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Achim von Arnim
Landhausleben
Inhaltsverzeichnis
Metamorphosen der Gesellschaft.
Sonntags-Erzählung des Landpredigers.
Holländische Liebhabereien.
Montags-Erzählung des Liebhabers.
Rembrandts Versteigerung
Dienstags-Erzählung des Kunstfreundes.
Wunder über Wunder.
(Indisches Mährchen.)
Mittwochs-Erzählung des Direktors der Theaterschule.
Einleitung.
Erzählung.
Marino Caboga.
Dramatische Erzählung in drei Handlungen.
Donnerstags-Erzählung des Theater-Dichters.
Personen.
Prolog
Erste Handlung
Zweite Handlung
Dritte Handlung
Impressum
Metamorphosen der Gesellschaft.
Sonntags-Erzählung des Landpredigers.
Du bist zur rechten Stunde hier eingetroffen, Arthur, sagte der Rittmeister, indem er den Eintretenden beobachtete, der mit dem Bewußtsein überlegener Klugheit umherblickte. Zur rechten Stunde wahrlich, denn eben in dieser Stunde erhielt ich ein Schreiben der Vormundschaft-Gerichte, welches dich für volljährig erklärt und mich beauftragt, dir Güter und Rechnungen, Familienpapiere und andre Schriften aus dem Nachlasse deines Vaters zu übergeben. Ein seltener Fall, daß so ein Schrecken am Sonntage um hergetragen wird, noch seltener aber dadurch, daß ich nach deinem letzten Briefe erst in ein paar Monaten deine Rückkehr aus Paris erwarten konnte. Warst du vielleicht von einem geheimen Rathgeber benachrichtigt? — Es suchte sich mir Jemand zu verpflichten, indem er mir davon Anzeige machte, antwortete Arthur mit leisem Erröthen. — Gewiß einer von den Frommen, meinte der Rittmeister, die überall Unrecht ahnen, — ich kann ihn rathen. Es freut mich, daß du gesunder und stärker hier angekommen bist, als ich dich das letztemal sah, ich könnte dich fast als ein Bildniß meiner eignen Jugendzeit hier aufstellen. Auch entledigst du mich einer Last, was mir um so lieber ist, da bald andre Arbeiten mich beschäftigen. Hier im großen Mahagonischranke deines Vaters findest du alles beisammen, Kasse und Papiere. Mit diesem kunstreichen Schlüssel kannst du dir selbst alle Räthsel lösen, die dich in deinem letzten Schreiben plagten. Aber ein neues Räthsel gebe ich dir mit auf den Weg eigner Geschäftführung: Tiefenbach, wo dein seliger Vater zu wohnen pflegte, seit die unseligen Gläubiger sein herrliches Gut Zehenburg unter Administration gestellt hatten, ist so unbedeutend, daß es kaum einen Überschuß läßt, wenn die Unkosten für Schloß und Park in Abrechnung kommen. Die Vergebung der Pfarre, die die beste im Lande, ist sein einziger Vorzug, und dieser kann jetzt geltend gemacht werden, da der Pfarrer vor acht Wochen gestorben ist. Ich sehe dirs an, du weißt schon Jemand, vielleicht den Frommen, der dich benachrichtigte, und verbittest dir alle Empfehlungen. Aber halt, — als Vormund konnte ich sie vergeben, und zögerte wegen eines Geheimnisses. Ich entdeckte unter den Papieren deines Vaters dieses uralte Dokument, das er wohl nie gelesen hat, nach dessen Inhalt Tiefenbach deinem volljährigen Vetter Eduard nach Lehnrecht gehört, ja schon seinem Vater hätte zufallen müssen. Der Verlust ist für dich unbedeutend, er hingegen kann es brauchen, denn einmal hat er seit zehn Jahren sein Vermögen theils verstudirt, theils in Amerika unter Bolivar und in Griechenland unter den Philhellenen in Freiheit gesetzt, zweitens ist er der herrlichste Junge, dem zwar keine Unterstützung hilft, der aber jeder werth ist. — Sehr verlegen stammelte Arthur von genauer Prüfung des Dokuments, setzte sich zum hellen Kamine, fing an die alten Worte ärgerlich zu buchstabiren und schrie endlich auf, weil ihm das Dokument in den Kamin gefallen. Es ist nicht zu retten, rief er, und sprang verdrießlich ans Fenster, spielte mit den Fingern Clavier auf dem Brette und sagte: Was mein Vater mit gutem Gewissen besessen, das darf ich ohne Gewissensangst mein nennen und was ich für Eduard aus meinem Vermögen thun kann, wird sich danach bestimmen, ob jener Freiheitsschwindel von ihm weicht.
Der Rittmeister hatte unterdessen hinter ihm mit gewandter Hand das Dokument dem Feuer entzogen und in die Tasche gesteckt, denn Pergament entzündet sich nicht so rasch wie Papier. Es ist noch genug vorhanden, sagte er kalt, um meine Cigarre anzuzünden. Wie können sie rauchen, bester Onkel, rief Arthur, und galten doch zu ihrer Zeit für den elegantesten Mann der Stadt. Worin bestand nur die Eleganz jener unseligen Zeit, welche die Philosophie und die Revolution geboren? — Gemächlich setzte er sich bei diesen Worten zu den Akten seines Schrankes und durchlief sie, während der Rittmeister ihn mit großen Augen betrachtete, aber ruhig antwortete: Worin besteht denn eure Legitimität, von der deine Briefe so viel Rühmens machen? Wenn ich es recht verstehe, so ist beides ziemlich einerlei, aus jener ist diese in der steten Metamorphose der Gesellschaft entstanden, beides bezeichnet den Charakter höherer Kreise und wenn die Ehre in der Eleganz mehr mit Kunstsinn gepaart ist, so ist sie in der Legitimität mehr mit der sittlichen Gerechtigkeit ausgestattet. Freilich wird dir das zu allgemein scheinen, aber wir Philosophen hinken nun einmal der öffentlichen Meinung nach und fassen sie in Worte, die aber will von einer Pariser Modelegitimität nichts mehr wissen, so wenig wie von den großen Stahlknöpfen, Schuhschnallen und Muffen, die zu meiner Zeit für elegant galten. — Der junge Arthur geberdete sich etwas ungeduldig bei dieser ruhig gehaltenen Rede, endlich brach er los: Ich mache ihnen keine Vorwürfe, Onkel, denn sie litten an der Krankheit des Zeitalters und das Gift der Revolution war so durchdringend wie Kohlendampf, die Menschen merkten sein Dasein erst, wenn sie dem Ersticken nahe waren, ja man möchte in manchen Augenblicken vor sich selbst erbeben, wie unerwartet einzelne Äußerungen uns anklagen, während wir uns zuversichtlich als Richter und Verdammer über andre gestellt haben. — Dieser Zwiespalt, sagte der Rittmeister, fand sich damals nicht in unsrer Eleganz, noch weniger gab es einen Zwiespalt wie jetzt in der Gesellschaft, daß Jemand über eine Meinung oder Ansicht verschrien wäre. Aufrichtig gesagt, da unsre Verfassung jede Gelegenheit versagte zur Auszeichnung in öffentlichem Wirken, und höchstens etwas Schreibseligkeit belohnt wurde, so kümmerten wir uns nicht um die Weltgeschicke, und überließen der Zeit, uns zu holen, womit sie dann auch sehr kurzen Prozeß machte, als weiland Napoleon die Tenne fegte. Dagegen erschienen uns unsre kleinen menschlichen Geschicke höchst wichtig, ja wenn ich meinen alten Winkelmann in Rom recht verstand, so lebten wir von dieser Seite ganz wie die alten Griechen in den Tag hinein, wobei ich als ein Halbgott Feste vorschrieb, und mich am Weihrauchdampf erfreute. — Sie müssen etwas Imposantes gehabt haben! sagte Arthur. — Gehabt? Mein Sohn, du redest von mir wie von einem Todten und das erfreut nicht den, der sich noch lebendig fühlt. Ihr Herren Ultras meint, die Welt erst seit ein paar Jahren wieder erbaut zu haben und so dachten auch wir damals, daß eine wahrhaft schöne Welt nur mit solcher Pomade, Puder und Zopfband als Catillon wiedergeboren werden könne. Jeder suchte etwas Neues zu erfinden und dieser Schönheit beizufügen, während ihr nicht über das legitime Pariser Modejournal hinausdenkt. Wir entschieden damals den Sieg der englischen über die französischen Moden. Londoner Fabrikanten schickten mir ihre neuen Produkte mit Ergebenheit und ich bestellte Änderungen nach meinem Geschmacke, die ganz Europa anerkennen mußte. Als ich einmal nach London reiste, war ich in Newbondstreet von einem Schwarm junger Umhertreiber umgeben und alle Zeitungen berichteten, welche Kleider ich getragen. Ich handelte damals unbefangen bewußtlos, aber ich habe mich aus der Vergleichung mit andern großen Männern kennen gelernt. Große Ähnlichkeit finde ich da zwischen mir und Mahomed, denn der Koran der Eleganz kam mir auch nur stückweis vom Himmel, wie ihn die Gelegenheit meiner Liebschaften oder große Ereignisse meines Lebens, z. B. Gastmähler, ihn forderten. Viele vergnügliche Einrichtungen, die ich zu Ehren von ein paar schönen Augen ersann, haben sich über ganze Völker verbreitet. Ja, in zweierlei Dingen möchte ich mich mit Goethe vergleichen, einmal daß ich auch das Wörtlein Ja so oft zum Schlusse einer Periode brauchte, dann, daß meine Lust durch viele Menschen erklungen ist, und für ihre eigne gehalten wird. Dann aber vergleiche ich mich mit Mongolfier, dem so viele in die Luft nachfliegen, und mit Columbus, der so vielen eine neue Welt entdeckte, die sich nun unabhängig macht von ihren Entdeckern.
Beide belachten die Reihe Vergleiche und Arthur sagte: Vergessen sie nicht Scanderberg, die Leute erzählen Wunderdinge von der Riesenkraft ihrer Klinge, die sie schon als Junker bewährten. — Eine verfluchte Zeit, fuhr der Rittmeister fort, diese Junkerzeit und doch vollendeten diese fünf langen strengen Lehrjahre, mit Taubenflügeln und Fuchteln himmlisch begeistert, meinen großen ernsten Karakter. Ausgeschlossen von der Gesellschaft, nach der ich schmachtete, bis ich Offizier wurde, drängte mich der Trieb der Eleganz zu den Fremden, die mich lieb gewannen, weil ich ihre Sprachen mit Leichtigkeit lernte, ohne sie studirt zu haben. Ja, mein werther Herr Kammerjunker, darin liegt ein großer Unterschied jener Zeiten, daß sie sich nicht um Sprachfehler kümmerten, wenn nur Geist und Leben drinn war. Aus Furcht vor Sprachfehlern reden die Leute jetzt nur abgetragenes Zeug, und ich sehne mich manchmal nach einem Menschen, der wie damals der Prinz den Unterschied des mir und mich für eine Erfindung des verrückten Werthers hielt, der sich zur Strafe selbst erschossen habe. Ich sage dir, Mirabeau küßte mich aus Entzücken, als ich ihm meine Liebschaft mit der Italienerin erzählte, und jeder Sprachfehler schien ihm ein göttlicher Einfall, weil ich nach Wörtern in meinem Eifer griff, an die kein Franzose sich erinnert hätte.
Während der letzten Redesätze war Graf Runzel, ein kleiner, magerer aber lebendiger Herr in das Zimmer getreten und bekräftigte die Wahrheit dieses Selbstlobes: Mirabeau hat noch in Paris manchmal von dir gesprochen und ich konnte sein Lob nicht begreifen, denn du weißt, wir waren keine Freunde, ich wollte mich in andrer Art geltend machen. — Ja, rief der Rittmeister, es war eine Ahnung, daß diese politischen Demonstrationen endlich unserm ganzen frohen Götterleben ein Ende machen würden. Deine Revolutionsberichte störten mich, zum Glück führte dich der Genius nach Paris, nahm dir Haare, Farbe und Geld ab und schickte dich mit der ordinären Post wieder in unser Land zurück. — Ich bin doch noch beweglich geblieben, antwortete Runzel, ich kann noch die Menuet a la Reine tanzen, aber was machen deine Beine, Rittmeister? — Nun freilich, seufzte der Rittmeister, sind sie jetzt ruhig wie Gläubiger, die ihren Wechsel prolongirt haben, sie liegen doch da unter mir auf dem Sopha wie die Furien beim Orest. Erwachen diese, da scheint mir alle meine jugendliche Thätigkeit leer und nichtig, ich lasse mir den Eduard holen, daß er mir vom Jammer Griechenlands erzählt und ich glaube ihm alles, was er von der Schande Deutschlands berichtet. — Die Völker haben große Fortschritte gemacht, rief Runzel, aber sie wissen nicht in der neuen geistigen Welt ihren Weg zu verfolgen. — Welcher unselige Irrthum, sprach Arthur dazwischen, bis zur tiefsten Erniedrigung sind sie gesunken, diese verirrten Völker Europens; alles Große vernichtet, die alten Stammbäume umgehauen, Strauchholz an der Stelle. — Darin gebe ich Arthur recht, sagte der Rittmeister, die Engländer sind nicht mehr, was jene alten Punschhelden waren, die sich damals mit mir herum trieben. Nein, rief Runzel, keine Nation hat sich so wenig verändert, wie die Engländer und das beweist eben, daß die andern Nationen gestiegen sind, weil sie sich nicht mehr so grell vor ihnen durch edle Zuversicht, Unabhängigkeit, Großmuth und Unternehmungsgeist auszeichnen. Damals waren sie es allein, die hohe Berge bestiegen, ferne Länder besuchten, jetzt begegnen sie sich überall mit andern Nationen. — In den Engländern steckte der Keim des Bösen, das Europa beschattet, meinte Arthur. — Ja, meine Freunde, antwortete Runzel behaglich, sie sind immer etwas Andres als die umständlichen Familiensittengemälde Richardsons und als die Gerichtspraxis Walther Scotts, aber doch haben beide hauptsächlich darum durch ganz Europa gefallen, weil sie einige Seiten dieses englischen Nationalcharakters darzustellen wußten. Mag Richardson die Wahrheit durch übermäßige Reflexion unwahrscheinlich machen, mag Scott die abentheuerlichsten Gewächse und Bewerke, Staatsactionen und Hof-Carrikaturen in unwahrscheinlicher Verwicklung aufstellen, die wohl bekannten schottischen Gesichter, die großartige Geschichte der brittischen Völker bringen alles zur Wahrheit der Furcht und Hoffnung, erwecken in uns dieselbe Theilnahme, mit der wir als Kinder englische, mit den neuesten seltsamsten Fabrikaten bekleidete Familien betrachteten, oder englische Seemänner anstaunten, wenn sie schnellfüßig am Bord der Schiffe umherliefen, Masten bestiegen und flink die Ruder bewegten. Oder wie wir später englische Redner in der Zeitung mit klopfendem Herzen hörten, wenn sie die Strebungen der Menschheit aussprachen, während bei uns kein Mensch davon träumte, oder was in der Art hervorging, wie eine Missethat in heimlicher Berathung zu Stande kam, ohne je seine große belebende Kraft auf alle Mitlebende zu verbreiten. Ja, liebster Rittmeister, du hattest von Natur den Steinkohlengeruch, der englische Bücher und Pakete so kenntlich macht, den anzunehmen andere vergebens sich bemühten, du hattest Richardson, Scott, den Prinzen von Wallis in dir, ja du hattest genug Redegabe, um ein Fox zu werden, wenn dich die Frauen nicht gehindert hätten, dein Talent zum Trinken auszubilden. Deine Wirkung auf die Gesellschaft war gewaltsam, eine Dame gab sich mit dem Messer eine Wunde, weil du sie nicht im eleganten Kreise dulden wolltest, ein Offizier ließ sich in eine entfernte Garnison versetzen, weil du ihn nie zu deinen Abendgesellschaften geladen. Dabei spieltest du die Rolle des Beichtvaters, du mußtest von allen Geheimnissen unterrichtet sein, um sie deiner Fürstin zur Unterhaltung aufzutischen. — Halt, unterbrach ihn der Rittmeister, hier nicht weiter aus der Schule geschwatzt vor den Ohren dieses Jünglings, genug, daß Rang und Würde, Geburt und Amtsehre unter meiner Regierung, vor Geist und Schönheit, sich beugen mußten. — Dessen bin ich Zeuge, rief Runzel, die größten Unanständigkeiten wurden mit Anstand betrieben, und außerdem hatte es für den Hof noch den Vortheil, in einem Lande, wo die Adligen sich so hoch achten, wie Fürsten, durch eine unsichtbare höhere Hand eine ausgezeichnete Atmosphäre um sich zu sammeln und jene höhere Hand war die Eleganz. — Sicherer ist doch das politische Glaubensbekenntniß, sagte Arthur. —Runzel winkte dem Rittmeister mit gerümpfter Nase: Ein Bekenntniß, sagte er, setzt immer eine Schuld voraus, damals aber setzte noch jeder etwas darin, daß er Niemand Rede und Antwort zu geben brauche, als sich selbst. Aber frühstücken muß ich durchaus, am liebsten Caviar, oder was du vorziehst, denn auch in allen Tischfreuden hat dein Urtheil unumstößlich gegolten. Wer hätte gewagt, ein Gericht zu verachten, das du angegeben; wer hätte an der Ächtheit eines Weines gezweifelt, den du anerkannt hattest? Durch dich lernten erst hier die reichen Herren einen guten Tisch führen, ohne wie jene Leckermäuler in Frankreich die Speisen zum Wesen der Unterhaltung zu machen. — Das ist auch gräßlich, rief der Rittmeister, freilich die Herren, die alles in der Welt verdammen, alles bedenklich machen, müssen endlich zu diesen Ragoutgesprächen wie alte Köchinnen ihre Zuflucht nehmen. Ich konnte entbehren, wie ein Held, du hast mich nicht zur Zeit der Geistererscheinungen am Hofe, gekannt. Drei Monat lebte ich bei Wasser und Brod vollkommen enthaltsam, vertrieb jede böse Lust aus meinen Gedanken durch Kasteiung, blos um zu der Reinheit zu gelangen, die den Schlüssel der Geisterwelt darreicht. — Haben sie diese geheime Welt aufgeschlossen? fragte Arthur verwundert. — Leider, antwortete der Rittmeister, aber der Mensch findet dabei so wenig seine Rechnung, als ob er mit vornehmen Herren Kirschen essen wollte, sie werfen einem die Steine ins Gesicht, zum Dank für das Abpflücken und Darreichen. Dabei fehlte es mir an Unterhaltung mit diesen Geistern. Was sollte ich fragen? Ob mein Wallach, der Hamilton, den Wettlauf gegen die schwarze Stute des Prinzen gewinnen würde? Wann ich Rittmeister werden könnte? Ich hatte zu viel Anstand, um ihnen solche Kleinigkeiten kund zu thun, wie meine Mitadepten, die nach Hülfsmitteln gegen ihre menschliche Gebrechlichkeit forschten, wie denn der eine nur gute Magenpillen verlangte, der andre lebensverlängerndes Elixir, der dritte haarwachsende Pomade sich erbat. Sie wurden von den Geistern angeschnautzt, und mancher verlor die erhaltene Antwort vor Schrecken über die Stimme. — Ich bitte dich, unterbrach ihn Runzel, sprichst du im Traume, willst du uns foppen, soll ich gar erleben, daß die Mystik auch über dich, den hellsten Kopf, triumphirt. — Liebster Freund, fuhr der Rittmeister fort, was ich dir sage, ist mir so erschienen im Tempel unsres Hohenpriesters, des verstorbenen alten guten Fürsten, der blos zum Besten des Landes die Geister sprechen wollte, wenn wir da nach langem Fasten unter den Dämpfen seiner Räucherpfannen entschliefen und im höheren Sinne aufwachten. Da war kein Unterschied der Zeit, oder der Entfernung, das Zukünftige war mir so nahe wie das Vergangene, und ich schwöre dir: wie wir hier zusammensitzen und über die Geister reden, das sah ich alles damals; und einer der Geister, der deine Verwunderung, Runzel, bemerkte, lachte über deinen Unglauben, weil er Niemand je so handgreiflich umgeben als dich, dir tausend Dinge versteckt habe, die du eben gesucht und sie dir dann wieder hingelegt habe, daß du aufgeschrieen: War ich denn blind! — Das ist zu toll, rief Runzel, und sprang wie ein Mensch auf, der von einer Tarantel gebissen. — Von dir, Arthur, sagte er mir: „er stürzt die Ordnung der Welt um, und läßt sich vorzeitig für volljährig erklären, damit sein Vormund nicht länger von seinem Vermögen zehren soll. Oft hat er in seiner Kammer die Geister seiner Ahnen angerufen, seine Burgen gegen euch zu schützen,“ und nun sieht er mit Beschämung, daß ich durch meinen Vorschuß den Verkauf seiner Güter hinderte, den die Behörde schon beschlossen hatte. — Bei Gott, rief Arthur, sie haben Geister gesehen, was sie eben sagen, waren meine Gedanken und Worte sogar, mit denen ich ihre Umsicht bewunderte, so bedeutende Verbesserungen in wenigen Jahren durchzuführen, daß alle Schulden und Vorschüsse getilgt sind, obgleich sie mir auf Reisen mehr nachsendeten, als ich brauchte. — Was meine große Umsicht betrifft, sagte der Rittmeister, so that das Glück wohl das Beste, das nun einmal während einer Reihe von Jahren die Landwirthschaft bestrahlte. Lassen wir das. Die Geister sagten mir auch, daß du unschuldig an dem Verdachte gegen mich gewesen, daß es hier aber altkluge Leute giebt, die sich nie verwunderten, woher ich Stärke, Muth und Ansehen gewonnen, wohl aber wie ich bei mäßigem Vermögen so viele Ausgaben bestreiten konnte, und da helfen sie sich mit Vermuthungen. — Sie meinen, rief Runzel, daß du ein besondres Geheimniß im Schuldenmachen aus der Geisterwelt mitgebracht hast, oder daß du Geld machen kannst. Denke dir als Möglichkeit, sagte der Rittmeister, ich sei in dieser Societät von Geistersehern der Einzige gewesen, der Ausdauer genug hatte, alle Proben der Enthaltsamkeit zu überstehen, während die hohen Herrschaften den zudringlichen Reizungen, die alten Generale der guten Küche, und die Geistlichen dem Weine nicht widerstanden. Sollte das nicht von den Geistern belohnt werden mit etwas Staub aus ihren Flügeln, der Blei in Gold verwandelt, oder auch von den Herrschern, wenn ich ihnen die Zukunft wiedererzählte, wie ich sie da als Gegenwart vernommen, und, von dieser Kraft geleitet, Friedensschlüsse eingehen, die ein Jahrzehend der Fülle und des Ansehens über sie brachten. — Hätten Sie die Zukunft so bestimmt gesehen, rief Arthur, es hätte weder der Geldmacherei, noch der Gnadengaben bedurft, sie hätten in den Papieren unglaubliche Spekulationen machen können, wie ich denn blos mit etwas Klugheit meine jährlichen Ersparnisse durch Renten-Spekulation verdoppelt habe. Gestern Abend erhielt ich durch einen Courier aus Paris eine Nachricht, die mir Tausende einträgt, weil hier noch Niemand unterrichtet war, und ich daher sehr vorteilhaft mit einem Manne heute abschloß, den ich bei meinem Banquier fand, — die Papiere sind schon in meiner Tasche. — Welche Nachricht, fragte Runzel, ich gebe mein Wort, daß ich nicht spekulire? — Arthur, verdammter Jude, rief der Oberst, ist das die Höllenstrafe deines seligen Vaters für alle seine Neckereien, gegen Juden, die sich mit Dinees und Philosophie in die anständige Welt einschlichen, daß du am Sonntage deinen Geldschmu machst, während die Juden doch ihren Sabbath heiligen, und ihre Geschäfte durch einen Getauften verrichten lassen? Couriere aus Paris bringen dem Jüngling keine Liebesbriefe, neue Moden oder Pasteten, sondern Courszettel, die kleinen Dinger mit den vielen Zahlen, die ich bis zu dieser Stunde noch nicht verstehen kann, obgleich mein alter Jude sie mir jedesmal beim Geldumsatz beilegt. Arthur, ich creire dich künftig zu meinem Bankjuden, ich meine bei der Pharaobank. — Arthur erwiederte kalt: Es spekulirt jeder; der eine auf einträgliche Stellen, der andre auf Getreidepreise, der dritte auf Häuser, Schiffe, sie, bester Vetter, auf Karten, und wenn ihnen das Spiel jährlich mehr als neun Procent, wegen der theuern Nebenausgaben an Beleuchtung, Erfrischung, für Polizei einträgt, so haben sie es weiter gebracht, als die ältesten Pariser Bankhalter. — Die volle Anstrengung meines Geistes am Pharaotische, sprach der Rittmeister ernst, alle diese Feldzüge gegen übermächtige Gegner, die ich wie Friedrich besiegte, alle Verzweiflung, allen Jubel, der mit dem eignen und fremden Leben würfelte, lasse ich mir nicht taxiren. Hat man dem Napoleon nach Procenten angerechnet, was er gewonnen und verloren? Als er alles aufs Spiel gesetzt, alles verloren hatte, traten die Weisen zu ihm, belauschten jedes seiner Worte und schrieben es auf; und wie viel mehr wäre von mir zu schreiben, wenn ich aufrichtig alles sagen dürfte, aber da hält mir eine Hand den Mund zu. — Runzel, der erstaunt sah, wie er mit der Luft sprach, und die Vorhänge sich bewegten, als ob eine Gestalt sich hindurch dränge, sprang auf und sagte: Das Fenster schließt nicht gut, es wird windig. Doch Freund, laß deinen Spielerstolz, ich weiß, ihr bildetet eine eigne Kaste, die Geachteten, obgleich sich anfeindend, unterstützten einander, hatten eine Geschichte ihrer Helden im Kopfe, ich glaube sogar ihre eigne Religion, die ein verrückter Graf aus Italien mitgebracht hatte, dessen Glücksberechnung an Länge alle astronomischen übertraf. Nur sage mir wie sahen die Geister aus und wie unterscheiden sie sich von den Geistern lebender Menschen, die sich in ihr Reich drängten? — Das kann ich dir deutlich machen, fuhr der Rittmeister fort, wenn ich dich an den Eindruck eines Lampenputzers auf dem Operntheater erinnere, der in der Meinung, von der Coulisse versteckt zu sein, mitten unter reizenden Göttinnen stehen bleibt und unbewußt vom Publiko verlacht, endlich vom Direktor mit Fußtritten fortgestoßen wird. So ergeht's den Menschen im Geisterreiche. Die Geister erscheinen uns, ich meine die gereinigten ewigen, etwa in der Art wie jene Miniaturbilder, in denen ein karaktervolles Auge, ein schöner Mund, ein schöner Nacken mit Flügeln aus Wolken dringt, so daß der Vertraute leicht das Ganze erräth, während der Neuling sich mit Errathen abmüht. Solche Neulinge sind wir Menschen, die Geister überschreiten alle Grenzen der Phantasie, und dies einzelne Auge was sie uns zeigen, ist so strahlend wie eine Sonne die den ganzen Himmelsraum einnimmt statt ihn zu durchlaufen, und jener geflügelte Nacken so mächtig daß wir wie ein Stäubchen am Schmetterlingsflügel fortgerissen, bald am Eise des Nordpols bald am afrikanischen Sande vorüberstreifen, ja die einzelnen Adern unter dieser Geisterhaut erwecken dasselbe Gefühl wie die Beschreibung des Ganzen in überseligen Reisebeschreibungen, ja alle alte Mythengeschichte läßt sich nur aus solchen Anschauungen eines Augenblicks erklären, die der Seher nachher durch seltsame Symbole festzuhalten strebte, die seiner Erläuterung beraubt, zu abergläubischen schrecklichen Realitäten verwandelt werden, dem einen Mord, dem andern Selbstplage zur heiligen Pflicht machen. Ja, mein junger ungläubiger Herr, so ein Geistermund verwandelt auf einmal alles in Kuß, daß Mauerwände mit ihren Thüren Paradiesespforten scheinen, die sich zärtlich an uns drängen. — Nun, du hast doch etwas gelernt, rief Runzel, in der Geisterseherkolonie des alten Fürsten, vom alten gräflichen Adepten, vom Probste, vom aufgeschwollenen Minister, und wer sonst noch heimlich an diesen Experimenten Theil nahm, ich habe blos darüber gelacht und das hat mich nicht klüger gemacht. Ist es denn wahr, bist du dort zu deiner Frau geistig gekommen? — Freilich, fuhr der Rittmeister fort, das war die letzte bedeutendste Erscheinung auf dem Geistersopha des alten Fürsten, wo er und ich und alle jene Herren, nach so langem Fasten der höheren Eingebung harrten. Ich hatte mir eine Nachtmütze, gleich den andern, übers Gesicht gezogen, um nicht durch äußere Eindrücke gestört zu werden, die Ohren waren mit Baumwolle verstopft, da erschien mir nach manchen vorübergehenden Lichtgestalten Miranda schlafend in einem Kirchenstuhle an der Seite ihres Vaters, des alten Ceremonienmeisters von Blauflügel, der nur diese eine Autorität über sie hatte, sie zuweilen in eine französische Predigt zu führen. Sie schlief reizend, über ihr kämpften Engel und Teufel in der Gestalt von Mücken und Fliegen, aber ich nahm die Partei der letzteren, weil diese sie hinaus aus der Kirche und zu mir hinzutragen trachteten. Sie hätten gesiegt, schon nahte sie sich mir, ich streckte die Arme nach ihr aus, ja ich drückte ihr Herz mit solcher Gewalt an das meine, daß sie laut aufschrie und über ihr Herz klagte, das ich ihr entrissen, als mein Nachbar, der Probst, noch heftigere Klage ausstieß, weil sie seine Nase unsanft berührt haben mochte. Das störte die Gesellschaft in ihrer Geisterandacht, der Großmeister forderte, daß jeder von seinen Erscheinungen Bericht erstatten solle. Der Probst hatte geträumt, er sei auf der Kanzel eingeschlafen, worüber die Zuhörer große Rührung empfangen, bis ihn der neidische Küster mit dem Klingelbeutel angestoßen, und das sei ich gewesen. Der gräfliche Adept versicherte, er habe mich und Miranda in der Gestalt zweier Herzen als wiedervereinigte bunte Strahlen in höchster Reinheit höherer Sphären gesehen, wir seien einander bestimmt und die nächste Zeit werde dies Wunder der Einigung vollbringen. Ich protestirte feierlich, mir war allzubekannt, wie sie dem Vater durch Heftigkeit ihrer Launen mitspielte, wie sie aus Widerspruch sich in die ärgerlichsten Verhältnisse verwickelt hatte. Und dann, aufrichtig gesprochen, sie hätte Ähnliches gegen mich erinnern können, aber was man selbst treibt, will man gern allein treiben, und ein weiblicher Lebensgenosse von ähnlichem Treiben kommt oft in die Quer und verleidet das Spiel. — Aber mit welcher Anmuth war diese Bosheit gepaart, unterbrach ihn Runzel! Der Körper einer Engländerin mit dem Geiste einer Französin, dabei listig und herrisch wie eine Russin, ein fremdes Wesen unter uns, aber mit allen verwebt. Auch meine Blumensträuße trug sie auf Bällen, und sieh nur, weißt du noch, wie sie damals beim Kronfeldherrn auf dem Balle den seidenen Hut aufthürmte? Sieh nur, so war er aufgesteckt und so tanzte sie in der Anglaise mit mir nieder. — Einzig schön, riefen beide Zuschauer, Runzel verwandelt sich vor unsern Augen in ein Mädchen. — Heftig athmend fuhr Runzel fort: Und welche Briefe schrieb Miranda, ganz wie Rousseau, welche tiefsinnige süße Reflexion, Resignation und Reminiscenz. Alle alte Diplomaten nahmen sie dann in Schutz, und das waren rechte Erzschelme aus Richelieus Schule, keine solche Schreiberesel, wie die jetzigen, aber freilich, den einen hatte ich bügellos, den andern entsattelt, den dritten auf der Flucht vor ihrem Geiste gesehen, und alle mußten für ihre Schonung dankbar sein. Gerade heraus gesprochen, ich wollte sie heirathen, als aus Versehen eins ihrer Billette an einen trübsinnigen Emigranten, der sich überall mit Jammergefühlen auf der Guitarre hören ließ, mir in die Hände fiel. Da stürzte ich mich in den politischen Wirbel zu Paris, und so bin ich nach meiner ganzen Bestimmung auch von diesem Engel des Lichts dirigirt worden. Sie ist hier, das weiß ich, aber ich scheue mich, sie wieder zu sehen; denn sieh nur, ein unglücklicher Liebhaber schämt sich, daß er alt geworden, weil er tausendmal geschworen, aus Schmerz in frischer Jugend zu sterben. Aber erzähle weiter, ich brenne vor Verlangen, wie der Mißgriff an des Probstes Nase endete. — Den Mißgriff endete meine Geisterschau, sprach der Rittmeister, denn Alles benutzte diese Störung als Vorwand, sich dem strengen Fasten zu entziehen. Und wie bei den Versuchungen der Heiligen in der Wüste, so stellten sich alle Genüsse auf einmal zusammen, alle Arten köstlicher Weine in herrlichen Pokalen, die seltensten Küchenwerke drangen durch die heiligen Weihrauchwolken von betreßten Teufeln dargereicht. Bei diesen Genüssen nach langer Entbehrung schluckte der Fürst den Tod hinunter und wir alle erkrankten. Eine Gluth ergriff mich, Miranda's Bild malte sich mir immer lebhafter, immer deutlicher, doch fühlte ich mich dabei krank und eilte nach Hause, von allen Geistersehern herzlich bedauert, die in mir einen Helden bewunderten, der weiter als sie alle in die geheime Welt der Wirklichkeit aus der des Scheins eingedrungen war. — In meinem Hause fand ich zu meiner Verwunderung einen Bedienten von Miranda, und ein Schreiben von ihr, worin sie meinen aus England neuangekommenen seltsamen Überrock für sich zu einer kleinen Komödie begehrte, ein etwas kühnes Ansinnen, weil jeder auf solch ein Eigenthum mit Eitelkeit hielt, und es für keinen Preis zum Nachahmen mittheilte. Inzwischen gab ich ihn ohne Schmerzen hin, weil ich damals nur in sehr vertrautem Kreise ohne Uniform erscheinen durfte und fragte so obenhin, wie sich das Fräulein befinde? — Der Mensch sagte, daß sie unerwartet krank geworden und über einen Schmerz am Herzen klage, woraus doch jetzt ihre Leute sähen, daß sie ein Herz habe. Ich schob den unverschämten Burschen zur Thür hinaus, und verfiel in Nachsinnen über diese Krankheit, ich merkte endlich, daß ich selbst des Arztes bedürfe, so war mein Blut entzündet, und riß meine Gedanken fort in fieberhafter Raserei, wofür dieser Freund Runzel meine ganze Geisterseherei halten mag. — Doch heilte mich jener Oberadept unsrer Geisterseherbande, durch einen starken Aderlaß, und war über den Anblick meines Blutes sehr verwundert. Er versicherte, Miran da auch zur Ader gelassen zu haben und wir beide hätten dieselbe Farbe des Blutes. Ich hatte ihm kein Wort von Miranda's Sendung und Krankheit vertraut. — Aber du hattest geraset, wahrscheinlich von ihr. — Kann sein, aber warum hatte mein Bedienter nichts vernommen, er sagte, daß ich beständig von der schwarzen Stute gesprochen, die ich englisiren lassen. Genug, der Adept wurde in jenem Augenblick mein Vertrauter. Er zog darauf sein Prisma aus der Tasche, beschaute mich und berichtete von einer Lichtberechnung, und daß wir beide ein Strahl aus höherer Sonne wären, der von der Erde in Farben gebrochen, wieder vereinigt dieses höhere Weiß aus bunter Zerstreuung wiederbilden würde, welches wir mit dem Namen Seligkeit bezeichneten. — Mir gings im Kopf herum, wie ich meist den ersten Tanz nach dem Essen mit Miranda getanzt hätte, gewöhnlich mit ihr zu früh oder zu spät in die Gesellschaften getreten sei, kurz eine Menge Dinge, die einer himmlischen Einigung günstig schienen, hauptsächlich aber, daß ich mir oft gesagt, sie sei die einzige, mit der ich mich nicht schämen würde als Bräutigam aufzutreten. — Der Adept fügte so beiläufig hinzu, der alte stumpfe Hofmann, ihr Vater, sei viel reicher, als man glaube, das bewies er aus seinem Vermögensregister aller angesehenen Familien des Landes. Der siebente Morgen darauf entschied mein Geschick. Ich stehe hinter den Gardinen meiner Fenster halbgenesen, unsichtbar den Vorübergehenden, und sehe meinen neuen englischen Überrock, den ich Miranda geliehen hatte, schnell vorübergehen, und um die Ecke beugen. Es war ihre Gestalt und der Entschluß, ihr nachzueilen, bewegte mich blitzartig.
Aber wie ich im Traume oft dadurch in allerlei Gesellschaft beschämt wurde, weil ich zu entdecken meinte, daß ich meine Unterkleider anzuziehen vergessen, so fand ich mich jetzt wirklich ohne diese nöthige Bekleidung, hatte meinen Bedienten auf Neuigkeiten ausgesendet, und konnte wegen der Aderlaß-Binde nur langsam mit dem Anzuge fertig weiden.
So erklärte ich es mir, daß, als ich zu Miranda eintrat, sie ihr Kostüm verlassen, und in zierlicher Morgenkleidung mir entgegen trat. Ich fand sie ängstlich, und sagte ihr auf den Kopf zu, sie sei in männlicher Kleidung an meinen Fenstern vorübergegangen: Sie gestand mit Erröthen, daß sie nach meiner Gesundheit sich erkundigen wollen. Die Geisterwunde ihres Herzens kennen zu lernen, trieb mich unselige Neugierde, der Adept förderte alles von oben her, so fand ich mich nach wenig Wochen verheirathet mit derselben Verwunderung wie Luther, der beim Aufwachen es nicht begreifen konnte, wie dieser Kopf mit langen Zöpfen, seine Käthe, zu ihm in sein Gemach gekommen.
Nie hatte die Stadt ein so glänzendes Haus gesehen, als das unsere. Wir waren auch mit einander zufrieden, sogar stolz auf einander, und so hätte es vielleicht bis heute gedauert, wenn ich die Geistergeschichte hätte verschweigen können. Aber da entdeckte mir eine dienstfertige Freundin, jene Verkleidung, um nach meiner Gesundheit zu fragen, sei blos Ausflucht gewesen, da Miranda's Bruder, damals Modenmann, jetzt der ärgste Pietist, sich in dem Kleide habe zeigen wollen, daß er sie dadurch in große Verlegenheit gesetzt habe, als ich mit der Nachfrage erschienen, daß die himmlische Geisterverbindung aus einer Nothlüge hervorgegangen. Eine andere berichtete emsig, daß Miranda in jenen Tagen krank geworden, weil sie in einer Unterredung überrascht worden mit einem Engländer, von dem es bald daraus klar geworden, er sei ein deutscher Knopfmacher gewesen. Meine gekränkte Eitelkeit forderte, daß ich mich durch glänzende Eroberungen rächte. Das brachte Miranda so zur Verzweiflung, daß sie in unsrer Vaterstadt nicht bleiben wollte. Überschlagen wir einige Blätter des Lebens.
Ihr findet mich und Miranda auf einer Reise um die elegante Welt in der Cajüte eines englischen Postschiffes vom heftigen Sturme eingesperrt, den Adept, unsern Begleiter, der alle Geister anruft um den Zorn zu beschwichtigen, der unter dem wildesten aller Elemente uns gegen einander empört und uns darauf hinweist, daß wir die Natur aus ihren Angeln reißen, weil wir unsre Strahlen nicht in Frieden vereinigen können. So kommt dann unter der Leitung dieses Beschwörers folgender Friedensvertrag zwischen uns beiden unverträglichen, eitlen, launenhaften, heftigen Geistern zu Stande: Da wir beide contrahirende Mächte einmal nicht von einander ablassen, und auch nicht friedlich mit einander leben können, so entsagen wir allem Anspruch auf Gift, Dolch und ähnliche Mordwerkzeuge, welche gewaltsam dieses Band für diese Welt lösen und in jener Welt noch enger knüpfen, vielmehr wollen wir versuchen, wenn wir die Herrschaft von acht Tagen zu acht Tagen einander übergeben, wer am ersten von dem andern zu Tode geärgert sein werde, welches nach Angabe des Geheimengeisterrathes die einzige Manier sei, wie wir für die Ewigkeit von einander loskommen könnten. — Da seht ihr, die ihr mich zweifelhaft anschaut, die Urschrift jenes Kontraktes bei einer flackernden Lampe noch deutlich genug im Sturme geschrieben. Ich gab der Miranda nicht nach an eleganten Erfindungen uns zu quälen, während unser Haus ein Tummelplatz der lustigen vornehmen Welt war, die Miranda mit ihrem schönen Kinde, Georgine, und mich für die glücklichsten Sterblichen hielt. — Quälerei! rief Runzel, solche periodische sahen wir in allen Revolutionen. Wo sich Parteien wohlbesonnen vereinigt zu haben schienen, konnte doch keine in der festgestellten Mitte bleiben, denn sie standen auf einem Boden, den ihr Kampf bewegte. Sie schwankten und fielen einander an, um sich zu halten, bis eine höhere Hand sie überstürzte und einen frischen Thon auf die Töpferscheibe brachte, um Menschen daraus zu drehen. — Triumph, antwortete der Rittmeister, selbst in Runzel ist ein Ansatz zum Geisterglauben in der Mitternacht der Geschichte angeschossen. So kann ich es denn dreist wagen, den Ablauf dieses Geistercontraktes zwischen mir und Miranda zu erzählen. Der Adept hatte sich über uns sehr bald als Usurpator erhoben, ohne daß wir es bemerkten, denn öffentlich erschien er wie ein achtbarer alter Kammerdiener, der alle Geschäfte der Reise besorgte, und nebenher unsrer Unwissenheit durch seine Kenntniß forthalf. Was er mit uns vor hatte, weiß ich nicht, das Kind Georgine war sein Abgott und nur wegen des schlimmen Beispiels, das wir gaben, war er zuweilen ernstlich böse auf unsern Leichtsinn. Seine gelehrten Forschungen verstand ich nicht, dagegen hörte er gern mein Urtheil über seine populären Aufsätze. Ich habe sie Eduard geliehen, der sie nicht genug loben konnte. Er konnte die Geheimnißkrämer nicht leiden. „Wer mit Geheimnissen Lärm macht,“ sagte er, „hat nie ein Geheimniß gehabt. Wie wir uns erst am Ende des Lebens in einem Hause recht heimlich fühlen, während wir früher immer in andern Regionen unsre Heimath zu finden hofften, so tritt uns das Geheimniß erst dann recht nahe, wenn wir die Mittheilung aufgegeben haben.“ — Solche Reden machten dann den Übergang zu seinen Todesgrillen, er glaubte die Stunde zu wissen, in der er abgeholt werden sollte. Nun, liebe Herren, habt ihr wohl vom Herzog von Luxemburg gelesen, der vom Teufel geholt wurde, obgleich es seine Geschichtschreiber ableugnen? — Nein, heute machst du es zu toll, rief Runzel. — Ich sage nicht, fuhr der Rittmeister fort, daß der Teufel ihn holte, aber ich will nur aus seinem Tode deutlich machen, was für eine Erscheinung es sei, die von bornirten Leuten mit dem Teufelholen bezeichnet wird. Solche Unglückliche fühlen wohl die Zeit, wo ihr Geist ihrem gesteigerten Genusse an Spekulation nicht mehr gewachsen ist, und da leiht ihnen der Teufel den sinnlichen Genuß als Träger des Übersinnlichen, der Geist scheint wieder gestärkt, wie das sinnliche Wesen, dem sie sich lange entzogen, neues Leben gewinnt, aber so verbunden mit dem Körper in seinem Streben theilt er dessen Sterblichkeit, und wenn endlich dieses sinnliche Wesen jenes ganz zu sich herabgezogen hat, dann ist der Kontrakt mit dem Teufel abgelaufen. Sie möchten los von der Angel, wenn sie die Nähe dieses Termins ahnen, sie möchten beten, aber ihr Gebet ist nur wie das Vaterunser der Mägde, die damit die Zeit zum Eierkochen abmessen, jedes Nachdenken nähert ihnen die Bilder der gemeinsten irdischen Freuden. So erging's unserm Adepten, der erst sein Ermatten durch Wein, durch schöne Frauen zu bekämpfen suchte, und sich dadurch allmählig zu einer Abhängigkeit von der Welt gebannt fühlte, die ihm den Tod ganz nahe verkündigte. Aber wie bei Wetterpropheten so mancher Tag die Rechnung widerlegt, so vergaß er die bösen Stunden in unsrer belebenden Unterhaltung und machte uns dadurch sicher, Einst fand ich ihn ganz erschöpft in der alten polnischen Stadt Krakau, die damals voll alter Bücher stockte, voll eisgrauer kabalistischer Rabbinern, und astrologischer Mathematiker, die da bei den alten Königsgräbern umher schnüffeln. Ich sagte ihm, daß die artigsten leichtsinnigsten Polinnen bei meiner Frau wären, er schüttelte mit dem Kopfe und wollte nichts davon wissen. Stillschweigend reichte er mir jenen Schiffskontrakt eingerissen zurück, ihr habt den Riß gesehen, und übergab mir ein versiegeltes Testament, aus welchem unsere Trennung hervorgehen werde. Dann verordnete er, daß wir sein Zimmer nach seinem Hinscheiden bei seinem Fluche nicht wieder betreten sollten, daß wir Krakau an dem Tage seines Ablebens verlassen müßten, wozu schon die Pferde bereit ständen, daß wir seine Beerdigung einem alten Diener allein überlassen müßten, dem er dazu schon das nöthige Geld gegeben. Ich forschte nach seiner Todesstunde, er gab den Schlag der nahen Mitternachtstunde an. Nun hoffte ich ihn durch seine Neigung zum weiblichen Geschlechte zu zerstreuen, er aber versicherte, daß diese seine Neigung ihn nur zu oft von der Bahn seiner Forschungen abgelenkt habe. Gegen seinen Willen brachte ich die ganze Schaar schöner Polinnen zu ihm, die ihn wie Huldgöttinnen umfangen und durch zärtliche Schmeichelei zu zerstreuen suchten. Er schien nicht widerstehen zu können, ich glaubte die fatale Stunde überwunden zu haben, als es heftig an die Thüre klopfte, während die Mitternachtstunde sich an der Glocke der großen Kirche verkündete. Er fuhr zusammen und verfiel in Krämpfe, die Schönen flohen. Als ich zur Thüre hinausblickte, fand ich einen einfältigen Bedienten, der im Namen eines alten astrologischen Professors ein Buch zurück forderte, das er dem verstorbenen Adepten geborgt habe. Nachdem ich ihn zornig zurückgewiesen, kehrte ich ins Zimmer zurück. Es war finster, der Armleuchter war umgestürzt, die Damen entflohen. Als der alte Kammerdiener des Adepten mit einer kleinen Lampe eintrat, fand ich den alten Freund mit verdrehten Augen, ohne Athem, vom Stuhle auf den Boden herabgesunken. Der alte Diener schwor, es sei aus, aber er wolle noch alle Mittel anwenden. Er holte Aderlaßzeug, aber das Blut floß nicht. Da führte er mich zum Zimmer hinaus und verschloß es, ganz wie der Adept befohlen. Die Wagen fuhren vor, wir stiegen traurig ein und hielten nach wenig Stunden bei dem Landgute still, das ich erst am vorigen Tage verlassen hatte. Hier wurde das Testament nach seinem Willen, in Gegenwart angesehener Männer eröffnet. Es fand sich darin sein Vermögen in sichern Geldpapieren, dessen eine Hälfte er mir und Miranda unter der Bedingung vermachte, daß wir bis zur Großjährigkeit Georginens nicht in einer Stadt zusammentreffen sollten, um durch diese Trennung allen Streit zu schlichten. Nachher möchten wir der reifern Vernunft unser Geschick überlassen. Georgine erbte die andere Hälfte, doch unter der Bedingung, daß sie von uns entfernt auf dem Landgute einer stillen Verwandtin, unweit von Arthurs Zehenburg erzogen werden sollte. Nachdem sie großjährig geworden, stehe es ihr frei, nach eigner Wahl sich zu vermählen oder auch zu einem von uns zu ziehen, die Disposition über dieses Erbtheil blieb ihr völlig anheim gestellt. Das Testament wurde genau ausgeführt, denn hätte uns auch nicht ein gewisses Grauen vor dem Verstorbenen erfüllt, so war es schon zwingend genug, daß wir, Miranda und ich, unser ganzes Vermögen verzehrt hatten, und daß dieses Vermächtniß groß genug war, uns für immer ein glänzendes Leben zu sichern. So wißt ihr nun, wie ich bin reich geworden, und wenn ich es länger den Leuten verschwieg, so war wohl das Teufelholen, was damit verbunden, die einzige Ursache. — Teufelholen? fragte Runzel, bist du damit bedroht? — Nein, alter Freund, sagte der Rittmeister, ich hoffe es nicht, vielmehr spiele ich eher selbst, wenn du die Geschichte genauer betrachtest, die Rolle des Teufels, der dem Alten seine ernsten Vorsätze im letzten Stündlein durch die zudringlichen Huldgöttinnen abwendig machte, oder wie es im Liede vom Doktor Faust heißt:
So lang das Buch ihn thät belehren,
Wollt sich bekehren Doktor Faust;
Er thäte sich alsbald umkehren,
Daß es uns allen vor ihm graust.
Der Teufel hat ihn abgewendet,
Er malt ihm eine Venus schnell,
Und als er ihn damit geblendet.
So führet er ihn in die Höll,
Von einer Seite ist es gar nichts Unnatürliches, daß ein Mann, der so viele medizinische Kenntniß hatte, und sich so genau beobachtete, die Annäherung seines Todes errathen konnte, er litt öfter an Krämpfen und starb daran. Von einer andern Seite ist die Geschichte genau Wiederholung der bis zum Überdruß von Poeten benutzten Teufelholungen. Wir wollen darüber jedem seine Meinung lassen, er ist in Krakau durch den alten Diener begraben, und dieser zog mit einem Wagen voll wichtiger Bücher bald darauf ins Ungerland und ließ nichts weiter von sich hören. Georgine wurde in frommer Gesinnung bei der Verwandtin aufgezogen, die zu einer der abgesonderten kirchlichen Gemeinen gehört, und Miranda hat in dieser Zwischenzeit ebenfalls diese Richtung angenommen. Seit zwölf Wochen ist Georgine großjährig zur Mutter gezogen, und mit ihr hier eingetroffen. Aus reinem Pflichtgefühle ist Georgine bei mir gewesen, hat sich mir kindlich empfohlen, aber mit Festigkeit meine Wünsche abgelehnt, daß sie mein Haus beleben möchte. Sie wünschte mich mit ihrer Mutter zu versöhnen, und wie gern bot ich dazu die Hand, da Miranda noch unendlich durch Erfahrung an Reiz für mich gewonnen hat, ja die einzige ist, deren Unterhaltung mich nie ermüdet. Aber mein Leichtsinn, meine Entfernung von der Schulsprache ihrer Frömmigkeit, meine Abgeneigtheit öffentlich und mit andern zu beten, das sind noch ernste Hindernisse, obgleich sie mir zugesteht, daß ich wohl besser sein könne, als ich scheine. Was soll ich nun thun, Runzel? Soll ich aus Liebe zu Miranda mich auch dieser eleganten Frömmigkeit ergeben, auf die ich so lange gespöttelt und geschimpft habe? Soll ich aus meinem Karakter fallen, soll ich mich lächerlich machen, um eine Tochter zu gewinnen? Soll ich dem Vorwurfe der Scheinheiligkeit mich aussetzen, dem Vorwurfe eigennütziger Zwecke, da meine Tochter während der Minderjährigkeit ihr Vermögen mehr als verdoppelt hat? — Nein, rief Arthur, werden sie in Wahrheit fromm, verlassen sie die Bahn jener verderblichen Zeit. — Spielst du Piquet? fragte der Rittmeister. — Nein, antwortete Arthur ohne rechte Fassung. — Immer nein, fuhr der Rittmeister fort, es ist doch seltsam mit den jungen Leuten dieser Zeit. — Ich verschwor es in Paris, als ich meinen Meister fand. — Du hättest von ihm lernen sollen. Ich habe ein ganzes Jahr fast täglich verloren, bis ich meinen Meister zu überwinden lernte; woher hast du aber so schnell die Lehren der Weisheit gefaßt, wenn dich die Erlangung dieser leichten Spielklugheit schon abschreckte? Ich sage dir, ich werde dir noch als ein Heiliger erscheinen und wiederhole die Lehre meiner Kinderfrau: wer sich an alte Kessel reibt, der macht sich leichtlich schwarz. Nun, Runzel, hast du keinen Rath für mich? — Keinen andern, rief dieser, als daß ich dich nicht verlassen will, um dich gegen alle Schwindeleien dieser neuen Mystik zu bewahren, nachdem du so glücklich dem alten Schwedenborgianer, an dessen Tod ich nicht glaube, mit reicher Erbschaft entkommen bist. — Nun das ist fast die Manier unsers Freundes, des Herrn von Kloots, antwortete der Rittmeister, den bei seiner Hinrichtung nichts kümmerte als die Furcht, seine Freunde in der Gefangenschaft möchten in der Todesangst gläubig werden. Mit einem Worte, ihr seid beide keine Helfer in der Noth, ich sehne mich nach ein paar Regimentskameraden, um Bank zu machen, aber ich höre die Tritte eines andern, das wird der Rathgeber sein.
Schwarz gekleidet trat ein kräftiger aber bleicher junger Mann ein, der sein Schnupftuch gegen die Wange drückte. Willkommen Eduard, rief der Rittmeister, wie stehts mit der Liebe, was treibst du, ich sage, Georgine liebt dich, ich habe die sichersten Zeichen. — Mit einem Wink der Beschwichtigung sah sich der Eintretende um, aber der Rittmeister machte ihn mit Arthur als mit einem nahen Verwandten und mit Runzel als einem Vertrauten seiner Jugend bekannt, und fuhr dann fort: Sie klagt über nichts, als über dein dogmatisches System, du kannst ihr doch den kleinen Gefallen thun, ihren Grillen nachzugeben. Dann beschwert sie sich, daß du so selten kommst. Was hält dich, warst du krank? — Ich habe meine Zeit nöthig, sprach Eduard, ich habe viel Zeit unter den Griechen verloren, ich bin examinirt, habe ein gutes Zeugniß erhalten, und bin nun Kandidat der Theologie. — Runzel, kalt Wasser her, ich falle in Ohnmacht, rief der Rittmeister, mein Vetter ein Bibelhusar, ich denke du hattest in den sechs Jahren Jurisprudenz und Medizin studirt? — Freilich, ich bin Doktor in beiden, aber nebenher interressirte mich mehr als beides die Begründung der Theologie in der Vernunft, mein System ist ewig und unumstößlich, alle Geheimnisse schwinden, die ganze Menschheit steht in ewiger Klarheit vor mir, ich brauche nur Hörer um zu erleuchten und wenn mir keine Stelle zu Theil wird predige ich auf den Märkten; die Geduld geht mir aus mit Leuten die alle Vernunft von sich weisen, dazu gehört Georgine. Mag sie heirathen wer will ich habe eine andre gefunden die gefällt mir geistig besser; die will ich heirathen wenn ich eine Stelle habe; die hat sogleich meine Auslegung begriffen, die ist was die alten Schriften mit dem bildlichen Ausdrucke eines Engels bezeichnen und ist darum den trübsinnigen Menschen ein Bote der Klarheit. Was aber die Sache noch vollständig macht, Frau von Ohrenschliffer hat Georgine überredet, ich sei nicht so geistreich wie ich geschienen, weil ich von fremden Dingen aus der Ferne viel schwatzen könne, und da hat sie erklärt: wenn ich nicht einmal geistreich sei, womit ich denn allen Frevel gegen ernste Ansichten decken wolle? — Das hat mir die Ohrenschliffer wiedererzählt, die einen Neid gegen Mirandas frommen Ruf hegt, und daraus ersehe ich, daß Georgine einfältig sein muß. Mag ich noch so geistlos sein, ich habe doch in manchen Stunden mit meinem Gerede, Gepolter, mit Husten und Nießen sie über Wasser gehalten, wenn alles in der Stille der frommen Langeweile untersank; ja noch gestern habe ich mit meiner Damascenerklinge Nägel von einem Brett gehauen, um dadurch ein viertelstündiges Stillschweigen zu lösen. — Der Rittmeister umarmte Eduard und rief: Ach, warum hast du dich übereilt, und so mit meiner Tochter brechen können, du hättest sie heirathen und dann klug machen sollen. Aber du zuckst mit den Backen was fehlt dir? — Ja, der Zahn saß fest wie eine Eiche, fuhr Eduard fort, aber die Lücke ist bei mir nicht sichtbar, und bei Georgine war sie auffallend, und der berühmte Zahnprophet versicherte, er passe und werde einwachsen. — Junge, was hast du für Zeug gemacht, unterbrach ihn der Rittmeister. — Die drei Zuhörer versprechen mir Verschwiegenheit, fuhr Eduard fort, ich will berichten. Gestern komme ich zu ungewohnter Stunde in das Vorzimmer Mirandas und gehe weiter, und komme endlich in ein mir unbekanntes Zimmer, wo ich ein halbunterdrücktes Schluchzen höre, und finde ein Mädchen in der artigen Tracht, wie sie auf den Gütern Mirandas, an der Küste im Gebrauche ist. Ich hielt sie für ein armes Landmädchen, das in der großen Stadt sich in Tracht, Sprache und Sitten fremd fühlt und sich herzlich nach der geringen Arbeit und Kost zurücksehnt, bei welcher sie aufgewachsen ist. Ich sprach sie an und wurde überrascht von ihren Antworten, die eine gute Erziehung verriethen, mehr aber noch von ihrer gesunden, derben Schönheit. Eine Röthe der Wangen, wie wir sie hier nur selten sehn, warf einen sanften rothen Lichtschein durch das blonde Haupthaar, doch konnte niemand das Haar roth nennen.
Auch die Augen groß geöffnet, warfen in ihrem hellen Braun einen röthlichen Feuerglanz, der in ihren Thränen spiegelte, während sie vergebens diese Thränen unterdrückte. Nun wars, als ob ihre Oberlippe nur eben das rechte Maaß hätte, denn indem sie die Wangen in die Höhe zog, um die Thränen entweder rein auszudrücken oder zu verstecken, traten die Perlenbänke und Korallenriffe ihrer Zähne hervor: der Athem bewegte stoßweis die Segel meines Herzens, es scheiterte und meinte sich in eine neuentdeckte Welt verschlagen. Aus Verlegenheit ließ ich meine Bewunderung ihrer glänzenden Zähne laut werden denn wovon sollte ich reden, da meine Seele ganz Auge geworden war und sie anglänzte. Aber statt sie zu trösten, flossen ihre Thränen nur heftiger, und in Ermangelung eines Tuches wischte sie ihre Augen mit der blauen Schürze ab, und sprach hinter derselben ihren Verdruß aus: daß ich ihre Zähne noch rühme, da ich ihr einen entreißen wolle, um ihn Fräulein Georgine einzusetzen. Sie hatte mich für den Chirurgen gehalten, der diesen kühnen Versuch wagen wollte, ich erfuhr dies und ihr ganzes Verhältniß gar bald in abgebrochenen trostlosen Worten. Es mag der Wille des Himmels sein, sagte sie, wie mir der alte Schuster und die gnädige Frau bewiesen haben, daß ich für diesen Seitenzahn, den ich freilich nicht sehr vermissen werde, das Geld erhalte, um meinen Vater aus dem Gefängnisse zu retten, wohin ihn das unglückliche Schmuggeln auf seinem Schiffe, gebracht hat, aber der Himmel fordert gewiß nicht mehr von mir, als von Abraham, und darum hoffte ich noch immer auf eine Stimme, welche das Opferwerkzeug von mir abhalten würde. Und nun kommen sie gar noch früher, und ich bin noch gar nicht bereit, habe meine Zähne noch so lieb, als wären es meine Kinder, ach sie kommen nicht wieder, wenn ich sie diesmal verliere! Doch ich bin bereit, denn mein Vater hält das Gefängniß nicht aus, er ist zu stolz. — Sei ruhig, sagte ich, bin ich auch keine himmlische Erscheinung, so habe ich doch Trost aus meiner chirurgischen Kunst. Der Zahn wächst dir wieder, den hast du noch nicht gewechselt, das ist dein letzter Kinderzahn. — Sie lächelte über meine Versicherung und setzte sich hin, als ob der Schmerz gar nichts sei. Ich that, als ob ich das schreckliche Werkzeug herausnehme, es war mein Stubenschlüssel, den ich mit dem Schnupftuch umwand, Sie zuckte nicht, als ich ihr den Schlüssel näherte, so fest war ihr Zutrauen und ihr Muth, — ich wollte sie auf die Probe stellen, und konnte selbst die Probe nicht bestehen, — kurz und gut ich gab ihr einen Kuß und wollte ihn nicht geben, aber sie hatte die Augen so fest zugedrückt, daß ich mir den Spaß nicht versagen konnte. — Da ist der Zahn heraus, sagte ich, hats weh gethan? da sieh ihn! — Sie wußte nicht, was sie denken sollte, denn daß dies kein Zahnausziehen gewesen, fühlte sie wohl, — und doch hielt ich etwas in Händen. Aber sie sah es bald, es war eine Reihe Perlen, die Georgine gehörten, von denen ich ihr eine im Schnupftuch zeigte. Nun war sie so selig, das muß ich dem Vater erzählen, rief sie.
Ohne daß ich fragte, sprach sie unerschöpflich von ihrem Vater, Herrn von Picten, wie seine Vorreitern aus Schottland entflohen, wie er in Kurcöllnischen Kriegsdiensten als Fähnrich gestanden, und durch den Einmarsch der Franzosen, Fahne und Regiment verloren habe. Wie er nach Holland gegangen und zur See, bald als Kaperkapitain und als Schmuggler Ansehen und Reichthum erworben, sich auch mit einer Deutschen verheirathet habe, aus welcher Verbindung sie das einzige Kind bei ihrer Mutter bis zu deren Tode an der Küste auferzogen sei. Aber sein letztes unglückliches Unternehmen, so schloß sie, hat ihn um den Gewinn seines ganzen mühevollen Lebens gebracht. Er soll noch hundert Louisdor Strafe absitzen, und nur, indem ich hier Dienste als Kammerjungfer annahm, konnte ich seine Beköstigung verbessern, die er sonst mit allen gemeinen Gefangnen theilt. Ein frommer Mann suchte ihn durch meinen Zahn zu retten, es dauerte lange, ehe Miranda den Vorschlag annahm, und für Georgine ist er ein Geheimniß, sie denkt, daß ihr der Zahn eines Seehundes statt des fehlerhaften Seitenzahns, den sie vorscheinen läßt, eingesetzt werden soll. —
Ich heirathe Georgine, rief Arthur, da sie sich so etwas einreden läßt, sie muß weder stinkend gelehrt, noch verrucht geistreich sein, solche Frauen taugen allein zur Ehe. — Der Rittmeister aber sagte: Nein, sie ist schon Eduard zugesagt. — Ich habe mich mit diesem Zahne losgekauft, rief Eduard, ich gehöre der Kurcöllnischen Fähnrichstochter. Doch es bleibt unter uns! — Der Zahndokter nahte bald, als Cornelia, denn so hieß meine neue Bekannte, eben abgerufen worden, er fand meinen Zahn nicht zu groß, riß ihn mit Mühe aus, und kam bald mit hundert Louisdor und der guten Nachricht, daß er ihn Georginen glücklich eingesetzt habe, und sein Anwachsen erwarten könne. Die ausgezahlten hundert Louisdor brachte ich dem Vater ins Gefängniß, und erkenne zu meiner Freude in ihm einen Kaperkapitän, der mir in Griechenland große Dienste leistete. Er verspricht mir seine Tochter Cornelia und ich heirathe sie noch heute, wenn ich eine Pfarre erhalten kann. — Der Rittmeister sprach heimlich mit Arthur wegen der Pfarre in Tiefenbach für Eduard, deren Verleihung Arthur aber ablehnte, weil es ihm unleidlich sei, als Kirchenpatron einem Verwandten vorzustehen, mehr aber noch weil er ihn für keinen Christen halte. Eduard war unterdessen mit Runzel in politischen Streit gerathen, und durch die Morgenpredigt eingeschrieen, war sein Vortrag so gewaltsam, daß Runzel davon lief.
Aber Eduard schrie fort: Es ist ein unvergnügliches Wesen in der Stadtwelt, ich ziehe aufs Land, da giebt es doch noch Leute, die sich nicht mit abgenutzten Lehrsätzen herumschlagen. Dieser Runzel hält mich für einen Verfinsterer, weil ich Pestalozzis Lesemethode nicht lobe, weil ich den Griechen das Geschick abspreche, eine Republik zu bilden, und Miranda erklärt mich für einen Revolutionär, weil mir die frommen Gedichte eines Franzosen wie Fabrikarbeit vorkamen. Jeder verdammt, keiner heiligt das Treiben der Welt durch Vernunft, weswegen auch die wenigen Verständigen sich gewöhnlich zwischen zwei Stühle setzen, weil jeder von ihnen wegrückt. Dieser alte Runzel spricht wie ein abgeriebenes Journalheft, er hat zwar Erfahrung, aber keine deutsche, sondern französische. Jene Satzungen deutscher Ultras, die ich bei Miranda treffe, weil sie Frömmigkeit auch als eine restaurirende Brühe für den Staat ansehen, jene aufschießenden Salatstauden, die sich als Eichenbäume zu Thronstützen angeben, die, ohne Halt und Richtung, bloß parteisüchtig sich für eine französische Conversationsform erhitzen, sind nur eine Fortsetzung von den Gesprächen in Pepliers Grammaire, ja von diesen ist der Beste nicht dem Schlechtesten jener alten Revolutionäre zu vergleichen. — Ho ho, rief der Rittmeister, du hältst mich auch für sehr gering. — Wer redet von dir, fuhr Eduard fort, aber dieses lederne, knackschälige Geschlecht von Hofschranzen kann nichts als bedenkliche Gesichter schneiden, unbefangene Menschen verdächtig machen. Welche Last hätte ich mit ihrem politischen Gewäsche mir aufgebürdet, wenn ich deine Tochter, alter Jüngling, geheirathet hätte. — Ist es denn so ganz aus mit Euch? — Ganz und gar. Gewiß um eine Kleinigkeit. — Wo das Höchste ins Spiel kommt ist nichts Kleinigkeit, denk daran daß Millionen sich in getrennte Kirchengesellschaften begaben um einen unbestimmten Ausdruck; daß oft Hunderttausende durch Kriegsunglück umkamen um einen übelgewählten Ausdruck im Commando, kurz und gut, wir Menschen sind nur aus der Welt um ein Stückchen Sprache weiter auszubilden, nicht durch die Grammatik sondern im Leben, wo es sich dann immer trifft daß unter Millionen sich einer findet wie unser Erasmus, der diese Lehrstunden der Menschheit zusammenfaßt und in ein System bringt. Nun weißt du, wie noch vor drei Wochen die Kirche dieses hellen Denkers gefüllt war, aber seit einem Gespräche wovon jene Frommen kein Wort verstanden, ist er verketzert und alles drängt zu Tauler gegen den ich als einfachen herzlichen Volksredner gar nichts einzuwenden habe, der aber diesen Leuten nicht gefallen könnte wenn sie aufrichtig wären. — Du wirst das vornehme Volk gar bald hier vorfahren sehen. — „Was!“ rief der Rittmeister, „zu dem Tuckmäuser, bei dem ich als Lieutenant zu Pferde einritt, gehen jetzt vernünftige Leute? Wo ist denn unsre Aufklärung, wo sind unsre alten lustigen Schwänkeerzähler, ihre Helden? sie müssen Erasmus mit ihren Spornen, Zöpfen und bunten Kleidern zu Hülfe kommen.“ — Nun zu diesen altgewordenen Renomisten, fuhr Eduard fort, gehört unser Erasnms auch nicht, er sucht aber in allen, die Seele auf und bleibt nicht an der zufälligen Gestalt kleben. Aber diese Frommen sind wie die Ästhetiker, sie können nur einer auf Kosten des andern leben, und weil sie Tauler anhängen, muß jetzt Erasmus für einen Heiden gelten. Das verdroß mich an Georgine und ich legte ihr ein darauf verfaßtes Liedlein ins Gesangbuch als sie zu Tauler in die Wochenpredigt ging, — da habt ihr es, denn sie hat es mir mit einem Büchlein von Erasmus, das sie darin eingeschlagen hatte, verächtlich zurückgeschickt. — Der Rittmeister las vor:
Das alte Kirchlein, niedrig enge,
Von hohen Häusern fast versteckt,
Und innerlich, statt Kunstgepränge,
Mit Heilgen Sprüchen nur bedeckt,
Stand, von der Welt ganz übersehen.
So wie der Fromme der da lehrt,
Nur Handwerksleute zu ihm gehen,
Und nichts den Blick der Andacht stört.
War auch das Glöcklein lang gesprungen,
Der schwache Klang doch Fromme weckt,
Ist bis zum Hungernden gedrungen,
Daß da sein Tisch sei reich gedeckt,
Und von den armen Sonntagsgästen
Wird jeder geistig froh und satt,
Ja, froher als bei jenen Festen,
Bei denen friedlich schwelgt die Stadt.
In diesem Kirchlein, abgelegen,
So unbeachtet von der Welt,
Der alte Herr mit höherm Segen
Seit funfzig Jahren Predigt hält:
Da kommt ein Krieg, macht bang die Reichen
Und mancher hört das Glöcklein nun,
Und möchte sich mit Gott ausgleichen,
Und fromm, gleich armen Leuten, thun.
Der Reiche hört des Worts Vertrauen
Im Kirchlein von dem Gottesmann,
Er fühlt ein kräftiges Erbauen,
Und fährt im Glück da wieder an.
Ist voll das Herz, der Mund geht über,
Er rühmt den Mann, der ihn gerührt,
Da wächst der Beifall wie ein Fieber,
Der Tausende zur Kirche führt.
Da rollen vor die hohen Wagen,
Und einer zieht den andern fort,
Die Brillen junger Leute sagen,
Daß viel zu sehen an dem Wort;
Die bunten Pelze, Federhüte,
Sie ziehen hin, auch wenns zu spät,
Sie nennen das der Kirche Blüthe,
Als ob nun Andacht erst geräth.
Gar manches Wort wird nachgeschrieben,
Und selbst gedruckt wird es verlangt,
Was sonst wohl im Gedächtniß blieben,
Doch nun auf Damentischen prangt.
Es kann der Küster kaum noch regen
Den Klingelbeutel voll Gewicht,
Doch in den Thalern ist kein Segen,
Der Wittwe Groschen sind es nicht.
Der Duft der Werkstatt ganz verschwindet
In Wohlgerüchen geistig fein,
Und manche Ohnmacht schon verkündet.
Daß hier zu viele gingen ein.
Das drängt sich jetzt zu allen Stühlen,
Die Armen machen willig Platz.
Sie freuen sich, daß Reiche fühlen,
Was in dem Alten für ein Schatz.
Ihr Armen, laßt euch nur nicht stören,
Vorüber ging hier manches schon.
Bald wird die Neugier andre ehren,
Und spricht dann eurem Alten Hohn.
Ich sah vor manchem Gotteshause.
Der Kutschen Reih, als wär' da Schmaus,
Und jetzt, als wär es arm vom Schmause,
Wächst Gras davor, sie bleiben aus.
Nach diesen Versen würde ich dich für einen Anhänger Taulers halten, sagte der Rittmeister, laß mir die Verse ich will noch schlimmere hinzufügen. — Diese, fuhr Eduard fort, waren ihnen schon verdrießlich genug. Ich wurde in aller Form verdammt, Georgine sollte jeden Gedanken an mich unterdrücken und es kostete ihr keine sonderliche Mühe. Das erfuhr ich gestern am Abend, nachdem ich das Schicksal meiner Verse ironisch verspottet hatte, wurde Georgine bitterbös, mein Zahn in ihrem Munde ließ die Worte ruhig über ihre Lippen gehen, ohne sie abzubeißen, da diese förmliche Absagung mir selbst ein Bekenntniß meiner neuen Neigung sparte. Ich wurde von deiner Tochter förmlich entlassen wie ein Hausknecht, der auf unrechten Wegen gefunden. Du bekamst auch dabei deinen Theil als Teufelsbraten, alter Herr, dein Umgang ward mir vorgeworfen. Und doch bist du bei allen deinen Lastern noch ein vollständiger Mensch mit Lunge und Leber. Guten Morgen, ich sehe deine Sündenkameraden ankommen, und da werden alte schlechte Geschichten erzählt, die ich nicht anhören mag. Mit diesen Worten verließ er das Zimmer, und der Rittmeister hetzte vergebens seinen großen Hund nach, daß er ihn am Rocke festhalten sollte, während die alten Militairs, auch in Civilkleidern durch strengen Anzug kenntlich, und einige unter Glückswechseln zusammengefallene Civilisten den Rittmeister mit allerlei Neuigkeit begrüßten. Bald war der grüne Tisch und die Karten in Thätigkeit, nur Arthur setzte sich mit seinen Akten ans Fenster und musterte so nebenher den Sonntagsstaat der Vorübergehenden, während er allerlei Bemerkungen laut vortrug: Die Kirche füllt sich früh, der Tauler muß unter allen Ständen seine Verehrer haben. Ich glaube, die jungen Herren und Damen haben da ihre Zusammenkünfte. — Da kennst du sie nicht, rief der Rittmeister, zum Zanken kommen die wohl zusammen, aber nicht zum Lieben, ein widerhaariges Völkchen. Meine Tochter hat das alles schon in früherer Zeit angenommen, und ich staune oft, wie sie den Leuten in Herz und Magen greift. Grob genug ist das jetzige Mädchengeschlecht, als ob sie sämtlich den Krieg als verkleidete Freiwillige mitgemacht hätten, es giebt endlich noch ein Amazonenreich. Wie quälen sie einander mit Bekrittelung über jeden Scherz, sie sind ein Nachhall der vielen streitbaren Tageblätter, und geben alle Tage neue Religionsedikte aus, theils gegen sich, theils gegen die Geistlichen, theils gegen ihre Eltern, die diesem Geschwätz nicht Folge leisten. Denkt euch nur, meine Georgine wollte mich neulich bekehren, als ich einem hübschen Mädchen lumpige Unterstützung reichte. Sie nannte das Werkheiligkeit, schwor daß sie nie gute Werke thun wolle. — Ei das gestehe ich, rief der eine alte Herr, weißt du noch Herr Bruder, zu unsrer Zeit waren die frommen Seelen so butterweich daß sie gar nicht an die Sonne gebracht werden konnten, du weißt noch die Herzogin mit ihren Liebesthränen, der die Thaler aus allen Taschen fielen und die großmüthigen Lords denen die Westentaschen platzten. — Ja das ist vorüber, fuhr der Rittmeister fort, die Engländer lassen sich lieber frei halten als daß sie zahlen, zanken und knausern mit allen Wirthen und die frommen Weiber beten mit den Armen, und stillen ihren Hunger mit Traktätchen. — Prächtige braune Engländer, rief Arthur, ein hübscher blauer Wagen, ein paar schöne Frauen steigen aus, die eine scheint wohl die Mutter der andern. — Heinrich schrie der Rittmeister: meine Pistolen! das sind sie, Frau und Tochter, und wenn die Mutter auch zu dem Tuckmäuser geht, so hat das Reich des Antichrists wie es mein alter Präceptor nannte, seinen Anfang genommen, nun ist es Zeit, der Erde zu entfliehen, — Heinrich der sehr aufmerksam in der Bedienung war, hatte die beiden Pistolen im Augenblicke aus dem Nebenzimmer geholt. Der Rittmeister meinte: So ernsthaft sei es nicht gemeint. Aber in dem Augenblicke wie er dies sprach, blitzte die eine der Pistolen, an der er etwas Staub abwischte, zur Verwunderung aller auf, und der Neffe bemerkte deutlich, wie die Kugel neben ihm vorbei, über die Straße in das Kirchenfenster gegangen. Dummer Teufel brummte der Rittmeister, dummer Zufall, dumme Pistole! Heinrich du hattest gewiß den Hahn im Herabnehmen gespannt! Kein Wort der Verteidigung, Heinrich sonst schieß' ich dir mit der andern vor den Kopf. Ist ein Unglück geschehen, werde ich es doch vertreten müssen.
Arthur erbot sich Auskunft über die Folgen dieses Schusses zu verschaffen, und eilte die Treppe hinunter nach der Kirche. Der Rittmeister beobachtete hinter den Fenstergardinen und glaubte sich bald aus dem ruhig fortschwebendem Gesange, auch aus dem Verweilen Arthurs in der Kirche zu überzeugen, daß seine Besorgniß keinen Grund habe, weswegen er zum Mittelpunkte seines Daseins, zum grünen Tische zurückkehrte.
Anderthalb Stunden vergingen unter wechselndem Spielglück, als ein unerwarteter Besuch ihm ein Ende machte. Ein alter Jugendfreund, der geheime Polizeichef von Krumbiegel, ein Mann vom größten Einflusse, obgleich ohne hohen Titel, trat ohne Anmeldung ein, und erbat sich eine geheime Unterredung. Die Spielfreunde entfernten sich und der Rittmeister erwartete irgend eine Polizeirüge, als Krumbiegel ein Buch aus der Tasche zog, und es ihm stumm darreichte. Was sagte der Rittmeister, ich soll der Herausgeber dieser theologischen Gespräche sein? Das ist eine seltsame Ehre die mir Eduard angethan hat. Ich gab ihm diese Arbeiten des alten Adepten gegen die Mystiker seiner Zeit weil sie ihm wohlgefielen. Um mir die Ehre ihrer Erhaltung ganz zu überlassen hat er meinen Namen als Herausgeber vorgesetzt, ja sieh sogar die gelehrten Anmerkungen von ihm, die er nur mit unsern Familiennamen gezeichnet, wird die Welt auf meine Rechnung schreiben.—Krumbiegel sagte: Freund denk dir, das Buch hat mich und durch mich den Fürsten und seinen ganzen Kreis entzückt, es schien uns der wirksamste Exstirpator gegen die Mystik, die der alte neunzigjährige Minister der Geistlichkeit überall hat Wurzel schlagen lassen. Der Fürst meint du seist der Verfasser, er hält sich in so etwas für Kenner, es wäre vergebens zu widersprechen. Ich räumte es ihm ein, die Achtung gegen dich aus früherer Zeit und weil du ihm wegen deiner vielen Reisen als Fremder gestempelt bist, weckten in ihm den Einfall, dich als Minister der geistlichen Angelegenheiten anzustellen und den alten Minister in Ruhestand zu versetzen. — Mich stellen und er soll sich setzen, denkt doch an mein Podagra? — Du der eifrigste Jäger, der beste Reiter, dir ist das Podagra nur geschenkt, damit du die nöthige Sitzlust als Minister bewährst.
Und dann, sprach der Rittmeister bin ich wirklich ein halber Fremder, alle andre Menschen wissen mehr vom Lande als ich. — Kann sein was kümmern uns die Kleinigkeiten rief Krumbiegel, wenn wir es nur unsern Nachbarn recht machen. Du gewährst dem Fürsten als Fremder die angenehme Täuschung, als ob in dir alles zusammentreffe was er an den wohlbekannten Männern im Lande vermißt. Du hast mein Glück begründet als ich zum Landstreicher reif war, ich bin überzeugt daß ich mit dieser Ernennung dein Glück mache. Deine Lebensweise läßt dich unbefriedigt denn die Jugend ist vorüber, dir fehlt Stoff seit du den Abschied genommen. Das ist wahr, sagte der Rittmeister, seit mich die Liebeleien in Ruhe lassen fehlt mir so ein Geschäft, auch wünschte ich nur eine andre Stellung in der großen Welt. Aber das würde mich nicht ins Joch bringen, — es ist etwas anders, — ich will es dir vertrauen, — ich stottre, — ich glaube gar daß ich roth werde, — ich kann ohne Miranda nicht leben, kurz ich habe erst jetzt angefangen sie zu lieben. Eine Magdalena hat großen Reiz das weißt du aus allen Bildergallerien, — aber das ist es nicht allein; sie hat einen Theil der Welt in den zwanzig Jahren die wir getrennt lebten durchwandert, den ich nie betrat weil mich das Äußere zu sehr beschäftigte, die innern heimlichen geistigen Anregungen. Sie hat viel gesehen, weil sie als Frau zugelassen wurde wo Männer zurückgewiesen werden, denn auch die Frommen sind galant. Zwar gesteht sie daß sie mich jetzt erst kennen gelernt, daß mein Leichtsinn, meine Hitze sie zu falschem Urtheile über mich geleitet, doch um sich fest mit mir zu verbinden fühlt sie den Spielraum nicht geeignet, einen Papst möchte sie heirathen einen Papst dieses frommen Völkchen, durch den sie es dauernd leiten könnte. Als Minister kann ich ihr diesen Anhalt gewähren und zugleich deinem Wunsche genügen alle übermäßigen Schwindeleien abzuhalten. — Du bist unser rief Krumbiegel, schlage ein. Mit den Schattenbildern abgenutzter Geschäftsmänner ist nichts anzufangen. Mit deinem Nebenminister bist du befreundet, Jugendfreunde mit denen du genug dumme Streiche gemacht hattest. Deine Geschäftsblicke hast du bewährt als du interimistisch das Kriegsministerium übernahmst, und in wenigen Monaten mehr schufst als deine Vorgänger in vielen Jahren, so daß deine grandiose Wirksamkeit auch in der Zerstreuung deines Lebens Anerkennung fand. — Aber es muß auch für meine Freunde gesorgt werden sagte der Rittmeister, ich meine für die vier Invaliden die dir eben Platz machten und für Runzel. — Mit jenen hat es keine Noth die sind leicht zu befriedigen, aber Runzel, — der gilt für einen Jakobiner! — Spaß! seine politische Partei gilt nichts mehr, sie treibt sich nur noch auf dem Papier herum wie die Encyclopädie, die niemand mehr liest. Er kennt das Ausland, er kennt Rom, er ist durchaus einer der brauchbarsten Geschäftsleute. — Nun es sei ein Hofrath mehr oder weniger. Für deinen Neffen muß auch etwas geschehen. Der Arthur ist mir als ein höchst verschlagener Finanzier geschildert worden, dabei von den besten Grundsätzen, er kann sich zu den ersten Stellen Hoffnung machen. — Erst muß er sich bewähren. Aber schade darum daß Eduard Kandidat geworden. — Still von ihm, — der ist ein Demagoge, dem nur deinetwegen Nachsicht gewährt wird. — Eduard ein Demagoge der nur aus Griechenland heimkehrte, weil er sonst nicht meiden konnte ein Demagoge zu werden, alle Fremden wollten ihn an die Spitze stellen. Alter Freund, eine so herrliche Natur laß unangetastet, er trägt keine Narbe für seine Eitelkeit, alle seine Wunden schlug ihm Aufopferung für andre. An so einen Menschen müssen wir aufblicken, wenn wir an der Zeit verzweifeln und uns gestärkt fühlen, er ist Bürge einer goldnen Zukunft, ja ich muß meine Liebe zu ihm bändigen, weil er mich für einen sentimentalen Narren halten würde. Aber freilich er hat abgeschlossen mit dem Weltleben, er ist Geistlicher geworden, er verträgt sich nicht mit unsrer Halbheit, aber ich will doch von ihm mehr Rath und Beihülfe erpressen als von allen meinen künftigen Räthen. — Dies Wort ist mir genug rief hier Krumbiegel es ist so gut wie ein Handschlag. Der Fürst wartet auf Nachricht, du kennst seine Ungeduld, deine Ernennung habe ich unterzeichnet in der Tasche. Du nimmst sie an? Noch eins du hast einen Engel von Tochter, ihre Milde wirkt heimlich, aber meiner Polizeiaufsicht entgeht nichts. Sie wird einmal reich. Der Fürst wünscht einen jüngeren Prinzen seines Hauses mit ihr zu vermählen. Wer weiß ob deine Nachkommen nicht dereinst hier herrschen. — Viel Ehre, aber ich darf mich nach dem Testamente des Adepten in keiner Art zwingend für ihre Verheiratung verwenden. — Ich mache alles rief Krumbiegel, um drei Uhr findest du bei mir den Fürsten und kannst dich mit ihm besprechen.
Kaum war er fort so trat Arthur ein, und beruhigte den Rittmeister wegen des Schusses. Niemand ist verletzt, nur die Taube welche über dem Taufbecken schwebte wurde von der Kugel herabgestürzt, und während ein Theil dieses Ereigniß mit Rührung und Erhebung gedeutet, so hatte es ein anderer auf das morsche Holz geschoben, und den Wunderglauben bestritten, ich fand im Fenster den Ausgang der Kugel, ein kleines rundes Loch in der Scheibe. Nach dieser Entdeckung nahte ich mich den Frauen. Niemand würde Miranda für die Mutter von Georgine gehalten haben, sie schienen Schwestern. Ich nahte mich als wär' es zufällig, sie bemerkten mich und die Mutter flüsterte der Tochter etwas zu von der Aehnlichkeit zwischen uns beiden. Ich sah in das Gesangbuch von Miranda und sie bot es mir dar, weil sie alle Lieder auswendig wisse. — Hoho rief der Rittmeister, gerade wie sie den Engländern einbildete sie wisse Milton auswendig. Halt, da steigen sie ein rief Arthur. — Der Rittmeister musterte sie mit dem Glase und sagte dann: Georgine gefällt mir heute nicht, aber doch ist sie herrlich gegen die andern Mädchen, dunklere schwarze Haare habe ich nie gesehen. Sieh dort ihre Freundin die Blondine, wie linkisch, wie mager; welche Unvollendung, wie schnippisch sie den bescheidenen Offizier abweist, weil er etwas superklug über die Predigt gesprochen. Vater Wieland würde gewiß verlangen, daß sie den Grazien opfere, aber was sollen sie opfern? Da kommt noch eine ältere Frau, bei der die Himmelsleiter an ein irdisch Dach angelehnt ist, das nenne ich Lebensröthe auf den Wangen. — Geschminkt, Onkel, das sehe ich ohne Augengläser, wie lieblich dagegen die italienische Blässe der Mädchen. Da sehen sie das große Mädchen, um sich zu überzeugen daß es noch regelmäßige Schönheiten giebt, aber ohne Ausdruck des geistigen Karakters, und dieser gilt jetzt mehr als Schönheit und Eleganz. — Es ist doch nicht die Schönheit, wie ich sie in jungen Jahren sah, unterbrach ihn der Rittmeister. Das wirst du auf meine älteren Augen schieben, aber sieh nur einmal in unsrer Bildergallerie die berühmten Schönheiten an aus früheren Zeitaltern. Auch abgesehen von der fremden Tracht, ist doch keine darunter die ihrem Rufe entspricht. Ich habe oft darüber nachgedacht, warum diese Schönheiten sinnlicher Lust wechseln; warum eine Zeit nur Blondinen, die andre Brünetten rühmt. Noch auffallender ist es daß in monarchischen Staaten so viele Einwohner dem Fürsten ähnlich sehen, ich kann es mir nur aus dem Gelde erklären, das mit seinem Bilde geprägt ist und von allen begierig angeschaut wird, zu denen niemals sein Blick viel weniger seine Begegnung dringen kann. Ähnlich dem Gelde wirkten die alten Bildwerke, und ich könnte mir ein Geschlecht denken, dessen Äußeres nicht mehr Ausdruck seines Innern, sondern eine solche konventionelle Form ist, also in einer angebornen Maske steckt, etwa in der Art wie du Arthur mir ähnlich bist, und doch innerlich dich verschieden fühlst und in dir ausrufst: Wohl mir, daß ich nicht bin wie der! — Das nun gerade nicht, sagte Arthur verlegen, aber ich begreife nicht, wie so viele Menschen in der kleinen Kirche Platz haben, und dabei fällt mir die große Kirche in Zehenburg ein, von der ich in den Akten gelesen habe. Ist sie so groß wie diese? — Zehnmal größer! das alte aufgehobene Kloster hatte alle seine Reichthümer auf den Bau verwendet, so daß die jetzige Gemeine blos eine Seitenkapelle davon brauchte. Weil sie nun Reparaturen bedurfte, kam der Antrag vom Baumeister der Gegend, sie bis auf die Kapelle die von der jetzigen Gemeine benützt wird abzubrechen, während ein junger genialer Architekt einen Plan einreichte, durch Ausschmückung im griechischen Styl diese Kirche zur schönsten der ganzen Gegend zu erheben. Du hast davon gelesen? — Sogar den Plan habe ich zu mir gesteckt, antwortete Arthur, er ist sinnreich und der Neubau so artig mit Bleistift auf den alten getuschten Kirchthurm gezeichnet, daß er recht bequeme Übersicht gewährt. Wenn ich das große Loos gewinne, werde ich ihn ausführen, jetzt aber wird der Landbaumeister Recht behalten, wozu nützt eine ungebrauchte Steinmasse? — Nur nicht übereilt, sagte der Rittmeister, Georgine ist ganz verliebt in den Bauplan und auch in die alte Kirche, die Verwandte mußte sie alle Sonntage dahin zur Kirche fahren, obgleich eine andre Kirche, wozu das Gut gehörte ihnen näher lag, und der alte verstorbene Pfarrer hatte sie schon früh mit den Frommen der Gegend dort bekannt gemacht, unter denen sie hier eine glänzende Rolle spielt. — Bester Onkel, sagte Arthur, ich gebe ihnen mein Wort, die Kirche auszubauen, wenn sie fromm werden wollen, aus Legitimität. — Du stimmst mit Georgine rief der Rittmeister, sie hat mir auch schon die Ehre ihrer Belehrung geschenkt über die geheimen Plane der Weltgeschichte, welche die Legitimität enträthselt. Vielleicht gehört es auch zur Legitimität, daß es jezt Menschen giebt wie die Theile eines Werkes gleich eingebunden sind. Übrigens gehöre ich auch zu den Legitimen, und wenn ich aus dem Bade komme erkundige ich mich erst ganz heimlich, ob das Reiten nicht für revolutionair gehalten wird, ehe ich auszureiten wage. Heirathe Georgine — und das fix. Arthur schwieg und blätterte in einer aufgeschlagnen Übersetzung des Dante. Mit dem Eduard wird es doch nichts fuhr jener fort, seit er sich in das Kurköllnische Fähnrichstöchterlein verliebt hat.— Arthur antwortete endlich bedenklich: erst will ich Georgine und mich auf die Probe stellen, denn auf unbesonnene Ehen läßt sich Dante gut parodiren mit seiner Hölleninschrift, die ich eben aufgeschlagen habe.
Hier ist das Thor zur Stadt der Qualumstammten;
Hier ist das Thor zu jeder ew'gen Pein,
Hier ist das Thor zum Volke der Verdammten,
Der höchste Meister, der gerecht allein,
Erbaute es für erster Liebe Sünden,
Als himmlische Gewalt bezwungen von dem Schein,
Vergängliches war vorher nicht zu finden,
Hier ist ein ew'ges Lösen in dem Binden,
Laßt, die ihr eingeht, jede Hoffnung schwinden.
Seltsam, sagte der Rittmeister, da macht so ein Schlankel Verse aus dem Stegreife, wobei sich sonst ein ordentlicher gekrönter Poet an seiner Feder die Zähne ausgebissen hätte. Nun es bleibt dabei, du sollst Georginen heirathen, ihr habt beide so etwas von einer Parodie in euch. Also heute Abend kommst du zu meiner Frau.
Was der Rittmeister vorausgesehen, als er die Rolle eines Ministers nicht von sich gewiesen, das ging schon an dem Tage in Erfüllung. Die Aussicht eines schmeichelhaften Einflusses auf die ernsten Angelegenheiten versöhnte Miranda, die bis dahin jede Annäherung des Rittmeisters in Erinnerung an ihre frühere verzweiflungsvolle Zänkerei von sich gewiesen hatte, aber sie machte es zur Bedingung, daß er in ihren prophetischen Kreis keine Störung bringen, vielmehr durch seine Autorität ihn schützen solle. Über Eduard erklärte sie, daß sie seine Heirath mit Georgine gern sehe, obgleich sie seine Meinungen nicht theile und sein Karakter von großem äußerm Widerspruch sei; übrigens wisse er, daß Georgine freie Wahl habe. Von seiner Zuneigung zu Cornelien wußte sie nichts, eben so wenig hatte sie von Arthur etwas vernommen, wollte aber seiner Verbindung mit Georgine nichts entgegensetzen, sein Äußeres hatte ihr in der Kirche gefallen. So finden wir denselben Mann, der Morgens in die Kirche geschossen, Abends in eine jener engern kirchlichen Versammlungen versetzt, die Miranda als Mittelpunkt erkannten, weil ihre Rednergabe als eine besondre Himmelsgnade betrachtet wurde. Auch war eine Zugabe des Höheren nicht zu verkennen, obschon die Eitelkeit ihres frühern Lebens, wenn gleich gedämpft durch das Abbrausen der Leidenschaft, doch auch in diesen Verhältnissen ihr noch immer unangenehme Streiche spielte und fromme, wie sonst elegante Männer sich ganz zuzueignen, andern zu entreißen trachtete. Woraus aber bestanden diese Versammlungen? Zuerst aus einer Zahl Gebürgsenthusiasten, eine eigne Bildung, deren heftiger Ernst und Ausdauer sie eigentlich zum Kern bestimmen, woran die andern geistigen Krystallisationen anschießen; dann aus den Melancholikern des Thales, die gleichsam das Element sind, in denen die Krystalle anschießen, und die selbst wie ein Ausfluß des Höchsten alles Lebendige tragen, fördern und umfassen, ohne selbst dazu zu gehören, und alle Schwächen der guten Frau durchschauten, ohne eine zu verletzen, ihre Richtung ehrend, der sie sich längst vor ihr hingegeben hatten. Daneben mag man sich die gemischten Bildungen unsrer Zeit denken, die entweder selbstthätig ein Zukünftiges zu schaffen suchen aus dem, was sie in sich vermissen, oder sich mit der Ahnung vom gelobten Land wie Moses begnügen müssen. Zwischen diesen Arbeitsbienen, die Überlebendigen, die Störer, die eiligen wandernden Schwalben, die den kurzen Sommer zu einer höheren Liebe noch benutzen wollen und emsig umherstreichen, wo sie ihr Nest anhängen, die thörichten Weisen, die weisen Thoren, verdammte Lieblingskinder des Himmels, von denen gesagt wird, sie hätten zu viel Herz, zu viel Gemüth. Den Schluß endlich macht etwas Meeresschaum, der nach dem Sturme aus dem nassen Sande zurückgeblieben ist und glänzen will, ich meine die Eitlen, welche einem vornehmen Umgange nachtrachten, dann die klagenden Möwen, die hier geduldige Anhörer zu finden hoffen, ferner einige neugierige Nachtigallen, die nicht merken wie sie gefangen werden, endlich auch wohl ein paar Schelme, die nach Strandgütern umherschauen, doch nicht viele, da man an dieser Küste mehr gestrandete Bücher als offene Geldsäcke erblickt. In dem Vorzimmer treiben sich wohl zuweilen Buch- und Systemmacher herum, welche die Zeit von da am besten zu fassen, ihr eine Schlinge wie einem wilden Pferde umzuwerfen meinen und nicht merken, daß ihre Schlinge, aus Papier gedreht, nicht halten kann.
Zuweilen wurde wohl feierlich im Unisono und nicht eben wohlklingend ein Psalmenvers gesungen, doch gemeiniglich eröffnete Miranda ihre feierlichen Reden sehr unerwartet mitten im Gespräch, weswegen jeder beachtete, was sie auch über gleichgültige Lebensverhältnisse sagte, weil es der Übergang zur Begeisterung sein konnte. An dieser Aufmerksamkeit übertraf diesmal niemand unsern Arthur, der, vom Rittmeister vorgestellt, zwar mit Georgine ein lebhaftes Gespräch über die alte Kirche in Zehenburg, dann über Ökonomie durchfocht, doch mit sichtbar getheilter Aufmerksamkeit, indem er stets nach den Äußerungen der nahen Mutter umblickte. Als Miranda über frühere Verwandtschaften ihrer Familien sprach, entwickelte er seine Kenntniß aller adligen Genealogieen, und erklärte auf Befragen es für sein Lieblingsstudium gleich den Arabern, nicht bloß die Ahnentafeln aller Familien, sondern auch aller edlen Pferde genau studirt und berichtigt zu haben. Er zeigte ein paar Stammtafeln, die, glänzend schön gemalt, schon seit der kurzen Zeit seines Aufenthalts eine Berichtigung erhalten hatten. Miranda fühlte wohl das Fremdartige dieser Untersuchung, aber sie wollte alles zum Guten wenden, und sprach von den ausgezeichneten Geschlechtern in der Bibel, suchte sie im Bösen und Guten darzustellen. Die Anstrengung der Rede bewegte ihr Blut, und rückwärts wirkend schien auch die Bewegung des Blutes ihren Geist zu beflügeln, wobei sie als ob es ihr wohlthue, sich einer taktartigen Bewegung überließ und eine goldne Nadel, die sie ihren Haaren entzog wie ein Zauberstäbchen zum Festhalten der einzelnen Hauptmomente brauchte, indem sie so lange dieselbe gegen einen Finger stellte, bis der nächste Hauptmoment sie zum folgenden Finger überführte. Bei dieser Rede war außer ihrer Bibelkenntniß, die selbst Ursprachen mitzubegreifen schien, auch ihre Naturkenntniß bewundernswürdig, indem sie genau zu bezeichnen wußte, was überall schon als Geschlechtseigenschaft bezeichnet war, und wie eng der Kreis individueller Entwicklung sowohl dem Menschen wie dem Thiere gezogen sei. Aber aus dieser Enge zeigte sie nun, wie sich eine unendliche Kraft in der Geschichte des Heils entwickelt habe.
Da diese Rede die Gesellschaft ohne Zusammenberufung überraschte, so war es natürlich, daß nicht gleich alle beisammen, daß vielmehr viele, in den Nebenzimmern zerstreut, sich in gleichgültigen Gesprächen über Schnupftücher mit Krucifixen gestickt und Hemden mit Dornen ausgenäht erlustigten, bis die Dornenblüthen aus dem Hauptzimmer sich allmälig alle im Hauptsaale sammelten, und nur etwa Taube oder Verliebte zurückblieben in der Zerstreuung. Zu den Zerstreuten, den Tauben und Verliebten gehörte diesmal auch Eduard, der Cornelien beim Anmachen des Thees behülflich gewesen und dabei ihre Schicksale sich hatte erzählen lassen, als sie nach dem Tode der Mutter kaum den engen, ewiggleichen Kreis des holländischen Theelebens verlassen hatte, auf dem Kaperschiffe ihres Vaters der ersten Seeschlacht beiwohnen und die Ladungen für die Kanonen umhertragen mußte. Es ist keine Prahlerei, sagte sie, aber ich war bei meiner Mutter so gewöhnt an das pünktliche Umhertragen der Theetassen, daß mir in dem Schiffe gar nicht anders zu Muthe war, ja ich hielt die schweren Patronen so sorgfältig im Gleichgewichte als wie Tassen, um nicht überzugießen.
Die Rede Mirandas war eben zur höchsten Erhebung des Geschlechts Davids gelangt, indem sie einige Minuten von der Größe ihres Gegenstands überwältigt schwieg, eigentlich um den Ausdruck zu suchen, der niemand Anstoß gebe. Die Versammlung, bisher zuweilen einredend, um Beweisstellen zu liefern, zuweilen auch dem körperlichen Drange des Hustens und Niesens ungern und gedämpft nachgebend, versank ehrfurchtsvoll in eine Stille der Erwartung, die den nie ruhenden Wurm in den alten Meubeln hörbar machte, dabei aber noch etwas viel zerstörenderes für das Herz, nämlich einen heftigen — Kuß, den Eduard seiner Cornelia in Bewunderung ihres Heldenmuthes gab, und der nur durch ihr bescheidnes Zurückweichen leider so unbescheiden ohrenkündig gerieth. Miranda fuhr auf, wie von kaltem Wasser überschüttet, und die ganze Versammlung wendete die Köpfe nach dem Theezimmer, ach und leider zwei schwächere Abdrücke des ersten Kusses folgten nach, freudige Eilboten; die ein und dieselbe wichtige Siegesbotschaft überbringen von einem Herzen zum andern, und von denen nur darum immer mehr als einer geschickt werden, damit doch unfehlbar der andre das Ziel erreiche, wenn auch der erste verunglücken sollte. Diesmal erreichten sie nun freilich alle drei die Herzen der Liebenden, aber wie plauderhafte Boten hatten sie unterwegs in allen Wirthshäusern ihr Geheimniß zum Verderben jener ausgebreitet, es hatte die Ohren der ganzen Versammlung mit verschiedenartigem Zusatz erfüllt. Der Rittmeister wischte sich den Mund, als ob er es innig bedaure ein solches Glück nicht mitgenossen zu haben, während Arthur den Kopf schüttelte. Georgine that als ob sie husten müsse, weil sie mit ihrem Scharfsinn den Grund ahnte, warum Eduard schon so lange von ihr vermißt worden, doch Miranda wurde nicht irre gemacht. Aus der Fülle ihrer Rede ins Trockne gesetzt ging die Heftigkeit ihrer innern Bewegung zur Neugierde über, auch zur stillen Verwünschung gegen die Störer. Pathetisch ergriff sie den großen zweiarmigen silbernen Leuchter, weil jenes Nebenzimmer nur von einer aussterbenden Astrallampe und von der flackernden Spirituslampe erhellet aus ihrem Standpunkte völlig dunkel schien. Aber jenes mondliche Helldunkel eben hatte die beiden Liebenden so dreist gemacht, unter dessen Schutze sie sich einander mit ernsten Schwüren zueigneten; Gelübde von denen jene Küsse nur das Siegel unter das Blanket waren, worauf sie kreuz und quer die näheren Bedingungen ihres Glückes eintrugen. Eben wollte Eduard mit einem neuen Kusse das Datum unterzeichnen, als jener Lichtschein in der Nähe ihn aufschreckte, den Miranda wie Vestas hohe Priesterin ihm drohend vorhielt. Aber sein Erschrecken lächelte so unschuldig, als Miranda feierlich ausrief: Eduard — bei meiner Kammerjungfer! daß Cornelia, die nur auf ihn blickte, sich nicht stören ließ, seine Hand in der ihrigen zu bewahren und mit ruhiger Fassung ihn fragte Eduard, — Was sagen wir nun? — Das hättest du auch bedenken sollen!— Du — Du — Du! sagte Miranda verwundert. — Eduard aber zog aus seiner Brieftasche eine Karte, schrieb mit Bleistift ein paar Worte darauf und übergab sie dem Rittmeister mit der Bitte, sie laut als fröhliche Botschaft vorzulesen. Dieser stellte sich gegen das Licht der Vesta und las mit lauter Stimme vor: Als Verlobte empfehlen sich der Kandidat Eduard von Sternenwurf und Cornelia von Picten. — Viel Glück dazu, sagte der Rittmeister. Indem er Cornelia nach einem General von Picten fragte, den er einst gekannt, erfuhr er daß dieser ihres Vaters Bruder gewesen und vor einigen Jahren bei der Rückreise aus Indien mit allen seinen Schätzen untergegangen sei und sie durch seinen Tod viel verloren hätten. — Er rettete mir im Kriege das Leben, sagte der Rittmeister, ich werde doch etwas für seine Nichte thun können, für die Tochter eines der ersten Häuser Schottlands, das mit seinen Königsgeschlechtern verflochten ist. — Eduard fügte noch die Nachricht vom Reichsadel hinzu, ja daß der Vater, wie er aus vielen Gründen vermuthe der eigentliche Verfasser jener berühmten Waverley-Novellen sei. Miranda hörte wenig daraus, denn sie mußte in dieser Stunde eine schwere Prüfung bestehen. Georgine, die ihre Heftigkeit wahrnahm, suchte sie zu bereden, sich nach der unangenehmen Störung in ihrem Wohnzimmer auszuruhen. Cornelia wollte vorleuchten, aber sie wies diese zurück und entfernte sich mit der Tochter in ernstem Schweigen.
Nun konnten sich mehrere Frauen nicht erwehren über den großen Unbekannten nähere Auskunft zu erbitten. Andre freilich thaten als ob sie nichts davon gelesen, aber der Rittmeister behauptete immer einen Band seiner Romane unter ihren erbaulichen Traktätchen versteckt gefunden zu haben, dessen sie sich auch nicht zu schämen brauchten, weil die Neugierde als neues Reizmittel das Vergessene und Abgenutzte wieder in Verbindung bringe mit dem noch ungewußten, und daß auch hier die Bewohner des Festlands auf diesem Wege zu einer Anschauung des Großen, Freien, öffentlichen und Selbstständigen jener brittischen Inseln gelangten und dies allmälig sich aneigneten. Cornelia wurde nun scharf beschaut, ob sie die Züge einer jener Heldinnen trage, die immer zur rechten Zeit aus irgend einer Vorstadt in jenen Büchern auftreten, um große Veränderungen mit kleiner Mühe möglich zu machen. Arthur, der inzwischen zu Miranda eingedrungen war, brachte die Nachricht daß diese sich von ihrem Unwohlsein hergestellt fühle und die Gesellschaft in ihr Wohnzimmer einlade. Sie lag ausgestreckt auf ihrem Ruhebette als die Gesellschaft eintrat und Georgine führte ihr Cornelien zu. Miranda sagte ihr, daß sie alles Drückende vergessen möchte was in dem bisherigen Verhältnisse gelegen. Sie bedaure daß sie ihre Familienverhältnisse und früheren Lebensereignisse nicht gekannt habe, sie würde sonst mit Vergnügen sie in Kreise eingeführt haben, die einer so hoch geachteten Fremden angemessen seien, wogegen sie es sich selbst zum Vorwurf mache, daß sie vielleicht unter den Dienenden manchen Leichtsinn in der Liebe habe anschauen müssen. — Cornelia hätte diesen Stich sehr wohl pariren können, denn sie hatte alle ihre Schicksale in Kürze berichtet als sie das Haus betreten, aber sie schwieg, weil sie Miranda die Rettung aus dem tiefsten Elende dankte. Miranda wünschte sie in ein andres Haus zu bringen, daß sie ihre Dienstzeit gänzlich vergessen möge und der Rittmeister schlug eine angesehene alte Engländerin dazu vor, die eine solche Gefälligkeit einer Landsmännin nicht abschlagen werde. Der Vorschlag wurde gebilligt und von dem Rittmeister sogleich ausgeführt, der Cornelia in seinem Wagen zu der ehrenwerthen Frau brachte.
Als sie das Zimmer verlassen hatte, wendete Miranda sich an das Herz Eduards, um es in aller Art zu foltern. Sie suchte ihm nämlich darzuthun, daß das ganze verwirrende Verhältniß worin er sich jezt befinde aus den Lehren des Erasmus stamme, den er gänzlich meiden müsse, wobei sie oft scharfsinnig in seine Gesinnung eindrang, doch ohne sie richtig zu würdigen. Verdrossen nahm er es auf, denn es war ohne wohlwollenden Zusammenhalt; und unterdrückte nur mit Mühe den biblischen Spruch, daß Frauen in der Kirche schweigen sollen. Er benutzte den ersten günstigen Augenblick, um mit dem Bemerken daß er zu ergriffen sei das Zimmer zu verlassen. Ihm zwang sich wohlwollend ein junger Geistlicher auf, der ihn sehr lieb gewonnen und die Noth seines Herzens wohl erkannt hatte. Als sie auf der Gasse im Mondenlichte standen, drückten sie einander die Hände und Eduard sagte: Ist diese Einwirkung von oben, die sie ohne ein Wort zu sprechen auf mich ausüben, so ist Miranda's Gerede gewiß aus der entgegengesetzten Zone. Wie einen Dudelsack behandelt sie mein Herz, sie meint wenn sie nur daran drücke, werde sie schöne Töne herauspressen. Wer läßt sich gern ins Herz wie in einen Loostopf greifen, um einige seltene Gefühlsnummern ausrufen zu hören? Selbst bei der Ohrenbeichte hängt es doch noch von meinem Willen ab, aber diese Herzens-Inquisition sucht in Widersprüche zu verwickeln und den Willen noch zu übermeistern. Ich bin nicht weichlich, aber das ist unzart was der Mensch in seiner innersten Seele bewahrt, zum Spielzeuge geselliger Unterhaltung zu machen. Ich habe die stürmischen Wellen dieser Zeit so lange an den Planken meines Schiffes vorübergehen hören ohne zu zagen, aber die Frau umgiebt mich mit der bänglichen Luft vor einem Erdbeben, die ein völlig unbestimmtes Geschick ahnen läßt. Mir ist als hätte ich am Pranger gestanden und ich hätte gar nicht gewußt was ich da für ein Gesicht schneiden sollen. Ist diese Miranda auch ihre Prophetin? — Was soll meiner Jugend diese Glaubensquälerei, diese Gewissensbisse des lang verletzten Glaubens aus der früheren Zeit ihres Lebens? Warum will sie in mir mit Füßen treten, was mich mit seinen Flügeln erhebt? — Der Geistliche antwortete freundlich: Ohne höhere Gewalt ist sie wohl nicht, wie könnte sie sonst so einwirken? — Aber lassen wir sie! Gestehen Sie nur das Eine zu, daß außer der neutralen Linie noch ein ungeheurer Welttheil liegt, eine schwimmende Insel, bald nahe bald entfernt, von der das feste Land seine besten Genüsse erhält. So seltsam diese Gemeinde zusammengesetzt ist, zeigt sie doch schon wie jede neue Kirche, daß die Menschen etwas anders werden als sie selbst sich dabei gedacht haben. Davon giebt Miranda, wenn wir ihren früheren Lebenslauf vergleichen, ein glänzendes Zeugniß, denn von der Sucht nach Aufsehen die sie einführte, sind kaum noch wenige Spuren übrig. Sie sucht nach neuen Eindrücken, sie verachtet die früheren und ich selbst einst als Redner von ihr geehrt, bin jetzt nicht blos aufgegeben, sondern sogar ein wenig verketzert. Aber was schadet das? Dies Wesen ist nicht dieser Gesellschaft allein eigen, es findet sich überall in der politischen, gelehrten und künstelnden Welt und zu allen Zeiten trugen auch fromme Gesellschaften den Karakter ihrer Zeit, stürzten zusammen wenn dieser übermächtig wurde, und griffen rasch um sich wenn sie neben diesem sich ein Höheres bewahren konnten. — Unter solchen Gesprächen wurden sie überrascht und beschwichtigt durch eine feierliche Kirchenmusik, welche aus den geöffneten Fenstern des Rittmeisters ihnen entgegenschallte. Ist er gestorben? fragte Eduard laut, daß ihm die Schüler ein Todtenlied singen? Unmöglich, kaum kann er von seiner Fahrt mit Cornelien heimgekehrt sein. — So gut singt unser Chor nicht, antwortete der Geistliche, ich wünschte daß wir diese Stimmen vereint mit den Vorträgen Miranda's hätten hören können. — Wie ist es möglich, fragte Eduard, daß ihr Wohlwollen das Vollendete und das Stümperhafte so mischen möchte? Diese Musik zu genießen muß ich Miranda völlig vergessen, selbst Erasmus würde nur mit Nachtheil nach einem solchen Vorspiele auftreten. Das macht die Kunst an unrechter Stelle so manchem Gläubigen verdächtig, der wohl gar Orgel und Chorgesang verdammt, weil er das was er als das Höchste ehrt dadurch zurückgesetzt fühlt. — Freilich auch eine Rücksicht bei Liturgieen, eine von den vielen, woran keiner von denen denkt die in neuen Formen des Gottesdienstes ihr Heil suchen. — In jeden, Fall kann uns diese Gesellschaft zur Belehrung dienen, fuhr Eduard fort; mein guter alter Vetter wird unsern Besuch freundlich aufnehmen. Bei diesen Worten führte er den Geistlichen in das Haus und ohne weitere Anmeldung in die Versammlung der Musiker. Halt, Eduard, rief der Rittmeisier ihm entgegen, hier ist Freimaurerei, du siehst daß ich hier in fremdartiger Kleidung erscheine, dies ist die Vendetta der musikalischen Karbonari. — Können eintreten, rief im italienischen Accent eine alte geschminkte Dame, die mit großen Fischbeinträgern ihre alte reiche Robe unterbaut hatte und aus diesen künstlichen Hüften den Takt schlug, weil der alte Kapellmeister nach ihrer Meinung ihn zu schnell angegeben hatte. Dieser Streit verdrängte alle Musik. Ein aufgeschwemmter gelber großer Kastrat ohne Haltung schrie mit einer Festigkeit und Kraft gegen die erzürnte Dame, als ob seinem Freunde dem Kapellmeister bittres Unrecht geschehe, wodurch sich endlich alle in zwei Parteien theilten, die sehr ungeistlich gegen einander tobten. Der Geistliche that in der Verlegenheit die Frage, ob das Vorgetragene eine Messe von Rossini gewesen und hetzte dadurch die ganze Meute der wüthenden Musikliebhaber gegen sich, welche diesen verhaßten Neuerer nicht einmal genannt wissen wollten, während ein philosophischer Bratschist ihm laut und vernehmlich recht gab, daß dieses letzte Stück allerdings etwas Ähnliches mit der Manier dieses Komponisten habe. Aber was ist Musik? rief der Rittmeister, um diesen Streit zu beschwichtigen; nur wenn wir das wissen, können wir uns über die Musiken mit einander verständigen. — Musik ist Erinnerung an die Urbewegung unserer Seele, rief der Bratschist. Urbewegung? sagte die alte Dame, ist Urbewegung die Scala, ist Urbewegung ein Triller? Was ist Ur? Ich mag keine leiden; um ohne Uhr zu sein muß man den Takt im Kopfe haben. Der Bratschist machte ein grimmiges Gesicht und fuhr fort: Die Musik, welche mich erfüllt und an jene Urbewegung erinnert, ist nicht jene welche ich und diese Signora hier hören, sondern völlig unabhängig davon, welches ich daraus beweise, daß diese Einwirkung keine Nothwendigkeit wie Stoß und Bewegung überhaupt in sich trägt, dergestalt daß eine andere Seelenthätigkeit diese Einwirkung gänzlich aufheben kann. So dachte Signora gerade in der schönsten Stelle an das Abendessen und flüsterte dem Bedienten zu, daß es nun Zeit sei die Seefische an das Feuer zu stellen. — Aber essen sie nicht das Meiste und Beste von diesen Fischen? rief die Signora erzürnt, und wem werden Vorwürfe gemacht wenn etwas mißrathen ist? Richtig, fuhr der gewaltige Mann fort, es bestätigt was ich sage; der Wunsch gelobt zu werden wegen der Fische, ist mächtiger als der Anstoß des mächtigen Chors. Ich sage der Hörer muß Komponist werden um wirklich zu hören, er muß die Ahnung des Ganzen mit den ersten Tönen empfangen und muß der Zeit vorgreifen. In diesem Überwinden des Zeitlichen liegt der Triumph des Höhern aller Künste, die an sich wiederum nichts, gar nichts sind, wie alles Menschliche. An allen Künsten ist es nachzuweisen, daß nur eine Vorahnung des Ganzen diese höhere Anregung ausmacht, und je plumper diese Ahnung angeregt wird, je allgemeiner ist die Wirkung. Diese Ahnung ist das Interessante in den Romanen, in dieser Ahnung kann sogar das was Widerwillen an sich erregt höchst gefällig erscheinen, woraus die Absurdität der Kritiken die immer von Einzelnheiten reden hervorgeht. — Aber in der Malerei, in der Bildhauerei? fragte der Geistliche bedenklich. — Auch hier, rief der Bratspieß, ist Genuß nur Ahnung, das kann ich daraus beweisen, daß jedes echte Kunstwerk durch längere Beschauung erst ganz empfunden wird, während die Kunstwerke verachtet werden die im ersten Anblick gefallen, aber bei näherer Betrachtung verlieren. Daher auch der Wunsch nach dem Besitze jener Kunstwerke, eben weil wir es ahnen, daß wir sie noch nicht ganz gefaßt haben, daß noch Unendliches darin angedeutet, was wir so wenig wie die einzelnen Pinselstriche und Meißelschläge aufzählen können, welche sie bis dahin förderten, noch weniger die welche ihrer Vollendung fehlen. Bei der ersten einfachen Plastik scheint es, daß sie sich nur dadurch empfehle, weil in der Natur selten eine so ungestörte thierische Entwickelung zu finden. Bald aber fühlen wir daß die einfachste erste wie die vollendetste Natur nur Studie ist, Bemühen nach dem Ausdruck einer sonst vorüberrauschenden Idee, von welcher sie nur einen kleinen Theil bewahren kann, den größeren ahnen läßt. Sehen sie dort den antiken Faun. Warum bewahren wir ihn noch jetzt, wo wir doch mit Ausnahme weniger gute Christen sind und an dergleichen Waldteufel eben nicht glauben? Aber diese Heiterkeit erregt noch jetzt ein Lächeln, wie wir die Herrschergewalt auch im abgesetzten Jupiter noch fühlen. Kurz, meine Herren, das ganze ästhetische Geschwätz von Schönheit, Karakter u.s.w. ist nichts, gar nichts, es kommt alles darauf an, daß ein Kunstwerk die Ahnung seines geistigen Urstoffs in andern anzuregen vermag, und dieser endlose Urstoff läßt sich so wenig durch Schönheit, Karakter definiren, daß diese vielmehr als willkührliche Absonderungen gemiethet werden müssen.
Die Austern sind aufgetragen; der irdische Urstoff! rief der Rittmeister. Wenn sie nur frisch sind antwortete der Bratspieß, und stürzte hin zu dem Tische. Die Signora nahm mit einem Arm den Geistlichen mit dem andern Eduard, dem sich der Rittmeister an der andern Seite beigesellte, um ihm von der Gesellschaft Kunde zu geben, während diese in Austern und Champagner versunken war. Während dieser beweglichen Stille karakterisirte der Rittmeister ganz laut zu Eduard diese musikalische Gesellschaft. Du siehst hier eine seltsame Kirche, wir verehren die Göttin unsrer Jugend, wie es denn auch andre Gesellschaften giebt die besonders ihre Universitätszeit jährlich feiern, weil sie gerade dort die feurigste Annäherung dieser bona dea gefühlt haben. Hier auf dem Tische siehst du sie nach alter Art verschleiert, unter einer Hülle von buntem Glase auf einem Fußboden von buntem Sande als Tafelaufsatz, und neben dir sitzt sie lebendig durch Signora Almariva repräsentirt. Diese berühmte Sängerin führte mich ins Leben ein als ich mit Taubenflügeln frisirt und langem Zopfe, in Stiefeln und Stiefelmanschetten im geistigen Tode umherschlich, sie gab mir Geld als ich noch nichts vom Credit wußte, bildete meine Stimme, ich lernte von ihr Italienisch; kurz ich danke ihr so viel daß ich meine Schuld nimmer abzutragen weiß. Wie sie damals gekleidet war mit diesen aufgekräuselten Haaren, mit dieser Haarklemme, diesem Corset, diesen Poschen, so gefällt sie mir noch jetzt, und willig finden sich auch die meisten andern Mitglieder dieser Bachischen Gesellschaft (ein Doppelsinn von Bacchus und Bach) darein, ihre alten Kleider für diesen Abend anzuziehen oder von dem Theater dergleichen zu leihen, welchem Gesetze sich auch die Küche fügen muß der unsre Königin gnädig und weise vorsteht. In diesem antiken Kostüm werden nun ältere Musiken, geistliche wie weltliche von uns aufgeführt, und wenn wir darin etwas leisten, so danken wir es besonders dem Kapellmeister im streifig seidnen Rocke, der einem Südseeinsulaner im bunten Federkleide nicht unähnlich, doch durch seinen Haarbeutel und Chapeaubas zu unterscheiden ist. Ergötzt uns alte Musik, so verschmähen wir doch nicht neuere Thorheit, und da muß ich dir besonders jenen Philosophen empfehlen, der aus der Idee componirt und geigt und sich jetzt wird hören lassen, ein ungemeines Förderungsmittel der Verdauung. Fangen sie an Herr Professor, der Herr Bratspieß wird ihnen opponiren. — Der Professor ließ sich nicht zweimal bitten, erklärte mit großer Präcision die universalhistorische Musik, construirte die Idee der Polonaise und geigte dann eine Polonaise die nach dieser Idee construirt worden, ein höchst ergötzliches Machwerk von seltsamen Mißgriffen ohne Zusammenhang, das so allgemeinen Jubel erregte, daß sich manche im Lachen die Seite halten mußten und die meisten rühmten; keins der großen alten Werke habe ihnen einen gleichen Spaß gemacht. Der Professor geigte stolz seine Polonaise noch einmal und der Bratspieß erklärte seine Philosophie für überwunden. Solche Seltsamkeiten, flüsterte der Rittmeister zu Eduard, müssen in unsrer nivellirenden Zeit überaus sorgsam gehegt werden, kaum bleibt uns noch etwas der Art in Büchern übrig. Darum ist mir auch Bruder Blauflügel dort mit seinem gesenkten glatten Haupte und seiner demüthig lächelnden Miene so viel werth. Der begeht heute eine Todsünde, indem er unsern Kreis besucht, denn er ist Pietist, aber er kann es seiner großen Musikanlage, seinem großen Talente nicht versagen, und sucht es sich mit dem Namen Kirchenmusik zu beschönigen die freilich auch hier getrieben wird. Um sich den Scherzen des Mahles zu entziehen, setzt er sich gewöhnlich bald ins Nebenzimmer an den Flügel, und verdirbt uns mit seiner reichen Erfindung gar oft das Essen. Die Leutchen springen einer nach dem andern auf, das Essen wird kalt und hat er sie alle zusammen, so weiß er sie geschickt in eins der grandiosen kirchlichen Bußlieder zu bringen, daß manches Auge übergeht. Es ist der Bruder Miranda's, wohnt aber ihren Versammlungen nur selten bei weil er ein sehr thätiges Leben für die Armen führt, es ist eben der welcher durch seine Modethorheiten in früheren Jahren mich mit Miranda zusammenhetzte oder copulirte, wie du es als Gärtner oder Jäger nennen magst. Genug in diesem sind die Worte Mniochs lebendig geworden: „Im Ernst ist niemand Heide mehr noch Christ, will mans zur Lust so ist man Poetist.“ Doch kann auch Pietist statt Poetist gesetzt werden fügte Eduard hinzu, und doch ist jener Sinnspruch nur eine Rodomontade, und jedem schlagen endlich die Stunden, wo Poetisterei und Pietisterei im Ernst der Gedanken untergehen. — Wie der Rittmeister angekündigt so geschah es, daß der Pietist sich ins Nebenzimmer zum Flügel setzte, und als Arion sehr bald die Delphinen aus ihrem Elemente am Tische zu sich hinzog, während er sie nicht beachtete, sondern in Behaglichkeit sich ein Genüge that. Bei den seinen melodischen Sätzen stieß der Rittmeister Eduard an und sagte: Wieder eine Todsünde die er sich bewahrt wie der Bildhauer die Stützen an seinen Statuen, sonst würde er in Schwermuth zusammenstürzen. Du wirst sehen, nichts kommt gezwungen wie der Übergang zum geistlichen Liede, so schön dieses fugirt sein mag. — Aber dies Lied wurde wunderherrlich von allen gesungen und so war der Übergang vergessen. Der Geistliche suchte Herrn von Blauflügel pflichtmäßig zu danken für diesen Genuß, dieser aber erinnerte ihn daß er sich in einer Gesellschaft befinde die für ihn nicht zieme, wohl gar amtliche Rügen haben könnte und eilte mit ihm von dannen, worüber der Rittmeister seinen Scherz nicht verbergen konnte. Sie wissen noch nicht sagte er, so wenig wie diese Freunde, denen ich es hierdurch kund thue daß ich geistlicher Minister bin, und daß ich gleich diesen Abend benutzen will euch alle für die Kirche in Requisition zu setzen. Kein Widerspruch denn ich bin Minister der geistlichen Aufklärung geworden, und demnach Vicar unsres obersten Bischofs. Frisch ans Werk wir müssen für den nächsten Sonntag schon eine protestantische Messe einstudirt haben, die unsre jungen Leute abhält wegen der Musik katholisch zu werden.
Eduard fand sein Gefühl durch die Ministerschaft des Rittmeisters eben so beleidigt wie seine Amtsansichten. Er war durch alle seine wunderlichen Schicksale nur der Berührung einer höheren Überzeugung gefolgt, in der jeder innige Glaube ehrwürdig wird. Es packte ihn an den Haaren daß er Hut und Stock stehen ließ um ungehindert ins Freie zu flüchten. Verächtlich blickte er zu den Sternen und rief in sich: Was soll diese strenge Ordnung da oben? Die Welt ist reif zum Untergange. Thorheit predigt, Liederlichkeit musicirt und beide meinen zusammen eine Kirche zu stiften, indem sie den letzten Rest des Würdigen mit Narrheit stempeln. — Während er so mit sich sprach, schallte ihm von obenher aus dem Musiksaale ein geistlicher Choral, den der Minister für seinen Zweck ausgewählt hatte und hemmte seine Schritte. Als er geendet sagte Eduard zu sich: Weiß ich denn jetzt ob es Narren waren die mit ihren Flügeln die Harfe Davids schlugen? Klang es nicht erhebender als dort bei Miranda, wo so viele reine Seelen im Unisono heisere Nasentöne schwankend herauspreßten? Heute sind es mir Engel, mag sie morgen der Teufel holen, der ärgste Theil ihrer Jugendsünden muß ihnen doch beim Gesange entschwinden. O ihr Menschen wie so lieblich und herrlich aus der Ferne, ich möchte euch Abbitte thun für jedes harte Wort. Herrlich wären vielleicht alle wenn sie einander nicht so nahe gekommen, nicht einander bedrängten und hinderten. Und habe ich auch nichts erstritten unter Bolivar, so sah ich doch diese endlosen Räume zukünftigen Geschlechtern geöffnet. Bliebe mir Cornelia nahe, — Georgine nicht zu entfernt — den Rest könnte ich missen!
Ein altes Chor tönte jetzt deutlich zu ihm nieder.
Was ist's daß du dich kränkst?
Es wird, so wie du denkst.
Eduard verzieh Schminke und Reifröcke, neue Kirche auf Austerschalen erbaut, Champagner-Choräle ja in voraus gab er Ablaß für alle möglichen Sünden dieser Nacht, alles für dies eine Prophetenwort das seine Seele beruhigt hatte.
Der Minister entließ die singende Gesellschaft früher als gewöhnlich, und eilte mit seiner unermüdlichen Thätigkeit zu den Aktenstößen die ihm aus dem Hause des alten Ministers zugesendet waren. So stieg ihm der Morgen auf es wurde kühl, und mit Blitzesschnelle führte er einen Entschluß aus mit dem er schon lange gekämpft hatte. Er verbrannte seine auserwählte Bibliothek lüsterner französischer Bücher und studirte bei der angenehmen Wärme seines Zugofens ruhig fort. Krumbiegel überraschte ihn dabei und schrie vor Jammer auf, als er die schönen Bändchen noch halb erhalten im Ofen erblickte. Ich fürchtete sagte der Minister daß Georgine einmal darüber gerathe, und daß mein Blut in ihr erwachen könnte. Für mich ist es kein Verlust, das Beste weiß ich auswendig oder kann es wiedererfinden. — Aber du ängstigest mich durch so etwas sagte Krumbiegel, am Ende bist du auch ein heimlicher Mystiker; von deiner Frau zum Proselyten gemacht, störst du alle unsre ernsten Pläne für das Heil der Welt. — Verdammter Kerl rief der Minister, wer hätte das gedacht, als wir zusammen den altgläubigen Theologen die Fenstern einwarfen, daß du mir noch vom Heil der Welt vorreden würdest? Denke doch daran wie viele uns gekannt haben! — Niemand wird uns daran erinnern antwortete jener, wenn wir nur strenge unsern Beruf zur Besserung andrer darlegen. Wer denkt daran daß ich einmal dein Croupier gewesen, seit ich die Hasardspiele überall verfolge? — Zeige öffentlich in einem Schaustücke daß du beim Spiele etwas Höheres vor Augen gehabt hast. Frechheit ist es hauptsächlich was wir Herrschenden durch diese Zeitgeschichte gewonnen haben. Wir brauchen die Öffentlichkeit nicht mehr zu scheuen. Mit den meisten Menschen wird man leichter fertig als man denkt, nur Einer ängstiget mich in deiner Umgebung, der Eduard, ich habe die seltsamsten Dinge von ihm in Erfahrung gebracht und zwar durch den Herrn von Picten, den er mit hundert Louisdor freigekauft hat die er mit einem Zahne erworben. — Ich weiß — leider, ich hätte ihm gerne zwei hundert geliehen und er hätte seinen Zahn behalten. Aber was weiter? — Nun das ist schon etwas und dann hat er ein Vierteljahr unter Bolivar gedient, und dann ein Jahr unter den Griechen. Denk dir nur bei dem Sturm der einen Stadt hat er allein den Hauptwall erstiegen, und als er sich umsieht sind seine Kameraden davon gelaufen, aber auch die Türken vom Walle. Denk dir nur da dreht er eine Kanone auf dem Walle um und schießt damit in den Harem des Paschas. Auf dies Zeichen bekommen die Griechen Muth, sie kommen ihm zu Hülfe als eben die Türken ihn herabstürzen wollen. Das Gemetzel geht an, Picten selbst kommt von seinem Schiffe dazu mehr um zu plündern als zu helfen, aber Eduard steht wie ein Wächter bei jedem reichen Kaufhause daß die Griechen stürmen mochten, und jagt sie immer wieder zurück in das Gefecht bis kein Türke mehr in der Stadt zu wittern. Da legt er sich auf die Schwelle des Harem nieder um auszuschlafen, und keiner wagt über ihn fort einzudringen. Als er ausgeschlafen läßt er den Zahlmeister kommen, und alles Geld im Harem aus des Paschas Schatzkammer auf öffentlichen Markt ausschütten, und dann zwischen allen Griechen, Philhellenen, Arnauten, Matrosen nach einem öffentlichen Rechenexempel gleich vertheilen. Die Weiber wohl achtzig an der Zahl hat er unterdessen getauft, schreibt ihnen Nummern mit Kreide auf die Kleider und legt diese Nummern auf Papier geschrieben in seine Mütze. Wer will die Neugetauften heirathen? fragt er dann in allen Sprachen. Und die sich zuerst melden ziehen die ersten Nummern, und so fort bis sie alle verloost sind. Da werden sie getraut alle achtzig Paare und denk dir, — von allen den wunderbaren Schönheiten behält er auch nicht eine für sich, — sondern vertheilt türkische Häuser und Gärten unter die Neuvermählten, und bittet Picten am Abend ihm etwas Schiffszwieback und ein Lager aus seinem Kaperschiffe zu geben, weil er vergessen hatte sich ein Quartier zu bestellen, und niemand in seiner Lust jetzt stören möchte. — Das hat er mir nie erzählt, sagte der Minister verdrießlich, das ist überhaupt die verdammte Sitte dieser jungen Herren sie erzählen nichts, es ist als ob sie es gar nicht erlebt hätten. Er schimpft auf Amerika und Griechenland, sonst wüßte ich kaum daß er dort gewesen. Aber was fürchtest du nun von ihm, alter Krumbiegel? daß er deinen Harem auch einmal an Leute verloost die ihn besser brauchen können? — Hör mich doch nur aus sagte Krumbiegel, ich bin noch nicht fertig! Am Morgen, nachdem der Harem bis aufs Letzte ausgeplündert war, läßt er ihn von seinen Freunden bis zum Grunde zerstören, abtragen, bringt einen Pflug herbei, pflügt den Boden um und sät Eicheln hinein und pflügt sie dann im Kreuz unter, während seine Leute aus den besten behauenen Steinen des zerstörten Hauses eine kleine griechische Kapelle aufrichten müssen, zwar nur ein roher wilder Bau aber doch hinlänglich ein heiliges Bild hineinzustellen, das die Griechen hoch verehren. Wird so ein Mensch nicht auch unter uns den Bilderdienst herzustellen suchen, wohin ja schon alle die altdeutschen Gemäldesammlungen trachten und die jungen Maler mit ihren Madonnen?— Beruhige dich antwortete der Minister, niemand ist gegen beide so eingenommen wie Eduard! Er möchte von allen Künstlern fort auf die ödeste Landpfarre flüchten, denn ihm ist hier gar nichts recht. — Gut, gut, wir geben ihm die beste Landpfarre um ihn los zu werden, rief Krumbiegel, und das wäre hiermit abgemacht. Dann muß ich dir sagen, daß der Fürst nach der ersten geheimen Unterredung sehr für dich eingenommen ist. Er hofft daß du ein glänzendes Fest zu Ehren deiner Anstellung geben werdest, und da ich ihm versicherte du seiest eben nicht bei Kasse so verspricht er, das Kapital gegen hohe Zinsen aus seiner Privatkasse vorzustrecken. Dies ist die Handhabe um ihn für immer in der Gewalt zu behalten. Giebst du ihm acht Procent, so stehe ich dafür du sollst das Doppelte dabei gewinnnen. Laß ihn im Spiel immer gewinnen, denk daran daß du dieser Höflichkeit sein erstes Wohlwollen dankst. Von mir sprich nur so mit Lächeln wie über einen Bedienten, der zu etwas Höherem avancirt ist. Mein Bedürfniß ist Wirksamkeit aber keine Ehre, und ich wäre verloren, wenn mich der Fürst für einen Mann von eigner Bedeutsamkeit halten könnte. Übrigens halte dir die Akten fern und thue dir mit übermäßiger Arbeit keinen Schaden. Leider hat der Nachtwächter berichtet du hättest die ganze Nacht in deinem Schreibzimmer zugebracht, und ich sehe den Akten an daß du sie ziemlich gelüftet hast. Ein Feldherr zieht seinen Degen nur um damit zu glänzen, ein Minister braucht nur die Akten zur Verzierung seines Tisches und die Feder zur Unterschrift. Für die Arbeit laß deine Räthe sorgen und suche besonders den Arthur dazu einzuhetzen. — Der Minister dankte für allen guten Rath und zeigte ihm den Plan zu einem großen Maskenfeste, ein Vergnügen das dem Fürsten besonders zusagte, weswegen auch Krumbiegel sogleich forteilte dessen Meinung darüber zu vernehmen.
Georgine kam jetzt um ihrem Vater den Bericht abzustatten, wie sie Miranda mit Cornelien versöhnt, indem sie ihr alle Trefflichkeit, Ergebenheit, Muth und Güte dieses herrlichen Wesens vorgestellt habe. Bewunderung ist in reinen Herzen mächtiger als Eifersucht. Der Minister horchte die Tochter jetzt über Arthur aus und suchte ihr hartes Urtheil zu mildern, doch waren sie nur in der einen Meinung einig, daß er der schönste junge Mann in der Stadt sei. Sie eilte fort denn Arthur ließ sich jetzt anmelden. Arthur sprach über die Bedingungen seiner eignen Anstellung, der noch immer etwas an Gehalt und Ehre in seinen Augen zu fehlen schien. Nachdem diese Angelegenheit besprochen war, sagte der Rittmeister: Weißt du daß ich heute schon viel über dich sprach, und zwar mit Georgine, die mir eine halbe Stunde schenkte? Dir ergehts wie hohen Potentaten, dein Bild in der Kirche hat besser gefallen als dein Gespräch. Du brachtest ihr den Riß des Architekten zum Ausbau der Kirche in Zehenburg, sie eröffnete dir wie dieser Ort sich in aller Hinsicht zum Ausbau ihres neuen Jerusalems eigne, und du lachtest über den Plan, dann hast du auch ihren ökonomischen Glauben gekränkt durch deinen Spott über Wechselwirthschaft und gegen die Pudrette, deren Nutzen sie doch selbst gesehen zu haben meinte. Sie sagte es sei ein wahres Unglück für das schöne Zehenburg wenn du die Wirthschaft übernähmest, sie möchte es dir abpachten. — Ja sagte Arthur sie nimmt mich vielleicht blos meiner Güter wegen, um dort ihr neues Jerusalem zu gründen. — Nimmt sie dich? fragte der Minister zweifelnd.— Unfehlbar entgegnete Arthur, sie war heute früh nur verlegen, weil uns die Mutter gleich als Verlobte vorstellte. Ich muß sie durchaus auf die Probe stellen, es ist auch ihr Bestes daß sie ihre eigene Gesinnungen kennen lernt. Ich sage daß ich die Güter im Prozeß verloren habe. Oder besser ich verliere sie zum Scherz im Spiele, — gegen Sie bester Onkel, so daß diese Güter ihr ohne meine Hand zufielen. Dann erst werde ich mit Sicherheit erkennen ob sie mich liebt oder jenen reichen Boden. — Kein übler Einfall sagte der Minister, das heißt Leute in Versuchung führen. Nun übermorgen gebe ich einen großen Maskenball, du bist mir ähnlich wir können Masken wechseln, du kannst sie belauschen. — Sie wird nicht zum Tanze kommen. — Sie wird kommen denn die Mutter ist einverstanden, daß wir jedes Weltliche als Mittel für unsre frommen Zwecke brauchen können. — Und was ist Ihre Meinung Herr Onkel? — Meine Frau sagt daß ich ein Wiedergeborner bin und ich gestehe dir, so eine Vorstellung ist ansteckend. Es liegt so etwas in der Luft was uns zu frommen Seelen macht, oder thut es mein Alter, kurz in diesem Religionswesen liegt etwas daß des weltlichen Karakters spottet, oder wie Miranda es nennt, den Eigenwillen tödtet und somit den besten Theil der Poesie unsres Lebens Lügen straft. Ja mein Sohn, der Mystik bin ich feind und will sie mit der Wurzel ausrotten, aber die inrollirende Kraft des Glaubens habe ich schon beim Adepten erfahren, die schroffen Felsen stürzen endlich so gut zusammen und auseinander wie die Maulwurfshaufen wenn die große Fluth kommt. — Ich muß Sie innigst verehren sagte Arthur, denn wirklich ich hielt Sie bisher für einen Atheisten. — Das sei dir vergeben aber zur Buße lege ich dir auf, daß du alle Personen wie sie mir einfallen hier aufschreibst, die zum Balle gebeten werden müssen. Du zuerst als Abbild des Herrn von Haller und Runzel der den Thomas Payne vorstellen kann. Dann machen die sechs abgedankten Finanzminister, der vacirende Turnmeister, der Obercensor zusammen einen Cotillon. Herr von Picten wird gebeten in puris naturalibus zu erscheinen, ich meine in schottischer Bergtracht. Hier ist ein Verzeichniß der sämmtlichen Windbeutel und lustigen Frauen; meine Frau ladet die Frommen. Hier sind die Gesandten, hier die reichen Kaufleute verzeichnet — das trage zusammen, während ich Audienz ertheile.
Heiter ließ der neue Minister die Flügelthüren öffnen, um die ganze Menge der Aufwartenden abzufertigen. Seine Artigkeit brachte die Gesellschaft in eine Bewegung, der ähnlich, wenn Leute unter ausgespannten Waschleinen durchgehen müssen, wo sie sich denn ein paar Mal öfter als nöthig bücken, um ja nicht mit Kinn oder Nase hängen zu bleiben. Zur Verwunderung aller hatte ihn die Vorbereitung der Nacht zur Einsicht aller bedeutenden jetzt schwebenden Verhandlungen geführt, sein treffendes Urtheil schlug die Winkelzüge nieder, und seine Ansichten bewährten von neuem, daß tiefsinnige Menschen zu allen Zeiten so ziemlich gleich weit gesehen haben. Manche schämten sich der Zweifel, daß aus einem Rittmeister ein Minister der Geistlichkeit werden könne, indem andre sich daran erinnerten, daß hier der umgekehrte Fall eintrete wie beim Kardinal Ximenez und andern Geistlichen, die sich in Feldherren verwandelt hatten, wo es die Noth forderte. Ein älterer Kriegskamerad des Rittmeisters, der sich zu dieser Audienz einfand, konnte seinen Verdruß nicht unterdrücken und rief: Herr Bruder, du ein geborner Soldat wie es wenige gab, sollst nun zur Raupe werden und auf lauter Blättern herum kriechen, ist das erhört? — Alter Freund, antwortete der Minister, ist es auch hier noch nicht so gewöhnlich, so war es doch weder bei Griechen und Römern, noch jetzt in Amerika in den neuen Staaten ungewöhnlich; wer überhaupt kommandiren kann, muß alles kommandiren können, ja denk nur an Regenten wie Friedrich, Napoleon, die waren beides, Generale und Minister sogar gleichzeitig. — Beim Abschiede benutzten jüngere Gelehrte die Gelegenheit, um sich bekannt zu machen, ihre Predigten, Schulprogramme, Streitschriften und Journale dem Minister einzuhändigen. Der neue Minister versprach alles zu überlesen, warf aber, als die Herren sämmtlich entlassen waren, den ganzen Kram in den Windofen, wo noch die letzten Reste der galanten Bibliothek glühten, denn zum Vorzeichen ihrer Ewigkeit verbrennen Bücher ungemein langsam. Das war nicht Muthwille, sondern ein innerer Widerwille gegen diese Zwangschriftstellerei, während so manches Treffliche, weil es dies Maaß überschreitet, ungedruckt untergeht.
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