Читать книгу: «Vom Leben getragen»

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© Sara Dannenbrink

Ajana Holz, geb. 1964, gründete 1999 das bundesweit mobile Bestattungsunternehmen „DIE BARKE – Bestattung und Begleitung in Frauenhänden“ aus Liebe zu den Toten und den Lebenden und wurde damit zu einer Pionierin für eine lebendige Bestattungskultur. www.die-barke.de

Ajana Holz

Vom Leben getragen

Für eine lebendige Bestattungskultur

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

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Projektkoordination und Lektorat: Simone Holz, Pisa; Franziska Brugger, Frankfurt am Main

Satz und Gestaltung: Walburga Fichtner, Köln

Umschlagabbildung: © Grandfailure/istockphoto.com

Bildbearbeitung: Marion Ullrich, Frankfurt am Main

ISBN: 978-3-86321-560-6

Alle Rechte vorbehalten

Inhalt

I Mit unserer Liebe für die Toten …

II Tod im Leben: Unser gesellschaftlicher Umgang

Tod hier und heute: Schwermütiges Dunkel und Schweigen?

Fern vom eigenen Zuhause: Krankenhaus, Heim, Bestattungsunternehmen …

Für die Menschenrechte der Toten: Die juristische Versachlichung

„Nur die Hülle“? Folgen der Spaltung von Körper, Geist und Seele

Übergänge angemessen begleiten

Hygienische Totenversorgung: Zwischen Notwendigkeit und Körperverletzung

„Nur nichts anmerken lassen!“ – Fehlende Anerkennung und Unterstützung im beruflichen Umgang mit Tod

III „Hebamme“ für die Toten

„Seelen-Hebamme“ und Übergangsbegleiterin

Andere Bilder: Von der Todin umarmt

Frauenkönnen und Frauenwissen um Geburt und Tod

Unser Umgang mit den Toten: Herzensberührung

Was wir von den Toten gelernt haben: Die Totenwaschung

„Was ist das: Totsein?“ Von einem sehr lebendigen Zustand

DIE BARKE: Totenschiff auf dem Totenfluss

Mobil & bundesweit: Ein anderes Netzwerk

„Ist das nicht zu schwer?“ Warum das Mütter und Pflegende selten gefragt werden

IV Für eine lebendige Bestattungs- und Trauerkultur!

Trauerfeiern: Bunte Feiern des Lebens

Abschiedsreden: Die Ehre, aus dem Leben von ZeitzeugInnen erzählen zu dürfen

Alte Traditionen werden wieder lebendig: Hausaufbahrung und Totenwache

Mitten im Leben: Vom Abschied zu Hause

Praktische Tipps für die Hausaufbahrung

Trauer: Die Kraft, die uns hilft, weiterzuleben

40 Tage nach dem Tod: Eine erste Schwelle

Das Glück in tiefster Trauer: Warum sich Lachen und Weinen nah sind

V Von den sehr schweren Abschieden

Plötzlich, unerwartet und viel zu früh …

Von Trauernden lernen

Wenn Kinder sterben: Die tiefe Weisheit der Mütter

Begraben: „Hilf mir, es selbst zu tun.“ (Maria Montessori)

Wie Kinder trauern: Was die Großen von den Kleinen lernen können

Pränataldiagnostik: Entscheidung über das Leben vor der Geburt

VI Mit der Todin tanzen: Eine andere Kultur

Mexiko: Das bunte Fest für die Toten

Die Vernichtung der Weisen Frauen: An unseren Wurzeln beschnitten

Auf den Schultern der AhnInnen

Was heißt hier: Schamanin? Ein Teil meiner Geschichte

Die Toten sind mit uns

VII Wie will ich bestattet werden?

Wichtige Informationen für die erste Zeit nach dem Tod

Bestattungsablauf: Die kostbare Zeit zwischen Tod und Bestattung

Organspende

Vorsorge

Vollmachten und Verfügungen

Rechtliches: Darf ich … einen Sarg selber bauen? …

Weitere Anregungen zum Selbstgestalten

Wünsche-Fragebogen für die Bestattungsplanung

VIII Literatur- und Medienempfehlungen, Adressen, Quellenverzeichnis

I Mit unserer Liebe für die Toten …

… ehren wir das Leben.

Das ist ein Satz, eine der vielen Essenzen aus den Erfahrungen meines Bestatterinnen-Daseins.

Warum schreibe ich dieses Buch? Ich bin Bestatterin1 mit Leib und Seele. Ich bin auch „Seelen-Hebamme“ und Übergangsbegleiterin. Das ist meine Berufung und meine Lebensaufgabe.

Schon mit zwölf Jahren wollte ich Hebamme werden. Mich interessierte sehr früh alles, was mit Schwangerschaft und Geburt zu tun hatte – diesem ersten großen Übergang ins Leben – und mit den ganz Kleinen, den neu in diese Welt Hineingeborenen. Ich wollte auf jeden Fall Kinder. Heute habe ich eine Tochter und einen Sohn, zwei wunderbare Menschen, die ich sehr liebe und schätze, und ich bin tatsächlich eine „Hebamme“ geworden – wenn auch ganz anders, als gedacht. Offensichtlich sollte ich zuerst meine eigenen Erfahrungen mit Übergängen machen und dann bei einem anderen Übergang begleiten. Aber das wusste ich damals noch nicht.

Mein Weg führte mich unter anderem zu einem Leben als freie Künstlerin, Geburtsbegleiterin (Doula), Aktivistin für Naturschutz, für Frauenräume und für ein respektvolles Zusammenleben mit allem Lebendigen auf dieser Erde. Einige Jahre begleitete ich Frauen bei Lebensübergängen und leitete zusammen mit anderen ein Notrufzentrum für Frauen.

Ich lernte, die Welt nicht nur aus der ökologischen, sondern nun auch aus einer feministischen Perspektive zu sehen: mit Liebe für mich selbst und der Hochachtung für andere Frauen, für die Natur und die Erde. Die großen Übergänge bei der Geburt meiner Kinder und das Leben mit ihnen sowie die Krise einer lebensbedrohlichen Krankheit lehrten mich viel über Leben und Tod.

Im Jahre 1993 begann ich eine dreijährige schamanische Ausbildung, die bis heute eine wesentliche Grundlage meines Lebens und Wirkens in der Welt ist. Darüber werde ich später im Buch noch ausführlicher erzählen. In dieser Zeit erkrankten eine Mitschülerin und eine meiner Lehrerinnen an Krebs. Ich durfte beide Frauen bei ihrem Umgang mit dieser Krankheit erleben – oder genauer gesagt: bei ihrem Umgang mit den Zuständen und Veränderungen in ihren Körpern. Ich durfte erleben, wie die beiden jeweils von einem Netz von Freundinnen auf diesem Weg begleitet wurden und wie alle Beteiligten dabei bis über alle Grenzen hinaus herausgefordert und gleichzeitig reich beschenkt wurden. Kurz hintereinander war ich auf zwei Beerdigungen, die sehr besonders waren und von vielen Frauen getragen wurden. Das Glück, eine große Gemeinschaft um sich zu haben, die unterstützt und mitträgt, einander den Rücken freihält für das Wesentliche und tatkräftig mit begleitet, ist bis heute für die meisten Menschen, nicht nur in schweren Situationen, die Ausnahme.

Während der Ausbildungszeit erlebte ich noch eine dritte Beerdigungszeremonie. Bei dieser wurde eine Frauenstatue aus Holz sanft in ein kleines Holzboot gelegt und wir bildeten eine Passage, einen Weg der Seelenbegleitung, einen Übergang. So wurden wir die Ufer des Flusses. Zum ersten Mal saß ich am Totenfluss, aber das wurde mir erst sehr viel später klar. Als ich dort saß, direkt bei dem kleinen Boot, in dem die Dame gebettet lag, spürte ich mit einem Mal sehr stark: Hier gehöre ich hin, das ist mein Platz, das ist meine Aufgabe. In diesem Moment war sie geboren: die „Seelen-Hebamme“, die schamanische Übergangsbegleiterin. Und von da an wusste ich: Dieser Aufgabe bin ich verpflichtet. Jedoch sollte es noch Jahre dauern, bis ich dieser Verpflichtung nachkommen konnte, denn kurz nach der klaren Erkenntnis, dass ich Bestatterin werden muss, um wieder einen anderen Umgang mit Tod und den Toten in diese Kultur und zurück ins Leben zu bringen, wurde ich selbst schwer krank und war dem Sterben ganz nahe.2

Es war klar, dass ich mich nicht mehr allein um die Kinder kümmern konnte – und das war völlig undenkbar für mich. Da mussten mir erst Außenstehende gut zureden und mich darin unterstützen, dass ich Hilfe brauchte und dass es in Ordnung ist, mich in dieser Situation nicht mehr um die Kinder kümmern zu können. Es gibt wohl nur wenige Mütter in dieser Gesellschaft, die nicht immer wieder Schuldgefühle haben, obwohl sie so viel geben. „Rabenmutter“ ist eine rein deutsche Wortschöpfung und ein sehr bezeichnendes Beispiel dafür, dass immer noch die Hauptverantwortung für das Wohl der Kinder auf den Schultern ihrer Mütter liegt. Ich hätte sehr gern mehr der kostbaren und unwiederbringlichen Zeit mit meinen Kindern verbracht. Zum Glück fanden meine Kinder und ich gemeinsam eine Lösung. Sie waren damals zwölf und acht Jahre alt und zogen zu ihren noch jungen Großeltern, die sich über ein Leben mit ihren Enkelkindern freuten. Die Kinder und ich haben uns seitdem so oft es ging gegenseitig besucht.

Zunächst ging ich für eine Auszeit nach Cornwall in Südengland, meine geliebte zweite Heimat. Das war in vielerlei Hinsicht lebensnotwendig: Zum ersten Mal in meinem Leben eine Zeit, in der ich nur für mich selbst verantwortlich war und mich nur um mich selbst kümmern durfte in dieser weiten, wilden Küstenlandschaft am Atlantik. Und es war eine sehr besondere Lehrzeit. Dort erzählte ich einer Frau, dass ich von Herzen gerne Bestatterin werden wollte und was das für mich bedeutete. Sie sagte ganz einfach: „Oh, you are a soul midwife!“

Ja, das bin ich. „Seelen-Hebamme“. Kein Wort trifft es besser.

In Cornwall besuchte ich auch eine Frau, die ein Bestattungsunternehmen nur für Frauen eröffnet hatte: Martha’s Funerals. Sie sagte mir, dass es viele Frauen gibt, für die es sehr wichtig ist, nach ihrem Tod nur von Frauen versorgt und nackt gesehen zu werden. Scham und Gewalterfahrungen oder beleidigende Bemerkungen über ihre Körper, all das sind gute Gründe für Frauen, sich zu wünschen, nach ihrem Tod Sexismus nicht (mehr) hilflos ausgesetzt zu sein. Der Wunsch, von Frauen bestattet zu werden, käme von den Frauen selbst, erzählte sie – und das wurde mir seither auch immer wieder von Frauen und ihren Angehörigen3 bestätigt. Nach der Gründung meines eigenen Bestattungsunternehmens war für mich jedoch schnell klar, dass ein liebevoller und achtsamer Umgang für alle Geschlechter notwendig ist – für die Toten genauso wie für die Lebenden – und auch dringend gewünscht wird, denn das ist leider noch lange nicht selbstverständlich. Gleichzeitig ist meinen heutigen Mitarbeiterinnen und mir die Bedeutung von liebevollem Schutz für verstorbene Frauen und Kinder schon immer bewusst und daher ein besonderes Herzensanliegen.

Später besuchte ich auch noch Green Undertakings, ein Bestattungsunternehmen, das ökologisch verträgliche Bestattungen in Naturschutzgebieten anbietet. Die Toten werden dort nur in ein Leintuch gehüllt auf eine Bastmatte gelegt und begraben. Ein Naturgrab ohne Grabmal und sichtbare Grabzeichen. Auch das gefiel mir sehr – und ist bis heute in Deutschland undenkbar.4

Zurück in Deutschland suchte ich eine Möglichkeit, Bestatterin zu werden und bei einem Bestattungsunternehmen zu lernen.5 Mir wurde offen misstrauisch begegnet, weil ich eine Frau bin: „Die Drecksarbeit mit den Leichen ist doch keine Arbeit für Frauen!“6 Und weil ich etwas lernen wollte, das der damaligen Überzeugung nach doch kein Mensch freiwillig gerne tun würde: sich um die Toten kümmern. Das war mein erster Einblick in die Bestattungs(un)kultur dieses Landes. Ich habe später noch sehr viel mehr erfahren müssen über den „professionellen“ Umgang mit toten Menschen. Eine Folge der Trennung von Leben und Tod beziehungsweise der starken Verdrängung von Sterben und Tod aus unserem alltäglichen Leben – ein gesamtgesellschaftliches Problem, für das wir alle die Verantwortung tragen.

Die Notwendigkeit einer Veränderung in der deutschen Bestattungskultur wurde für mich immer deutlicher. In kaum einem anderen Land (in Europa) ist Tod so ein Tabuthema, so angstbesetzt und so ins schwermütige Dunkel verdrängt wie hier. Ich glaube, fast nirgendwo sonst sind Menschen so stark von ihren Toten abgeschnitten, herrscht so viel Angst vor der Berührung mit toten Körpern, solch eine Angst vor dem Verfall. Kaum irgendwo sonst darf darüber so wenig geredet werden und schon gar nicht gescherzt …

Nach einigen Rückschlägen fand ich schließlich eine Bestatterin, bei der ich lernen durfte. Zu dieser Zeit waren Bestatterinnen noch sehr selten. Ich bin bis heute sehr dankbar, dass ich mit ihr meine ersten Toten versorgen durfte.

Am 31. Oktober 1999, am großen Fest- und Gedenktag für die Toten, konnten wir dann endlich DIE BARKE – Bestattung & Begleitung in Frauenhänden gründen, das erste mobile, bundesweite Bestattungsunternehmen. Den benötigten Gründungskredit hatten meine damalige Geschäftspartnerin und ich innerhalb von nur drei Monaten aus Kleinbürgschaften und Privatdarlehen zusammen – und das alles ausschließlich von Frauen!

Mit meiner Krankheit lernte ich mit den Jahren zu leben und bin inzwischen glücklicherweise ganz gesund, aber ohne eine so umfassende Unterstützung für mich und meine Kinder hätte ich mich niemals mit der BARKE auf den Weg machen können, um vielen Menschen in diesem Land einen heilsamen Umgang mit Tod und Trauer zu ermöglichen, die Toten liebevoll zu begleiten und unsere Bestattungskultur wieder lebendig zu machen. Mittlerweile fahren meine Mitarbeiterinnen und ich in unserem weinroten Bestattungsbus (Rot ist die Farbe des Lebens) seit über 20 Jahren quer durch dieses schöne Land und begleiten die Toten bei ihrem Übergang und die Lebenden in Trauer beim Abschied von ihren Lieben.

Wir versorgen nicht nur die Toten, wir begleiten sie auch. Denn genau das wird in unserer Kultur schon sehr lange nicht mehr gemacht. Ob wir es unsere „Seele“ nennen oder „Essenz“ unseres Wesens oder einfach unsere Körper: Die Toten werden hier bei uns nicht mehr angemessen begleitet. Doch mein Herzenswissen und das alte Wissen vieler auf dieser Erde sagen mir, dass alle in wichtigen Übergängen gut begleitet gehören, so auch im Tod. Dabei spielt es tatsächlich keine Rolle, ob wir an ein Leben nach dem Tod glauben, ob wir in irgendeiner Form religiös oder spirituell sind oder nicht. Das ist ein einfaches, elementares Lebensgesetz. Ein Gesetz der Würde.

Die unselige Trennung von Körper, Geist und Seele, von Mensch und Natur hat so viel Leid und Zerstörung geschaffen, so viele von ihren Körpern und vom Leben entfremdet, im Glauben, alles kontrollieren zu können. Aber so ist Lebendigkeit nicht.

Wir sind Erde. – Das werde ich immer und immer wieder sagen und schreiben: Wir sind Erde.

Doch später mehr zu meiner, unserer Philosophie, unserer Sicht auf das Leben und zurück zur Einleitung dieses Buches: Wie gehen wir als Gesellschaft mit unseren Toten um? Oder: Welchen Umgang lassen wir zu? Ist unser Körper „nur eine Hülle“? Und welche Folgen hat diese Annahme? Wie geht das, in ganz Deutschland mobil zu bestatten und überall hinzufahren? Was ist alles bei einer Bestattung zu bedenken? Was ist erlaubt und was nicht? Wie war unsere Bestattungskultur früher, was ist bezeichnend für die heutige Kultur hier und anderswo? Wie ist der professionelle Umgang heute? Was hilft in tiefster Trauer?

Das sind nur einige der Themen, über die ich in diesem Buch berichten werde. Es ist mir ein Herzensanliegen, viele Menschen möglichst umfassend über verschiedene Bestattungsmöglichkeiten und individuell unterstützende Abschiedswege zu informieren. Dieses Buch ist eine Grundlage für das Formulieren der ganz persönlichen Wünsche und das Finden des eigenen Weges beim Abschied – für sich selbst und beim Abschied von anderen. Und dieses Buch soll dabei helfen, viel von der Angst zu verlieren vor dem immer noch großen Tabuthema Tod. Dabei sterben jedes Jahr allein in Deutschland etwa 950.000 Menschen7 – mit seit Jahren steigender Tendenz. Das sind durchschnittlich etwa 2.600 Menschen pro Tag. Die meisten davon sterben eines natürlichen Todes. Diese alltägliche Tatsache ist wohl kaum jemandem wirklich bewusst.

Wenn wir gerufen werden, dann kümmern sich meine Mitarbeiterinnen (meine Kolleginnen, die ich auch meine Mit-Bestatterinnen nenne) und ich meistens zusammen mit den Angehörigen um die toten Menschen und wir dürfen so immer weiter lernen vom Wunder dieses Übergangs. Von der Lebendigkeit und der Liebe, die sich im Tod entfaltet. Von der Kraft der Trauer. Vom Geheimnis dieses Zustands: Totsein. Was ist das? Wann ist das? Eine befreundete Geburtshebamme sagte einmal zu mir: „Je öfter ich Geburten begleite, desto weniger weiß ich, was Geburt wirklich bedeutet.“

So geht es mir mit Tod. In dem Eingeständnis, dass ich bei Weitem nicht alles über ein so großes Ereignis wissen kann, liegt Respekt und tiefe Achtung vor diesem unaufhaltsamen, unerbittlichen Übergang, dessen Geheimnis sich uns wohl nie ganz erklären wird. Es ist eine schöne, anstrengende, herausfordernde, niemals eintönige Arbeit, denn sie spielt sich mitten im Leben ab. Und bei den beiden großen Übergängen ist das Leben ganz stark spürbar: Geburt und Tod – Geburt ins Leben und Geburt hinaus aus diesem Leben.

Ich mag es, wie die Lebenden sich zeigen in dieser Zeit. Offen, verletzlich und ganz sie selbst. Oft nehmen wir in dieser kostbaren Zeit zwischen Tod und Bestattung die Trauernden „an die Hand“, nehmen ihnen die Angst vor dem Abschied und dem nahen Kontakt mit ihren Toten. Wir ermutigen sie, auf viele Arten in Berührung zu gehen: ihre Toten zu berühren, sich von ihrer Ausstrahlung berühren zu lassen und die starken Gefühle der Trauer zuzulassen – berührbar zu sein. Weil wir aus Erfahrung wissen, auf welche unglaubliche Weise dies helfen kann. Das beeindruckt sogar uns selbst immer wieder tief.

Als Begleiterinnen sind wir da und geben Halt, wo es nötig und wo es gewünscht ist. Und genauso ziehen wir uns zurück und geben dem Alleinsein den nötigen Raum. Wir unterstützen die Menschen darin, das selbst tun zu können, was jetzt und in dieser Situation wichtig für sie ist. Und dies ist immer einzigartig.

Einige Geschichten von berührenden Abschieden werde ich in diesem Buch erzählen. Und ein paar Geschichten werden sogar von Angehörigen selbst erzählt.

Mein Wirken beinhaltet immer auch die Arbeit daran, den scheinbaren Gegensatz zwischen Leben und Tod ein wenig aufzulösen. Tod gehört nicht nur zum Leben, Tod gehört ins Leben. Zurück.

Die Besinnung auf die alten, fast vergessenen Traditionen wie Totenwaschung, Hausaufbahrung und Totenwache ist dabei ein wesentlicher Teil. Ich mag es, wie die Toten noch einmal in ihrem ganzen Sein „aufleuchten“, wenn wir sie liebevoll versorgt und gebettet haben …

Es ist sehr schön, ein Fest des Lebens mitzugestalten, wie es den Verstorbenen gebührt. Ich will jedes Mal von Herzen einen geschützten Raum schaffen für die, die gehen. – Und einen geschützten Raum für die, die gehen lassen.

Und dieser Schutz kann in (fast) jedem tatsächlichen Raum möglich werden. Denn auch in ganz unterschiedlichen Räumen und an verschiedenen Orten kann auf vielfältigste Weise Abschied genommen werden, nicht nur zu Hause.

Auf vielen Ebenen Raum geben und den Raum halten8, das sind zwei von unseren wesentlichen Aufgaben. Um uns wieder zu erinnern. Den Impulsen zu trauen und zu tun, was das Herz oder die Intuition, die innere Stimme uns sagt. Denn das bringt uns auf den eigenen Weg.

Dafür braucht es Zeit, ermutigende Anregung und Begleitung, die Schutz und Sicherheit gibt – und manchmal Stille und Langsamkeit. Kleinere Kinder stellen oft die Fragen, die sich Erwachsene nicht zu fragen trauen, und helfen – mit ihrer meist unbeschwerten Unbefangenheit – uns Älteren, innezuhalten und eine andere Wahrnehmung zuzulassen.

Dies ist ein Buch, in dem ich gerade auch den vielen unausgesprochenen Fragen zu Tod und Bestattung Raum geben will. Und ich will Mut machen.

Mut für den eigenen Weg beim letzten Abschied, für die ganz eigene unvergleichliche Art, wie jede und jeder von uns der Trauer Ausdruck gibt. Und auch Mut dazu, auf manche Fragen keine abschließende Antwort zu haben. Und sie trotzdem zu stellen.

Ich möchte dabei helfen, die Angst davor zu verlieren, sich von geliebten verstorbenen Menschen berühren zu lassen, indem wir sie ein Stück auf ihrem Weg – bei ihrem Übergang – hinaus aus diesem Leben begleiten. Und ich will einen Einblick geben in die Geschenke, die in der Erfahrung eines gut begleiteten Abschieds für uns alle liegen können.

 1 Wenn ich in diesem Buch über Angehörige eines Geschlechts schreibe, dann benenne ich es auch so. Meines Erachtens sind alle derzeit gebräuchlichen Genderformen Kompromisslösungen. Da ich mich für eine Form entscheiden musste, verwende ich für die geschlechtergerechte Sprache in diesem Buch fortan das große Binnen-I, wenn es um alle Geschlechter geht (wie z. B. in BestatterInnen). Mir ist bewusst, dass sich bei keiner Genderform alle gleichwertig angesprochen fühlen, und ich weiß um die vielen Geschlechter, die es jenseits der momentan noch sehr festgelegten Norm der Polarität männlich-weiblich gibt. Mir ist ebenso bewusst, dass alles Weibliche (nicht nur) sprachlich untergeordnet wird.

 2 Heute weiß ich, dass dies auf der ganzen Welt auch als Teil der Initiation von SchamanInnen gilt. Die Bezeichnung „SchamanInnen“ ist jedoch aus einem anderen Kulturkreis. In unserem Kulturkreis hießen wir früher unter anderem Weise Frauen, Heilerinnen, Kräuterkundige … Sage-femme (Weise Frau) heißt auch heute noch auf Französisch: Hebamme. Die Bezeichnung „Hexe“ wurde zum todbringenden Schimpfwort. Über diese Verfolgung und ihre verheerenden Folgen bis heute lernen wir in Schule und Bildungswesen so gut wie nichts (siehe Kapitel VI: Die Vernichtung der Weisen Frauen: An unseren Wurzeln beschnitten).

 3 Angehörige sind für mich alle, die sich den Verstorbenen zugehörig oder verbunden fühlen: nicht nur die gesetzlich legitimierten Verwandten und die Familie, sondern auch die Wahlverwandten, die Wahlfamilie, die Freundinnen und Freunde.

 4 In Deutschland gibt es mittlerweile zwar die Waldbestattungen unter Bäumen außerhalb von Friedhöfen, aber ausschließlich für Urnen. (Z. B. über Firmen wie Ruheforst oder FriedWald. Es gibt aber auch andere – teilweise auch kleine lokale – Anbieter und manchmal kann dadurch ein näher liegender Bestattungswald gefunden werden.)

 5 Erst seit 2007 gibt es hierzulande den staatlich anerkannten Ausbildungsberuf der Bestattungsfachkraft.

 6 Zitat eines jungen Bestattungsunternehmers

 7 Sterbefälle im Jahr 2018. Statistisches Bundesamt, www.destatis.de (08.03.2020)

 8 „Halten ist eine äußerst bewegliche Handlung; einer Art energetischem Muskeltraining vergleichbar, jenseits von Starre und Fest-halten.“ Ute Manan Schiran: Am Küstensaum der Zeit – Gedanken zu einer sinnlich-spirituellen Praxis jenseits bestehender religiöser/säkularer Systeme/2 Essays. München, 2008, S. 39

II Tod im Leben: Unser gesellschaftlicher Umgang

In diesem Buch geht es nicht so sehr um die großen philosophischen oder religiösen Fragen über ein mögliches „Leben nach dem Tod“ oder darüber, ob und wie es nach dem Tod weitergeht. Für mich bleibt dies ein Geheimnis, dessen Komplexität ich nicht erfassen kann. Und das ist auch gut so.

Mir geht es sehr konkret um diesen wesentlichen, unwiderruflichen und einzigartigen Zeitraum zwischen Tod und Bestattung, um den derzeit üblichen Umgang mit den toten Menschen und um den Umgang mit Trauernden. Das alles meine ich mit Bestattungskultur.

Wenn wir uns anschauen wollen, wie hier und heute mit Tod und Bestattung umgegangen wird, dann müssen wir uns speziell auf Deutschland konzentrieren. Denn es braucht zunächst noch nicht einmal den Blick über Europa hinaus, um große Unterschiede festzustellen – so scheint etwa in England, Italien oder Holland der Umgang mit den Verstorbenen um einiges angstfreier als hierzulande zu sein. Tote werden unter anderem in Italien ganz selbstverständlich geküsst und geherzt. Dort ist die Angst vor dem obskuren „Leichengift“ (das definitiv nicht existiert, aber darüber später mehr in diesem Buch) nicht so verbreitet wie hier, wo wir immer noch von Menschen gefragt werden, ob es wirklich ungefährlich sei, ihre Toten zu berühren. In England und Holland ist es vielerorts auch heute noch üblich und ganz selbstverständlich, die Verstorbenen offen zu Hause aufzubahren und dort Abschied zu nehmen. Warum ist das bei uns hier nicht (mehr) so?

Tod hier und heute: Schwermütiges Dunkel und Schweigen?

Es scheint, dass fast nirgends sonst das Thema Tod so tabuisiert ist wie hier bei uns. Woher kommt es, dieses Schweigen? Woher kommt die Angst, über den eigenen Tod oder den unserer Lieben zu reden oder sogar nur darüber nachzudenken? Woher kommt die Schwere, die unvermeidlich scheint, sobald es um Tod und Bestattung geht? Dieses Dunkle, das häufig noch im Äußeren auf unseren Friedhöfen zu finden ist: bedrückend düstere Trauerhallen, dunkle Friedhofskapellen und manchmal schäbig-schmutzige Aufbahrungsräume, schwarze Tücher auf dem Sargwagen und dunkle Särge …

Obwohl sich hier langsam glücklicherweise ein Kulturwandel bemerkbar macht und immer mehr TrauerrednerInnen und PfarrerInnen die Abschiednehmenden bei Trauerfeiern miteinbeziehen, findet sich bei den meisten Bestattungen noch überwiegend schwermütige Musik, die selten wirklich unterstützend „trägt“ und selten die Lieblingsmusik der Verstorbenen war, sondern eher eine Trauermusik ist, die die Abschiednehmenden meist noch mehr bedrückt. Die üblichen Trauerreden enthalten wenig Anekdoten, über die alle auch lachen können, obwohl diese Seite doch genauso zum Leben und zu der Persönlichkeit der meisten Verstorbenen dazugehört hat und das gemeinsame Lachen – neben den Tränen – sehr verbindend wirken kann. Die so wichtigen letzten Worte über die Verstorbenen werden meist nur von PfarrerInnen oder professionellen TrauerrednerInnen gesprochen und sind leider noch zu oft schmerzlich unpersönlich, distanziert und damit wenig tröstlich, berührend oder lebendig. Zu selten bekommen die Menschen, mit denen die Verstorbenen im Leben auf unterschiedlichste Weise verbunden waren, den Raum und die Unterstützung, auf der Trauerfeier zu sprechen. Helle, farbenfrohe und freundliche Gestaltungen der Abschiedsräume und Trauerhallen sind noch außergewöhnlich und nur manchmal bei aufgeschlossenen Bestattungsunternehmen und Friedhöfen (und ganz selten in Kliniken oder anderen Einrichtungen) zu finden. Viele haben Angst, dass zu „Fröhliches“ bei Bestattungen befremdlich oder gar als „pietätlos“ (= würdelos) empfunden werden könnte. Manche trauen sich kaum, von einer „schönen“ Trauerfeier zu sprechen, auch wenn sie es tatsächlich war, als wäre „schön“ dafür ein ganz und gar unpassendes Wort. Und um bei einer Trauerfeier, beim Abschied von den Verstorbenen, lachen zu dürfen, brauchen manche fast schon eine „Erlaubnis“, als wäre auch das absolut unvereinbar: die Trauer und das Schöne, der Schmerz und das Glückliche im Leben – obwohl Beerdigungen und Trauerfeiern Teil unseres Lebens sind und doch immer etwas aus dem Leben der Verstorbenen widerspiegeln sollten.

In England und den skandinavischen Ländern gibt es zum Beispiel richtig lustige und fröhliche Kinderbücher zum Thema Tod, die ich gerne auf Vorträgen, zu denen wir immer wieder eingeladen werden, zusammen mit anderen Büchern vorstelle (siehe Kapitel VIII: Literatur- und Medienempfehlungen, Adressen, Quellenverzeichnis). Da hören wir dann manchmal, diese Kinderbücher würden das Thema nicht ernst genug nehmen. Ich finde, hierzulande wird das Thema einerseits viel zu ernst genommen und andererseits leider überhaupt nicht in dem Umfang, wie es tatsächlich notwendig wäre.

Diese Art von bestimmten, kulturell als richtig deklarierten „Betroffenheitsgefühlen“, die künstlich erzeugt werden, verhindert oft, dass wahrgenommen werden kann, was tatsächlich passiert, wenn ein Mensch stirbt, und wie wir uns wirklich damit fühlen. Und wie viele Fragen wir dazu haben …

Bei der offensichtlichen Trauer fehlen dann vielen die Worte und Gesten des Mitgefühls, ein unterstützender und angemessener Umgang, der die Trauernden nicht alleine lässt und dennoch ihre Grenzen wahrt. Es fehlen ausreichend Möglichkeiten, die eigene Trauer miteinander zu teilen. Zu selten ist die Gelegenheit, diesen Umgang in unserem alltäglichen Leben zu erfahren und natürlicherweise schon von klein auf zu lernen. Er ist nicht mehr (und noch nicht wieder) ein selbstverständlicher Teil unserer Kultur. Glücklicherweise gibt es inzwischen zu Trauer aber schon viel Literatur und Angebote (siehe Kapitel VIII: Literatur- und Medienempfehlungen, Adressen, Quellenverzeichnis).

Es ist offensichtlich für die meisten Menschen immer noch schwer, sich darüber bewusst zu sein, dass wir alle eines Tages sterben werden und dass ein Sterben spätestens zwischen 80 und 90 Jahren für die meisten von uns sehr wahrscheinlich ist. Nur sehr wenige von uns werden älter. Es kann nicht darum gehen, Sterben um jeden Preis zu verhindern. Wer will schon wirklich unsterblich sein? Es geht wohl eher darum, wie wir ein „gutes“ Sterben am Ende eines Lebens ermöglichen, also ein Sterben, bei dem die Sterbenden entsprechend einfühlsam und respektvoll begleitet und ihre Wünsche und Bedürfnisse selbstverständlich mit einbezogen werden. Hier gibt es schon seit Längerem immer mehr Angebote: ambulante Hospizdienste und -vereine, Hospizhäuser und Palliativstationen in Kliniken sowie ambulante Palliativ-Care-Teams, die sich am Ende eines Lebens, sei es durch Alter oder durch Krankheit, genau darum kümmern und meist auch sehr gerne Angehörige in dieser letzten Zeit einladen, sie begleiten und unterstützen.

Natürlich sind wir alle traurig, wenn Menschen sterben, mit denen uns etwas im Leben verbunden hat. Trauer ist ein ganz natürliches und wichtiges Gefühl, über das ich später im Buch noch viel schreiben werde. Trauer bekommt jedoch gerade durch die heute noch weitverbreitete Verdrängung von Tod leider oft zu wenig Raum. Auf Beerdigungen tragen die Menschen in der Regel Schwarz. Schwarz ist (nicht nur) in diesem Land die traditionelle und kulturelle Trauerfarbe. Damit soll der Respekt vor den Toten und den Trauernden gezeigt werden, deshalb tragen auch wir Bestatterinnen bei der BARKE meistens dunkle oder schwarze Kleidung, außer Farbe ist erwünscht. Für die meisten Menschen ist es aber selbst dann undenkbar, bunte oder helle Kleidung auf einer Trauerfeier zu tragen, wenn die Verstorbenen sich das zu Lebzeiten ausdrücklich so gewünscht haben.

Schwarz ist an sich natürlich überhaupt nichts Düsteres oder Negatives. Und ich persönlich mag Schwarz gerne: die Sternenschwärze der Nacht oder glänzender Obsidian oder schwarze Kleidung – und ich trage sie deshalb auch gerne bei Bestattungen. Unter vielem anderen symbolisiert Schwarz für mich Klarheit und Schutz, die ursprünglichste aller Farben. In vielen sehr frühen Kulturen finden sich die drei Urfarben Schwarz, Weiß und Rot in Wandmalereien oder auf Töpferware und kultischen Alltagsgegenständen, als die Bereiche Kunst, Alltag und Spiritualität, für mich sehr offensichtlich, noch nicht getrennt gelebt und empfunden wurden. Sie stehen für mich unter anderem für die Junge Frau, die Reife Frau und die Weise Alte oder auch für den Anfang/den Neubeginn, die Mitte des Lebens, das Lebensende. Schwarz symbolisiert häufig den Ursprung allen Lebens, das Nichts, aus dem alles geboren wurde, und steht gleichzeitig für Tod als zum Beginn dazugehörend – der Lebenskreis, in den auch alles am Ende wieder hineingeboren wird: zwei Geburten, die nicht voneinander getrennt zu fühlen und zu erleben sind – die Geburt hinein ins Leben und die Geburt hinaus aus diesem Leben. Von daher ist Schwarz eigentlich eine sehr passende Farbe für Trauer. Schwarz ist auch das Weltall, der unendliche Raum. Die Unendlichkeit, in der wir leben und sterben – gut aufgehoben in der Endlichkeit und der Gleichzeitigkeit9 im weiten schwarzen Raum, dem ständig sich wandelnden Kreislauf des Lebens, in dem wir uns im Großen und im Kleinen immer bewegen.

Hingegen hat die heute noch mit Tod verbundene Düsternis jüngere historische Ursprünge. Die Geschichte dieses Landes ist geprägt von Gewalt, Unterdrückung und Verfolgung. Im Mittelalter wurde die Bevölkerung Jahrhunderte lang immer wieder mit brutaler Gewalt unterdrückt, ihres Landes enteignet und, trotz aller Widerstände, unter die Herrschaft von Klerus, Adel und Bürgertum gezwungen.10 In der frühen Neuzeit, bezeichnenderweise der Zeit der Renaissance und des Humanismus, gipfelte diese Unterdrückung schließlich in der weitreichenden Verfolgung und Vernichtung von hauptsächlich Frauen (Weisen Frauen, Heilerinnen, Hebammen, Kräuterkundigen … den Ärztinnen des Volkes) unter dem Namen „Hexenverfolgung“.11 Noch im 18. Jahrhundert wurden die letzten Frauen in diesem Land öffentlich verbrannt.12 Es gibt noch viel zu wenig ernsthafte Aufarbeitung der Ermordung der unzählbaren Frauen über 300 Jahre hinweg. Ihre Zahl lässt sich nicht mehr genau beziffern, aber im Verhältnis zur damals viel geringeren Bevölkerungsdichte müssen es wohl viele gewesen sein. Für mich kommt in vielen aktuellen Forschungsberichten, von denen es im Übrigen nicht gerade viele gibt, ganz offensichtlich ein Hang zur systemimmanenten Verharmlosung und Relativierung zum Ausdruck, wie das auch heute noch bei Femiziden (dem Mord an Frauen, weil sie Frauen sind) und anderen Gewalttaten gegen Frauen leider der Fall ist. Es gibt Quellen, die davon berichten, dass in Norwegen große Teile der weiblichen Bevölkerung mancherorts ausgerottet13 und in Frankreich „[g]anze weibliche Linien […] ausgelöscht“14 wurden: „Deutschland war neben der Schweiz jenes Land, in dem die Hexenverfolgungen aufkamen und ihr Epizentrum hatten“15 – hier hat in manchen Dörfern nach den Hexenprozessen nur noch eine einzige Frau überlebt.16

Der Höhepunkt dieser Verfolgung, der übrigens nach unterschiedlichen Schätzungen neben 75 bis 90 Prozent Frauen auch Männer zum Opfer fielen, fand also nicht, wie viele meinen, im „finsteren Mittelalter“ statt, das im Übrigen bei Weitem noch nicht so finster war – und die kirchlichen und weltlichen Obrigkeiten gingen dabei häufig Hand in Hand und sehr systematisch vor.17 Doch darüber später im Buch mehr.

Es folgte das Zeitalter des Kolonialismus, in dem die Kolonialherren überall auf der Welt unzähligen Völkermord an UreinwohnerInnen verübten beziehungsweise die Befehle für den systematischen Mord erteilten, wie zum Beispiel von deutscher Seite aus der Genozid an den Nama und Herero in Namibia, der bis heute noch nicht in aller Konsequenz von Deutschland anerkannt wurde. Bei diesen auf absolut grausame Weise verübten Genoziden überall auf der Welt sind Millionen Menschen ermordet worden18 und sie sind bis heute nicht annähernd aufgearbeitet oder angemessen anerkannt. Das ist ein sehr großes, schweres Thema, dem ich in diesem Buch sicher nicht gerecht werden kann – und über das die ganze Menschheit hoffentlich einmal gemeinsam wird trauern können. Das wünsche ich mir jedenfalls …

Allein im 20. Jahrhundert gab es zwei Weltkriege mit unzähligen Toten und Schwerverwundeten, nicht nur unter den Soldaten, sondern auch unter allen anderen Menschen, die aber die meisten Kriegsdenkmäler nicht erwähnen. Auch heute noch leiden und sterben vor allem die ganz „normalen“ Menschen („Zivilbevölkerung“ genannt) in den Kriegen dieser Welt, an denen auch deutsche Unternehmen viel verdienen … Und schließlich gab es noch die Zeit des Nationalsozialismus, in der etwa sechs Millionen jüdische Menschen ermordet wurden. Dazu kommen die nichtjüdischen Toten und Verfolgten: russische und andere Kriegsgefangene, polnische Menschen, politisch Verfolgte, Sinti und Roma, homosexuelle Menschen, Menschen mit sogenannter Behinderung und zahlreiche weitere.

Am Beispiel der Vergangenheit dieses Landes, in dem wir jetzt leben, wird überaus deutlich, welche weitreichenden Auswirkungen Kolonialismus, Krieg, Faschismus, Rassismus, Frauenhass und die daraus resultierende Gewalt haben und welche Folgen bis heute jeder Hass auf diejenigen hat, die zum Beispiel als „anders“ oder „fremd“ erklärt werden.19

Die Verfolgung und Ermordung unzähliger Menschen gehört zu unserer Geschichte und muss mit einbezogen werden, um einen Teil des schweren Umgangs mit Tod in diesem Land zu erklären. Die letzten Überlebenden der Verfolgung aus unserer nahen Vergangenheit leben noch unter uns. Genauso wie die letzten Täter und die letzten Überlebenden der Kriegsjahre, die all die Grausamkeiten des Krieges noch miterlebt haben. Viele waren als Kind auf der Flucht und haben Schreckliches erlebt und mit ansehen müssen. Etliche Frauen haben (nicht nur im Krieg) Vergewaltigungen und sexualisierte Gewalt überlebt und ihr ganzes Leben zu vergessen versucht – bis sie manchmal im Alter tatsächlich alles vergaßen. Diesen Eindruck hatte ich jedenfalls schon oft bei der Bestattungsbegleitung, wenn ich dabei die Lebensgeschichte so mancher alten Frau von den Angehörigen erfuhr.20

Die Nachkriegszeit war eine Zeit, in der über „diese Dinge“ in der Regel nicht gesprochen wurde. Die meisten versuchten, die schlimmen Kriegserlebnisse zu vergessen, oder haben sie verdrängt, um zu überleben. Manche sind Kinder von den Verbrechern, die so viele Menschen ermorden ließen oder es in den Lagern persönlich getan haben. Manche sind Kinder, deren ganze Familien in den Lagern ermordet wurden. Soldaten kamen an Körper und Seele verwundet nach Hause.

All diese traumatischen Ereignisse hinterließen Spuren. Bei denen, die dies alles selbst erlebt hatten, aber auch bei ihren nach dem Krieg geborenen Kindern und Enkelkindern. medica mondiale ist eine feministische Frauenrechts- und Hilfsorganisation, die Frauen und Mädchen in Kriegs- und Krisengebieten unterstützt. Auf ihrer Website war im Dezember 2020 unter vielem anderen Folgendes zu diesem Thema zu lesen:

„Um das Schweigen über ihre traumatische Familiengeschichte zu beenden, spricht die in Köln lebende Regisseurin Katja Duregger seit kurzem öffentlich über das Tabuthema Kriegsvergewaltigung. Ihre Großmutter wurde 1938 von italienischen Besatzern in einem Südtiroler Bergdorf vergewaltigt. In der Folge wurde ihr Vater geboren.“21

Die Auswirkungen, die dies für so viele und über mehrere Generationen hinweg hatte und immer noch hat, reichen bis heute noch weit in unsere Gesellschaft, in unser heutiges Leben hinein. Und die Bedeutung von Vergewaltigung, die ganz gezielt als „Kriegswaffe“ benutzt wird, wurde zum ersten Mal in den 1990er-Jahren einer breiteren Öffentlichkeit bewusst, als die furchtbaren Vergewaltigungslager im sogenannten Bosnienkrieg entdeckt wurden.

Über diese Gewalt, den Schmerz, das Entsetzen über die vielen Toten und die Trauer wurde zum damaligen Zeitpunkt und wird zu einem großen Teil bis heute nicht gesprochen. Das war und ist einfach zu überwältigend. Verdrängung war meiner Ansicht nach oft die einzige Möglichkeit, mit dem Leben in der Besatzungszeit (in der häufig weitere, bis heute tabuisierte Gewalterfahrungen für Frauen hinzukamen) irgendwie weitermachen zu können, denn es ging in diesen ersten Jahren hauptsächlich auch darum, die Trümmer der Zerstörungen des Krieges aufzuräumen, nicht zu verhungern, nicht zu erfrieren und alles Notwendige zum Leben zu beschaffen, um einfach nur zu überleben. So konnte es geschehen, dass nach dem Krieg bei vielen unerträgliche Erinnerungen wieder angerührt wurden, sobald nahestehende Menschen starben.

Ein natürlicher Tod, der zum normalen Kreislauf des Lebens gehört, konnte von all der erlebten Gewalt und den sinnlosen schrecklichen Toden so vieler Menschen überschattet werden. Die Eltern und Großeltern waren deshalb oft nicht in der Lage, einen natürlichen, unbefangenen und angstfreien Umgang mit Tod und Trauer zu vermitteln. Auf allem lastete das Schweigen. Kinder aber spüren gerade das Unausgesprochene der Erwachsenen um sie herum sehr stark. Es ist davon auszugehen, dass sie das namenlose Entsetzen spürten und die Trauer, die nicht gefühlt werden durfte und zum Schock erstarrte, den viele in sich tief vergraben hatten. Sie nahmen die bedrückende Last der niemals ganz zu verarbeitenden Erlebnisse wahr, die so viele Eltern und Großeltern in sich trugen – und so manche trugen diese Last weiter. Niemand konnte mit den Kindern darüber reden und das hat vielen natürlich Angst gemacht. Die Erwachsenen haben zu dieser Zeit sicher so manches Mal bei Bestattungen nicht nur um die jetzt gerade zu betrauernden Toten geweint, sondern auch um jene furchtbaren Erlebnisse und um die Toten, um die sie während der Kriegsjahre nicht trauern konnten – auch um jene, die sie gar nicht persönlich kannten, aber nach einem Bombenangriff auf der Straße sehen mussten …

Ähnliches erleben wir auch heute noch bei Trauerfeiern: So manche weinen und trauern bei diesen Gelegenheiten wohl noch um etwas, für das es zu einer anderen Zeit keinen Raum gab. Sehr oft erzählen uns Menschen, die wir begleiten durften, von lange zurückliegenden Abschieden, bei denen sie nicht so trauern konnten, wie es gut für sie gewesen wäre. Aber Trauer braucht Raum und Zeit – und eine angstfreie Begleitung.

Vielen Menschen fällt es auch heute noch schwer, über den eigenen Tod zu sprechen, mit ihren Kindern oder ihren Lieben über ihre Bestattungswünsche zu reden, sich ihre Bestattung überhaupt vorzustellen, selbst dann, wenn sie schon sehr alt oder sehr krank sind. Das wird auch heute noch oft vermieden, manchmal von beiden Seiten: den Jüngeren wie den Alten. Die meisten Menschen wollen sich lieber nicht damit befassen, dass sie selbst oder geliebte, nahestehende Menschen einmal sterben könnten. Indem sie Gedanken daran oder Gespräche darüber nicht zulassen, glauben sie sich vielleicht davor sicher. Etwas, das in weiter Ferne liegt oder anderen zustößt.

Ein solches Verhalten ist aber meist ein deutliches Zeichen von Angst. Und Angst vor Sterben und Tod bedingt leider auch Angst vor dem Leben.

Fern vom eigenen Zuhause:
Krankenhaus, Heim, Bestattungsunternehmen …

„Wie kam es, dass das Sterben langsam immer weniger weder örtlich noch zeitlich ins Leben passt, zunächst während das Herz noch schlägt und dann, wenn es nicht mehr schlägt?“22

In den 50er- und 60er-Jahren fanden Geburt, Sterben und Tod mehr und mehr im Krankenhaus statt. Aus Tischlereien, die vorher nur den Sarg angefertigt hatten, weil die Menschen alles andere noch selbst übernahmen, entwickelten sich Bestattungsunternehmen. Zunächst um die Jahrhundertwende in den Städten und nur für reiche Menschen, später für alle BürgerInnen und schließlich auch auf dem Land. Für alle, die vorher noch mitten im Leben eingebettet waren: alte, kranke, sterbende, sogenannte „behinderte“ und kleine Menschen wurden nun mehr und mehr die jeweiligen Institutionen (Krankenhaus, Kindergarten, Alten- und Pflegeheim, Behindertenheim etc.) geschaffen und das Leben wurde weiter aufgeteilt in Lohnarbeit und unentlohnte Hausarbeit (Care- bzw. Sorge-Arbeit), öffentliches und privates Leben. Menschengruppen wurden nach Alter, Fähigkeiten und kategorisierten Bedürfnissen sortiert, voneinander getrennt in Einrichtungen untergebracht und von Fachpersonal betreut. Diese Trennung der Lebensbereiche und die Einteilung der Menschen, die uns heute so selbstverständlich scheint, gehört in dieser Weise also noch nicht lange zu unserem Leben und ist auch eine Folge der zunehmenden Industrialisierung.

Auf dem Land ging diese Entwicklung langsamer voran. Manche erinnern sich sogar noch an die Zeit, als die Menschen zu Hause geboren wurden und zu Hause gestorben sind, an die Zeit der Hausaufbahrung und der Totenwache, über die ich später in diesem Buch noch sehr ausführlich schreiben werde. Damals gab es noch mehr Raum und Zeit für das Sterben mitten in unserem alltäglichen Leben.

Gleichzeitig wird der Glaube an die Wunder der modernen Medizin und ihr Einfluss immer stärker. Waren manche alte Menschen in meiner Kindheit noch der Überzeugung, dass es besser ist, einen Arztbesuch oder gar einen Krankenhausaufenthalt zu vermeiden, um gesund zu bleiben, so hat sich das nach dem Zweiten Weltkrieg drastisch geändert. Verbunden mit einer zumeist sehr unkritischen Fortschrittsgläubigkeit und der allgemeinen Bewunderung der technischen Entwicklungen verloren die Menschen nach und nach viel von ihrem ursprünglichen Vertrauen in alte Hausmittel und ihre eigenen Fähigkeiten, viele Krankheiten zu überstehen, wenn sie zu Hause gut versorgt werden, gesund und zufrieden leben können, ihr Immunsystem stärken und sich genügend Ruhe gönnen können (was alles heute wieder neu entdeckt wird als wesentliche Grundlagen für das, was wir Gesundheit nennen). Die Anforderungen der Arbeitswelt im „Wirtschaftswunderland“ und das Konkurrenzdenken in einer wachsenden Konsumgesellschaft haben die früher funktionierenden Gemeinschaften und Nachbarschaftsnetzwerke geschwächt. Das war vor allen Dingen eine Entwicklung im Westen Deutschlands. Ostdeutsche berichten unter vielem anderen auch von einer größeren Solidarität in einer nicht auf wachsenden Konsum ausgerichteten Gesellschaftsform, die aber trotzdem noch sehr patriarchal (und sehr totalitär) war, denn Frauen konnten zwar in allen Berufen selbstverständlich arbeiten, die Kinder waren währenddessen in Einrichtungen untergebracht, nur leider waren sie auch hier am „Feierabend“ für die (ebenso unbezahlte) Sorge-Arbeit zu Hause weitgehend allein zuständig. Kleinfamilien ersetzten in dieser Zeit immer mehr die Großfamilie, und so war es auch rein praktisch gar nicht mehr so einfach möglich, sich um Menschen mit besonderen Bedürfnissen zu Hause zu kümmern. Zudem lebten auch immer mehr Menschen allein.

So verschwand sehr viel, was das Leben ausmacht, aus dem alltäglichen Lebensumfeld: wie ein Kind geboren wird, wie ein Mensch zu Hause stirbt und noch drei Tage lang zu Hause aufgebahrt wird, wo sich alle in Ruhe verabschieden können, wie es ist, mit sogenannten „behinderten“ Menschen alltäglich zu leben und zu arbeiten, welche Freude Kinder und alte Menschen zusammen haben können, wie Kranke und Alte zu Hause gepflegt werden, wie Jugendliche mehr und mehr in das soziale Leben integriert werden und verantwortungsvolle Aufgaben übernehmen können … Auf diese Weise ging immer mehr von dem verloren, was alte Menschen aus ihrer Lebenserfahrung beitragen können – die Ältesten – und was eine Gesellschaft von jungen Menschen und auch kleinen Kindern lernen kann.

Selbst die notwendige und wichtige Entstehung von Hospizen und Geburtshäusern ist Bestandteil dieser Trennung in verschiedene Lebensbereiche. Aus der Erfahrung als Bestatterin und Geburtsbegleiterin weiß ich jedoch, wie wichtig Hospizhäuser, (die meist ehrenamtliche) Hospizarbeit, Palliativstationen und Geburtshäuser in der heutigen Zeit sind, denn sie schaffen einen wichtigen Raum zwischen der medizinischen Klinik- und Pflegeroutine und dem Zuhause, in dem die meisten Menschen unter den heutigen Umständen nicht mehr in der Lage sind, sich gleichzeitig, und in der Regel allein, neben der Lohnarbeit um Haushalt, Kinder, alte Menschen, Menschen mit besonderen Bedürfnissen und kranke Menschen zu kümmern (und in der Mehrheit tun das immer noch Frauen). Auch deshalb ist es für viele nicht (mehr) möglich, zu Hause in Ruhe und gut begleitet zu gebären – oder in Ruhe und gut begleitet zu sterben. Leider wurde mit dieser Entwicklung die Angst vor dem Gebären und dem Sterben zu Hause ohne den medizinischen Interventionsapparat einer Klinik immer größer – und diese Angst wird meiner Erfahrung nach bis heute auch bewusst geschürt.

Auch die Hospize, in der Form, wie wir sie heute kennen, wurden aus der dadurch entstandenen Not geschaffen. Die Landesarbeitsgemeinschaft Hospiz Brandenburg e. V. schreibt dazu:

„Ein starker Impuls kam aus England, wo Ciceley Saunders durch ein Erlebnis im Umgang mit einem sterbenden Patienten die Hospizidee ‬gebar‘ und sich fortan dafür stark machte. Ursprünglich Krankenschwester, absolvierte sie eine Ausbildung zur Sozialhelferin und studierte einige Jahre später noch Medizin, um ihr Ziel, ein Hospiz zu gründen, zu erreichen. Im Jahre 1967 wurde in London das St. Christopher’s Hospice eröffnet, dem sie bis 1985 als medizinische Direktorin vorstand und sich gänzlich als Pionierin der Hospizbewegung einbringen konnte.

Die Schwere des Themas, persönliche Betroffenheit, Ängste und daraus resultierendes Schweigen oder besser eine weit verbreitete Sprachlosigkeit erschweren bis heute den hospizlichen Diskurs. […]

Diese Bürgerbewegung entwickelte sich in den 1970er Jahren noch zaghaft, in den 1980er und 1990er Jahren jedoch stärker zu einer Bewegung, die sich gegen die als unwürdig empfundenen Sterbesituationen, vorwiegend in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen, stellte und es sich zur Aufgabe machte, die Tabuthemen Tod und Sterben aufzubrechen und der häufigen Isolation sterbender Menschen etwas entgegen zu setzen: Sowohl durch das persönliche Engagement vieler ehrenamtlicher BegleiterInnen in der Häuslichkeit und in Einrichtungen (ambulante Hospizarbeit) als auch durch den Aufbau von Einrichtungen als Hort eines menschenwürdigen Umgangs mit Sterbenden (stationäre Hospize). Die Einbeziehung und gleichzeitige Begleitung Angehöriger, Nahestehender oder Freunde ist dabei von Anfang an wesentlich. Daher ist es naheliegend, dass auch Trauer und Abschied schnell zum festen Bestandteil hospizlicher Arbeit wurde.“23

Im Grunde gehören all diese Bereiche – vom Beginn bis zum Ende eines Lebens – zusammen. Wie würde eine Welt aussehen, in der Menschen allen Alters in verschiedenen Lebenssituationen und mit ihren unterschiedlichsten Fähigkeiten und Bedürfnissen zusammenleben und sich umeinander kümmern würden? Mehrgenerationenhäuser und Gemeinschaftsprojekte aller Art auf dem Land und in den Städten sind hier schon ein guter Anfang. Und es gibt noch viel zu lernen, wie wir (wieder) ein ganz neues Zusammenleben entwickeln – frei von den Hierarchien, der Enge und den Zwängen, die oft in den früheren Großfamilien herrschten und die besonders das Leben von Frauen erschwerten. Wie würde das wohl aussehen, wenn wir dem Wissen wieder Raum geben, dass die Kleinen sehr gerne und mit großer Freude lernen, wenn wir ihnen die Möglichkeit geben, dies in Freiheit zu tun, wenn wir die kleinen Menschen, unsere Kinder, ernst nehmen, wenn wir uns alle und alles Leben auf dieser Erde ernst nehmen?

Aus der Vergangenheit lernen, um die Zukunft zu schaffen, in der wir alle gut miteinander leben können … Ich bin mir sehr sicher, dass wir uns das im Grunde unseres Herzens alle wünschen. Es ist möglich, diesem Herzenswunsch zu folgen und ihn zu unserer Wirklichkeit zu machen. Jetzt ist die Zeit.

Für die Menschenrechte der Toten: Die juristische Versachlichung

Dies ist ein „Plädoyer“ für die Würde der Toten – für die Würde alles Lebendigen. Die Toten gehören für mich zum Leben. Warum die Lebendigkeit hier unbedingt dazugehört und wie wir auch tote Menschen bei diesem Übergang als sehr lebendig erfahren, darüber werde ich in diesem Buch an verschiedenen Stellen noch ausführlicher erzählen. Und deshalb verstehen wir BARKE-Bestatterinnen uns auch als eine Art „Anwältinnen“ für die Würde der Toten, was unser Beweggrund für die vielen Vorträge und Seminare ist, die wir überall in Deutschland halten. Seit Beginn der BARKE-Arbeit geben wir unser spezielles Wissen in vielen Fortbildungen an HospizmitarbeiterInnen, Palliative-Care-PflegerInnen, Ärztinnen und Ärzte sowie Hebammenschülerinnen weiter, halten öffentliche Informationsvorträge rund um das Thema Bestattung und bieten seit Kurzem auch eine eigene Unterweisung in Übergangsbegleitung in unserem Haus an.

Tote Menschen werden in der Fachsprache übrigens allgemein als „Leichen“ bezeichnet; ein Begriff, den ich möglichst vermeide, weil er suggeriert, dass „die Leiche“ schon nicht mehr der Mensch ist, der soeben gestorben ist. Ich sage gerne „die Toten“ oder „die/der Tote“. Das ist für mich ein schönes Wort, in dem „Tod“ enthalten ist, ein Wort, mit dem ich die Toten würdigen möchte – und auch durch diese klare Benennung will ich Tod wieder mehr ins Leben hineinnehmen. Ein anderes übliches Wort ist: die/der Verstorbene. In manchen Bestattungsgesetzestexten der Bundesländer wurde „Leiche“ inzwischen schon durch diesen Begriff ersetzt.

Auch Tote sind und bleiben unserer Ansicht nach Menschen und sollten entsprechend respektvoll behandelt werden. Aber juristisch gesehen ist eine tote Person eine Sache.24 Diese Rechtslage spiegelt eine gesellschaftliche Perspektive und hat gleichzeitig diese Sicht mitbestimmt: Der Körper ist „nur die Hülle“, schnell und hygienisch zu entsorgen, der Geist ist die Essenz der Person25, die nach dem Tod sofort aufhört zu existieren oder als Seele die „Hülle“ sofort verlässt. Somit ist auch rechtlich eine „Leiche“ keine Person mehr. Uns geht es vor allem darum, dass sich der aktuell noch übliche Umgang mit den Toten grundlegend ändert, denn das gesellschaftliche und kulturelle Verhältnis zu den Toten und der daraus folgende ganz praktische Umgang mit den Toten spiegelt in aller Schärfe den Umgang mit jeder Form von Lebendigkeit.

Deshalb müssen wir auch immer wieder davon berichten, wie er tatsächlich ist, der Umgang mit den Toten. Wir erzählen davon, was wir „hinter den Kulissen“ erleben, und konfrontieren die Menschen mit unliebsamen Wahrheiten, die sie dazu auffordern, Eigenverantwortung zu übernehmen und das Recht auf Würde für sich selbst und ihre Angehörigen zu fordern: das Recht auf Würde im Leben, im Sterben, in Krankheit, in Pflege, in Abhängigkeit – in jedem Zustand, in jedem Alter, in jeder Situation, also auch nach dem Tod, in dieser so wichtigen Übergangszeit zwischen Tod und Bestattung, bis wir als körperliche Essenz unseres Wesens der Erde, dem Feuer, den Elementen übergeben werden und in den großen Kreislauf zurückkehren, in dem keine Energie jemals verloren geht.

„Nur die Hülle“? Folgen der Spaltung von Körper, Geist und Seele

Es ist hierzulande weitverbreitet, an einem Totenbett oder am Sarg zu sagen: „Das ist ja jetzt nur noch die Hülle.“ – Dies ist tröstend gemeint. Viele sind davon überzeugt, dass die Seele oder die Essenz des Menschen sehr schnell nach dem Tod fortgehe oder der Mensch, die Persönlichkeit, nun eben einfach nicht mehr da sei. Dies richtet sich unter anderem danach, welche Glaubens- oder Weltvorstellungen die Menschen haben, aber auch danach, in welcher Kultur sie aufgewachsen sind. Ab und zu hören wir auch, meist außerhalb einer Bestattungsbegleitung: „Mir persönlich ist es egal, was nach meinem Tod mit mir geschieht. Wichtig ist das ja nur für meine Nächsten.“

Die meisten Menschen wissen in der Regel nicht, wie der übliche Umgang mit den Toten hier ist. Wenn alle über ausreichende Informationen verfügten, würden manche vielleicht anders darüber denken.

Die Sichtweise, dass nach unserem Tod nur eine leblose Hülle (unser Körper) zurückbleibt, entspricht der Überzeugung einer Trennung von Körper, Geist und Seele. Viele bezweifeln auch das Existieren einer Seele. Bleibt also die Trennung von Körper und Geist. Und der Geist ist nach wie vor das wesentlich höher bewertete menschliche Sein.

Der Körper ist dieser Annahme nach nur so etwas wie ein Hilfsmittel, eine Maschine, die funktionieren muss. Körperlichkeit ist uns entfremdet: etwas, das optimiert werden muss, nie ganz perfekt ist, nicht immer einwandfrei funktioniert, das uns bei schlimmen Krankheiten sogar „verraten“ kann oder gegen uns arbeitet. In ihren Körpern fühlen sich wenige ganz zu Hause. Wenige sind immer glücklich und zufrieden mit ihren Körpern, vor allem Frauen, die dem künstlich erzeugten Ideal niemals ganz entsprechen können.

Dankbarkeit für das Wunder unseres Körpers wird nicht gerade kulturell unterstützt. Kein Wunder also, dass wir uns im Tod auch schnellstmöglich davon trennen wollen?

Aber – ist das wirklich möglich? Wer sind wir? Wo ist der Sitz dieses „Geistes“, wenn manche ForscherInnen mittlerweile herausgefunden haben, dass wir nicht nur mit unserem Gehirn, sondern auch mit unserem Darm26 „denken“ und von riesigen unterschiedlichen (Bakterien-)Völkern besiedelt sind, ohne die wir nicht leben könnten?

Was macht mich aus? Wann und wie sterben diese Völker in mir, die doch auch „Ich“ sind, zumindest ein großer Teil von mir, und nach meinem Tod erst mal munter weiterleben? Gibt es ein abgrenzbares „Ich“ überhaupt? Oder bin ich viele und das nicht nur auf der rein biologischen Ebene? Ist meine Essenz in jeder Zelle, da dort doch auch meine DNA ist, mein „Bauplan“? Und wann sind wir tot, wenn selbst die Medizin diesen Zeitpunkt nicht genau bestimmen kann und dafür derzeit den Hirntod als Maßstab definiert hat? – Das sind Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt.

Und wie gehen wir mit unseren Körpern um? Wie gehen wir mit unseren Toten um? Welchen Umgang lassen wir zu? Welche Folgen hat diese Spaltung von Körper, Geist und Seele? Was macht das mit uns, wenn der Geist sehr hoch bewertet ist, der Körper aber „nur die Hülle“ und die Seele den Religionen oder der Psychologie zugeordnet wird? Welche Auswirkungen hat die Spaltung von Leben und Tod, das gewaltsam erschaffene Konstrukt der Gegensätze Mensch und Natur, schwarz und weiß, Gut und Böse, männlich und weiblich …?

Eine der in meinen Augen passenden Beschreibungen von Tod ist: radikale Veränderung des Zustandes. – Ich nehme diesen Zustand als sehr lebendig wahr. Aber es bleibt auch immer etwas nicht erklärbar und nicht begreifbar. Tote Menschen sind für mich nie „nur eine Hülle“. Schon allein deshalb nicht, weil mir die Abwertung der Körper, die darin zweifellos mitschwingt, missfällt. Woher sonst kommt das „nur“?

Unsere Körper sind der Ausdruck unseres Wesens. Ohne sie könnten wir nicht auf dieser Erde leben, nicht mit unseren Sinnen all die Schönheit um uns wahrnehmen, wir könnten schlicht nicht da sein. Wir sind körperliche Wesen. Körper gehören geehrt und gewürdigt. Mit Respekt und Achtung behandelt. Mit Liebe und Dankbarkeit für dieses Wunder des Lebens, das sich durch unsere Körper offenbart. Die Toten können uns das Wunder des Lebens begreiflicher machen – wenn wir es zulassen.

Bei Toten, die einer aufwendigeren Versorgung bedürften, damit Angehörige am offenen Sarg von ihnen Abschied nehmen könnten, wird häufig gesagt, das ginge nicht mehr, die Toten seien kein schöner Anblick und man solle sie doch so in Erinnerung behalten, wie sie zu Lebzeiten waren. Das ist leider kein guter Rat, auch wenn er vielleicht manchmal gut gemeint scheint.

Viele Menschen haben mir erzählt, dass sie es nie wirklich ganz glauben konnten, wenn ein Mensch aus ihrem Leben einfach so verschwand, und andere ihnen sagten, dass er nun tot sei. Selbst dann, wenn sie bei der Beerdigung dabei waren und den geschlossenen Sarg sahen. Das allein reicht oft nicht. Denn uns Menschenwesen, die wir immer mit unseren Sinnen zu begreifen versuchen, wird der Abschied sehr schwer bis unmöglich gemacht, wenn wir unsere geliebten Nächsten nach ihrem Tod nicht mehr sehen, sie nicht berühren dürfen, um wirklich im wahrsten Sinne des Wortes begreifen zu können, dass sie nicht mehr leben.

So wird Trauer häufig zu einem unverarbeiteten, vielleicht sogar traumatischen Ereignis und das Loslassen, das Verabschieden gelingt manchmal ein Leben lang nicht. Beispielsweise sind die Bilder, die sich Angehörige nach einem Unfalltod in der Vorstellung machen, in der Regel schlimmer, als es der tatsächliche Anblick je hätte sein können. Gerade nach einem plötzlichen Unfalltod, der nur von der Polizei „übermittelt“ wird, ist der Schock sehr groß. Hier kommt es auch sehr entscheidend darauf an, wie sensibel, erfahren und mitfühlend diejenigen sind, die diese schlimme Nachricht überbringen müssen. Dazu auch eine Studie in Kapitel V: Wenn Kinder sterben: Die tiefe Weisheit der Mütter – die darin dargestellten Ergebnisse gelten unter anderem auch für Angehörige, die jemanden nach einem plötzlichen Tod verabschieden müssen.

Unserer Erfahrung nach ist die friedliche und schöne Ausstrahlung der Toten auch nach einem Unfall deutlich sicht- und spürbar. Die (manchmal sehr anspruchsvolle) Versorgung übernehmen wir in diesen Fällen alleine. Die Angehörigen werden von uns einfühlsam vorbereitet und über alles informiert. Nie haben wir es erlebt, dass die Angehörigen es bereut hätten, noch einmal zu ihren Toten gegangen zu sein – im Gegenteil: Danach konnten auch sie ihren Frieden finden – so wie ihre Toten.

Die Heilkraft eines gut begleiteten Abschieds ist besonders nach einem Tod durch Unfall oder einem plötzlichen Tod sehr stark zu spüren. Denn unsere Körper, unsere Herzen lassen sich nichts vormachen. Wir reagieren in der Regel alle auf einen toten Menschen, als wäre da noch die Person, die sie zu Lebzeiten war. Und das ist gut so. Dafür brauchen wir Raum und Zeit. Im Leben, wie im Tod. Denn so ist es bei allen Übergängen.

Nach unserem Tod wechseln wir nicht von einer Sekunde auf die andere den Zustand. Tatsächlich brauchen wir – das hat mich meine Erfahrung und meine Körperweisheit gelehrt – eine Weile, um aus dem gelebten Leben zu gehen, dieser radikalen, unaufhaltsamen Veränderung zu folgen und uns von allem, was uns lieb war, zu verabschieden. Ich verstehe unter dieser Art von Wissen kein „[…] intellektuelles Wissen, sondern ein Wissen, das ganzheitlich, körperlichgeistigemotional in uns gründet, als eine wahrhaftige, umfassende Erfahrung“27.

Übergänge angemessen begleiten

Übergänge gibt es viele in einem Leben. Doch sie werden bei uns nur noch selten und nicht mehr ausreichend oder angemessen begleitet, ausgenommen vielleicht die Heirat.

Aber auch dies sind Übergänge: das Geborenwerden, der Übergang vom Kind zur/zum Jugendlichen, die erste Menstruation, das Erwachsenwerden, das Ende der Schulzeit, der Auszug aus dem Elternhaus, der Beginn der eigenen Lebensgestaltung, eigene Projekte, Umzug, (Lohn-)Arbeitsplatzwechsel, eventuell das Elternwerden, die Wechseljahre, das Älterwerden, der Auszug der eigenen Kinder, eventuell das Großelternwerden, der Eintritt in den sogenannten Ruhestand … Immer wieder beginnt ein neuer Lebensabschnitt, das Alte will verabschiedet werden, große Veränderungen begleiten uns … All dies braucht eigentlich gute Begleitung: die Übergangsbegleitung.

Vor allem Jugendlichen an der Schwelle zum Erwachsenwerden und Frauen in den Wechseljahren mangelt es heutzutage meist daran. Ich halte dies für einen der Gründe, warum Jugendliche aller Gesellschaftsschichten sich so häufig in Alkoholexzesse stürzen – und sich und andere dadurch leider immer wieder in lebensgefährliche Situationen bringen. Sie spüren die Grenze, wollen sie erfahren und wissen nicht, wie. Es gibt keinen Halt, keine gesellschaftliche Übereinkunft und keine wirklich tragenden Traditionen mehr, wie junge Menschen diesen Übergang durchleben können und willkommen geheißen werden in ihrer neuen Verantwortlichkeit, an ihrem neuen Platz in der Gemeinschaft.

Übergänge sind immer sehr besondere und sehr verletzliche Zeiten in unserem Leben. Nach dem Tod einer engen Freundin, eines geliebten Partners, einer sehr nahen oder sehr wichtigen Person in unserem Leben brauchen wir eine entsprechende Unterstützung, damit wir in einem gut geschützten und einfühlsam begleiteten Raum durch den Schmerz gehen, trauern und den Gefühlen Ausdruck geben können … erleben, erfahren, mit allen Sinnen versuchen zu begreifen, was das bedeutet, dass die Geliebte, der liebe Mensch nun tot ist. Unwiderruflich.

Was bedeutet Übergangsbegleitung? Dies wird vielleicht am besten am Beispiel des Rituals der Hochzeit deutlich: Die Heirat ist derzeit das größte, bedeutungsvollste und fast das einzig übrig gebliebene überkonfessionelle Übergangsritual zu Lebzeiten in dieser Gesellschaft. Die wesentlichen Merkmale dieses Rituals sind: die Vorbereitung darauf, ein besonderer festlicher Rahmen, spezielle Kleidung, ein genau festgelegter Zeitraum und Ablauf, meist werden viele Menschen dazu eingeladen und nehmen aktiv daran teil. Sie bezeugen dieses große Ritual, bei dem zwei Menschen ihre Verbindung öffentlich feiern und würdigen, dass sie gemeinsam ihr Leben miteinander teilen, füreinander da sein wollen in guten wie in schlechten Zeiten. Ein Versprechen, das, wie die meisten hoffen, ein Leben lang gehalten wird oder eben so lange, bis die Wege sich wieder trennen. Zum Ritual gehört zum Beispiel das Aussuchen des Brautkleids: ein Raum, in den die zukünftige Braut meist ihre allernächsten Lieben mitnimmt und in welchem sie, vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben, als Frau wahrgenommen und willkommen geheißen wird. Die BegleiterInnen, meist Frauen, spiegeln ihr und sagen ihr: Wie schön, dass es dich gibt! Wir sehen deine Freude und deine Angst, deine Tränen und deine Schönheit als Frau, deine Berührbarkeit und dein Hoffen auf ein glückliches Leben an der Seite deines Partners oder deiner Partnerin! Oft wird geweint und viele sind berührt von diesem Moment, in dem etwas sehr Wesentliches geschieht: Bewusst und mit offenem Herzen wird diese Frau bei einem für sie wichtigen Schritt in ihrem Leben wahrgenommen und gewürdigt.

Hört sich ganz einfach an, passiert aber leider sonst viel zu selten im Leben der meisten Menschen, obwohl solch ein Ritual nicht nur auf die Paarbeziehung beschränkt sein sollte. In der Einfachheit liegt übrigens oft ein großer Zauber, eine tiefe Weisheit und Kraft.

Bei der Trauung gibt es sogar Trauzeugen, selbst im Standesamt. In diesem bedeutungsvollen Ritual wollen zwei Menschen ihrer Verbindung einen offiziellen „Segen“ geben, egal, ob konfessionell oder nicht. Sie wollen von anderen gute Wünsche für ihren gemeinsamen Weg und sie wollen für diesen Schritt die Würdigung ihrer Familien, Freundinnen und Freunde sowie der gesamten Gesellschaft – und dies bekommen sie auch in aller Regel, vor allem dann, wenn sie heterosexuell sind. Aber auch lesbische und schwule Verbindungen bekommen durch die Heirat inzwischen eine größere gesellschaftliche Akzeptanz und Würdigung als noch vor ein paar Jahren und das ist für alle Menschen sehr wichtig.

Das Bezeugen dieses Schrittes bei diesem Übergang ist ein sehr wichtiger Akt und macht das Geschehen in vieler Hinsicht erst real für diejenigen, die diesen Schritt nun wagen. Es verankert diesen großen Schritt, diesen Beginn in der Wirklichkeit ihres Lebens. Diese ZeugInnenschaft hat in vielen Lebenssituationen eine sehr entscheidende Bedeutung. Auch das Bezeugen von schlimmen Dingen, wie zum Beispiel Gewalterfahrungen, ist sehr wichtig …

Kritisch anzumerken ist bei der Heirat natürlich, dass noch immer zu oft ein starker gesellschaftlicher Druck zwei Menschen zur Heirat nötigt, dass Frauen mehr geachtet sind, wenn sie „ordentlich“ verheiratet sind, und leider noch immer dadurch stärker von der Gesellschaft akzeptiert werden als unverheiratete Frauen, die von vielen Seiten damit genervt werden, wann sie den „Richtigen“ denn nun finden. Ebenso kritisch sehe ich, dass andere Lebensformen weder gesetzlich noch gesellschaftlich gleichwertig anerkannt sind: unverheiratete Paare, Menschen in selbst gewählten und für sie bedeutsamen Lebens- und Wohngemeinschaften, Menschen, die sich gemeinsam um Kinder und/oder pflegebedürftige Menschen kümmern, ohne deshalb in Paarbeziehungen zu leben, Menschen, die sich ohne PartnerIn um Kinder kümmern (sogenannte Alleinerziehende) usw.

Aber am Beispiel des Rituals der Heirat wird sehr deutlich, was wirklich im Übergang wichtig ist: eine bestimmte Vorbereitung, ein besonderer Zeitraum, der sehr bewusst gestaltet und begangen wird – und ganz wichtig: andere, die bezeugen und spiegeln, dass es real ist, dass jetzt ein neuer Lebensabschnitt beginnt, dass alle Gefühle da sein dürfen und willkommen sind. BegleiterInnen, die diesen Raum und diese Zeit schützen, die im vollen Umfang und ganz ohne Wertung anerkennen, wissen und sich davon berühren lassen, was es bedeutet, diesen Schritt zu wagen, der immer auch ein Schritt ins Unbekannte ist und deswegen Mut erfordert: entweder die Verbindung mit einer anderen Person öffentlich zu würdigen und zu feiern – oder wahrhaftig und ganz in Berührung damit zu gehen, dass ein geliebter Mensch gestorben ist. Und das bedeutet für die BegleiterInnen immer: mit dem Herzen in Berührung zu gehen – im Falle einer Bestattung mit der Trauer und dieser/diesem Toten. Denn nur dann können sie wirklich angemessen begleiten. Es bedeutet auch, die Menschen zu bestärken, in der Situation des Übergangs ihren eigenen Weg zu gehen, herauszufinden, was für ein Weg das ist, ihre Wahrnehmung dafür zu stärken, was für sie in dieser Situation stimmig ist, und sie zu unterstützen, einen Ausdruck dafür zu finden. Es bedeutet, jedes Mal von Neuem offen zu sein für den Weg der Begleiteten, nicht zu werten und die eigenen Erfahrungen nie als allgemeingültige Prognosewerkzeuge zu benutzen für das „richtige Ergebnis“ eines Überganges. Eine ganz klassische Trauerkarte kann ein ebenso stimmiger Ausdruck sein wie ein Sarg, bunt beschrieben mit guten Wünschen aller Abschiednehmenden. Mit erdigen Gummistiefeln vom Acker und nur mit den TrauzeugInnen zum Standesamt zu gehen kann genauso stimmig sein wie die Hochzeit im Wasserschloss mit Smoking, Brautkleid und 200 GästInnen.

Übergangsbegleitung28

Wir nehmen die Toten wieder in unsere Mitte

und heben für diesen Moment

die zerstörerische Trennung von Leben und Tod auf.

Leben und Tod – Geburt und Sterben gehören zusammen,

gehören zu unserem Leben,

gehören in unsere Mitte.

Jeder Tod macht uns die kostbare Einmaligkeit unseres Lebens bewusst

und jede Geburt lässt uns das Wunder des Lebens neu erfahren.

Die Ehrfurcht vor Leben und Tod lehrt uns Respekt vor der Natur, der Erde,

die uns nährt,

und den Frauen, durch die alle Menschen geboren werden,

die ein tiefes Wissen über Geburt und Tod – über die Lebensübergänge – in sich tragen.

Trennung, Abschied und Trauer gehören zu unserem Leben, wie der stetige

Wandel,

der das Einzige ist, dessen wir uns wirklich sicher sein können.

Ein endgültiger Abschied beim Tod von einer uns nahestehenden Person kann nur dann wirklich gut in das Leben integriert werden, wenn auch die Verstorbenen wieder einen Raum in unserem Leben bekommen – wenn möglich noch bevor wir sie zu Grabe tragen, in diesen so wesentlichen und wichtigen Tagen zwischen Tod und Bestattung, in denen die wichtigsten Trittsteine für den Weg der Trauernden gelegt werden können.

BegleiterInnen können hier wesentlich zur Heilung des tiefen Schmerzes und des Schocks beitragen, wenn sie ohne Angst oder Ekel in Berührung mit den Toten gehen, die Verstorbenen mit Liebe und Respekt behandeln und selbstverständlich

die Angehörigen ermutigen,

mit ihren Toten zu sein.

Berührung auf allen Ebenen geht nur mit bedingungsloser, allumfassender Liebe, die alle Menschen, alle Lebendigkeit mit einbezieht – und Tod als eine Seite des

Lebens begreift.

Da sein. Sich einlassen. Sich berühren lassen,

von allem, was in diesem Moment ist.

Das ist Begleitung, die von Herzen kommt

und einen heilsamen Raum für den Abschied schafft.

Hygienische Totenversorgung:
Zwischen Notwendigkeit und Körperverletzung

Heute werden die Toten in der Regel nicht mehr gewaschen. Es gibt den Beruf der Leichenwäscherin/des Leichenwäschers nicht mehr (den gab es tatsächlich in den Kliniken bis in die 1970er-Jahre noch). In den Kliniken und Pflegeheimen haben die Pflegekräfte dafür meist zu wenig Zeit. Die reicht ja kaum noch für die lebenden PatientInnen. Es ist ein Skandal, wie wir als Gesellschaft mit der so wichtigen Pflegearbeit umgehen, dass Kliniken wirtschaftlich arbeiten müssen und deshalb vor allem Pflegepersonal einsparen, obwohl seit Jahren klar ist, dass viel mehr Pflegekräfte nötig wären, um dieser verantwortungsvollen Arbeit gerecht zu werden und dabei menschlich zu bleiben: sowohl gegenüber den Pflegenden als auch denjenigen gegenüber, die der Pflege bedürfen. Die unterschiedliche Bewertung von (Lohn-)Arbeit in unserer Gesellschaft ist nicht nur in finanzieller Hinsicht noch lange nicht annähernd gerecht oder nachvollziehbar. Da mit dem Tod auch die Krankenversicherung endet, gibt es kein Geld, mit dem die Arbeitszeit von Pflegekräften finanziert werden könnte, um die Toten zu versorgen und Angehörige in die (meist vorhandenen) Abschiedsräume zu begleiten, wenn sie in Ruhe Abschied nehmen wollen.

Denn in Kliniken müssen die Verstorbenen meist sehr schnell nach dem Tod in die Pathologie gebracht werden oder dorthin, wo sich die Leichenkühlräume (und meist auch die Abschiedsräume) befinden. Diese Räume sind in aller Regel irgendwo ganz abseits im Keller, neben Lagerräumen, Wäscherei, Putzmitteln, Müllentsorgung etc.

Hier beginnt schon deutlich zu werden, dass Tote offensichtlich ähnlich wie Müll eingeordnet werden, etwas, das sicher und schnell entsorgt werden muss – unserem Blick entzogen, möglichst weit weg geschafft. In den medizinischen Ausbildungen kommt der Umgang mit Verstorbenen (außerhalb von Obduktionen) und mit trauernden Angehörigen nicht oder nur sehr rudimentär vor, wie uns von Pflegenden, Ärztinnen und Ärzten in unseren Fortbildungen immer wieder berichtet wird. Im normalen Klinikbetrieb und in den medizinischen Ausbildungen geht es in erster Linie darum, PatientInnen am Leben zu erhalten, und darauf muss sich konzentriert werden. Für Sterbe- oder Trauerbegleitung ist da kaum Raum und Zeit. Erst langsam beginnt hier ein Bewusstseinswandel, der auch die Möglichkeit miteinbezieht, dass es nicht immer nur ein medizinisches Versagen ist, wenn Menschen – trotz aller Bemühungen – sterben, und dass es eine durchaus sehr menschliche Entscheidung sein kann, irgendwann, nach gemeinsamer Beratung mit PatientInnen und Angehörigen, mit der Behandlung aufzuhören. Manche Kliniken haben deshalb Palliativstationen eingerichtet, wo nur noch das medizinisch Nötigste gemacht wird, zum Beispiel eine Schmerzbehandlung, und wo mehr Raum für die notwendige menschliche Sterbebegleitung ist.

Auch wenn sich hier glücklicherweise langsam ebenfalls etwas ändert, bestimmt Ekel noch häufig den Umgang mit toten Menschen, und das Versorgen der Toten gilt bei uns in der Regel noch als eine niedrig bewertete Tätigkeit, etwas, das kaum jemand gerne und freiwillig tut. Dies wird im abgrenzenden Verhalten deutlich: Schutzkleidung und andere „Hilfsmittel“ schaffen eine gewollte (und hygienisch nur in seltenen Fällen notwendige) Grenze zwischen Lebenden und Toten. Die in der Regel schnelle und auf das Nötigste reduzierte „Versorgung“ der Toten und die Angst vor Berührung führen leider oft zu einem gefühllosen und rauen Umgang mit den Toten und dann verkommt diese wesentliche Aufgabe zur würdelosen Müllentsorgung in Leichensäcken aus Plastik – oder im besten Fall zu einer schnellen, sachlich-technischen Abfertigung, der eine Entmenschlichung der Toten zugrunde liegt, die sich auch auf die mit ihnen Umgehenden auswirkt.

Natürlich kommt es auch hier, wie überall, immer auf die einzelnen Personen an und darauf, welchen menschlichen Umgang sie für sich innerhalb dieses Systems der Entfremdung von Tod finden. In letzter Zeit begegnen uns häufiger als früher MitarbeiterInnen in der Pathologie, in Krematorien, auf Friedhöfen und von Bestattungsunternehmen, die einen guten und menschlichen Umgang pflegen.

Es ist mir sehr wichtig, hier deutlich zu machen, dass sich meine Kritik nicht an einzelne Menschen richtet, die beruflich mit Sterben, Tod und Toten zu tun haben, sondern an unsere gesamte Gesellschaft, die Tod und alles, was damit zu tun hat, noch immer zu sehr aus dem alltäglichen Leben drängt und damit von uns abgetrennt hat. Dadurch wird eine Haltung gefördert, in der Menschen lieber nichts davon wissen wollen und dies an andere dafür Zuständige abgeben. Diese abgespaltene Haltung findet sich dann leider noch zu häufig im praktischen Umgang mit den Toten wieder. Durch die damit leider auch verbundene Abwertung werden Menschen, die beruflich mit Toten zu tun haben, gesellschaftlich damit allein gelassen. Ihre Arbeit wird noch nicht angemessen geschätzt und unterstützt – und es besteht die Gefahr, dass sie in dem von ihnen erwarteten emotional distanzierten Umgang mit den Toten ihr Mitgefühl und ihre Würde verlieren.

Zur allgemein üblichen hygienischen Totenversorgung gehören Utensilien, die im Fachhandel für Bestattungsunternehmen gekauft werden können. Dazu zählen unter anderem chemische Geruchsumwandler, Augenklappen aus Plastik, Klebstoff für das Verschließen von Augenlidern und Lippen, Kinnstützen aus Plastik und vieles mehr. Diese oben und im Folgenden genannten Mittel benutzen wir in unserer Bestattungsarbeit in der BARKE nicht und führen auch keine entsprechenden Handlungen an den Verstorbenen aus, weil wir diese grundsätzlich als unnötig erfahren haben und als zu körperverletzend empfinden. Wir gehen davon aus, dass die meisten dieser und anderer „Hilfsmittel“ dafür vorgesehen sind, um die Anzeichen des Todes weniger sichtbar, weniger wahrnehmbar zu machen: Die Plastikaugenklappen sind mit kleinen Dornen versehen und werden unter die Augenlider geschoben, damit das Einsinken der Augen von außen nicht mehr sichtbar ist. Und auch, damit die Lider geschlossen bleiben. Doch die Augen der Toten sinken in aller Regel sehr langsam ein. Oft ist das in den ersten Tagen nach dem Tod kaum wahrnehmbar. Es ist einfach eines der vielen sichtbaren Zeichen von Tod. Normaler Sekundenkleber wird benutzt, um Augenlider und Lippen von Verstorbenen zu verschließen, denn manchmal ist dies ohne solche Hilfsmittel einfach nicht möglich. Aber beim Schlafen ist der Mund auch manchmal entspannt und leicht geöffnet und auch leicht „blinzelnde“ Augen müssen bei den Toten nicht erschreckend wirken, vorausgesetzt, dass die Angehörigen dabei gut begleitet werden, mit ihnen darüber gesprochen wird und somit eine unbefangene Begegnung mit ihren Toten unterstützt wird. Wenn wir als Bestatterinnen ganz natürlich damit umgehen, erleben wir, wie viele Angehörige bei den leicht geöffneten Augen ihrer Toten schmunzeln können und Bemerkungen machen wie: „Sie wollte ja auch im Leben immer genau mitbekommen, was um sie herum geschieht. Warum sollte das jetzt anders sein?“

Die verschiedenen Kinnstützen aus Plastik, damit der Kiefer fest geschlossen bleibt, hinterlassen sichtbare Eindrücke in der Haut und graben sich tief unter das Kinn ein, sehen meist unbequem und selten schön an den Verstorbenen aus. Der Mund wird auch manchmal mithilfe einer kaum sichtbaren Technik zugenäht.

Es ist in Bestattungsunternehmen auch oft üblich (und dies wird in der Ausbildung zur Bestattungsfachkraft gelehrt,) Drähte zu benutzen, mit deren Hilfe die Körperöffnungen der Verstorbenen (Mund-, Nasenhöhlen, Genitalbereich) mit Zellstoff ausgestopft werden, damit schon im Voraus verhindert wird, dass eventuell Körperflüssigkeiten austreten können. Solche „Hilfsmittel“ werden auch in so manchem aufgeschlossenen Institut verwendet, das ansonsten eine gute und unterstützende Begleitung der Trauernden und den Abschied von den Verstorbenen in eigenen, schön gestalteten Abschiedsräumen anbietet. Dieser Umgang mit den Toten gilt nach wie vor als „seriös und fachlich kompetent“, um die Lebenden vorsorglich vor allen Anzeichen des Todes zu bewahren.

Die Angst und der Ekel vor den (möglichen!) sichtbaren Zeichen des Todes, der Veränderung, des Verfalls, der Verwesung ist so groß, dass alles getan wird, um dies schon vorbeugend zu verhindern, wenn die Verstorbenen für eine offene Aufbahrung vorbereitet werden sollen. Sehr häufig aber geschieht diese natürliche Veränderung nach dem Tod sehr langsam und muss nicht erschreckend sein. Unsere Versorgung ähnelt daher eher der Versorgung Lebender, die Pflege brauchen: ein kleines zusammengerolltes Handtuch oder ein anderes Tuch unterm Kinn (und das nur, wenn der Kiefer sonst zu sehr aufgehen würde), aufsaugende, flüssigkeitsdichte Krankenunterlagen im Bett, meistens nur eine Einlage in der Unterhose anstatt der inzwischen obligatorischen Windel.

Wenn, was eher selten der Fall ist, eine Veränderung sehr schnell gehen sollte, so erklären wir auch hier den Prozess den Angehörigen, nehmen die Angst davor und entscheiden gemeinsam, wie die Zeit des Abschiednehmens in angemessener Reaktion darauf beendet wird, zum Beispiel durch das Schließen des Sarges, auch um die Würde der Verstorbenen zu wahren, die in dieser Veränderung nun vielleicht nicht mehr von allen gesehen werden wollen. Unserer Erfahrung nach ist aber in aller Regel genug Zeit für den Abschied.

Mittlerweile werden auch hierzulande Techniken der Konservierung von Verstorbenen angeboten wie das sogenannte „Modern Embalming“ (deutsch: Moderne Einbalsamierung). Dieses Verfahren ist in den Vereinigten Staaten und in England schon seit Jahrzehnten üblich. Dabei wird das gesamte Blut aus dem Körper der Toten abgepumpt und gleichzeitig werden die Adern des toten Menschen mit einer meist formaldehydhaltigen (oder einer anderen chemischen) Konservierungsflüssigkeit gefüllt. Die Verstorbenen sind dadurch für eine unbestimmt lange Zeit konserviert und verändern ihren Zustand nicht mehr. Sie sehen auch nicht mehr tot aus, sondern tatsächlich leblos.

Bei einem toten Mann, der so behandelt wurde, weil er aus dem Ausland mit dem Flugzeug hierher rückgeführt wurde, habe ich diese künstliche Leblosigkeit sehr stark empfunden. Nach dem Öffnen des verlöteten Zinksarges roch es stechend nach Formaldehyd. Sein Körper fühlte sich nicht wie ein natürlicher menschlicher toter Körper an, sondern wie aus einem „Kunststoff“ gemacht. Ich habe etwas an ihm wahrgenommen, das sich wie eingesperrt anfühlte: Seine Seele? Seine Essenz? Ich frage mich: Wie geht ein natürlicher Übergang in solch einem Zustand?

Nun gibt es seit ein paar Jahren auch noch die Thanatopraxie. Hierunter fällt auch die „Wiederherstellungskosmetik“ von Unfallopfern, aber nicht wie in der Medizin bei Lebenden, sondern eher mit Mitteln aus dem Baumarkt. Es kann in Ausnahmefällen Situationen geben, bei denen die Anwendung einer dieser Methoden tatsächlich hilfreich und zum Beispiel das Vernähen von Wunden eventuell erforderlich ist. Aber ich verwehre mich entschieden dagegen, diese (zudem sehr teuren) Behandlungen als einzige oder beste Weise darzustellen, wie ein „guter Abschied am offenen Sarg“ ermöglicht werden kann, ohne den Angehörigen zu erklären, was genau dabei mit ihren Toten geschieht. Unter „Einbalsamierung“ und „Wiederherstellungskosmetik“ stellen sich die meisten Menschen wohl etwas anderes vor: Einbalsamieren wird von vielen mit duftenden Ölen assoziiert und Kosmetik mit abdeckendem Make-up und Schminken.

Wir Bestatterinnen von der BARKE machen die Erfahrung, dass die sichtbaren Zeichen der Veränderung und manchmal auch der – in der Regel wirklich oft nur leichte – Geruch der Verwesung (der übrigens meist erst einige Tage nach dem Tod wahrnehmbar wird, wenn überhaupt) den Angehörigen auch helfen können, zu begreifen, warum sie ihre Toten gehen lassen müssen, warum die Verstorbenen nun bestattet werden müssen.

Wenn sich Verstorbene durch konservierende Methoden nun gar nicht mehr sichtbar und fühlbar verändern, wird uns das Begreifen von Tod erschwert und damit auch das Abschiednehmen. So wird aus einem natürlichen Prozess eine künstlich erzeugte Starre, eine erzwungene Bewegungslosigkeit auf dem bewegten und bewegenden Weg hinaus aus diesem Leben.

Es stellt sich mir die Frage, wie viel wir in diesem kostbaren, lebendigen Leben noch durch „Plastik“ ersetzen wollen. Und warum wir die Erde noch zusätzlich mit Konservierungsmitteln vergiften sollten, wenn wir stattdessen die Möglichkeit haben, ihr nach unserem Lebensende durch unsere Körper wertvolle Nährstoffe zurückzugeben, aus denen neues Leben wächst.

„Nur nichts anmerken lassen!“ – Fehlende Anerkennung und Unterstützung im beruflichen Umgang mit Tod

Über den Umgang mit toten Menschen wird hierzulande allgemein wenig gelehrt. Erst seit wenigen Jahren gibt es eine gesetzliche Ausbildung zur Bestattungsfachkraft. In den existierenden Ausbildungen werden hauptsächlich die abgrenzenden Maßnahmen mit den bereits beschriebenen üblichen Utensilien vermittelt, die auf der Angst und dem Ekel vor dem Kontakt mit toten Körpern und ihrem Verfall basieren, und viele andere, in aller Regel unnötige und meines Erachtens körperverletzende Vorgehensweisen (siehe voriges Unterkapitel).

Andere, die in ihren Berufen regelmäßig und oft mit Toten in Kontakt kommen, wie zum Beispiel Pflegende, Ärztinnen und Ärzte, SanitäterInnen und Feuerwehrleute, haben in ihren Ausbildungen selten genug über den Umgang mit Toten und Trauernden lernen dürfen. MitarbeiterInnen von Friedhöfen und Krematorien bekommen in der Regel keine spezielle Ausbildung. FriedhofsmitarbeiterInnen29 haben uns schon davon erzählt, was sie erleben müssen, wenn sie zum Beispiel in der Mittagspause mit ihren Friedhofsjacken, die mit dem Schriftzug „Friedhof“ bedruckt sind, in den Supermarkt gehen, um sich etwas zu essen zu kaufen: Viele Menschen gehen ihnen dann – auch heute noch! – ängstlich oder gar entsetzt aus dem Weg. Allein die Vorstellung, dass diese Menschen beruflich mit Tod zu tun haben und durch ihr Erscheinen im alltäglichen Leben Tod symbolisch sozusagen unerwartet dort hineinbringen, erschreckt nach wie vor noch viele.

Die meisten wollen in ihrem Alltag nicht mit Tod konfrontiert werden, selbst wenn es nur die Begegnung mit einem Friedhofsmitarbeiter ist, der früher „Totengräber“ genannt wurde. Und genau das gehört auch heute noch zu ihrer Tätigkeit: die Toten zu begraben. Eigentlich eine wichtige und ehrenvolle Aufgabe, auf die FriedhofsmitarbeiterInnen stolz sein können (und manche sind es glücklicherweise auch). Aber das schnelle Zubaggern des Grabes, in der Regel natürlich erst, wenn nach dem Begräbnis alle Trauergäste schon gegangen sind, vermittelt diesen Eindruck nicht wirklich. Und es ist schade, dass auch diese Handlung aus unserem Blickfeld verschwunden ist und uns weitestgehend aus den Händen genommen wurde: das Begraben.

Gleichzeitig ist es völlig normal, dass wir in den Medien sehr häufig mit gewaltsamen, unnatürlichen Todesfällen, teilweise mit sehr erschreckenden Bildern, überflutet werden. Die fiktiven Bilder aus Krimis, reißerischen Thrillern und Horrorfilmen, aber auch die realen Bilder von blutüberströmten Toten aus den Nachrichten über Terroranschläge und Kriegsgebiete haben sicher ihren Teil dazu beigetragen, dass Menschen oftmals eine völlig unrealistische Vorstellung vom ganz alltäglichen, natürlichen Tod und von toten Menschen haben. Nun kommen aber die Menschen, die beruflich mit Toten zu tun haben, auch aus der Mitte unserer Gesellschaft. Sie haben oft genau dieselben Ängste und auch manchmal Ekel vor der Berührung mit Toten. Es gibt Pflegende, denen es davor graust, nachts alleine Verstorbene nach unten und über die langen Kellerflure in den Kühlraum bringen zu müssen, den Ort, an dem die Verstorbenen in der Klinik bis zu ihrer Abholung durch ein Bestattungsunternehmen bleiben. Dort liegen häufig mehrere Verstorbene in den Kühlfächern (oder dem Kühlraum), auf Stahlblechwannen und mit Leintüchern zugedeckt.

Dass das auch anders zu organisieren ist, zeigen unter anderem seltene Ausnahmen von Kliniken, wie etwa die anthroposophischen Kliniken. In diesen befinden sich die in sehr schönen Farben gestalteten, oft in runden Formen gebauten (und gekühlten!) Abschiedsräume im Erdgeschoss, gut zugänglich für Angehörige und das Klinikpersonal. Denn dort verabschieden sich auch Pflegende, Ärztinnen und Ärzte von ihren verstorbenen PatientInnen. Ein anderer Umgang ist also durchaus möglich, schafft reale Erfahrungen statt medialer Schreckensbilder und tut auch den professionell Betreuenden gut.

In Pflegeheimen gibt es ebenfalls große Unterschiede, wie damit umgegangen wird, wenn eine Bewohnerin oder ein Bewohner gestorben ist. Manchmal ist der Umgang ganz offen und selbstverständlich, es wird ein Bild und eine Kerze aufgestellt, sodass alle anderen, die dort leben, ebenfalls Bescheid wissen. Manchmal dürfen die BewohnerInnen wie auch die Pflegenden noch einmal Abschied nehmen, die ja in einem sehr nahen Kontakt mit den Verstorbenen waren. In anderen Häusern werden wir von der Heimleitung verpflichtet, nur zu genau bestimmten Zeiten still und heimlich den Sarg über die Gänge in den Aufzug zu fahren, damit nur ja kein/e BewohnerIn eventuell beunruhigt werden könnte.

Dabei haben die Menschen, die wir auf diese Weise abholen müssen, manchmal lange Zeit in diesen Heimen gelebt. Es war ihr letztes Zuhause, aus dem sie dann klammheimlich verschwinden müssen.

Im Krematorium haben die MitarbeiterInnen30 jeden Tag mit sehr vielen Toten zu tun. Sie bereiten sie zum Beispiel für die in den meisten Bundesländern vorgeschriebene zweite amtsärztliche Leichenschau vor (mehr dazu in Kapitel VII). In manchen Krematorien haben sie auch häufig Kontakt zu Trauernden, etwa bei dort stattfindenden Feiern oder wenn Angehörige bei der Einäscherung dabei sein dürfen: dem kurzen Moment, in dem die Verstorbenen im geschlossenen Sarg dem Feuer übergeben werden.

Die MitarbeiterInnen eines Krematoriums sind selbst oft berührt, wenn wir einen sehr kleinen Sarg bringen müssen oder bei tragischen Unfällen junger Menschen, und kommen so manches Mal an die Grenzen ihrer emotionalen und körperlichen Belastbarkeit. Ihnen wird viel zugemutet. Sie haben es auch manchmal mit Verstorbenen zu tun, die schon länger tot und sehr weit fortgeschritten in der Verwesung sind. Oder auch mit schwer Verletzten. Das ist für die meisten nicht einfach auszuhalten. In solchen Momenten haben wir schon manchen Mitarbeiter mit den Tränen kämpfen sehen.

Aber für das Äußern von Gefühlen ist dort kaum Raum und Zeit. Es ist eine technische und harte körperliche Arbeit. Und wie die Menschen, die dort arbeiten, damit klarkommen, ist in aller Regel „ihre Sache“. Da wird meist nicht darüber geredet. Da gibt es keine Supervision oder Seelsorge wie bei großen Unfällen. Und mit wem sollten sie außerhalb ihrer Arbeit auch darüber sprechen können, wenn wirklich kaum jemand etwas davon wissen will? Und wenn eher mit Entsetzen reagiert wird, was keine Hilfe ist für diejenigen, die das fast täglich aushalten müssen.

Als Gesellschaft lassen wir diese Menschen allein und würdigen sie nicht angemessen für diese große Aufgabe, die sie für uns alle übernehmen. Das gilt natürlich auch für viele andere Bereiche in unserem Leben und mündet einmal mehr in der großen Frage, wie mit der Aufteilung und Bewertung von – bezahlter und unbezahlter – Arbeit überhaupt umgegangen wird.

Festzuhalten bleibt, dass auch über diesen Bereich der Arbeit mit den Toten bisher noch viel zu wenig gesprochen wird. Ich wünsche mir, dass wir als Gesellschaft darüber reden und nachdenken, wie wir unsere Bestattungskultur so verändern können, dass sie menschlicher wird. Für alle.

 9 Gary Zukav: Die tanzenden Wu Li Meister – Der östliche Pfad zum Verständnis der modernen Physik: vom Quantensprung zum schwarzen Loch. Rowohlt, 2012

 10 Silvia Federici: Caliban und die Hexe – Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation. 8. Auflage, Mandelbaum, 2020

 11 Altes Testament, Ex 22,17: „Eine Hexe sollst du nicht am Leben lassen“: ein Bibelzitat, auf das sich die Hexenverfolger unter vielen anderen häufig beriefen, genauso wie auf hohe Kirchenmänner wie Thomas von Aquin, Augustinus und andere.

 12 Eine der Grundlagen für die Vernichtung, das Buch Malleus Maleficarum (zu Deutsch: Hexenhammer) von 1487, welches ausschließlich von der „naturgegebenen Boshaftigkeit und Schlechtigkeit der Frau“ handelt, wurde ebenfalls in diesem Land 1487 von zwei Mönchen geschrieben: „[…] so ist auch das Prozeßbuch ‬Hexenhammer‘ eine Sammlung bereits bestehender, zum Teil jahrhundertealter Ansichten über Dämonen und ebenso alter Vorurteile gegenüber Frauen […], eine Aneinanderreihung von Zitaten von Heiligen Aposteln, Kirchenvätern und antiken Denkern, die in die Form scholastischer Disputation gezwängt wurden.“ Erika Wisselinck: Hexen – Warum wir so wenig von ihrer Geschichte erfahren und was davon auch noch falsch ist. Frauenoffensive, 1986, S. 15

 13 Vergleiche hierzu Rune Blix Hagen: Witchcraft Criminality and Witchcraft Research in the Nordic Countries aus: The Oxford Handbook of Witchcraft in Early Modern Europe and Colonial America. Oxford University Press, 2013

 14 Mona Chollet: Hexen – Die unbesiegte Macht der Frauen. Edition Nautilus, 2020, S. 20

 15 ebenda, S. 19

 16 ebenda, S. 20; vergleiche hierzu ebenfalls: Silvia Federici: Caliban und die Hexe – Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation. 8. Auflage, Mandelbaum, 2020; Barbara Ehrenreich und Deirdre English: Hexen, Hebammen und Krankenschwestern. Frauenoffensive, 2001

 17 Gunnar Heinsohn und Otto Steiger: Die Vernichtung der weisen Frauen – Hexenverfolgung, Menschenproduktion, Kinderwelten, Bevölkerungswissenschaft. 14. Auflage, Area Verlag, 2005; Erika Wisselinck: Hexen – Warum wir so wenig von ihrer Geschichte erfahren und was davon auch noch falsch ist. Frauenoffensive, 1986

 18 Gunnar Heinsohn: Lexikon der Völkermorde. Rowohlt, 1998

 19 Heute sind die Verhältnisse in der Bundesrepublik besser, jedoch lange noch nicht gut. Die Anzahl rassistischer und antisemitischer Angriffe steigt ebenso wie die der Femizide: Morde an Frauen, weil sie Frauen sind.

 20 Martina Böhmer: Erfahrungen sexualisierter Gewalt in der Lebensgeschichte alter Frauen – Ansätze für eine frauenorientierte Altenarbeit. 2. Auflage, Mabuse, 2000

 21 medica mondiale e. V., https://www.medicamondiale.org/nc/nachrichten/transgenerationales-trauma-wir-haben-so-viel-in-uns-vergraben.html (25.11.2020)

 22 Diese schöne Frage stellte mir Franziska Brugger, eine meiner Lektorinnen, während der Entstehungsphase des vorliegenden Buches.

 23 LAG Hospiz Brandenburg e. V., https://www.lag-hospiz-brandenburg.de/themen_hospizidee_geschichte.html (25.11.2020)

 24 Brigitte Tag: „Aber auch die Straftatbestände des Diebstahls, § 242 StGB, oder der Unterschlagung, § 246 StGB, kommen nicht in Betracht. Diese das Eigentum schützenden Straftatbestände sind u. a. deswegen nicht anwendbar, weil es sich bei den Leichen zwar um Sachen handelt [Hervorhebung von A. H.], sie aber anders als im Tatbestand vorausgesetzt herkömmlicherweise nicht im fremden Eigentum stehen, sondern herrenlos sind.“ Brigitte Tag: Rechtliche Aspekte im Umgang mit dem toten Körper. Eine thematische Einführung aus: Dominik Groß, Andrea Esser, Hubert Knoblauch, Brigitte Tag (Hg.): Tod und toter Körper – Der Umgang mit dem Tod und der menschlichen Leiche am Beispiel der klinischen Obduktion. Kassel University Press, 2007, S. 104, https://www.uni-kassel.de/upress/online/frei/978-3-89958-338-0.volltext.frei.pdf (25.11.2020)

 25 Beim Wort „Mensch“ im Singular haben wir in der Regel vor unserem inneren Auge nicht alle Geschlechter präsent, daher spreche ich manchmal von „Person“; das meine ich jedoch ganz gewiss nicht unpersönlich.

 26 Giulia Enders: Darm mit Charme – Alles über ein unterschätztes Organ. Ullstein, 2017; Robynne Chutkan: Das Mikrobiom – Heilung für den Darm: Der revolutionäre Weg zu neuer Gesundheit von innen heraus. Unimedica, 2017; Emeran Mayer: Das zweite Gehirn – Wie der Darm unsere Stimmung, unsere Entscheidungen und unser Wohlbefinden beeinflusst. Riva, 2016

 27 Ute Manan Schiran: Am Küstensaum der Zeit – Gedanken zu einer sinnlich-spirituellen Praxis jenseits bestehender religiöser/säkularer Systeme/2 Essays. München, 2008, S. 53

 28 Eine Essenz; von mir aufgeschrieben nach den ersten sieben Jahren BARKE (2006).

 29 In diesem Bereich sind bisher, außer im Verwaltungsbereich, noch sehr wenige Frauen tätig. Ich habe noch nie eine Friedhofsmitarbeiterin gesehen, die ein Grab geöffnet und wieder geschlossen hat („Grab öffnen und schließen“ sind Friedhofsfachbegriffe für: ein Grab ausheben und dieses später wieder mit Erde auffüllen).

 30 Ich schreibe dies hier inklusiv für alle Geschlechter, aber leider ist mir noch in keinem Krematorium eine Mitarbeiterin begegnet, die sich um die Toten kümmert und für die Einäscherung zuständig ist. Es ist zu wünschen, dass auch hier bald mehr Frauen tätig sein werden und diese Arbeit die Anerkennung bekommt, die ihr gebührt.

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10 июля 2025
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9783863215606
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