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A.H. Almaas
Essentielles Sein
Die Bedeutung des Lebens
Übersetzung aus dem Amerikanischen
Peter Brandenburg

Arbor Verlag
Freiburg im Breisgau
Inhalt
Vorwort
Einführung in Band III
Die Flamme der Suche
Bist du da?
Wer bin ich?
Der Abgrund
Essenz und das Ichideal
Auflösung der Identifikation und Sich-Einlassen.
Nicht-Warten
Selbstverwirklichung unterstützen
Das Dilemma der Grenzen
Wissen und das Gute
Sein und Verstehen
Reagieren, Sein und Tun
Menschsein, Verletzbarkeit und Sein
Originaltitel: Diamond Heart Book Three –
Being and the Meaning of Life
Copyright © 1990 A-Hameed Ali
Copyright © der deutschen Ausgabe: 2000 Arbor Verlag, Freiamt
Published by Arrangement with
Diamond Books, Berkeley California, USA
Titelfoto: Klaus Ender
Bearbeitung: Stephan Schuhmacher
Alle Rechte vorbehalten
E-Book 2021

www.arbor-verlag.de
ISBN E-Book: 978-3-86781-153-8
Band III der Reihe
Sein und die Bedeutung des Lebens
Es ist sehr schwer, jemandem dieses Gefühl zu erklären, dem es vollkommen fehlt, besonders da es keine anthropomorphe Auffassung Gottes gibt, die diesem Gefühl entspricht. Das Individuum fühlt die Nichtigkeit menschlicher Begierden und Ziele und die sublime und wunderbare Ordnung, die sich in der Natur wie in der Welt der Gedanken offenbart. Es betrachtet individuelle Erfahrung als eine Art Gefängnis und möchte das Universum als ein einziges bedeutsames Ganzes erfahren.
Albert Einstein
in: Mein Weltbild
Vorwort
Wir leben in einer Welt der Geheimnisse, der Wunder und der Schönheit. Aber die meisten von uns haben selten Teil an dieser wirklichen Welt und sind sich eher einer anderen Welt bewußt, die vor allem aus Streit, Leiden und Sinnlosigkeit besteht. Das liegt vor allem daran, daß wir unser volles menschliches Potential nicht verwirklichen und leben. Dieses Potential kann durch die Verwirklichung und Entwicklung der menschlichen Essenz aktualisiert werden. Die menschliche Essenz ist der Teil von uns, der angeboren und wirklich ist und an dieser wirklichen Welt teilhaben kann.
Die Reihe »Der diamantene Weg des Herzens«, ist eine Niederschrift von Vorträgen, die ich in Kalifornien und Colorado im Verlauf mehrerer Jahre vor Gruppen, welche sich der inneren Arbeit widmen, als Teil der Arbeit dieser Gruppen gehalten habe. Der Zweck dieser Vorträge ist es, Menschen, die sich intensiv mit der schwierigen Arbeit essentieller Verwirklichung befassen, Anleitung und Orientierung zu geben.
Die Vorträge sind so angeordnet, daß sie die verschiedenen Zustände und Stufen der Verwirklichung in der Reihenfolge zeigen, in der sie beim typischen Schüler auftreten – wenigstens bei unserer Lehrmethode, dem Diamantenen Weg. Sie widmen sich zuerst den Zuständen, dem Wissen und den Fragen, die am meisten gebraucht werden, wenn wir mit der Arbeit an uns selbst anfangen, schreiten zu Stufen zunehmender Tiefe und Differenziertheit fort und gipfeln in einem detaillierten Verständnis der reifsten Zustände und der Voraussetzungen von Verwirklichung.
Jeder Vortrag erhellt einen bestimmten Zustand von Essenz oder Sein. Die relevanten psychologischen Themen und Barrieren werden genau und eingehend diskutiert. Dabei wird modernes psychologisches Verständnis in Beziehung zum Zustand des Seins und zu Denken und Bewußtsein, Leben und dem Prozeß innerer Entfaltung des einzelnen gesetzt.
Daher ist diese Buchreihe nicht nur eine detaillierte und spezifische Anleitung für den Schüler, sondern auch ein Ausdruck und eine Manifestation der Entfaltung der menschlichen Essenz, wie sie das Geheimnis, das Wunder, die Feinheit und den Reichtum der wirklichen Welt, unseres wahren Erbes, enthüllt. Jeder Vortrag ist eigentlich der Ausdruck eines bestimmten Aspektes oder einer Dimension des Seins, wie er sich als Antwort auf die aktuellen Bedürfnisse der Schüler im Bewußtsein des Lehrers einstellt. Der Lehrer handelt sowohl als eine Verkörperung einer solchen Realität als auch als ein Kanal für das lebendige Wissen, das Teil dieser Verkörperung ist.
Es ist mein Wunsch, daß mehr meiner Mitmenschen an unserer wirklichen Welt teilhaben und die unglaubliche Schönheit und Integrität schmecken, die darin bestehen, ein Mensch, eine volle Manifestation der Liebe zur Wahrheit zu sein.
Einführung in Band III
Der Prozeß essentieller Selbstverwirklichung durchläuft verschiedene Stufen, von denen jede mit bestimmten essentiellen Zuständen, psychologischen Themen und einer daraus resultierenden Weisheit korrespondiert. Wie diese Stufen begrifflich gefaßt werden, hängt zum Teil von der Lehre ab, der man folgt, und zum Teil vom Fokus des Studiums. Beim Diamantenen Weg ist die Lehre an der natürlichen und spontanen Enthüllung der Wahrheit der Seele orientiert, zu der es kommt, wenn man die eigene Erfahrung, motiviert durch die reine Liebe zur Wahrheit und der Freude an ihr, untersucht.
Die erste natürliche Stufe ist die Entdeckung von Essenz, welche die wahre Natur der Seele ist. Essenz wird in der unmittelbaren Erfahrung als grundlegende Präsenz entdeckt. Sie zeigt sich in vielen Qualitäten, die wir Aspekte nennen. Sie wird als das erkannt, was sie ist, und als die wahre Lösung für die verschiedenen existentiellen Mängel und Sehnsüchte des Ego und seiner Persönlichkeit verstanden. Die zweite Stufe ist dann das objektive Verstehen des Ego und des Verstandes (mind), wobei wir die Weisheit benutzen, die aufgrund der Präsenz von Essenz verfügbar ist. Der Kontrast zu Essenz fungiert als Spiegel, in dem man die Persönlichkeit des Ego auf eine präzise und klare Weise wahrnehmen kann.
Das macht es dann möglich, zur dritten Stufe zu gelangen, auf der sich das Identitätsgefühl vom Ego zu Essenz verschiebt. Das erste Buch dieser Serie konzentrierte sich auf die erste Stufe und das zweite Buch auf die zweite. Im vorliegenden Band geht es vor allem um die dritte Stufe, die eigentliche Selbstverwirklichung. Es geht hier nicht um die verschiedenen Mängel, Konflikte und Sehnsüchte der Persönlichkeit, sondern um das Selbst und die Identität. Es geht darum zu sehen, daß es immer noch Identifikation mit dem Ego gibt, auch wenn Essenz entdeckt und als das verstanden ist, was sie ist. Auf dieser Stufe hat man mehr mit dem Thema zu tun, daß man ein Wesen (entity) ist, welches Essenz erfährt, als mit der Entdeckung, daß Essenz das eigentliche Selbst und die eigentliche Identität ist.
Diese Verschiebung der Identität verlagert das eigene Zentrum vom Ego zur Essenz und macht damit die Präsenz von Essenz zum Zentrum des eigenen Erfahrungshorizonts. Damit hinterfragt man tief verwurzelte und bisher nicht in Frage gestellte Ichstrukturen und löst sie auf. Das Selbstverständnis und die Sicht des Universums werden grundlegend transformiert. Von vielen Dingen, die man bisher für universale Tatsachen der Realität gehalten halt, erkennt man hier, daß sie nur auf Glauben und naiven Annahmen beruhen.
Das führt auch zu Objektivität in Bezug auf Essenz selbst, denn jetzt erfährt man sie eher aus ihrer eigenen Perspektive als aus der der Persönlichkeit. Man erkennt Essenz als Sein (Being), als Zeitlosigkeit und als das ewige Jetzt. In diesem Buch wird der Zustand der Selbstverwirklichung diskutiert, seine individuellen wie auch universellen Dimensionen – wobei die erstere, die um Zeitlosigkeit zentriert ist, als der Eingang zur letzteren fungiert, die um die Jetztheit des Einsseins (oneness) von Sein zentriert ist.
Die eigentlichen Erfahrungen, Verwirklichungen, Einsichten und die daraus resultierende Weisheit, werden im Detail behandelt und die entsprechenden Themen und Strukturen des Ego so weit geklärt, daß man sie in sich selbst erkennen kann. Die Zustände und Themen, die diskutiert werden, sind von fortgeschrittener Art, und der Leser muß sie mit seiner innersten Erfahrung in Beziehung bringen, um zu vermeiden, daß das Material zu rein intellektuellem Wissen degeneriert. Diese Bücher sollen für den Leser von praktischem Nutzen sein. Damit man die wahre Nahrung verdauen kann, die man aus den Untersuchungen dieses Buches gewinnen kann, ist es notwendig, daß der Leser sich ganz darauf einläßt, indem er seine Erfahrung mit der Art Aufrichtigkeit betrachtet, die von jedem Schüler der inneren Arbeit verlangt wird.
Die Flamme der Suche
Warum bin ich hier? Wohin gehe ich? Wir müssen schauen, wie ehrlich wir mit uns sein können, wenn wir versuchen, diese Fragen zu beantworten. Diese beiden Fragen hängen miteinander zusammen. Die meisten Menschen denken nämlich, sie wären hier, weil es ein Ziel gibt; sie wollen irgendwohin gehen. Wohin wollt ihr gehen? Ihr glaubt wahrscheinlich, ihr wißt es - oder? Glaubt ihr, daß ich weiß, wohin ihr gehen sollt? Wenn ihr glaubt, daß ich es weiß, kann ich es euch dann sagen? Und wenn ich es euch sage, werdet ihr dann folgen? Könnt ihr mir folgen?
Das sind Fragen, die ihr mit eurem Verstand (mind) nicht beantworten könnt. Das sind Fragen, die Fragen bleiben sollten. Versucht nicht, sie einfach mental zu beantworten. Diese Fragen sind wie eine Flamme. Wenn ihr sie mit eurem Verstand beantwortet, dann löscht ihr die Flamme, weil der Kopf die Antworten auf diese Fragen nicht weiß und nicht wissen kann. Wenn ihr sie mit eurem Kopf beantwortet und glaubt, ihr wißt, dann ist die Frage verschwunden. Wenn ihr glaubt, daß ihr solche Fragen beantwortet habt, dann ist die Flamme aus und ihr forscht nicht mehr.
Wenn ihr euch auf dieser Ebene mit Antworten einrichtet, dann lebt ihr wie die meisten Menschen, die davon ausgehen, daß sie wissen, warum sie hier sind und wohin sie gehen. Solch ein Leben fühlt sich typischerweise flach und bedeutungslos an. Ein Leben ohne fundamentales Infragestellen ist ein Leben, das nach Formeln gelebt wird, nach dem, was man von anderen gehört hat. Aber warum solltet ihr glauben, was andere euch über das Leben erzählen? Ihr wißt eigentlich nicht, was für euch wahr ist, was für euch wichtig ist, was für euch richtig ist.
Es ist besser unwissend zu bleiben, als Wissen vorzutäuschen. Wenn ihr wißt, daß ihr unwissend seid, und nicht etwas anders vorgebt, dann ist da eine Frage, die lebendig bleibt und weiter in euch brennt, ein tiefer Hunger nach Wahrheit.
Wenn ihr jeden Augenblick eures Lebens betrachtet, zum Beispiel diesen Moment, dann seht ihr, daß ihr die meiste Zeit über glaubt, ihr wüßtet, was in diesem Moment das Beste für euch ist. Ihr denkt, fühlt und verhaltet euch so, als wüßtet ihr, was geschehen soll, als wüßtet ihr, was ihr wollt und was zu wollen wichtig ist. Ihr lebt euer Leben von Moment zu Moment in dem Glauben, daß ihr wißt, wie ihr sein solltet. Woher kommt dieses Wissen?
Das meiste stammt aus eurer frühen Kindheit, sowohl aus dem, was euch unmittelbar beigebracht wurde, als auch aus dem, was ihr indirekt aus eurer Umgebung aufgenommen habt. Manches stammt aus dem, was ihr gehört oder gelesen habt. Es ist konditioniertes Wissen. Was auch immer seine Quelle ist, konditioniertes Wissen ist für die Beantwortung fundamentaler Fragen, wie der Frage danach, warum wir hier sind, nutzlos. Das konditionierte Wissen sagt, daß ich hier bin, damit ich glücklich werde, erfolgreich werde, es mir gut gehen lasse, das bekomme, wovon ich glaube, daß ich es möchte, damit ich meine Träume erfülle, jemanden bekomme, der mich liebt, oder viel Geld verdiene. Die Konditionierung ist einfach ein Überlebensmechanismus. Ihr habt überlebt, ihr seid hier - also hat das Wissen seine Funktion erfüllt und tut es immer noch. Wenn ihr weiter bloß überleben wollt, dann tut das von mir aus. Aber wie unterscheidet ihr euch dann von einem Tier, einem Insekt, das geboren wird, lebt und stirbt?
Woher wißt ihr, daß das Wissen, welches ihr von anderen bekommt, die Wahrheit ist? Woher wißt ihr, daß eure Lehrer, ja selbst die großen Philosophen, die Antwort haben, die für euch paßt? Jesus hat gesagt, daß ihr euren Nächsten lieben sollt. Wißt ihr wirklich, daß es das ist, was ihr tun müßt? Buddha hat gesagt, daß Erleuchtung das Beste ist. Woher wißt ihr, daß es das ist, was ihr braucht?
Manche Leute sagen, ihr müßt lernen, ihr selbst zu sein. Das klingt gut. Manche sagen, ihr sollt frei sein von eurer Persönlichkeit und eure Essenz entwickeln. Das klingt toll. Woher wißt ihr, daß das eure Probleme lösen wird? Ihr wißt nicht wirklich, ob irgendeine dieser Ideen für euch von Bedeutung oder wahr ist. Ihr könnt das nicht mit Sicherheit wissen, bevor ihr selbst experimentiert und aus eigener Erfahrung gelernt habt. Bis dahin beruht euer Handeln auf Überzeugung oder Glauben (faith or belief). Wenn ihr ohne es in Frage zu stellen davon ausgeht, daß das, was jemand sagt, die Wahrheit ist, dann wird eure innere Flamme erlöschen. Ihr werdet glauben, die Fragen beantwortet zu haben, wenn ihr sie noch längst nicht beantwortet habt; jemand anders hat das getan. Und er hat sie nicht für euch beantwortet, sondern für sich selbst. Wir beruhigen uns mit dem Glauben, daß andere wissen und wir ihr Wissen benutzen können. Das ist ein sehr beruhigender Gedanke; er bestärkt uns darin, faul zu sein. Wir beruhigen uns damit, daß wir uns sagen: „Jemand anders weiß, und irgendwann werde ich dazu kommen, es zu studieren. Das Wissen existiert schon und steht mir immer zur Verfügung.“
Aber wißt ihr, ihr selbst, wirklich in eurem Herzen, was geschehen soll? Erlaubt ihr euch selbst jemals, wirklich zu fragen, eine brennende Frage in euch zu tragen - und die Flamme nicht schnell mit der ersten Antwort auszulöschen, die ihr hört? Ihr löscht die Flamme, damit ihr zu eurem Gefühl von Bequemlichkeit und Sicherheit zurückkehren könnt.
Jemand sagt euch, es wäre gut, aufmerksam zu sein, gewahr zu sein. Versucht ihr das, dann hilft es tatsächlich ein wenig - aber ihr wißt immer noch nicht, ob es die Antwort ist. Ihr wißt nicht, ob es wirklich euer Problem löst. Und wenn ihr glaubt, daß ihr es wißt, dann belügt ihr euch selbst. Ihr müßt die Frage lebendig halten, während ihr euch selbst erforscht.
Unsere Fragen danach, warum wir hier sind und wohin wir gehen, sind unbequem, aber sie sind echte Fragen für jeden Menschen. Wenn ihr sie nicht stellt und ihnen erlaubt, chronisch offene Fragen zu bleiben, dann werdet ihr niemals selbst wissen, worum es eigentlich geht. Ihr werdet nie wissen, wer ihr seid, warum ihr hier seid und wohin ihr geht. Euer Kopf ist voller Ideen und Träume und Pläne darüber, was euch erfüllen könnte, was euch glücklich machen, was euch befreien wird. Aber diese Ideen bringen die Frage zum Schweigen, beruhigen euren Verstand (mind) und löschen die Flamme.
Fangt also in dem Bewußtsein (awareness) an, daß ihr die Antworten nicht wißt. Und seid euch der fieberhaften Versuche eures Kopfes bewußt, euch davon zu überzeugen, daß ihr sie kennt. Es ist nicht nur so, daß ihr die Antworten nicht kennt, ihr wißt nicht einmal, ob diese Fragen überhaupt beantwortet werden können. Könnt ihr den Fragen erlauben, offen zu bleiben, wenn ihr nicht wißt, ob es eine Antwort gibt? Könnt ihr so aufrichtig gegenüber euch selbst sein? Ihr glaubt, ihr wäret hier, weil ihr glaubt, hier etwas bekommen zu können, weil ihr glaubt, hier etwas erfahren zu können, weil ihr hofft, hier eine gewisse Freiheit finden zu können. Aber wißt ihr das wirklich? Seid ihr sicher, daß das, was wir hier tun, richtig für euch ist? Könnt ihr jemals sicher sein, wenn ihr diese Frage nicht für euch selbst beantwortet?
Vielleicht kennt ihr die Vorstellung, daß ihr andere lieben müßt, wenn ihr selbst geliebt werden wollt, daß ihr selbstlos sein sollt. Das klingt gut. Das ist das, was die großen Meister sagen. Aber für euch ist es Hörensagen, ein Gerücht, eine Möglichkeit, die es wert ist, untersucht zu werden. Es ist noch nicht Wissen. Ist es möglich, eure Vorstellungen, eure Gedanken, euer Wissen beiseite zu lassen und die Untersuchung zuzulassen? Könnt ihr die Frage so stehen lassen? Könnt ihr eine Weile all eure Formeln vergessen, alles was ihr gehört oder gelesen habt, alles was eure Eltern gesagt oder nicht gesagt haben, was all die großen Lehrer gesagt haben, und mit der Frage allein bleiben? Warum seid ihr hier? Wohin geht ihr? Worum geht es eigentlich? Könnt ihr diese Frage in aller Intensität zulassen - könnt ihr diese Flamme in euch brennen lassen, ohne sie mit einer Antwort löschen zu müssen?
Können wir dieses Forschen in uns, in unserem Herzen, in unserem Bauch, in unserem Sein tiefer werden lassen? Können wir unser Sein ein Fragezeichen, eine Sehnsucht sein lassen? Es ist eine Suche ohne Motiv, eine Suche, die nicht von der Idee eines irgendwohin Gehens abhängt. Es gibt kein Ziel in Sicht, deshalb wird die Frage eine Flamme, die weiter brennt und mit der Zeit intensiver wird. Deckt sie nicht zu, löscht sie nicht aus, und laßt sie nicht ausgehen; laßt sie einfach sein. Laßt sie euch verzehren. Laßt sie all eure Ideen und Überzeugungen davon wegbrennen, wie die Dinge sein sollten. Laßt sie all eure Konzepte von Gut und Böse wegbrennen. Laßt dieses Forschen sich vertiefen und ausdehnen, damit ihr vergessen könnt. Laßt alles los, was ihr gelernt habt ... wenigstens für eine gewisse Zeit.
Könnt ihr als eine Frage, als ein Forschen nach der Wahrheit existieren? Seid ihr bloß hier, um zu leben, zu arbeiten, zu essen, zu lieben, zu hassen, um Kinder zu haben und zu sterben? Könnt ihr loslassen, was ihr zu besitzen glaubt? Kann sich euer Geist (mind) all euren Besitzes, eurer Überzeugungen, Theorien, allen Wissens, allen Verstehens entledigen und einfach als eine Suche, als ein reines Forschen verweilen, das nicht von irgend jemandem oder irgendetwas beeinflußt ist, nicht einmal von eurer eigenen Vergangenheit? Auch wenn ihr in der Vergangenheit Liebe und Freiheit und Entspannung und so weiter empfunden habt – was läßt euch glauben, daß ihr diese Dinge in diesem Moment braucht? Die Einsichten, die ihr in der Vergangenheit hattet, waren vielleicht richtig – aber woher wißt ihr, daß sie das sind, was ihr jetzt und in Zukunft braucht? Alles, was ihr tun könnt, um das herauszufinden, ist sie loslassen. Könnt ihr vollkommen unwissend, nicht-wissend bleiben? Könnt ihr euren Geist loslassen, eurem Geist nichts aufdrängen, und zugleich nicht absterben, nicht unbewußt werden?
Können wir uns von allen Einflüssen befreien, von den Einflüssen der Ideen anderer und von unserer eigenen Vergangenheit, und als ein Forschen im Jetzt verweilen? Ihr könnt beobachten, daß ihr jedesmal, wenn jemand etwas sagt, das wahr klingt, oder jedesmal, wenn ihr eine Einsicht habt, sagt: „Wunderbar, das muß es sein.“ Ihr wollt die Flamme löschen. Ihr wollt, daß die erste Antwort, die kommt, das Fragen zum Schweigen bringt.
Warum haben wir es so eilig damit, Antworten zu haben? Wir stürzen uns auf das erste Heilsversprechen, das kommt. Warum nicht bei der Frage bleiben? Was läßt euch denken, daß Erlösung die Antwort ist, daß Freiheit die Antwort ist? Was läßt euch denken, daß Erleuchtung die Antwort ist? Was läßt euch denken, daß Liebe die Antwort ist? Ihr habt vielleicht das Gefühl, daß ihr diese Dinge wollt – aber woher wißt ihr, daß sie zu bekommen, das Beste ist, was euch in diesem Moment passieren kann? Woher wißt ihr, ob ihr tot oder lebendig sein, reich oder arm, frei oder versklavt sein sollt? Ist es möglich, euren Geist frei sein zu lassen?
Ich versuche nicht, euch eine Antwort zu geben; ich gebe euch nur eine Frage. Ihr müßt euer Sein wie eine Flamme, eine himmelwärts strebende Flamme lodern lassen, ohne vorgefaßte Ideen davon, wohin sie strebt. Nur intensiv brennen, tief wissen wollen, die Wahrheit sehen wollen, ohne irgendwelchen vorgefassten Meinungen zu folgen, total in der Gegenwart sein mit der Frage an sich und sie alle Ideen, alle Überzeugungen, alle Konzepte – auch die, die ihr von den großen Lehren gelernt habt – wegbrennen lassen. Wenn ihr diese Flamme nicht ganz und gar zulaßt, werdet ihr dann jemals in eurem Leben Ruhe finden? Werdet ihr jemals Ruhe finden, solange ihr eure Frage überdeckt, sie beantwortet, bevor sie wirklich beantwortet ist? Werdet ihr jemals wirklich mit der Antwort eines anderen Menschen zufrieden sein?
Wie ihr seht, ist es eine ganz persönliche Suche. Es ist eure Situation, euer Leben, euer Geist; niemand sonst kann diese Fragen für euch beantworten. Was auch immer an Antworten von außen kommt, es gehört nach außen; ihr könnt es einmal anprobieren, aber ihr müßt eure eigenen Forschungen anstellen. Ihr könnt jeden Vorschlag, jede Anleitung untersuchen, aber ihr müßt das Fragen in Gang halten. Bringt es nicht einfach zum Schweigen, weil ihr etwas gehört habt, das richtig klingt. Ohne dieses aufrichtige Infragestellen, diese motivlose Suche - ohne diese Flamme - kann die innere Arbeit nicht getan werden. Ohne diese Flamme folgt man bei jeder Arbeit einfach bestimmten Vorstellungen und Überzeugungen.
Die innere Arbeit muß sich an eurer eigenen Erforschung der Fragen orientieren; die innere Arbeit, die wir hier tun, weist nur eine Richtung. Eure Motivation muß rein, echt und wahr sein; eure Flamme muß da sein, sonst werdet ihr die innere Arbeit für den falschen Zweck benutzen. Ihr werdet einer Vorstellung folgen und irgendwohin gelangen, aber nicht unbedingt dahin, wohin euer Sein euch ohne Mühe bringen würde. Ihr könnt dieses und jenes entwickeln, frei werden von diesem und jenem – aber woher wißt ihr, ob ihr damit eure Bestimmung erfüllt? Ihr denkt vielleicht, ihr solltet liebevoller oder weniger ängstlich sein, ihr solltet es angenehmer haben oder solltet entspannter, reicher oder schöner sein. Vielleicht sollt ihr es, vielleicht nicht. Das sind nur Ideen, Vorstellungen. Aber wahres Infragestellen, aufrichtiges Infragestellen hat kein bestimmtes Ziel. Wenn ihr glaubt, daß ihr ein Ziel habt, ein festes Ziel, und wenn ihr denkt, daß ihr dorthin gehen werdet, dann habt ihr die Flamme schon ausgelöscht. Wenn ihr euch gesagt habt, daß ihr hier seid, weil ihr erleuchtet sein wollt, weil ihr frei sein wollt, weil ihr liebevoll sein wollt, dieses oder jenes sein wollt, dann bedeutet das, daß ihr schon wißt.
Aber ihr wißt nicht, nicht wirklich. Zu glauben, daß ihr wißt, wäre eine Lüge. Es ist wahr, daß es eine Frage gibt und daß ihr die Antwort nicht wißt - das ist die Wahrheit. Die aufrichtigste Antwort, die ihr auf die Frage „Warum bin ich hier?“ geben könnt, ist: „Ich hier bin, weil ich nicht weiß.“ Der echteste Grund für euer Hiersein wäre, daß ihr die Flamme des Forschens anfachen wollt.
Diese Fragen sind nicht theoretisch oder philosophisch. Sie stellen sich an der Wurzel und im Herzen eures Lebens, sie sind für jeden Moment eures Lebens bedeutsam, was immer ihr tut. Wenn ihr nicht wißt, aber so tut, als wüßtet ihr, vertut ihr den Augenblick. Das wäre eine totale Verschwendung, gleich was ihr tut. Es ist nicht nur so, daß die Vorstellung, die ihr in eurem Kopf habt, vielleicht die falsche für euch ist. Die Tatsache, daß es eine Vorstellung und keine unmittelbare Wahrnehmung ist, löscht die Flamme der Suche aus, und eure Entfaltung ist blockiert. Wann immer die Antwort nicht eine unmittelbare Wahrnehmung ist, wird sie eure Erfahrung blockieren oder entstellen.
Was ich sage, soll euch nicht dazu bringen, euch selbst vorzuwerfen, daß ihr zu wissen glaubt. Es geht nicht um den Versuch, euch „gut“ zu machen. Nein, wir versuchen, die Wahrheit zu sehen. Ihr müßt klar sehen, auf welche Weise ihr die Flamme ausblast und wie ihr ständig die Frage zum Schweigen bringt.
Ihr arbeitet vielleicht an euch und macht eine wunderbare Erfahrung, habt eine wichtige Einsicht oder erlebt einen tollen Zustand. Aber woher wißt ihr, daß diese wunderbare Erfahrung genau das ist, was ihr jetzt braucht? Woher wißt ihr, daß das Wissen, das ihr zu bekommen glaubt, eure Probleme lösen wird? Die Flamme muß weiter brennen. Das Feuer der Untersuchung muß genährt werden, muß wachsen, intensiver werden, sich vertiefen. Unser Forschen darf nicht darauf ausgerichtet sein, das Fragen zu reduzieren, sondern es wachsen zu lassen. Die Flamme muß den ganzen Rest wegbrennen, muß zunehmen, bis sie sich selbst dadurch beantwortet, daß sie selbst die Erfüllung wird. Das Feuer dieses Forschens kann alles Unwichtige wegbrennen, den ganzen Widerstand, sämtliche Ideen, die ganzen Ablagerungen der Vergangenheit, damit ihr wirklich sehen könnt, was eigentlich da ist – das ganze Bild im gegenwärtigen Moment, ohne von etwas aus der Vergangenheit oder von der Erfahrung eines anderen Menschen abhängig zu sein. Wenn ihr im jeweiligen Augenblick ohne irgendeinen Einfluß wißt, dann könnt ihr ganz mit eurer eigenen Wahrheit allein sein. Ansonsten ist offensichtlich, daß ihr nicht mit Sicherheit wissen könnt. Nur mit dieser Sicherheit kann Leben bedeutungsvoll werden. Wenn ihr aus euch selbst heraus wißt, wer ihr seid, dann werdet ihr wissen, wohin ihr geht, und ihr werdet erfüllt sein.
Ja, es gibt hier Führung und Hilfe, aber nicht um euch Antworten zu geben, sondern nur um euch zu helfen, selbst zu forschen. Die innere Arbeit, die wir hier machen, ist dazu da, eure eigene innere Entwicklung zu ermutigen, was immer das sein mag, euch zu helfen, mit eurem Forschen allein zu bleiben. Es kann schwierig sein, mit sich selbst allein zu bleiben. Wir werden gewöhnlich nicht darin unterstützt oder dazu ermutigt, unser Sein einfach sein zu lassen, authentisch und nicht eine Imitation oder eine Reaktion zu sein. Ihr könnt offen sein und auf das hören, was andere vorschlagen, aber diese Dinge sind nur Möglichkeiten. Ihr müßt immer noch selbst in der Intimität eures eigenen Herzens forschen. Ist diese Antwort eure eigene Erfahrung, eure Antwort? Ihr müßt vollkommen offen sein und dürft das, was ihr hört, nicht dazu benutzen, euch zu beruhigen. Ihr müßt es benutzen, um eurem Forschen Nahrung zu geben.
Könnt ihr euch selbst ganz intim mit euch selbst, vollkommen unbeeinflußt und unparteiisch sein lassen? Könnt ihr dieses Forschen, diese Flamme, in der Intimität, im äußersten Alleinsein in eurem Inneren brennen lassen?
Bist du da?
Vor ein paar Wochen haben wir gefragt: „Warum seid ihr hier?“ Jetzt kommen wir zu einer noch grundlegenderen Frage. „Seid ihr hier?“ Seid ihr wirklich hier in diesem Raum? Ich meine nicht, ob euer Körper hier ist, denn das ist ja ganz offensichtlich der Fall. Aber seid ihr hier? Habt ihr das Gefühl, daß ihr hier in diesem Raum seid? Seid ihr gewahr, daß ihr hier präsent seid, und seid ihr eurer wirklichen Erfahrung in diesem Augenblick gewahr? Oder habt ihr euch in Gedanken, Phantasien, Pläne oder emotionale Reaktionen verloren? Seid ihr hier, oder seid ihr mit Mögen und Nichtmögen beschäftigt? Seid ihr hier, oder seid ihr damit beschäftigt, euch und alles andere zu beurteilen?
Seid ihr jetzt hier, oder versucht ihr, hier zu sein, und strengt euch pro forma an, weil wir gerade darüber sprechen? Seid ihr aller Dinge und eines jeden um euch herum gewahr? Seid ihr eurer Umgebung gewahr, oder habt ihr euch in einen Wirbelwind von Gedanken verloren? Wenn ihr auf die Frage „Seid ihr hier?“ antwortet, kommt es nicht darauf an zu versuchen, gut oder richtig zu sein. Es ist nur wichtig, aufrichtig für euch selbst zu erforschen, ob ihr hier seid oder nicht. Seid ihr in eurem Körper oder geistesabwesend, oder seid ihr seiner nur teilweise gewahr? Wenn ich sage: „Seid ihr in eurem Körper?“, dann meine ich: „Füllt ihr euren Körper vollkommen aus?“ Ich möchte wissen, ob ihr in euren Füßen seid oder nur Füße habt. Lebt ihr in ihnen, oder sind sie einfach Dinge, die ihr gebraucht, wenn ihr geht? Seid ihr in eurem Bauch, oder wißt ihr nur einfach ganz vage, daß ihr einen Bauch habt? Oder ist er einfach nur für das Essen da? Seid ihr wirklich in euren Händen, oder bewegt ihr sie aus der Ferne? Seid ihr in euren Zellen anwesend, präsent, und bewohnt ihr euren Körper und füllt ihn aus? Wenn ihr nicht in eurem Körper seid, welche Bedeutung hat dann in diesem Moment eure Erfahrung? Bereitet ihr euch vor, so daß ihr in der Zukunft hier sein könnt? Stellt ihr Bedingungen, indem ihr euch sagt „Wenn dies und jenes geschieht, dann habe ich Zeit, dann werde ich hier sein“? Wenn ihr nicht hier seid, wofür spart ihr euch dann auf?
Unabhängig von den Geschichten, die ihr euch selbst erzählt – in diesem Moment, genau in diesem Moment, gibt es nur diesen Moment, hier, jetzt. Nichts anderes existiert. Für eure unmittelbare Erfahrung ist nur das Hier und Jetzt relevant. Nur Jetzt ist wirklich. Und so ist es immer. In jedem Augenblick existiert nur dieser Augenblick. Wir müssen uns also fragen, warum wir uns zurückhalten und abwarten, auf den richtigen Zeitpunkt warten, darauf warten, daß in der Zukunft die richtigen Umstände eintreten. Vielleicht kommt nie der richtige Zeitpunkt. Vielleicht werden sich die richtigen Bedingungen, die ihr im Kopf habt, für euch nie alle zugleich einstellen. Wann wollt ihr dann anfangen zu existieren? Wann wollt ihr anfangen, hier zu sein und zu leben? Unabhängig von den Vorstellungen über Vergangenheit und Zukunft, die eure Erfahrung beherrschen, existiert genau in diesem Moment nur dieser Moment, und nur dieser Moment hat eine Bedeutung für euch. Die unmittelbarste und offensichtlichste Tatsache, die in der Erfahrung gegeben ist, ist die, daß dieser Moment, das Hier und Jetzt, alles ist, was existiert. Das ist alles, was es in diesem Moment gibt. Was immer in diesem Moment geschieht, das ist euer Leben. Die Zukunft ist nicht euer Leben, sie kommt nie an. Was wirklich hier ist, ist immer nur dieser Moment.
Könnt ihr euch selbst also sein lassen? Ich schlage euch nicht vor, euch sein zu lassen sollt, damit ihr irgend etwas bekommt oder tut, nicht einmal damit ihr irgend etwas versteht. Ich meine: einfach nur sein. Gebt ihr euch das einfache Privileg zu sein, zu existieren? Warum glaubt ihr, das, was ihr tut, was ihr habt, was ihr bekommt oder nicht bekommt, könne wichtiger sein als einfach hier zu sein? Warum wollt ihr immer etwas bekommen oder irgendwohin gelangen? Warum nicht einfach entspannen und hier sein, einfach in all euren Zellen existieren, euren ganzen Körper bewohnen? Wann werdet ihr euch von euren erhabenen Beschäftigungen herablassen und einfach da landen, wo ihr seid?
Hört auf, nach allen möglichen Dingen zu streben, hört auf zu träumen, Pläne zu schmieden, zu arbeiten, etwas zu erreichen, euch zu bemühen, zu bewegen, hört auf zu manipulieren, zu versuchen etwas zu sein, zu versuchen irgendwohin zu gelangen. Ihr vergeßt das Einfachste und Offensichtlichste, und das ist: hier sein. Wenn ihr nicht in eurem Körper seid, dann verpaßt ihr die Quelle aller Bedeutsamkeit, allen Sinns und aller Befriedigung. Wie könnt ihr Befriedigung empfinden, wenn ihr nicht hier seid? Wir verpassen das, was wir sind, und das ist im wesentlichen Seiendsein (beingness), Existenz. Wenn wir nicht hier sind, existieren wir nur an den Rändern der Wirklichkeit. Wir schätzen einfaches sein nicht genug. Stattdessen legen wir Wert auf das, was wir erreichen wollen oder was wir besitzen wollen. Das ist unser größter Fehler. Das nennt man den „großen Verrat“.
Wir streben immer nach Lust, wir suchen auf viele Weisen unermüdlich nach Glück und verpassen vollkommen die einfachste, grundlegendste Lust, die eigentlich auch die größte Lust ist: einfach hier sein. Wenn wir wirklich präsent sind, dann besteht die Präsenz selbst aus Fülle, Zufriedenheit und seliger Lust.
Unsere Gewohnheiten und unsere Konditionierung lassen uns den größten Schatz, den wir haben, unser Geburtsrecht, vergessen - die Lust und Leichtigkeit der Existenz. Wir denken, wir werden Lust oder Freude haben, wenn wir einen bestimmten Plan ausführen, wenn ein bestimmter Traum wahr wird, wenn uns jemand mag, an dem uns liegt, wenn wir eine wunderbare Reise machen. Diese Haltung ist eine Schmähung dessen, was wir sind. Wir sind die Lust, wir sind die Freude, wir sind die tiefste Bedeutsamkeit und der höchste Wert. Wenn wir das begreifen, dann sehen wir, daß es lächerlich ist zu meinen, wir würden Lust und Freude durch diese äußeren Dinge bekommen, - dadurch, daß wir dieses oder jenes tun, Anerkennung oder Liebe von dieser oder jener Person bekommen. Wir sehen dann, daß wir falsch informiert waren; wir haben vor der falschen Tür gewartet.
Glück, Wertgefühl und Lust sind nicht das Ergebnis von irgendetwas. Diese Qualitäten sind Teil unserer grundlegenden Natur. Wenn wir uns einfach erlauben zu sein, dann sind sie unsere natürliche Erfahrung. Ihr seid das Wertvollste im Universum, aber ihr verhaltet euch so, als wäret ihr das Kümmerlichste, Trivialste, was es gibt. Es gehört wirklich nicht viel dazu, das zu sehen. Haltet einfach diesen Wirbelwind eurer Gedanken an. Laßt zu, daß ihr euch entspannt und einfach da seid. Ihr könnt euch das erlauben, wo immer ihr seid. Ihr müßt nicht auf den Kanarischen Inseln sein, um glücklich sein zu können. Ihr müßt nicht mit jemandem zusammen sein, in den ihr verliebt seid oder der euch liebt, um glücklich zu sein. Wenn ihr eurem Glück Bedingungen auferlegt, dann macht ihr euch selbst schlecht. Natürlich könnt ihr auf den Kanarischen Inseln glücklich sein und auch mit jemandem, den ihr liebt – aber wie steht es mit dem Rest der Zeit?
Erst gebt ihr euch selbst auf, und dann fangt ihr an, nach Befriedigung zu suchen. Ihr habt das Gefühl, daß etwas fehlt; deshalb seid ihr immer auf der Suche, werdet immer hektischer, während nichts von dem, was ihr euch aneignet oder erreicht, euch erfüllt. Zu diesem ganzen Muster kommt es, weil ihr aufgehört habt zu sein. Wenn ihr euch einfach da sein laßt, dann müßt ihr nirgendwohin gehen und nach nichts suchen, weil alles da ist. Es ist nicht so, daß nur bestimmte Menschen damit zufrieden sind, einfach nur zu sein, und andere nicht. Wir alle fühlen uns befriedigt, wenn wir wir selbst sind. Das ist eine Eigenschaft unserer menschlichen Natur. Es gehört zu unserer natürlichen Ausstattung. Es ist die Bedeutung des Menschseins. Alles, was wir tun müssen, ist, uns sein zu lassen.
Wenn ihr euch in diesem Moment einfach fühlt, auch wenn ihr euer Sein vielleicht nicht auf eine volle, befriedigende Weise fühlt, dann werdet ihr ganz natürlich dessen gewahr, was euer Sein blockiert. Was hält mich davon ab, in diesem Moment zu sein? Warum möchte ich woandershin? Warum denke ich dauernd darüber nach, was mich glücklich machen wird? Wir können auf eine natürliche Weise neugierig werden und anfangen, nach und nach die Überzeugungen, Hoffnungen und Ängste aufzudecken, die uns daran hindern, unseres Seins gewahr zu sein.
Wenn wir innehalten und nachdenken, dann erkennen wir, daß Glück nicht etwas ist, das wir irgendwo bekommen können, und auch nicht das Resultat von irgendetwas, das wir unternehmen. Das Gewebe unseres Seiendseins (beingness) an sich ist selbst das, wonach wir eigentlich immer suchen. Wir suchen Lust, Freude, Glück, inneren Frieden, Stärke, Macht. Aber das sind einfach Aspekte unserer Existenz. Unsere Natur, unser Ursprung ist das Kostbarste, was es gibt. Die Existenz an sich ist eine Freude, eine Wonne. Diese Existenz, diese Freude ist das Zentrum der Wirklichkeit, zu jeder Zeit.
Weil wir unseren Ursprung und unsere wahre Natur vergessen, neigen wir dazu, an den Rändern unserer Existenz zu bleiben und uns niemals in unserem Zentrum und von unserem Zentrum aus leben zu lassen. Das ist eine ziemlich tragische Geschichte. Wenn euch Lehrer sagen, daß ihr schlaft oder euch verirrt habt, dann meinen sie, daß ihr von eurer Existenz abgeirrt seid. Ihr schlaft in Bezug auf euer Seiendsein. Aber genau genommen habt ihr euch nicht in dem Sinn verirrt, daß ihr irgendwo anders wart – erst wart ihr verirrt, und jetzt seid ihr hier. Eigentlich wart ihr die ganze Zeit hier. Ihr seid eigentlich immer hier gewesen, aber ihr habt immer woanders gesucht. Euer Seiendsein ist das, was spürt, was schaut, was fühlt.
Wir sind Seiendsein (beingness), nicht ein Gedanke, der auf einen anderen Gedanken folgt. Wir sind etwas viel Fundamentaleres, etwas viel Substantielleres als das. Wir sind ein Seiendsein, eine Existenz, eine Präsenz, die die Gegenwart durchtränkt und unseren Körper füllt. Wir entfernen uns so weit von uns selbst, aber das, wonach wir suchen, ist so nah. Wir richten unsere Aufmerksamkeit dauernd darauf, ob die Situation dem entspricht, was wir wollen, oder nicht. Ist sie gut oder schlecht? Aber die Bedeutung jeder Erfahrung ist unsere reine Präsenz, nichts anderes. Der Inhalt jeder Erfahrung ist einfach eine äußere Manifestation dieser zentralen Präsenz.
Welchen Sinn hat es also zu warten? Worauf genau wartet ihr? Wird euch irgendjemand das geben, was ihr immer gewollt habt? Wird ein Zug vom Himmel kommen und euch tolle Sache bringen? Aber nichts, was je geschehen kann, kann so gut, so kostbar wie das sein, was und wer ihr seid.
Was euch davon abhält zu sein, präsent zu sein, ist nichts als eure Hoffnung auf die Zukunft. Die Hoffnung darauf, daß etwas anders werden wird, läßt euch weiter einer Phantasie von der Zukunft nachjagen. Aber das ist eine Fata morgana, ihr werdet nie dorthin gelangen. Die Fata morgana hält euch davon ab, das Offensichtliche, die Kostbarkeit des Seins, zu sehen. Sie ist ein großer Irrtum, ein großes Mißverständnis dessen, was euch befriedigt. Wenn ihr der Fata morgana folgt, dann lehnt ihr euch selbst ab.
Wenn ihr euch sein laßt, euch in die Wirklichkeit einsinken laßt, kann es allerdings dazu kommen, daß ihr unangenehme Dinge erlebt: aber das sind einfach die Barrieren, die euch daran hindern zu sein. Mit der Zeit, durch die Präsenz, werden sie sich auflösen. Es kann sein, daß ihr Unbehagen, Angst, Verletztheit, verschiedene negative Gefühle verspürt. Das sind die Dinge, denen ihr auszuweichen versucht, indem ihr nicht hier seid. Aber sie sind nur die Ansammlung dessen, was ihr unter den Teppich der Unbewußtheit gekehrt habt; das seid nicht ihr. Das sind die Dinge, denen ihr auf dem Weg zum Seiendsein begegnet und mit denen ihr euch konfrontiert. Wenn wir diese Gefühle anerkennen und verstehen, während wir präsent sind, dann lösen sie sich auf, weil die Vorstellung von uns selbst, auf der sie beruhen, nicht wirklich ist.
Wenn sich die Illusionen auflösen, dann wird das, was wirklich, was eure Natur ist, an die Oberfläche kommen und bleiben. Ihr macht einen Reinigungsprozeß durch, nicht weil Sein selbst beschmutzt ist, sondern weil ihr so viele Annahmen und Meinungen über die Wirklichkeit angesammelt habt. Wenn ihr weiter hofft und euch selbst Geschichten erzählt, dann werdet ihr weiter im Zustand des Schlafes bleiben, weil die Wirklichkeit immer noch so ist, wie sie ist, ob es euch gefällt oder nicht. Die Fata morgana hat sich für euch noch nicht verwirklicht, und das wird sie auch nicht tun, wenn ihr noch länger darauf beharrt. Möchtet ihr, daß es irgendwie anders ist? Könnt ihr euch vorstellen, daß euer Glück von etwas anderem abhängt als von eurer Natur?
Unsere Arbeit hier besteht nicht darin, irgendwohin zu gelangen oder etwas zu erreichen, sondern darin, eurem Sein zu erlauben hervorzutreten. Bewohnt einfach euren Körper. Wir sprechen hier nicht über etwas, das ihr gelegentlich tut, wenn ihr meditiert – und den Rest der Zeit macht ihr dann die wichtigen Dinge in eurem Leben. Tatsächlich denken wir so: „Ich meditiere jetzt, und dann mache ich mit meinem Tag weiter, mache mit meinen wichtigen Terminen weiter.“ Was ist wichtig? Ihr seid wichtig. Ihr müßt nicht irgendetwas Wichtiges tun, um wichtig zu sein. Ihr müßt nicht die Erleuchtung erlangen oder eine edle Tat vollbringen, um eurem Leben Wichtigkeit zu verleihen. Ihr seid. Das ist das Wichtigste, was es gibt. Ihr seid etwas ganz Besonderes, immer. Ihr seid nicht deshalb wichtig, weil jemand denkt, daß ihr etwas Besonderes seid, noch aufgrund irgendwelcher ungewöhnlichen Fähigkeiten oder Leistungen. Ihr seid wichtig aufgrund eurer Natur, ihr könnt nicht anders als wichtig und kostbar sein. Nichts kann das beweisen oder widerlegen.
Ihr seid wichtig, weil es ohne eure wirkliche Präsenz keine Bedeutsamkeit im Leben, keinen Wert im Leben gibt. Wenn ihr eurer Existenz gewahr seid, dann ist die Erfahrung ungetrübte Lust. Diese Lust ist da, unabhängig davon, was ihr tut - den Fußboden schrubben, auf die Toilette gehen, irgendetwas Wunderbares schaffen. Jeder Augenblick ist kostbar und voll gelebt. Ihr seid nicht die Gefühle oder die Gedanken oder der Inhalt eures Bewußtseins. Nichts davon ist das, was und wer ihr seid. Ihr seid die Fülle eures Seins, die Substanz eurer Präsenz.
Wer bin ich?
Vor einiger Zeit habe ich die Frage gestellt: „Warum seid ihr hier?“ Bei einer anderen Gelegenheit habe ich gefragt: „Seid ihr hier?“ Ich weiß nicht, ob ihr bei diesen Fragen geblieben seid und sie für euch selbst untersucht habt. Heute werde ich eine dritte Frage stellen, die eine natürliche Weiterentwicklung dieser Fragen ist: „Wer seid ihr?“
Die Antwort auf diese Frage ist keine Formulierung. Wenn also euer Kopf eine herbeizaubert, dann beachtet sie nicht. Wir werden erforschen, ob es möglich ist, die Frage zu beantworten: „Wer bin ich?“ Ich werde euch keine Antworten geben, aber ich werde euch helfen, die Untersuchung zu führen, indem ich euch Fragen stelle, und ihr könnt sie erforschen, während wir sprechen.
Man sagt immer: „Ich bin ...“ und „Ich möchte ...“; wir wollen also sehen, was „ich“ ist. Wir setzen nicht von vornherein voraus, daß es so etwas wie ein „Ich“ gibt. Wir wollen nicht mit Annahmen beginnen. Wir gehen also nicht davon aus, daß es eine Antwort gibt oder daß es eine einzige Antwort gibt oder daß es keine Antwort gibt. Wir gehen nicht davon aus, daß die Antwort, wenn es eine gibt, in Worten ausgedrückt werden kann. Wir wollen für alle Möglichkeiten offen sein. Wir wollen die Frage in vollkommener Offenheit stellen, bei einer vollkommenen Abwesenheit von Annahmen. Diese Untersuchung wird allein auf unserer Neugier und auf unserem Interesse beruhen, die Wahrheit zu finden. Was ist die Wahrheit, die es hier für euch gibt?
Wenn ihr fragt: „Wer bin ich?“, dann fällt euch vielleicht etwas ein wie: „Ich bin derjenige, der dies und jenes getan hat.“ Oder: „Ich bin einsfünfundachtzig groß.“ oder: „Ich wiege sechundsiebzig Kilo.“ Feststellungen, Bilder und Wahrnehmungen kommen euch vielleicht in den Sinn. Wir sagen nicht, daß ihr all das nicht seid, wir wollen vielmehr erforschen, ob ihr das seid oder nicht.
Wir gehen nicht von der Annahme aus, daß ein Selbst gefunden werden kann, oder daß man es, wenn es gefunden werden kann, beschreiben kann. Wir wollen untersuchen, wer ihr seid - ob es wirklich so etwas gibt, und wenn es so etwas gibt, was es ist und ob man es kennen kann. Ihr denkt wahrscheinlich: „Natürlich habe ich ein Selbst, und ich weiß, was es ist, oder wenn ich es nicht weiß, dann werde ich es eines Tages wissen.“ Ich sage euch also, geht nicht von dieser Annahme aus. Ihr sagt: „Moment mal, was ist dann noch übrig?“ Nichts ist übrig - das ist der Punkt.
Ihr merkt, wir gebrauchen die Wörter „Ich“ und „Selbst“, und wir denken, fühlen und verhalten uns, als gäbe es hier etwas, daß unser „Selbst“ ist. Wir haben schon ein Gefühl oder eine Ahnung, daß es ein „Selbstsein“ (selfhood) gibt, daß es ein „Ichsein“ (me-ness) gibt. Jetzt wollen wir untersuchen, was es mit diesem Gefühl eines Selbst auf sich hat. Was ist dieses Gefühl, eine Person, ein Selbst, eine Identität zu sein? Worauf bezieht ihr euch, wenn ihr sagt: „Ich bin“, „Ich möchte“, „Ich mag“, „Ich mache“ oder „Ich mache nicht“?
Ihr habt in der Vergangenheit vielleicht eine Erfahrung gehabt und dabei das Gefühl gehabt: „Das bin ich.“ Vielleicht hat das gestimmt, vielleicht nicht. Auch wenn es stimmt ist, daß ihr euch damals selbst erkannt habt, habt ihr jetzt vielleicht ein anderes Selbst. Wir wollen wissen, was eure Erfahrung jetzt ist. Wir wollen genau hier sein, genau in diesem Moment. Laßt uns erforschen, was wir glauben, statt es ungeprüft vorauszusetzen. Wenn ihr erfahren habt, was ihr als euer wahres Selbst wahrnehmt, dann kann es leicht sein, daß ihr denkt: „Ich habe mich selbst erfahren und das ist es. Von jetzt an werde ich immer glücklich sein.“ Gut, das kann sein, aber wir wollen wissen, wie es genau jetzt ist. Könnt ihr die Frage mit Bestimmtheit beantworten, ihr selbst in genau diesem Moment, wenn ihr fragt: „Wer bin ich?“
Etwas, das uns bei unserer Untersuchung helfen kann, ist, das Gefühl von „Ich“, das Gefühl eines Selbst, mit dem zu verbinden, was man „Identität“ oder „Identifikation“ nennt. Herausfinden, wer ihr seid, heißt in erster Linie eure Identität finden. Ihr könnt die Verbindung zwischen Identität und Identifikation sehen, wenn ihr eure Erfahrung irgendeines Augenblicks betrachtet und seht, daß ihr euch genau in dem Moment mit etwas identifiziert, daß ihr euch für etwas Bestimmtes haltet. Ihr seid euch dessen, wofür ihr euch haltet, vielleicht nicht bewußt, aber in jedem Moment haltet ihr euch für etwas oder für jemanden.
Wir wollen also untersuchen, für was oder für wen ihr euch in jedem Moment haltet, und es hinterfragen. Seid ihr das wirklich? In jedem Moment gibt es eine Identifikation, in gewissem Sinn das Empfinden eines Selbst: „Ich schaue zu“ oder „Ich sitze“. Wenn ihr „ich“ sagt, dann ist dieses „Ich“ an etwas gebunden. Ist das, woran ihr das „Ich“ festmacht, das, was ihr wirklich seid?
Wenn ihr zum Beispiel meditiert – wer meditiert dann? Wer sitzt in diesem Moment? Seid eurer Erfahrung gewahr. Schaut, ob ihr diese Frage beantworten könnt. Was ist es, woran ihr das „Ich“ festmacht? Wer bin ich, der sitzt? Mit größter Wahrscheinlichkeit werdet ihr sehen, daß ihr das „Ich“ an eurem Körper festmacht. Es ist der Körper, der sitzt. Wenn ihr also sagt „Ich sitze“, sagt ihr dann damit nicht: „Ich bin der Körper“? Ihr haltet euch nicht für ein Gefühl oder eine Wahrnehmung, weil Gefühle nicht sitzen, weil der Geist (mind) nicht spazierengeht. Der einzige Teil, der sitzt, geht und sich bewegt, ist der Körper.
Wir sehen, daß die Identifikation mit dem Körper mächtig und beständig ist. Sie ist viel subtiler und tiefer, als wir uns gewöhnlich vorstellen. Natürlich können sich manche Menschen nichts anderes vorstellen - „Was könnte ich denn sonst sein?“ Es ist nicht leicht, die Identifikation mit dem Körper aufzulösen, weil wir uns unser ganzes Leben lang für unseren Körper gehalten haben. Ich sage nicht, daß ihr irgendetwas tun müßt, um das zu ändern; ihr sollt euch nur bewußt sein, daß das der Fall ist. Seid ihr euch wirklich bewußt, daß ihr glaubt, euer Körper zu sein?
Wenn wir „mein Körper“ sagen, wem gehört dann der Körper? Wenn ich „ich selbst“ (myself) sage, dann ist das genauer, aber was genau bedeutet das? Wer ist es, der einen Körper hat und ein Selbst hat? Wen meint ihr, wenn ihr sagt: „Ich habe einen Körper“? Was ist das „Ich“? Es macht keinen Sinn zu sagen: „Ich habe ein Ich“ oder „Selbst hat ein Selbst“. Gibt es ein großes Selbst, das ein kleines Selbst hat?
Verwirrt euch das? Das ist gut. Ihr seid verwirrt, und die ganze Zeit habt ihr gedacht, ihr wüßtet. Ein Grund für diese Untersuchung besteht darin, euch zu zeigen, daß ihr nicht wirklich wißt.
Seht euch jetzt selbst, wie ihr da sitzt und schaut. Wer schaut? Beobachtet jetzt einmal nur euch selbst, wie ihr sitzt und schaut. Was schaut? Was erfahrt ihr? Ihr sagt: „Also ich schaue durch meine Augen und denke in meinem Kopf.“ Was schaut mit euren Augen? Was denkt in eurem Kopf? Was glaubt ihr, was ihr seid?
Ihr seid eine Präsenz, die da sitzt. Was ist die Präsenz, die ihr erfahrt? Hat sie eine Form? Sehr wahrscheinlich seht ihr gleich, daß die Form eurer Präsenz die Form eures Körpers zu sein scheint. Auch wenn ihr nicht glaubt, euer Körper zu sein, definiert die Form eures Körpers wenigstens, wer ihr seid. Wir wollen damit nicht sagen, daß diese Identifikation schlecht oder falsch ist. Das wissen wir nicht. Wir wollen einfach erforschen - ist das wahr?
Ihr könnt die Untersuchung weiterverfolgen, indem ihr eure gegenwärtige Erfahrung betrachtet. Was ist für euch „ich“?, Was glaubt ihr in eurer Erfahrung genau dieses Moments was ihr seid? Wenn ihr euch bewußt werdet, daß ihr euch selbst für den Körper haltet, dann führt das Bewußtsein der Identifikation gewöhnlich zu deren Auflösung. Ihr fangt an zu sehen, daß ihr vielleicht doch nicht der Körper seid. Was seid ihr dann?
Wenn ihr euch in diesem Moment nicht für euren Körper haltet, wofür haltet ihr euch dann? Ihr habt vielleicht ein Gefühl von Identität oder das Gefühl, daß ihr ein Wesen (entity) seid. Was ist dieses Gefühl? Ihr assoziiert es vielleicht mit eurem Geist (mind). „Es scheint ein Gefühl von einem Selbst zu geben, und das scheint in meinem Körper zu sein, aber es ist nicht mein Körper selbst.“ Was ist das Ich, das ein Selbst hat? Ist es ein Gefühl? Ist es eine Sinneswahrnehmung? Ist es ein Gedanke oder ein Strom von Gedanken, den ihr „Selbst“ nennt? Ist es eine emotionale oder mentale Reaktion, die ihr „Ich“ nennt? Oder ist es etwas, das mit der Vergangenheit verbunden ist? Haltet ihr euch für all das, was euch in der Vergangenheit widerfahren ist?
Normalerweise definieren wir uns durch Erinnerungen: „Ich bin dann und dann geboren worden, mit diesen Eltern, unter diesem Sternzeichen und so weiter. Meine Mutter ließ mich im Stich; meine Mutter hat mich geliebt. Ich bin zur Schule gegangen, konnte sie nicht leiden und bekam trotzdem lauter Einsen. Ich habe erst mit 21 mit jemandem geschlafen, deshalb war ich frustriert. Ich wurde schwanger und hatte eine Abtreibung. Ich war verheiratet, aber das hat nicht gehalten – und so weiter.“ Stimmt’s? So definiert ihr euch. Könnt ihr euch euch selbst vorstellen, euch beschreiben, ohne solche Erinnerungen zu gebrauchen?
All die Dinge, die geschehen sind, die ganze Sammlung, ist nicht von dem getrennt, wofür ihr euch haltet. Das mentale Gefühl von Identität und das emotionale Gefühl eines Selbst sind von all dem, was ihr erlebt habt, nicht zu unterscheiden. Es ist, als wäre alles, was ihr in eurem Leben erlebt habt - alle Ereignisse, Gefühle, Emotionen, Reaktionen, gute und schlechte Erfahrungen, eure ganze Geschichte -, von dem untrennbar, wofür ihr euch jetzt haltet. Eigentlich ist es das, wodurch ihr euch gewöhnlich kennt.
Aber was hat das, wer und was ihr seid, mit eurer Geschichte zu tun? Eure persönliche Geschichte ist die eures Körpers. Wenn ihr sagt: „Ein Auto hat mich angefahren“ - wer wurde von einem Auto angefahren? Wenn ihr sagt: „Man hat mich im Stich gelassen“ – was ist für euch das, was eure Mutter im Stich gelassen hat? „Ich wurde geboren“ – was wurde geboren? Ihr bezieht all diese Ereignisse, all diese Erinnerungen auf euren Körper. Dieser Körper bewegt sich durch Raum und Zeit, und all diese Dinge sind ihm passiert. Entweder haltet ihr also den Körper für euch selbst, oder ihr nehmt das, was ihm passiert ist, und bildet ein amorphes Konstrukt, eine Art psychologische Identität, die euer gegenwärtiges Identitätsgefühl bestimmt. Und irgendwie habt ihr das Gefühl, daß sie eure Zukunft bestimmt.
Jetzt seid ihr euch vielleicht bewußt, daß ihr euch mit dieser persönlichen Geschichte und ihrem kollektiven Gefühl von Selbstsein (selfhood) identifiziert. All das hat ein Etikett, das man „Ich“ nennt. Was ist dieses Etikett? Wenn man diese persönliche Geschichte nimmt, um sich zu definieren, dann sind alle eigenen Erfahrungen eingeschlossen, auch Erfahrungen von Selbstverwirklichung, Erleuchtung und Essenz. Man nutzt auch diese Erinnerungen, um sich zu definieren. Zum Beispiel erinnert man sich vielleicht an ein Erlebnis, das man vor etwa zwei Monaten hatte, bei dem man sein wahres Selbst erfahren hat, und jetzt glaubt man, das man das ist. Diese Erfahrung wurde zu Nahrung für die eigene persönliche Geschichte. Man versucht, jetzt eine Identität zu erzeugen, indem man sich daran erinnert. Wer sagt, daß es das ist, was man jetzt ist? Seid ihr immer dasselbe? Wenn ihr eine Erinnerung nehmt, um euch zu definieren, dann spielt es keine Rolle, woran ihr euch erinnert - Gutes, Schlechtes, Grundlegendes, Oberflächliches, Wahres oder Falsches. Alles sammelt sich in eurer persönlichen Geschichte an. Sogar eine Erfahrung eures wahren Selbst kann erinnert und der Sammlung hinzugefügt werden. Aber euer wahres Selbst ist keine Anhäufung oder Sammlung.
Geheimnisvoll, nicht wahr? Jetzt sagt ihr vielleicht: „Moment mal. Wenn ich nicht der Körper bin und wenn ich nicht mein Gefühl meiner persönlichen Geschichte bin – wer bin ich dann? Ich stehe vor etwas Neuem.“ Wenn ihr sagt: „Ich stehe vor etwas Neuem,“ dann fragt ihr euch: „Soll ich davor Angst haben oder mich danach sehnen? Soll ich darauf hoffen oder sollte ich mich davor fürchten? Sollte ich darauf zugehen oder mich dagegen wehren?“ Wer seid ihr also in diesem Moment? Identifiziert ihr euch nicht mit eurer persönlichen Geschichte? Und will diese persönliche Geschichte nicht eine weitere Erfahrung haben, um mit Sicherheit zu wissen, wer sie ist?
Angenommen ich könnte euch sagen, wer ihr wirklich seid. Was würde das ändern? Wenn ich sagte: „Ja, du hast ein Selbst, und es fühlt sich so und so an und es macht das und das.“ Na und? Es ist einfach ein weiteres Stück Information, das ihr in eurem Kopf (mind) speichern und eurer persönlichen Geschichte hinzufügen könnt. Es ist nicht einmal eine Erfahrung - es ist eine Erinnerung, die nicht einmal euch selbst gehört.
Ist es möglich, nicht nur euren Körper zu betrachten und eure Identifikation mit ihm zu sehen, sondern auch eure persönliche Geschichte objektiv zu betrachten, ohne daß ihr euch mit ihr identifizieren müßt? Ist es möglich, die Totalität eurer Persönlichkeit auf einmal anzuschauen? Meistens identifiziert ihr euch mit dieser Totalität. Ihr seid mitten darin, wie in einem Medium, zum Beispiel einer Wolke, und ihr laßt euch von der Atmosphäre dieser Wolke definieren. Ist es möglich, euch dessen bewußt zu werden, daß ihr das tut? Könnt ihr eure Erfahrung in diesem Moment betrachten und sehen, wie ihr euch mit eurer persönlichen Geschichte identifiziert? Seid ihr euch bewußt, wie schwer es ist, sich von solchen Gedanken und Erinnerungen und Vorstellungen von euch selbst loszulösen?
Versucht nicht, euch loszulösen. Seid nur gewahr, daß ihr euch nicht loslöst. Wir versuchen nicht, irgendetwas zu machen, wir versuchen nur zu sehen. Wir wollen nur sehen, was wirklich da ist. Und alles, was ich tue, ist, euch anzuleiten, hierhin und hierhin und hierhin zu schauen. Das ist alles. Wie gesagt, wir forschen. Wir gehen nicht notwendigerweise von der Annahme aus, daß es eine bestimmte Antwort gibt oder daß die Antwort auch nur gefunden werden kann. Wir forschen einfach, und bisher habe ich euch nichts verraten.
Wenn ihr die Totalität auf diese Weise betrachtet, werdet ihr sehen, daß es Muster gibt, die sich nicht zu verändern scheinen. Ihr habt euch immer für dieselbe Person gehalten. Ihr habt euch vielleicht ein wenig verändert - vielleicht mögt ihr jetzt andere Dinge, vielleicht seid ihr jetzt glücklicher, aber im allgemeinen seid ihr dieselben geblieben. Ihr denkt immer noch genauso wie früher. Ihr habt immer noch ähnliche Gefühle, oder ihr reagiert auf Dinge genauso, wie ihr früher auf sie reagiert habt. Persönliche Geschichte hat eine verschwommene Art von Konsistenz und Kontinuität, die uns ein Gefühl von Identität vermittelt. Das Identitätsgefühl ist nichts als ein Etikett, ein Gefühl, das auf einer Sammlung von Erinnerungen beruht.
Es ist ein bißchen wie ein Film. Wenn ihr euch einen Film anschaut, dann scheint er etwas Kontinuierliches zu sein, aber wenn ihr ihn anhaltet, dann seht ihr, daß es hier ein Bild gibt und ein Bild hier und so weiter. Eure Erinnerungen sind eine Serie von Bildern, genau wie ein Film. Sie sind Bilder, die zusammengesetzt eine Bewegung ergeben, so daß man ein Gefühl von Kontinuität hat, das man für die Definition seiner selbst benutzt. Eure persönliche Geschichte definiert, wer ihr seid, worum es bei euch geht. Eigentlich definiert sie, wie es euch jetzt geht und was ihr tut, wenn ihr mit dieser Untersuchung aufhört.
Seht ihr, wie schwer es ist, sich davon zu lösen? Ihr könnt euch nicht erlauben zu sagen: „Vielleicht muß ich ja gar nicht durch diese Dinge definiert sein. Vielleicht muß ich gar nicht wissen, wohin ich gehe, wenn ich diesen Raum verlasse.“ Denn dann denkt ihr gleich: „Moment mal. Ich werde total aufgeschmissen sein. Ich verliere mein Gedächtnis und man wird mich ins Krankenhaus bringen und man wird mir Medikamente geben müssen, damit ich mich daran erinnere, wer ich bin. Also halte ich mich besser an meine Erinnerungen, an meine Identität. Jetzt habe ich eine Orientierung. Ich weiß, wer ich bin, und deshalb bin ich sicher.“ Aber wie kann so irgendetwas Neues geschehen? Was immer auch passiert, es ist schon von diesen Dingen vorherbestimmt.
Vielleicht seid ihr schlau und sagt: „Ich weiß, daß ich das tue, aber ich weiß es zugleich besser. Ich weiß, daß ich nicht wirklich meine persönliche Geschichte bin. Ich erfahre jetzt einen essentiellen Zustand. Er fühlt sich wunderbar an, wie eine Art Liebe. Das bin doch ich, oder?“ Wenn ihr diese Zustände für euch selbst haltet, dann gebt Acht. Seid euch bewußt, wofür ihr euch haltet. Ist dieser essentielle Zustand das, was ihr vor einer Stunde gefühlt habt? Wenn er nicht da war, wer wart ihr damals? Essenz manifestiert sich auf verschiedene Weise. Vor einer Stunde wart ihr vielleicht ein anderer Aspekt. Das Einzige, was ihr wirklich wißt ist, daß ihr euch an eine Erfahrung erinnert, und jetzt ist da eine andere Erfahrung. Was läßt euch denken, daß sie das ist, was ihr seid? In ein paar Augenblicken werdet ihr wieder etwas anderes erfahren.
Zum Beispiel sagt ihr vielleicht: „Ich bin zur Zeit wirklich unglücklich“ oder „Ich bin wütend“. Was meint ihr? Sind diese Aussagen korrekt? Gibt es ein „Ich“, das diese Dinge fühlt? Ja, euer Körper hat Gefühle und Empfindungen von Unglücklichsein, und euer Kopf (mind) hat Vorstellungen und Assoziationen von Unglücklichsein, aber warum glaubt ihr, daß ihr selbst unglücklich seid? Vielleicht denkt ihr, daß ihr eure Gefühle seid. Seid ihr wirklich wütend oder seid ihr einfach einer Wut im Körper und in eurem Geist (mind) gewahr? Spekuliert nicht, schaut einfach das an, was da ist.
Wir sehen also, daß ihr zu verschiedenen Zeiten einmal euren Körper, dann ein Gefühl, dann einen essentiellen Aspekt für euch selbst haltet. Euer Identitätsgefühl verändert dauernd sein Etikett. Wofür ihr euch haltet, verändert sich dauernd. Der Inhalt verändert sich, aber ihr sagt immer „ich“, als wäre das „Ich“ ein einziges Ding.
Ist es möglich, des ganzen Prozesses gewahr zu sein? Ist es möglich, der Tatsache gewahr zu sein, daß ich jetzt mit meinem Körper identifiziert bin, jetzt mit einem Gedanken, jetzt mit einer Erinnerung, jetzt mit meinem Gefühl - des Prozesses der Verschiebung des Festmachens der Identität mal an diesem und mal an jenem gewahr zu sein? Wenn es das ist, was wir tun, warum es dann nicht erforschen?
Bedeutet das, daß es kein „Ich“ gibt, daß es kein wirkliches Selbst gibt? Ist es nur eine Sache von Identifikation, von Festhalten an einer Sache nach der anderen ohne Kontinuität? Wenn das so ist, dann gibt es kein Selbst, kein Du und kein „Ich“, sondern nur Reihen von Ereignissen, von Sachen, an denen wir uns festmachen, und von Identifikationen. Das könnte die Antwort sein. Aber schauen wir, ob es andere Möglichkeiten gibt. Wir sehen, daß unser Gewahrsein, unser Bewußtsein sich ausdehnen und mehr und mehr umfassen kann.
Wenn ihr euer Identitätsgefühl an etwas Bestimmtem festmacht – wie macht ihr das? Was geschieht dann wirklich? Wenn ihr das Gefühl habt, der Körper zu sein, dann durchdringt dieses Gefühl. Was tut ihr, das euch dazu bringt zu glauben, ihr selbst wäret der Körper? Warum nicht einfach empfinden, daß da ein Körper ist? Warum sagen „Ich bin mein Körper“? Was geschieht, wenn ihr sagt „Ich sitze und spreche“ statt „Ich bin eines Körpers gewahr, der sitzt und spricht“. Was geschieht da? Und ihr macht dasselbe mit eurer persönlichen Geschichte, mit eurem psychologischen Gefühl von Identität. Warum nicht sagen „Ja, da ist eine Wahrnehmung“ oder „Da ist eine Erinnerung“ statt zu sagen „Das bin ich“?
Wie vollzieht sich diese Identifikation? Wir müssen den Prozeß des Anhaftens an etwas (attachment) beobachten. Wir müssen den Prozeß des Etikettierens beobachten. Wenn wir diese Fragen untersuchen, dann finden wir einen gedanklichen Prozeß, der mit Konzepten arbeitet. Es gibt ein Konzept eines Selbst, einer Identität, und wir meinen, daß wir das brauchen. Es gibt auch Spannungen im Körper, die diesen gedanklichen Prozeß begleiten. Und die Spannungen in unserem Körper, der gedankliche Prozeß und die Empfindung des Anhaftens an unserer Identität gehören zusammen; sie sind untrennbar.
Nun ist es möglich, dieses gedanklichen Prozesses und des Prozesses des Festhaltens und damit des Spannungsmusters im Körper gewahr zu sein, ohne irgendetwas ändern zu müssen. Statt uns durch diese Gedanken, Spannungen und Empfindungen zu definieren, warum sie nicht als eine Totalität, als ein Bewußtsein (awareness) anschauen, statt als eine Begrenzung oder Selbstdefinition? So daß ein Bewußtsein da ist, das die Gedankenprozesse und Assoziationen – physische wie emotionale – beobachtet, aber nicht notwendigerweise in sie verwickelt ist. Was kann die Totalität unserer gedanklichen Prozesse, die Spannungen im Körper, die Emotionen, den Körper an sich, die persönliche Geschichte, einfach alles anschauen? Was ist das, was schauen kann? Was kann all das umfassen?
Es geht nicht darum, darüber nachzudenken. Wenn ihr darüber nachdenkt, dann seid dessen gewahr, daß ihr darüber nachdenkt. Es geht nicht darum, es zu visualisieren. Wenn ihr anfangt zu visualisieren, dann seid des Versuchs zu visualisieren gewahr. Und indem ihr so eurem Gewahrsein (awareness) folgt, werdet ihr sehen, daß es euch deshalb nicht möglich ist, der Totalität gewahr zu sein, weil es Gedanken gibt, mit denen ihr beschäftigt seid. Ihr steckt in bestimmten Gedanken, in bestimmten Spannungen fest, die euch mitten in der ganzen Sache festhalten. Ich fordere euch nicht auf, das anzuschauen, was schaut, sondern euch einfach aller Dinge auf einmal gewahr zu sein - der Totalität. Auch des Teiles, der schauen möchte - ist es ein Gedanke, eine Spannung im Körper, eine Erinnerung?
Ist es möglich, nicht nur euch selbst zum gegenwärtigen Zeitpunkt anzuschauen, sondern die gesamte Zeitspanne, euer ganzes Leben? Ist es möglich eine allgemeines Empfinden davon zu haben, daß es ein ganzes Leben gibt, das vom Anfang bis jetzt Kontinuität hat? Was ist das, das all das umfaßt?
Könnt ihr euch aus dieser Geschichte lösen, aus eurer Identifikation, welche das auch gerade sein mag, indem ihr der Identifikation gewahr seid? Identifiziert ihr euch in diesem Moment mit dem Teil von euch, der wissen möchte, was ich sage? Wenn ihr dessen gewahr seid, kommt euer Gewahrsein der gesamten Situation aus dem Inneren eures Körpers? Gibt es etwas in eurem Körper, das hinausschaut? Wenn eure Aufmerksamkeit aus dem Inneren eures Körpers schaut, ist es dann möglich, euch davon zu lösen, gewahr zu sein, daß ihr daran festhaltet, in eurem Körper zu sein?
Wenn wir diese Untersuchung fortsetzen, dann sehen wir, daß manche unserer Identifikationen durch unsere Vorstellungen von Zeit begrenzt sind und manche durch unsere Vorstellungen von Raum. Wir benutzen Raum und Zeit, um uns zu definieren. Muß das so sein? Was geschieht, wenn ihr nicht Raum und Zeit benutzt, um euch zu definieren? Wenn ihr nicht eure persönliche Geschichte benutzt? Wenn ihr nicht eure Vorstellungen von Innen, Außen, Groß, Klein und so weiter benutzt? Was wenn ihr einfach der Bewegung gewahr seid, die darin besteht, euch auf etwas innerhalb eures Körpers einzuschränken, wenn ihr gewahr seid, wie ihr euch groß oder klein macht, innerhalb oder außerhalb eures Körpers ansiedelt?
Eure Gedanken rasen jetzt vielleicht. Seid des gedanklichen Prozesses gewahr. Dies ist keine Sache des Denkens; der Gedankenprozeß wird von eurer persönlichen Geschichte bestimmt. Aber es ist möglich, dessen gewahr zu sein, worüber wir sprechen. Wenn ihr also nicht versucht, eine Identität zu erfinden, indem ihr euren Körper benutzt, indem ihr eure Gefühle, Gedanken, Erinnerungen oder die Vorstellung von Raum und Zeit benutzt, was geschieht dann?
Es geht hier nicht darum, etwas dadurch zu wissen, daß man in der Lage ist, es zu benennen. Es geht darum, einfach dessen gewahr zu sein, worüber wir sprechen. Ihr braucht keine Entscheidungen zu treffen, ihr braucht euch an nichts zu erinnern. Ihr braucht nichts von der Arbeit, die ihr in der Vergangenheit getan habt. Ihr braucht gar nichts. Wir betrachten einfach die Situation in diesem Moment. Es geht nicht darum, euch von etwas zu befreien, es geht nicht darum etwas zu tun. Es geht nicht darum, eine bestimmte Erfahrung zu machen. Wir untersuchen, was ihr meint, wenn ihr „ich“ sagt.
Wenn wir dies alles jetzt sehen, bleibt dann immer noch ein Empfinden von „ich“ übrig? Woran macht ihr das „Ich“ in diesem Moment fest? Und wenn ihr das „Ich“ an nichts festmacht, könnt ihr dann die Totalität eures Universums sehen - alles was ihr jemals gedacht, gefühlt, erfahren, euch vorgestellt habt, all das zusammen und auf einmal? Könnt ihr das ganze Universum sehen, für das ihr euch haltet?
Ihr steckt euch selbst in eine Form, in eine Schachtel, und die begrenzt euch. Wenn ihr die Schachtel von allen Seiten betrachten könnt, dann seid ihr offensichtlich nicht das, was in der Schachtel ist. Vermögt ihr diese Wahrnehmung zuzulassen, dann könntet ihr vielleicht sehen, daß ihr mehr seid als all das, daß ihr über all das hinausgeht. Ihr seht dann vielleicht, daß euer Universum euch nicht definiert und euch nicht definieren darf. In dem Moment, in dem ihr von diesem Universum oder von einem Inhalt darin definiert seid, sitzt ihr in der Falle. Ihr seid mittendrin, ihr seid in ihm. Ihr seid all den Kräften innerhalb dieses persönlichen Universums ausgeliefert. Erlaubt ihr euch, das Ganze zu sehen, dann vermögt ihr zu sehen, daß ihr tatsächlich nichts davon seid. Es ist nicht nötig, an diesem Universum oder einem Teil davon festzuhalten oder euch durch dieses Universum oder einen Teil davon zu definieren. Und dieses Universum kann weiter bestehen, auf welche Weise auch immer, ohne daß ihr es für euch selbst halten müßt.
Allein schon die Tatsache, daß ein vollständiges Gewahrsein der Totalität möglich ist, weist darauf hin, daß sie euch nicht definieren muß. Allein die Tatsache, daß ihr das Ganze umfassen könnt und damit eure Kapazität immer noch nicht ausgeschöpft ist, weist daraufhin, daß ihr größer seid als all das. Der Augenblick, in dem ihr einer Sache gewahr werdet, ist der Moment, in dem ihr über sie hinausgeht. In dem Moment, wo ihr sagt „Ich bin das“, seid ihr bereits darüber hinaus.
Wenn wir unseren Etiketten glauben, wenn unsere Identität irgendein Inhalt ist, dann definieren wir uns und lassen keine Ausdehnung über diese Vorstellung von uns hinaus zu. In dem Moment, in dem ich sage: „Ich wurde zu dem und dem Zeitpunkt geboren.“, definiere ich mich mit dem Körper. Aber wenn mir klar wird, daß ich meine Geburt benutze, um den Beginn meines Lebens zu bezeichnen, kann ich erkennen, daß das „Ich“ überhaupt nicht geboren wurde. Wie kann etwas, daß dieser ganzen Totalität gewahr sein kann, geboren werden? Wie kann es sterben? Was hat es mit Zeit zu tun?
Finden wir also eine Antwort? Finden wir die Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“? Oder sehen wir, daß wir jedesmal, wenn wir sagen „Das bin ich“, das eben nicht sind, weil unser Gewahrsein (awareness) es umfassen kann? Was wir finden, ist eine paradoxe, widersprüchliche Art von Antwort. Es ist weder Finden noch Nichtfinden einer Antwort.
Wir legen nur Dinge bloß, von denen ihr denkt, daß ihr sie wißt. Wenn euch das verwirrt, dann ist das gut, weil die Verwirrung sowieso schon da ist. Ihr habt sie durch den Glauben überdeckt, ihr wüßtet. In diesem Augenblick wißt ihr wahrscheinlich nicht, wer ihr seid.
Seit langem sagt ihr aus Gewohnheit: „Ich sitze oder stehe auf, ich spreche, ich bin traurig.“ Aber sind solche Aussagen korrekt? Wenn ihr diese Annahmen in Frage stellt, dann fragt ihr euch vielleicht, warum ihr diese Dinge immer wieder sagt. Warum sage ich das immer wieder? Wer sagt das? Was ist dieses „Ich“? Ihr seht, daß solche Aussagen nicht korrekt sein können. Betrachtet ihr die Dinge so, dann seht ihr, daß ihr schon seit Jahren verwirrt gewesen seid.
Ihr fragt euch vielleicht: „Was habe ich nur die ganze Zeit gemacht?“ Ihr habt vielleicht das Gefühl, daß ihr eure Zeit verschwendet habt. Aber für wen denn haltet ihr euch, der eure Zeit vergeudet hat? In dem Moment, in dem ihr sagt, daß „ich“ etwas getan habe, dann macht ihr Annahmen über ein „Ich“. Es ist nicht nötig, über das nachzudenken, was ihr getan und nicht getan habt, da das, wovon ihr denkt, daß „ihr“ es getan habt, davon abhängt, wofür ihr euch gehalten habt. Die Vergangenheit ist vollkommen irrelevant. Vollkommen.
Das Wissen der Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ stellt sich nur im Augenblick ein. Die Antwort hat nichts mit der Vergangenheit zu tun. Wenn die Vergangenheit die Antwort im gegenwärtigen Augenblick bestimmt, dann ist es offensichtlich keine korrekte Antwort, da die Vergangenheit nicht mehr existiert. Um die Frage wirklich beantworten zu können, müssen wir sehen, daß wir die Antwort nicht wissen, und auch, daß wir nicht wissen, wie wir sie finden können. Ist es möglich, euch selbst einzugestehen, daß ihr die Antwort nicht kennt und auch nicht wißt, wie ihr sie finden könnt, und dabei die Frage „Wer bin ich?“ doch in euch brennen zu lassen?
„Wer bin ich?“
Können wir es uns erlauben zu sehen, daß wir nicht wissen? Wenn wir annehmen, wir wüßten, dann beenden wir die Untersuchung. Wenn wir annehmen, wir wüßten, wie wir diese Frage anzugehen haben, dann nehmen wir an, daß wir die Antwort bereits kennen und wissen, wonach wir suchen. Vielleicht besteht das wirkliche Wissen darin, nicht zu wissen. Wenn ihr euch erlaubt zu sehen, daß ihr nicht wirklich wißt, und daß ihr nicht wißt, wie ihr wissen könnt, dann kann etwas geschehen. Vielleicht ist das eure erste Chance, wirklich etwas zu wissen. Die Annahmen, daß ihr wißt, und daß ihr wißt, was zu tun ist, sind Barrieren für wahres Wissen. Wenn ihr schließlich wißt, daß ihr nicht wißt, dann habt ihr endlich absolutes Wissen. Vollkommene Unwissenheit ist das, was zu wahrem Wissen führen wird.
Ihr seht, der Verstand (mind) hat hier keine Funktion. Diese Untersuchung hat nichts mit eurem Verstand zu tun. Euer Verstand kann nur die Frage beantworten und feststellen, daß manche der Antworten nicht die Antworten sind. Das einzige, was wir tun können, ist zu eliminieren, was wir zu wissen glauben, und sehen, daß wir in Wirklichkeit nicht wissen. Das ist alles, was wir tun können. Wir können nichts Positives tun, um zu beginnen, etwas herauszufinden, weil wir in dem Moment, in dem wir das tun, bereits annehmen, daß wir wissen, wohin wir gehen. Woher wißt ihr, was geschehen sollte? Dieses Wissen ist aus der Erinnerung, aus vergangener Erfahrung abgeleitet.
Wenn ihr seht, daß ihr nicht wißt und auch nicht wißt, wie ihr wissen könnt, dann könnt ihr mit all den Aktivitäten aufhören, durch die ihr zu wissen sucht, und dann wird vielleicht etwas geschehen. Vielleicht ist eine andere Art von Wissen möglich, ein Wissen, das vollkommen frisch ist. Es ist auch möglich, daß das Wissen nur im Nichtwissen besteht. Vielleicht werdet ihr nur wissen, daß ihr nicht durch etwas von dem definiert seid, wodurch ihr euch gewöhnlich definiert, und daß es keine andere Weise gibt, euch zu definieren. Ihr wißt vielleicht nur, daß ihr undefinierbar seid und das Wissen, daß ihr undefinierbar seid, Freiheit ist. Vielleicht ist das also die endgültige Definition von euch. Aber das ist eine Erfahrung, eine Einsicht, und nicht nur eine logische Schlußfolgerung.
„Wer bin ich?“ ist eine sehr persönliche Frage. Sie ist auf ganz intime Weise eure Frage. Sie ist nicht theoretisch, und sie ist auch nicht etwas, das ihr nur durch Nachdenken beantworten könnt. Niemand anders kann sie für euch beantworten. Sie muß zu eurem eigenen persönlichen Problem werden. Und was immer geschieht, während ihr die Frage untersucht, ihr müßt ihrer nur gewahr sein. Ihr müßt nicht zu Schlußfolgerungen gelangen. Es ist ein Forschen mit offenem Ende. Und was immer ihr findet, braucht ihr nicht in Worte zu fassen.
Gibt es Fragen?
Schüler: Es klingt so, als wolltest du sagen, daß du das Gefühl hast, Freiheit sei umgekehrt proportional zur eigenen Selbstdefinition.
A.H. Almaas: Ja. Wenn du dich definierst, dann schränkst du dich ein. Die Tatsache, daß du dich definierst, weist darauf hin, daß es etwas Größeres als die Definition gibt.
S: Ich merke, daß ich alle paar Jahre den Wunsch verspüre, mit ganz wenig Gepäck in ein fremdes Land zu reisen. Es ist so, als nähme ich eine Pause von mir selbst, und das fühlt sich sehr frei an.
AH: Das ist ein Versuch, einen gewissen Abstand von deiner persönlichen Geschichte zu bekommen. Viele Menschen haben das Gefühl, daß sie eine Pause von sich selbst brauchen. Viele Leute fahren deshalb in Urlaub. Aber du siehst, Veränderung des physischen Raums kann zwar ein wenig helfen, das Wichtige aber ist, aus der persönliche Geschichte herauszukommen, und die nimmst du in deinem Geist (mind) mit.
Viele Menschen fühlen dieses Bedürfnis und versuchen auf vielerlei Weise, Abstand von ihrem persönlichen Leben zu gewinnen. Eine solche Möglichkeit ist ins Kino gehen oder in einen Roman eintauchen. Warum gehen Menschen ins Kino? Um zu fliehen, um einen Miniurlaub von sich selbst zu nehmen. Ihr geht in einen dramatischen Film, laßt euch ganz mitreißen und vergeßt euer Leben. Ihr seid ganz jemand anders. Das ist der Urlaub, und wenn der Film dann vorbei ist, kommt ihr gleich wieder zurück.
Das, wovon wir hier sprechen, ist viel radikaler. Diese Frage wirklich zu beantworten, heißt vollkommen außerhalb eurer persönlichen Geschichte und unbeeinflußt von ihr zu sein. Das kann nur durch eine radikale Transformation im Inneren geschehen – dadurch, daß ihr wirklich unmittelbar seht, daß ihr nicht diese Geschichte seid, nicht dadurch, daß ihr versucht, aus ihr herauszukommen.
S: Ich nehme an, das kleine Muster meiner Probleme ist eine andere Definition meiner selbst; also reise ich in ein fremdes Land, um eine Pause von ihnen zu machen, und bekomme stattdessen eine ganze Reihe neuer Probleme, mit denen ich umzugehen habe.
AH: Richtig. Du definierst dich als ein Mensch, der Probleme hat und Urlaub von seinen Problemen machen muß. Du tauschst also eine persönliche Geschichte gegen eine andere aus. Das löst die Probleme nicht, führt aber im Moment zu einer gewisse Erleichterung.
All diese Versuche, einschließlich der inneren Arbeit, sind einfach ein Neuordnen persönlicher Geschichte, damit wir sie als eine Totalität sehen können. Meistens ist unsere persönliche Geschichte so arrangiert, daß wir vollkommen in sie verwickelt sind. Wenn wir die innere Arbeit tun, ordnen wir die Teile neu, damit wir sie anschauen können. Wenn ihr sie anschaut, dann ist es möglich, über sie hinaus zu schauen.
Die innere Arbeit hilft euch, die Teile zu sehen, und je mehr ihr das tut, desto größer werden die Teile, die ihr seht, desto größer ist das Bild, das ihr seht – bis ihr die ganze Sache sehen könnt. Wenn das geschieht, dann ist es möglich zu sehen, daß es etwas jenseits all dieser Dinge gibt.
S: Ich denke, ich bin zu der inneren Arbeit gekommen, um meiner Klaustrophobie und meiner Festgefahrenheit zu entkommen.
AH: Du möchtest wieder freikommen, oder? Aber wenn du freikommen willst, dann definierst du dich als Mensch, der festgefahren ist. Wenn du dich selbst als jemanden siehst, der feststeckt, dann bewirkt vielleicht gerade das, daß du feststeckst. Es ist Teil der persönlichen Geschichte - jemand zu sein, der feststeckt. Ich behaupte nicht, daß du dich nicht so fühlst. Ich sage nur, betrachte es anders.
S: Meinst du, daß immer, wenn man eine Totalität sieht, diese zu einem weiteren Teil wird, und daß immer, wenn man diesen Teil sieht, er sich wieder ausdehnt?
AH: Nein, nicht unbedingt. Ich sage, daß du immer, wenn du eine Totalität definierst, über sie hinausgehst. Wenn du das, was darüber hinaus ist, definierst, dann kannst darüber hinausgehen; aber „darüber hinaus“ bedeutet nicht definiert.
S: Ich kann mir nicht vorstellen, „darüber hinauszugehen“, solange ich nicht sterbe. Für mich geschieht all das, wovon du sprichst, Menschen, wenn sie sterben und ihren Körper verlassen.
AH: Das heißt, du identifizierst dich mit deinem Körper, oder? Weil du sagst: „... solange ich nicht sterbe.“ Aber was ist das, was stirbt? Verstehst du? Sieh also einfach, daß du dich mit deinem Körper identifizierst, und deshalb hast du das Gefühl, nicht darüber hinausgehen zu können. Ich behaupte, daß es möglich ist, die Identifizierung zu lösen, ohne zu sterben.
Mit der Rede ist das so eine Sache. Ihr müßt auf eure Rede achten, weil sie eine Falle sein kann. Wenn ihr glaubt, was ihr sagt, dann sitzt ihr in der Falle. In dem Moment, in dem ihr sagt „... solange ich nicht sterbe“ und das glaubt, seid ihr gefangen. Ihr denkt vom Körper aus. Natürlich müßt ihr euren Namen, euer Geburtsdatum und so weiter benutzen – aus praktischen Gründen. Aber das ist der einzige Grund, aus dem ihr eine Identität braucht. Man braucht sie nicht psychologisch. Und ihr braucht sie nicht für eure Existenz.
S: Wozu ist es gut, wenn ich herausfinde, wer ich bin? Warum auch nur den Versuch machen, das zu tun?
AH: Das wirkliche Selbst hat nichts davon; es ändert das wirkliche Selbst nicht. Aber für den Verstand spielt es eine große Rolle, weil der nicht ruhen kann, bis er die Antwort hat. Für mich spielt es keine Rolle, ob ich mich kenne, weil das wirkliche Selbst immer da ist. Aber für meinen Körper und meinen Geist (mind) gibt es mehr Ruhe, gibt es mehr Frieden, gibt es mehr Lust und mehr Entspannung, wenn ein Wissen (knowingness) da ist, daß ich jenseits von all dem bin.
Ob es für irgendetwas gut ist, ist vollkommen irrelevant. Die Frage stellt sich aufgrund der einfachen Tatsache, daß ihr nicht wißt. Diese Frage ist eine Aussage, und die Aussage lautet, daß ihr nicht wißt, wer ihr seid. Ihr könnt nicht nicht wissen, wer ihr seid, und nicht diese Frage stellen. Es ist unmöglich. Ihr könnt so tun, als wüßtet ihr, um die Frage für eine Weile zum Schweigen zu bringen, aber solange ihr nicht wißt, ist die Frage immer da. Wir versuchen oft, uns gegenüber der Unausgefülltheit, die mit der Frage verbunden ist, abzustumpfen. Aber das kann man nur um einen hohen Preis tun – eine Verminderung des Lebens.
Die Leute würden die Frage abwürgen, sie zum Schweigen bringen. Es gibt zwei Motive hinter diesem Begehren: nicht leiden wollen, und das tiefere Motiv, daß die Frage beantwortet werden muß. Die Frage stellt sich, weil ihr die Antwort nicht wißt. Und sie wird sich weiter stellen, sie wird euch begleiten, bis sie beantwortet ist. Sie hat eine eigene Kraft. Das ist eine Tatsache, ein Naturgesetz. Das Fragen ist immer da, bis es schließlich keine Frage mehr gibt.
Der Abgrund
Jeder von uns hat ein zentrales Bedürfnis: in seinem Leben einen Sinn zu finden. Dieser Trieb liegt vielleicht nicht offen zutage, er ist vielleicht nicht einmal bewußt. Aber wenn ihr die Situation untersucht, dann werdet ihr den Einfluß dieses Triebes bei den meisten Aktivitäten und Sorgen in eurem Lebens erkennen. Philosophie, besonders die Philosophie des Zwanzigsten Jahrhunderts in Form des Existentialismus und der Phänomenologie, befaßt sich zum großen Teil mit der Frage der Leere und der Sinnlosigkeit des Lebens. Ich glaube, daß dieses Interesse in der Philosophie – wie auch in der Literatur und den Künsten – ein zunehmendes allgemeines Bewußtsein des Sinnthemas widerspiegelt.
Manchmal stellt ein Mensch den Sinn des Lebens ausdrücklich in Frage. Meistens aber sind die Menschen mit den Aktivitäten und Unternehmungen beschäftigt, die ihrem Leben vermeintlich Sinn und Bedeutung geben. Selten gelangen wir zu dem Punkt, in Frage zu stellen, weil wir gewöhnlich versuchen so zu tun, als wüßten wir die Antwort bereits. In der Hoffnung, daß sie ihrem Leben Sinn geben, kreieren die Menschen alle möglichen Ziele. Zu diesen Zielen gehören im allgemeinen Pläne, in der Zukunft etwas zu erreichen, wie zum Beispiel kreativ, erfolgreich und reich sein, reisen können, gewinnen und so weiter. Denkt an die Liedzeile: „What’s it all about, Alfie? Is it just for the moment we live?“ (“Und wozu das alles, Alfie? Ist das alles nur für den Moment, den wir leben?“) Vielleicht. Vielleicht leben wir nur für den Augenblick. Philosophie ist ein Versuch, diese Frage zu beantworten. Letztlich kann man Philosophie als die Wissenschaft vom Sinn sehen. Doch die Frage nach dem Sinn des Lebens ist nicht nur eine intellektuelle Übung. Wenn ein Mensch wirklich sein Leben in Frage stellt, dann fühlt sich das nicht intellektuell an. Es fühlt sich an, als hätte das Leben keinen Wert, keinen Sinn. Auch wenn wir uns dieses Themas nicht bewußt sind, haben wir dauernd damit zu tun, selbst bei unseren alltäglichen Aktivitäten. Auch wenn wir andere Sorgen haben, ist dieses Thema zentral und liegt unseren offensichtlicheren Sorgen oft zugrunde.
Eine andere Möglichkeit, die Frage „Was ist der Sinn des Lebens?“ zu betrachten, könnte sein: „Was ist die Bedeutung des Lebens? Warum tue ich das, was ich jeden Tag tue? Wozu morgens aufwachen, auf die Toilette gehen, meine Zähne putzen, mich waschen, frühstücken, zur Arbeit gehen, mit Menschen sprechen, nachhause kommen, zu Abend essen, mich gut unterhalten, schlafen gehen? Jeden Tag mache ich diese Dinge. Wozu das alles? Ein Tag reicht, wenn ich diese Dinge kennenlernen will. Ich brauche nur einmal zu essen, um zu wissen, wie essen ist. Warum mache ich dann immer weiter? Was habe ich davon?“
Ich stelle eine fundamentale Frage, damit ihr darüber nachdenkt und – wenn dieses Thema für euch aktuell wird – bei der Frage bleiben könnt, ohne sie mit einer oberflächlichen Antwort abzutun. Damit ein Mensch zu diesem Thema des Sinns gelangt, muß er in seinem Leben schon enttäuscht worden sein, entweder dadurch, daß er seine Ziele erreicht hat oder dadurch, daß er in seinen Träumen enttäuscht worden ist. „Meine Mutter wollte, daß ich einen Arzt heirate, und mein Vater wollte, daß ich Erfolg habe, und das habe ich erreicht. Ich habe zwei Kinder und alles, wovon ich geglaubt habe, daß ich es will. Aber nichts ist gelöst, ich fühle mich immer noch genauso. Ich warte immer noch, ich suche etwas. Ich habe die Dinge erreicht, die ich mir vorgenommen habe, und ich bin nicht zufrieden.“
Das ist oft der Punkt, an dem ein Mensch anfängt, Fragen zu stellen – wenn die Träume verwirklicht sind, sich aber keine Zufriedenheit einstellt. Vielleicht habt ihr über diese Fragen ja auch in der Schule nachgedacht, als eure Lehrer oder eure Eltern das durchgemacht haben und desillusioniert wurden. Euer Lehrer wirft also diese Frage auf, und ihr fangt an, euch intellektuell dafür zu interessieren. Klingt interessant. Ihr seid jung, ihr wollt alles in Erfahrung bringen – oder vielleicht wollt ihr nur eine Eins im Fach „Sinn des Lebens“.
Ihr schließt also die Schule ab, beginnt eine Familie zu gründen und eure Karriere aufzubauen, auf eure Erfolge hinzuarbeiten und eure Ideale zu verwirklichen, was immer sie sind. Manche Menschen erreichen ihre Ideale oder verwirklichen ihre Pläne niemals; dann hoffen sie immer noch, daß der große Triumph noch kommt. Vielleicht schieben sie den Erfolg sogar hinaus, damit sie sich dem Bewußtsein nicht stellen müssen, daß er ihnen keine Erfüllung bringt. Wenn sie ihre Ziele niemals erreichen, brauchen sie den Sinn ihres Lebens nicht zu hinterfragen. Ein paar glückliche Menschen verwirklichen ihre Träume, und diese Frage stellt sich für sie ganz natürlich. Wenn sie empfindsam sind, lassen sie sich dann nicht mehr so leicht von dieser Frage ablenken.
Es ist nicht leicht, jemanden, der noch Träume, Pläne und Ideale hat, die noch nicht verwirklicht wurden, davon zu überzeugen, daß die Frage des Sinns wichtig ist und daß sie nichts mit all diesen Dingen zu tun hat, ganz gleich ob sie verwirklicht wurden oder nicht. Aus diesem Grund wurden in Schulen innerer Arbeit früher nur Menschen in reiferem Alter angenommen. Jüngere Menschen hielt man nicht für fähig, die Hoffnung darauf aufzugeben, daß die Verwirklichung ihrer Träume sie befriedigen würde, außer sie waren vielleicht schon sehr früh enttäuscht worden.
Wie ihr wahrscheinlich beobachtet habt, sind die meisten von uns noch so gestrickt, hoffen wir immer noch, daß dieser oder jener Plan es bringen wird. Es ist völlig in Ordnung, Kinder, einen Job, bestimmte Ideale zu haben, nach denen man leben will. Aber diese Dinge beantworten die Sinnfrage nicht. Sie haben eine anderen Zweck: sie unterhalten euch, füllen euch den Bauch, wärmen euer Bett, leisten euch Gesellschaft und schenken euch Intimität, liefern etwas, womit man sich beschäftigen kann. Aber sie liefern euch nicht den Sinn des Lebens.
Es hängt von vielen Dingen ab, ob man sich dieser essentiellen Frage stellt. Es hängt davon ab, wie intelligent man ist, wieviel Erfahrung man in seinem Leben gesammelt hat, von der Erziehung in den frühen Jahren der Kindheit, von vielen Faktoren. Und Menschen benutzen viele Tricks und Ablenkungen, um die Konfrontation mit dieser Frage zu vermeiden.
Manchmal strengt sich ein Mensch aus ganzem Herzen und mit seiner ganzen Energie zwanzig oder vierzig Jahre lang an, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Etwas treibt ihn dazu, seine Ideale zu verwirklichen. Er braucht dieses Ziel nicht zu erreichen, um zu überleben oder um seine aktuellen Bedürfnisse zu befriedigen. Was bedeutet ihm dann sein Erfolg? Vielleicht ein wenig mehr Geld, als er vorher hatte. Aber ist es das, was ihn antreibt? Ist das der Sinn von Erfolg? „Also, ich werde mich mit mir selbst besser fühlen, es wird mir dann gut gehen, ich werde das Gefühl haben, daß ich wertvoll bin.“ Es gibt seinem Leben also eine Art Bedeutung, Wichtigkeit und Sinn, und das ist die treibende Kraft. Wir idealisieren bestimmte Dinge, und dann glauben wir, daß diese Ideale unseren Aktivitäten Sinn und Bedeutung verleihen. Um zu fühlen, daß das, was wir tun, bedeutsam ist, klammern wir uns an ein Ideal, projizieren Vollkommenheit in die Zukunft und arbeiten darauf hin.
Die Suche nach Bedeutung, nach dem Gefühl, das Leben, das wir leben, lohne sich, ist also die wirkliche Basis all unserer Träume. Wenn ihr euch einer Gruppe innerer Arbeit anschließt, dann macht ihr vielleicht die Selbstverwirklichung zu eurem Ideal. Das ist immer noch etwas, auf das ihr hinarbeitet, um euch Sinn zu geben. Eine Karriere kann für einen Menschen diese Funktion haben, oder es kann eine Beziehung oder eine Geliebte sein. Es kann eine kreative oder künstlerische Tätigkeit oder sonst ein Projekt dieser Art sein. Das Ausüben oder Praktizieren einer jeden Fähigkeit - intellektuelle, physische, kreative Fähigkeiten - können unserer Suche nach Sinn dienen.
Das, wovon ich spreche, ist nicht ungewöhnlich oder verborgen. Wenn ihr jemanden fragt: „Was gibt dir deine Karriere?“, dann wird er wahrscheinlich sagen: „Sie gibt mir ein spannendes, aufregendes Leben, ein Gefühl von Sinn in meinem Leben.“ Das ist das, was die Leute glauben. Es ist das, was in unserer Gesellschaft akzeptiert ist.
Natürlich gibt es andere Möglichkeiten, das Gefühl eines Mangels an Sinn zu vermeiden. Viele Menschen sind von einer Form von Stimulation oder von stimulierenden Aktivitäten abhängig, die ihnen intensive Empfindungen verschaffen. Beispiele dafür sind gefährliche Aktivitäten wie bestimmte Sportarten, Verbrechen und Drogen. Man hat da ein Gefühl intensiven Empfindens, starker Stimulierung, das einem das Gefühl vermitteln kann: „Ja, ich existiere, da ist wirklich etwas, mein Leben ist wirklich, es ist nicht nur leer und sinnlos.“ Andere neigen nicht dazu, sich intensive Empfindungen zu verschaffen, sondern versuchen, das ganze Thema zu vermeiden, indem sie sich betäuben, abstumpfen und einschlafen. Manche Menschen verbringen Jahre, sogar ganze Leben damit, auf der Oberfläche ihrer selbst zu leben.
Jene, die um den Trieb nach Sinn zu befriedigen, verschiedene Ziele und Aktivitäten verfolgen, betäuben eigentlich auch diesen Trieb, indem sie nämlich glauben, daß sie ihn erfüllen oder zumindest dabei sind, ihn zu erfüllen.
Die Aktivitäten, in denen wir Sinn suchen, kann man gewöhnlich nur sehr schwer aufgeben, weil unser tiefes Bedürfnis, etwas zu haben, worüber wir nachdenken können, was wir tun können, so intensiv wird wie der Trieb selbst. Manche Menschen grübeln permanent, weil sie das Gefühl nicht ertragen, nicht zu wissen, was sie tun sollen, wenn die Aktivität aufhörte. Solange wir ein Ziel haben, und sei es auch nur so etwas wie einen Schmerz im Körper zu heilen, gibt es einen Sinn in unserem Leben. Der Sinn meines Lebens besteht vielleicht darin, zu versuchen, mein verletztes Knie zu heilen. Manche Menschen suchen in ihren Kindern nach dem Sinn ihres Lebens. Viele Mütter können in ihrem eigenen Leben keinen Sinn finden und deshalb versuchen sie, durch ihre Kinder zu leben.
Ihr seht wie allgegenwärtig dieses Thema ist. Auch wenn wir mit Aktivitäten beschäftigt sind, die uns wirkliche Lust und Freude machen, hoffen wir immer, daß sie außerdem noch unserem Leben Sinn und Bedeutung verleihen. Wenn ihr auf eine bestimmte Weise lebt, so glaubt ihr, wird euer Leben nicht leer sein. Vielleicht habt ihr das Gefühl, sich der Sinnlosigkeit und Leere wirklich auszusetzen könnte mehr sein, als ihr ertragen könnt. Und es ist wahr, daß wir ohne Sinn in unserem Leben, ohne ein Gefühl von Bedeutung, von Wert und Wichtigkeit, nicht leben können. Wir versuchen also, Ersatz dafür zu finden. Die Aktivitäten sind nicht falsch oder schlecht; es ist nur so, daß sie mit unrealistischen Erwartungen befrachtet sind. Für ein Kind ist das Bedürfnis der Mutter, durch ihr Kind zu leben, eine Last. Eine kreative Unternehmung ist nicht mehr dieselbe, wenn sie dazu benutzt wird, das Bedürfnis nach Bedeutung zu erfüllen. Sie wird durch Ablenkung, Vermeiden und Verdrängung belastet.
Letztlich ist das Verlangen nach Sinn und Bedeutung eine Suche nach Identität. Unsere Aktivitäten sollen uns ein Gefühl dafür geben, wer wir sind. „Was gibt mir Bedeutung?“ Wenn wir das erforschen, dann werden wir finden, daß es etwas mit einem Selbstgefühl zu tun hat. „Wer bin ich? Ich bin der Pfarrer dieser Kirche (oder ein Arzt oder die Frau eines Mannes, der das und das ist, und so weiter).“ Obwohl wir diese Rollen als bloße soziale Konvention und letztlich unwichtig abtun können, spielen diese Identitäten in unserem Kopf doch eine große Rolle. Wir klammern uns an diese Dinge, damit sie uns ein Gefühl von Identität und Sicherheit geben. Sogar unsere Beziehungen zu Menschen geben uns ein Gefühl dafür, wer wir sind, als wären sie Spiegel. Vielleicht ist es auch mein Erfolg, der mir scheinbar meinen Wert widerspiegelt. Ich glaube, wenn ich mein Ziel erreiche, dann bin ich etwas geworden. Wir versuchen alle, jemand zu werden, einem bestimmten Bild oder Image ähnlich zu werden. Manche sehen sich als jemanden, der anderen hilft: als Arzt, als Lehrer, als Anwalt, als ein Führer, als Therapeut, als perfekte Mutter oder ein vollkommener Vater und so weiter. Für andere ist es das Image eines großen, starken, erfolgreichen Geschäftsmannes oder einer solchen Geschäftsfrau, oder das Image eines kultivierten oder brillanten Intellekts. Manche sind sogar stolz auf ihr Selbstbild als demütiger, heiligmäßiger Menschen oder Suchender.
Wir sehen also, daß unsere Bedürfnisse nach Sinn und Bedeutung fast alles durchziehen, was wir tun. Ihr habt das Gefühl, daß ihr euer Leben nicht leben könnt, wenn es nicht sinnvoll ist. Wie kann ich mein Leben leben, wenn ich keinen Sinn in ihm finde, nichts finde, was mir ein gutes Selbstgefühl und eine Identität gibt?
Deshalb nehmen sich manche Menschen, die sehr erfolgreich, berühmt oder reich waren, das Leben, wenn ihnen das entgleitet – als wären Geld oder Schönheit oder Berühmtheit das Leben gewesen. Es ist weg; welchen Sinn hat es dann noch zu leben? Manche Menschen bringen sich um oder sterben bald, nachdem ein Ehepartner gestorben ist, als wäre der andere der Träger des ganzen Lebenssinnes gewesen. Wenn das zentrale Ding, das einem den Antrieb zu leben gibt, nicht mehr da ist, ob das eine Beziehung, eine besondere Fertigkeit oder ein Ideal ist, dann bleibt nur eine große Leere. Viele Menschen sind davon überrascht, was für eine große Bedeutung diese Dinge für sie haben, und hätten bis zu diesem Verlust geleugnet, daß dieser Mensch oder diese Leistung es war, was ihrem Leben Sinn gegeben hat. Aber im Moment des Verlustes wird es offenbar. Sogar wenn Menschen einen Beruf aufgeben, von dem sie gesagt hätten, daß er für sie keinen anderen Sinn als das Geldverdienen hatte, fühlen sie sich oft durch den Verlust der Aktivität oder der Rolle wie zerstört. Was eigentlich verlorenging, ist das Identitätsgefühl. Das, was sie ausgefüllt hat, ist weggenommen worden; deshalb haben sie es nun mit dem Bedürfnis zu tun, dem Gefühl von sinnloser Leere zu entkommen.
Die Leere war die ganze Zeit über da, aber es steckte ein Stopfen darin. Dieser Stopfen war die Karriere oder die Beziehung oder ein Ideal oder Philosophie oder Sex, was auch immer dieser Mensch als stimulierendes oder ablenkendes Mittel benutzte. Unsere ganze Gesellschaft billigt nicht nur den Ersatz inneren Sinnes durch äußere Faktoren, sondern idealisiert diesen sogar. Mit wenigen Ausnahmen, versucht die Gesellschaft als ganze, mit der Suche nach Sinn auf diese Weise umzugehen. Sogar unsere Liebe, unsere Intelligenz und unser Körper vermitteln uns ein Gefühl von Identität.
Setzen wir uns mit diesen Annahmen auseinander, dann kann es gut sein, daß wir uns fragen: „Wenn ich nichts von alledem tue, wenn ich nicht will, daß mein Wert auf so etwas beruht – was bleibt dann übrig?“ Wenn ich ein Gefühl von Sinn aus den intensiven Empfindungen und aus den Identitäten in meinem Leben beziehe, dann liegt der Sinn nicht im Leben selbst. Es geht dann immer noch um Ursache und Wirkung. Was, wenn ich sagte: „Moment mal, ich will nicht, daß die Bedeutung meines Lebens davon abhängt, was ich tue, was Leute von mir denken, nicht einmal davon, was ich selbst von mir denke, und auch nicht von einer Fähigkeit, die ich habe.“ Was gibt es sonst? Woher kommt die Bedeutung dann?
Die Selbsttäuschung, zu der wir fähig sind, selbst indem wir diese Frage stellen, ist erstaunlich. Sogar eure Suche nach der Antwort könnt ihr benutzen, um euch ein Gefühl von Sinn zu geben. Ein Mensch kann in seinem Leben damit beschäftigt sein, nach Sinn zu suchen, und dabei kann diese Suche nur die Funktion einer weiteren Identität haben, die nicht realer oder mehr im Inneren fundiert ist als irgendeine andere Rolle. Die Welt ist voller Sucher, deren Identität in die Suche nach Weisheit, Wahrheit oder Erleuchtung eingekleidet ist. Das ist im Grunde dasselbe wie das Streben nach Reichtum, Schönheit, Berühmtheit, Liebe oder Anerkennung. Der Zweck all dieser Identifikationen ist es, Leere zu füllen. Aber wenn ihr die Situation mit vollkommener Aufrichtigkeit betrachten könntet, wenn ihr einfach nur sehen könntet, was wirklich da ist, ohne die Fassaden, dann würdet ihr euch eine kleine Chance geben, wahren inneren Sinn zu finden.
Es ist nicht leicht, sich selbst klar und aufrichtig anzuschauen. Die meisten von uns wissen nicht einmal, was daran schwierig ist. Wir merken nur, daß unser Verstand (mind) in alle Richtungen ausweicht, um das zu vermeiden. Ich mache mit meinem Freund Schluß, und plötzlich esse ich mehr als sonst. Wenn ich nicht esse, fange ich an, an Bildern weiterzumalen, die ich in zehn Jahren nicht angerührt habe. Oder ich bin gerade geschieden oder pensioniert, also gehe ich für ein Jahr auf reisen, um zu schauen, was es in der Welt so gibt. Das ist vielleicht eine tolle Idee, aber was motiviert euch? Unser Geist (mind) ist sehr geschickt im Vermeiden des Gefühls, das am Ende von irgendetwas aufkommt, weil man davor zurückschreckt, keinen unterstützenden Spiegel zu haben, der uns Sinn gibt. Bloß zu existieren, wie wir sind, löst eine große Angst vor der Leere aus. Da kommt meist die Angst auf, wir könnten nicht wirklich eine Essenz, eine Identität haben. Es kann sein, daß wir glauben, die Leere sei alles, was da ist. Das wird vielleicht von frühkindlichen Erfahrungen verstärkt, zum Beispiel der Panik davor, anders als andere, anders als unsere Eltern zu sein, was eine Art Verunsicherung im Selbstgefühl (self-consciousness) erzeugt.
Kleine Kinder sind vollkommen versunken, wenn sie spielen. Sie versuchen nicht, etwas zu sein oder zu leisten. Sie sind vielleicht glücklich und zufrieden mit dem Augenblick oder weinen aus irgendeinem Grund, aber sie sind vollkommen im Hier und Jetzt. Dann beginnt das Kind Schritt für Schritt, Dinge zu tun, um eine Reaktion oder Aufmerksamkeit von jemandem zu bekommen, oder um „gut“ zu sein oder um Bestätigung zu bekommen. Das Kind fängt an, unecht zu werden, und nach einer gewissen Zeit ist seine Unschuld dahin. Das ist leicht zu beobachten, wenn man mit einem Kind zusammen ist und miterlebt, wie es heranwächst. Wir haben vergessen, daß wir auch so sind, unecht, weil wir gelernt haben, raffiniert zu sein und es zu verbergen, auch vor uns selbst. Wenn das Kind in den frühen Jahren etwas zu euch sagte, was eine Manipulation seiner wirklichen Erfahrung oder Absicht war, so war das oft ganz offensichtlich. Kinder sind auf frühen Entwicklungsstufen nicht sehr raffiniert. Doch wenn sie heranwachsen, werden sie raffinierter und sind stärker gegen ihre Impulse und die Gefühle, die sie im Moment haben, abgeschottet. Schließlich siegt die übliche Identifikation mit der Persönlichkeit, und wir glauben, daß alles, was wir tun, echt ist. Wir haben es so weit gebracht, an unsere eigenen Vorspiegelungen zu glauben.
Am Anfang scheint ein Kind ein Gefühl von Bedeutsamkeit zu besitzen. Das ist nicht eine mentale oder abgeleitete Bedeutsamkeit. Die Identität des Kindes ist nicht von etwas Äußerem abhängig. Kinder sind echt, ehrlich mit sich selbst. Sie besitzen eine Verbundenheit, ein Einssein (oneness), und nicht Disharmonie. Das Kind ist ein Wesen (entity) und antwortet, reagiert und verhält sich als ein Ganzes, nicht mal als dieser Teil und dann als jener Teil. Das passiert später. Es gibt nicht einmal eine Unterscheidung zwischen Essenz und Persönlichkeit. Das Kind ist einfach ein einziges Seiendsein (one beingness). Wenn das Kind älter wird, geht diese Einheit der Erfahrung verloren.
Was verursacht den Übergang? Etwas, das da war, ist verlorengegangen, und etwas, das unecht ist, hat seinen Platz eingenommen. Es ist das, was wir „falsche Persönlichkeit“ nennen. Wenn ihr sehr tief in euch hineingeht, werdet ihr sehen, daß das, was ihr für euch selbst haltet, nicht wirklich ist. Eine Weise, das zu erfahren, ist das Gefühl, eine leere Hülse mit nichts von Bedeutung darin zu sein. Man kann die Ego-Identität, den Kern der Persönlichkeit mit seinem Selbstgefühl, unmittelbar als eine trockene, leere Hülle empfinden. Wenn ihr diese Hülse der Persönlichkeit durchschaut und der Leere darin gewahr werdet, dann werdet ihr des Gefühls von Sinnlosigkeit, Wertlosigkeit und Bedeutungslosigkeit gewahr.
Gewöhnlich fühlen wir diese Leere eher vage als direkt. Aber wenn wir uns in der Tiefe mit dieser Situation auseinandersetzen, fühlen wir uns wie eine Art Eierschale mit nichts darin. Wenn Menschen diese leere Schale wahrnehmen, haben sie oft das Gefühl: „Wozu soll ich eigentlich leben?“ Da ist nichts, keine Bedeutung. Alles in der Welt wird sinnlos. Nichts ist von Interesse. Schnee fällt, und da ist niemand, sich daran zu freuen. In so einem Zustand von Sinnlosigkeit weiß ich nicht einmal, wie es ist, etwas wertzuschätzen. Ich bin nicht da. Wie kann eine als Mangel erfahrene Leere sich an der Schönheit von fallendem Schnee freuen?
Wenn wir dagegen ein Kind beobachten, sehen wir, daß die Gefühle von Fülle, von innewohnender Lebendigkeit, von Freude am Sein nicht abgeleitet sind – das heißt, sie sind nicht das Ergebnis von etwas anderem. Man selbst zu sein ist allein schon wertvoll; man ist nicht erst wertvoll, weil man etwas tut oder nicht tut. Es ist am Anfang da, geht aber allmählich verloren, und die Falschheit tritt einfach an seine Stelle.
Man verliert es, aber nicht einfach so, nicht leicht. Das Kind kämpft einen großen Kampf, einen gewaltigen Kampf, aber an einem bestimmten Punkt gibt es auf. An einem gewissen Punkt haben wir das Gefühl, daß der Konflikt zwischen unserem wirklichen Gefühl von uns selbst und unserer Umwelt nicht auszuhalten ist. Das Kind wird nicht gesehen oder fühlt sich abgelehnt, nicht wertgeschätzt oder nicht in eine Beziehung aufgenommen. Es ist ein sehr einsames Gefühl, inmitten all der normalen Falschheit der Persönlichkeit echt zu sein. Schließlich ist es mehr, als man aushalten kann. Wenn wir wir selbst sind, wird das nicht unterstützt; das wahre Selbst wird von unseren Eltern nicht geschätzt. Sie schätzen vielleicht, was wir tun oder wie süß wir aussehen, aber sie sind ja selbst nicht wirklich anwesend. Vielleicht sind sie mit dem Streben nach Erfolg beschäftigt. Als kleines Kind fühlen wir nicht so. „Komisch, ich weiß nicht, was ich von all dem halten soll - da bin nur ich, das ist alles. Ich sitze einfach hier und spiele mit meinem Spielzeug – was gibt es sonst noch? Aber schau dir diese Erwachsenen an – was treiben die nur? Ich fühle mich allein, aber ich kann das niemandem in meiner Nähe sagen. Mama will, daß ich dies und das mache, und ich möchte, daß Mama mich im Arm hält, also mache ich lieber, was sie will.“
Das ist der Augenblick des großen Verrats, wenn wir uns selbst aufgeben. Wie der Mensch in der Geschichte „Der Königssohn“ fangen wir an, wie das einfache Volk zu leben. Wir ziehen die Kleider an, und die Kleider sind aus Falschheit gemacht. Diese Unechtheit ist die Hülse, die wir fühlen. Sie ist das Gewebe, das Material der Hülse. Was wirklich und echt in uns ist, wurde weggedrängt, und unser ganzes Leben lang fühlen wir nun die Hülse. Wenn wir sie durchdringen, fühlen wir die Leere. Diese mißliche Lage ist etwas sehr Trauriges, aber sie ist universell. Jeder gerät da hinein, der sich mit dem Egogefühl des Selbst, mit der gewöhnlichen Persönlichkeit identifiziert. Man ist entweder man selbst, als essentielles Wesen oder Sein, oder man ist ein Ego-Selbst, das sich mit der Zeit entwickelt, und das ist eine leere Hülse. Wenn wir uns mit dieser Hülse konfrontieren, dann sind wir an der tiefsten Stelle berührt. Wir sind in tiefer Not, weil das, was das Leben sinnvoll machen sollte, nicht da ist. Man empfindet dann vielleicht: „Ich möchte total hier sein, nichts anderes ist genug. Nichts hat Bedeutung, auch Lust und essentielle Erfahrung nicht, wenn ich nicht hier bin.“ Aber wir wollen uns nicht damit konfrontieren, weil wir jetzt nicht das Verlorensein und die Entfremdung fühlen wollen, die wir als Kind gefühlt haben.“
Das Versagen eurer Eltern, eure wirkliche Natur zu sehen, bedeutet nicht, daß sie euch nicht lieben. Auch wenn sie euch lieben, nett zu euch sind, für euch sorgen und sogar glauben, daß ihr ganz wunderbar seid, ist das nicht dasselbe, wie wenn sie wirklich sähen, wer ihr seid. Auch Menschen, die gute Eltern haben, werden doch diese Hülse aus Falschheit entwickeln. Das was ihr am ursprünglichsten seid, euer Kern, euer Funke, wurde nicht gesehen; es wurde nicht erkannt, ihm wurde nicht geantwortet und oft wurde es mit Mißbilligung behandelt und abgelehnt. Wenn eure Eltern nicht ihr eigenes Zentrum haben, ihr eigenes tiefes Gefühl ihres Selbst, dann können sie euch nicht sehen. Sie können in euch nur sehen, was sie in sich selbst sehen, gleich wie sehr sie das Beste für euch wollen und euch lieben. Auch wenn sie einen Blick auf euer wirkliches Zentrum erhaschen würden, müßten sie sich dieser Wahrnehmung verschließen, weil sie sie ihren eigenen Mangel spüren lassen würde. Wir könnten dieses Phänomen der Identifikation mit der Hülse also eine soziale Krankheit nennen, die durch die Jahrhunderte weitergegeben wurde.
Wenn ihr euch selbst kennt, wenn ihr eure wahre Identität verwirklicht, dann kommt der Sinn des Lebens nicht in Form einer begrifflichen Antwort auf eine Frage zu euch. Er ist keine Antwort in eurem Verstand. Ihr seid die Antwort. Die Präsenz, Fülle und innerliche Kostbarkeit werden direkt und nicht in Beziehung zu irgendetwas anderem erfahren. Es ist vollkommene Autonomie; nur die Erfahrung selbst kann einen Geschmack dieser Befriedigung vermitteln. Diese Erfahrung der Selbstverwirklichung ist insofern die Antwort, als sie das Getriebensein beendet. Sie ist wahre Abwesenheit von Suchen.
Wenn wir unsere wahre Identität untersuchen wollen, müssen wir uns erlauben, darauf zu verzichten, unsere verschiedenen Rollen, Aktivitäten, Ideale und Bilder zum Ausfüllen unseres Gefühls von Leere zu benutzen. Dann können wir uns ansehen, ob irgendetwas davon wirklich unser tiefes Bedürfnis nach Sinn befriedigt. Wenn ihr euch beobachtet, werdet ihr wahrscheinlich entdecken, daß ihr von einer Sache nach der anderen enttäuscht worden seid. Ihr werdet sehen, daß ihr in eurer Karriere, in eurer Beziehung mit eurem Geliebten oder Ehepartner, von eurem Verstand (mind), von allem enttäuscht seid. Ihr seid enttäuscht, weil sie nicht leisten, was ihr euch von ihnen erhofft habt. Von jedem Bereich eures Lebens, der euch enttäuscht, habt ihr das Falsche erwartet. Es gibt eine Enttäuschung nach der anderen, bis ihr euch erlaubt, in den großen Abgrund, diese große Spalte zu fallen. Ihr müßt euch erlauben, in dieser gewaltigen Leere zu existieren. Wir müssen durch diese Nichtexistenz hindurchgehen. Es gibt keine andere Möglichkeit.
Um vereint (unified) zu werden, müssen wir durch die Spalte in uns hindurchgehen, und die ist dasselbe wie der Abgrund. Wir können nicht über ihn hinweggehen oder ihn vermeiden. Wir müssen die Erfahrung des Abgrunds zulassen. Wir müssen uns erlauben, die Bedeutungslosigkeit ganz und gar zu fühlen, ohne uns dagegen zu wehren.
Wenn ihr das Gefühl, unecht zu sein, erkennt, ohne zu versuchen, es zu ändern, und wenn ihr euch nicht dagegen wehrt, dann werdet ihr vollkommenes Nichtssein (nothingness), vollkommene Wertlosigkeit, vollkommenen Mangel an Unterstützung, vollkommene Hilflosigkeit erfahren. Es ist nicht so, daß unser Prozeß das alles hervorbringt. Nein, wir müssen da durch, weil es da ist. Dieses Loch ist da in unserer Tiefe, und wir weichen ihm ständig aus. Wenn wir uns erlauben, es zu erfahren, könnten wir erkennen, daß Leere gar nicht so schlimm ist, nur friedvolle Ruhe, und daß der Abgrund nichts ist als grenzenloser Frieden. Er ist eine Leere und er hat kein Selbstsein (selfhood), aber er ist nicht so furchterregend, wie wir uns vorstellen. Ein Grund, weshalb wir so voller Angst sind, ist, daß man ihn als eine Art Tod erlebt. Auch wenn ihr schreckliche Angst vor dem Tod habt, bevor er eintritt, werdet ihr dann, wenn ihr den Tod erlebt, sehen, daß er ein Ort der Ruhe, ein Übergang ist.
Aber wir konfrontieren uns nur mit ihm, wenn wir müssen; niemand stellt sich diesem Thema zu seinem Vergnügen. Niemand erforscht den Tod, nur weil er ein bißchen neugierig ist. Nein, wir müssen uns diesem Abgrund aus schmerzlicher Unausweichlichkeit stellen, wenn wir wissen, daß das Leben die ganze Mühe nicht lohnt. Das ist der Moment, wo ihr euch total der Erfahrung überlaßt und um den Sinn des Todes wißt. Und wenn ihr um den Sinn des Todes wißt, dann wißt ihr um den Sinn des Lebens. Dieser Tod ist eigentlich der Tod, das Ende des Stopfens, über den wir gesprochen haben. Er ist die Abwesenheit aller Versuche, das Loch zu füllen, aller Phantasien davon, was es wirklich für euch bringen wird. Wenn ihr dieses Loslassen geschehen laßt, dann kommt es zum Anfang einer Wiedergeburt. Ihr fangt an zu entdecken, wer ihr im Innersten seid – eure Bedeutung und den Sinn eures Lebens. Existenz und Kostbarkeit haben jetzt keinerlei Ursache. Wir sind die ursachelose Wirklichkeit, die wir selbst erfahren müssen. Indem wir nur wir selbst sind, hat das Leben Sinn. Ihr werdet der Sinn sein. Eure wahre Kostbarkeit ist der Sinn.
Wenn ihr durch die Leere geht, dann ist es nicht so, daß ihr fühlt: „Oh, jetzt habe ich ein wahres Selbst.“ Die Auffassung, etwas zu haben, ist die Perspektive des abgetrennten Selbst, der Persönlichkeit. Es ist also nicht so, daß ihr ein kleines brillantes Wesen (entity) seid und Liebe, Mitgefühl, Schönheit habt. Nein, zu dieser ganzen Verschiebung kommt es, weil die wahre Identität die Identität mit der gesamten Essenz ist, mit der gesamten Wirklichkeit. Genau dieser Augenblick, ohne Beziehung zu Vergangenheit oder Zukunft, ist die Mitte, der Kern; und von da aus könnt ihr sehen, daß ihr nichts als Gnade seid. Nicht nur hat das Leben einen Sinn, sondern es ist eine Gnade, als ob der Himmel sich öffnete und Gnade in euch gösse.
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