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Adolf Schmitthenner
Das deutsche Herz
Saga
Das deutsche HerzCoverbild/Illustration: Sutterstock Copyright © 1908, 2020 Adolf Schmitthenner und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726642926
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 3.0
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ERSTER TEIL
1
Aus dem weiten und warmen Busen des Schwabenlandes rauscht der Neckar dem Odenwald zu. Er verschmäht es, durch die niedrigen Hügel des Kraichgaues zu brechen; er will seine Kraft an den Lenden eines Gebirges erproben. Oder es geht ihm wie einem verwöhnten Muttersohn: es ist ihm zu wohl geworden im bequemen schwäbischen Bürgerhaus, er will ein wenig auf Ritterschaft in die Büsche hinein.
Was nun auch der Grund sei, eigensinnig hält er die Richtung nach Norden fest und bohrt sich ins Gebirge hinein, wo es am höchsten emporsteigt. „Dort ist der Rhein!“ spricht zu ihm der Katzenbuckel und drückt ihn links hinüber. Und nun ist es, wie wenn des unschierigen Mahners Rippenstoß das Gewissen des träumenden Burschen geweckt hätte. Ungestüm und doch mit der Hoheit, die dem deutschen Strome ziemt, bricht er sich nach Westen die Bahn. Leidenschaftliche Sehnsucht gibt ihm die Kraft, die Felsen auseinander zu schieben oder zu durchbrechen und das Gebirge zu zerteilen bis auf den Grund. Und doch tut er zuweilen wieder, wie wenn er sich nicht trennen könnte von diesen grünen, runden Bergen; er schmiegt sich daran fest und hält sie umschlungen mit seinem glänzenden Arm, also daß, wohin auch der Abhang sich senke, des Neckars Woge zu ihm aufrauscht. Strom und Gebirge rüsten sich zum Abschied. Es wird ihnen feierlich zumute, und die große Empfindung gibt ihnen ein erhabenes Ansehen. Stolzer steigen die Berge empor, näher rücken sie an den Strom heran, höher schäumt die Woge, majestätischer blinkt die gleitende Flut. Der Neckar und der Odenwald halten Abschied. Wie eine entfesselte Schlange schießt der Fluß in die Ebene hinaus, genießt der Freiheit in weitem, wohligem Bogen, und dann streckt er sich dem blinkenden Rheine entgegen. Das Gebirge aber reckt sich und schaut dem enteilenden Freunde nach mit einem langen, stillen Blick. —
Über dreihundert Jahre sind vergangen seit dem Tag, wo unsere Geschichte anfängt. Am Fuße des Königsstuhles rauschte der Neckar lauter, als er heute rauscht, denn man war den Granitblöcken, die im Strombett liegen, noch nicht mit Pulver und Dynamit zu Leibe gegangen. Viel mehr Waldvögelchen als heute netzten ihre Schnäbel im Neckarwasser, denn man hatte die Ufer des Flusses und der Seitenbäche noch nicht von dem tausendfältigen Buschwerk gesäubert und ieß die lieben Hecken wachsen, wo sie wachsen wollten. Die Reiher im Reiherwald hatten herrliche Tage, denn den Junkern war die Falkenjagd abhanden gekommen und der Neckar wimmelte von Fischen. Oh, wie es in einer lauen Sommernacht unter dem Ersheimer Kirchlein schnalzte! Die Fische waren wie trunken vom Mondenlicht. Zuweilen klang es plump und grob vom Neckar her, wie wenn ein Pfundstein ins Wasser fiele. Das war ein alter Hecht, der ein Maulvoll Sommernachtlicht geschnappt hatte, oder ein würdevoller Salm, der bei sich dachte: ‚Ich komme auf des Junkers Tisch, das ist mein verbrieftes Recht‘, und bei diesem Selbstgespräch vor Hochmut durch die Luft sprang. Nachtigallenchöre sangen herüber und hinüber über den schimmernden Strom, und die Turteltäubchen gurrten aus dem Wald. Es ist keine Frage, bei Nacht war es damals schöner im Neckartal als heute. Bei Tag dagegen ist es heute lustiger. Noch nicht floß vor dreihundert Jahren der grüne tiefe Strom des Waldes von Berg zu Berg und ins Tal herunter bis zu den Neckarwiesen. Man wußte nicht, was man mit dem Holz anfangen sollte, und rodete sinnlos bald hier bald dort für ein paar Jahre; dann ließ man wieder die Buchen und Eichen hereinwachsen über den ausgeraubten Boden und fing wo anders an. So sah man rechts und links auf den Höhen nur dürftige Roggenfelder oder unerfreulichen Lausewald. Die Berge, worauf die Burgen liegen, waren völlig kahl, und die Schlösser, als sie noch ganz waren, sahen sehr weißgetüncht, nüchtern und behäbig aus, halb ritterlich, halb bäuerlich. Der Torwärtel saß in Schlappen auf dem Bänklein, sagte: „Hä!“ und aß ein dickes Käsebrot.
Die Dörfer und Städtlein, die heute im Neckartal liegen, waren damals schon alle miteinander da; ja noch einige Flecken und Weiler mehr, die in den späteren Kriegsläuften abhanden gekommen sind. Die Dörfer sahen ungefähr geradeso aus wie heute, nur gackerten viel mehr Hühner, und wenn man einen Bauern gefragt hätte, was ihm von der ganzen Welt das liebste sei, so hätte er gesagt: das Schwein und noch einmal das Schwein und zum drittenmal das Schwein. Oh, wie es so köstlich grunzte des Winters in den Ställen und des Sommers in lauschigen Talbuchten unter dem jungen Eichwald! Mit den Städtlein aber, wie Eberbach, Hirschhorn, Steinach, Gemünd, hatte es zu jener Zeit ein ganz andres Wesen als heute. Sie staken in Schanz und Wehr, waren von Mauern umgeben, hatten ein Neckartürlein, ein Bergpförtlein, ein Vordertor, ein Hintertor und ein Mitteltor. Auf den Wällen standen einige Katzenköpfe und andres grobes Geschütz. Es läutete sehr oft, bald dünn, bald dick, und jedermann wußte, was es bedeute. Des Morgens früh, ehe der Tag graute, mahnte die Betglocke: befehlet Leib und Seele dem Herrn und steiget flugs aus dem Bett! Des Abends in der lichten oder dunklen Dämmerung rief dieselbe Glocke die spielenden Kinder in die Häuser; auch die Knechte und Mägde kamen herein. Alle standen um Vater und Mutter herum und beteten der Reihe nach:
„Als unser Herr in Garten ging
und sein bitteres Leiden anfing.“
Des Morgens um elf Uhr rief ein helles, weit klingendes Glöcklein die Mähder und Holzfäller zum Mittagsmahl. Und dasselbe Glöcklein verkündete des Winters um drei und des Sommers um vier den bekümmerten Mägen rings in der Rund: jetzt gibt’s wieder etwas zu essen. Um neun oder um zehn Uhr des Abends läutete die Lumpenglocke, und der Schiffer Stapf zu Hirschhorn stülpte den Würfelbecher um und sagte: „Gute Nacht, Löwenwirt!“ Auch das Bürgerglöcklein hatte mancherlei zu sagen. Es rief die Mannsleut zur Frond oder die Schöffen zum Gericht. Mitunter gellte die Sturmglocke, dann rannten die Leute wie besessen auf die qualmende Gasse und schrien: „Wo, wo?“ Wenn aber die große Glocke mitläutete, dann ließen die Bürger alles stehen und liegen, sprangen in verteilter Ordnung an die Tore und verriegelten und verrammelten die eichenen Flügel. Mitunter kam auch das Armsünderglöcklein in Schwung. Dieses geschah jedesmal eine halbe Stunde später, als der Meister Henker mit seinem Knecht auf der Fähre über den Neckar gefahren war. Das Armsünderglöcklein läutete unterschiedlich lang. Wenn nichts als der Block und das lange Richtschwert auf dem Wägelein des Scharfrichters lag, war das Glöcklein bald zu Ende; wenn aber bei den übrigen Gerätschaften ein schweres eichenes Rad mit dicken Speichen über dem Wägelchen lag, dann läutete die Glocke lange, ach, furchtbar lange, es waren keine einzelnen Schläge mehr, sondern ein fortgehendes Heulen und Wimmern. Wenn es endlich aufgehört hatte, dann wurde dem Meister, wie es anders unbillig gewesen wäre, zu seinem höchsten Lohn noch ein starker Imbiß verehrt. Während nur die Armsünder auf dieses Glöcklein Anspruch erhoben, war die übrige Menschheit, mit Ausnahme derer, die sich selber aus dem Leben beförderten, mit der allgemeinen Totenglocke zufrieden. Diese Glocke läutete nach keiner irdischen Uhr, aber der, den sie meinte, war immer bereit; beim ersten Schlag machte er sich schleunig auf, und lang hingestreckt fuhr er über den Neckar, dem Ersheimer Friedhof zu.
So war das Neckartal zwar damals noch ohne die tausend Geräusche der heutigen Zeit. Kein Dampfschlepper brüllte, keine Lokomotive pfiff, kein Güterzug polterte, kein Automobil blökte, kein Fahrrad klingelte, aber viel mannigfaltiger und eindringlicher redeten Glocke und Glöcklein in das Leben der Menschen hinein.
Wenn diese Leute einmal zu ernster Feier oder zu Spiel und Scherz beieinander waren, wie sah die Versammlung doch so stattlich aus! Die kurzen, stämmigen Bauern in Wams und Lederkappe, die Bürger in ihren pelzverbrämten Röcken und kübelartigen Pelzmützen, die man für wunderschön hielt, weil die Tracht von weither kam; sie kam aus dem Lande der wilden Kroaten, von denen man aus den Türkenkriegen her viel erzählte. Die Junker gingen im Barett und im bequemen Flaus oder im engen, düsteren spanischen Gewand, worinnen man wohl oder übel steif und gemessen wandeln mußte. Malerisch sahen die Soldaten aus, die Landsknechte und Reiter, in Blechhaube, Harnisch und hellgelben Schlappstiefeln oder im buntfarbigen Rock, Pluderhose und breitem, verwegenen Filzhut. Wärest du mit dabei gewesen auf einer Kirchweih in Gerach oder auf dem Jahrmarkt in Hirschhorn, nach einer Weile hättest du gemerkt, daß die Leute kein Kauderwelsch reden, sondern Deutsch, und hättest sie auch bald fast ganz verstanden und hättest dich gefreut, wie sie so frisch und kernig und lustig drauflos redeten, sangen und lachten. Auch hättest du manch ein Mägdlein und manch eine Ehefrau gesehen, die dir herzlich Wohlgefallen hätte, und nicht allein dir, sondern auch deinem Herrn Bruder und vielleicht sogar deinem eigenen Schatz. Die Kinder glichen den heutigen am meisten. Sie aßen gerne Äpfel und hatten nichts dagegen einzuwenden, wenn der Lehrer auch einmal außer der Reihe Ferien gab. Ein schönes Leben hatten die Kinder. Denn so bucklig und verschunden die Landstraßen waren, so waren sie doch viel reicher an buntem Leben und Treiben, an Sang und Klang, freilich auch an Seufzen und Wehklagen, als sie heute sind. Täglich gab es irgend etwas Herrliches, Fremdartiges, Rauschendes oder Klirrendes zu sehen, was die Straße gesprengt oder getrabt oder gefahren oder gewandert kam. Die heutigen Kinder des Neckartals wären aus dem Gaffen gar nicht herausgekommen. Wären sie und ihre Kameraden von damals sich gegenübergestanden, so hätten sie sich freilich verwundert angeschaut und hätten zueinander gesagt: ihr seid einmal sonderbar ausstaffiert! Hätten sich aber beide Parteien in holder Nacktheit in ihr eigentliches Element, in den Neckar, gestürzt und hätten sich darinnen getummelt wie die Fische, so hätte man die Knaben von damals und von heute nicht voneinander unterscheiden können: dieselben rosigen Gesichter und die gleichen flachsgelben Haare, vor allem aber die nämliche kurze stumpige Gestalt, weshalb ja auch die Burschen aus dem Neckartal zu Mannheim und zu Worms in der zwölften Kompanie standen, bei den „Mündungsdeckeln“, während sie damals von den hochgewachsenen Leuten der Ebene die „Grampen“ genannt wurden. Sie selbst aber bezeichneten sich mit Stolz als „Neckarschleim“, und ein Zimmergesell aus Heidelberg hatte ein neu Lied gedichtet, dessen Kehrreim lautete:
„Wir sind ein jung frisch Neckarschleimer Blut,
Neckarschleimer Blut.“
Wenn nun wir Leute vom heutigen Tag in das Wesen und Treiben der Neckarschleimer vor dreihundert Jahren hineinschauen, müssen wir einmal übers andre Mal den Kopf schütteln und sagen: „Allhier geht’s wunderlich zu.“ Wenn ein Rechtsbeflissener alles, was gültig und Rechtens war in Stadt und Dorf, in Weiler und Mühle, in Burg und Stift, schwarz auf weiß in Lehensbriefen, Pfandscheinen, Schenkungsurkunden, Zinstabellen und Zehntbeschreibungen hätte sammeln wollen, er hätte mit einem vierspännigen Planwagen fahren müssen, um all das Papier und Pergament mitzunehmen, und wenn einer in einem kleinen Dörflein wie in Mückenloch oder in Igelsbach von Haus zu Haus und von Mensch zu Mensch gefragt hätte, wer alles an den Gefällen, an den Gilten, Zehnten und Frondrechten Anteil habe, er wäre verrückt geworden, noch ehe er zum halben Dorf draußen gewesen wäre. Aus all dem kunterbunten Zeug der siebenundvierzig und dreiviertel Herrschaften, die sich in Recht und Macht teilten, wären doch schließlich zwei als die vornehmsten herausgetreten, das Kurstift Mainz und die Kurpfalz, und unter den einzelnen Herren, deren Hände zu füllen waren, wäre keiner häufiger genannt worden als der Junker von Hirschhorn. Hätte man irgendwelchen Juden oder Müller oder Schiffmann oder Bauern oder Knecht gefragt: was hast du dem Junker von Hirschhorn zu leisten, so hätte unter zehnen kaum einer gesagt: nichts; die andern alle hätten etwas zu nennen gehabt, sei es sieben Batzen oder zwei Sester Korn auf Martini oder einen Hahnen auf Ostern oder einen Brotkuchen auf den Stephanstag. Und hätte man verwundert gesagt: Muß doch ein reicher Herr sein, der Junker von Hirschhorn, so hätte der Jude gerufen: „Reich? Grausam reich! Allen hohen Herren hat er Geld geliehen.“ Der Müller aber hätte gesagt: „Hundert Dörfer sind sein eigen, und der Erzbischof von Mainz, sein Lehensherr, hat ihm zu Ladenburg einen Kuß gegeben, obgleich der Junker lutherisch ist.“
Das war damals allerdings ein großes Stück, denn die Religionen standen sich damals in Deutschland feindselig gegenüber. Im südlichen Odenwald jedoch ging es auch in Glaubenssachen so buntscheckig wie möglich zu. Wenn einer ein Pferd von mäßiger Gangart hatte, so konnte er an dutiem Tag katholisch frühstücken, lutherisch zu Mittag essen und auf reformiert den Abendimbiß einnehmen.
Ja, es ging wunderlich zu bei den alten Neckarschleimern.
Aber die liebe Sonne schien damals in den Tagen, die die längsten sind, geradeso lieb und warm, wie sie uns geschienen hat an dem letzten längsten Tag, den wir verlebt haben. Und die Haselstaude hatte damals geradeso weiche grüne Blätter, wie die waren, die wir im letzten Juni durch die Finger gleiten ließen. Und es gibt heute keinen spitzbübischeren und abgefeimteren Fuchs im ganzen Odenwald, als es der alte Fuchs war, der damals am Johannistage im hellen Sonnenschein vor der Haselstaude lag, sich den Bart leckte und seinen beiden hoffnungsvollen Knaben vergnüglich zublinzelte. Die kleinen Füchslein spielten vor ihrem Vater auf einer Waldblöße, bis sie müde waren, dann legten sie sich dem Alten zwischen die Pfoten und baten ihn: „Erzähle uns etwas.“
„Heute hat der Junker Hochzeit“, antwortete der Alte.
„Wie ist denn das, wenn man Hochzeit macht?“, fragte der jüngste der beiden Buben und drückte die Augen geradeso pfiffig zu wie sein Vater.
„Das verstehst du nicht, du bist noch zu jung“, erwiderte der Vater.
„Kriegen wir auch etwas von der Hochzeit?“, fragte das andre Füchslein.
„Ja, Hasenbraten.“
„Wieso, liebster Vater?“
„Der Junker hat auf Hirschhorn fünf Forstwärtel, die haben heut und morgen fünf große Räusche. Er hat auf der Burg fünfundzwanzig Hetzhunde, die haben heut und morgen vielhundert Knochen zu beißen. Der Junker selber denkt nicht ans Jagen, wohl vierzehn Tage nicht. Wenn er zum erstenmal wieder herauskommt in den Wald, nimmt er keine Hunde mit, sondern seine schöne junge Frau.“
„Wie heißt sie denn?“ fragte der älteste Sohn.
Der Vater besann sich eine Weile und sprach: „Sie heißt Fuchsia.“
„Das ist ein schöner Name, Vater.“
„Freilich. Wenn er zum erstenmal hier herauskommt, geht die liebliche Fuchsia an seiner Seite. Da denkt er nicht ans Jagen. Folglich?“
Die beiden Knaben schwiegen.
„Folglich?“ wiederholte der Alte in strengem Ton.
„Folglich sind wir die Meister im Wald“, sagte der ältere Knabe.
„Ja“, bestätigte der Vater. „Und wir fangen fette junge Hasen.“
„Junge fette Hasen!“ lachte der Jüngste und schlug vor Vergnügen einen Purzelbaum.
In diesem Augenblick rief eine Menschenstimme: „Ein Fuchs!“
Im Nu waren der Vater und der älteste Sohn verschwunden. Der jüngste aber überschlug sich und fiel einem blondlockigen Knaben in die Arme. Der hielt das Füchslein lachend an den Ohren fest. Das Kerlchen wehrte sich, warf sein Unterkörperchen hin und wider und biß um sich, daß es eine Lust war. Endlich fing es in der Todesangst zu hofieren an. Der blonde Knabe erschrak, aber blitzschnell drehte er das Tierlein um, so daß es vorwärts schaute, und hielt es mit gestreckten Armen von sich. Steif und still hing es da und vollendete sein Geschäftchen so säuberlich und anständig, daß sich jedes Heddesbacher Büblein hätte ein Vorbild daran nehmen können. Dann fing das Bürschlein wieder zu zappeln und zu schnappen an, aber nimmer lang. Der Knabe warf das Tierchen über seinen blonden Kopf rückwarts in das Dickicht hinein, dann wandte er sich um und schaute mit blitzenden Augen den Weg, den er gekommen war, zurück ins Tal hinunter.
2
Während der alte Fuchs blinzelnd seinem Söhnlein zuhörte, das mit großen Gebärden von seiner Heldentat erzählte, vergoß einige hundert Schritt weiter oben der Brummbaß von Affolterbach dicke Schweißtropfen. Er blieb stehen, beugte sich vornüber und stemmte die Hände auf die Knie. Der Bauch der Baßgeige lag über seinem Kopf, und ihr Hals hob eine entwurzelte Hainbuche aus dem zerbröckelten Boden.
Die Viola, die mit langen, dünnen Beinen die Waldhalde heraufgestiegen kam, lachte aus vollem Hals und rief in die Büsche zurück: „Guckt einmal, was unser Brummbaß für Kunststücke macht!“
Der Brummbaß schielte zurück nach seinem Rücken und klagte: „Einen ganzen Wald schlepp’ ich den Berg hinauf. Ich sag’s ja immer, wo viel ist, will viel hin. Du, Posaune, wo ist denn die Burg?“
„Die Posaune ist nicht da.“
„Findebusch, Kind, wo ist denn die Burg?“
„Findebusch ist nicht da.“
„Wenn nur Findebusch da wäre, daß mir doch ein ehrlicher Mensch die Augen zudrückt. Wenn die Burg nicht gleich kommt, sterbe ich.“
„Meinst du denn, die Burg käme zu dir? Wenn du da stehen bleibst, muß der Junker seine Urschel ohne Brummbaß nehmen.“
Die gutmütige Viola trat heran und fing an, das Bäumchen aus den Saiten zu lösen.
„Schade!“ rief der Pfeifer herauf, der neben dem Geiger gemächlich hintennach stieg.
„Schade?“ greinte der Brummbaß und schaute erbost zurück. „Der sähe es gern, wenn ich unter einem Eichbaum läge.“
„Sag lieber: ‚Wenn ich an einem Eichbaum hinge!‘ Wo wir gehen und stehen, sollten wir einen Baum bei uns haben, damit sich jeder, der Lust hat, ohne Umstände aufhängen kann.“
Der Pfeifer hatte eine harte, barsche Stimme. Er schien der Oberste in der Gesellschaft zu sein.
Unterdessen hatte die Viola die Zweige zwischen den Saiten herausgehoben und legte das Bäumchen vorsichtig auf den Boden, wie wenn es ein totes Kind wäre. Dann trat der Geselle zu dem weiterkeuchenden Brummbaß, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: „Du, warum soll denn ich dir nicht einmal die Augen zudrücken?“
Der Brummbaß schaute den Frager erbost an.
„Du mir? Ich werde sie dir zudrücken, ob Gott will!“
Der Pfeifer und der Geiger waren nun herangekommen.
Die beiden andern blieben stehen und fragten eines Mundes: „Nichts?“
„Nichts!“ erwiderte der Pfeifer. „Sie muß doch auf dieser Seite liegen. Hätten die beiden andern sie gefunden, so hätten sie schon gerufen.“
„Findebusch und die Posaune, wo sind sie denn?“ fragte der Brummbaß.
„Ich habe sie rechts hinübergeschickt, Ausguck zu halten“, antwortete der Pfeifer und stieg rüstig aufwärts.
„Ich fürcht’, wir kriegen heute noch etwas aufs Dach“, meinte der Geiger. „Die Sonne sticht und es ist dunstig.“
„Und wenn es Katzen hagelt, wir müssen gleich nach Mitternacht abfahren, denn morgen früh um sechs Uhr müssen wir dem Zehntrechner in Kirchheim aufspielen.“
„Abfahren?“ fragte die Viola. „Schickt uns der Zehntrechner ein Wägelein?“
„Mit dem Schiff. Wir fahren den Neckar hinunter und wenn es donnert, daß dem Petrus die Schwarten krachen.“
„Wenn es donnert, kriech’ ich am liebsten in einen Kuhstall“, greinte der Brummbaß. „Beim unvernünftigen Vieh ist man am besten aufgehoben, denn das flucht nicht.“
„Warum müssen wir denn ums Verrecken morgen früh dem geizigen Zehntschreiber zum Kirchgang spielen? Hätt’ er nicht dem Federvieh absagen können? Bei des Junkers Hochzeit sollte man sich doch gründlich auslustieren, und jetzt müssen wir davon, wenn es am schönsten ist.“
Niemand gab der Viola Antwort. Der Brummbaß blieb ein wenig zurück und raunte dem Frager zu: „Er freit um des Zehntschreibers Schwester.“
Dabei winkte er mit dem Kopf nach dem Pfeifer hinüber, sah aber bei seinem scheelen Blick dabei aus wie ein stößiger Widder, verwickelte sich mit dem linken Fuß in eine Wurzel und fiel vornüber gestreckten Leibs in einen Haselbusch.
Der Geiger schaute zurück und lachte hellauf.
„Alles macht Hochzeit“, rief er. „Der Junker mit der Ursula, der Zehntschreiber mit der Urschel, der Buchbaum mit der Baßgeige, der Brummbaß mit der Hasel.“
„Und der besoffene Geiger mit dem Misthaufen!“ schrie der Brummbaß grimmig und rappelte sich mühselig auf. Die Viola half ihm dabei.
„Wenn nur der Findebusch da wäre!“ jammerte der Brummbaß.
„Ich helfe dir ja. Ist das nicht geholfen, wenn ich es tue?“
„Ach, wenn nur das Kind da wäre, damit ein Ehrenmann bezeugen kann, wie ich schwitze!“
Um den Brummbaß zu ärgern, fing der Geiger zu singen an:
„Am Himmel glänzt ein heller Stern,
Ju, ja, heller Stern,
Bei meinem Schatz da lieg’ ich gern,
Ju, ja —“
Wie’s Wetter war der Brummbaß bei dem Sänger, hielt ihm mit seiner breiten Tatze den Mund zu und rief in hellem Zorn:
„Schweig still, du wüster Igel! Sing deine Schandlieder auf dem Privet und halt dein Maul dazu! Du bist so voller Schweinerei, wie meine Geige voller Baß. Wenn nur ein Funke Gottesfurcht in dir wäre, müßtest du dich der Sünde fürchten, das Kind zu verderben. Das Kind! Wo bleibt es nur? Findebusch!“
„Dort kommt die Posaune“, rief die Viola. „Da ist die Trompete auch nicht weit. Wo ist Findebusch?“
„Nichts gesehen?“ fragte der Pfeifer den Heraufkletternden.
„Nichts! Die Burg muß hier oben sein.“
Dann wandte er sich der Viola zu und sagte: „Findebusch hat zu schaffen. Er hat ein Füchslein auf einen Ulmer Hafen gesetzt, und jetzt besieht er das Wasser.“
Die Posaune hatte sich zu den andern gesellt, und die fünf Männer gingen durch den Niederwald dem nahen Höhenrande zu.
Plötzlich blieben alle stehen wie auf einen Schlag.
„Was war das?“ fragte der Geiger.
„Wenn wir nicht mitten im Walde wären“, meinte die Posaune, „würde ich sagen, es sägt einer ein Brett.“
„Es war vielleicht ein Specht. Still!“
Man hörte wieder den singenden, knirschenden Ton, und ganz in der Nähe.
„Kein Zweifel“, sagte der Pfeifer. „Dort oben ist eine Säge und ein Brett.“
„Und eine Hobelbank und ein Schreiner“, fuhr die Posaune fort.
„Woher weißt du, daß es ein Mensch ist von Fleisch und Blut?“ sagte der Geiger ängstlich. „Vielleicht ist es der Lindenschmitt. Der geht um hierzuland.“
„Der Reitersknab’?“ antwortete die Viola. „Was hat das mit der Säge zu tun? Soeben fallen die Bretter, hört ihr nicht?“
„Gehen wir drauflos“, entschied der Pfeifer, und die Männer stiegen in einer Reihe den letzten Rain hinauf.
„Wäre nur das Kind da!“ klagte der Brummbaß. „Vor dem Findebusch weicht jeder Spuk.“
„Was er wohl machen mag?“ fragte der Geiger, der wieder Mut bekommen hatte. Er gab sich selbst die Antwort. „Was anders als ein Ehebett, oder gar eine Wiege, oder — oh, ich weiß —“. Er brach in ein wieherndes Gelächter aus. „Er macht — einen —“
Sein Einfall erstickte ihn fast durch den Haufen Gelächter, worin er sich wickelte.
„So hör doch auf und sag’s!“ rief die Posaune.
„Er macht — einen —“
Eine neue Flut kreischenden Gekichers.
Die andern waren auf die Höhe getreten und standen still und unbeweglich.
Jetzt kam auch der lachende Geiger nach. Auch er verstummte. Sein freches Gesicht wurde bleich. Seine Augen wurden groß und größer und bekamen einen angstvollen Schein. „Er macht einen Sarg“, sagte er leise.
Die Männer standen am Rande einer weiten Lichtung, die sich, an den Seiten und im Rücken von Hochwald umgeben, über den Kamm des Höhenzuges hinzog. Auf dem mit Waldgras überwachsenen Boden standen einzelne hohe Föhren. Unter der nächsten und größten war eine Hobelbank zu sehen. Auf ihr und um sie herum standen und lagen alle möglichen Werkzeuge und Gerätschaften der Schreinerei. Mehrere zurechtgesägte Bretter lagen auf dem Boden, hinter dem Baum lehnte ein Bord am Stamm, noch in seiner ganzen Länge, mit rindigem Rand. Weiter vorn aber, dicht vor den Musikanten, lag Sarg an Sarg im hohen Gras.
Als die Männer auf die Höhe traten, wurde gerade das Bord vom Boden gehoben, leicht, als ob es ein Pfahl wäre, auf eine schlanke Schulter geworfen, über die Hobelbank gelegt, und eine jugendliche Gestalt beugte sich darüber, setzte die Säge mit Sorgfalt an und sägte. Die wirren blonden Haare fielen über die Stirn in das Gesicht hinein und bedeckten es, so daß nur die bleichgelbe und magere Wange zu sehen war. Vom Hals bis zu den bloßen Füßen hing ein langer, weiter Rock herunter, der mit mehr denn hundert Stücken von allerhand Tuch überflickt und aufeinander gesetzt war. Anstatt des Gürtels war ihm ein Strick um den Leib geschlungen.
Der wunderliche Mensch verwandte keinen Blick von der Arbeit, und wenn er nicht taub und blind war für die ganze Welt, die außerhalb seiner Arbeit lag, so wollte er es wenigstens für die Fremdlinge sein, die da standen und ihn angafften.
„Wie hast du denn die Hobelbank heraufgebracht mitten in den Wald?“ fragte der Geiger.
Der Brummbaß warf dem albernen Gesellen einen zornigen Blick zu; aber es wäre unnötig gewesen, denn der Einsiedler sägte zu und gab keine Antwort.
„Wieviel Särge machst du denn?“ fragte der Fant weiter.
„Wieviel Leute seid ihr denn?“ erwiderte der Jüngling und hielt im Sägen inne.
Er sah langsam auf und zählte: „Eins, zwei, drei, vier, fünf —“
„Nein, sechse!“ rief eine helle Stimme, und ein blondgelockter Knabe tauchte aus dem Gebüsch.
Der Einsiedler sah den zuletzt Gekommenen scharf an und sagte: „Sechs Särge mache ich.“
Er schaute wieder auf das Brett und zog die Säge an, aber nach dem ersten Strich hielt er inne, und sein düsterer Blick, wie wenn er etwas vergessen hätte, hob sich wieder zu dem Rufer von vorhin.
Es war auch ein wonniges Ding, in das feine, offene frauenhaft schöne Gesicht zu schauen. Ein wundersamer Reiz war darüber ausgebreitet, aber man mußte oft hinschauen, bis man sich über den Grund Rechenschaft geben konnte.
Findebusch hatte die Arme übereinander geschlagen und sah verwundert drein, wie die andern getan hatten. Bei diesen war der Bann des Staunens einer unruhigen Neugier gewichen, bei dem Geiger seiner fahrigen Frechheit.
„Sechs Särge! Dann reicht es ja gerade für uns!“ rief er lachend. „Wir wollen doch sehen, ob sie uns angemessen sind.“
Und er sprang mit gleichen Füßen in eine der offenen Grabkisten und streckte sich der Länge nach aus.
„Den Deckel darauf, daß wir ihn nimmer sehen, den Schandbuben!“ rief der Brummbaß.
Was er im Zorn meinte, meinten die Posaune und der Pfeifer im Scherz. Sie holten den Sargdeckel und stülpten ihn darüber. Der darinnen lag, war still und regte sich nicht.
Niemand lachte. Die beiden Gesellen schämten sich des mißlungenen Spaßes. Der Pfeifer trat hinweg und ließ den andern hantieren. Der hob leise den Deckel auf und ließ ihn ins Gras fallen. Jetzt erhob sich auch der Geiger, half sich auf die Beine und stieg vorsichtig aus dem Sarg. Er war weiß wie ein Handtuch und schlotterte an allen Gliedern. Er versuchte zu lachen, aber es gelang ihm nicht; er trat blöd und verlegen auf die Seite und stand da wie ein nasser, frierender Hund.
Der Sargmacher hatte unterdessen weitergearbeitet, wie wenn er allein wäre. Die Frage der Posaune, wo die Burg läge und wie weit es noch bis dorthin wäre, hatte er überhört oder keiner Antwort gewürdigt.
„Hier liegt sie ja!“ rief Findebusch.
Er war auf einen geglätteten Baumstumpf gestiegen, so daß er eines Hauptes größer war als die andern.
„Ihr braucht nicht hierherzukommen. Dort, wo der Geiger steht, wenn ihr ein paar Schritte weiter vorgeht, müßt ihr sie sehen. Wahrhaftig, ein stolzes Schloß! Was für ein mächtiger Turm! Und unten glänzt der Neckar. Oh, ist die Welt hier so schön!“
Findebuschs Zuruf machte die müde und verstörte Gesellschaft wieder lebendig. Alle waren froh, den düsteren Eindruck abschütteln zu können, und zeigten sich doppelt lustig. Der Brummbaß, der auf einem in die Quere liegenden Baumstamm ausruhte, schlug sich vergnügt auf die Schenkel, und der Pfeifer, der Grund haben mochte, den liederlichen Geiger bei der Gesellschaft zu halten, trat zu diesem hin und reichte ihm die Branntweinflasche.
Findebusch aber stand noch immer auf seinem Schemel und schaute barhäuptig in das Land hinaus.
Sein Gesicht war der vollen Sonne dargeboten. Geradeso schien das erleuchtende Himmelsgestirn mit breitem Schein in das Antlitz des Eremiten, der ein eisernes Winkelmaß hinter sich auf den Baumstumpf gelegt hatte, auf dem Findebusch stand, und jetzt nach der Säge griff und ihre Schneide fester schraubte. Findebusch ragte dicht hinter dem Siedler in die Höhe, und sein glattes Kinn berührte fast die dunkelblonden Locken des Waldschreiners.
Auf seinen Zuruf: „Dort ist die Burg!“ hatten für einen Augenblick alle zu ihm hingesehen, der Brummbaß mit einem verklärten Blick. Während aber jetzt die andern vorgetreten waren, um behaglich das Tal und die Burg und das Städtlein zu beschauen, ging die Viola alsbald wieder zurück, und wie wenn seine Augen etwas verabsäumt hätten, schaute er alsbald wieder den einen Kopf und den andern an, und so oft ihn auch die Gesellen durch Frage oder Zuruf oder eine Bemerkung in Anspruch nahmen, kehrte sein Blick immer wieder zu dem Geschäfte zurück, die beiden Gesichter zu besehen und zu vergleichen.
Plötzlich rief er: „Hast du einen Bruder, Trompeter?“
Der Knabe griff an sein Instrument.
„Viele, viele! Alle, die lieber blasen als sägen, und lieber küssen als essen, und lieber schlemmen als sparen!“
„Was er großtut“, sagte der Brummbaß, „und ist doch der einzige unter uns, der noch nie einen Rausch gehabt und ein Mädel geküßt hat!“
Er kam herbei und hängte sich mit einem Seufzer die Baßgeige über den Rücken.
Die Viola schaute noch einmal prüfend die beiden Gesichter an, schüttelte den Kopf und sagte: „Unter all deinen Blasbrüdern sieht dir keiner so ähnlich wie hier der Sargbruder. Schaut nur einmal her, ihr andern!“
Sie sahen die beiden Jünglinge an, und einer wie der andere staunte über die Ähnlichkeit. Was die häßliche Kutte um den Nacken und an den Handknöcheln von den Gliedmaßen sehen ließ, verriet einen schlanken Leib und einen zarten, feinen Bau. Er mochte etwa fünfundzwanzig Jahre alt sein oder anfangs der zwanziger stehen, denn das Kleid und der düstere Blick waren über die Jahre, auf die sein glattes Gesicht schließen ließ. Wenn auch die Züge schärfer, spitzer und ernster waren als in dem lachenden, vollen Antlitz des Knaben, so zeigten sie doch denselben Schnitt von der hohen freien Stirn an bis zu dem weichen Kinn, worinnen weder bei dem einen noch bei dem andern das Grübchen fehlte. Vor allem fiel bei dem ersten Blick in jedem der beiden Gesichter das Auge auf, und wenn man sie verglich, hätte man sich die Augen und ihre Umgebung vertauscht denken können, ohne daß die beiden Menschen anders geworden wären: dasselbe Leuchten aus der Hefe, dieselbe unbestimmbare Farbe, bald tiefblau, bald schwarz, bald golden, dieselbe steile, zarte Nasenwand und vor allem die gleichen schwarzen, scharfgezeichneten, edelgeschwungenen Brauen.
Der Einsiedler hatte sich aufgerichtet, die Säge aus der Hand gelegt und sich langsam umgedreht. Und dann betrachteten sich die beiden.
„Ich hatte nie einen Bruder“, sagte der Waldschreiner, „aber ein Schwesterlein.“ Nach einer Weile fügte er hinzu im Tone einer klagenden Litanei: „Ich hatte einen Vater und eine Mutter.“
„Ei, wie merkwürdig!“ rief der Geiger, der sich wieder ins Ansehen setzen wollte. „Findebusch, merke wohl auf: der Vater hat ihn gezeugt und die Mutter hat ihn geboren.“
„Ich schlag’ dir mein Instrument um die Ohren! Lieber komm’ ich aufs Rad, als daß du Igel mir das Kind verdirbst!“ Brummbaß hob drohend die Baßgeige.
„Laß nur liegen“, begütigte der Knabe. „Ich trag’ sie dir vollends bis zur Burg. Geh nur mit den andern voraus, ich folge euch sofort nach.“
Der Pfeifer hatte das Zeichen zum Aufbruch gegeben und war mit langen Schritten den hohen Tannen zugegangen. Der Geiger und die Posaune folgten ihm auf dem Fuße nach. Die Viola wartete auf den Brummbaß, der sein Instrument abnahm, die Riemen kürzer schnallte und sich dann, der fortweisenden Gebärde des Knaben gehorsam, wankend und trippelnd auf den Weg machte. Findebusch blieb allein zurück.
Er hängte sich die Baßgeige um die Schulter. Dann eilte er auf den Einsiedler zu, ergriff seine Hand und sagte: „Sargbruder, ade!“
Der andere legte die Säge hin, zog den Knaben an seine Brust und flüsterte: „Noch nie hatt’ ich jemand so lieb wie dich!“
Er bückte sich, griff unter die Hobelbank und holte ein kleines Sträußchen roter Blüten vom Boden. Die kurzen Stiele waren mit einer Binse zusammengebunden.
„Da nimm! Steck es an! Verlier es nicht! Es sind Donnerblumen. Sie schützen im Wetter.“
Findebusch steckte sich das Sträußchen in den Wams.
„Ich kann dir nichts geben als meine Fuchsmütze.“
Er stülpte sie ihm über die wirren Locken.
„Nimm sie nur! Die Posaune macht mir eine andre, sie versteht sich darauf. — Du, warum machst du so viele Särge? Ist bei euch eine Seuche?“
„Ich mache Särge“ — der Einsiedler hielt den Knaben an die Brust gepreßt und flüsterte: „Bis ich meiner Mutter Grab gefunden habe.“ — Mit lauter Stimme fuhr er fort: „Dann mache ich Kreuze, nichts als Kreuze.“
„Auch ich kenne meiner Eltern Grab nicht“, sagte Findebusch fröhlich. „Aber das kümmert mich nicht. Springt mir ein Fuchs in die Arme, dann denke ich, den schickt mir mein Vater aus dem Grab, und streichelt mir ein Haselbusch die Wange, dann denke ich, der ist aus meiner Mutter Grab gewachsen. Darum ist mir so wohl in der ganzen Welt.“
„Versprich mir eins, Bruder Findebusch! Wenn du drüben bist im Schloß, dann blase ein Sterbelied!“
„Du bist nicht gescheit! Für wen denn?“
„Für meine Mutter. Die ist drinnen in der Burg irgendwo verscharrt und vermodert.“
„Was soll da das Sterbelied? Sie feiern Hochzeit dort drüben.“
„Aber sie hat noch kein Grablied bekommen. Den ärmsten Leuten und den Fahrenden und Gerichteten wird eines gesungen. Den Selbstmördern nicht; aber sie hat sich nicht selber umgebracht. Nein, du —“
Er schüttelte den Knaben an den Schultern und raunte: „Ich weiß, man hat sie schmählich gemordet.“
„Wer? Der Junker?“
„Der nicht; er war damals zwölf Jahre alt. Aber dabeigewesen ist er und weiß ihr Grab.“
„Warum fragst du ihn nicht?“ — „Er schweigt.“ — „Und die andern?“
„Die es getan haben, leben nimmer. Sie sind ertrunken, haben den Hals gebrochen, die Pest hat sie gefressen. Keiner hat im Frieden die Augen geschlossen und keiner in der Burg ihres Geschlechtes. Ich habe allen die Särge gemacht und habe in jeden einen Fluch gelegt. Aber gesungen hat man ihnen doch drüben in der Ersheimer Kirche. Nur meiner Mutter, meiner Mutter ist nicht gesungen worden. Drum blase du ihr heute nacht auf des Junkers Hochzeit ein Grablied.“
Findebusch machte sich aus den Armen des Einsiedlers los, reichte dem Gesellen die Hand und sah ihm treuherzig in die Augen.
„Versprechen will ich dir es nicht. Aber wenn ich es tun kann, dann vollbringe ich’s und blase mitten hinein in den Tanzreigen der andern:
‚Wer weiß, wie nahe mir mein Ende?
Hin geht die Zeit, her kommt der Tod!‘“
Die beiden umarmten sich in urplötzlicher Bewegung. Und wie sie nun schieden, da war es, als ob zwei Brüder voneinander gingen.
Findebusch sprang seinen Gesellen nach. Hinter einem Busch stand der Brummbaß und wartete. Er warf einen mißtrauischen Blick nach der Richtung, woher die Säge des Einsiedlers schrillte, und fragte seinen Liebling:
„Willst du mich verlassen, Kind?“
Im nächsten Augenblick hing Findebusch an dem Hals des alten Mannes und bedeckte dessen Brust mit seinen Tränen.
Der neigte seinen Kopf und lauschte, denn es war, als ob der Knabe schluchzend etwas sage.
„Ich habe dich nicht verstanden.“
„Wie plötzlich, ach, und wie behende
Kann kommen meine Todesnot.“
Der Brummbaß schüttelte den Kopf, hob das Gesicht von seiner Brust hinweg und in die Höhe und sah dem Knaben eindringlich in die Augen.
„Willst du mich verlassen, Kind?“
„Nie“, flüsterte der Knabe. „Ich bleibe bei dir bis in den Tod.“
Und nun eilten die beiden, ohne ein weiteres Wort zu wechseln, dem Hochwalde zu. Als sie ihn erreicht hatten, sahen sie das Goldblech der Posaune links unter sich durch die Büsche blitzen.
Der Einsiedler aber arbeitete, ohne aufzusehen, Stunde um Stunde, bis der Mond über den Berg gestiegen war, und vollendete den sechsten Sarg.
Der Mond schien bleich und verschleiert aus einem tiefen Dunsthof. Der Tag war düster erloschen, wie ein Licht erstickt im Qualm. Der Einsiedler nahm die Hobelbank auseinander und trug die einzelnen Stücke in eine Hütte, die eine Strecke weiter hinten im niederen Tannengrün lag. Ebendorthin trug er die Werkzeuge und Gerätschaften, und dann schleifte er die Särge über den grasigen Boden und barg sie unter dem Dach. Darüber war es völlig Nacht geworden.
Nachdem er die Tür der Hütte verschlossen hatte, ging er über die Lichtung auf die Stelle, von der man nach der Burg sehen konnte. Mit gekreuzten Armen stand er an eine Buche gelehnt und sah zum hellerleuchteten Schlosse hinüber.
Man hörte die Klänge fröhlicher Tanzweisen, sah dunkle Gestalten an den Fenstern vorübergleiten, und aus den Höfen und vom Neckar her erscholl mitunter ein Jauchzen.
Jetzt fingen die Musikanten von neuem an: es war die Melodie eines marschartigen Reigens, aber hell und fröhlich; der Klang der Trompete war der König unter den Tönen.
‚Jetzt geleiten sie das Paar in die Kammer‘, dachte der Siedler und horchte gespannt.
Da löste sich der Trompetenklang los von dem übrigen Klingen und Singen, Dröhnen und Rauschen, und klar und rein scholl durch die Luft die Weise des Grabliedes. Zuerst wirbelten und schwirrten die übrigen Töne verwirrt um die majestätischen Klänge her, dann wurden sie mitgezogen, zuerst der Baß und ein Klang nach dem andern, bis in voller Harmonie der Choral herüberklang:
„Wer weiß, wie nahe mir mein Ende?
Hin geht die Zeit, her kommt der Tod.
Wie plötzlich, ach, und wie behende
Kann kommen meine Todesnot!
O Gott, ich bitt’ durch Christi Blut,
Mach’s nur mit meinem Ende gut!“
Der Einsiedler hielt die Fuchsmütze an seine Brust gepreßt. Aus seinen Augen stürzten Tränen. Als die Weise vorüber war, fiel er auf die Knie zu brünstigem Gebet. Dann erhob er sich und ging mit großen Schritten durch den schwarzen Wald dem Schlosse zu.
3
„Hä!“ sagte der Torwärtel Peter, als der letzte Gast draußen war. Er zog die Torflügel herein, legte den Querbalken dahinter und riegelte das Pförtchen. Dann ging er in die Stube, entledigte sich seiner Hochzeitsstiefel und seines Festgewandes und kam bald wieder in den Torbogen heraus in seinen Schlappen und im Hauswams. Er schlurfte ein wenig herum, um sich wieder ins gewohnte Leben hineinzufinden; er schlappte zur inneren Torbrücke und spuckte über das Geländer, dann schlitterte er wieder herunter und goß Milch in das Katzenschüsselchen, dann tappelte er noch einmal hinauf, stieg auf die Zwingmauer und stellte eine Mausefalle vor den Meisenkäfig. Eine Weile stand er tiefsinnig vor den Schweineställen. Dann kam er an den Brunnen heran und zog einen gefüllten Eimer herauf, ließ ihn aber in der Kette hängen, wie es die nächtliche Burgordnung gebot. Dann schleifte er seine Schlappen wieder zum Tore hinunter, in die Stube hinein und kreuz und quer über die sandigen Dielen. Endlich kam er mit einem dick gestrichenen Käsebrot heraus, setzte sich auf sein Bänklein, sagte „Hä!“ und biß ein.
Da klopfte es an das Pförtchen, und eine tiefe Stimme sagte: „Ich bin’s, der Hannes.“
Peter schob den Riegel zurück. Ein stämmiger Bursche kam herein, schloß das Pförtchen und setzte sich neben den Wärtel.
„Heute nacht kommt noch ein Wetter, und was für eines!“ sagte er. „Die Musikanten täten gescheiter und blieben hier. In der Johannisnacht ist der Neckar aufs Ersäufen aus, und Schiffer Stapf ist heute der rechte Mann, ihm dabei zu helfen, denn er hat einen Mordsrausch.“
Der Bursche redete vor sich hin, ohne zu beanspruchen, daß ihm jemand zuhöre. Wie es zum Abschluß des Festtages dem Peter ein Bedürfnis war, herumzuschlurfen, so war es dem Hannes ein Bedürfnis, vor sich hin zu pappeln.
„Herrschaft, war das ein Wesen, bis sie alle untergebracht waren! Mit den Junkern ging’s noch, die machten sich’s bequem und schlenderten zum Nachttrunk in den ‚Löwen‘ Aber die Edelfrauen. Einer Mutter und einer Tochter hab’ ich den Mantelsack ins Zimmer getragen. ‚Hier riecht es nicht gut‘, hat die Alte gesagt. ‚Es stinkt‘, sagt’ ich drauf; ‚aber es geht natürlich zu‘. Drauf fragte die Junge: ‚Ob es wohl hier Flöhe gibt?‘ ‚Ich schätze, daß es gibt‘, sagt’ ich drauf. ‚Denn hier sind zwei Weibsleute und in der oberen Kammer drei.‘ Drauf haben sie mich zur Stube hinausgejagt.“
Der Torwärter stand auf, tappelte in den Hof hinauf und betrachtete im Zwielicht einen liegengebliebenen Stallbesen.
Hannes legte die Ellbogen auf die Knie und erzählte in seinen Schoß hinein.
„Meiner Seel, die Unkosten! Der Junker Landschad ist mit dreizehn Pferden gekommen. Alle Ställe sind voll. Die Häuser der Herrschaft und die Wirtshäuser sind gepfropft voll, daß sie mit ihren Buckeln und Bäuchen schier gar die Dächer abheben. Und immer noch nicht genug! Das liebe Vieh weiß doch, wann’s zufrieden ist. Aber die fressen und saufen in Ewigkeit Amen. Wär’ ich der Junker, tät’ ich so: Jeder kriegt auf der Burg sein Gesatz an Essen und Trinken, wie sich’s gehört. Wer noch mehr will, für den gibt’s Wirtshäuser in der Stadt. — Aber auf Rechnung vom Junker Hirschhorn? Nicht wahr, Hannes? — Prost die Mahlzeit, gnädige Frau! Habt ihr Geld, kriegt ihr was. — Meiner Seel, sie hätten nicht den zwölften Teil Hunger und Durst! — Aber die Gäule? Die sind doch zehrungsfrei? Für ein brav Trinkgeld kriegt jeder Gaul einen Stallplatz, aber Hafer und Heu und was der Roßbub verzehrt, kostet für jeden Gaulskopf zwei Batzen. Hei, wäre jetzt das Städtlein so sauber und so still; neckarauf, neckarab täten sie reiten, was das Zeug hält, damit sie noch heimkommen, ehe das Wetter einbrennt.“
Über solchen und ähnlichen Phantasien schlief der Hannes ein. Der Peter aber geisterte noch ein wenig herum. War es im Tore wie in einem Bratofen, so war es im Stüblein daneben wie in einem Backofen. Peter zog das Losament mit der fliegenden Hitze vor. Er schlurfte schließlich endgültig in die Kemenate und legte sich auf die Pritsche.
Nun wachte niemand mehr in der Burg als der Junker und sein junges Weib. Und hätte man nach schlafenden Menschen gesucht, man hätte nur zwei gefunden, und zwar im Tore, sonst nicht einmal im Wächterstüblein oben auf dem Turm. Der Junker hatte allen seinen Leuten erlaubt, die Nacht in der Stadt oder am Strande oder bei den Johanhisfeuern auf den nächsten Höhen zuzubringen, bis es zu Ersheim Tag läute. In den alten Gassen, in den Schenkstuben der Wirtshäuser, oben auf dem Feuerberg und vor der Neckarpforte auf dem grünen Rasen ging es laut und lustig zu. Die Edelknechte und Edelfräulein tanzten um die lodernden Holzstöße. Die ritterlichen Herren saßen mit den Männern vom Gericht und mit den Bürgermeistern und Vögten des Junkers in den kühlen Stuben am eichenen Tisch und redeten von den bedrohlichen Zeichen der Zeit. Die Edelfrauen wandelten am kühlen Neckar und freuten sich, wie die flammenden Räder vom Feuerberg herunterrollten, Funken sprühten, wenn sie springend, aufschlingend und endlich fauchend und zischend im Neckar versanken. Auf dem Plan aber, über den man zur Ersheimer Fähre herunterstieg, waren Bänke und Tische im Freien aufgerichtet und ein bretterner Tanzboden war aufgeschlagen. Beim qualmenden Licht aufgesteckter Pechfackeln spielten die Odenwälder Musikanten, und das junge Volk wurde nicht müde, sich zu umfassen und im Tanze zu drehen. Hinter den Bergen aber brauten die Luftgeister ein Wetter. Mit schlaffen Flügeln standen sie hoch und schwarz zwischen Himmel und Erde und senkten die Köpfe und schauten mit glühenden Augen in die auf und ab steigenden stillen Wirbel, und aus geheimnisvoll spielenden Fingern quollen immer neue schwangere Dünste und zogen sich, verhohlen qualmend, in den brodelnden Kessel. Von Westen aber flog ein Wind und fing an zu blasen, und siehe, der verstockte Brodem dehnte und flog auseinander wie ein ungeheurer schwarzer Flügel, der sich entfaltet, langsam und doch unheimlich schnell, schwarze Wolken zogen herauf. Es wetterleuchtete, und wenn die Musik nicht spielte und das Volk nicht jauchzte, hörte man ununterbrochen ein fernes dumpfes Grollen. Schwarz, eilfertig und tückisch zog die Flut des Neckars dahin. An die Fähre angebunden war ein breites Boot; darinnen wollten die Musikanten nach Heidelberg hinunterfahren. Es hob und senkte sich unter der ziehenden, schwellenden Flut, kleine Wellchen leckten hinauf; zuweilen klirrte die Kette, und dann atmete es aus der Tiefe, wie wenn dort unten etwas laure.
Auf der Erde aber ging die Liebe um, weiß und gewaltig. Blick und Händedruck wurden getauscht, Mund streifte am Mund vorüber. Die Paare lösten sich vom Reigen und wandelten eng zusammengepreßt den Schatten zu. Der treue Schultheiß von Eschelbach aber verließ die Schenkstube, trat auf die Straße, schöpfte Atem und schaute zu dem dunkeln Schlosse empor. Er faltete die Hände und sagte zu sich selbst: ‚Will’s Gott, setzt in dieser Nacht ein neues Reis an und wächst in viel tausendmal tausend.‘
Friedrich von Hirschhorn und seine angetraute Braut Ursula von Sternenfels standen aneinander gelehnt auf dem Balkon. Hinter ihnen war alles finster. Wohl brannte in der Kemenate die Ampel, aber hinter einem Schirm, so daß die Fenster dieses Gemaches geradeso schwarz waren wie alle übrigen. Auch nicht das schärfste Auge konnte vom Tale oder von der Stadt her die beiden Gestalten aus dem Schatten lösen, der schwer und schwarz den Berghang hinunterhing bis auf die Dächer der Bergstadt. Sie selber aber schauten wie zwei schwebende Vögel vor sich und unter sich das wundersame Bild, das vom bewegten Himmel groß und lebendig zu ihnen herankam und das wie ein phantastisches Kinderspiel schwirrend und flimmernd die stille, nächtliche Erde beunruhigte. Das feuerhauchende Gewölk überspannte Gebirg und Tal. Noch stand der Mond am östlichen Himmel und um ihn her eine kleine Schar von tröstlichen Sternen. Aber diese Insel, von der Wolkenflut umringt, wurde kleiner und kleiner, und Ursula wollte nimmer zu ihr emporschauen, weil jeder Stern, der verschwand, sie traurig machte. Das ferne Grollen war hinterhaltig und kam nicht näher; das Ohr hatte sich daran gewöhnt, und wenn die Braut darauf lauschte und ihrem Gatten sagte: „Hörst du, wie es dort hinten murrt und knurrt?“, dann tröstete er sie: „Laß die Bestien murren und knurren; sie kommen nicht zu uns herüber.“
Zu Füßen der Schauenden lag das schattenerfüllte, schweigende Finkenbachtal, und die schwarzen Stücke finsterster Nacht, die hier und dort dicht unter der Burgmauer die Schatten umhüllten, verrieten den gähnenden Schloßgraben. Der Zug des Neckars flimmerte zwischen den Bergen vor und im Tale her und zeigte die huschenden Himmelsflammen im stillen Abbild. Es sah aus, als ob er, ein Verbündeter der Wetterwolken, aus ihrem Dunkel herwärts käme, während er doch in Wirklichkeit dem Gewitter entgegenflutete.
Gegenüber diesen machtvollen Vorgängen am Himmel und auf Erden erschien alles, was die Menschen taten, winzig und putzig: das Feuer auf dem Berg, die glühenden Scheiben und flammenden Räder, die hin und wieder huschenden Fackellichter, die schwarzen Gestalten am Strand mit ihrem wunderlichen Hinundherlaufen. Nur die freundlichen Lichter des Städtleins taten den Augen wohl in ihrer Ruhe und Traulichkeit; sie erinnerten an die Sterne am Himmel, wie Menschliches an Göttliches erinnern kann.
„Hörst du die Trompete?“ sagte Ursula zu ihrem Gatten und beugte sich lauschend über die Brüstung. „Ihr Ton schwingt sich in die Höhe wie ein Falke.“
„Grollst du ihr nicht, daß sie dir Tränen entlockt hat?“ fragte Friedrich und stemmte sich auf das Geländer.
„Ich bin ihr dankbar, und es tat mir leid, daß du dem Trompeter zürntest.“
„Es war nur für einen Augenblick.“
„Ich sah den jähen Grimm und erschrak.“
Friedrich ergriff ihre Hand und drückte sie leise. Es war wie ein Gelöbnis.
„Du brauchst dich nicht vor mir zu fürchten. Früher war ich der wilde Hirschhorn. Ich habe es gelernt, meinen Zorn niederzuringen.“
Er seufzte aus der Tiefe.
„Und wenn je einmal die jache Flamme über mich kommt, dann hebe deine Hände so, siehst du? — So! Dann werde ich still und klein wie ein ängstliches Kind. — Verstehst du mich?“
Ursula sagte leise: „Nicht ganz; aber ich weiß, woran du denkst.“
„Du Gute!“
Die Gatten schwiegen eine Weile. Die Musik jauchzte hellauf, und der Trompetenklang flatterte heran.
„Nicht das hat mich ergrimmt“, fing der Ritter wieder an, „daß er auf einmal den frohen Marsch hinüberleitete in den Choral; denn ich liebe unsere Kirchenlieder, und es war wundersam und rührend, wie die andern Töne stutzten und aus der Reihe kamen und hin und her schwirrten, bis der Trompetenton sie alle zwang und sie wohl oder übel und schließlich sehr wohl mit ihm zogen. Darüber habe ich mich gefreut. Aber als er nun vor der Tür zu unserm Brautgemach die Trompete absetzte und mit lauter Stimme zu singen anhub:
‚Wer weiß, wie nahe mir mein Ende?
Hin geht die Zeit, her kommt der Tod; — ‘
und als ich die bestürzten Gesichter der Herren und Frauen sah, die uns zu unserm Gemach geleitet hatten, da wallte in mir der Zorn auf.“
„Du griffst nach deinem Dolch“, sagte sie vorwurfsvoll.
„Ich weiß es.“ — „Wie ein Engel hat er gesungen.“
„Wie ein Engel. Um so furchtbarer war mein Grauen. — Du verstehst doch. Vor der Schwelle zur Hochzeitskammer wird keiner gern an das Sterben erinnert. Und — Ursula — du weißt doch, mit welchen Gedanken alle, die mein Haus liebhaben, die Tür anschauen, die zum Brautgemach führt; du weißt doch“, er senkte die Stimme, „was viele gute Menschen vom heutigen Tag erwarten für mein Geschlecht.“
Ursula nickte mit dem Kopf und stand da wie jemand, der gewärtig ist.
Aber Friedrich war in seinen Gedanken noch ganz bei jenem Vorgang.
„Da war mir der Gesang, der vom nahen Ende und vom herkommenden Tod kündete, wie ein Schlag ins Gesicht, und ich wurde zornig. Aber ich dachte an etwas, woran mich Gottes Geist erinnert, wenn die Wut über mich kommt, und ich sagte zu mir: der Herr hat’s ihn geheißen. Da wurde ich ruhig und konnte um mich blicken. Du standest in Tränen und wolltest nicht über die Schwelle — deine Muhme schlug die Tür zu. Unsere Gäste standen verstört und betreten in Gruppen, die Musikanten waren auseinander gestoben, nur der unglückselige Trompeter stand an der Wand. Der erboste Landschad schrie auf ihn ein, und Venningen rief mir zu: ‚Wirf den Schelmen in den Turm!‘ Ich aber sagte: ‚Er steht im Frieden meiner Burg. Ich bitte die Gäste, uns zu verlassen. Die Musik voran! Hinunter in die Stadt! Viel Freud’ und Glück! Auf Wiedersehen morgen in der Früh‘.“
„Von all dem weiß ich nichts“, sagte Ursula. „Wo war ich doch mit meinen Gedanken?“
„Du standest und weintest still vor dich hin. Ich habe noch nie einen Menschen so weinen sehen: die Augen weit offen, das Gesicht still, der Mund zusammengepreßt, kein Laut, aber Tränen und Tränen wie quellende Wasser. Da rief ich dem Trompeter: ‚Bitte die Herrin um Vergebung!‘ — Ich tat es um seinetwillen, denn sie schalten ihn greulich. Er hörte nicht; da nahm ich dich bei der Hand und führte dich zu ihm und wiederholte: ‚Bitte die Herrin, daß sie dir vergebe!‘ Er rührte sich nicht. Er hatte nicht gehört. Und nun sah ich das Merkwürdigste von der Welt: er stand und weinte geradeso wie du: die Augen weit offen, das Gesicht regungslos, die Lippen geschlossen, kein Laut, aber Tränen und Tränen wie quellende Wasser. Verwundert sah ich von ihm zu dir und von dir zu ihm, und mein Staunen wuchs. Ursula, er sieht dir ähnlich wie ein Bruder, der seiner älteren Schwester aus dem Gesicht geschnitten ist. Komm, ich will dir zeigen, wo er dir ähnlich ist; da — und da — und da — und da.“
Er küßte ihr die Stirn und die Brauen und beide Augen und das Grübchen im Kinn und dann ihren Mund.
Die Trompete drunten am Neckar jauchzte, ein heller Blitz und ein munterer Donnerschlag flammte und rollte über den Kuß, der länger währte als das rollende Echo und der Raketenstrahl des Trompetenklanges. Es war still und finster, als Friedrich sein Haupt hob und seinem Gemahl ins Ohr flüsterte. Sie nickte unmerklich, und die beiden wandten sich langsam, verließen den Altan und traten in die Kemenate.
Ursula stand in der Mitte des Zimmers und harrte. Friedrich holte die Ampel hinter ihrem Schirme vor und schob den Riegel der Tür zurück. Ehe er öffnete, sah er sein Weib lächelnd an.
„Wir müssen dem Trompeter dankbar sein“, sagte er. „Ist es nicht so viel schöner, als wenn die, die jetzt drunten zechen und tanzen, alle hier ständen, und wir hörten hinter der Tür ihr Lärmen und Pochen und den frechen Pfeifenton, und wir säßen da und zitterten und fürchteten uns vor dem wüsten Lärm. Wie ist es doch so viel heimeliger und traulicher!“
„Oh, es war schrecklich!“ sagte Ursula. „Ich verging vor Scham, darum hatten auch die Tränen solche Gewalt über meine Augen.“
„Ursula, komm!“
Er öffnete die Türe weit. Ein Windstoß kam ihnen entgegen. Die Ampel flatterte hoch.
Ursula warf einen Blick durch die Tür und fragte betreten: „Wo führst du mich hin?“
„Wohin? In unser Schlafgemach.“
„Hier ist kein Gemach; hier ist ein Gang.“
„Wohl; er führt an der Mauer hin, aus dem neuen Haus in das alte Haus; links ist die Tür in dein und mein Schlafzimmer. Seit unser Geschlecht hier oben haust, haben dort die Ritter bei ihren Frauen geschlafen.“
„Und dort das schwarze Fenster?“
„Es geht in den hinteren Graben und schaut in den Tannwald. Das Fenster ist nicht geschlossen. Daher der Windzug, der dich erschreckt hat. Wir schließen das Fenster im Vorübergehen. — Ursula, dir schaudert?“
„Ja“, sagte sie und zitterte. Sie stand noch immer jenseits der Schwelle, im neuen Haus.
„Dort aus dem Gange hat es geseufzt.“
Friedrich erbleichte.
„Das ist vorbei“, sagte er leise vor sich hin.
„Was ist vorbei? Ich hab’ es wohl gehört, was du gesagt hast. Du selber bist bleich.“
„Oh, Ursula, frag nicht! Die Vergangenheit liegt schwer auf meiner Seele, und ich werde sie nicht los, weil ich meinen Namen nicht los werde. Du bist mein starkes, treues Weib, du hilfst mir tragen. Aber höre, Ursula, wir wollen unwissend tragen. Oh, zwinge die Vergangenheit nicht, dir zu antworten! Laß sie ruhen und schweigen. Ursula, komm und gib mir dein süßes Herz!“
Sie wollte kommen. Aber von neuem schreckte sie zurück.
„Ich kann ja nicht!“ flüsterte sie. „Es stöhnt so entsetzlich dort!“
Friedrich sah erleichtert auf. „Allerdings“, sagte er, „das ist ein lebendiger Mensch. Einer von den Wunderlichen. Er fragt so viel; dadurch ist er sich zur Last, und mir ist er’s auch. Jetzt sitzt er im Burggraben oder läuft drinnen umher und klopft an die Mauern und fragt die schweigenden Steine. Es ist dies nicht hübsch für dich und für mich. Aber sei ohne Furcht. Er tut dir nichts zuleid. Und in der Burg selber erschreckt er dich nicht. Es ist ihm verboten, sie zu betreten. Aber draußen lassen wir ihn gewähren, Ursula, daß er tue nach seiner seltsamen Weise. Denn der Herr hat es ihn geheißen. — Ursula, komm, gib mir dein süßes Herz.“
Er hielt die Ampel hoch, faßte sein Weib an der Hand und schritt vorwärts. Sie zögerte noch immer, so daß ihr Arm und der ziehende ihres Gatten gestreckt waren. Durch das auf und zu wehende Fenster und das rasch bewegte Windlicht entstanden huschende, streichende, sich beugende Schatten an der langen Wand des Ganges.
Ursula stieß einen markerschütternden Schrei aus und, vorgebeugt, hielt sie sich zitternd fest an ihrem Gatten.
„Sieh! sieh! dort!“ stammelte sie.
„Es ist nichts“, sagte er erschüttert.
„Doch! Eine Gestalt — eine Frau ist aus der Mauer getreten, mir in den Weg, und sie hat die Hände erhoben, so, Friedrich, so, wie du mir vorhin gezeigt hast.“
Der Junker sank in die Knie. Es sträubten sich ihm die Haare.
„Geh!“ rief er, und wie ein Flüchtiger drängte er sein Weib in die Stube zurück.
Er stellte das Licht auf den Tisch und ging einigemale im Zimmer auf und nieder. Dann ging er mit festen Schritten durch den finsteren Gang und schloß das auf- und zuschlagende Fenster. Ursula ergriff die Leuchte und hielt sie ihm zum Rückweg entgegen. In der Mitte des Ganges bückte er sich und hob etwas vom Boden auf. Er brauchte dazu längere Zeit, als dieses Geschäft erfordert hätte. Als er das Ding in der Hand hielt, schüttelte er den Kopf, sah an der Wand empor und schüttelte den Kopf von neuem. Als er in die Stube trat, sah er so bleich aus wie ein Mensch, der ein Gespenst gesehen hat.
Ursula bemerkte die Wandlung bei ihrem Manne, und jetzt wurde sie ruhig und sicher.
„Verzeih mir, Geliebter“, sagte sie zu ihm. „Ich war eine Törin, aber es ist vorbei. Laß mich dir leuchten und komm!“
Sie wollte voraus in den Gang hinein. Er aber war ans Fenster getreten.
Sie stellte die Lampe auf einen Stuhl und trat zu ihm.
„Das Gewitter ist näher gekommen. Wie es blitzt! Der ganze Himmel ein Feuer. Aber noch regnet es nicht. Das Wetter steht noch hinter dem Berg.“
Friedrich schwieg.
„Sind auch unsere Gäste alle gut untergebracht? Ich weiß, sieben Herrschaftshäuser und zwei Wirtshäuser hast du dazu eingerichtet. Vortrefflich, ich weiß es, aber ich bin doch etwas in Sorge. Meine Muhme, die Degenfeld, ist so heikel.“
„Wenn ich nur jemand hätte, den ich schicken könnte“, sagte Friedrich, „so ließe ich jetzt allsogleich den Trompeter holen, um ihn etwas zu fragen.“
„Was hast du mich doch über das Fragen gelehrt?“ sagte Ursula lächelnd.
„Aber alle meine Leute sind drunten; nur der Wärtel ist da, vielleicht auch sein Knecht, aber wahrscheinlich nicht.“
„So geh doch selbst!“
„Ich dich verlassen?“
„Ich gehe mit dir, lieber Herr!“
Friedrich zog sie an sein Herz.
„Nein, ich schicke morgen einen reitenden Boten mit einem ledigen Gaul nach Kirchheim. Sie spielen dort auf. Dann ist er gegen Mittag hier.“
„Und nun?“ fragte Ursula nach einer Pause. „Lieber Herr!“
„Warum sagst du jetzt so zu mir?“
„Ich weiß nicht, wie ich dich fassen soll, damit du wieder —“
Sie brach ab und wurde blutrot.
Er rührte sich nicht.
Sie schmiegte sich an ihn und flüsterte: „Es ziemt sich nicht, daß die Braut — komm!“
„Ja, komm!“ seufzte er und ging vom Fenster.
„Wohin?“ fragte sie betreten und sah ihn mit großen Augen an.
„Laß mich!“ sagte er und trat wieder hinaus auf den Altan.
„Willst du eine nasse Braut in dein Bett tragen?“ fragte sie ihn verwundert und folgte ihm.
Und nun standen sie wieder draußen und schauten hinunter ins Tal.
Es lag ganz finster. Die Fackeln am Strande zeigten, wie schwarz die Nacht war. Das Gewitter war näher gekommen. Unaufhörlich flammte es hinter den Bergen vor, und das Rollen des Donners hatte keine Pause. Es rauschte in der Schloßlinde, und ein Weben und Sausen kam vom Walde herüber. Aber noch führte der Sturm nur Staub und Blätter mit sich. Noch war kein Tropfen gefallen.
Vom Strande her hörte man das Sprechen und Rufen arbeitender Männer. Sie schlugen die Zelte ab und brachten die Fässer und Kannen unter Dach und Fach. Die Häuser der Stadt waren noch alle hell erleuchtet. Die Musik spielte in einem der Wirtshäuser.
„Sie können nicht genug bekommen“, sagte Friedrich. „Aber es ist mir lieb, daß die Musikanten hierbleiben.“
„Grausig schön müßte es sein, in dieser Nacht den Neckar hinunterzufahren.“
„Schön, aber gefährlich, denn wenn die Wetterbraut in den Neckar fällt, wird er wild. — Ich wüßte die Leute nicht gern heute nacht auf dem Fluß. Es ist die Johannisnacht. — Es ist ein wunderlich Ding. Ich glaube nicht dran, aber es schaudert mich doch. — So ist es auch mit dem Strauße hier. Es ist ein Wetterstrauß. Hätte er ihn mitgenommen, so wäre ich ruhiger. Nun lag der Strauß in der Burg, und zwar seltsamerweise —“
Friedrich brach ab.
„Was bewegt dich so? Ich versteh’ dich nicht. Wovon redest du?“
„Von diesem Sträußchen hier. Der Trompeter hat es am Wams getragen. Ich habe es wohl bemerkt. Und nun lag es mitten im Gang, hart an der Mauer.“
„Was ist daran Wunderliches? Lieber, ich muß über dich lächeln.“
„Es sind Himmelfahrtsblumen. Sie sind selten und werden in diesen Tagen von den Leuten im Wald gesucht. Sie wachsen an liebsten unter hohen Eichen, die der Blitz getroffen hat. Man sagt, daß sie aus Wettersamen sprießen und daß sie bei Sturm und Blitz Schutz gewähren. Aber wie kommt der Strauß dorthin?“
„Das ist leicht zu erraten“, sagte Ursula. „Der Trompeter hat ihn verloren.“
„Er hat ja den Gang gar nicht betreten! Keines Menschen Fuß hat ihn betreten außer mir. Die unser Zimmer bereiteten, kamen vom Turm hinein. Den Schlüssel zum Gang trug ich in der Tasche.“
„Oh, ich weiß“, rief Ursula; sie rief es fröhlich, denn es war ihr ein Anliegen, daß ihr Herr wieder froh wurde.
„Du hast ja die Tür geöffnet, als sie uns im Zuge hingeleiteten. Ich habe nicht hingesehen, denn ich verbrannte vor Scham. Aber der Trompeter hat hineingeschaut, und da er wußte, daß dort unser Brautgemach ist, hat er die Blumen in den Gang geworfen, damit wir sicher ruhen in Sturm und Wetter.“
Ein greller Blitz, ein heftiger Donnerschlag. Friedrich sah erdfahl aus im Wetterschein.
„Warum gerade dorthin?“ schrie er in das Krachen des Donners.
Als der Donner verrollte, ergriff er heftig Ursulas Hände und drückte sie, aber seine Stimme war sanft geworden.
„Oh, jetzt weiß ich es“, sagte er leise. „Der Herr hat’s ihn geheißen.“
Ursula sah angstvoll zu ihrem Gatten auf.
„Friedrich, weder ich noch du haben uns heute früh vorgestellt, daß wir um Mitternacht auf dem Altane stehen würden. Muß ich es sein, die zum Gehen mahnt?“
Er schüttelte abwehrend mit dem Kopf und lauschte ins Tal hinaus.
Zwei Burschen kamen singend vom Städtchen her, auf der Straße, die unten an der Burg vorüberführt gen Langental. Jeden Ton, jedes Wort konnte man verstehen, denn das Gewitter schwieg; es schien sich zu entfernen.
„Wohlan, so heben wir wiederum an
Vom Herrn zu Handsschuchheime,
Wie ihn der wilde Hirschhorn erstach
Auf dem Markt zu Heidelberge.“
Der Ritter trat seufzend von der Brüstung und lehnte sich an die Mauer. Ursula warf sich ihm um den Hals, dann hielt sie ihm in krampfhafter Heftigkeit mit ihren Händen die Ohren zu. Er sträubte sich, und sie rangen miteinander. Darüber gingen einige Strophen an dem Gehör vorüber.
Er hatte sich von ihren Händen befreit. Die Burschen kamen gemächlich den Berg herauf und sangen:
„O Fritz, du hast wie ein Schelm getan,
Zieh mir den Stahl heraußen.
Da dreht er ihn in der Wunde herum.
Des mußt er sich verbluten.“
„Das Lied lügt“, stöhnte Friedrich. „So war es nicht!“
„Herrgott, donnere!“ rief Ursula. Dann bedeckte sie ihm den Mund mit wütenden Küssen. Sie zog seinen Kopf zu sich her und tat wie unsinnig vor Liebe. Aber sie vermochte nicht, seine Seele aus ihrem fürchterlichen Lauschen zu reißen. Sie selber überhörte in ihrer Raserei die folgenden Strophen; aber er saugte jedes schmerzende Wort. Als sie ermattet abließ, sangen die Bursehen gerade unter der Burg:
„Von Ingelheim die Beußerin
Hob ihre schneeweißen Hände.
Verflucht sei deiner Frauen Schoß,
Eine Kröte soll sie gebären.“
Ursula brach in bitteres Weinen aus.
„Ein Zeichen trägst du an der Stirn,
Es grauset deinen Erben.
Du jagst sie selber in den Tod.
Dein Haus soll mit dir sterben.“
Die Burschen bogen um den Berg. Man verstand ihren Gesang nicht mehr.
In Ursula aber war der Zorn aufgelodert und hatte über Schrecken und Schmerz überhandgenommen.
„Es ist empörend!“ rief sie. „Das wagen deine Untertanen? An deinem Wein haben sie sich berauscht, und nun schmähen sie dich, wie noch kein Mörder geschmäht worden ist.“
„Sie wissen nicht, was sie tun“, sagte der Ritter düster.
„Bist du ein Herr, daß du solches dulden magst?“ rief Ursula unmutig.
„Sie denken sich nichts dabei. Sie wissen kaum, daß ich es sei. Jeder von den beiden dort unten geht doch für mich durchs Feuer.“
„Woher haben sie das Lied?“
„Leonhard hat sie’s gelehrt.“
„Wer ist Leonhard?“
„Der Einsiedler. Der arme Narr, der dort hinten im Burggraben liegt und nach seiner Mutter sucht.“
Ursula schaute verwundert zu ihrem Gatten auf.
„Friedrich, ich verstehe dich nicht.“
„Laß ihn“, sagte er sanft. „Der Herr hat’s ihn —“
Ursula flammte auf. Sie hielt ihm den Mund zu.
„Tu mir die Liebe und sage dies Wort nimmer. Du lästerst.“
Der Wind war wieder in die alte Richtung umgesprungen, und es fielen schwere Tropfen. Die beiden setzten sich auf ein Bänklein in der Mauernische, so daß sie vor dem Regen geschützt waren, solange ihn nicht der Wind peitschte.
Friedrich schlang den Arm um sein Weib und sagte: „Das Gewitter kommt nun doch. Hörst du, das Ersheimer Gewitter glöcklein läutet.“
Sie falteten die Hände und beteten still.
Aus dem Städtlein kam eine schwatzende Schar dem Neckar zu.
„Es sind die Musikanten“, sagte Friedrich. „Sie fahren doch im Nachen. Ich höre die Stimme des Fährmanns Stapf. Er fährt sicher, wenn er nicht trunken ist. Sie sind im Zwist, hörst du?“
Verworrenes Geschrei tönte herauf.
„Versprich mir!“ sagte Ursula.
„Was, du Liebe?“
„Sag nicht mehr das feige Wort.“
„Welches?“
„Der Herr hat sie’s geheißen.“
„Das Wort ist nicht feig“, sagte Friedrich ernst. „Siehst du, unsere Vergangenheit ist ein fertiges Ding. An ihr können wir nichts ändern. Was aus dieser Brunnenstube quillt, das müssen wir in unser Leben fließen lassen, sei es Fluch oder Segen. Meine Vergangenheit ist furchtbar und dunkel. Du hast großen Mut, Ursula, daß du sie mit mir teilen willst. Wir müssen sie tragen. Aber die Zukunft, die bauen wir uns selber mit eigenen glücklichen Händen.“
Ursula schüttelte den Kopf.
„Wer die Vergangenheit nicht meistert, ist auch über die Zukunft nicht Herr. Du denkst zu viel an das, was dahinten liegt. Nicht tragen, sondern vergessen wollen wir miteinander. Und dazu wollen wir uns liebhaben. Man sagt, die Minne habe solche Gewalt, daß man in ihren Wonnen alles vergißt.“
Sie lauschte erwartungsvoll auf seinen Odem, auf sein nächstes Wort.
Als er still blieb, seufzte sie leise und fing von neuem an.
„Auch ich habe eine ungute Vergangenheit. Ich kenne sie nicht, man hat sie vor mir verhüllt. Aber ich ahne, daß sie nichts Trautes birgt. Als ich noch ganz klein war, hatte ich jemand, der mit mir spielte und Leonhard hieß wie dein Feind im Burggraben. Mich dünkt, es war mein Bruder.“
„Du redest wunderlich. Dich dünkt?“
„Ja; wenn ich später von ihm redete, sagten meine Eltern, ich hätte geträumt. Ich hatte nicht geträumt, das wußte ich ganz genau. Aber die Eltern wollten’s so haben, da ließ ich es sein.“
Ursula schwieg eine Weile; dann fuhr sie fort:
„Auch daß ich einmal einen andern Vater und eine andre Mutter gehabt habe, hat mir nicht geträumt. Ich sehe sie noch deutlich vor mir. Meine Mutter war eine große schlanke Frau. Sie hat etwas in ihren Augen gehabt —“
„Wie du, Ursula.“ Er zog sie an sich und küßte ihre Augen und ihren Mund.
Ursula lächelte glückselig. Ihre Frauenlist hatte erreicht, was sie wollte.
„Hast du schon einmal so wunderliche Augen gesehen, wie meine?“
„Wie deine? Ja. Heute abend bei dem jungen Trompeter.“
„Oh weh, was hab’ ich getan!“ seufzte Ursula in der Stille.
„Auch bei Leonhard“, fuhr Friedrich fort, „dem armen Menschen, der vielleicht jetzt noch um die Burg streicht.“
„Auch schon einmal bei einer Frau?“ raunte Ursula und schmiegte sich an ihn.
„Bei einer Frau? Nein. — Doch, bei einer einzigen, die ich einmal gesehen habe als zwölfjähriger Knabe.“
„Wer war es?“
„Ich weiß es nicht.“
„Wo hast du sie gesehen?“
„Wo? Hier. Nicht weit — von hier. — Ursula, du quälst mich mit deinen Fragen.“
Seine Stimme war hart und rauh geworden.
Ursula biß sich auf die Lippen. Sie faßte einen Entschluß.
„Du zitterst, Geliebter“, sagte sie und stand auf. „Komm, wir wollen zur Ruhe. Ich fürchte mich nicht mehr vor jenem Gang; ich schließe die Augen, und du führst mich. Oder du schließest die Augen? Dann führe ich dich. Aber den Strauß nehmen wir mit. Denn das Wetter kommt. Wo ist er nur?“
„Oh Ursula“, klagte Friedrich. „Sie haben alle geschlafen. Warum hast du sie geweckt?“
„Ich?“
„Laß, du liebes Herz!“ Er ergriff ihre Hand. „Wir wollen gehen.“
„Aber der Gewitterstrauß, Wo ist er?“
„Ich habe ihn auf die Brüstung gelegt.“
„Er ist nimmer da, er ist hinuntergefallen. — Oh, wie es blitzt! Was das Glöcklein wimmert! Wie sie johlen und schreien in der Stadt! Welch häßliches Schelten und Streiten. Was ist das für eine grobe Stimme?“
„Es ist der Fährmann. Sie zanken sich um den Preis oder um sonst etwas.“
„Gefällt dir das so gut, daß du dich nicht trennen kannst?“ fragte Ursula unter der Tür.
Friedrich seufzte. „Wenn er nur hierbliebe! Daß er gerade in den Gang hineinblies! Und als er die Trompete absetzte und zu singen anhub, hat er gerade mitten auf die Wand geschaut, auf die weiße Wand, und Tränen liefen ihm über die Wangen. Warum hat er so getan? Oh, daß ich wüßte!“
„Du weißt zu viel“, sagte Ursula und zog ihn aus dem Erker in das Wohngemach. „Was tot ist, muß man vergessen. Wir wollen schlafen und von der Zukunft träumen.“
Er löschte die Ampel im Wohngemach. Im Finstern öffnete er die Tür, und sie schlüpften in den finsteren Gang. Er machte die Tür hinter sich zu und verschloß sie. Auf den Zehen schlichen sie an der Wand hin. In der Mitte des Weges blieb Ursula stehen wie gebannten Fußes und ging keinen Schritt weiter. Vom Fenster her aus dem Burggraben erscholl ein herzerschütterndes Weinen und Klagen: „Mutter, Mutter, Mutter, Mutter!“
Immer nur dies eine Wort: „Mutter, Mutter!“
Da geschah etwas Wundersames. Ursula nahm die Klage auf und fuhr in ihr fort. Und wie sie nun so seufzte und weinte: „Mutter, Mutter!“, da klangen die beiden Stimmen zusammen wie zwei Saiten von einer Harfe, wie zwei Reime in einem Lied.
Da umfaßte Friedrich seine Braut, hob sie auf und trug die Schluch zende in die Hochzeitskammer.
Ein gedämpftes Licht kam ihnen entgegen. Er schloß die Fenster und verriegelte die Türen.
Die Burg lag im schwarzen Schweigen. Das Wetter hatte die Wehr der Wälder und Berge überwunden. Ein Windstoß fegte über die Giebel und heulte im Turm. Die Geister, die um die Mauern und Zinnen webten, die harten Gespenster mit ihren bösen Erinnerungen und die zarten Seelen ungeborener Geschlechter stoben auseinander. Die Blitze waren selten, aber der Donner fiel krachend hinter ihnen her und über sie herein. Es fing zu regnen an und zu hageln, es prasselte auf die Blätter, es klatschte an die Wände. Bald war es ein stiller, starker Guß. In Ersheim läutete das Glöcklein von neuem. Das heftige Geschrei der Streitenden klang vom Neckar herauf. Ein Schiff stieß ab vom Lande. Jetzt fuhr es unter der Burg hin. Der Lärm war vom Land ins Wasser gestiegen. Die polternde Stimme des Fährmanns übertönte alles. Mit ihr rangen zwei, drei andre in wüstem Streit. Da erscholl die Trompete. Ein langgezogener Ton wie ein Feuerstreifen, dann eine helle Fanfare. Leise zitterte sie aus, dann schwoll der Ton, und ernst-feierlich klang durch das Tal die große Weise, die alle Hochzeitsgäste so tief bewegt hatte. Die Streitenden waren verstummt; kein Donner, kein Blitz, kein Sturm. Nur leise Ruderschläge und das heilige Lied. Viele Hände von Wachenden, von Betenden, von Gedenkenden falteten sich. Manch eine Maid sah den schönen jungen Trompeter vor den geschlossenen Augen. Und mancher Mund sagte, während das Herz lauschte:
„Wer weiß, wie nahe mir mein Ende?
Hin geht die Zeit, her kommt der —“
Der Klang brach ab. Ein Todesschrei, gräßlich, daß alles Lebendige erstarrte — und es ward still.
Der Mond trat aus den Wolken und schaute ins traute Tal. Befriedigt zog der Neckar dahin. Seine plätschernden Wogen spielten träumerisch mit einem umgeworfenen Nachen.
4
Der Schrei war in ganz Hirschhorn gehört worden. Alsbald machten sich die Leute der Schiffergilde auf. Wer unter ihnen trunken war, wurde nüchtern. Rasch waren die Boote bemannt, und von Fackelträgern begleitet, kreuzten die Fischer nach verabredetem Plan und suchten in der Hefe, im Felsgeröll, unter den Weidenbüschen. Noch in der Nacht wurden die Viola, der Pfeifer und die Posaune geborgen und am Ersheimer Friedhof ausgeschifft. Im Morgengrauen fand man den Brummbaß und Findebusch. Die Arme des Knaben waren im Gewände des alten Mannes verfangen. Der eine hatte den andern retten wollen und war von ihm in die Tiefe gezogen worden. Gegen Mittag kam ein Bote aus Neckarhausen gelaufen mit der Nachricht, daß der Fischer Stapf und der sechste Musikant am Hofe, gegenüber ans Land geschwemmt worden seien. Alsbald wurde von Ersheim ein Wagen dorthin geschickt, und am frühen Nachmittag kam die traurige Fracht zu Ersheim an. Man legte die sieben Ertrunkenen in einer Reihe hin, unter die Kirchhofmauer an den Rain.
Eine große Menschenmenge strömte herbei. Von Hirschhorn fuhren sie herüber, von Eberbach und von Pleutersbach kamen sie, von Moosbrunn und Haag eilten sie herunter. Die Knaben und halbwüchsigen Burschen sprangen auf den Landstraßen daher, wie wenn es etwas zu versäumen gäbe, und vor dem Kirchenplatz und auf dem Friedhof standen sie Kopf an Kopf. Die Kleinen wurden von ihren Müttern in die Höhe gehoben und die Dirnen stießen einander mit den Ellbogen zurück. Mit weit aufgesperrten Augen schauten die Leute auf die sieben toten Männer, und wer etwas von dem einen oder dem andern der Fremdlinge zu sagen wußte, war für die begierigen Ohren der Nachbarschaft ein wichtiger Mensch. Aber auch für die Allgemeinheit gab es zu hören, und zwar ausgiebig. Die Frau des Fährmannes Stapf tobte, wie es ihre Pflicht und Schuldigkeit war, und ihre fünf Kinder schrien, und zwar um so ärger, je kleiner sie waren. Das kleinste fürchtete sich vor den vielen Leuten, das nächste entsetzte sich vor seiner Mutter, dem dritten war ein Heddesbacher Lümmel auf den nackten Fuß getreten. Die beiden größeren standen da und weinten still um ihren lieben Vater, während die Frau des Schiffers sich auf die Leiche warf und dann wieder händeringend aufsprang und ein Mal übers andre rief: „Ach Gott, ach Gott, du armer Teufel, du armer Teufel!“
So wurde dem Einheimischen sein gutes Recht auf eine anständige Totenklage reichlich zuteil. Die Fremden wurden mit kritischen Augen beguckt und begutachtet, und die älteren Bürger sagten zueinander: „Die Unkosten müssen von der Herrschaft bezahlt werden.“
Plötzlich rief jemand: „Alleweil fahren der Junker und seine Frau herüber.“ — „Der Junker und seine Frau!“ rief es. — „Seine Frau auch?“ — „Ja, seine Frau!“
Und nun wandte die ganze Gesellschaft den Leichen den Rücken zu, Frau Stapf nicht ausgenommen, und die vorhin am übelsten daran waren, waren jetzt die vordersten und konnten am besten sehen. Beim gestrigen Einzug war die neue Herrin nur den wenigsten zu Gesicht gekommen, denn die kurze Straße durch das Städtlein war vom Zug der ritterlichen Gäste und ihrem Gefolge angefüllt, und das alte Karmeliterkirchlein war gar klein. Darum drängten sie jetzt alle, die Frau zu betrachten.
Sie stand neben ihrem Gatten im Nachen. Die beiden großen, schönen Menschen, er in seiner frischen Männlichkeit und sie in ihrer blühenden Jugend, boten einen Anblick, wie ihn das Volk gerne und herzlich genießt. „Ein sauberes Weibsbild!“ sagten die Leute zueinander; ein kleines Mädchen faltete andächtig die Hände und ein anderes rief: „Sie fahren durch einen Regenbogen hindurch.“
Da Friedrich alle Fährleute auf dem jenseitigen Ufer vermutete, hatte er den Hannes vom unteren Tore mitgenommen, damit er ihn und sein Weib hinüberrudere. Der Bursche hatte während der Überfahrt wohlweise Reden geführt über die Verderblichkeit der Musik, über die Gottlosigkeit der Musikanten und über die Gefahren des Weltlebens für Leib und Seele. Als sie gelandet waren und der Junker mit seiner Gattin durch das zurückweichende Volk auf die Leichen zuging, hielt es Hannes für seine Pflicht, dem Paare das Ehrengeleite zu geben und auf alles Wissenswerte aufmerksam zu machen.
„Ich, wenn ich etwas zu sagen hätte“, erklärte er vor dem aufhorchenden Volk, während Friedrich und Ursula ergriffen vor den Leichen standen, „ich tät ein Gesetz geben: Wer Musik machen will, hat jedem, der sie hören muß, einen Batzen zu zahlen und der Herrschaft auf Martini einen Gulden. Da liegt der Johannes Stapf; der hat nie nichts geglaubt, sonst wäre er nicht in der Johannisnacht auf den Neckar.“
Die Erwähnung ihres Mannes erinnerte die Frau Stapf an ihre Pflicht. Sie warf sich auf ihren Mann und schrie: „Da steh’ ich Witfrau mit meinen fünf Kinderlein, und du gehst fort, du armer Teufel!“
Der Hannes schüttelte mißbilligend den Kopf und meinte: „Unser Herrgott hätte keine Weibsleut schaffen sollen.“ Wie ein Mann, der bekunden will, daß er an dem Vorgange, dem er leiblich anwohnen muß, keinen Anteil nimmt, schaute er in die Krone eines Lindenbaumes hinauf, während der Junker und seine Gattin mit der Witwe redeten; als diese Unterbrechung vorüber war, stellte er sich vor die Toten, und mit einer vorstellenden Handbewegung fuhr er fort: „Dies ist der Brummbaß von Affolterbach. Ist Euch der Jakob Henner in Rothenberg bekannt?“ wandte er sich an Ursula; „mit dem ist er Geschwisterkind. Der dort mit den dicken Backen und dem offenen Mund stammt aus Katzenbach. Dem sein Großvater ist einmal auf dem Wege nach Mosbach einem Wildfräulein begegnet, das hat ihn eingeladen, er solle am Weihnachtsabend in das Binauer Schloß kommen ...“
Friedrich gebot ihm mit einer Handbewegung Schweigen. Dann faßte er seine Gattin an der Hand und führte sie vor die Leiche des Knaben. „Das ist er“, sagte er leise und trat zurück.
Ursula beugte sich über den armen jungen Trompeter, sah ihm ins Angesicht und faltete die Hände. Zuerst lag Neugier und Spannung in ihrem Antlitz, dann wurde Ergriffenheit und Schmerz daraus; aus ihren weit geöffneten Augen quollen Tränen und fielen auf das Angesicht des Toten. Friedrich legte ihr die Hand auf die Schulter; da richtete sie sich in die Höhe, ging an die Kirchhofmauer und brach einen Strauß wilder Rosen. Es dauerte eine Weile, bis sie die scheuen Kinder aus ihrem stacheligen Haus gefangen geholt hatte. Friedrich sprach derweilen mit dem Schultheißen von Hirschhorn über die Versorgung der Familie des Schiffers. Dabei lächelten seine beobachtenden Augen dem Beginnen der Gattin freundlich zu, und als ihr Blick dem seinen begegnete, rief er ihr halblaut zu: „Der Dank für seine Blumengäbe!“ Hannes aber, von einer aufhorchenden Kinderschar umgeben, erläuterte die Posaune durch Aufschlüsse und Anmerkungen.
Als Ursula vor die Leiche des Knaben trat, erblickte sie eine Gestalt, die gesenkten Kopfes oben am Raine hart an der Mauer kniete und mit gefalteten Händen inbrünstig betete. Beim ersten Aufblick wußte sie, daß es der Einsiedler Leonhard war. Mit Grauen sah sie auf die sich leise bewegenden Lippen und gedachte an die Seufzer und Klagen, die sie in der vergangenen Nacht gehört hatte. Unwillkürlich flüsterte sie: „Mutter!“ Da schaute der Jüngling auf, und die beiden betrachteten sich mit forschenden Augen. Zwischen ihnen lag, von dem Einsiedler den Frauen zugestreckt, der tote Trompeter. Die Augen, die vorhin offen gestanden hatten, waren jetzt zugedrückt, und die Arme waren kreuzweise übereinandergelegt.
„Mutter!“ wiederholte Leonhard und schaute Ursula bedeutungsvoll an.
„Du hast mit mir heute nacht der Mutter gerufen“, sagte er leise. „Ich habe es wohl gehört, als ich in deinem Burggraben lag.“
Sie wollte zürnend blicken, aber sie vermochte es nicht.
„Gewiß, ich hab’ es gehört. Es klang, wie wenn eine Tochter weint an ihrer Mutter Grab. Wo ist deiner Mutter Grab? Weißt du’s?“
Sie schüttelte leise den Kopf.
„Dann haben wir zwei das gleiche Leid“, sagte Leonhard, richtete sich auf und streckte ihr über die Leiche die Hand entgegen.
Ursula legte ihre Hand darein, und nun schauten sich die beiden verwundert an. Jedes schaute vom Antlitz des andern auf das Gesicht des Toten und hob dann wieder die erstaunten fragenden Augen, daß sie forschend in den lebendigen Zügen lasen. Da zog Ursula die Hand zurück und legte den Rosenstrauß dem Toten auf die Brust. Leonhard sah es und lächelte. Er bückte sich und griff ins Gras und holte einen mächtigen Waldblumenstrauß und legte ihn über die Rosen, so daß sich die zarten Blüten und Gräser in das aufgeblühte Morgenrot senkten.
Der Junker hatte die beiden nicht aus den Augen gelassen. Er brach das Gespräch ab, befahl, daß die Zuschauer entfernt und die Familie des Stapf nach Hause geleitet werde, und trat hinter seine Frau. Auch des Ritters Augen wanderten vergleichend von einem der drei Gesichter zum andern.
Schweigend ging er an die Kirchhofmauer, beugte sich hinüber und brach einen Rosmarinzweig. Dann ging er auf den Toten zu und legte den Zweig auf seiner Frauen Strauß. Leonhard sah ihm zu, beugte sich nieder, hob des Junkers Zweig auf und legte ihn ins Gras.
Friedrich griff an sein Schwert. Die Ader auf seiner Stirne schwoll. Leonhard sah ihn feindselig an und sagte:
„Sechs Särge sind bereit. Sie stehen am Wege über meiner Hütte. Laß sie heute abend herführen. Den Sarg für den Fährmann macht der Hirschhorner Schreiner.“
Ursula hob den Zweig ihres Gatten vom Boden und steckte ihn in ihre Rosen hinein, so daß er gerade über die Hände des Toten zu liegen kam. Dann trat sie zu ihrem Gatten und sah den Einsiedler bedeutungsvoll an, wie wenn sie ihm sagen wollte: Ich stehe zu dem.
Unterdessen hatte Hannes mit vielen Scheltworten und Sittensprüchen den Platz gesäubert. Er jagte gerade ein Rudel Buben zurück, das um den Friedhof herumgesprungen und von der andern Seite wiedergekommen war, als mitten durch die davdnlaufenden Kinder sich ein uralter Mann nahte. Er hatte einen eisgrauen Bart, trug eine Schaufel über der Schulter und schritt so schwerfällig daher, wie wenn jeder Fuß einen halben Morgen Ackerland trüge.
„Der Notwendigste kommt zuletzt“, rief Hannes dem Totengräber zu.
„Vor soviel lebendigen Leuten fürchte ich mich“, sagte der Mann, „bei den Toten ist mir’s wohler.“
Er warf einen gleichmütigen Blick über die sieben Leichen, dann setzte er sich dicht neben die letzte — es war der Fährmann — auf den Rain, legte den Spaten über seinen Schoß und den bodenschweren rechten Fuß auf das Eisen.
Friedrich nickte dem alten Manne freundlich zu. Dann verabschiedete er die Bürger, die beieinander in einer Gruppe zurückgeblieben waren. „Ich habe mit Leonhard ohne Zeugen zu reden“, sagte er zu ihnen.
„Und ich habe mit dir zu reden“, rief ihm Leonhard zu, „aber vor dem da“, er wies auf den toten Knaben, „und vor deinem Weibe.“
Der Junker schickte den Hannes zum Nachen zurück. Leonhard warf einen fragenden Blick auf den Totengräber.
„Er soll bleiben“, sagte der Ritter, „er kümmert sich nicht um lebendige Dinge.“
„Er soll bleiben“, erwiderte Leonhard, „denn er ist daheim bei den Toten.“
Sie standen sich schweigend gegenüber, bis der letzte weggegangen war. Der Totengräber klopfte mit der Fußspitze auf das glänzende Grabscheit. Ursula stand erwartungsvoll ihrem Gatten zur Seite. Sie hatte die Hand auf seinen Arm gelegt, sei es, um sich an dem Geliebten zu halten, sei es, um ihn durch ihre Nähe zu beschwichtigen.
„Ich will dir etwas sagen, Leonhard. Es ist das erstemal, daß wir uns Aug’ in Aug’ gegenüberstehen. Ich ließ dich bisher gewähren. Mißbrauche nicht meine Güte. Du hast mein Weib und mich in dieser Nacht gequält. Habe Erbarmen mit dieser um deiner Mutter willen. Erspare mir’s, daß ich dir gebieten muß. Ich bitte dich.“
Der Einsiedler richtete sich hoch auf, kreuzte die Arme über der Brust und sah feindselig zum Ritter hinüber.
„Hirschhorn“, sagte er, „ich habe etwas zu fragen; etwas und noch etwas. Zwei Kinder hatte sie, als man sie auf die Burg brachte, die jetzt dein Haus ist. Das eine war ein Sohn von sieben Jahren. Der entsprang und stak im Busch und schlich hinterher und fand so zum ersten Male den Weg in deinen Burggraben. Das andre war ein Mägdlein, fünf Jahre alt; das trug ein treuer Knecht und brachte es Gott weiß wohin. Wer aber ist dieser?“ — Er deutete auf Findebusch.
„Sie hatte noch ein drittes Kind“, sagte der eisbärtige Totengräber und drehte das Grabscheit hin und wieder, so daß die Sonne aus dem Eisen stach.
„Das dritte Kind trug sie unter dem Herzen. Ehe sie verschwand, ist sie seiner genesen, eines Knaben.“
Es war so stille geworden, daß das sanfte Rauschen des still gleitenden Flusses heraufklang.
Zu gleicher Zeit beugten sich Friedrich und Leonhard nieder; Friedrich streichelte die Hand des Toten, Leonhard griff in die wirren Locken. Ursula aber lehnte sich an ihren Gatten und barg ihr weinendes Gesicht an seiner Brust.
„Und nun die zweite Frage“, sagte Leonhard und richtete sich auf. „Wo ist meiner Mutter Grab?“
Auch Friedrich hatte sich erhoben.
„Hundertmal hast du mich so gefragt vom Burggraben herauf. Die Hochzeitsnacht hast du mir damit begeifert. Du kennst meine Antwort: Ich weiß es, aber das Geheimnis geht nicht über meine Lippen.“
Leonhard eilte zwischen den beiden Leichen hindurch auf den Junker zu, faßte ihn an der Hand und fiel auf die Knie.
Mit der andern Hand zerrte er an Ursulas Kleid.
„Komm du, auch du weißt es nicht, wo die Gebeine deiner Mutter modern. Ich beschwöre dich bei dem, dessen Leiche wir zusammen geschmückt haben, knie mit mir nieder und flehe mit mir um Antwort: Wo ist der Mutter Grab?“
Ursula schlang ihre beiden Arme um den Gatten und schüttelte das Haupt.
„Nun denn“, rief Leonhard und faßte mit beiden Händen des Ritters Arm, „so beschwöre ich dich bei deinem Weibe, und dich, den einzigen Hirschhorn, der noch lebendig ist, bei den Hoffnungen, die du hegst für dein Haus: Wo ist meiner Mutter Grab?“
„Nikolaus“, rief der Junker dem Totengräber zu, „entscheide! Dürfen wir es sagen?“ — „Eid ist Eid“, sagte der alte Mann.
„Ich war ein Knabe von zwölf Jahren. Sie erklärten mich an jenem Tage für fähig zur Eides- und Schwerthilfe, umgürteten mir die Wehr und gaben mir Wein zu trinken. Dann brachten sie mich in die Schloßkapelle. Du führtest mich, Nikolaus. Und wir beide haben eines Mundes geschworen, die Hand auf dem Evangelium, daß wir den Rest des Tages in Schweigen vergraben. Die Männer meines Hauses waren oft wild, grausam und herzlos. Aber meineidig wird kein Hirschhorn. Laß uns im Frieden scheiden, Leonhard!“
„Dir reiche ich die Hand nicht“, sagte Leonhard, „aber deinem Weibe.“
Ursula wandte sich ihm zu und reichte ihm die Rechte. Sie beugten sich zueinander, und die Locken berührten sich.
„Erlaube“, sagte Leonhard und drückte einen brüderlichen Kuß auf die Wange des Weibes.
Friedrich wandte sich zu Nikolaus.
„Diese sechse bekommen ihre Gräber in der Reihe der Männer. Stapf zuvörderst, dann die andern fünfe nach ihrem mutmaßlichen Alter. Dieser aber“, er deutete auf Findebusch und senkte seine Stimme, „dieser wird in der Kirche bestattet, in der Gruft — als ob er mein lieber Schwäher wäre.“
Der Einsiedler war ohne Gruß entwichen. Der Junker faßte sein Weib an der Hand und führte es langsam zum Gestade.
Der Totengräber sah ihnen düsteren Blickes nach.
„Gott schenke dir einen verschlossenen Schoß“, sagte er vor sich hin und streckte seihen Spaten aus.
5
Ursula faßte ihren Gatten heftig am Arm.
„Ich bitte dich, sage mir —“
„Frage nicht!“ erwiderte er schwermütig. „Wir wollen schweigen, und wir müssen vergessen.“ — —
Sie schwiegen. Aber vergessen? Konnte er es? Tag und Nacht quälte sich seine Seele. Konnte sie es? Tag und Nacht grübelte sie über die Frage, was denn sie mit all diesen Geheimnissen, die wie ruhelose Seelen umgingen, zu schaffen habe, und bekümmerte sich ob der Herzensqual ihres Geliebten. Aber keines von ihnen rührte mit einem Wort an diese eiserne Tür, an der sich ihre Gemüter wund rieben. Denn sie fürchteten sich vor ihrem unbekannten Tönen. Redlich wollten sie sich einander zum Vergessen helfen, er, indem er in leidenschaftlicher Zärtlichkeit sie suchte — sie, indem sie in ungestümer Hingebung ihm erwiderte. Aber sie förderten einander nur einen kurzen Rausch, der das Erinnern betäubte, aber nicht tötete. Waren sie voneinander gegangen, dann taten beide, als ob sie schliefen, und jedes wußte vom andern, daß es wache und woran es denke.
Es mochten zwei Monate seit der Hochzeit vergangen sein, da wurde Friedrich in der Nacht durch ein leises Geräusch geweckt. Er richtete sich auf und sah sein Weib im Nachtgewand am geöffneten Fenster stehen. Sie beugte sich hinaus und spähte in die Tiefe. Eine Weile stand sie so. Da löste sich irgendwo ein Steinchen und fiel in das rauschende Laub. Die Frau am Fenster und der Mann im Lager lauschten atemlos. Kein Tritt wurde gehört. Sie beugte sich weiter hinaus. Kein Schatten löste sich von der Wand. Dann rief sie leise: „Mutter! Mutter!“ Keine Antwort kam aus der Tiefe. Darauf schloß sie das Fenster und kehrte zu ihrem Lager zurück. Da faßte er sie an den Händen, zog sie zu sich und sagte: „Ursula, sind wir nicht Toren, daß wir uns einander zu Tod schweigen? Wir wollen davon reden, damit es uns leichter werde.“
„Gott sei gepriesen für dein Wort“, sagte Ursula.
Nun schöpften sie beide Atem, und beide — schwiegen.
„Heute nicht mehr“, sagte endlich der Gatte. „Aber morgen. Wir reiten miteinander nach Zwingenberg. Unterwegs reden wir.“
Es war ein kräftig schöner Septembertag. Friedrich und Ursula ritten nebeneinander auf der Landstraße zwischen dem Neckar und dem Bergwald.
„Was bedeutet das Kreuz dort in der Wiese?“ fragte Ursula.
„Dort hat einer meiner Vorfahren einen Ritter von Vellberg erschlagen.“
„Wie ging das zu?“
„Sie ritten miteinander von einem Turnier, das in Würzburg gehalten worden war. Sie waren Vettern und Freunde und ritten im Frieden weg.
Aber es ritt nur einer in unsre Burg. Er trat ohne Gruß in den Saal, warf sein blutiges Schwert auf den Boden, setzte sich an den Tisch und sah mit verstörten Augen im Zimmer herum. — Oh, ich kenne das!“ fügte er schmerzlich hinzu.
Ursula hielt ihr Roß an. Friedrich tat das gleiche. Sie sah ihren Gatten innig an.
„Was haben wir uns gestern nacht zugesagt, als ich in deinen Armen lag? Oh, so rede doch, Geliebter!“
„Wovon? Von dem erschlagenen Vellberg? Ich weiß nichts von ihm.“
Friedrich trieb sein Pferd an und trabte voraus. Ursula ritt im Schritte hintendrein. Nach kurzer Weile wartete der Junker, und die Gatten ritten wieder nebeneinander.
„Von Johann, dem Handschuhsheimer, rede!“ sagte Ursula.
Friedrich senkte den Kopf.
„An den Toten kann ich ohne Unruhe denken“, antwortete er. „Ich tue es oft, und ich bin dabei fromm und getrost. Aber wenn ich an die Lebendige denke —“
„Du meinst seine Mutter, die Beußerin von Ingelheim?“
Friedrich nickte.
“— dann kommt über mich eine unsagbare Angst. Wenn ich ein Weib sehe, das so macht“ — er hob die flachen Hände in die Höhe — , „dann werde ich verzagt wie ein Kind. Der Tote quält mich nicht. Gott hat mir vergeben. Aber wenn ich von ihm rede, steht mir die Beußerin vor der Seele. Laß mich schweigen.“
Ursula seufzte tief auf. Aber sie faßte ihre Seele und sprach:
„Nun gut, so will denn ich reden. Von meinen Kindertagen will ich dir erzählen. Wären die Kürnbacher Eltern da, so müßte ich sagen: Ich will dir erzählen, was mir dereinst einmal, als ich auf dem Schlosse zu Kürnbach zwischen Vater und Mutter in meinem Kinderbettlein schlief, Wunderliches geträumt hat. Ist es dir recht?“
Friedrich ritt dicht an sie heran, schlang den Arm um ihren Nacken, drückte ihr einen durstigen Kuß in das süße Gesicht und sprach: „Ich bitte dich darum!“
„Laß!“ wehrte Ursula. „Was sollen unsre Gäule denken? Und dort der Mahder über dem Neckar sieht uns und lacht uns aus.“
„Aber in Zwingenberg?“
„Was ist in Zwingenberg?“
„Küsse ich mich satt. Ach! Unsinn! Das gibt es ja nicht. Halber satt ist ganz durstig.“
„Soll ich dir erzählen oder nicht?“
„Ach ja, bitte.“
„Also hat mir’s geträumt. Ich war ein kleines Mädchen und hatte gelbe Lederstiefelchen an. Denn ich sprang über die Steine und durch die Hecken hinter meinem Bruder her. Der war gut einen Kopf größer als ich und hieß Leonhard. Ich faßte ihn, wenn er sich von mir fangen ließ, mit beiden Händen in seinen blonden Locken und ließ mich von ihm den Rain hinaufschleppen. Auf einmal kam unsre Mutter in den Garten, aber nicht meine Kürnbacher Mutter, eine andre, die war viel jünger und, wie mich dünkt, viel schöner. Sie kam in großer Eile und Angst und rief uns zu sich. ‚Wir müssen alsobald fortreiten‘, sagte sie, ‚zum Oheim nach Kürnbach.‘ — ‚Dürfen wir mit?‘ rief ich. ‚Freilich‘, sagte sie. ‚Kommet rasch und trinket Milch!‘ — ‚Wir wollen keine Milch!‘ Aber schon kam eine Magd mit zwei Gläsern, und wir mußten trinken. Die Magd weinte, und wir Kinder waren so lustig.
Nun habe ich ein gutes Stück von meinem Traum vergessen. Meine Erinnerung fängt wieder an mitten im Wald. Wir ritten auf einem schmalen grünen Weg an einem Bächlein hin. Rechts und links ging es den Berg hinauf. Mein Vater ritt voraus. Er war gerüstet, wie ich ihn nie gesehen hatte, mit Harnisch und Helm und hatte ein Schwert an der Seite. Vor sich hatte er meinen Bruder Leonhard auf dem Pferde. Hinter dem Vater ritt meine Mutter. Dann kam der Knecht. Auch er war gerüstet, und er trug mich an der Brust, in seinen Mantel gewickelt. Ich tat mir weh an seiner Harnischschnalle, wachte auf und weinte. Dann klagte ich über Hunger. Meine Mutter reichte eine Flasche her, die voller Milch war, und der Knecht ließ sein Pferd halten und tränkte mich. Die andern waren schon weit voraus. Auf einmal schleuderte der Knecht die Flasche weg und gab seinem Roß die Sporen. Bald hatte er die Vorausreitenden eingeholt und schrie: ‚Sie sind uns auf den Fersen!‘ Nun ritten wir drauflos, was die Pferde laufen konnten. Auf einmal riß meine Mutter ihr Pferd zur Seite, ließ es traben und schließlich im Schritt gehen und klagte und weinte, ich glaube nicht vor Angst, sondern vor Schmerzen. Du, wenn ich mir sie vorstelle, wie sie neben mir die Gartenstufen herunterging, während ich mich an ihrer Schürze festhielt, so vermute ich, daß sie damals hochschwanger war“
„Ist dir dies gewiß?“ fragte Friedrich gedrückt.
Ursula sah ihn forschend an.
„Es hat mir ja nur geträumt“, sagt sie nach einer Weile.
„Fahre fort.“
„Wir waren über sie hinausgeschossen, kehrten aber um, als sie uns nicht nachkam, und ritten langsam zu ihr zurück. Im Nu waren die Verfolger da. Mein Vater und der Knecht zogen die Schwerter. Ich verkroch mich in den Mantel, aber ich hörte das Krachen und Dröhnen und das Sausen der Schwerthiebe. Ein Hieb hat mich verletzt; daher rührt die Narbe, die du kennst, nicht von einem Fall in ein Garteneisen, wie mir meine andre Mutter gesagt hat und wie du von mir vernommen hast.“
„Wie viele waren es, die euch angegriffen haben?“
„Ich habe ihnen entgegengeschaut, wie sie heransprengten. Sie hatten schwarze Gesichter und alte, rostige Rüstung und Wehr, solche, wie sie auch in unsern Speichern ungebraucht und abgetan beim Gerümpel lag und hing. Es waren ihrer viele.“
„Mehr als acht?“
„Sicherlich; etwa dreizehn oder fünfzehn.“
Friedrich atmete auf.
„Weiter!“ sagte er und wich einem Hühnlein aus.
Sie waren an den ersten Hütten von Lindach angelangt.
„Nachher“, erwiderte Ursula. „Jetzt bin ich die Frau des Herrn von Lindach.“
Die meisten Bewohner des Dörfleins waren auf den Wiesen. Alte Leute saßen hier und dort vor den Häusern und hüteten die Kinder, die in den Höfen und auf der Straße spielten. Die Männer lüpften ihre Kappen und standen schwerfällig auf. Die Frauen hielten im Stricken inne und nickten grüßend mit dem Kopf. Man sah es den Leuten an, daß sie ihren Herrn gern hatten und die Herrin willkommen hießen, und Ursula schwoll das Herz.
Das erste Kind, an dem sie vorüberritten, war ein hübscher kleiner Blondkopf von ungefähr sechs Jahren. Ursula ließ ihr Pferd halten, winkte das Kind zu sich heran und reichte ihm ein seidenes Beutelchen.
„Da“, sagte sie, „funkelnagelneue Weißpfennige sind drinnen. Jedes Kind in Lindach bekommt einen. Willst du meine ehrliche Schaffnerin sein und alles schön austeilen?“
Das Kind nickte ernsthaft mit dem Kopf.
„Bekommen die kleinen Kinder auch?“ fragte das Mägdlein.
„Allerdings, die Wickelkinder auch.“
„Aber die großen Buben kriegen nichts?“
„Nein, die großen Buben und die großen Mädchen, die schon bei der Herrschaft arbeiten —“
„Aha, die vierzehnjährigen —“
„Ja, die vierzehnjährigen, die bekommen von mir nichts, denen gibt der Herr etwas wie allen großen Leuten.“
„So?“ lachte Friedrich.
„Und wenn etwas übrigbleibt?“
„Dann gibst du mir’s heute abend zurück. Wir reiten wieder durch Lindach, so um die Zeit, wenn die Sonne untergeht. Hast du alles gut verstanden?“
Das Kind sagte ja und empfing in beide Hände das Beutelchen.
Ein zwölfjähriger Knabe, der dem allen zugesehen hatte, wandte sich vor den Pferden um und sprang wie ein Schnelläufer, die nackten Beine hoch in die Luft werfend, auf der Straße hin gen Zwingenberg.
„Wir werden angemeldet“, sagte Friedrich.
„Wie weit ist es noch?“
„In einer kleinen halben Stunde sind wir dort. Kommst du mit deiner Geschichte zu Ende?“
„Ich bin sogleich fertig. Ich fahre fort, sobald wir das Dorf hinter uns haben.“
„Dort kommt das letzte Haus.“
„Nun also. Ich muß durch den Stoß betäubt worden sein, denn ich weiß nichts mehr. Als ich wieder zu mir kam, rauschte ein Strom. Der Knecht hatte mich auf dem Arm, das Pferd stand daneben. Wir waren auf einem großen breiten Brett. Es muß eine Fähre gewesen sein. Du, jetzt glaube ich ganz bestimmt, daß wir damals über den Neckar gefahren sind.“
„Über den Neckar?“ rief Friedrich betroffen.
„Ja. Die Berge waren gerade wie hier, unten grün und lustig, oben gelb und grämlich. Wir fuhren auf ein Städtlein zu, ich erinnere mich an Mauern und Türme.“
„War ein Schloß auf dem Berge?“
„Davon weiß ich nichts.“
„Und dann?“
„Ich weiß nichts andres mehr, als daß ich dann immer auf der Burg Kürnbach gewesen bin.“
„So müßte jenes Städtchen Gmünd gewesen sein“, sagte der Junker.
„Was geschah mit den andern?“
„Ich weiß es nicht. Ich habe sie niemals wiedergesehen.“
„Und der Knecht?“
„Ich vermute, daß er in jenem Kampfe eine tödliche Wunde davongetragen hat. Denn ich erinnere mich noch, daß mich meine neue Mutter in eine Kammer brachte. Es war ein Bett an der Wand, darinnen lag der Knecht und hatte einen roten Kopf. Er begehrte, daß man mich zu ihm ins Bett lege. Das tat meine neue Mutter und weinte. Er rührte sich nicht, aber sah mich in einemfort an und lachte. Ich sehe noch heute seine weißen Zähne und seinen schwarzen Schnurrbart. Auf einmal schnappte er nach Luft und verdrehte die Augen und lag ganz stille da. Er sah so wunderlich aus, daß ich zu weinen anfing. Meine Muhme kam her, sah ihm ins Gesicht und erschrak. Dann nahm sie mich schleunigst aus dem Bett und trug mich zum Zimmer hinaus.“
„Hast du nie etwas von deinen Eltern gehört?“
„Gehört nie; aber gesehen habe ich sie an der Wand. Mein zweiter Vater hat sich von einem Maler aus Weilderstadt einen Stammbaum seines Hauses abschildern lassen in Gestalt einer großmächtigen Eiche. Du weißt, er war der letzte männliche Zweig des Geschlechtes. Seit er die Augen geschlossen hat, bin ich die einzige meines Stammes. Ganz oben am Ende der Baumkrone ist er gemalt als grüner Zweig, der in eine dürre Spitze ausläuft. Unter seinem Namen steht der seiner Gattin; ein einziges Blättchen entsprießt diesem Zweige, das bin ich. Daneben aber wächst noch ein anderer Zweig, ein jüngerer, aus dem elterlichen Holze heraus: das ist mein wirklicher Vater.“
„Wie war sein Name?“
„Otto von Sternenfels. Meine Mutter hieß Luitgard von Ehrenberg. Was ich da habe“ — Ursula fuhr sich mit der Hand über die Brauen und Augen — „das ist ehrenbergiseh.“
„Die drei Sterne der Sternenfeise und der Sporn der Ehrenberge finden sich mehrmals in den Wappenschildern meiner Ahnfrauen; doch erzähle zu Ende.“
„Nach dem Stammbaum ist diesem Ehebund ein einziges Kind entsprossen, ein Sohn; der hieß Leonhard. Daneben war dereinst noch ein Blatt gemalt — die Blätter bedeuten die Mädchen — , aber das Blatt ist später ausgekratzt worden wie auch der Name, der darauf stand. Das bin ich gewesen. Nach dem Tode meiner Eltern hat mein Oheim das Blättchen versetzen lassen an seinen eignen Zweig. So bin ich, die Letzte meines Geschlechtes, völlig um meine lieben Eltern gekommen.“
„Hast du nie deinen Oheim zur Rede gestellt?“
„Doch, kurz bevor du um mich geworben hast. Er war so leidlich wiederhergestellt. Da sagte ich ihm einmal, als wir miteinander seiner Frauen Grab besuchten: ‚Warum erzählst du mir nie von meinem Oheim Otto und meiner Muhme Luitgard und meinem Vetter Leonhard?‘
‚Da ist nichts zu erzählen‘, erwiderte er heftig. ‚Sie sind sehr früh gestorben, als du noch ein kleines Kind warst.‘
‚Es muß doch etwas zu erzählen sein‘, fuhr ich fort, ‚denn sie sind alle drei an einem und demselben Tag gestorben.‘
Da winkte er mir mit der Hand, daß ich schweigen solle, und zitterte am ganzen Leib. Ich habe niemals mehr die Rede darauf gebracht.“
„Woher wußtest du denn das, was du deinem Oheim sagtest, daß alle drei an einem Tage ihr Ende gefunden haben?“
„Vergib, ich vergaß, dir dies zu erzählen. Hinter jedem der drei Namen stand ein Kreuzlein und dabei das Datum ihres Todes. Bei allen dreien war es derselbe Tag und derselbe Monat und dasselbe Jahr.“
„Sag ihn an!“ rief Friedrich und schaute in der größten Spannung sein Weib an.
„Der achte April.“
„Also die Osterzeit!“ sagte Friedrich leise.
„Ja. Ich erinnere mich deutlich, daß ich an jenem Tage mit meinem Brüderchen Leonhard die ersten Veilchen gesucht hatte. Eine weite Strecke des Wegs hielt ich das Sträußchen in der Hand. Als ich es verloren hatte, schrie ich so heftig, daß der Knecht abstieg und mir große Waldveilchen brach. Habe ich dir’s nicht erzählt?“
„Und nun noch das Jahr“, sagte Friedrich. Sein Wort klang mehr wie ein düsterer Abschluß, als wie eine Frage der Wißbegierde.
„Anno 1589.“
Des Junkers Hengst sprang auf die Seite. Friedrich hatte sich hoch aufgerichtet und sah in die Wiesen hinüber. Er ritt fort, ohne zu bemerken, daß sein Weib stillhielt.
„Friedrich!“ rief sie ihm nach. Er wandte sein Pferd und ritt langsam zurück. Sein Gesicht war sehr bleich und sehr ernst, seine Haltung war straff. Mit unsäglicher Traurigkeit und in überströmendem Erbarmen sah er sein Weib an.
„Friedrich!“ rief sie ihm entgegen, „siehe, die Kinder von Zwingenberg wollen uns grüßen.“
Im grünen Eingang einer Schlucht stand ein Häuflein von Knaben und Mädchen. Sie schwenkten grüne Maien und riefen um die Wette:
„Heil dir, lieber Herr! Heil dir, liebe Frau!“ Dann stellten sie sich in eine Gruppe und sangen Johann Heermanns schönes Lied:
„Mit Jesu fangʼ ich an,
Mit Jesu will ich enden;
Was ich nur immer tu’,
Wohin ich mich mag wenden,
Soll meiner Augen Ziel
Nur einzig Jesus sein:
In meinem Herzen nichts
Als Jesus wohn’ allein.“
Friedrich hatte die Hände gefaltet und saß andächtig im Sattel, als der Gesang schon eine Weile zu Ende war.
„Der Herr dankt euch“, sagte Ursula freundlich zu den Kindern. „Ich freue mich, daß ihr euern Herrn so liebhabt und daß ihr so schön singen könnt.“
Sie winkte ein Mädchen zu sich heran.
„Was hast du in deinem Körbchen?“
„Eier! Unsre Hühner haben ausgelegt; sie fliegen alle Morgen in die Wolfsschlucht und verlegen ihre Eier. Aber wir haben alle sieben gefunden.“
„Weisʼ einmal her.“
Das Kind hob das Körbchen in die Höhe.
„Frischgelegte Eier! Wer von euch Buben hat ein Messer im Sack?“
Drei hoben den Finger in die Höhe und riefen: „Ich!“
„Wessen Messer ist am saubersten?“
Zweie der Knaben schauten sich verlegen an. Der dritte aber war wie der Blitz in das rieselnde Bächlein gesprungen, wusch die Klinge seines Messers und rief während dieses Geschäftes: „Meines ist das sauberste!“
„Auf jeden Fall bist du der fixeste.“
Der Knabe brachte das Messer. Die Schneide blinkte wie Fensterglas in der Abendsonne.
Ursula sah das Bübchen aufmerksam an.
„Bist du nicht der Schnelläufer, der von Lindach hierher gesprungen ist?“
Der Knabe nickte stolz mit dem Kopf.
„Bist du von Lindach oder von Zwingenberg?“
„Ich bin von hier. Wir wohnen oben gerade vor dem Schloß, seit unser Haus abgebrannt ist.“
„Ihr armen Leute! Euer Haus ist abgebrannt?“
Der Knabe nickte betrübt mit dem Kopf, und in dem Tone, in dem man zu sagen pflegt: „Selten kommt ein Unglück allein“, fügte er hinzu: „Wir haben daheim auch noch ein kleines Wickelkind.“
„Oh! Das will ich sehen! Sage deiner Mutter, ich besuche euch heute. Und nun nimm dein Messer und köpfe ein Ei. Kannst du es tun?“
„Oh gut!“
„Nun komme du, mit der blauen Jacke, halte das geköpfte Ei.“
„Und du mit dem Messer, wie heißest du noch?“
„Lips!“
„Lips, du machst es mit einem zweiten Ei geradeso.“
„Junker Hirschhorn!“ rief sie ihrem Gatten zu.
Er war rastlos im Schritt auf und nieder geritten.
„Wir nehmen jetzt die beiden Eier. Das sind unsre Becher. Mit denen stoßen wir an, und trinken sie aus auf alle Kinder in Zwingenberg.“
Die Kinder schauten lachend zu.
„Nun aber müssen wir auch unsre Zeche zahlen, lieber Herr. Was kosten die Eier?“
„Die kosten nichts.“
„Ich gebe dir für jedes einen Weißpfennig.“
„Das ist zuviel“, sagte das Mädchen. „So teuer sind sie nicht.“
„Nimm nur! Und halte dein Körbchen her.“
Sie schüttelte den Inhalt des grünseidenen Beutelchens über die Eier und legte dann das geleerte darüber.
„Verteile das unter die Kinder in Zwingenberg. Das Beutelchen selber gehört dir.“
„Wie sollen wir’s verteilen?“ fragte das Mädchen.
„Wie ihr wollt“, sagte Ursula traurig. „Fragt euern Lehrer.“
Sie winkte den Kindern Abschied zu und ritt zu ihrem Gatten. Je länger sie mit den Kleinen gesprochen hatte, desto mehr drückte sie die unbezwingliche Schwermut ihres Gemahles, die sie fühlte, obgleich sie ihn nicht ansah.
Sie ritt dicht an seine Seite und sagte zu ihm:
„Ich habe dir noch etwas zu erzählen, das wird dich sicherlich froh machen. Ich weiß es ganz gewiß.“
Ihre Augen strahlten.
„Ich sag’ es dir, wenn wir allein sind. Heute noch, und hier noch. Zuletzt kommt das Beste.“
„Das Beste?“ fragte er langsam und sah sein Weib traurig an.
Sie ritten unter der Burg hin längs der Straße, an deren Bergseite sich die Hütten an die Felsen lehnten, während der andre Rand vom Neckar bespült wurde. Gegen Ende des Dorfes bogen sie in den Burgweg ein und hatten nun zu ihrer Linken die Hinterseite der Häuser oder kleine, niedrige Hütten, die davor gebaut waren, zur Rechten aber den steil aufsteigenden felsigen Berg.
Die Pferde schritten rüstig aus, und die Reiter kamen rasch in die Höhe.
„Ist es nicht schön hier?“ fragte der Junker sein Weib.
„Sehr schön, aber in Hirschhorn ist es schöner.“
„Oh sieh doch, wie der Wald hier so groß steht, und er steigt hinauf bis über die Gipfel der Berge. Solchen Wald hat niemand weit und breit. Schau zurück, wie der Neckar dahereilt zwischen den knappen grünen Wiesen und wie er nun im herrlichen Bogen geht, und dann entgleitet und flutet er in die tiefe Einsamkeit des Waldes hinein. Hier habe ich die schönsten Tage meiner Kindheit erlebt. Dort drüben habe ich den ersten Auerhahn erlegt.“
„Wie alt warst du da?“
„Zwölf Jahre alt“, sagte Friedrich nach einer Pause. „Es war im Frühling 1589.“
Ein Schatten flog über sein Gesicht. Ursula biß sich auf die Lippen.
Da dröhnten rasch hintereinander drei Schüsse von den drei Kartaunen auf dem Wall.
„Wir sind da!“ rief Friedrich. Seine Stirne war wieder klar, und seine Augen leuchteten.
„Siehe da, das liebste unter all meinen Häusern!“
Zwischen dem Gebüsch der Abstürze treten nackte Felsen mächtig hervor. Von wildem Walde umwogt, ruht Schloß Zwingenberg auf stolzem Gesims. Düster und drohend blickt es herab, unheimlich wie sein Name.
„Heil der Herrin von Zwingenberg!“ rief Friedrich, als sie in den Schloßhof ritten.
Er reichte dem Burgvogt die Hand, stieg ab und hob sein Weib aus dem Sattel.
„Laß sieden und braten!“ rief er munter. „Der Imbiß von Eberbach liegt lange hinter uns. Wir haben Hunger und Durst!“
„Und nun sieh, Ursula! Der neue Torbau! Und hier die Schnecke! Ist die nicht zierlich? Nun geht es in den innersten Hof. Schau einmal den Brunnen! Gefällt er dir nicht? Ist das Traubengehänge nicht schön um die Muschel herum? Das hat ein Gipskünstler aus Heidelberg gemacht. Und sieh, hier ist das Meer und nebendran das Morgenland. Sieh, der Walfisch speit gerade den Jonas aus. Ich weiß nicht, wer mehr zu bedauern war, der Fisch oder der Prophet. Gefällt dir es nicht? Sieh, das habe ich mir selbst so alles ausgedacht.“
„Es ist hier stattlich und stolz“, sagte Ursula, „aber so finster und so kalt. Kein Sonnenstrahl kommt in diesen Hof.“
„Oh, die Burg hat auch sonnige Stuben. Wir gehen jetzt die Schnecke hinauf und sehen uns alles an. Hier herein gehen wir zuletzt, denn da speisen wir. Hier ist das Schlafzimmer, ist das nicht hell und luftig? Schau doch, da schauen wir in die Wolfsschlucht hinunter.“
„Oh, ist die wild!“
„Ja, herrlich wild! Im Winter kommen die Wölfe in Rudeln da herunter. Schier aus dem Bette können wir sie schießen.
„Ja, kommen sie hier herein? Ich danke.“
„Nein! Aber wir rücken unsre Betten an das Fenster, zwischen uns legen wir ein geladenes Gewehr.“
„Ich danke.“
„Warum denn nicht? Und wenn wir des Morgens aufwachen, schauen wir schnell zum Fenster hinaus und schießen einen Wolf. Oh, die Jagd! Die Jagd! Hier wird mein Weib eine Jägerin!“
So redete er sich immer mehr in eine aufgeregte Heiterkeit hinein, und alles, was er sagte, verriet die Absicht, ihr den Aufenthalt in Zwingenberg ins hellste Licht zu stellen.
Als sie auf der Zinne des Bergfrieds standen, zeigte er ihr alle Teile der Burg und ihrer Wehre, dann breitete er die Arme aus und rief: „Alles, was du schaust, ist dein und mein.“
„Der Himmel nicht“, erwiderte sie.
„Der ist Gottes“, sagte er und ergriff ihre Hand. „Darum ist auch der Himmel dein und mein.“
Er wartete auf ihre Antwort. Als sie schwieg, sagte er: „Weißt du, was ich möchte?“
„So sprich es doch aus.“
„Wir wollen hier wohnen.“
Ursula schüttelte leise den Kopf und antwortete: „Hirschhorn ist mir lieber.“
„Was mangelt meiner Liebsten hier?“ fragte er innig.
„Die Mutter“, sagte Ursula leise.
Friedrich gedachte, wie sie in der vergangenen Nacht das Wort Mutter aus dem Graben herauszulocken suchte.
„Auch der Hirschhorner Zwinger antwortet nicht immer.“
„Aber seine Antwort schläft nur. Es kommt auch einmal wieder eine Nacht, wo es Mutter ruft aus dem Graben herauf.“
„Und hier antwortet dir der Felsen, so oft du willst. Ich habe das Echo noch nicht erprobt, aber was gilt’s, es ist da?“
„Der Fels ist zu nahe, und der Berg ist zu düster.“
„So versuche es doch! Rufe!“
„Hier nicht.“
„So will ich es tun: ‚Mutter!‘“
Das Wort verklang hart und kurz. Kein Widerhall kam vom Felsen. Da schlang Ursula ihre Arme um den Gatten und sagte:
„Wir wollen hierherziehen. Wo du fröhlich bist, da bin ich gern.“
Er preßte sie an die Brust. „Und nun sag mir noch die gute Kunde, die du mir verheißen hast.“
„Hier nicht“, erwiderte sie ängstlich. „Die Sonne geht hier so rasch hinter den Berg, das ist schlimm. Wir sind ganz im Schatten, und der Schatten ist hier so dunkel wie nirgends. Sieh, das Tal liegt noch breit in der Sonne; es ist noch zwei Stunden lang Tag, und hier ist es schon Abend.“
„Zu Tisch! zu Tisch!“ rief die Stimme des Burgvogts aus der Tiefe.
„Zu Tisch!“ wiederholte Ursula. „Heute bin ich noch Gast, das nächstemal bin ich Hausfrau.“
Die Tafel war fröhlich. Der Burgvogt, der Lehrer, der Schultheiß von Zwingenberg und der Geracher Pfarrherr nahmen daran teil. Es gab Fische und Wildbret und Hühner. Der Wein aus dem Burgkeller, roter Himmelreicher von Gundelsheim, war köstlich.
„Es ist ein katholischer Wein“, sagte Friedrich und stand vom Stuhle auf. „Die deutschen Herren von Horneck haben ihn gebaut. So trinken wir mit diesem Wein die Gesundheit Seiner Kurfürstlichen Gnaden des Erzbischofs von Mainz, der mir allezeit ein gnädiger Herr gewesen ist, wie ich ihm allezeit ein treuer Lehensritter bleibe bis an meinen Tod.“
Darauf ließ er sich und den andern die Becher von neuem füllen und rief: „Meiner herzlieberi Hausfrau, der Herrin von Zwingenberg!“
Die Tafel war aufgehoben. Der Ritter ging mit den Männern in die Ställe. Die Rosse wurden aufgeschirrt und stampften ungeduldig im Burghof, denn auch sie hatten eine gute Mahlzeit getan. Ursula sann über ihr süßes Geheimnis, und sie überlegte, wie sie es ihrem Gatten mitteilen solle. Da gedachte sie an das Wickelkind, von dem ihr der kleine Lips erzählt hatte.
„Ich gehe in eines der nächsten Dorfhäuser“, sagte sie zum Torwärtel, „und ich lasse den Herrn bitten, daß er mir nachfolge, aber allein.“
Sie ging über die Brücke und fragte einige Kinder, die sie mit großen Augen anschauten: „Wo wohnt euer Spielgeselle, der Lips?“
„Der wohnt hier“, sagten sie und wiesen auf die nächste Hütte.
Ursula klinkte an der Türe; sie war verschlossen. Sie sah durch das Fenster; niemand war in der Stube. Nun ging sie um die Hütte herum in das kleine Gärtchen, das zwischen Haus und Felsen lag. Da fand sie ein junges Weib, das auf der Hausstaffel saß und ihr Kind stillte. Die Mutter hatte ihr Haupt vorgebeugt und sah auf ihren Säugling nieder. Ursula sah den schneeweißen Nacken mit Verwunderung an, denn sie hatte noch nie auf dem Dorf eine solche Haut gesehen. Sie trat näher und sah die blendende Brust und das gierig saugende Kind und ein rosiges Gesicht, das von Mutterfreude verklärt war.
Da sah das Weib auf, und Ursula wunderte sich, ein so blutjunges Ding zu sehen.
Die Wöchnerin blinzelte die Edelfrau scheu an, dann schaute sie lächelnd auf ihr Kind hernieder.
„Du bist doch nicht die Mutter des kleinen Lips?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Seine Schwester bin ich.“
„Wo ist dein Mann?“
„Ich habe keinen Mann.“
„Ach!“ rief Ursula und trat zurück. Sie versuchte eine strenge Miene zu machen. „Aber du wirst doch hoffentlich bald einen Mann bekommen? Dein Bräutigam wird dich doch heiraten?“
Das Mädchen schüttelte den Kopf.
„Warum denn nicht?“
„Weil er tot ist.“
„Oh du Ärmste!“ rief Ursula, und sie setzte sich neben das junge Weib, um das holde Bild des trinkenden Kindes besser zu schauen.
„Seit wann ist er tot?“
„Seit dazumals.“
„Was meinst du damit?“
„Ha!“ sie lachte und beugte sich tiefer auf ihr Kind herab.
„Wer war er denn?“
„Ich weiß nicht.“
„War er von hier?“
„Nein.“
„Woher war er?“
„Ich weiß nicht.“
„Wie hieß er?“
„Ich weiß nicht.“
„Wie, du weißt das alles nicht?“
„Nein; er ist mir zu schnell verbrannt.“
„Verbrannt!“ rief Ursula entsetzt.
„Ja, als unser Haus verbrannt ist.“
„Da war er bei dir?“
„Freilich.“
„Zum erstenmal?“
Das Mädchen nickte mit dem Kopf.
„Seit wann hast du ihn gekannt?“
„Seit einer halben Stunde.“
„Du bist ein böser Balg!“ sagte Ursula entrüstet.
„Hast du genug, liebe Magd?“ plauderte das Mädchen in seinen Schoß hinein. „Willst ein bißchen ausruhen? Komm, komm, es ist noch Futter da!“
Der Edelfrau traten die Tränen in die Augen. Sie hatte Mitleid mit dem verwahrlosten Geschöpf.
„Wie konntest du nur so gottlos handeln?“ fragte sie mit ernstem, mildem Ton.
Das Mädchen schaute verwundert auf, wie wenn es nicht begriffe.
„Ich bin von der Wiese heimgegangen“, erzählte sie, „da kam er hinter mir her, und wir hatten unsern Spaß miteinander, und er gefiel mir so gut. Da nahm ich ihn mit. Als er bei mir war, schrie es ‚Feuer!‘ vor meiner Kammer. Alles stand in Flammen. Ich sprang hinaus und rettete mich. Er machte zu lang und fand die Türe nicht im Qualm und ist verbrannt.“
„Entsetzlich!“ sagte Ursula. Sie schüttelte den Kopf. Dies Mädchen war ihr ein Rätsel. „Und du kannst leben und lachen?“ fragte sie vorwurfsvoll.
„Ich habe mein Kind!“ sagte das Mädchen und lachte hellauf.
„Und vorher warst du brav?“
„Immer. Gott weiß es.“
„Und nachher?“
„An mich kommt keiner mehr heran“, sagte sie und warf trotzig den Kopf in die Höhe. „Wozu denn auch? Ich hab’ ja mein Kind, mein Kind!“
Sie flüsterte es, aber jubelte dabei.
Ursula traten die Tränen in die Augen.
„Zeig mir dein Kind.“
Die Kleine war eingeschlafen. Sie kugelte auf den Rücken und lag in der Mutter Schoß. Es war ein herziges Dirnchen. Aber wie erschrak Ursula, als sie ins Gesichtchen schaute. Über dem rechten Auge hatte das Kind ein Muttermal. Es war eine rote, gezackte Flamme, die von unten nach oben emporschlug, über die ganze Stirne hinauf.
„Der Feuerruf hat mein Kind gezeichnet“, sagte das Mädchen.
„Nein“, erwiderte Ursula heftig, „der Flammenschein.“
„Das muß ich am besten wissen“, sagte die Dirne und wurde blutrot. „Der Feuerruf vor meiner Kammertür ist es gewesen.“
Ursula lehnte sich zurück und schloß die Augen. Sie nahm ihren Kopf zwischen beide Hände und verzog schmerzlich den Mund. Derweilen tändelte das Mädchen mit dem Kinde. Nach einer Weile fing Ursula an:
„Stell dir einmal vor — wie heißest du doch?“
„Ursa.“
„Ursa?“
„Eigentlich Ursula.“
Die Edelfrau zog die Brauen zusammen.
„Aber er hat gesagt, ich müßte eigentlich Ursa heißen.“
„Weißt du, was Ursa heißt?“
„Ja. Von ihm. Die Bärin.“
Das Mädchen lachte hellauf.
„Also, Ursa, stelle dir einmal vor, dein Bruder, der Lips, den du liebhast“ — die Dirne nickte mit dem Kopfe — , „der Lips wäre in jenem Augenblick ertrunken und du hättest statt des Feuerrufs deines Bruders Todesschrei gehört, was wäre dann mit deinem Kinde geschehen?“
„Dann hätte meines Bruders Todesruf mein Kind gezeichnet.“
„Wie ist ein Kind, das also gezeichnet ist?“ fragte Ursula leise.
„Was weiß ich?“ rief das Mädchen.
„Ach, da bist du ja“, rief der Junker in diesem Augenblick. „Welch holdes Bild! Hier willst du mir künden, was du mir Köstliches vorbehalten hast? Es gibt keine heiligere Stätte.“
„Nein, hier nicht“, sagte Ursula hastig. „Draußen, wenn wir alleine sind. Wir wollen fort. Zu Pferd!“
Friedrich folgte kopfschüttelnd seiner vorauseilenden Gattin nach.
Die Sonne schickte sich zum Untergang, als die beiden Gatten nebeneinander durch Lindach trabten. Die Straße leuchtete vor ihnen wie Gold, und der Neckar dichtete im Dahinfluten ein wunderbares Gedicht von Erdenherrlichkeit und Himmelsglanz.
An dem letzten Hause von Lindach hielt eine große Kinderschar.
„Wir danken schön! Wir danken schön!“ riefen sie den Reitern entgegen.
Sie hielten ihre Rosse an.
„Die Kinder in Zwingenberg“, sagte der Junker zu den aufhorchenden Kindern, „die haben uns ein gar schönes Lied gesungen: ‚Mit Jesu fang ich an, mit Jesu will ich enden.‘ Könnt ihr uns auch ein Lied singen?“
Die Kinder schwiegen. Endlich rief eines: „Wir können nur ein einziges gut; das singen wir, wenn man die Leut’ vergräbt.“
„Danke schön!“ lachte der Ritter.
Nun trat das Mägdlein vor, dem Ursula das Beutelchen gegeben hatte. Das Kind hatte aus beiden Händchen ein Schüsselchen gemacht, das war angefüllt mit Silberlingen.
„Zweiundvierzig Weißpfennige sind übriggeblieben“, sagte es. „Da!“
„Was machen wir nun damit?“ sagte Ursula. „Ich habe kein Beutelchen mehr. Weißt du was? Du bringst die Weißpfennige dem Schultheißen von Lindach und sagst ihm einen Gruß von mir und er solle den Lindacher Kindern Brezeln backen lassen, drauf und drein, bis das Geld alle ist.
„Das ist recht“, rief ein Knabe.
„Wenn du nur hohe Stelzen hättest, daß ich dir einen Kuß geben kann“, sagte die Frau.
„Die Stelzen sind da“, rief ihr Mann und sprang vom Pferd. Er wollte das Dirnchen in die Höhe heben, aber es schaute verlegen in seine Händchen hinein und wußte nicht wohin mit seinem Reichtum.
„Komm!“ rief ein Bube und hielt eine Mütze unter.
Das Mädchen schüttelte sein Schüsselchen aus. Dann wurde es zu der Frau hinaufgehoben, schlang seine Ärmchen um ihren Nacken und gab ihr einen langen, langen Kuß.
Der Ritter dachte, es sei nun genug, und setzte die Kleine ab.
Da rief Ursula: „Nun schaut, Kinder, was ich jetzt mache!“
Sie beugte sich nieder, schlang ihre Arme um den Hals ihres Gatten, sagte zu ihm: „Du lieber, lieber Junker!“ und gab ihm einen langen, langen Kuß. Der wollte schier kein Ende nehmen.
„Das ist schön!“ rief eines der Kinder. Ein andres rief: „Hui! Hui!“
Endlich löste Ursula ihre Lippen von dem Mund ihres Mannes, hielt sie ihm an das Ohr und flüsterte:
„Du bist nicht mehr der einzige lebendige Hirschhorn.“
Da schwang er sein Barett und jauchzte: „Ursula!“
„Ursula! Ursula!“ jubelten die Kinder hinter den Enteilenden her.
Schweigend ritten die Gatten durch den verglimmenden Abend gen Hirschhorn zu.
Als sie dem Dörflein Pleutersbach gegenüber waren, klang eine singende Männerstimme über den dunkel gewordenen Fluß. Sie hielten die Pferde und lauschten. Jedes Wort war zu verstehen:
„Mein liebes Herz,
Was ist mit dir?
Auch du hast keine Ruhʼ
Es quillt in dir,
Es schwillt in dir,
Es welkt und blüht,
Es friert und glüht,
Du bist bald traurig,
Bist bald froh.
Was ängstigt dich?
Was quält dich so?
Ach, was mir fehlt und was ich will,
Und was mein Sinn und Wunsch und Ziel,
Ich selber kann’s nicht sagen.
Es preßt und engt,
Treibt mich und drängt
Ohn’ Rast und Ruh’;
Weiß nicht wozu.
Es müht mich und zieht mich;
Weiß nicht wohin.
6
Noch ehe die rauhen Tage kamen, hatte die Übersiedlung von Hirschhorn nach Zwingenberg stattgefunden. Die Felsenburg war enger und unbequemer als das Herrenschloß. Schon lange hatten keine Frauen mehr in den Gemächern gehaust. Hundegekläff war in den Höfen daheim und im Treppenturm der plumpe Tritt der Knechte. Das alte Gemäuer wollte sich nicht recht schicken in die neue Art, die mit der Herrin einzog, es sah verdrossen aus in dem tiefen Herbstschatten, aus dem nur die Spitze des Bergfrieds in den Sonnenschein ragte, als ob es die rauhe Gesellschaft der früheren wilden Tage zurücksehne. Auch Ursula hatte Heimweh; sie sehnte sich zurück auf die sonnige Höhe, in deren Glanz sie den Brautschleier getragen hatte, und nach dem munteren Städtlein mit seinem Marktgewühl und seinem Glockengeläute. Sie war oft allein. Der Junker ritt alle vierzehn Tage nach Hirschhorn zum Gericht, auch sonst nicht selten zu Zusammenkünften mit den Vögten, Schultheißen und Amtleuten seiner Dörfer. Da war er immer den ganzen Tag weg von ihr, und manches Mal war Mitternacht vorüber, bis sie den Huf schlag seines Rosses unter der Burg vernahm. War er von Geschäften frei, so ging er aufs Weidwerk. In der ersten Zeit begleitete sie ihn mitunter, bald aber wurden ihr die Gebirgspfade zu steil und zu beschwerlich. Da wartete sie dann sehnsüchtig auf den Klang seines Hifthorns.
Der Winter war unerfreulich. Ein rascher, hoher Schnee verschwand im Nu, wie er gekommen war, und dann strömte Woche um Woche unendlicher Regen herab. Aus den Höfen der Burg entwich die Nacht kaum am Mittag, die Wolken hingen schwer und dick über den Zinnen, und in den Gängen heulte der Wind. An diese finsteren Tage dachte sie aber mit ganz besonderer Freude zurück, denn da blieb ihr Gatte zu Haus. Des Tags über arbeitete er mit seinem Sekretarius in der Burgkanzlei und ritt ein wenig, wohlverwahrt in seinen Wolfspelz, nach Gerach hinauf. Aber am frühen Abend kehrte er zu seiner Gattin zurück. Da saßen sie beieinander vor dem warmen Kachelofen beim traulichen Ampellicht, und sie lasen miteinander in schöner Abwechslung Lutheri Kirchenpostille, die Chronik des Sleidanus und die lustigen Büchlein des Johann Fischart. Mit Freuden erkannte Ursula den überlegenen Geist ihres Gatten, seine reichen Kenntnisse und seine ehrenhafte Gesinnung.
Aber heimisch wurde sie nicht auf Zwingenberg. Vor allem verlangte sie zurück nach ihrem Hirschhorner Schlafgemach. Wenn sie in ihrem Bette lag und auf das Rauschen des Wassers lauschte, das durch die Schlucht herniedertoste und das heisere Heulen der Bestien hörte, die sich bis unter die Fenster der Burg wagten, dann dachte sie an Leonhard und sehnte sich danach, wieder seine Klage zu hören und miteinzustimmen in den Ruf: „Mutter!“
Als sie einmal ihrem Gatten hiervon redete, fragte er sie: „Ist dir die Erinnerung an deine erste Nacht auf Schloß Hirschhorn nicht ein unheimliches Ding?“
„Im Gegenteil“, sagte sie, „die Erinnerung ist mir wert, und deine Burg ist mir dadurch ein heiliger Ort geworden.“
Die Weissagung der Jäger, daß der heurige Winter kein Ende nehmen werde, erfüllte sich nicht. Der Frühling kam mit den ersten Tagen des März. In der Wolfsschlucht wurde es grün, und zwischen den aufsprießenden Veilchen blühten Anemonen. Ursula saß des Tages über viel in ihrer Kemenate mit erfahrenen Weibern aus dem Dorf und nähte Kindszeug. Die Gatten hatten beschlossen, in der Mitte des Monats nach Hirschhorn zurückzukehren, damit Ursula in den Tagen ihrer Niederkunft und ihrer Wochen Hilfe und Bequemlichkeit habe. Friedrich hatte sich vorgesetzt, den Einsiedler Leonhard vor der Übersiedlung seiner Gattin aus der Gegend zu entfernen, damit die Vergangenheit, der er entwichen war, mit dem Verschwinden des Einsiedlers endgültig abgetan sei.
Es war ein lustiger Frühlingsmorgen, als er zu Ursula sagte: „Ich mache heute einen Pirschgang über das Gebirg nach Hirschhorn, und weißt du, was ich dir heute abend mitbringe? Deine Kutsche.“
„Sie soll mir hochwillkommen sein!“ rief Ursula fröhlich.
Von einem Wolfshunde begleitet, die geliebte Armbrust über der Schulter, sprang Friedrich die Schlucht hinunter. Ursula hörte das Rauschen im dürren Laub, und bald darauf empfing sie vom gegenüberliegenden Hang noch einmal das Bild des Geliebten und den Scheidegruß aus seinem Mund und von seiner Hand. Friedrich stieg auf die Höhe des Gebirges und hinunter in das Ittersbachtal, dann wieder hinauf auf den Kreuzberg und auf die hohe Warte und hinunter in das Tal des Gammelbachs und wieder auf die Höhe, immer durch Wald und Heide oder an frisch gerodetem Neubruch vorüber. Die Wanderung war herzerquickend. In der Nähe der Trümmer der Emichsburg schoß er einen Hasen. Er hing ihn über die Sdiulter und freute sich, denn nun hatte er etwas mitzubringen. In seinem Dörfchen Rothenberg machte er Mittag. Zuerst besuchte er seinen Hundemeister. Schon von weitem grüßte ihn das vielstimmige Gekläff. Sein Weidmannsherz lachte ihm im Leib. Der Wolfshund lief schweifwedelnd voraus und liebkoste stürmisch seinen früheren Wärter. Friedrich freute sich an seiner Meute. Dann besprach er mit dem Schultheißen dies und jenes und lud sich durch ein Büblein bei dem Ffarrherrn zu Gast. Es gab Pfannkuchen, junge Hühner und Ackersalat und köstliches Brunnenwasser. Von dem wackeren Mann ein Stück Weges geleitet, wanderte er nach Hainbrunn hinunter, dann hinauf auf den Dammberg und den steilen Hang hinab durch den jungen Eichwald in das liebliche Laxbachtal. Er stieg hinunter an das Bächlein, zog seine Stiefel aus und badete die ermüdeten Füße. Mit seinem Schuhwerk in der Hand ging er durchs Wasser hinüber auf das andre Ufer, zog die Stiefel an und stieg nun gemächlich durch den sprießenden Buchenwald, dessen Spitzen wie Morgenrot leuchteten. Er war nahe an seinem Ziel. Plötzlich rauschte es vor ihm, und aus dem Busch tauchte der, den er suchte. Mann stand an Mann.
„Leonhard, Euch meine ich ja!“ rief der Junker verwundert und erfreut.
Der Einsiedler kehrte sich kurz um, ohne Gruß, und sagte: „Komm mit!“
„Ihr wolltet über Feld?“
„Nach Brombach, Geld einziehen für gelieferte Särge. Aber das hat morgen Zeit.“
„Ich danke Euch.“
Leonhard sah den Junker von der Seite an, verwundert oder doch wenigstens betroffen über die ritterliche Anrede, und sagte: „Du bist mir keinen Dank schuldig.“
Schweigend stiegen sie nebeneinander durch das Niederholz den Berg hinan. Als sie unter dem Gipfel waren, vor den Hochtannen, die den Scheitel bedeckten, sagte Leonhard: „Hierher!“ und ging einen schmalen Pfad voran, der neben den Tannen hinführte.
Bald standen sie vor der Hütte des Waldbruders. Sie war in einer sonnigen, trockenen Bucht aufgerichtet, die gegen die Wind- und Wetterseite zu von dem Walde geschützt war. Jenseits eines klaren Bächleins, das in einer Bergrinne hinunterlief, traten nackte Felsen vor. Ein gehauener Pfad führte auf die Höhe, und oben in einer welligen Waldlichtung stand die Werkstatt des Einsiedlers.
Friedrich sah sich neugierig um. Sein Führer schloß die Tür auf und forderte mit einer stummen Gebärde den Junker auf, in die Hütte zu treten.
Friedrich zögerte.
„Als was für einer soll ich unter Euer Dach gehen?“ fragte Friedrich und zögerte, in die Tür zu treten.
„Zuvor eine Bitte“, sagte Leonhard. „Alle Leute sagen du zu mir, und ich tue ihnen dergleichen. Du verwirrst mich, wenn du nicht ‚du‘ zu mir sagst.“
„Ich weiß jetzt, daß Ihr ritterlichen Geblütes seid“, antwortete Friedrich, darum sage ich Ihr, es sei denn“ — dem Junker traten die Tränen in die Augen, und er streckte ihm beide Hände entgegen — „es sei denn, daß wir zueinander du sagen wie ein Schwager dem Schwager.“
„Ihr seid ein Hirschhorn“, sagte Leonhard kalt. „Tretet ein.“
Friedrich seufzte und trat ein.
Es sah ärmlich, aber sauber in der Hütte aus. Von dem großen irdenen Kachelofen ging ein Hauch von Behaglichkeit durch das Stübchen.
Leonhard blies das Feuer aus der Asche, legte Kienholz darauf, und bald prasselte es vergnüglich im Ofen.
Die beiden Männer saßen sich gegenüber am roh gezimmerten Tisch, Friedrich auf der Bank zwischen den beiden kleinen Fenstern, Leonhard vor dem Ofen auf dem niedrigen Schemel. Der Wolfshund lag blinzelnd an der Tür.
Der Junker griff unter sich, hob den Hasen vom Boden, beugte sich über den Tisch und legte das Wildbret vor Leonhard auf den Boden.
„Da hab’ ich Euch etwas mitgebracht.“
Leonhard schob mit der Spitze seines groben Schuhs den Hasen zurück und sagte: „Behaltet Euer Wild und“ — er sah Friedrich scharf an — „Euern Wein und Euern Speck und was mir sonst heimlich vor die Tür gelegt worden. Was ich jetzt weiß, das ahnte ich und habe es unberührt gelassen. Es liegt droben in der Werkstatt. Der Speck ist verdorben, da hab’ ich ihn den Füchsen hingeworfen.“
Friedrich sah traurig vor sich hin. Dann hob er das Haupt und sah den Einsiedler innig an.
Leonhard ahnte, was er sagen wollte, und fragte rasch: „Weiß sie davon?“
Friedrich schüttelte den Kopf. „Aber immerhin denket an sie“, sagte er, „und nehmet es hin von dem Gatten Eurer Schwester.“
„Meine Schwester ist das Weib eines Hirschhorn!“ sagte der Einsiedler hart.
„Nun denn“, sprach der Ritter, und der Kopf war ihm rot geworden, „so mögen die Füchse, die den Speck gefressen haben, auch den Hasen holen!“
Er öffnete das Fenster und warf den Hasen über die Rasenfläche den Abhang hinunter.
Der Hund fuhr auf wie wütend und wollte zur Tür hinaus. Sein Herr beruhigte ihn und wurde darüber selber ruhig.
Er setzte sich auf die Bank und sah Leonhard forschend an.
„Ich gehe nicht von dannen, bis es zwischen Euch und mir hell geworden ist. Wißt Ihr, daß Ihr ein Sternenfels seid?“
„Ich habe es vergessen.“
„Meine Frau ist eine Sternenfels.“
„Ich weiß es.“
Leonhard hatte beide Ellbogen auf die Knie gestemmt, seine Stirn in seine Hände gelegt und schaute auf den Boden.
„Haltet Ihr meine Frau — sie heißt Ursula — für Eure Schwester oder nicht?“
„Sie ist eine Hirschhorn geworden.“
Friedrich stand erregt auf. Sein Kopf stieß fast an die Decke. Der Hund erhob sich mit einem freudigen Schluchzen und schnupperte an der Tür.
Der Einsiedler richtete sich auf und machte mit dem rechten Arm eine halbe Gebärde, die zum Bleiben einlud. Friedrichs Blick fiel auf Leonhards linke Hand, deren Finger mit einer Falte seiner Kutte spielten. Die Finger zitterten. Friedrich sah ihm eine Weile zu; da kam ihm der Gedanke, daß seines Gegners Ruhe geheuchelt sei.
Er setzte sich wieder auf die Bank und legte beide Arme auf den Tisch. Mit einem tiefen Seufzer ließ sich der Hund zu seines Herrn Füßen nieder.
„Weiß sie“, fing Leonhard an, „weiß sie, daß —“
Er vollendete nicht.
„Es graut ihr vor dem Fragen, und sie möchte mir zum Vergessen helfen. Darum schaut sie nicht rückwärts. Sie weiß, daß von hinten etwas Unheimliches kommt, darum faßt sie mich an der Hand wie die ältere Schwester ihr Brüderlein und sagt zu mir: ‚Schau nicht zurück, komm, wir laufen frisch voran; bald hört der Wald auf, dann wird es hell und frei.‘ Aber im verborgenen Herzen sehnt sie sich nach dem, was hinter ihr geht, wie ein Kind Heimweh hat nach der Mutter. Sie möchte die Stimme wieder hören, die ‚Mutter‘ rief und ihr die Tränen gelöst hat, so daß sie um die Mutter weinte. — Schwager, komm mit! Ich führe dich zu ihr. Ursula, ich habe deinen Bruder gefunden!“
Bewegt und mit feuchten Augen hatte Friedrich die letzten Worte gesprochen, wie einer, der, von seinem Gefühl überwältigt, den ausgedachten Weg verläßt und sich von seinem Herzen leiten läßt querfeldein auf das Ziel zu.
Leonhards Brust arbeitete schwer. Auch er war aufgestanden, aber nicht, um die Hände zu ergreifen, sondern um sich vor ihnen zu flüchten in den hintersten Winkel der Kammer. Der Hund fuhr auf und knurrte.
Leonhard lehnte sich an die Wand und kreuzte die Arme über der Brust.
Er nahm das letzte Wort seines Gegners auf und rief:
„Gefunden! Sie hat ihren Bruder gefunden, wenn ich meine Mutter gefunden habe. Führe mich zu ihren Gebeinen, und ich gehöre euch! Dann suchen wir miteinander des Vaters Grab. Wir finden es. Die Mutter hilft uns. Dann ist die Vergangenheit tot, ich ziehe dieses Kleid aus und bin Leonhard von Sternenfels, der Letzte meines Geschlechts.“
„Du vergissest, daß ich ein Hirschhorn bin“, sagte Friedrich. „An dem Tage, wo deine Mutter aus der Welt schied, war die männliche Sippe meines Geschlechts beieinander, und wir schwuren auf das Evangelium, daß, solange der Name Hirschhorn lebt, kein Wort an das Geheimnis rühren werde und keine Hand an —“
Er brach ab.
„Ich kann nicht!“ fing er wieder an. „Und trotzdem —“
Er ging auf Leonhard zu: „Dich bindet kein Eid! Deine Schwester ist der einzige Mensch, der von Gottes und Rechts wegen zu dir gehört und du zu ihm. Mit deinem Verlangen nach der Mutter Grab nimmst du ihr den Frieden und tötest all ihr Glück. Gib dies mörderische Suchen auf. Zieh dies Narrenkleid aus und stelle deine unritterliche Arbeit ein. Sei, wer du bist! Hör auf mit diesem Komödiantenspiel, mit dem du die Kinder erschreckst, die Abenteurer an dich lockst, aber vernünftige Männer ärgerst, und schließlich, ohne es zu wissen und zu wollen, wie ein rechter Narr das größte Unheil anrichtest. Mir selber erschienest du mitunter wie die Stimme eines Predigers in der Wüste, und wenn du die Leute lehrtest, zu meinem Schimpf Lieder zu singen, sagte ich zu mir: ‚Der Herr hat es ihn geheißen.‘ Aber deine Schwester hat recht, wenn sie über dieses Wort wild wird. Da ich dich jetzt sehe und höre, nicht im Graben vor der Burgmauer, nicht am Friedhof und bei deinen Särgen, da erscheint mir all dein Treiben kindisch. Wärest du katholisch —“. „Ich bin’s.“
Friedrich sah seinen Schwager mit großen Augen an, aber ohne Feindseligkeit.
„So gehe in ein Kloster. Dein Wesen und Tun entspricht keiner Regel deines Glaubens, sondern nur allein dem Trotz deines Herzens. Komm mit, wir gehen zusammen in mein Haus. Was wird der Hannes für Augen machen, wenn ich ihm sage: ‚Das ist der Junker Leonhard von Sternenf els, der Bruder deiner gnädigen Frau.‘“
Friedrich lächelte. „Morgen kommt deine Schwester nach Hirschhorn“, fuhr er fort, „sie will dort ihre Niederkunft halten. Was werden ihre schönen Augen leuchten, wenn sie in ihrer Genter Kutsche durchs Tor fährt und ich reite hinter ihr drein am Wagenschlag vorbei und rufe in den Hof hinein: ‚Grüß dich Gott, Schwager! Hast du gut hausgehalten?‘ Du aber trittst heran in ritterlicher Kleidung und hebst sie aus der Kutsche und nimmst sie in deine Arme und küssest die sich Sträubende; ich stehe hinter dir und rufe: ‚Küsse ihn herzhaft, Ursula, es ist dein Bruder Leonhard!‘ Oh, eine solche Freude im Herzen des Kindes wird alles Unrecht sühnen, das im alten Haus geschehen ist, und deine Schwester wird mir einen stolzen Sohn gebären. Von eurer Kindheit redet dann miteinander, von Vater und Mutter, malet alles, dessen ihr euch erinnert, miteinander liebevoll eins ans andre gelehnt, auf goldenen Grund. Und wenn ihr weinen wollt über ihr trauriges Los, dann tut es nicht heimlich, nein, ich weine mit euch. Aber fragen, fragen dürft ihr nicht.“
Der Junker breitete seine Arme aus und ließ sie traurig sinken. Leonhard hatte seine Arme in die Kutte gewickelt und den Kopf auf die Brust gesenkt. Jetzt hob er das Gesicht. Ein verbissener Zug lag darinnen.
Er sah den Ritter durchdringend an und sagte langsam und schwer:
„Die Beußerin von Ingelheim —“
Friedrich zuckte zusammen wie von einem Streich getroffen und rief schmerzlich:
„Welchen Namen nennst du?“
„Die Beußerin von Ingelheim
hob ihre schneeweißen Hände —“
Leonhard hob die flachen Hände in die Höhe. Friedrich schlug die Augen nieder und griff hinter sich. Er wich zurück, bis er an den Schemel stieß, dann setzte er sich nieder. Die Hütte zitterte von der Wucht. Der Hund fuhr wütend auf den Einsiedler los. Friedrich, vornübergebückt, griff nach dem Tier und zog es zurück. Der Hund legte sich knurrend hinter seinen Herrn. Der Junker murmelte etwas vor sich hin, faltete die Hände über seinem Knie und saß da wie ein ergebener Knecht.
Leonhard maß ihn mit einem triumphierenden Blick.
„Du bist ein verfluchter Mensch“, sagte Leonhard bitter.
Friedrich schüttelte den Kopf und lächelte. „Gott hat mich gesegnet“, sagte er leise.
„Du wirst ohne Leibeserben dahinfahren“, fuhr Leonhard fort.
„Aus dir spricht ein rachsüchtiger Teufel.“
„Du warst dabei und hast es nicht gehindert.“
„Ich war ein Knabe, und sie haben mich trunken gemacht.“
„Was ist mit ihr geschehen?“ schrie Leonhard außer sich. Er hatte sich auf den Dasitzenden gestürzt und schüttelte ihn an beiden Schultern.
Mit einem schrecklichen Geheul fuhr der Hund auf und schnappte dem Angreifer nach der Kehle. Leonhard beugte sich zurück. Der Hund war in der Höhe geblieben und zuckte zum zweitenmal vorwärts, noch ehe Friedrich ihn hatte packen können. Da griff Leonhard unter seine Kutte, sein Messer blitzte in der Luft, und der Hund stürzte lautlos zu Boden.
Friedrich stand vor dem verendenden Tier und sah seinen letzten Zuckungen zu.
„Es war ein treuer Hund“, sagte er und hob ihn am Halsband in die Höhe. Er trug die Leiche zur Hütte hinaus und warf sie den Abhang hinunter zu dem toten Hasen.
„Da habt ihr noch etwas, ihr Füchse!“ rief er in den Wald hinein.
Als er wieder in die Hütte trat, schaute ihm Leonhard entgegen.
„Ich bin meiner Mutter ihr Wolfshund“, sagte er, und die weißen. Zähne sahen hinter den Lippen hervor.
Friedrich schaute ihn mit einem langen Blicke an, der langsam an seiner Gestalt niederglitt.
„Alles vergeblich“, sagte er traurig. „In dir atmet ein rachsüchtiger Teufel. Wenn du einmal zu deiner Mutter kommst drüben in der Ewigkeit, dann verleugnet sie dein irdisches Tun.“
„Ich weiß es besser“, erwiderte Leonhard. Er kniff die Lippen aufeinander, während ihn Friedrich erwartungsvoll ansah.
„Ich glaube meinem Meister.“
„Wer ist dein Meister?“ fragte Friedrich verwundert.
„Ich habe drei Meister gehabt“, erwiderte Leonhard und verzog höhnisch die schmalen Lippen. „Mein erster Meister war der Wasenmeister von Hirschhorn. Bei ihm fand ich einen Unterschlupf, wenn mich die Herren von Hirschhorn aus dem Graben jagten, die Hunde auf mich hetzten und mit der Wallbüchse nach mir schossen.“
„Das war der tolle Hans, mein Ohm“, rief Friedrich schmerzlich, „und meine wilden Vettern!“
„Aber diesen Meister meine ich nicht. Er lehrte mich nichts weiter, als wie man Aas verlocht, und er schlug mich grausam. Als ich wußte, daß meine Mutter tot ist, entlief ich ihm. Mein zweiter Meister war ein Zigeunerhauptmann. Ich kam ihm in die Hände in dem großen Wald jenseits des Neckars und lebte bei ihm sieben Jahre. Er lehrte mich, mit Messer und Schlinge umzugehen, zu stehlen wie ein Fuchs, zu rauben wie ein Marder, zu fliehen wie ein Reh und mich wütend einzubeißen wie ein Wolf. Als man seinen goldenen Becher in meiner Tasche fand, entschlüpfte ich und kam zu meinem dritten Meister. Das war ein Einsiedler im Schwarzwald, nicht weit von Lahr, bei Schloß Hohengeroldseck. Er fand mich im Wald, nahm mich in seine Hütte und machte aus mir einen Menschen. Das Ave und den Rosenkranz hat er mich gelehrt und hat mir vom heiligen Leonhard erzählt. Er war ein Schreiner und wies mich, wie man den Hobel führt und Särge macht. Als es mit ihm zum Sterben ging, fragte er mich: ‚Was wirst du tun, wenn ich tot bin?‘ — ‚Ich warte an der Landstraße, bis jemand kommt, der mit mitnimmt.‘ Er schüttelte den Kopf und sah mich lange an. ‚Besinne dich‘, sagte er; ‚hat dir Gott keine Aufgabe gegeben?‘ — ‚Ich wüßte etwas‘, sagte ich und lüpfte dieses Messer in der Scheide. Mein Meister legte mir seine zitternde Hand auf den Arm. ‚Das ist Gottes Wille nicht, sondern des Teufels Wille‘, sagte er. ‚Denke an den heiligen Leonhard. Aber ich weiß etwas, das Gott von dir will: suche deiner Eltern Grab und bete bei ihren Gebeinen. Willst du das tun?‘ Ich versprach es ihm in die Hand. Da war er zufrieden. ‚Es ist gut‘, sagte er, ‚wenn ein Mensch weiß, was er tun soll, dann geht er einen geraden Weg.‘ Als er tot war, hab’ ich’s ihm noch einmal ins Ohr hinein versprochen, nicht zu rasten und zu ruhen, bis ich der Eltern Grab gefunden habe.“
„Sieh meine Burg als deiner Mutter Grab an“, sagte Friedrich, „und suche nach den Gebeinen deines Vaters.“
„Deine Burg ist groß; ich will mit meinen Händen die Stätte decken, wo die Mutter liegt.“
Friedrich kehrte sich zur Tür.
Ehe er schied, wandte er sich noch einmal um und sagte: „Schone deine Schwester!“
„Ich suche sie nicht“, sagte Leonhard.
„Kann ich dir etwas geben? Für deine Hütte, deinen Haushalt?“
„Ich bedarf nichts.“
„Für dein Handwerk? Brauchst du Bretter?“
„Ich habe, was ich brauche.“
„Die draußen liegen, sind so kurz. Ich will dir von der Säge zu Langental lange heraufführen lassen.“
„Ich mache auch Kindersärge“, sagte Leonhard mit einem stechenden Blick.
7
„Gar nichts tun, das tät’ ich gern“, sagte der Torwärtel Peter, schlappte in den Winkel und stellte eine Schaufel in die Ecke. Dann setzte er sich auf das Bänklein und tastete mit der Hand hinter sich nach etwas Eßbarem.
„Ich“, sagte Hannes, der breitbeinig mitten im Torweg stand, „wenn ich die Herrschaft wär’, ich tät’ all mein Geld in Niederland verzehren.“
„Hä“, erwiderte Peter und biß in ein Käsebrot.
„Keinen Kreuzer gäb’ ich den Odenwälder Bauern zu verdienen. Das sind Halunken! Ich tät’ mich in meine Kutsche setzen und tät’ durchs Niederland fahren, immer auf und ab. Da ist schöner, ebener Weg. Und ich hätt’ einen Papagei bei mir, der müßt’ immer sagen: ‚Neckarschleim — pfui Teufel‘.“
In diesem Augenblick klopfte es an das Tor. Hannes warf einen halben Blick hinter sich nach der Pforte und sagte vor sich hin: „Wollte Gott, unsre Herrschaft säße in der Kutsche zwischen Gent und —“
Er besann sich.
„Zwischen Gent und selbiger andern großen Stadt in Niederland, dann hätten wir doch unsre Ruh’.“
Es hatte derweilen, während Hannes sich besann und seinen Satz vollendete, zum zweiten und dritten Male gepocht.
„Wird’s bald?“ rief eine bekannte Stimme.
Hui, wie schnell war der Riegel zurückgeschoben.
Peter geriet in Verlegenheit und stopfte sich den Mund voller Brot.
„Der Malefizriegel geht so schwer“, sagte Hannes und machte sich an ihm zu schaffen.
„Besonders wenn man ihn nicht anrührt“, rief der Junker unmutig. Er trat ein und stellte sich vor den Torwärter in der Absicht, ihn zu schelten. Peter sah ihn mit einem rührenden Blicke an und schob ein weiteres großes Stück Brot in den Mund. Friedrich mußte bei diesem Anblick lachen; sein Unmut war dahin. Er wandte sich zu Hannes, der unters Tor getreten war, dem Hunde zu pfeifen.
„Wo bleibt denn das Vieh!“ rief er und schaute dienstbeflissen rechts und links hinunter.
„Ich habe keinen Hund bei mir“, sagte Friedrich.
Hannes pfiff trotzdem noch eine Weile fort, dann kam er herein, drückte beide Daumenballen auf seinen Mund und murmelte durch den Spalt hindurch: „Die Backen tun mir weh, so hab’ ich mich angestrengt.“
Friedrich schaute belustigt von einem seiner Torwärtel zum andern.
„Ihr lungert etwas zusammen, ihr Tagdiebe! Das gäbe genug für eine ganze Armee im Winterquartier. — Ist die Kutsche gekommen?“
„Gestern abend“, sagte Hannes. „Der Meister aus Gent hat sie selber gebracht. Er hat zwei Apfelschimmel — wenn ich der Junker wär’, tät’ ich —“
„Wo ist die Kutsche?“
„Sie steht droben in der Wagenscheuer. Der Kutschenbauer aus Gent wohnt drunten im ‚Löwen‘. Vorhin ist er heraufgekommen, nachzusehen, ob die Kutsche recht geschmiert worden ist. Ich mein’, zu einer so vornehmen Kutsche sollte man keine Odenwälder Wagenschmier nehmen, sondern lauter Schweineschmalz. Wir haben’s ja!“
„Meinst du? Geh mal hinunter in die Stadt und sag dem Bürgermeister, daß ich gekommen bin. Ich bleibe hier bis morgen mittag.“
Der Junker ging langsam über den zweiten Graben und durch das innere Tor in den Burghof. Von allen Seiten sprangen ihm die Hunde entgegen, und die Knechte und Mägde kamen heran und begrüßten ihren Herrn.
Im inneren Burghof beim rauschenden Brunnen stand der Prachtwagen. Er war so groß, daß der ganze Hof angefüllt schien. Friedrich begrüßte den Meister aus Gent, der ihm den Wagen gebaut und hergeführt hatte, und ließ sich die Kutsche in all ihren Teilen und ihren Zusammenhängen erklären. Er erkundigte sich, ob sie auch glatt und ohne anzustreifen durch alle Tore und Wege der Burg fahren könne, worauf ihm der Meister erwiderte, daß die ihm angegebenen Maße genau berücksichtigt seien. Nachdem sich der Junker noch hatte zeigen lassen, wie die gewöhnlichen Schmiede und Wagner bei einem etwaigen Achsenbruch Abhilfe schaffen können, erklärte er sich für befriedigt und bereit, den bedungenen Lohn zu zahlen. Er führte den Meister in die Schreibstube, ließ eine Kanne Muskateller und einen Imbiß bringen, und während sich der Niederländer gütlich tat, zählte er die Goldstücke auf den Tisch.
„Den silbernen Becher, aus dem Ihr trinkt, nehmet mit zum Gedenken an Burg Hirschhorn“, sagte er und hielt dem Meister die Quittung hin. Dieser unterzeichnete. Dann strich er das Geld in seinen Lederbeutel, besah wohlgefällig den geschenkten Becher und leerte ihn auf das Wohl all derer, die in der Kutsche zum Schloß Hirschhorn aus- und einfahren würden.
„Eine solche Kutsche, wie Ihr sie habt, ist nur noch ein zweites Mal vorhanden“, sagte er.
Der Junker, der gerade ein Wandschränkchen öffnete, um die Quittung hineinzulegen, fragte gleichgültig: „Wem gehört die andre?“
„Der Beußerin von Ingelheim“, sagte der Meister, zog ein Stück Hirschleder aus der Tasche und wickelte den silbernen Becher darein.
Der Junker war bei dem Namen zusammengezuckt.
„Ihr kennt die Dame?“ fragte der Genter und schob den Becher in das Wams.
Der Junker hatte sich gefaßt.
„Früher habe ich sie einmal gesehen.“
„Das ist eine grausam reiche Frau und immer noch schön trotz ihrer fünfundsechzig Jahre. Ich habe ihr den Wagen nach Mainz geführt, zugleich mit dem Eurigen.“
„Ist sie in Mainz?“ rief Friedrich erschrocken.
„Nicht mehr. Aber sie war dort bis vor wenig Tagen.“
„Wohnt sie denn nicht mehr zu Erfurt?“
„Sie ist wieder Witwe.“
„So ist der Kanzler von Eberbach gestorben?“
„Freilich. Sie wohnte eine Weile in Mainz. Aber das war ihr zu langweilig, sagte sie mir. Sie wolle in ihrem Schlosse Handschuhsheim wohnen. Kennt Ihr dieses Schloß?“
„Ich kenne es“, sagte Friedrich. Er war bleich geworden.
„Aber vorher will sie die Welt besehen. Sie ist nach Italien gefahren.“
„Gott sei Dank!“
„Wie meint Ihr?“
„Glückliche Reise.“
„Grausam reich muß sie sein.“
„Ich glaube es.“
„Ich habe beide Kutschen zusammen nach Mainz geführt. Dort erst habe ich die Wappen gemalt. Auch sie trägt Lehen von Mainz. Auf der kurfürstlichen Kanzlei hat man mir die Bilder gegeben und die Farben gewiesen.“
Friedrich nickte mit dem Kopf.
Der Wagenbauer stand auf und rückte seinen Stuhl an den Tisch. Friedrich trat auf ihn zu, seines Abschieds gewärtig. Aber der Genter wollte seine Geschichte zu Ende erzählen.
„Sie hat mich in meiner Herberge aufgesucht, als ich im Hofe die Wappen malte. ‚Ei, da ist ja noch eine zweite Kutsche‘, sagte sie ärgerlich; ‚wer bekommt denn die?‘ Sie ging um den Wagen herum und sah das Wappen.
‚Hirschhorn!‘ rief sie aus. ‚Das ist doch wunderlich.‘
‚Hirschhorn am Neckar‘, sagte ich.
‚Hirschhorn, Hirschhorn‘, sagte sie ein Mal übers andre Mal. Sie öffnete den Kutschenschlag und sah hinein.
‚Ich möchte spüren, wie man drinnen sitzt‘, sagte sie und wollte hineinsteigen.
‚Das hier ist Eure Kutsche‘, sagte ich, ‚diese ist dem Hirschhorner seine.‘
‚Eben deswegen‘, meinte sie und stieg in den Wagen und setzte sich zuerst auf den Rücksitz und dann auf den Vordersitz.
‚Ich habe sie eingeweiht‘, sagte sie, als sie herausgestiegen war. ‚Erzählt ihm dies, erzählt ihm dies.‘
‚Es wird ihn freuen‘, erwiderte ich.“
Friedrich ging an das Fenster und öffnete einen Flügel.
„Was hat sie —“, fing er an; aber er brach ab. Er hatte fragen wollen, was für ein Gesicht sie zu ihren Worten gemacht habe. Aber er ließ es sein. Er konnte sich ihre Miene denken.
Er reichte dem Meister zum Abschied die Hand, und als er allein war, warf er sich verdrießlich auf seinen Stuhl. Er hatte keine Freude an seiner Kutsche mehr.
Nachdem er mit dem Bürgermeister und dem Pfarrer die Räume des ehemaligen Karmeliterklosters begangen hatte, das von einem seiner frommen Ahnherren um der Gebete der Mönche willen gestiftet und von einem andern ebenso frommen Vorfahr um der Werkgerechtigkeit der Mönche willen aufgehoben worden war, und nachdem er mit den beiden Männern beraten hatte, was zu geschehen habe, damit der Verwahrlosung und Baufälligkeit gewehrt, und, was noch nicht in Gebrauch genommen war, zu Nutz und Frommen gemeinen Wesens verwendet würde, verabschiedete er die beiden Männer angesichts der Kutsche, die zu besichtigen sie ihn bis in den oberen Hof geleitet hatten, und zog sich noch früh am Abend in das Schlafgemach zurück.
Es war das erstemal, seit er aufgehört hatte, Junggeselle zu sein, daß er sich allein zur Ruhe begab. Wie ihm sein Weib fehlte! Wie er sich sehnte nach den kleinen Geräuschen, die ihm sonst Ursulas Anwesenheit in irgendeinem Winkel des großen Gemachs bekundeten. Er lauschte, als müsse ihr Gewand hinter ihm knistern und dann von ihrem Lager her das eigentümlich sanfte Fallen und Streichen ertönen, das ihr Kleid verursachte, wenn es über die Lehne des Stuhles gelegt wurde, und ihre Hand, wenn sie die Falten glattstrich. Oh, wie sie ihm fehlte! Wie ihm zum wenigsten dieses Gemach, vielleicht aber auch die ganze Welt so leer war ohne das geliebte Weib.
Er las noch ein Kapitel in der Bibel, kniete an ihrem Bette nieder und betete für sie und für die Frucht ihres Leibes. Dann legte er sich nieder.
Lange lag er in Gedanken an seine Frau. Dann fiel ihm ein, daß er nicht schlafen könne, und er fing an zu lauschen auf irgendein Geräusch. Es war totenstill in der Burg, im Wald, im Tal. Die Stille quälte ihn. „Sie läßt mich nicht einschlafen“, sagte er zu sich, „ich bin an das Rauschen in der Wolfsschlucht gewöhnt. Nun gut, so will ich mich freuen auf morgen nacht. Da höre ich neben mir ihren stillen Atemzug, der weht mir süßen Schlaf herüber.“ — „Schläfst du, Ursula?“ fragte er laut und gab sich selbst die Antwort: „Ich schlafe, aber mein Herz wacht.“ Er hob den Kopf und sah hinüber. Das Bett war leer und schimmerte wundersam wie ein träumendes Geheimnis. Da waren all die zarten Fäden des heranschleichenden Schlummers zerrissen. Friedrich war völlig wach, und er gedachte an die Ärgernisse des vergangenen Tages.
Wie war ihm doch so völlig mißlungen, was er zu vollbringen gehofft hatte! Er wollte den Einsiedler entfernen, damit er nicht an die Wiege des neuen Geschlechtes die Gespenster der Vergangenheit rufe. Statt dessen lud er den gefürchteten Mann auf seine Burg ein und mühte sich im warmen Drange seines Herzens, ihn alsobald mitzunehmen. Auch dies war ihm mißraten. Alles war beim alten geblieben, nur war es härter, schlimmer, feindseliger denn zuvor. — Und dann die Kutsche! Wie hatte er sich darauf gefreut, in diesem seltenen, stolzen Gefährt die Mutter seiner Kinder in das alte Geschlechterhaus zurückzuführen, und nun hatte jenes entsetzliche Weib ihre stillen Flüche um die Räder gewickelt und hinter die Kissen versteckt.
Friedrich schlug Licht, entzündete die Kerze und las noch ein Kapitel in der Bibel. Es waren die tapferen Worte des Apostels Paulus, in deren Verlaufes heißt: „Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?“ Er löschte das Licht und lag eine Weile mit gefalteten Händen.
„Ich soll diese Nacht durchwachen, wie es scheint. Es wäre die dritte Nacht meines Lebens, wo mich der Schlaf völlig flieht.“
Friedrich gedachte an die erste Nacht, da ihm solches widerfuhr. Es war die Nacht vom 25. auf den 26. März 1589. Er ritt mit Nikolaus am Abend nach Zwingenberg. Er trug ein Schwert an der Seite und war trunken. Unterwegs, zwischen Eberbach und Lindach, wurde er nüchtern, ritt dicht heran an den Knecht und fragte ihn: „Wer war die Frau? Warum haben wir ihr so getan?“ — „Schweig“, sagte der Knecht; „denk an deinen Eid.“ In der Nacht konnte er kein Auge schließen. Er sah immer, immer in die namenlose Angst der Augen und auf die hochgeschwungene Braue, unter deren stolzen Bogen so viel unsagbares Weh verzitterte. Bis lange nach Mitternacht wälzte er sich auf seinem Lager. Dann stand er auf, zog eilends seine Kleider an und schlich sich zu Nikolaus in dessen Kammer hinüber. Als er leise die Türe, die des Schlosses ermangelte, aufzog, stieß der Knecht einen Schrei des Entsetzens aus. Er saß entkleidet in seinem Bett. „Nikolaus, ich kann nicht schlafen.“ — „Ich auch nicht, Junker.“ Und nun zog auch er sich an, und sie gingen miteinander in die Burgkapelle. Als sie die schwere Tür öffneten, schlug ihnen eine Welle kalter, dumpfer Luft entgegen wie aus einer Kerkergruft. Da warfen sie die Türe wieder zu und gingen in die Wohnstube. Nikolaus zündete ein Licht an, und sie salten nebeneinander auf der Bank am eichenen Tisch. „Du mußt nicht daran denken“, sagte Nikolaus. „Du denkst ja selber daran“, erwiderte Friedrich. Nikolaus schlang seinen Arm um den Knaben und zog ihn an die Brust. „Ich bin ein leibeigener Knecht“, sagte er, „aber du bist der Erbe, du armer, armer Junker.“ — „So mußt du nicht reden.“ — „Weißt du was?“ fing Nikolaus wieder an, „wenn wir daran denken, und das wird, schätze ich, immer sein, wenn wir allein sind, und wir sind bis dahin gekommen, wo ..., dann stellen wir uns, als ob wir nimmer wüßten, was eine Mauer ist und ein Loch, und wir sagen zu uns selber: ‚Jetzt weiß ich nimmer weiter, kein Wortlein mehr, es ist gar nichts mehr da‘.“ — „Das ist klug“, flüsterte der Knabe. — „Gar nichts mehr als eine kahle Wand“, raunte der Knecht.
— „Hör auf!“ schrie Friedrich und hielt sich die Augen zu. — So saßen sie beieinander, bis der Morgen graute. Das war die erste Nacht, die er durchwachte.
Und die zweite? Das war die letzte Nacht des vorigen Jahrhunderts. Er hatte eine Weile an der Türe des alten Kirchleins von Handschuhsheim gelauscht und sich dann ein Herz gefaßt und war eingetreten. Vor dem Altäre lag sein Freund und Ohm Johann von Handschuhsheim auf der Bahre. Dahinter stand dessen Mutter, die Beußerin von Ingelheim, zwischen dem Kurfürsten und einem Geistlichen. Sie redeten auf die Frau ein, die rasend war vor Schmerz und Zorn. Die Kirche war angefüllt von Edelleuten und von Handschuhsheimer Bürgern und Frauen; die weinten und klagten zusammen um den letzten Sproß des edlen Hauses. Friedrich ging an der Bahre vorüber und warf einen schmerzvollen Blick auf seinen toten Freund. Dann beugte er rasch vor dem Kurfürsten das Knie und warf sich vor der Mutter nieder auf die Stufen des Altars. „Bei Gott“, sagte er, „es tut mir leid. Gern gäbe ich mein Leben zur Sühne.“ Da ballte die Frau beide Fäuste gegen ihn. „Zwingenberger, Zwingenb erger, du hast wie ein Schelm an meinem Sohn getan.“Er sprang auf und trat der Wütenden dicht unter die Augen. „So wahr ich ein Hirschhorn bin, das hab’ ich nicht getan. Er selber würde dich Lügen strafen, Muhme.“ Sie aber hob die Hände zum Gewölbe empor und fing an, den Totschläger ihres Sohnes zu verfluchen, so greulich, daß der Kurfürst zornig einmal und noch einmal abwehrte und endlich der Pfarrer die Erschöpfte hinwegführte. Friedrich hatte sich vor der Flut der Verwünschungen zu dem Erschlagenen geflüchtet und dessen Hand ergriffen, gleich als ob ihm der tote Sohn Eidhelfer und Beistand wäre gegen seine eigne Mutter. Dann ging er still zur Kirche hinaus, gefolgt von den Blicken der lautlosen Menge. Der Abend dämmerte. Er ging zum Dorf hinaus in den schweigenden Wald und wanderte über das Gebirge der väterlichen Burg zu. Eine Stunde vor Mitternacht kam er an eine einsame Mühle. Er ging hinein. Der Mahlbursch wachte. Er setzte sich zu ihm und half ihm beim Einschütten, wenn ein Mahlgang Hunger hatte. Vor Morgengrauen ging er weiter. Er war der erste, der dieses Tages an das Tor klopfte. Grußlos ging er in das Zimmer, warf sein Schwert auf den Boden und setzte sich schweigend an den Tisch. Das war die zweite Nacht, die er durchwachte.
Und jetzt sollte dies die dritte sein? Noch war kein Hahnenschrei erschollen. Noch war ein Rest der Nacht über für den Schlummer, wenn er nur noch kommen wollte. Warum sollte er nicht schlafen? War er nicht um so vieles glücklicher als damals und damals? Morgen um diese Zeit liegt neben ihm sein schlummerndes Weib. „Ursula!“ flüsterte er leise und streichelte das Lager nebenan. „Ursula!“ — Da war der Schlaf gekommen und hatte ihn gefangen. Ihm träumte, er sei in die neue Kutsche hineingestiegen. „Du hast gerade noch gefehlt, jetzt los!“ sagte Ursula. Die ganze Kutsche war voll, aber er konnte nicht recht sehen, wer es war; es war Kopf an Kopf, aber die Gesichter verschwanden im Helldunkel und kamen wieder, er wußte nicht, waren es dieselben oder andre. Nur seines Weibes war er gewiß, denn er spürte ihr süße Gestalt. „Wir sitzen etwas eng“, sagte sie, „aber wir haben alle Platz. — Wo fahren wir denn hin?“ „Du Närrchen — in den Himmel.“ Und sie kamen an und stiegen aus. Jetzt wollte er die Leute sich genau ansehen und zählen, wie viele es seien. Aber da fiel ihm auf einmal ein, daß er seinen alten Wolfspelz anhatte. „So kann ich nicht in den Himmel hinein“, sagte er. — „Wir gehen einstweilen voraus“, rief ihm Ursula zu, „wir heben dir einen Platz auf.“ Und sie ging mit ihrer stolzen Schar zum Himmelstor hinein. Friedrich streckte den Kopf, um sie zu zählen, aber er sah nichts, als daß es lauter Blondköpfe waren; wie viele, das verbargen ihm die hervorquellenden Rosawölkchen. Traurig besah er seinen alten Pelz. Darunter trug er seinen Werktagsflaus, der war abgeschabt und abgeschossen und sah einem Stallkittel ähnlicher als einem himmlischen Hofkleid. „Ei, sieh, Fritz! Da bist du ja!“ rief eine helle, wohlbekannte Stimme. Johann von Handschuhsheim stand im Torweg. „Grüß dich Gott, Vetter! Was soll ich nur tun? So kann ich doch nicht zu euch hinein.“ — „Warte, Fritz, ich gebʼ dir meinen Mantel, weißt du, den Schwanenrittermantel. Du kennst ihn ja. Ich hatte ihn an, als ich in der Kirche zu Handschuhsheim lag, wo meine Mutter so dummes Zeug redete.“ — „Aber wo soll ich meinen Wolfspelz hintun? Anbehalten kann ich ihn nicht, sonst schwitze ich so arg.“ — „Gib nur her“, sagte Johann. Er trat heraus, nahm ihm den Pelz ab und warf ihn über die Brücke. Er sah ihm flüchtig nach und sagte: „Er ist in euern Karpfenteich zu Mülben hineingefallen.“ Dann knüpfte er sich den Mantel los. „Laß“, sagte Friedrich, „er muß ja deine Wunde zudecken!“ — „Oh, die ist schon lang wieder heil“, lachte Johann und legte seinem Vetter den Mantel um. Und nun gingen sie miteinander zum Tor hinein. „Hä!“ sagte jemand nebenan. — „Ei, Peter, du bist auch da?“ Peter grinste über das ganze Gesicht, dann griff er hinter sich und holte ein ungeheures Käsebrot hervor. Sie waren noch nicht weit in den Himmel hineingegangen. Da stand eine wunderschöne Frau auf einer grünen Wiese. Zuerst glaubte Friedrich, es wäre Ursula: dieselbe hohe Gestalt, dasselbe strahlende stolze Auge. Aber sie schien ein wenig älter zu sein. „Komm, Lieber“, sagte sie und griff ihn an der Hand. „Du sollst zwischen mir und Ursula sitzen und die andern alle um uns her.“ — „Wie viele?“ — „Das wirst du schon sehen.“ — „Es sind aber auch noch auf der Erde drunten?“ Da hob sie ihren Finger und gebot Schweigen. So gingen sie über diese Wiese hin. Nach einer Weile blieb sie stehen und fragte: „Kennst du mich?“ — „Ich glaube, ja, ich habe einmal, ein einziges Mal dir in die Augen gesehen.“ Sie nickte und nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und sprach: „Eine ganze Nacht hindurch hast du meinetwegen gewacht, dafür will ich dir die Augen küssen.“ — „Nikolaus auch“, sagte er. — „Oh, der ist schon da.“ Nun gingen sie weiter. Auf einmal ging vor ihnen ein schöner Engel. Er hatte himmelblaue Flügel; die gingen leise auf und zu, und eine köstliche Luft, weich und würzig, wehte von ihm her. „Das ist Gabriel“, sagte seine Begleiterin. Der Engel blieb stehen, wartete auf sie und sagte vor sich hin: „Ich, wenn ich unser Herrgott wär’, ich tätʼ die ganze Welt in den Neckar schmeißen und der Hölle tät’ ich einen Fußtritt geben, daß sie in den Odenwald hineinfährt, und dann tät’ ich einen Himmel machen, siebenmal so groß und so schön, als der da ist. — „Halt deinen Mund!“ wollte Friedrich zu dem Engel sagen, aber er wußte nicht, ob er ihn Gabriel oder Hannes anreden sollte; darum schwieg er. Seine Begleiterin aber mußte lachen, das klang silberhell, so daß Friedrich halber aufwachte. Nun stimmte auch Johann von Handschuhsheim in das Lachen ein. Er lachte geradeso frisch und lustig, wie er getan hatte, als sie an jenem Tage miteinander auf die Späße des Heidelberger Hofnarren lauschten. Dieses zweistimmige Lachen war für den festesten Schlaf zu arg. Friedrich schlug die Augen auf. Die helle Sonne schien ins Zimmer.
Der Junker sprang fröhlich aus dem Bett, kleidete sich an, trat auf den Balkon hinaus und rief einem Knechte in den Hof hinunter, was wegen der Abfahrt der Kutsche anzuordnen war. Er bestimmte den Knecht, der das Prachtgebäude führen, die Pferde, die es ziehen sollten. Er selbst wollte zu Pferd den Prunkkasten begleiten. Er ließ sich noch den Fuchs vorführen, der ihn zu seiner Liebsten tragen sollte. Dann ging er auf die Kanzlei hinüber, wo eine Menge Leute auf seine Urteilssprüche und Verfügungen wartete.
Am Abend desselben Tages sprengte ein Reiter von der Landstraße her in die Wolfsschlucht hinein, ließ sein Pferd den steilen Pfad hinaufklettern, bis sich die Fenster der Kemenate in seinen Augen spiegelten, und rief zur Burg Zwingenberg hinauf: „Ursula! Ursula!“ Das Pferd strauchelte. Der Reiter sprang ab und führte es den Abhang hinunter.
Ursula öffnete oben das Fenster, winkte mit ihrem Tuch und rief: „Grüß dich Gott, Liebster!“
„Die Kutsche kommt!“ rief Friedrich rasch hinauf und schaute wieder auf den Boden. Er faßte den Fuchs knapper am Zügel und redete ihm begütigend zu. Dann hob er noch einmal den Kopf, sah über die Schulter zum Schloß hinauf und rief: „Geh ihr entgegen zum oberen Tor hinaus!“
Ursula sah schweigend zu, bis das Pferd wieder auf ebenem Grunde war, dann rief sie ein fröhliches „Hei!“ und war vom Fenster verschwunden.
Derweilen rollte die Kutsche langsam und majestätisch unter dem Schlosse hin, von einer großen Kinderschar begleitet. Die Lindacher Schule war gerade aus gewesen, als das Wunderwerk am Schulhaus vorbeistolzierte. Einen Augenblick standen die Buben und Mädchen in stummem Staunen, dann machten sie sich auf und sprangen hinter dem vierrädrigen Riesenvogel her, der, halb Kauter, halb Pfau, in würdevoller Unbeholfenheit dahinschwankte. In Zwingenberg verdoppelte sich das Ehrengeleite. Auch die Alten ließen ihr Nachtessen stehen und gingen langsam der entschwebenden Wundererscheinung nach.
Ursula stand schon lange auf der äußeren Brücke. Friedrich hatte im Hof sein Pferd abgegeben und war zu seiner Gattin getreten, da zeigte sich endlich das Verdeck, die Stirn, der Bauch und endlich das Wundergeschöpf in seiner ganzen Größe. Es kam den Schloßberg herauf, wie ein Maikäfer an einem Globus hinaufklettert. Jetzt war es oben, setzte sich in gelinden Trab und fuhr auf seine Herrin zu. Aber anstatt sich ihr huldigend zu Füßen zu legen oder stolz an ihr vorüber zu paradieren, blieb es zwischen den beiden Prellsteinen am Eingang der Brücke stecken. Der Genter Meister hatte beim Aufbau dieses fliegenden Palastes zwar gewissenhaft alle Hirschhorner Maße, berücksichtigt, aber von den Zwiftgenberger Engen und Weiten wußte er nichts. Es war kein Zweifel, die Kutsche konnte nicht in die Burg hinein.
Nachdem die Pferde ausgespannt und der schöne Fremdling aus seinem Gefängnis befreit war, wurde er mühsam umgedreht, so daß die Deichsel bergabwärts ragte. Zwei Zwingenberger Bürger mußten die Nacht hindurch bei der Kutsche wachen. Sie bekamen dafür einen Batzen, den Abendimbiß, die Morgensuppe und um Mitternacht je zwei Apfelkrapfen.
Nicht allein der Junker, auch noch andre besorgte Gemüter wachten in der Nacht mehrmals auf und lauschten, ob es nicht regne. Das Wetter hielt. Am frühen Morgen wurden die Pferde angeschirrt. Ursula verließ lachenden Herzens die Burg und stieg in ihr Wandelhaus. Ein Planwagen stand reisefertig im Hof. Darinnen waren Kisten und Kasten mit allerhand Inhalt. Auf einem Bänklein hinter dem Kutscher saßen zwei Mägde. Die eine davon hatte ein Kind auf dem Arm. Es war Ursa, das Mädchen, das vor dem Schlosse im ersten Häuschen gewohnt hatte, bis die Herrin die Verwahrloste unter ihre Dienerinnen nahm, um sie zu erziehen. Der Säugling war wohl gediehen; es war ein herziges Kindchen.
Als alles in Ordnung war, rief Friedrich: „Los!“ Die Kutsche setzte sich in Bewegung und gondelte prachtvoll die Schloßstraße hinab. Der Planwagen rasselte hinterher. Friedrich gab noch einige Aufträge, dann sprengte er den beiden Fuhrwerken nach und ritt neben seiner Frau auf der Landstraße, den fröhlichen Neckar zur Linken, das schwebende Gehäuse und den grünen Bergwald zur Rechten, gen Hirschhorn.
Als sie Eberbach hinter sich gelassen hatten, trieb ihnen der frische Märzwind, der in der Nacht von Osten nach Nordosten umgeschlagen hatte, eine graue Wolke über den Kopf, und aus ihr sprühten Graupenkörner und Regentropfen. Hinter der vordersten Wolke zogen andere herauf, denen man schon von fern den gleichen Schabernack ansah. Friedrich zog den Wolfspelz enger zusammen und freute sich, daß sein Weib so warm und wohlig thronte. Aber er dachte auch an das kleine Kindchen in dem Planwagen. Das war denn freilich übel versorgt. Der Regen schlug von vorn und von der rechten Seite herein, und vom Dache her troff das Wasser aus verschiedenen Spalten und Löchern. Der Junker ließ den Wagen halten und griff nach dem Kindchen. Die Tücher und Kleider waren von außen her ganz durchnäßt. Da dauerte ihn der arme Wurm. Er ließ die Kutsche halten und klopfte seiner Frau an das Fenster. Nach einiger Mühsal brachte sie das kleine Verkehrstürchen auf. Es war gerade groß genug, daß der Ritter zur Not seiner Frau einen Kuß geben konnte. Der Junker beugte sich herunter, volbrachte dieses Werk und sagte sein Anliegen.
„Da muß ich aber die Mutter auch gleich hereinnehmen“, erwiderte Ursula, „denn wir haben noch ein Stunde Fahrzeit; da kann mancherlei vor sich gehen.“
Ursa gab das Kind an ihre Genossin und kletterte vom Wagen. Das Kind wurde ihr heruntergereicht. Der Fuhrmann, der den Planwagen führte, stieg ab und öffnete den Kutschenschlag. Ursa stieg ein und wollte sich neben die Herrin setzten. Friedrich faßte sie am Ellbogen und bedeutete ihr, wohin sie sich zu setzen habe. Der Kutschenschlag wurde geschlossen, und die Fahrt ging weiter.
Ursula war nicht gerade erbaut durch die Anwesenheit ihrer Namensschwester. Mit einem Gemisch von Neugier und Widerwille sah sie die Dirne an, die nicht wußte, wie der Vater ihres Kindes hieß, weil er ihr zu schnell verbrannt war. Die Gesichtszüge stießen sie ab; auch die Art, wie das Mädchen ihr Kind liebkoste, hatte etwas Tierisches. Ursula ließ sich das Töchterchen herüberreichen. Sie wiegte es auf den Armen, und das Herz schwoll ihr bei dem Gedanken, daß sie nun selber bald ein solches Geschöpf ihr eigen nennen dürfe. Sie hob das Kind in das Licht und betrachtete sein Antlitz. Das Muttermal über der linken Braue schien gewachsen zu sein. Wie eine aufzüngelnde Flamme schlug es hinter den Augen empor. Das süße Gesichtchen bekam dadurch etwas Gewaltsames und Zerrissenes. ‚Wenn das Dirnlein zu Jahren kommt, werden sich die einen vor ihm fürchten‘, dachte Ursula, ‚den andern wird es das Herz verbrennen.‘
Und nun sann sie wieder nach über die Ursache des Males. War es der Feuerruf oder war es der Flammenschein? Eine große Angst kam über ihr Herz, denn sie wußte, daß jener Todesschrei, der sie aus den Armen ihres Gatten schleuderte, den innersten Kern ihres Lebens geschlagen hatte. Sie legte die Hand unter ihr Herz und schloß die Augen.
In fürchterlicher Weise wurde sie aus ihrem Sinnen und Träumen geweckt. Ein Schrei wurde ausgestoßen, worinnen sich Grauen und Jubel mischten. Dicht neben ihr. Es war die Dirne. Sie hatte ihr Kind in Ursulas Schoß geworfen und klopfte an die Wagentüre und rüttelte an ihr. Ursula war bis ins Mark erschrocken. ‚Das ist der Tod, der geschrien hat, er verlangt nach meinem Kind‘. So fuhr es ihr durch den Sinn. Mit zitternden Händen umfaßte sie das fremde Kind und sah entsetzt das Gebaren des Mädchens, das außer sich schien vor Lust und Angst.
„Ich will hinaus, ich will hinaus“, schrie sie.
Die Kutsche hielt. Der Kutscher kletterte herunter und öffnete. Friedrich hielt die scheu werdenden Pferde. Kaum hatte sich die Türe ein wenig geöffnet, so stürmte Ursa hinaus mit solcher Gewalt, daß der Knecht in den Graben fiel, und sie lief wie ein Flüchtling, der um sein Leben rennt, den Weg zurück, einem Reiter nach, der an ihnen vorübergeritten war und in scharfem Gang die Straße dahintrabte. Einen Augenblick waren alle dergestalt bestürzt, daß sie sich verwundert anschauten oder der Dahinlaufenden tatenlos nachblickten. Friedrich hatte sich zuerst gefaßt. Er sprengte der Enteilenden nach, holte sie ein, faßte sie am Arm und führte das heulende, sich windende Mädchen zur Kutsche zurück. Der Reiter ritt davon, ohne sich um den Vorgang zu kümmern.
Alle schrien zu gleicher Zeit auf Ursa ein und begehrten Aufschluß.
„Er ist es, er ist es!“ schrie sie.
„Wer ist es?“
„Der Vater von meinem Kind, der in unserm Hause verbrannt ist.“
„Wen meinst du, den Reiter, der an uns vorüber ist?“
„Ja“, heulte sie. „Er ist es, er ist es.“
„Das ist nicht möglich“, sagte der Knecht, der die Kutsche führte. „Ich war selber dabei, wie man die verkohlte Leiche des Fremden gefunden hat.“
„Er sieht ihm ähnlich“, beruhigte sie Friedrich. „Aber du täuschst dich, Ursa.“
„Er hat mir den Namen gegeben. Ich will zu ihm. Laßt mich gehen.“
„Denk an dein Kind“, sagte Friedrich ernst.
„Was liegt mir an meinem Kind? Ich will zu meinem Kerl, ich will zu meinem Kerl.“
Es blieb nichts andres übrig, als die Ungebärdige in die Kutsche einzusperren. Sie setzte sich in einen Winkel und heulte vor sich hin. Ihr Kind rührte sie nicht mehr an. Ursula hielt das arme Wesen in ihrem Schoß. Sie beugte sich, angstvoll lauschend, darüber. Träne um Träne fiel auf das Flammenzeichen nieder. Kein Wort wurde in der Kutsche gesprochen.
Friedrich erkundigte sich derweilen nach dem Reiter.
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