob ich die Augen gen Himmel, und fühlte zwei Thränen in meinen Wimpern perlen.

– O Herr! Herr! flüsterte ich, wann wird an mir die Reihe sein, um Dir für diese neue Gunst zu danken, um die ich Dich von Grunde des Herzens bitte, mir ein Kind zu bewilligen, das so wie ich und nach mir Deinen heiligen Namen preiset? . . .

Und wie, als ob sie meinen Gedanken verstanden hätten, antworteten die Anwesenden: Amen!

Die Ceremonie war beendigt. Ich war endlich frei, und kehrte in dem Augenblicke nach dem Pfarrhause zurück, wo es vier Uhr Nachmittag schlug.

Ich fand dort Jenny wieder, und auf ihrem Gesichte denselben Schleier von Traurigkeit, den ich zwei Stunden vorher bereits bemerkt hatte. Glücklicher Weise verschwand dieser Schleier bei meinem Anblicke wie das erste Mal.

Ich war indessen besorgt genug, um sie zu befragen; aber bei den ersten Worten, die ich zu ihr sagte, lächelte sie, schlang ihre Arme um meinen Hals, sagte mir, daß ich ein Geisterseher wäre, und daß sie nicht wüßte, von welcher Traurigkeit ich sprechen wolle.

Die Ueberzeugung, daß sich irgend etwas Außerordentliches in dem Geiste oder in dem Herzen Jenny’s zutrüge, führte indessen meine Gedanken auf die Stiffs und auf ihren Besuch zurück, so daß, als ich in mein Studierzimmer trat, um mich wieder an mein Hochzeitsgedicht zu machen, ich mit diesen unglückseligen Personen, und nicht mit der wichtigen Arbeit beschäftigt war, die mir auszuführen übrig blieb.

Der Anblick des Ortes trug um so mehr dazu bei. meine Gedanken auf diesen einzigen Punkt zu heften, als der Lehnsessel neben mir stand, auf dem Madame Stiff sich ausgestreckt hatte, zu meiner Rechten sich die Gartenthür befand, durch welche Jenny und Herr Stiff hinausgegangen waren, und zu meiner Linken die Thür des Eßzimmers, durch welche ich selbst, wüthend, sie bei einander zu lassen, hinausgegangen war; eine Wuth, welche diese unbegreifliche Traurigkeit zu begründen schien, in welcher ich Jenny wiederfand.

Freilich hatte ich, wenn ich den Kopf erhob, die reizende Zeichnung vor Augen, welche das gesegnete kleine Haus, und an dem Fenster dieses Hauses meine geliebte Frau vorstellte; aber war diese Zeichnung, obgleich sie Jenny ein Compliment zuzog, nicht auch zu gleicher Zeit der Grund zu einer unangenehmen Aeußerung gewesen?

In meinem Innern und um mich herum sprach daher Alles von Haß, bis auf die Dinge, die von Liebe sprachen.

Da ich am Ende jene Beharrlichkeit des Willens hatte, die Sie an mir kennen, mein lieber Petrus, so beschloß ich, alle meine Zerstreuung zu überwinden, und mich ernstlich an mein Hochzeitsgedicht zu machen. – Es war beinahe sechs Uhr Abends, in einer Stunde würde Jenny mich zum Abendessen rufen; ich hatte immer bemerkt, daß mir nach meinen Mahlzeiten die Arbeit schwer und mühselig wurde. Ich sagte mir, daß es nicht genug wäre, den Himmel anzublicken, um dort Begeisterung zu suchen, und meine Stirn mit meiner linken Hand zu drücken, während die Rechte nur das flüchtige Versmaß aufzufassen suchte; ich ergriff die Feder wieder, und schrieb auf ein schönes weißes Blatt: »An Jenny!« Ich begann einen wahren Kampf mit der Muse.

Aber dieses Mal, wie immer, schien die Muse, die ein Weib ist, und die ihr höheres Wesen vielleicht noch launiger macht, als die anderen Frauen, über alle meine Bemühungen zu spotten. Statt mir lächelnd, mit der Liebe in den Augen und einem Rosenkranze auf der Stirn zu erscheinen, so wie es der Eingeberin sanfter, zarter und harmonischer Lieber geziemt, kurz so, wie sie Horaz erschien, als er Lydia besang. Tibullus, als er Delia besang und Propertius, als er Cinthia besang, sie erschien mir in einem rothen Gewande, mit strenger Stirn, mit einer Peitsche in der Hand, so wie sie Persius und Juvenal erschien. Vergebens sagte ich ihr in der am meisten poetischen Sprache, die ich zu finden vermochte: »Du bist es nicht, Muse Eumenide, welche ich verlange, sondern Deine Schwester, die blonde Erato. Ich habe die Tugenden eines jungen Mädchens, einer jungen Gattin zu besingen, die. wie ich wenigstens hoffe, bald eine junge Mutter werden wird; ich bedarf der weißen Schwanenfeder. nicht des ehernen Griffels, den Du mir reichst!« Die Muse ging nicht davon ab, ihre Stirn verfinsterte sich immer mehr; ihr Purpurgewand wurde schwarz, und ihre gewaltig in ihrer Hand geschwungene Peitsche zischte wie die der Erinnyen! O! wenn ich den Gegenstand hätte ändern wollen, wenn ich, statt eine liebliche und zärtliche Elegie zu machen, mich von dem Arme, der mich antrieb, hätte leiten lassen und mich in das Feld der Satire werfen wollen, Dornen, Disteln und Nesseln pflücken, statt Kornblumen, Immergrün und Lilien zu flechten; wenn ich statt die Tugenden Jenny’s zu besingen, mit beißenderen Spöttereien als die Regnier’s, Boileau’s und Pope’s, diesen gemeinen, Haushofmeister gewordenen Bedienten, dieses leichtsinnige, eine hochmüthige Gattin und geringschätzende Freundin gewordene Mädchen hätte verfolgen wollen, o! es scheint, daß mir dann die Worte, die Halbverse. sogar die Reime mit einem solchen Ueberflusse sich geboten haben würden, daß ich nur darunter zu wählen hätte! Für einfache, reimlose Verse, welche ich von der sanften Muse verlangte, waren es gereimte Verse mit verdoppelten Reimen, welche mir die schreckliche Muse bot. Einen Augenblick lang stand ich aus dem Punkte, mich von dem Hauche fortreißen zu lassen, der mich antrieb; einen Augenblick lang fing ich an zu glauben, daß ich mich bis dahin über mein Genie geirrt hätte, und daß mein wahrer Beruf der des satirischen Dichters wäre. Diese Peitsche, die sich in der Hand meiner mich begeisternden Muse befand, schien ganz natürlicher Weise in die meinige überzugehen; ihre Riemen verwandelten sich in giftige Schlangen; sie pfiff in meinen Händen, und ich hörte vergnügt und triumphirend das schmerzliche Geschrei des Haushofmeisters und seiner Frau: »Ah! ah! Du bittest um Gnade? Nein! es ist noch nicht genug! Noch mehr! noch mehr! noch mehr!. . .« Und ich machte die Geberde Jemandes, der schlägt, und meine Stimme stieg zu einer solchen Höhe, daß Jenny erschreckt eintrat, ohne daß ich sie sah, sich mir näherte, ohne daß ich sie gehört hatte, und meinen erhobenen, drohenden, siegreichen, und zum zehnten Male zuschlagenden Arm zurückhielt.

– Was hast Du denn, mein Freund, fragte sie mich, und auf wen schlägst Du so?

Und ihr Auge suchte vergebens den unsichtbaren Gegenstand meines Zornes.

Es bedurfte nichts Geringeren, als ihrer lieblichen Erscheinung. um diese Tochter der Nacht und des Acheron zu verjagen, die mich verfolgte. Bei Jenny’s Berührung, bei ihrem Anblicke, bei ihrer lieblichen Stimme, verschwand daher auch die Eumenide wie ein Schatten.

Anfangs meinte ich, daß, wenn Gott mir das satirische Genie gegeben hätte, – worin ich übrigens durchaus keinen Zweifel mehr setzte, – daß es nicht die Sache eines christlichen Pastors, das heißt eines Mannes, der damit beauftragt ist, Frieden und Eintracht zu predigen, wäre, sich solchen Eingebungen zu überlassen.

Nachher bedachte ich, daß, wenn ich mich ein Mal, aus Zufall und unter vielleicht verzeihlichen Umständen zu dieser Eingebung fortreißen ließe, ich eine Satire, und kein Hochzeitsgedicht machen würde. Nun aber bedurfte ich unter den Umständen, in welchen ich mich befand, eines Hochzeitsgedichtes und nicht einer Satire.

Endlich erinnerte ich mich der beiden, auf das auf meinem Schreibtische liegende Blatt Papier geschriebenen Worte: »An Jenny!« und ich sah ein. daß wenn Jenny sie läse, sie keiner großen Geistesanstrengung bedürfte, um zu errathen. daß ich mich damit beschäftigte, ihren Geburtstag zu feiern. Dann aber hätte keine Ueberraschung mehr stattfinden können, sobald sie das verstanden hätte.

Ich näherte mich daher geschickter Weise meinem Schreibtische, und während ich sie mit dem rechten Arme umschlungen und an meine Brust gedrückt hielt, bemächtigte ich mich mit der linken Hand des weißen Blattes, das ich allmählich zusammenrollte und wie das erste in meine Tasche steckte.

Die Stunde des Abendessens war gekommen, der Tisch war gedeckt, Jenny kam mich zu holen.

Ich folgte ihr, indem ich mein Hochzeitsgedicht auf die Nacht verschob.

Aber Sie werden zugeben, mein lieber Petrus, wie sehr unglücklich es war, daß das so lange unbekannte Genie, das mich mit seinem Hauche gequält hatte, das satirische Genie war, grade das, welches der einfache Mann, den Gott gewählt hatte, um aus ihm seinen Diener des Friedens, der Eintracht und der Liebe zu machen, wie den Löwen der heiligen Schrift weit von sich weisen mußte.

X.
Wie Herr Smith und nicht ich es war, der das Hochzeitsgedicht machte

Sie werden begreifen, mein lieber Petrus, daß. wenn ich trotz des Läugnens Jennys darauf beharrte zu glauben, daß ihr irgend ein trauriges Ereigniß zugestoßen wäre, von dem sie mir nicht hatte sprechen wollen, – sie von ihrer Seite trotz meines Läugnens fortfuhr zu glauben, ich sei mit irgend etwas ausschließlich beschäftigt.

Die Sache war von ihrer Seite um so natürlicher, als ihre Traurigkeit bei meinem Anblicke verschwunden war, während dagegen meine Zerstreuung bei ihrem Anblicke zunahm.

– Wie! sagte ich mir, indem ich sie anblickte und sie anhörte, wie, unglücklicher Williams! diese Augen, dieser Mund, dieses Lächeln, diese Stimme, diese zärtlichen Worte, Alles das flößt Dir nicht einen zärtlichen, sanften und anmuthigen Gesang wie diesem liebenswürdigen Wesen ein. das von dem Herrn erwählt ist, um Deine Wonne zu sein! Mit dieser Vereinigung von Vollkommenheiten vor Deinen Augen bleibst Du, der Dichter keuscher Liebe, stumm und machtlos?. . . Unglücklicher Williams, die Muse, die in Dir lebt, muß nicht allein der Genius, sondern auch noch der Dämon der Satire sein! Ah! wenn Du Dich diesem Dämon hingeben könntest, wie Du Archilochos und seine Jamben, Aristophanes und seine Lustspiele, Juvenal und seine Satiren weit hinter Dir zurücklassen würdest! Welches Glück es für alle diese Dichter ist, daß Du. statt in einer freien, unabhängigen Stellung zu sein, Pastor des Dorfes Ashbourn bist! welches Glück es besonders für Herrn und Madame Stiff ist, die Du zuverlässig dazu gebracht hättest sich zu hängen, wie sich der unglückliche Lykambos und die unglückliche Neobulea hängten, um den Versen des Dichters von Paros bis in die Hölle zu entfliehen!

Es ist leicht zu glauben, daß solche Gedanken, die wie die Wellen eines aufgeregten Meeres aus meinem Kopfe nach meinem Herzen rollten, meinem Gesichte keine große Ruhe und meinen Geberden keine große Anmuthigkeit verliehen. Meine Züge entstellten sich im Gegentheile von Zeit zu Zeit, und während meine linke Hand sich zusammenballte, bewegte meine rechte Hand den Löffel oder die Gabel, wie sie es ebenso mit einer Feder oder mit einem Dolche gemacht hätte.

Am Ende des Abendessens mußte Jenny wahrhaft besorgt sein. Während des ganzen Mahles hatte ich kein einziges Wort ausgesprochen, sondern bald hatte ich dumpf gebrummt und bald hatte ich undeutliche Ausrufe ausgestoßen.

Als wir vom Tische aufstanden. wollte Jenny wie gewöhnlich meinen Arm nehmen, um mit mir in den Straßen und um die Hecken des Dorfes herum unsern gewohnten Spaziergang zu machen; aber ich fühlte die Zeit mir zwischen den Fingern entschlüpfen; ich hatte nur noch einige Stunden vor mir, und jede Minute dieser Stunden war kostbar.

Indem ich zu lächeln mich bemühte, sagte ich daher zu Jenny, daß sie sich nicht über meine Zerstreutheit beunruhigen möchte, daß ich zu arbeiten hätte und in mein Studierzimmer zurückkehrte.

Aber ich habe Ihnen von der Schwierigkeit der Arbeit gesprochen, mein lieber Petrus, die ich nach meinen Mahlzeiten empfand; da ich aus Zerstreuung viel gegessen hatte, so wurde diese Schwierigkeit noch viel größer als gewöhnlich. Ich hatte nur die Kraft, oben auf ein drittes Blatt Papier zu schreiben: »An Jenny! Hochzeitsgedicht aus Veranlassung Ihres Geburtstages,« und indem ich durch eine physische Erscheinung, die nicht selten ist, von der höchsten Aufregung zu der vollständigsten Schwache überging, die außerdem durch die Beschwerden und die Gemüthserschütterungen des Tages sehr gerechtfertigt war, ließ ich meinen Kopf auf den Schreibtisch sinken und schlief ein.

Mein Schlaf war Anfangs schwer, wie der eines Betrunkenen, denn wie ich gesagt, diese meinem ermüdeten Körper so nothwendige Ruhe war nicht Schlaf, sie war Hinfälligkeit. Wie lange diese Dunkelheit meiner Sinne, diese Nacht meiner Seele dauerte, vermöchte ich nicht zu sagen; aber endlich drang ein Schimmer in diese Finsterniß; ich fühlte mich wieder in dem phantastischen Leben des Traumes erwachen; die Idee, welche meine Gedanken den ganzen Tag über beschäftigt hatte, durch die geheimnißvollen Fäden des Verstandes mit meinem Schlafe verknüpft, schien mich wieder zu finden, nachdem sie mich verloren hatte, denn man gehört bei weitem mehr der Idee an, als die Idee uns angehört. Sie erschien wie ein lichtvoller und wachsender Punkt an dem Horizonte; sie hielt eine Fackel in der Hand, welche einen unermeßlichen Kreis um sie herum erleuchtete. Ihr Costüm war das der Muse, die ich den ganzen Tag über beschworen hatte, die mich den ganzen Tag über geflohen, und die gleich einer launischen Geliebten, nachdem sie sich von ihrem Anbeter entfernt, zu der Stunde zurückkehrt, wo dieser sie am wenigsten erwartet, und in dem Maße, als sie sich mir näherte, in dem Maße als ihr von der Fackel, die sie trug, erleuchtetes Gesicht sichtbarer wurde, erkannte ich voller Erstaunen, daß diese Muse Jenny wie eine Schwester glich. Sie schritt lächelnd heran, ich empfing.sie mit einem Lächeln; sie legte ihre rechte Hand auf meine Schulter, und indem sie mit ihrer Fackel daß weiße Blatt Papier erleuchtete, sagte sie zu mir: – Dichter, ich bin die Muse, die Du den ganzen Tag über vergebens beschworen hast; ich habe Mitleid mit Deiner Mühe gehabt, und ich bin zu Dir gekommen. Schreib, ich will dictiren.

Und ich sah, daß diese Ähnlichkeit, welche zwischen den Zügen der Muse und denen Jenny’s bestand, auch in ihrer Stimme vorhanden wäre.

Dann begann sie in der That mit jener sanften und ergreifenden Stimme, die jedes Mal, wo Jenny sprach, meinem Ohre eine Musik war, mir Strophen zu dictiren, die ich niederschrieb, indem ich der Erhabenheit ihres Gedankens und der Reinheit ihrer Form meinen Beifall zollte.

Bei dem letzten Worte der letzten Strophe war meine Begeisterung so groß, daß ich meine beiden Arme der Muse entgegenstreckte, welche, statt über diese Liebkosungen zu erschrecken, ihr Gesicht dem meinigen näherte, und ihre Lippen auf meine Stirn drückte.

Dieser Kuß enthielt eine solche Empfindung von Wirklichkeit, daß er mich erweckte.

Ich schlug die Augen auf.

Die Muse war Jenny selbst, die, besorgt, mich nicht mehr sprechen, mich bewegen, kurz leben zu hören, die Thür aufgemacht hatte, mich eingeschlafen gesehen, und mit ihrer Lampe in der Hand sich mir genähert hatte.

Jetzt, mein lieber Petrus, Sie, der Sie ein großer Magister der Philosophie sind, sagen Sie mir, welche geheimnißvolle Verbindung der entgegengesetztesten Dinge, das Wachen und der Schlaf, die Täuschung und die Wirklichkeit, hatte diese innige Verbindung geknüpft, die aus meinem Traume ein lebendiges Gedicht gemacht, dessen Entwickelung die Muse und Jenny, die Göttin und das Weib, in eine einzige verschmolz.

– O! Du bist es. Du bist es, meine Jenny, rief ich aus, sei willkommen im Schlafe wie im Wachen, im Traume wie in der Wirklichkeit!

Plötzlich erinnerte ich mich des Blattes, auf welches ich geschrieben hatte: »An Jenny! Hochzeitsgedicht auf Veranlassung ihres Geburtstages;« dann unter diesen Worten die Verse, welche die Muse mir dictirt hatte.

Das Blatt war verschwunden.

Alles war dermaßen in meinem Kopfe verworren, daß, da ich das Blatt nicht an dem Platze sah. wo es sein mußte, ich mich fragte, ob es jemals da gewesen wäre.

Indem ich meine Gedanken einen Augenblick lang auf diesen Gegenstand heftete, war ich zuvörderst genöthigt mir zu gestehen, daß die Verse, welche ich geschrieben zu haben glaubte, zu dem Traume gehörten, da die Wirklichkeit Jenny, und nicht die Muse war.

Nun war aber keine Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß Jenny mir selbst die Verse dictirt hätte, welche die Bestimmung hatten, ihr eine Ueberraschung zu bereiten.

Sobald diese Verse nicht bestanden hatten, so war der Glaube verringert, daß das Blatt bestände, auf welches ich mir eingebildet hatte sie zu schreiben; ich konnte das Blatt und seinen Titel geträumt haben, wie ich das Uebrige geträumt hatte. Die beiden ersten, nacheinander dazu vorbereiteten Blätter. um die Verse darauf zu schreiben, die ich zu machen gedachte, bestanden, da ich das eine davon in meiner rechten Tasche, und das andere in meiner linken Tasche hatte; aber, wenn ich das dritte nicht wieder fand, so war das ein Beweis, daß es niemals bestanden hätte.

Und es war ein großes Glück, daß es niemals bestanden hatte, weil sonst Jenny, die während meines Schlafes eingetreten war, dieses Blatt gesehen, seine Aufschrift gelesen, und dann keine Ueberraschung für sie mehr Statt gefunden haben würde, – denn ich gedachte immer noch, ihr diese Ueberraschung am folgenden Morgen zu machen. Die Verse, welche ich während meines Schlafes gemacht, waren meinem Geiste dermaßen gegenwärtig, daß ich am folgenden Tage kaum eine halbe Stunde nöthig haben würde, um sie auf das Papier niederzuschreiben. Nun aber wollte ich mit dem frühen Morgen aufstehen, und Jenny würde bei ihrem Erwachen ihr Hochzeitsgedicht erhalten.

Ich folgte ihr also, überzeugt, daß das Blatt, das ich vorbereitet zu haben glaubte, nur in meiner Einbildungskraft bestanden hätte.

Theure Jenny! sie ahnte nichts, wie es mir wenigstens schien, denn sie sagte mir kein Wort weder von meinen Zerstreutheiten des Tages, noch von den Befürchtungen, die sie einen Augenblick lang gehabt hatte, daß ich den Verstand verlieren möchte.

Am folgenden Morgen stand ich mit dem Grauen des Tages auf, aber, welche Vorsicht ich auch anwenden mochte, ich weckte Jenny. Ich umarmte meine Innig geliebte, ohne ihr zu sagen, daß der Kuß, den ich ihr gab, nicht ein alltäglicher Kuß, sondern auch noch ein Geburtstagskuß wäre; ich zog meinen Schlafrock an und ging hinunter.

In diesem Augenblicke schien es mir, als ob ich Geräusch im Eßzimmer hörte. Wer konnte dieses Geräusch machen? Die Tochter des Magisters hatte allein den Schlüssel zu dem Pfarrhause, aber es war kaum Tag, und sie kam niemals so frühzeitig. Ich ging daher auf den Zehen hinunter, indem ich nicht recht wußte, mit wem ich zu thun haben würde, und in dem Maße, als ich weiter kam, immer mehr überzeugt, daß sich Fremde in dem Hause befänden. Auf der letzten Stufe angelangt, blieb kein Zweifel mehr übrig: das Geräusch war ganz deutlich; ich schlich mich hinter die Glasthür, die von der Treppe in das Eßzimmer ging, und erblickte den Magister und seine Tochter damit beschäftigt, ein Klavier zwischen die beiden Fenster zu stellen.

Das war eine Ueberraschung, welche man Jenny bereitete.

Aber wer bereitete ihr diese Ueberraschung?

Ich weiß es nicht, welche sonderbare Idee mir durch den Kopf ging, daß es ein Geschenk von dem Haushofmeister wäre.

Dieser abgeschmackte Gedanke machte, daß ich rasch eintrat, ohne irgend eine Vorsicht zu treffen. In ihrer Arbeit unterbrochen, wandten der Magister und seine Tochter sich schnell um.

– Ah! ah! Sie sind es? sagte ich mit ziemlich strenger Miene zu ihnen.

– Still! Herr Bemrode, äußerte der Schulmeister, indem er den Finger auf seinen Mund legte; still doch!

– Was ist das? fragte ich. indem ich auf das Möbel deutete, mit dessen Aufstellung sie beschäftigt waren.

– Sie sehen es wohl, es ist ein Klavier.

– Ohne Zweifel, ich sehe wohl, daß es ein Klavier ist, aber was bedeutet dieses Klavier?

– Eine Ueberraschung . . . still! und der Magister legte den Finger wieder geheimnißvoller Weise auf seinen Mund, während seine Tochter lächelte.

– Aber für wen ist diese Ueberraschung?

– Ei, für Madame Bemrode.

– Für Madame Bemrode, es sei, aber Wer bereitet ihr diese Ueberraschung?

– Sie errathen es nicht?

– Nein, und Sie werden mit sogar einen Gefallen erzeigen, wenn Sie mich nicht länger errathen lassen, wer meiner Frau dieses Geschenk anbietet.

– Aber wer sollte es denn sein, Herr Bemrode, wenn es nicht ihr Vater wäre?

– Wie, rief ich aus, Herr Smith! . . Herr Smith ist es, der seiner Tochter das Klavier schenkt?

– Gestern Abend ist das Instrument aus der Stadt angekommen. Herr Smith hat es direct zu mir mit der Anempfehlung gesandt, es hier aufzustellen, während Sie noch schliefen, damit Madame Bemrode bei ihrem Erwachen es ganz aufgestellt, ganz offen, mit dieser Musik da auf seinem Pulte fände. . . weil es heute der Geburtstag der Madame Bemrode ist . . . still!. . .

– Ich weiß es wohl, äußerte ich, aber was ist es für eine Musik?

– Es ist die Musik einer Romanze, welche Herr Smith für seine Tochter gemacht.

– Wie, für seine Tochter! rief ich ein wenig verdrießlich aus; Herr Smith ist also Dichter?

– Dichter und Musiker, mit Ihrer Erlaubniß. Herr Bemrode,. . . Worte und Musik sind von ihm.

– O guter Vater! rief eine Stimme hinter mir.

Ich wandte mich um. Es war Jenny, die gleichfalls hinuntergegangen war, und, an der Thür angekommen, die die letzten von uns gesagten Worte gehört hatte.

– Ah! äußerte ich. Du bist es. . .

Hierauf sagte ich mit einer Regung, durch welche, ich gestehe es, mein lieber Petrus, ein wenig üble Laune durchblickte:

– Sieh hier, was Dir Dein Vater sendet, ein Klavier und eine Romanze! Der Magister fügte hinzu, daß die Worte und die Musik von ihm sind.

– Und auf welche Veranlassung sendet mir mein Vater das? fragte Jenny lächelnd, indem sie mir ihre Stirn zum Kusse reichte.

– Auf Veranlassung Deines Geburtstages, meine theure Jenny, antwortete ich gleichfalls lächelnd und jeden bösen Gedanken vergessend, denn es ist heute Dein Geburtstag, ich wußte es, obgleich ich Dir weder Klavier noch Musik, noch Romanze gebe. . .

– Du, mein lieber Williams, sagte Jenny mit einem liebenswürdigen Ausdrucke von Zärtlichkeit, Du giebst mir Deine Liebe, Du giebst mir das Glück. . . Was willst Du mir denn mehr geben, mein Gott! und was habe ich denn mehr von dem Herrn zu verlangen, als daß er geruht, mir alle die Güter zu erhalten, mit denen er mich überhäuft, und die ich nicht verdiene!

Und sie erhob ihre beiden schönen himmelblauen Augen und ihre beiden weißen und rosigen Arme gen Himmel, die ich glühend küßte, während sie leise ein Gebet verrichtete.

Dann, wie ein Kind, das begierig ist, das zu genießen, was man ihm so eben geschenkt hat, rief sie aus, indem sie vor Freude hüpfte:

– Ah! welches hübsche Klavier, und wie unendlich gütig mein Vater ist!. . . Sehen wir, ob das Klavier eben so gut, als schön, ist.

Und auf der Stelle eilten ihre Finger mit der Sicherheit, der Leichtigkeit und der Gewandtheit eines Künstlers über die Tasten des Instruments, und entlockten ihm einen glänzenden und harmonischen Accord.

Ich blieb auf das Höchste erstaunt. Kaum halte ich Herrn und Madame Smith von Jenny’s musikalischem Talente sprechen hören, und jetzt erkannte ich bei den ersten Noten eine vollendete Klavierspielerin.

– Aber, sagte ich zu ihr, theure Jenny, was das sonderbar ist! . . .

– Was denn? fragte sie, indem sie sich nach mir umwandte.

– Ohne Zweifel, als Du mir die Verse Gray’s hersagtest, hast Du mir bewiesen, daß Du Dichterin wärest; als Du mir diese reizende Ansicht des kleinen Hauses schenktest, hast Du mir bewiesen, daß Du Malerin wärest; und heute beweisest Du mir durch einen einzigen Accord, daß Du musikalisch bist! Aber sag mir doch, wie kommt es, daß Du Alles das warest, und daß ich nichts davon wußte? Waren es auch Ueberraschungen, welche Du mir bereiten wolltest?

– Höre mich an, sagte Jenny zu mir, Du erinnerst Dich jenes denkwürdigen Tages, an welchem meine Mutter eine Stadtdame aus mir gemacht hatte, statt mich zu lassen, wie ich war, das heißt, ein gutes Landmädchen?

– Ja. . . eines glücklichen Tages, von welchem sich die Tage meines Glückes zählen!

– Nun denn! Poesie. Malerei und Musik waren die verdeckten Batterien, welche jede um die Wette spielen sollten, um Herrn Williams Bemrode zu zwingen, sich auf Gnade oder Ungnade seinem Besieger, Mademoiselle Jenny Smith, zu überliefern. Aber bei dem Anfange des Kampfes hat Herr Williams Bemrode durch eine unerwartete List den ganzen Schlachtplan vereitelt, und ich fürchte sehr, daß vor Ablauf des Tages er der Siegreiche und Mademoiselle Smith die Besiegte war; eine glückliche Niederlage, auf die ich weit stolzer als auf einen Sieg bin, da ich meiner Demuth. meiner Schwäche Deine Liebe verdankt habe! Wozu nutzt es nun aber, lieber Williams, sobald Du mich so liebtest, wie ich war, daß ich anders zu sein suchte? Ich bin und werde immer nur Das sein, was Du willst, das ich bin. Ein Friedhof, auf den Du mich geführt hast, hat mich an die Verse Gray’s erinnert, und ich habe diese Verse hergesagt; ein Wunsch, den Du mir ausgedrückt hast, hat mir den Pinsel wieder in die Hand gegeben, und ich habe Dir die Landschaft gemalt, welche Du wünschtest; ein unerwartetes Geschenk meines Vaters hat die Tasten eines Klaviers unter meine Finger geführt, meine Finger sind natürlicher Weise auf die Tasten niedergesunken, und haben ihnen den Accord entlockt, den Du so eben gehört hast. . . Gefällt es Dir jetzt, mein lieber Williams, daß ich eine gute, recht einfache, recht unwissende Hausfrau bin? Ich vergesse die Verse, ich stelle den Farbenkasten wieder in seinen Schrank und schließe das Klavier, und es ist weder von Dichtkunst, noch von Malern, noch von Musik mehr die Rede. Willst Du das? sprich, und es wird auf der Stelle ausgeführt werden.

Ich drückte Jenny an meine Brust.

– O! nein nein, sagte ich zu ihr, bleib so, wie die Natur und die Erziehung Dich geschaffen haben, theure Jenny! Baum meiner Wonne, ich würde zuviel verlieren, wenn der Wind Dir ein Blatt raubte, oder wenn die Sonne Dir eine Blume verwelkte!. . . Und sehen wir jetzt die Musik und die Verse des Herrn Smith.

Ich gestehe Ihnen, mein lieber Petrus, daß ich diese Worte mit einem gewissen Spotte sagte. Ich war neugierig, Musik und Verse eines Dorfpastors zu hören, als ob ich selbst etwas anderes gewesen wäre, als ein einfacher und geringer Pastor.

Aber, wie ich Ihnen gesagt, jeder hat seine Lieblingssünde, und ich fürchte sehr, daß die meinige der Stolz ist.

XI.
Der Geburtstag

Der Arie ging ein Ritornell voraus; Jenny begann dieses Ritornell und führte es mit vollkommener Genauigkeit aus; wahrlich, sie war eine vortreffliche Klavierspielerin.

Hierauf kamen die Verse, und ihr Mund öffnete sich, um liebliche, harmonisehe und klare Töne hervorgehen zu lassen. Bei Jenny fand der Dichter dieselben Vortheile, als der Musiker; ebenso wie keine Note weggelassen war, war kein Wort verloren.

Zu meinem großen Erstaunen war die Musik, obgleich einfach, dennoch gelehrt, ein wenig nach Art der alten deutschen Musik. Was die Worte anbetrifft, so muß ich gestehen, mein lieber Petrus, daß sie reizend waren.

Es war eine Art von Fabel mit dem Titel: Der Baum und die Blume. Eine alte entlaubte Eiche ertheilte einer jungen, unter ihrem Laube gebornen Rose, die sie bis dahin gegen Sturm und Sonne geschützt hatte, ihren Rath, weil sie fühlte, daß sie bald unter der Axt jenes schrecklichen Holzhauers fallen würde, den man den Tod nennt, und deutete der armen verwaisten Blume an. wie sie würde beten müssen, wenn sie nicht mehr da wäre.

In dem Maße, als ich von dem ersten Verse zu dem zweiten, von dem zweiten zu dem dritten überging, senkte ich den Kopf, denn ich fühlte, wie natürlich sich Alles entwickelte. Diese drei Verse hatten dem guten Herrn Smith kaum eine Stunde Arbeit kosten müssen, während ich, der ich ein Kunstwerk hatte machen, das Antike mit dem Modernen, die Lyrik mit der Elegie vereinigen wollen, drei Tage lang gearbeitet und nichts zu Stande gebracht hatte.

Als Jenny geendigt hatte, als die letzte Silbe des Liedes mit der letzten Note des Ritornell verhallt war, wandte sich daher auch Jenny nach mir, um zu sehen, was aus mir geworden sei, da sie ohne Zweifel mein Schweigen nicht begriff.

Ich war sehr gedankenvoll geworden; ich hatte die Arme übereinander geschlagen und den Kopf gesenkt.

– Nun! mein Freund, fragte sie mich besorgt, was hast Du denn?

Ich schüttelte den Kopf wie Jemand, den man aus einem Traume erweckt.

– Was ich habe, meine theure Jenny, antwortete ich, ist, daß ich glaube, ich bin ein Dummkopf.

Jenny lächelte. – Du, mein Williams, sagte sie, Du, von dem mein Vater sagt, daß er so gelehrt sei?

– Wohlan! es sei; aber mit aller meiner Wissenschaft mache ich nur Albernheiten, Jenny . . . Dein Vater hat Dir ein Klavier geschenkt; wenn ich Dir auch eines hätte schenken wollen, so wäre es mir doch unmöglich gewesen.

– Mein Theurer, rief Jenny aus, was hast Du denn da?

– Laß mich aussprechen . . . Aber Dein Vater hat Dir eine Romanze gemacht. . . Musik und Worte. Ich bin nicht musikalisch; ich konnte also wieder die Musik nicht machen, die er componirt hat. Aber am Ende bin ich Dichter – satirischer Dichter, wie es unglücklicher Weise scheint – ich konnte Dir also Verse machen. Nun denn! ich habe allen meinen Muth zusammengenommen, ich habe es versucht. . .

– O! ich weiß es! sagte Jenny.

– Wie, Du weißt es? rief ich aus.

– Ohne Zweifel. . . Gestern Abend, oder vielmehr heute Nacht, als ich in Dein Zimmer eintrat und Dich vor Ermüdung eingeschlafen fand, hattest Du vor Dir auf Deinem Schreibtische ein Blatt Papier, auf welchem die Worte geschrieben standen: »An Jenny! Hochzeitsgedicht auf Veranlassung ihres Geburtstages«. . .

Ich stieß einen Seufzer aus.

– Ich hatte mich also nicht geirrt, flüsterte ich, und dieses Blatt Papier bestand wirklich! . . .

– Ja, wirklich und sehr glücklicher Weise, mein lieber Williams, denn dieses Blatt deutete mir an, daß ich die Ursache der Zerstreuung wäre, in der Du Dich den ganzen Tag über befunden hattest.

– O! ja, ja, rief ich aus, Du meine Jenny, und ein Wenig auch dieser elende Stiff! . . . O! wenn die Natur einen elegischen Dichter aus mir gemacht hätte, statt einen satirischen, o! Jenny, welches Hochzeitsgedicht Du heute Morgen bei Deinem Erwachen gefunden haben würdest!

– Habe ich es nicht in der That gefunden, mein geliebter Williams, sagte Jenny, und glaubst Du nicht, daß ich auf diesem weißen Blatte alle die Liebe lese, die Dein Herz darauf ausschütten, alle die Blumen, welche Dein Verstand darauf ausstreuen wollte?

Sie zog dies Blatt Papier aus ihrem Busen, das mich am Abend vorher so sehr beschäftigt hatte.

– Hier, sagte sie, siehst Du dieses Blatt . . .

Ich sah und erkannte es in der That.

– Für Jedermann ist dieses Blatt weiß und sagt nichts, fuhr sie fort, aber für mich ist es ganz beredtsam, voller Versprechungen, mit zärtlichen Betheurungen und süßen Danksagungen bedeckt . . . Siehst Du, dieses Blatt ist der in Blanco unterzeichnete Contract unseres Glückes; es ist mehr, als Deine Feder mir zu geben vermochte, an genommen, daß Deine Feder Alles das geschrieben hätte, was Dein Herz Deiner Einbildungskraft dictirte.

– Ach! Jenny! Jenny! rief ich ganz beschämt darüber aus, daß ich neben ihr so wenig werth war, von uns beiden bist Du der wahre Dichter, und ich bin überzeugt, daß, wenn Du wolltest, die Worte Deiner Feder eben so wenig fehlen würden, als die Deinen Lippen und Deinem Herzen nicht fehlen.

Und ich schloß sie in meine Arme und erhob die Augen gen Himmel, um ihm für das Geschenk zu danken, das er mir gemacht hatte.

– Ah! bravo! Bravo! Bemrode, sagte eine von der Thür kommende Stimme, so sehe ich es gern, daß man einen Geburtstag feiert!

Ich wandte mich rasch um.

Es war Herr Smith, der sich mit Tagesanbruch auf den Weg gemacht hatte, und der von seiner Frau begleitet ankam, um diesen schönen Tag mit uns zu feiern.

Jenny lächelte ohne sich umzuwenden; sie hatte die Stimme ihres Vaters erkannt.

Aber sobald ich meine Arme geöffnet, die ihren Leib umschlungen hielten, eilte sie auf ihn und auf ihre Mutter zu.

Diese war es, welche sie zuerst umarmte.

– Theure Mutter, sagte sie, danke dem Vater in meinem Namen für das schöne Geschenk, das er mir gemacht hat, und das ich bei meinem Erwachen gefunden habe.

Die gute Madame Smith, welche Alles das fühlte, was an Zartgefühl von Seiten ihrer Tochter darin lag, sie zum Dolmetscher ihrer Dankbarkeit bei ihrem Gatten zu machen, stammelte diesem letzteren einige Worte mit Augen voller Thränen.

– Theurer Vater, sagte Jenny nun auch, indem sie wie ein Kind ihre beiden Arme um den Hals des Greises schlang, welche schönen Verse, welche reizende Musik, Sie mir gesandt haben! und wenn Sie wüßten, wie gut ich Alles das an diesem herrlichen Klavier gesungen habe! – Kommen Sie her, und Sie werden sehen.

Und sie zog ihn bei der Hand zum Piano.

Hierauf setzte sie sich, und dieses Mal begann sie mit noch mehr Sicherheit, als sie es im Augenblick vorher gethan hatte, mit ihrer frischen und wie die eines Vogels lieblichen Stimme die Noten und die Worte.

Aber sie vermochte nicht zu endigen: bei dem dritten Verse erstickten sie das Schluchzen und die Thränen, die aus ihren Augen rollten; sie spielte endlich die Melodie, aber aus dem Gedächtnisse und mit zurückgeworfenem Kopfe, indem sie unter den reizendsten Thränen, die sie vielleicht in ihrem Leben vergossen hatte, flüsterte:

– Mein Vater! mein guter Vater!

– Ja, ja, meine Kleine, sagte dieser, Du hast geglaubt, Deinen alten Vater dadurch zu erwischen, daß Du thatest, als ob Du die Musik verachtetest; aber er, der sein Kind kennt, erräth Alles, und besonders das Herz seiner Tochter. . . er weiß, daß Du die Musik leidenschaftlich liebst; daß Du Dein altes Klavier nicht von mir verlangt hast, weil Du weißt, daß es ein alter Freund von mir ist, und eben nur wir uns mit einander verständigen können. Du hast Dir gesagt: Ein Klavier ist sehr theuer, meine armen Eltern haben Alles gethan, was sie vermochten, als sie mich verheiratheten; mein lieber Bemrode, dem sein Genie ohne Zweifel eines Tages ein Vermögen erwerben wird, ist ein noch unbekanntes Genie: ich will daher bei Bemrode scheinen, als ob ich die Musik nicht verstehe; ich will daher bei meinem guten alten Vater scheinen, als ob ich mich nicht um sie bekümmere. Und als dieser gute Vater zu seiner Tochter sagte: »Wie fängst Du es an, Jenny, um die Musik zu entbehren?« antwortest Du: »Lieber Vater, die Mutter sagt die Wahrheit, wenn sie sagt, daß die Poesie, die Malerei und die Musik, alles Das nicht die Sache einer verheiratheten Frau sei.« Ja, ja, das ist schön und gut, aber ich langweilte mich am Ende, meine Schülerin nicht mehr zu hören. . . Nun denn! ich habe sie gehört, und ich sehe, daß sie nichts vergessen hat. . . Umarmen Sie mich, Madame, – von nun an werden wir Musik bei dem Vater und bei dem Gatten haben.

Jenny ließ sich von ihrem Stichle zu den Füßen ihres Vaters gleiten, und umschlang die Knie des Greises, der sie rasch wieder aufhob und sie an sein Herz drückte.

O mein lieber Petrus! unsere irdische und materielle Liebe des Gatten für die Frau ist ohne Zweifel etwas sehr Süßes, und in Bezug auf die Natur ein Gefühl ganz nach dem Herzen Gottes; aber die kindliche Liebe, die natürliche Liebe, ah! das ist die wahre Liebe der Engel! und sie läßt die andere ebenso weit hinter sich, als jene schönen, unwandelbaren und von ihrem eignen Lichte erleuchteten Gestirne, die am Himmel glänzen, unseren armen kleinen Planeten hinter sich zurücklassen, der sich in einem Winkel dreht und bewegt, indem er kümmerlicher Weise das Licht von der Sonne erhält.

Aber ich vergesse, mein lieber Petrus, daß ich Ihnen da von einer doppelten Liebe spreche, von der Sie keinen Begriff haben können, da Sie Junggesell sind, und niemals eine andere Frau als die Philosophie, und eine andere Tochter, als die Wissenschaft gehabt haben.

Madame Smith führte Jenny fort.

Es giebt einen Moment, in welchem man die süßesten Gemüthsbewegungen unterbrechen muß; wenn sie weiter gingen, so würden sie bis zu dem Schmerze führen. Das kommt daher, mein lieber Petrus, weil die Freude und die Glückseligkeit nur etwas wie ein über die Oberfläche unseres Herzens ausgebreiteter Firniß sind. Forschen Sie weiter, und Sie werden bei jedem Menschen jene Quelle des Schmerzes finden, aus deren Tiefe beständig Thränen aufsteigen!

Dann hat eine Mutter ihrer Tochter immer so Vieles zu sagen, wenn ihre Tochter seit drei Monaten verheirathet ist!

Unglücklicher Weise, mein lieber Petrus, konnte Jenny ihr diese wichtige Neuigkeit noch nicht melden, von welcher junge Töchter ihren Müttern mit so vieler Freude erzählen, und ich fange in Wahrheit an zu fürchten, daß es mit einem Sprößling meines Geschlechtes wie mit allen den großen Werken sein möchte, deren Titel ich in einem Augenblicke der Begeisterung niedergeschrieben habe, die aber mit Ausnahme dieses Titels, dem Zeugnisse meiner guten Absicht, alle unausgeführt geblieben sind.

Dem wird geschehen, wie es Gott gefällt; einstweilen steht der Titel von diesem da, wie von dem andern geschrieben.

Wenn es eine Tochter ist, so wird sie Jenny Wilhelmine heißen; wenn es ein Knabe ist. so wird er John Williams heißen. Von welchem Geschlechte daher das Kind auch sein möge, unsere beiden im Kreuze auf seine Stirn geschriebenen Namen werden es beschützen.

Jedoch habe ich vielleicht Unrecht gehabt, im Voraus Namen für unsere armen Kinder zu suchen; vielleicht ist es das, was ihnen Unglück bringt. . .

Ich unterhielt mich sehr ruhig mit Herrn Smith, als plötzlich Jenny bleich, erschüttert, aufgeregt wieder eintrat.

– O mein guter, mein vortrefflicher Vater! rief sie aus.

Und sie umarmte ihn weinend, ohne mehr sagen zu können.

Madame Smith folgte Jenny, indem sie gleichfalls eine Thräne in ihrem Auge trocknete.

Ich glaubte Anfangs an wirkliches Unglück.

Ich stand auf.

– Mein Gott! fragte ich, was giebt es, und was hat sich zugetragen.

– Nichts, mein lieber Bemrode, durchaus nichts, sagte der Pastor, indem er halb die Achseln zuckte und seine Frau mit einer Miene des Vorwurfs anblickte, während Jenny fortfuhr zu flüstern: » Guter Vater! Theurer Vater!«

– Aber, indessen. . . fragte ich nochmals.

– Beruhigen Sie sich, hören Sie, was es giebt: Madame Smith hat Ihren Mund nicht halten können; Madame Smith hat geplaudert, und Jenny weint. . . Pfui, Schwätzerin! pfui!

– Aber am Ende, fragte ich, warum weint Jenny? Es ist wohl das Geringste, daß ich es weiß. . .

Madame Smith näherte sich.

– Nun denn! antwortete sie, Jenny weint, weil ich ihr Alles gesagt habe, das ist es!

– Aber, noch ein Mal, was haben Sie ihr gesagt?

– Albernheiten, die sie besser gethan hätte, für sich zu behalten, brummte Herr Smith.

– Albernheiten? . . . O guter Vater! rief Jenny aus. Sag’ Williams, sag’, meine Mutter, was der Vater für mich gethan hat.

– O! bei meiner Treue, ich will es Ihnen sagen, mein lieber Schwiegersohn, denn in dem Munde der Madame Smith würde diese Erzählung eben so lang sein, als die, welche Francesea von Rimini Dante machte, und während Madame Smith spräche, wäre ich gezwungen, zu weinen, um nicht gegen das Herkommen zu fehlen. Nun aber erkläre ich Ihnen, daß ich heute durchaus keine schwermüthige Laune habe. Hier ist also einfach und allein das, was sich zugetragen hat. Um mich nicht meines alten Klavieres zu berauben, sagt mir Jenny seit drei Monaten, daß sie sich nicht mehr um die Musik bekümmert, und ich sage seit drei Monaten meiner Frau, daß der Wein mir schlecht bekäme, so daß ich statt vier Gläser, die ich täglich trank, nur noch ein einziges trinke. Durch diese kleine Ersparung habe ich ungefähr hundert Schilling zurücklegen können, die ich als Abschlagszahlung auf das Klavier bezahlt habe, indem ich mich verpflichtete, den Rest monatlich mit dreißig Schilling zu bezahlen.

– Nun denn! Williams, sagte Jenny, findest Du daran keine Ursache, einige Thränen der Dankbarkeit zu vergießen?

– Zuverlässig, sagte der Vater. Deine Mutter hat Dir das hier erzählt, und Du weinst, und Deine Mutter weint, und wenn Du nur ein wenig darauf bestehst, so wird Williams auch weinen. . . Erzähle das vor der Thür, und die ganze Gemeinde wird weinen, und indem es immer weiter ansteckt, wird England, wird Schottland, wird Irland weinen, werden die drei Königreiche, Europa, die Erde und die Engel weinen!. . . Wahrlich. Alles das ist eine schöne Geschichte! – nun denn! meine Tochter, genug mit der Musik, der Poesie und den Thränen . . . und, da Du eine Hausfrau bist, so mach uns Frühstück.

Jenny trocknete ihre Thränen ab und umarmte ihren Vater.

Madame Smith rieb sich die Augen, und umarmte ihre Tochter.

Hieraus gingen alle Beide in die Küche hinunter, um sich mit dem Frühstück zu beschäftigen.

Und wir verließen, indem wir unsere Stöcke nahmen, das Haus, um im Angesichte der Schöpfung dem so gütigen und so erhabenen Schöpfer zu danken, der uns solche Familienfreuden bereitete.

– Ach, mein lieber Petrus, wenn ich bedenke, daß unsere armen Brüder, die katholischen Priester, weder eine Frau, noch Kinder haben; daß sie für das Glück wie für das Mißgeschick einsam und allein auf Erden stehen, so sage ich mir, daß sie, wenn sie ebenso viel als wir leiden können, es unmöglich ist, daß sie jemals ebenso glücklich sind!

Und dann ist das nicht Alles. Wie können sie die trauernde Wittwe, die in Thränen zerfließende Tochter trösten? Wie können sie. da sie niemals dieselben Schmerzen als die andern Menschen empfunden haben, jene Worte finden, die, aus dem Herzen hervorgegangen, zum Herzen gehen? – Mit geschlossenen Wunden, mein lieber Petrus, schließt man offene Wunden!

XII.
Wer Horizont verfinstert sich wieder

Am folgenden Tage, – einem Tage, den ein Römer als einen seiner glücklichen Tage mit Kreide bezeichnet hatte, – hatte ich beschlossen, nach der Stadt zu gehen, um den Gehalt meines ersten Vierteljahrs zu beziehen.

Ich war nicht ohne Besorgniß.

Zwei oder drei Tage nach dem Verfalle dieses Quartales hatte ich meinem Wirthe, dem Kupferschmiede, eine Vollmacht übersandt, um es in meinem Namen zu beziehen, wobei ich ihn bat, wenn er es bezogen hätte, davon acht Pfund Sterling auf die sechszehn zurückzubehalten, die ich ihm schuldig war, und die er mir geliehen hatte, um die Kosten meiner Verheirathung zu bestreiten, dann mir davon den Rest zu übersenden.

Aber der wackere Mann hatte mir geantwortet, daß der Herr Rector, als er zu ihm gegangen wäre, um von ihm die Bevollmächtigung zur Auszahlung zu erlangen, ihm hätte antworten lassen, daß er mich zu sprechen wünsche, und daß er mich demzufolge aufforderte, meinen Gehalt persönlich zu beziehen.

Ich hatte die Reise so lange verschoben, als ich es vermocht, indem ich nichts Gutes von dieser Zusammenkunft erwartete; endlich, als ich auf dem Boden unseres Geldbeutels den letzten Schilling leuchten sah, entschloß ich mich, mich auf den Weg zu begeben.

Indessen, Sie werden es zugeben, mein lieber Petrus, war diese Furcht, welche mir der Rector einflößte, mehr instinktmäßig als vernünftig. Der Rector war so gütig und so unparteiisch gegen mich gewesen, daß ich, wenn ich es genauer überlegte, nicht zu besorgen hatte, daß mir von dieser Seite irgend etwas Unangenehmes begegnen könnte.

Nur hatte er mich benachrichtigt, daß meine Pfarre einer Einschränkung fähig wäre, und daß sie von neunzig auf sechszig Pfund Sterling herabgesetzt werden könnte. Diese Anzeige war es, welche mir im Kopfe herumging und mich mit Unruhe erfüllte.

– Dreißig Pfund Herabsetzung! Begreifen Sie, mein lieber Petrus, den dritten Theil meines Gehaltes! Das war entsetzlich! Da ich diese Schmälerung nicht erdulden wollte, ohne mich dagegen zu sträuben, so hatte ich mich daher auch für den Fall, daß bei unserer Zusammenkunft die Rede davon sein sollte, darauf vorbereitet, ihm zu antworten und ihm so triftige Gründe für die Beibehaltung meiner neunzig Pfund anzugeben, daß, wenn er nicht einige persönliche Gründe der Feindschaft gegen mich hätte, – was ich nach dem directen Schutze, mit dem er mich beehrt hatte, vernünftiger Weise nicht annehmen konnte, – der Rector sich nothwendig in meine Gründe ergeben müßte.

Einer von denen, auf welche ich am meisten rechnete, war meine Verheirathung. Ich kannte die Theilnahme, welche einem guten Herzen immer das Schauspiel einer jungen Ehe einflößt. Eine ganz natürliche Logik brachte mich auf den Gedanken, dem Rector meine Junge Frau zu zeigen, wie sie Mutter würde; die Vermehrung unserer Familie war noch keine Thatsache, aber sie war eine Wahrscheinlichkeit. Ich bereitete mich vor, dem Rector zu beweisen, daß ebenso sehr, als der Pastor eines Dorfes weit davon entfernt sein muß, seiner Gemeinde das Beispiel des Luxus zu geben, es eben so unschicklich ist, ihr den Anblick seiner Armuth zu bieten. In dem ersten Falle ist es ein Aergerniß, welches empört; in dem zweiten Falle ist es ein Schauspiel, welches betrübt. – Ich hatte für diese feierliche Veranlassung, auf welche ich mich seit länger als vierzehn Tagen vorbereitete, aus den alten und modernen Schriftstellern eine Reihe von Grundsätzen geschöpft, die geeignet waren, zu beweisen, daß eine goldene Mittelmäßigkeit, wie Horaz sagt, oder ein rechtschaffener Wohlstand, wie Fenelon sagt, die günstigste Lage ist, um ein mit guten Grundsätzen genährtes Herz auf dem Wege des Heiles zu erhalten; außerdem hatte ich eine Menge von Thatsachen gesammelt, die ihm entschieden beweisen mußten, daß dieselben Gefahren für das Verderben einer Seele in dem Mangel des Nothwendigen, als in dem Vorhandensein des Ueberflusses obwalten. Alles das reiflich überlegt, vernünftig durchdacht, mußte beredtsam gesagt werden. Ich hatte sogar vor dem Spiegel in Jenny’s Zimmer, dem einzigen des Hauses, meine Rede studirt, indem ich sie mit der schicklichsten Stellung und den für die Lage am meisten angemessenen Geberden begleitete. Auf der ganzen Reise, welche ich in der Carriole von dem Pächter des Schlosses zurücklegte, hatte ich meine Anrede halb laut wiederholt, was den guten Mann anfangs ein wenig beschäftigt hatte; aber nach einem Augenblicke der Ueberlegung hatte er laut, und wie als ob er auf seinen eigenen Gedanken antwortete, gesagt:

– Ah! gut, er studirt eine Sonntagspredigt.

Hierauf hatte er sein Pferd wieder angepeitscht, ohne sich weiter um mich zu bekümmern, so daß ich bei meiner Ankunft in Nottingham wie der Kämpfer des Alterthums mit Oel und Sand eingerieben und bereit war, den Kampfplatz zu betreten.

Unglücklicher Weise, mein lieber Petrus, habe ich immer bemerkt, und Sie müssen es wie ich bemerkt haben, daß die vorbereiteten Reden oder Predigten mir selten gelingen.

Zuvörderst, statt mich, wie das letzte Mal, wo ich bei ihm erschienen war, auf der Stelle einführen zu lassen, ließ mich der Rector eine Stunde in seinem Vorzimmer warten, wonach ich in sein Arbeitszimmer geführt wurde.

Er saß in demselben Sessel, vor demselben Schreibtische, mit derselben gebieterischen Haltung. Mein Geld befand sich ganz gezählt auf der Ecke seines Tisches; ein unterbrochener Brief erwartete seinen Schluß.

Sehr übelgelaunt über den Mangel an Rücksichten, über den ich mich beklagen zu müssen glaubte, hatte ich eine würdige Miene angenommen, und ich gedachte ihm durch einige ernste und bittere Worte zu verstehen zu geben, in welchem Grade ich über seinen Empfang verletzt wäre; er aber wartete nicht ab, daß ich den Mund aufthat, und indem er mich zuerst angriff, sagte er mir:

– Herr Bemrode, ich habe Sie benachrichtigt, daß Ihre Pfarre eine Einschränkung erleiden könnte; aber Sie haben darauf bestanden gerade diese da zu wollen, ohne Zweifel, weil Sie Liebschaften in der Nachbarschaft hatten . . . Die Voraussage, die ich Ihnen gemacht hatte, ist eingetroffen. Ihre Pfarre ist von neunzig Pfund Sterling auf sechszig herabgesetzt. Hier sind fünfzehn Pfund, das heißt das erste Quartal Ihres Gehaltes. . . Gehen Sie!

Und indem er mir bei diesen Worten mit dem Finger das Geld andeutete, das mir bestimmt war, ergriff er seine Feder wieder und setzte seinen Brief fort.

Ich vermag Ihnen nicht zu sagen, mein lieber Petrus, wie schmerzlich die Regung war, die ich empfand, als ich diese Worte hörte und zwar von einer solchen Geberde begleitet. Ich war durch die schrecklichste Schüchternheit erstickt, die mich in den Lagen niederbeugt, in denen ich im Gegentheile meinen ganzen Muth nöthig hatte. Zwei Male versuchte ich, das Wort zu nehmen; zwei Male erstarb die Sprache auf meinen Lippen!

Kalter Schweiß bedeckte meine Stirn. Eine Art von Röcheln, welches aus meiner Kehle drang, ließ den Rector den Kopf erheben.

– Nun denn! sagte er, Sie sind noch da? Haben Sie mich nicht verstanden?

– Doch, Herr Rector, stammelte ich.

– Was warten Sie dann noch?. . . Nehmen Sie Ihr Geld und gehen Sie.

Ich nahm meinen ganzen Muth zusammen.

– Verzeihung! Herr Rector, sagte ich zu ihm, aber ich wollte Ihnen bemerklich machen. . .

– He?

Ich unterbrach mich einen Augenblick lang.

– Aber so sprechen Sie doch! rief er ungeduldig aus; ich muß Ihnen sagen, daß ich Ihren Bemerkungen wenig Zeit zu schenken habe.

– Ich wollte Ihnen bemerklich machen, begann ich wieder bestürzter als zuvor über den Ton, mit welchem mich dieser Mann anredete, daß sechszig Pfund Sterling ein sehr geringer Gehalt ist…

Er unterbrach mich.

– Wie! sehr gering? sagte er; aber Sie sind närrisch, mein lieber Herr Bemrode; ich würde Vicare so viel als ich wollte für fünfundzwanzig Pfund jährlich finden.

– Aber, Herr Rector, ich habe eine Frau genommen.

– Geht mich das etwas an?. . . Sie hätten sich nicht verheirathen müssen, mein Lieber!

– Indessen, mein Herr. . . beharrte ich zu sagen.

– O! äußerte nun der Rector, indem er aufstand und sich mit seinen beiden Fäusten auf den Tisch stützte, werden Sie mich lange mit Ihrer Unzufriedenheit langweilen, Herr Bemrode?

Ich kam immer mehr außer Fassung.

– Ich habe gehofft, Herr Rector. . . . ich hatte sogar darauf gerechnet. . .

– Mein lieber Herr Bemrode, Sie können das machen wie Sie wollen, sagte der Rector; wenn Sie Ihre Pfarre mit sechzig Pfund Sterling Gehalt nicht wollen, so sagen Sie es, und Sie werden nicht lange von ihr belästigt sein, und ich auch nicht.

Ich fühlte, daß meine Angelegenheiten eine schlimme Wendung nahmen.

– Herr Rector, sagte ich zu ihm. man muß mich bei Ihnen verläumdet haben. . .

– Bei mir? unterbrach er mich, man hat Sie verläumdet?. . . Aber ich bitte Sie, wer der Teufel hat Zeit genug zu verlieren, um sich mit Herrn Bemrode zu beschäftigen, und ihn bei mir zu verläumden?. . . Ah! mein lieber Herr, ich versichere Sie, Sie machen sich zu hohe Begriffe von Ihrer Wichtigkeit.

Ich stieß einen Seufzer aus und erhob die Augen gen Himmel.

– Also, – kehren Sie nach Ashbourn zurück, sagte er, und in drei Monaten kehren Sie von allen diesen Eitelkeiten geheilt zurück. Wir werden dann sehen, ob Ihre Pfarre beibehalten oder eingezogen werden muß.

– Beibehalten oder eingezogen, Herr Rector! Es wäre die Rede davon, die Pfarre von Ashbourn einzuziehen?

– Warum nicht, wenn sie unnöthig wäre? Einstweilen fordere ich Sie zum zweiten Male auf, Herr Bemrode, Ihr Geld zu nehmen und mich meinen Brief beendigen zu lassen.

Der Ton, in welchem diese Worte ausgesprochen waren, ließ keine Einrede zu.

Ich stammelte einige Worte, um mich seinem Wohlwollen zu empfehlen, nahm meine fünfzehn Pfund Sterling und entfernte mich niedergeschlagen.

Sobald ich auf der Straße war, drehte ich mich mehrere Male um mich selbst, wie Jemand, der einen Keulenschlag auf den Kopf erhalten hat; hierauf, in der Meinung, daß es in einer so schrecklichen Lage nur meinen ehemaligen Wirth, den Kupferschmied, gäbe, der mir einen guten Rath ertheilen könnte, schlug ich den Weg nach seinem Hause ein.

Ich hatte nur eine Befürchtung, nämlich die, daß er, wie das zuweilen der Fall war. auf Geschäftsgängen in der Umgegend der Stadt abwesend sein möchte; als ich aber um die Ecke seiner Straße kam, wurde ich beruhigt, denn ich erblickte ihn auf der Schwelle seiner Thür, indem er mit übereinander geschlagenen Armen zu erwarten schien, daß ihm sein Glücksstern irgend einen Kunden zuführe.

Ich muß sagen, daß er, obgleich in seiner Erwartung in Bezug auf den Verkauf seiner Waare getäuscht, mich besser empfing, als er zuverlässig Jemand empfangen hätte, der gekommen wäre, um ihm die Hälfte seines Ladens abzukaufen.

Ich hatte nicht nöthig, ihm den Zustand zu erklären, in welchem sich mein Geist befand; er sah ihn wohl an der Bestürzung meines Gesichts.

– Nun, fragte er mich, was giebt es wieder, lieber Herr Bemrode? Ich hielt Sie für glücklich, dort in Ihrer Pfarre von Ashbourn gehörig eingesetzt, und demzufolge vor jedem neuen Unglück geschützt.

– Ach! mein lieber Wirth, sagte ich zu ihm, ist der Mensch jemals vor den Schlägen des Schicksals geschützt? Es begegnet mir das, was Polykrates, dem Tyrannen von’ Samos, begegnet ist, er war zu glücklich; die Götter konnten sein Glück nicht ertragen, das ihn einem Gotte gleich machte; er wurde durch Verrath gefangen genommen und von seinem Feinde Orestes, Cambyses’ Statthalter, ans Kreuz geschlagen. Bei einem weit bescheideneren Glücke als das seinige, aber nach einem nicht weniger großen Glücke, habe ich meinen Orestes gefunden, der mich gleichfalls an das Kreuz schlagen will.

– O! äußerte der Kupferschmied, erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, lieber Herr Bemrode, daß es mir unmöglich scheint, daß man gegen Sie die Grausamkeit so weit treibt, eine Todesstrafe wiederherzustellen, die ich seit langer Zeit für abgeschafft hielt.

– Mein lieber Wirth, was ich Ihnen so eben sagte, darf nicht buchstäblich genommen werden. Ich habe in meiner Erzählung bildlich verfahren, was eine der Formen der Redekunst ist . . . Wenn ich sage, daß man mich an’s Kreuz schlagen will, so ist das moralisch zu nehmen, und mein Orestes ist Niemand anders, als der Herr Rector, der meinen Gehalt mit einem Male um ein Drittel verringert und der sogar davon spricht, meine Pfarre einzuziehen.

– Ah! ich begreife, sagte mein Wirth.

– Sie begreifen? fragte ich.

– Bei Gott!

– Sie sind sehr glücklich, mein lieber Wirth, – ich begreife nicht.

– Wie! Sie begreifen nicht, daß der Herr Rector wüthend gegen Sie ist. und daß er Ihnen alles Leid zufügen wird, was er Ihnen irgend zufügen kann?

– Warum das?

– Ei, weil Sie ihn betrogen haben.

– Ich? rief ich aus. Wissen Sie. mein lieber Wirth, daß Williams Bemrode, wenigstens wissentlich, niemals Jemand betrogen hat.

– Prrrr! . . . da setzen Sie sich auf’s hohe Pferd und sprengen davon, ohne mich aussprechen zu lassen! . . . Sie haben ihn darin betrogen, daß er Sie für einen Schwachkopf gehalten hat, und daß Sie ein Mann von Verstand sind; darin, daß er Sie für einen Dummkopf angesehen hat, und Sie ihm gezeigt haben, daß Sie ein Gelehrter sind.

– Ich, ein Schwachkopf? ich. ein Dummkopf? äußerte ich sehr verletzt durch diese ein wenig derbe Offenherzigkeit. Entschuldigen Sie mich, mein lieber Wirth, aber ich glaube, daß Sie . . .

– Ich sage Ihnen nicht, daß Sie es sind, ich sage Ihnen, daß man Sie dafür gehalten hat! . . . Welcher Mann, mein Gott! – Sagen Sie, muß man Ihnen denn Alles haarklein auseinandersetzen?

– Ich gestehe Ihnen, daß mir das Vergnügen machen würde.

Gut! erinnern Sie sich jener unglückseligen Predigt, welche Sie in dem Dorfe Ashbourn gehalten haben? . . . der ersten? . . .

Ich erröthete.

– Ja, gewiß, sagte ich zu ihm, ja, ich erinnere mich ihrer. . . aber warum diese Erinnerung wieder erwecken? Ich möchte Ihnen wie Aeneas zu Dido sagen:

Infandum, regina, jubes, renovare dolorem!

– Herr Bemrode, ich weiß nicht, wer Aeneas ist, ich weiß nicht, wer Dido ist . . . hatte Aeneas eine schlechte Predigt gehalten, und erinnerte ihn Dido an diese Predigt? In diesem Falle ist die Lage dieselbe, denn ich erinnere Sie an eine Predigt, die Sie gehalten haben, und die, wie Sie selbst gestanden, kein Meisterstück der Beredtsamkeit war . . .

– Ja, aber seitdem, mein lieber Wirth, erwiederte ich voller Stolz, glaubte ich diese Niederlage unter Siegen begraben, und die Cypressen mit Lorbeern bedeckt zu haben.

– Das ist es gerade! . . . diese Siege, diese Lorbeern sind es, welche der Rector Ihnen nicht verzeihen kann, der auf die Niederlage und auf die Cypressen gerechnet hatte!

– Sie hatten mir bereits etwas darüber geäußert, mein lieber Wirth; aber indem Sie mir diesen Haß andeuteten, haben Sie vernachlässigt, mir die Ursache desselben anzugeben.

– Doch, aber Sie haben sie vergessen. Der Herr Rector hat einen Neffen; dieser Neffe hat ein junges Mädchen geheirathet, für welche der Herr Rector eine große Theilnahme . . . eine väterliche Theilnahme hegt, verstehen Sie? . . . Der Herr Rector ist ein Heuchler, der den Schein des strengsittlichen Mannes bewahren will, indem er den Nutzen des lasterhaften Menschen genießt. Nun aber ist hier die Berechnung, die er sich gestellt hat: »Herr Bemrode ist der Sohn eines unter der protestantischen Geistlichkeit ehrenvoll bekannten Pastors; er hat Rechte auf eine Pfarrstelle, aber da er kein Talent hat . . .«

– Mein lieber Wirth! . . .

– Nach Ihrer Predigt konnte er es glauben; er glaubte es sogar . . . Glücklicher Weise irrte er sich! – Er sagte sich also: »Da er kein Talent hat, so will ich einen Wettstreit über die Pfarre eröffnen; mein Neffe wird sein einziger Mitbewerber sein; da es nun aber keinem Zweifel unterworfen ist, daß die Predigt meines Neffen besser als die seinige sein wird, so wird die Gemeinde meinen Neffen verlangen, den ich ihr auf Verlangen bewilligen werde, und auf diese Weise wird man sagen: »Welcher unparteiische Mann der Herr Rector ist! Bei ihm findet keine Protection statt; für ihn giebt es keine Familie; er kann nach seinem Gefallen über Pfründen verfügen, aber er bewilligt sie allein dem Talente. Sein Neffe hatte mehr Talent, als Herr Bemrode, und die Pfarre von Ashbourn ist ihm bewilligt worden; wenn er weniger gehabt, so hätte Herr Bemrode die Pfarre von Ashbourn erhalten . . .« Unglücklicher Weise für ihn, und vielleicht unglücklicher Weise für Sie, ist Alles gegen seine Voraussetzungen ausgefallen; Sie haben die schöne Predigt gehalten . . . eine so schöne, daß der Neffe sich nicht einmal in einen Wettstreit mit Ihnen eingelassen hat!

Ich lächelte voller Zufriedenheit und verneigte mich.

Mein Wirth fuhr fort:

– Die Gemeinde hat Sie verlangt; Sie haben die Pfarrstelle erlangt, so daß der Herr Rector, der seinen Neffen und sein Mündel untergebracht glaubte, Mündel und Neffen sich wieder auf den Hals hat fallen sehen. Daher rührt sein. Zorn!

– lnde irae! Ja, ich begreife. . . Aber dann, mein lieber Wirth, ist es noch weit bedenklicher, als ich es glaubte.

– So bedenklich, Herr Bemrode, daß ich Sie auffordere, ernstlich an Ihre Lage zu denken.

– Wie das, an meine Lage zu denken?

– Ja . . . Hat er sich darauf beschränkt, Ihnen einen Abzug anzuzeigen?

– Er ist so weit gegangen, mir zu sagen, mein lieber Wirth, daß meine Pfarrstelle eingezogen werden könnte.

– Sie sehen wohl . . . ich sage also nicht zu viel, wenn ich Ihnen sage, an Ihre Lage zu denken.

– Aber auf welche Weise muß ich daran denken?

– Ah! wenn Sie Bekannte, Protectionen haben, so setzen Sie dieselben in Bewegung.

– Damit sie sich bei dem Herrn Rector um die Beibehaltung meiner Pfarrstelle bewerben, nicht wahr?

– Damit sie trachten, Ihnen eine andere zu verschaffen.

– Eine andere?

– Betrachten Sie von diesem Augenblicke an Ihre Pfarrstelle als eingezogen, mein lieber Herr Bemrode.

– Aber dann bin ich ein verlorener, zu Grunde gerichteter Mensch; ich kenne Niemand.

– Niemand?

– Mein Gott, nein!

– Sie haben nicht einen Freund?

– Ach! ich habe Sie, mein lieber Wirth, Sie, den ich zuweilen verkenne, aber zu dem ich immer wieder zurückkehre.

– Ja, aber ich bin ein armer Handwerker ohne Einfluß. Ohne Ansehen . . . Wenn ich nur der Kupferschmied des Bischofs wäre!

– Unglücklicher Weise sind Sie es nicht! . . .

– Nun denn, besinnen Sie sich genau, suchen Sie unter Ihren Jugendfreunden . . . Das sind die besten.

– Ich habe wohl einen Freund, einen Freund, der einige Jahre älter als ich ist; aber . . .

– Aber was?

– Er ist ein einfacher Professor der Philosophie an der Universität Cambridge, Petrus Barlow? . . .

Sie sehen, ich dachte an Sie, mein Freund!

– Nun?

– Nun, ich bin überzeugt, daß er Alles für mich thun würde, was er vermöchte . . .

– Der gute Wille ist schon viel.

– Aber ich zweifle, daß er durch sich selbst etwas vermag; vertieft in die Wissenschaft, wie er es ist, hat er alle Verbindungen der Welt vernachlässigt. O.’ wenn ich eine Empfehlung an Aristoteles, an Plato. an Sokrates nöthig hätte, so würde er mir sie geben!

– Bitten Sie ihn immerhin darum.

– Diese Leute da, mein Freund, sind schon vor zweitausendfünfhundert Jahren gestorben.

– Dann ist es etwas Anderes … Sie haben Lebendige nöthig!

– Petrus Barlow lebt nur mit den Todten.

– Aber am Ende hat er eine Familie?

– Er hat einen Bruder, der Kaufmann ist, einen der reichsten und der angesehensten Banquiers von Liverpool.

– Das ist Ihre Sache. Ein großer Herr, möge er nun dem Adel oder der Kirche angehören, scheint zuweilen die Empfehlung eines Banquiers zu verachten; er wirft sie bei Seite, indem er vor der Welt die Achseln zuckt. Aber sobald er allein ist. rafft er sie wieder aus, merkt sie sich sorgfältig und übergiebt sie seinem Secretär oder seinem Haushofmeister, indem er sagt: »Hier, erinnern Sie mich bei Gelegenheit an diese Empfehlung, es ist die eines armen Teufels von Millionär, für den ich etwas thun möchte.«

– Wissen Sie, mein lieber Wirth, sagte ich zu ihm, indem ich ihn anblickte, wissen Sie, daß Sie ein sehr gründlicher Mann sind?

– Ich?

Er lächelte.

– Ich bin ganz einfach ein armseliger Kupferschmied, der zuweilen nachgedacht hat, während er sein Kupfer hämmerte und seine Kessel verzinnte, und was ich Ihnen da sage, ist das Ergebniß meiner Betrachtungen.

– Geben Sie mir eine Feder, Tinte und Papier.

– Gehen Sie in meine Schreibstube, Sie werden Alles das finden.

– Ich will Ihren Rath auf der Stelle befolgen . . .

– Sie sind sehr gütig!

– Und an meinen Freund Petrus Barlow schreiben.

– Sie haben Recht; wenn das Ihrer Lage nichts hilft, so wird es ihr nichts schaden; nur . . .

– Nur?

– Je weiter die Pfarrstelle, die er Ihnen verschaffen könnte, von der von Ashbourn entfernt wäre, desto besser wäre es. Sie haben mit einem schlauen Fuchse zu thun; setzen Sie sich aus dem Bereiche seiner Kralle!

Ich machte ein Zeichen mit dem Kopfe, daß ich die ganze Wichtigkeit der Anempfehlung verstände, und ging in die Schreibstube meines Wirthes. des Kupferschmieds.

Dort, mein lieber Petrus, schrieb ich Ihnen jenen Brief, der unsere unterbrochene, aber nicht gebrochene Verbindung wieder anknüpfte, und auf den Sie antworteten, indem Sie mir Ihre Freundschaft versicherten, indem Sie mir sagten, daß Sie meine Bitte Ihrem Bruder Übermacht hätten und mich baten, Ihnen in aller Aufrichtigkeit mein Leben, meine Gemüthsbewegungen, meine Hoffnungen und meine Schmerzen zu erzählen, da Sie sich mit der Beschauung der Lebendigen beschäftigten, wie die Aerzte die Beschauung der Todten vornehmen.

Sie sind sehr glücklich, mein Freund; Ihre große Arbeit ist im Zuge, meine Geschichte wird nur eine sehr geringe, sehr unbekannte Episode derselben sein, während ich noch daran bin, meinen Gegenstand zu suchen.

Ach! ich fürchte sehr, daß das Mißgeschick, welches anfängt, sich gegen mich zu entfesseln, mir alle Muße gewährt, dieses Buch – wenn ich den Plan dazu finde – zu schreiben, so lang und so schwierig es auch sein möge!

Denn, mein lieber Petrus, indem ich Ihnen meinen Auftritt mit dem Rector erzählte, habe ich Ihnen nur einen Theil meines Unglücks erzählt; der andere – vielleicht der schrecklichste – erwartete mich bei der Rückkehr.

Polykrates hatte nur einen Orestes, und ich habe deren zwei!

Urtheilen Sie, da ein einziger hingereicht hat, um den König von Samos an’s Kreuz zu schlagen, mit welchem Schicksale ich, der geringe Dorfpastor, bedroht bin!

Ich bitte Sie daher inständigst, mein lieber Freund, wenn Sie an den ehrenwerthen Herrn Samuel Barlow, Ihren Bruder, schreiben, ihm meine Ehrfurcht zu bezeigen und ihm zu sagen, daß ich mich seinem gütigen Andenken empfehle.

XIII.
Der Herr Haushofmeister

Es war fünf Uhr Abends. Mein Wirth, der Kupferschmied, wollte mich zum Abendessen zurückbehalten; aber ich machte ihm bemerklich, daß es nicht weniger als zwölf Meilen von Nottingham nach Ashbourn wären; daß ich, da ich keine Gelegenheit hätte, zu Fuß dahin zurückkehren müßte; daß. was das anbetrifft, bis zum folgenden Morgen zu bleiben, mich nichts auf der Welt dazu bestimmen würde. Jenny die Unruhe einer fern von ihr zugebrachten Nacht zu verursachen.

Darauf zahlte ich ihm acht Pfund Sterling aus, was die Hälfte der Summe war, die er mir so gefälliger Weise zur Zeit meiner Verheiratung geliehen hatte, und brach auf, indem ich den wackern Mann segnete, der mir die Augen geöffnet hatte, und mein böses Verhängniß verwünschte, das mich in der Tiefe meines blauen Firmamentes einen so stürmischen Himmel für die Zukunft sehen ließ.

Meine Reise war traurig. Es ist unglaublich, wie die Natur uns entweder durch die goldige Wolke unserer Einbildungskraft oder durch den Trauerschleier unseres Herzens erscheint.

Freilich war der ganze Tag finster gewesen. In unserem England, dessen Himmel eben so viel Wogen über unsern Häuptern dahintreibt, als der Ocean um uns herum rollt, giebt es Sommertage, welche durch die Lüfte ziehende Boten des Winters oder des Herbstes scheinen. Gegen sieben Uhr hatte sich indessen das Firmament aufgeklärt, und der Horizont im Westen allein war wie die Berge Tyrols mit aufgehäuften Wolken beladen geblieben, und inmitten dieser Berge, deren blaue Gipfel sie mit einem Saume von Purpur und Gold schmückte, war die Sonne, nicht wie ein Eroberer, der zur Ruhe geht, um am folgenden Morgen weit glänzender wieder zu erscheinen, sondern wie ein Besiegter untergegangen, welcher fällt, um sich zum ewigen Schlafe niederzulegen.

Im Osten spaltete sich im Gegentheile von Zeit zu Zeit der Himmel, um einen nächtlichen und schweigenden Blitz durchzulassen, und bei jedem Male hätte man sagen können, es sei das Auge eines schlafenden Riesen, das, indem es sich wieder öffnete, einen Blick und einen flüchtigen Schein auf die Welt würfe.

Wie in dem schönen Gedichte von Thomas Gray, das Jenny mir hergesagt hatte, war die Dämmerung mit Schwermuth erfüllt durch das Läuten der Glöckchen der Heerden, welche der Hirt nach dem Stalle führt, und durch den noch weit schwermütigeren Klang der Glocke der Kirchen, dem Schooße der unermeßlichen menschlichen Heerde, welche das Gebet zu Gott führt.

Diese ganze Natur, welche ich auf meinen früheren Reisen so lebendig und so heiter gesehen hatte, schien mir betrübt und schmachtend.

Und warum das?

Mein lieber Petrus, bewundern Sie den Einfluß, des auf das physische und moralische Leben die Abwesenheit oder die Gegenwart einiger runden Stücke gelben und glänzenden Metalles haben kann!

Ich hatte geglaubt, von meiner Reise nach Nottingham mehr als vierzehn Guineen zurückzubringen; – ich brachte nur sieben zurück!

Der Mangel einer so armseligen Summe verursachte diesen dunkeln Himmel und diesen schwermüthigen Horizont.

Indessen, ich irre mich. Nein, es war nicht ganz das, was den Himmel der Gegenwart finster und den sichtbaren Horizont schwermüthig machte; – er war der Schatten des unsichtbaren Horizontes, es war das Gespenst der unbekannten Zukunft.

Ein drohendes Gespenst! ein Horizont voller Stürme!

Ich gelangte endlich an die ersten Häuser von Ashbourn; es war beinahe zehn Uhr Abends. Der Mond, der seit einer Stunde langsam am Himmel aufging, machte die Nacht durchsichtig und ließ inmitten dieser Nacht unter seinem bleichen Lichte die weißen Mauern dieser ersten Häuser wachsen.

Man hätte sagen können, es sei ein Heer von Gespenstern, das mir entgegen kam.

Ich weiß nicht, ob es Ahnungen giebt, mein lieber Petrus, aber so viel weiß ich, daß ich diese ganze Reise nicht allein von einer Schwermuth, von der ich Ihnen die Ursache gesagt habe, sondern auch noch von einem unbestimmten Schrecken befallen zurücklegte, dessen Gegenstand mir durchaus unbekannt war.

Es schien mir, als ob ich, indem ich eine schlimme Nachricht zurückbrächte, bei meiner Ankunft eine noch weit schlimmere erfahren würde.

Endlich erblickte ich das Pfarrhaus.

Seitdem ich das Dorf betreten, hatte ich mir mit dem Gedanken geschmeichelt, daß ich aus der Ferne Jenny, mich halb besorgt, halb lächelnd erwartend, auf der Schwelle sehen würde.

Ich sagte mir: »Wenn Jenny mich erwartet, wenn ich Jenny aus der Ferne sehe, so werden alle schlimmen Vorbedeutungen beschworen und es wird der Beweis sein, daß meine Befürchtungen Thorheiten und die Voraussichten meines Wirthes Träumereien wären.«

Ihnen, dem Philosophen, Ihnen, dem Freigeiste, sind solche Albernheiten niemals eingefallen, nicht wahr?

Nun, Sie haben keinen Begriff, mein lieber Petrus, welchen großen Einfluß solche Ideen in gewissen Geistesstimmungen ans eine Einbildungskraft wie die meinige haben.

Ich hatte bis an der Ecke des Platzes gehofft, Jenny auf der Sehwelle zu sehen; ich hatte sie mit den Augen der Seele gesehen; ich hatte ihr im Voraus zugelächelt; ich hatte leise mit meiner sanftesten Stimme die Worte gemurmelt, die ich ihr zu sagen gedachte . . .

Es befand sich Niemand auf der Schwelle; mein Herz wurde beklommen.

Ich näherte mich ganz schaudernd.

Da ich nicht wußte, um wie viel Uhr ich nach Hause zurückkehren würde, so hatte ich den Schlüssel mitgenommen, um Jenny nicht zu sehr zu bemühen, wenn ich zu einer späten Stunde der Nacht ankommen sollte.

Ich suchte in meiner Tasche und ich fand meinen Schlüssel darin. Meine nervöse Aufregung war so groß, daß ich ihn mit derselben Kraft drückte, wie ich es mit dem Stiele eines Messers oder eines Dolches gemacht hätte.

Ich hatte Mühe, das Schloß zu finden; meine Hand zitterte.

Der Schlüssel drehte sich; die Thür ging auf.

Ich hatte eine solche Eile, bis zu Jenny zu gelangen, daß ich sie nicht einmal wieder hinter mir verschloß.

Ich schritt tappend auf der Hausflur voran; es schien mir, als ob ich laut in meinem Arbeitszimmer, dem ehemaligen Schlafzimmer der Wittwe, sprechen hörte.

Ich fand die Thür des Eßzimmers; ich drückte sie. sie gab nach.

Nun wurde das Geräusch weit merklicher, das ich zu hören geglaubt hatte. Ich ging durch das Eßzimmer, indem ich an Tische und Stühle stieß, ohne daß dieses Gepolter die unterbrach, welche in dem benachbarten Zimmer sprachen.

Ich gelangte an die Thür; sie war nur angelehnt; durch die Spalte drang ein Lichtstrahl und verbreitete sich das Geräusch.

Ich sah und horchte.

Jenny stand mit übereinander geschlagenen Armen, gerunzelter Stirn, geringschätzender Lippe; sie hatte einen Ausdruck von Verachtung und von Zorn, den ich nicht allein niemals auf ihrem lieblichen Gesichte gesehen, sondern dessen ich sie nicht einmal für fähig gehalten hätte.

Sie war schön und erhaben wie die Statue der Empörung.

Vor ihr. auf den Knieen, lag ein wenig zurückgeworfen der Haushofmeister, Herr Stiff; er hatte die Haltung eines Mannes, der fürchtet, das Gesicht Jemandes, der hofft.

In dem Augenblicke, wo mein Auge sich in die Spalte legte, streckte Jenny einen ihrer Arme mit der Geberde einer Königin nach der Thür aus und sagte:

– Stehen Sie auf, mein Herr, und entfernen Sie sich!

– Aber indessen, schöne Jenny! . . . stammelte der Haushofmeister.

– Ich sage Ihnen sich zu entfernen! wiederholte Jenny. Herr Stiff schien einen großen Entschluß zu fassen.

– Sie sagen mir, mich zu entfernen? meine Schöne. . . Sie sagen es auf eine sehr würdige Weise, ich läugne es nicht; aber wir haben solche Hoheiten da auf dem Theater gesehen, und da Eure Majestät keine Garden hat, um mich vor die Thür zu werfen, so werde ich gehen, wenn es mir gefällt.

– Mein Herr, sagte Jenny, Sie betragen sich nicht wie ein Mann. . . Sie haben die Livree getragen, mein Herr: Sie betragen sich wie ein Lakai!

Herr Stiff stieß ein Gebrüll des Zornes ans. und streckte seine beiden Arme vor um Jenny zu ergreifen.

Aber sie that einen Schritt zurück, und seine beiden Arme ergriffen nur die Luft.

Nun stand er wieder auf und that einen Schritt auf sie zu, indem er zwischen seinen zusammengepreßten Zähnen wiederholte:

– Ein Lakai!. . . ah! ein Lakai!. . . Wenn Sie dieses Wort nicht durch Ihre zärtlichsten Liebkosungen auslöschen, Madame, so wird es Ihnen und Ihrem Gatten theuer zu stehen kommen.

Auf einen lächerlichen Ausdruck von Liebe war in dem Blicke, auf dem Gesichte, in dem Ganzen der Züge des Haushofmeisters ein solcher Ausdruck von Haß gefolgt, daß Jenny auf die Thür zustürzen wollte.

Aber er hielt sie auf dem Wege zurück.

Und indem er sie in gewisser Art zu seiner Verfügung hielt, sagte er zu ihr:

– Madame, es ist zehn Uhr Abends; Ihr Haus liegt einsam; Herr Bemrode übernachtet in Nottingham, wenn Sie auch um Hilfe riefen, es würde Sie Niemand hören, es würde Niemand kommen. Es ist daher besser, durch Ihre Unterwerfung die Beleidigung wieder gut zu machen, die Sie mir zugefügt haben. . . Noch ein Mal, Madame, ich bitte. . . Eine neue Weigerung, und ich nehme

Jenny blickte um sich, wie um ein Mittel der Flucht oder der Vertheidigung zu suchen; er folgte ihr mit dem Auge, und sagte mit seinem teuflischen Lachen:

– O! suchen Sie. . . es ist Niemand hier, es ist Nichts hier.

– Es giebt Gott, mein Herr! sagte Jenny, indem sie selbst zu dem höchsten Grade der Ueberspannung gelangte und nach dem Himmel mit der Geberde einer Prophetin deutete. Nein, es ist wahr, es befindet sich Niemand hier, um mich zu vertheidigen; es befindet sich Niemand hier um mir beizustehen. . . man kann mich nicht hören, wenn ich rufe; man kann nicht kommen, wenn Sie mich angreifen. . . Und dennoch sage ich Ihnen, Elender! sage ich Ihnen mit einer Verachtung für Sie und meinem Vertrauen zu dem Herrn, ich bin hier, schwach, ohne Waffen und ohne Stütze; ich erwarte Sie . . . und wenn Sie einen Schritt thun, wenn Sie die Hand an mich legen, so wird mir eine Hilfe kommen. . . welche? ich weiß es nicht, woher? es ist mir unbekannt; aber, ich wiederhole es Ihnen, sie wird kommen! Versuchen Sie!. . .

Der Haushofmeister blieb einen Augenblick lang bestürzt und zögernd stehen; dann, wie beschämt vor der Drohung einer Frau zurückzuweichen, stürzte er auf Jenny zu.

Aber zu gleicher Zeit machte ich die Thür auf, und indem ich ihm die Hand auf die Schulter legte, sagte ich zu ihm:

– Nehmen Sie sich in Acht, Herr Stiff, ich bin da! Jenny stieß einen Freudenschrei aus.

– O! ich sagte es Dir wohl. Elender! daß Gott das Auge auf Dich gerichtet hatte!

^ Ah! ah! äußerte Herr Stiff mit den Zähnen knirrschend, Sie sind es, Herr Bemrode?

– Ja, mein Herr, ich bin es, sagte ich zu ihm, und obgleich von sanftem Charakter, obgleich Diener eines Gottes des Friedens, erkläre ich Ihnen, daß der Mensch, welcher, nachdem er, meiner Frau eine solche Beleidigung zugefügt hat, fünf Minuten länger unter meinem Dache bliebe, Lebensgefahr laufen würde.

Ich war sehr bleich; ich drohte mit schneidender Stimme; meine Finger, die ich ihm auf seine Schulter gelegt hatte, zogen sich krampfhaft zusammen und drangen ihm wie eine Geierkralle in das Fleisch.

Er begriff, daß ein Wort mehr, – wenn dieses Wort eine Prahlerei oder eine Beleidigung wäre, – er verloren sei!

Er schämte sich indessen so sehr, sich auf diese Weise zurückzuziehen , daß er auf die Gefahr hin, was auch daraus entstehen könnte, zu beißen versuchte, indem er sich zurückzog.

– Gut! sagte er, ich hätte es mir denken müssen: die Frau, indem sie that, als ob sie allein sei; der Gatte versteckt. . . ein hinterlistiger Ueberfall in gehöriger Form! – Wie viel kostet das, Herr Bemrode? Wenn die Summe unsere Mittel nicht übersteigt, so läßt sich die Sache beilegen.

Ich hörte nicht einmal mehr das Uebrige der Worte, welche in erstickten Tönen endigten.

Ich hatte ihn mit meinen beiden Händen bei der Gurgel gepackt, und erstickte ihn.

– Mein Freund! mein Freund! rief Jenny aus, indem sie auf mich zustürzte, was thust Du!. . . Du, ein Pastor!. . .

– Es ist wahr, antwortete ich; aber Du wirst zugeben, daß das. was sich hier zugetragen hat, etwas ist, um die Engel weinen zu lassen, wie Shakspeare sagt. – Nein, Herr Stiff, begann ich wieder, indem ich ihn losließ, nein, meine Frau hat nicht gethan, als ob sie allein wäre; nein, ich war nicht versteckt; nein, es war kein arglistiger Hinterhalt; nein, Sie haben dafür keine Summe zu bezahlen, weil es keine Summe giebt, welche die Beleidigung wieder gut zu machen vermöchte, die Sie uns zugefügt haben. . . Diese Beleidigungen da lassen sich nicht zurückkaufen; man verzeiht sie. Gehen Sie. und bereuen Sie, vielleicht wird man Ihnen dann verzeihen. . .

Und ich raffte seinen Hut auf, der auf dem Boden lag, und reichte ihm denselben.

– Gehen Sie, sagte ich zu ihm. und nehmen Sie sich in Acht in der Art, mit der Sie von diesem Vorfalle sprechen werden; – was mich anbetrifft, so verspreche ich Ihnen zu schweigen; – was man davon erfahren wird, angenommen, daß man etwas davon erfährt, wird also von Ihnen herrühren. . . Gehen Sie, Herr Stiff, gehen Sie!

Er zögerte einen Augenblick lang wie Jemand, der das Mittel sucht, seine Beute zu vernichten; als er aber Jenny würdig und ruhig, und mich fest und drohend sah, sagte er:

– O! wir werden binnen Kurzem sehen, wie Alles das endigen wird!

Indem er hierauf seinen Hut mir aus meiner Hand riß, stürzte er in das Eßzimmer, stieß sich an die Stühle und an den Tisch, und erreichte die Hausthür, die er mit einem Lärm und einer Heftigkeit zuschlug, die seinen Zorn bezeugten.

– O mein Freund! rief Jenny aus, indem sie sich in meine Arme warf, welcher schändliche Mensch! und welches Glück ist es, daß Du gekommen bist!. . .

XIV.
Orestes der Erste

Das was ich gesehen und gehört hatte, entband Jenny von jeder Erklärung; Sie werden indessen begreifen, mein lieber Petrus, daß nach einem solchen Auftritte sich die Wie und die Warum mit mehr Schnelligkeit als Ordnung folgten.

Es war schon lange her, daß der Herr Haushofmeister seine Augen auf meine Frau geworfen hatte. An demselben Tage, an welchem er uns begegnet war und uns fast mit Gewalt auf das Schloß geführt, hatte er ihr unter tausend Ungebührlichkeiten, die er ihr aufgetischt, einige Complimente über ihre Schönheit gemacht; sie hatte diese Complimente für abgedroschene Redensarten gehalten, und nicht mehr Wichtigkeit darauf gelegt, als solche Albernheiten gewöhnlich verdienen.

Aber jedes Mal. wo der Haushofmeister Jenny wieder gesehen, hatte er versucht, einen Schritt weiter zu thun. An dem Tage, an welchem er gekommen war, um uns mit seiner Frau einen Besuch abzustatten, hatte er den Augenblick benutzt, wo Jenny, die Madame Stiff folgte, vor ihm in mein Arbeitszimmer eintrat, um ihr den Arm zu drücken, und ihr zu sagen, daß er sie liebe.

Daher rührte die Bewegung, welche Jenny gemacht, und die ich bemerkt hatte, aber um die ich mich nicht weiter bekümmerte.

Als er endlich durch den Pächter des Schlosses erfahren, daß ich mit ihm nach Nottingham führe, und er ihn ohne mich hatte zurückkehren sehen, hatte er daraus geschlossen, daß meine Angelegenheiten mich wahrscheinlich bis zum folgenden Morgen in der Stadt zurückhielten, und beschlossen, meine Abwesenheit zu benutzen, um einen starken Versuch zu machen.

Sie errathen den Anfang des Auftrittes durch das, was Sie von dem Ende wissen; er hatte zuerst seine Liebe angeboten, nachher Geld, dann hatte er endlich Gewalt versuchen wollen.

Ich war gerade in dem Augenblicke angekommen, wo meine tapfere Jenny diese Beleidigung durch Beleidigung und Verachtung zurückwies.

Alles das war mißlich und drohend. Er war wie der Tartuffe des französischen Stückes abgetreten, indem er meldete, daß man wieder von ihm werde sprechen hören. – Unglücklicher Weise brachte ich von Nottingham keine sehr guten Nachrichten mit, um Jenny über das zu beruhigen, was sich in Ashbourn zugetragen hatte.

Wie sie mir Alles gesagt hatte, sagte auch ich ihr Alles.

Jenny hörte meine Erzählung mit wundervoller Ergebung an.

– Mein Freund, sagte sie, als Gott uns mit einander vereinigte, hat er uns für das Glück wie für das Mißgeschick vereinigt; wir haben das Eine mit einander genossen, wir werden das Andere mit einander ertragen. Und dann, siehst Du, so wie Du in dem äußersten Augenblicke mir zu Hilfe gekommen bist, so wird Gott uns auch in dem äußersten Augenblicke eine Stütze senden. Haben wir den Glauben, der Herr wird das Uebrige thun!

Da ich kein Mittel hatte, gegen einen einzigen meiner Feinde zu kämpfen, um wie viel weniger also gegen die beiden, so war ich natürlich genöthigt, mich in den Rath Jenny’s zu ergeben; aber ich gestehe, daß ich mit weniger Vertrauen und Ergebung als sie den Schlag erwartete, von dem ich bedroht war.

Wir beschlossen, dem Vater und der Mutter nichts zu sagen; sie ahneten nichts; sie kannten den Haß des Rectors gegen mich, die Liebe des Haushofmeisters für Jenny nicht; wozu nutzte es, sie zu quälen?

Was das anbetrifft, uns, wenn es Noth thäte, mit Geld zu unterstützen, so wußten wir, daß das unmöglich war. Wenn der gute und theuere Herr Smith Haares Geld gehabt hätte, so hatte er einen zu großen Abscheu gegen Schulden, als daß er sie in Bezug auf das Klavier Jenny’s gemacht haben würde.

Wir zählten unsere sieben Pfund Sterling auf einem Tische auf. Im Nothfalle konnte man drei Monate lang damit leben; aber um zu diesem Wunder der Sparsamkeit zu gelangen, durfte man keinen Schilling von dieser armseligen Summe abziehen.

Von Zeit zu Zeit fiel mir indessen etwas wieder ein, was ich weder Herrn Smith, noch seiner Frau, noch Jenny gesagt hatte: nämlich meine Schuld oder vielmehr diese Schuld meines Vaters, die ich zu der meinigen gemacht und mich verpflichtet hatte, sie vierteljährlich mit einer Guinee abzutragen.

Der Schuldschein war es besonders, den ich unterzeichnet hatte, und demzufolge in Ermangelung zweier pünktlich bezahlter Termine das Ganze auf der Stelle verfallen war.

Wie die Guinee, mit der ich im Rückstande war, von den sieben Guineen nehmen, die uns übrig blieben?

Wie besonders Jenny gestehen, daß, wenn ich, bereits mit einer Guinee gegen meine Gläubiger im Rückstande, in sieben Wochen nicht eine zweite Guinee bezahlte, eine ganze Summe von fünfzig Pfund Sterling verfallen war?

Aber auf dieser Seite hatte ich eine Hoffnung, nämlich daß Herr Rham, das war der Name des Handelsmannes von Nottingham, – uns Zeit bewilligen würde, da er von meinem Vater und von mir immer pünktlich bezahlt worden war.

Zeit! das war Alles, was ich nöthig hatte. Meine Pfarre ließ mir viel Muße übrig; die Liebe Jenny’s machte mir aus dieser Muße die süßeste Ruhe; ich konnte mich an das große Werk machen, welches anzufangen mich bis dahin so viele Umstände verhindert hatten.

Da das am Ende das Vernünftigste war, so beschloß ich, mich so bald als möglich an das Werk zu machen.

Nur wollte ich nicht auf das Alte zurückkommen,, das. was ich aufgegeben hatte, sollte aufgegeben bleiben. Außerdem waren gar viele Veränderungen in meinem Kopfe vor sich gegangen, gar viele neue Horizonte hatten sich vor meiner Einbildungskraft eröffnet; mit meiner ersten Kenntniß des Menschen hatte sich die Kenntniß der Welt vereinigt, welche ich in vier Monaten des wirklichen Lebens geschöpft hatte.

Ich wußte jetzt, welches das Werk war, das meinen Zeitgenossen gefallen konnte; es war weder ein Heldengedicht, auf dessen Anfertigung ich zehn Jahre verwenden würde, noch ein Trauerspiel, von dem ich nicht wissen würde, wo ich es aufführen lassen sollte, noch eine Abhandlung vergleichender Philosophie, die ich genöthigt sein würde, auf meine Kosten herauszugeben. Nein: es war ein moralischer Roman, wie die von Lesage, von Richardson oder des Abbé Prévost; ein Gil Blas, eine Paméla, ein Cleveland, das ist es, was die Gesellschaft in Bewegung setzen würde, das ist es, was ich mit meiner Kenntniß des Menschen zum großen Beifalle meiner Zeitgenossen ausführen würde.

Was würde mich außerdem verhindern, ein wenig von diesem satyrischen Witze in dieses Buch auszuschütten, der so mächtig bei mir war, daß er nur überzutreten verlangte? Was würde mich abhalten, einen Heuchler wie den Rector, einen gemeinen und feigen Glückspilz wie den Haushofmeister zu schaffen und zu schildern? Das war gewiß vor Gott und vor den Menschen eine schöne Sendung, im Angesichte der Gesellschaft zugleich die Wollust und die Heuchelei zu züchtigen; Gott hatte mir ohne Zweifel eine Kanzel gegeben, um gegen die Laster zu eifern; aber welches war der Horizont, in welchem mein Donner grollte? Welches war der Kreis, in welchem mein Blitz treffen konnte? Der Kreis und der Horizont eines kleinen Dorfes!

Nun aber war es mit meinem Romane nicht mehr dasselbe; ich ließ den Kreis sich erweitern, in dem ich eingeschlossen war; ich zerriß den Horizont, der mich beschränkte: ein Roman sprach in London, in England, in Schottland, in Irland, in den drei Reichen; der Abbé Prévost übersetzte ihn, wie er es mit Clarisse Harlowe und mit Grandisson gemacht hatte. Dann würde mein Ruf, wie er über die Tweed, wie er über den Kanal Saint-Georges gegangen, über den Pas de Calais gehen. Ein Mal in Frankreich bekannt, war ich der ganzen Welt bekannt: Frankreich ist der Herd des Lichtes, der seinen Glanz über ganz Europa verbreitet; dann kamen mir die Achtung und das Vermögen von allen Seiten zu; dann trotzte ich allen Rectoren und allen Haushofmeistern der Welt; dann erhob ich Jenny auf den vergoldeten Schild meiner Reichthümer und meines Ruhmes. Ich machte Jenny zur Königin der Welt! . . .

Ach! mein lieber Petrus, welche schöne Fabel hat der große Philosoph gemacht, den man La Fontaine nennt, die den Titel führt: Perrette oder der Milchtopf!

Mein Freund, der Gegenstand meines Romanes war beschlossen, der Plan dazu war entworfen, der Titel davon war geschrieben; ich hielt die Feder in der Hand, um die ersten Zeilen desselben zu schreiben; die Begeisterung war da, sie stand neben mir, die Arme und die Augen gen Himmel erhoben, als plötzlich Jenny wieder nach Hause kam; – sie hatte unsere kleinen Einkäufe gemacht, die sie immer selbst besorgte; – ich wandte mich um, als ich sie die Thür meines Arbeitzimmers aufmachen hörte; ich sah sie bleich und mit Thränen in den Augen . . . Ich legte meine Feder weg, denn Jenny vor Allem! Ich beunruhigte mich, ich erkundigte mich, und ich erfuhr, daß in Ashbourn das Gerücht im Umlaufe wäre, daß meine Pfarre in ein einfaches Vicariat verwandelt worden sei, und daß ein Vicar abgesandt werden würde, um mich zu ersetzen!

Das war der von meinem Wirthe, dem Kupferschmiede, prophezeite Schlag.

Niemals, mein lieber Petrus, niemals fiel Jemand von erhabeneren Höhen in einen tieferen Abgrund hinab!

Wenn dieses Gerücht begründet, wenn ich abgesetzt war, wenn dieser Vicar ankam, so war ich verloren!’

Herrn und Madame Smith um Gastfreundschaft für mich und für Jenny zu bitten, bei ihnen ein allgemeines Elend aus unserem Elende zu machen, ich, meine Frau, das Kind, das Gott uns vielleicht schenken würde, zur Last unserer guten und theuren Eltern zu sein. . .

– Niemals! lieber würde ich sterben.

Sie werden begreifen, mein lieber Petrus, daß mit einer solchen Unruhe im Kopfe, nach einem solchen Stoße im Herzen, nicht mehr die Rede davon war, mich an meinen Roman zu machen. Die Ereignisse meines eigenen Lebens nahmen ein zu schmerzliches Interesse an, um meinen Witz und meine Einbildungskraft sich aus fremde und erdichtete Interessen ergießen zu lassen.

Das Dringendste, Sie werden es selbst zugeben, nicht wahr? war an den Herrn Rector zu schreiben; war zu wissen, woran ich mich über ein solches Ereigniß zu halten hätte; war nicht mit einem solchen, über meinem Haupte aufgehängten Schwerte des Damokles zu leben.

Und dabei drohte dieses Schwert des Damokles, das dem Schmeichler Dionysius des Tyrannen drohte, ihm nur allein, und drohte ihm nur wahrend der Dauer der Mahlzeit.

Aber dieses über meinem Haupte aufgehängte Schwert bedrohte zu gleicher Zeit Jenny; was dieses Schwert bedrohte, war nicht allein die Gegenwart, sondern auch noch die Zukunft.

Ich schrieb daher auf der Stelle folgenden Brief an den Herrn Rector:

»Mein Herr,

»Ich schreibe Ihnen diesen Brief in der ganzen Bangigkeit meiner Seele, auf Veranlassung eines Gerüchtes, das sich, wie es scheint, seit zwei bis drei Tagen in dem Dorfe verbreitet.

»Ich weiß nicht, ob dieses Gerücht einigen Grund hat, oder ob es nur auf der Unterhaltung beruht, die ich mit Ew. Ehrwürden während unserer letzten Zusammenkunft gehabt habe, eine Unterhaltung, welche, ich gestehe es Ihnen, große Befürchtungen für meine Zukunft in mir hat entstehen lassen.

»Ein solcher Entschluß von Seiten Ew. Ehrwürden gegen mich wird zuverlässig seinen Grund in einem böswilligen Berichte haben, der ihr gegen mich gemacht worden ist: aber ich bin bereit, diesen Bericht – welchen Punkt meines Lebens er auch berühren möge, – offen zu bekämpfen. Einen Kampf zwischen mir und der Verleumdung zu beginnen. Herr Rector, heißt mir einen Sieg sichern.

»Seit vier und einem halben Monate, – leider hat mein Mißgeschick mir die Laufbahn nicht sehr lang gemacht! – seit vier und einem halben Monate habe ich voller Eifer und Treue das Amt verwaltet, das ich Ihrem hohen Schutze verdankte; ich habe in reiner und christlicher Weise das Wort Gottes gelehrt; ich habe die Betrübten zu trösten gesucht; ich habe meinen Geldbeutel mit den Armen getheilt; wenn mein Geldbeutel leer war, mein Brod; wenn das Brod mir gefehlt hat – und das ist mir mehr als ein Mal begegnet, mein Wort. Keine Klage hat sich gegen mich erhoben, ich bürge dafür, denn die erste Klage würde von meinem Gewissen ausgegangen sein, und wenn ich mein Gewissen noch so sehr befrage, es beschuldigt mich nicht. Ew. Ehrwürden hat meinen Gehalt um ein Drittel herabgesetzt, um dreißig Pfund Sterling, eine ungeheuere Summe für mich; ich habe gebeten, aber ich habe nicht gemurrt; ich habe Ihre Entscheidung Ihrem großmüthigen Herzen unterworfen, und ich habe mich voller Vertrauen zu der Unparteilichkeit, und wenn es sein müßte, zu dem Erbarmen Ew. Ehrwürden entfernt.

»Zum zweiten Male übergebe ich. wie das erste, mit meiner gerechten und rechtschaffenen Bitte den Händen Ew. Ehrwürden mein Leben, das meiner Frau und vielleicht das meines Kindes.

»Ich habe die Ehre. u. s. w.«

Was den letzten Theil, oder vielmehr was das Ende der letzten Phrase meines Briefes anbetrifft, so war sie gänzlich hypothetisch; nichts zeigte mir mit Gewißheit an, daß Jenny Mutter werden sollte. Sie werden daher auch bemerken, mein lieber Petrus, daß ich vielleicht geschrieben hatte, da ich nicht ein Mal für unser gemeinsames Wohl eine Lüge wagen wollte.

Als dieser Brief geschrieben und auf die Post gegeben, wartete ich die Antwort voller Bangigkeit ab.

Es war an einem Sonnabend, wo mein Brief abgesandt worden war. Ich hatte keine Predigt für den folgenden Tag; die Ereignisse, welche mich, trafen, lieferten mir einen Text: ich predigte über die Freuden der Armuth.

Eine Predigt, wenn sie in der Aufrichtigkeit des Herzens gehalten ist, hat das Gute, mein lieber Petrus, daß, wenn sie nicht auf die Zuhörer wirkt, sie wenigstens auf den Prediger wirkt.

Ich vermöchte Ihnen nicht zu sagen, ob ein einziges meiner Pfarrkinder überzeugt war, daß es besser wäre arm zu sein als reich; aber als ich die Kanzel verließ, war ich darein ergeben, das mir von der Hand meines Feindes kommende Mißgeschick mit derselben Geduld und derselben Demuth anzunehmen, als wenn es mich im Namen des Herrn träfe.

Und diese Geduld und diese Demuth waren mir nicht unnöthig; denn am Montag erhielt ich einen Brief des Herrn Rectors, in welchem er mir sagte, daß meine Pfarre in der That in ein Vicariat verwandelt wäre, daß ich demzufolge meine Stelle nur bis zu dem Ende des zweiten Quartals, das heißt bis zu dem 15. October behalten würde.

Außerdem, und um den wohlwollenden Schein noch zu erhalten, meldete er mir die Uebersendung der Vorauszahlung der fünfzehn Pfund Sterling meines zweiten Quartals; aber er benachrichtigte mich, daß mittelst dieser fünfzehn Pfund Sterling alle unsere Rechnungen abgeschlossen wären, damit ich nichts Anderes von ihm zu hoffen hätte.

Der Vicar. der mich ersetzen sollte, würde im Laufe dieses zweiten Quartals in Ashbourn ankommen, und die fünfzehn Pfund Sterling wären mir nicht allein übersandt, um mir beizustehen zu warten, sondern auch noch, damit ich ihm meine Pfarre gleich nach seiner Ankunft übergeben könnte.

Der Rector forderte mich auf, außerhalb seines Sprengels eine andere Stelle zu suchen, auf welche mich mein erlangter Beifall und meine Talente nach seiner Ueberzeugung. wie er sagte, nicht lange warten lassen würden.

Am folgenden Tage erhielt ich die fünfzehn Pfund Sterling.

Ich war in den Gedanken an unser Mißgeschick vertieft, als Jenny eintrat.

Zum ersten Male erhob ich bei dem Geräusche ihrer Schritte und dem Rauschen ihres Kleides den Kopf nicht.

Nur, da ich wußte, daß sie es war, die neben mir stand, zeigte ich ihr die fünfzehn Pfund in meiner offenen Hand und legte sie in die ihrige.

Jenny wartete noch einige Secunden, um zu wissen, ob ich sie anblicken oder anreden würde; aber als sie sah, daß ich regungslos und stumm blieb, holte sie eine Bibel, die sie mir als die Quelle alles Trostes brachte.

Ich verstand sie und erhob die Augen; ich sah sie ruhig und voller Ergebung vor mir stehen, indem sie mir das Beispiel des Muthes gab.

Ich streckte beide Arme aus und drückte sie an mein Herz, indem ich flüsterte:

– Jenny, theure Jenny!

Hierauf schlug ich die Bibel auf den Zufall hin auf.

Meine Augen richteten sich auf den Anfang der Seite; es war der erste Vers des 43. Kapitels des Propheten Iesaias.

Ich las:

»Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöset; ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.«

Nun erhob ich die beiden Arme gen Himmel und rief aus:

– Wenn ich der Deinige bin, o Herr! dann habe ich nichts mehr weder für mich noch für sie zu fürchten!

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Дата выхода на Литрес:
10 декабря 2019
Объем:
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