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Im Licht des Mondes
Skip und Mick
Von A. Cayden
1. Auflage: Februar 2018
Copyright by A. Cayden, Alexandra Kraus
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags, sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung der Autorin A. Cayden
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Die Handlung und die handelnden Personen dieser Geschichte sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit toten oder lebenden Personen oder Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ist nicht beabsichtigt und wäre rein zufällig.
Widmung
Für die Person, von der ich nicht weiß, ob ich sie noch erreichen kann.
Prolog – Die Suche
Ich sitze hier und fühl mich leer,
wenn das so weitergeht, kann ich nicht mehr.
Für jeden soll es jemanden geben,
damit es sich lohnt, frei und fröhlich zu leben.
Allein ist der Mensch nicht vollkommen
Ohne seine zweite Hälfte ist er zerronnen.
Auch die Hartgesottenen auf der Welt
brauchen jemanden, der zu ihnen hält.
Der Regen prasselt auf mich nieder
und die Luft ist voll trauriger Lieder.
Wo ist der Mensch, der zu mir hält?
Wo ist der Mensch, damit mir das Leben gefällt?
Ich bin seit Jahren auf der Suche nach dir
und hoffe, du suchst ebenso nach mir.
Eines Tages werden wir uns hoffentlich begegnen,
denn ohne dich ist das hier kein Leben.
Wo und wer immer du auch bist,
warte auf mich – denn ich brauche, ich liebe dich.
Kapitel 1
Mick:
Geschafft! Erleichtert schließe ich den Werkzeugkasten und wische mir den Schweiß aus der Stirn. Die Reparatur hat länger gedauert als angenommen. Schnell suche ich meine Sachen zusammen und spurte in das kleine WC für Angestellte. Automatisch greife ich nach dem alten Lichtschalter und mit einem zischenden ZAWAFF wird der schmuddelige Toilettenraum von dem matten Licht der losen Glühbirne an der rissigen Decke beleuchtet. Mein Blick fällt zuerst in den mit Fettflecken beschmutzten Spiegel, obwohl ich das hatte vermeiden wollen, denn das, was ich darin sehe, gefällt mir nicht. Das war schon immer so. Ein müdes mit Motoröl verschmiertes Gesicht mit trüben und hellgrünen Augen starrt mir entgegen. Ich gehe etwas näher heran. Nur ein bisschen, mehr brauche ich nicht um zu erkennen, dass in beiden Augen Äderchen geplatzt sind. Kein Weiß ist mehr zu sehen, einfach nur ein milchig und unnatürlich erscheinendes Rot. Leise seufze ich auf und fahre mir durch mein hellbraunes Haar, welches durch die stundenlange Arbeit, dem Öl und der Wärme, völlig strähnig geworden ist. Schnell wende ich mich von dem deprimierenden Bild ab und drehe den Wasserhahn auf. Ich warte ungefähr eine Minute, bis die dickflüssige braune Brühe dem klaren, kalten Wasser weicht und hebe meine dreckigen Hände darunter. Ein schwarzer Strudel bildet sich im Waschbecken, ein dunkler Sog ins Nichts. Gähnend schrubbe ich meine Hände und danach mein ausgezerrtes Gesicht. Wenngleich ich so müde bin, würde ich liebend gern noch zehn weitere Autos reparieren. Mir graut vor dem Nachhauseweg und vor allen Dingen vor meiner leeren Wohnung, die mich erwartet. Schon allein der Gedanke daran lässt meine Glieder schwerer werde. Ich beiße mir intuitiv auf die Unterlippe und schüttle den Kopf, so als könne ich den Gedanken damit vertreiben. Es wird nichts bringen, darüber nachzudenken. Ich muss meinen Blick nach vorne richten. Auch dieser Tag neigt sich dem Ende und er wird bald vorbei sein. Entschlossen knipse ich das Licht aus und verlasse die Toilette. Am besten keine Zeit verlieren, denn nachts sind die Straßen gefährlich und nur Gesindel wagt sich für gewöhnlich nach draußen. Hastig schnappe ich mir meine Jeansjacke und meine klobige Umhängetasche und verlasse die Werkstatt. Ich brauche nicht nachzusehen, ob noch jemand arbeitet, denn ich bin so gut wie immer der Letzte und drinnen brennt keine Lampe mehr. Behände schließe ich die Tür ab und mache mich auf den Weg zur Straßenbahnhaltestelle, die in der Innenstadt auf der Hauptstraße liegt. Die breiten, porösen Straßen werden von dem grellen Licht der halb zerfallenen Laternen beleuchtet und bieten einen trostlosen Anblick. Ich muss ungefähr fünf Minuten zu Fuß zurücklegen, um zu dem belebteren Viertel zu gelangen. Diese wenigen Minuten sind jedes Mal besonders kostbar, denn in dem kurzen Augenblick kann ich meinen Gedanken freien Lauf lassen und entspannen. Auf der Strecke gibt es, außer der brüchigen Straße, alten Laternen und trockener Erde, nichts. Ich atme tief durch und genieße den Moment, in dem mich die kühle Nachtluft nach dem langen Arbeitstag willkommen heißt, wie eine Mutter ihr wiedergefundenes Kind. Die Sterne erleuchten das Himmelszelt und bilden das einzig schöne Bild in der heruntergekommenen Gegend. Ich reibe mir kurz die trockenen Augen und erfreue mich noch einmal an den glänzenden Punkten, dann wende ich meine Aufmerksamkeit meiner Umgebung zu. Ich komme nun in die Innenstadt. Der plattierte, graue Boden geht hier über in grobe Reste von einstmals buntem Kopfsteinpflaster. Wie schön muss die Fußgängerzone in früheren Zeiten erstrahlt haben. Viele Betonbauten mit farbenprächtig geschmückten Schaufenstern, die Straßen voller fröhlicher Leute, die ihren Einkäufen nachgegangen waren und dem Brummen und Klingen fahrender Straßenbahnen in leuchtendem Gelb. Doch ich hatte nie das Glück, die Stadt ihn ihrer damaligen Pracht zu sehen. Ich kenne sie nur als die übergroße, nicht enden wollende Baracke: Die einst hohen Gebäude sind abbruchreif, zum größten Teil eingestürzt mit eingeschlagenen Fensterscheiben und klaffenden Löchern in den verschmutzten Wänden und Mauerwerk. Die Straßen sind überflutet von Müll, haben ihre gesamte Schönheit eingebüßt und können der Nacht danken, dass die Dunkelheit sie versucht zu verschleiern, denn die schwachen Laternen lassen das nicht vollständig zu. Doch selbst wenn die Finsternis Erfolg hätte, die traurige Szenerie zu überschatten, den Gestank von Urin, Verwesung und verbrannten Unrat, der sich jedes Mal penetrant in meine Nase brennt, hätte sie nicht verbergen können. Aufmerksam lasse ich meine Augen die Ecken absuchen und trotz der an mir zerrenden Müdigkeit und der schlechten Lichtverhältnisse kann ich die vereinzelten Gruppen und Gauner sofort ausfindig machen. Heute scheinen es besonders viele zu sein. Dicht gedrängt stehen sie in den Seitengassen und taxieren die Straßen mit ihren gierigen Blicken, auf der Suche nach leichter Beute oder einem guten Kampf. Vorsorglich mache ich einen Bogen um die Meuten, bemüht, meine Schrittgeschwindigkeit nicht zu verändern und selbstbewusst zu wirken. Die Kunst nicht hervorzuragen liegt darin, sich den Menschen und der Umgebung anzupassen und jede noch so kleine Auffälligkeit zu vermeiden. Außerdem kenne ich die Gassen hier fast in- und auswendig, sodass ich genau weiß, wann ich wo hinsehen muss. Der Anfang war schwer gewesen, doch mit der Zeit hatte ich den Dreh rausbekommen. So konnte ich mich halten, obwohl ich nicht gerade der Stärkste oder Schnellste bin. Natürlich gehört die morgendliche Fitness dazu, aber es ist nicht schwer, in Städten wie dieser jemanden zu finden, der stärker und schneller ist als man selbst. Vorsichtig gehe ich den Betrunkenen aus dem Weg, die mir entgegentaumeln wie angeschossene Tiere. Ich möchte jede Konfrontation vermeiden, bloß keinen Anlass für Streit bieten. Auch wenn es sich hierbei um überwiegend alte Männer handelt, sind die meist unberechenbar und ruckzuck hat man ein Messer in den Rippen. Abgesehen davon verstehen meist die harmlos erscheinenden Gauner es, einen im Handumdrehen zu bestehlen. Ich seufze. Die Hoffnung, dass die Stadt jemals wieder so werden könnte wie sie vor den ganzen Kriegen und den darauffolgenden Krankheiten und Hungersnöten war, hat hier schon längst keiner mehr. In den Nachbarorten sieht es nicht anders aus. Viele davon sind ganz zerstört und mittlerweile unbewohnbar. Die verbliebene Menschheit hat sich zwar gut regeneriert, dennoch ist die gekippte Wirtschaft völlig am Ende. Eigentlich bin ich froh, dass es mir so gut geht. Denn ich bin gesund, habe eine ehrliche Arbeit, verdiene mein eigenes Geld, mit dem ich mir meine Wohnung und die nötigsten Dinge leisten kann. Doch warum kann ich dann nicht glücklich sein? Wahrscheinlich bin ich einfach nur zu blöd. Ich habe kein Recht dazu, deprimiert rumzulaufen und andere Leute mit meiner drückenden Laune herunterzuziehen. Deswegen bemühe ich mich, mir nichts anmerken zu lassen, und ich kann nicht sagen, wie oft ich vor dem Spiegeln geübt habe zu lächeln. Immerhin kann ich nun wann immer es nötig ist ein Schmunzeln aufsetzen.
„IIIIEEEF!“
Ich zucke zusammen, als das schrille Jaulen die Nacht durchdringt. Reflexartig drehe ich mich zu der nahen Stelle nach rechts um, von dem das markerschütternde Quieken gekommen war, und verharre in meiner Bewegung. Gänsehaut überzieht meinen Körper gepaart mit eisiger Kälte. Ein kahler, knochiger Typ in meinem Alter, der übersät mit Tattoos und umringt von ein paar Halbstarken mit Lederjacken ist, hält den leblosen Körper eines jungen Straßenhundes triumphierend in die Höhe. Sein Fell ist verfilzt und dreckverkrustet, die Farbe allerdings in der Entfernung nicht auszumachen, und an seinem Kopf klafft eine faustgroße, bluttropfende Wunde, die ihm wohl den Rest gegeben hat. Die Meute fängt an laut zu grölen. Jubelnd strecken sich Hände nach oben, während der kahle Typ den toten Körper des Hundes immer wieder ruckartig in die Höhe schwingt wie ein Cowboy sein Lasso. Eine junge Frau hat eine Blechtonne besorgt in den sie den kleinen Leichnam schmeißt. Unter Klatschen und freudigem Brüllen wird schließlich ein Feuer entfacht und der Gestank von verbrennendem Fleisch steigt in die Luft. Endlich schaffe ich es, den Blick von dem abscheulichen Bild abzuwenden und meinen Weg fortzusetzen. Mir ist mit einem Schlag kalt und ich schnalle meine große, ausgebeulte Umhängetasche noch fester an mich. Ich weiß, dass solche Szenen durchaus normal sind, denn die Leute hassen Tiere, nicht nur, weil sie kostbares Essen stehlen. Mit den großen Kriegen kamen Hungersnot und Krankheit über uns und es wird behauptet, dass die Erreger der tödlichen Krankheiten von Tieren übertragen und hauptsächlich ausgelöst wurden, dennoch kann ich solche Anblicke nur schwer ertragen. Ich fühle mich zwischen Mitleid und Angst hin- und hergerissen. Das sind die Momente, die mir immer wieder aufs Neue zeigen, wie schwach und hilflos ich bin. Ein Rattern lässt mich ein weiteres Mal aufhören und ich bin erleichtert, als die vergilbte und mit Graffiti beschmierte Straßenbahn direkt vor mir an der kleinen Haltestelle zum Stehen kommt. Ich bin der Einzige, der hier einsteigt. Fast alle Plätze sind noch unbesetzt. Noch während ich durch den schmalen Gang über leere Dosen und zusammengeknülltem Papier stolpere, fährt die Bahn plötzlich und wackelnd an. So laut knatternd, dass man fast Angst haben muss, dass sie gleich auseinanderbricht. Schnell setze ich mich nach hinten auf einen nicht ganz von Alkohol durchtränkten und von Kaugummi besudelten Sitz aus abgewetzten dunkelbraunen Polstern und schaue aus dem halb zersplitterten Fenster. Meine Augen bleiben ein weiteres Mal an der überschaubaren Gruppe von Leuten hängen, die nun halb tanzend um das Feuer springt, sich gegenseitig anrempelnd, auf der Suche nach dem nächsten Kick. Kühler Nachtwind weht durch die kaputten Scheiben der Bahn und wirbelt ein Potpourri an unangenehmen Gerüchen auf. Erschöpft drücke ich mich gegen die Sitzlehne, verschränke wärmend meine Arme um meinen Körper und schließe endlich meine brennenden Augen. Nichts – ich will einfach an nichts mehr denken.
***
Zwanzig Minuten später steige ich in meinem Wohnort aus. Frische Nachtluft umhüllt mich und lässt meine schlaffen Glieder prickelnd erwachen. Ich strecke mich kurz und gehe dann die mit Schlaglöchern übersäte Betontreppe nach unten. Im Gegensatz zur Stadt ist es in meinem Dorf zu dieser Uhrzeit sehr ruhig, was wahrscheinlich daran liegt, dass hier überwiegend alte Leute und vor allen Dingen deutlich weniger Menschen wohnen. Allerdings gibt es hier auch nichts, was mehr junge Leute anziehen würde. Nur ein einziger Supermarkt ist erhalten geblieben, kein einziges Kleidergeschäft oder gar ein richtiges Café – einfach nichts. Wer Kleider oder besondere Artikel und Medikamente braucht, muss in die nächste Stadt fahren, in der ich arbeite. Aber dafür gibt es hier etwas anderes, was mir hundert Mal mehr wert ist als vielfältige Einkaufsmöglichkeiten. Ich bleibe kurz an einer der wenigen funktionierenden Laternen stehen und blicke an dieser herab. Mickrige Grashalme in strohigen Grün ragen aus der Erde leicht empor als kleine Funken der Hoffnung. Es ist nicht viel, doch gibt es mehrere Stellen, an denen sich die Natur wieder regeneriert, als würde sie beschließen, der Menschheit Stück für Stück mehr Vertrauen zurückzuschenken. Und ich hoffe, dass sie nicht enttäuscht wird. Schlurfend trotte ich weiter, den Blick über die leere Hauptstraße gleitend. Ich passiere die ehemalige Tankstelle, die seit ich geboren bin wohl noch kein einziges Mal in Betrieb war, und sehe in den Himmel. Das Sternenzelt ist überall gleich schön, egal wie kaputt oder verdorben der Untergrund auch sein mag, den es mit seinem Licht beglückt. Ich passiere einige Blechhütten, die notdürftig am Straßenrand errichtet und die Öffnungen mit dreckigen Lacken verdeckt sind, und biege in meine Straße ein. Kahle Mauerwerke einst mehrstöckiger Häuser sehen mir entgegen, eine eigene kleine Geisterstadt. Was für Menschen haben hier früher gelebt? Wenn diese Mauern sprechen könnten, welche Geschichten wüssten sie zu erzählen? Wie gerne würde ich eine Maschine besitzen oder eine magische Kugel, die mir die Vergangenheit zeigen kann.
Abermals biege ich links ab und laufe über den erdigen und staubtrockenen Geröllboden der Seitenstraße, welche in einer Sackgasse endet. Als ich meine Mietwohnung sehe, erfasst mich ein flaues Gefühl in der Magengegend. Soll ich doch lieber noch eine Runde laufen? Auf der anderen Seite ist es schon sehr spät und ich muss morgen wieder früh raus, um zu arbeiten.
„Den Moment hinauszögern bringt doch nichts…“, murmle ich resigniert vor mich hin, bemühe mich zu lächeln, obwohl niemand neben mir steht und öffne die Wohnungstür mit meinem Haustürschlüssel. Um meine Nachbarn nicht zu wecken, lasse ich das Licht ausgeschaltet, da das Flurlicht immer unangenehm laut zischt und durch die Wände rauscht, als müsse es sich aus dem hintersten Winkel durch alle Zimmer kämpfen, um in den Gang zu gelangen. Vorsichtig taste ich im Dunkeln meinen Weg ins erste Obergeschoss zu meiner zerkratzten Haustür. Geduldig suche ich das Schlüsselloch und schließe auf. Ich husche so geräuschlos wie mir möglich durch den Eingang. Hier mache ich mein Flurlicht an. Meine Wohnung ist schön eingeteilt. Mir gefällt besonders, dass man beim Betreten im Flur steht und nicht gleich in einem der Zimmer. Links ist das kleine Bad, während geradeaus mein Schlafzimmer liegt. Die Küche liegt rechts daneben gefolgt vom Wohnzimmer mit dem kleinen Balkon. Etwas achtlos schmeiße ich meine Umhängetasche auf den Boden und tappe ins Badezimmer. Mir fällt auf, dass ich die zum Teil gesprungenen rosa Platten polieren müsste und ich nehme mir vor, dies bei nächster Gelegenheit zu tun. Vorerst möchte ich nur noch unter die Dusche, etwas essen und in mein kuscheliges Bett, das mich aus meinem Zimmer verlockend zu rufen scheint. Bei dem Gedanken huscht ein erschöpftes Lächeln über mein Gesicht.
***
Nachdem ich in meinen etwas zu großen Pyjama geschlüpft bin, rubble ich mir meine Haare auf dem Weg zur Küche trocken. Eigentlich verspüre ich keinen Hunger, doch ich weiß, dass ich etwas zu mir nehmen muss, wenn ich nicht ein paar Stunden später wegen eines knurrenden Magens aufwachen möchte. Also hole ich den Muffin, den ich extra für heute gekauft habe, aus meinem hüfthohen Kühlschrank. Süßspeisen sind recht teuer, doch ich habe beschlossen, mir diesen Tag etwas zu gönnen. Eine Weile lang stehe ich unschlüssig davor, dann krame ich einen Teller, sowie eine Gabel und eine kleine Minikerze aus meinem halb zerfallenen Schrank hervor. Die Kerze stecke ich mittig in den Schokomuffin und trage diesen mit dem Geschirr und einem Glas Wasser ins Wohnzimmer. Das Feuerzeug liegt noch auf meinem Tisch, der eigentlich nur aus einer großen, länglichen Holzkiste besteht. Ich zünde die Kerze an und werfe einen kurzen Blick auf das Bild meiner Eltern, das ich auf eine alte Anbaute gestellt habe. Glücklich lächeln sie mir entgegen und ein schmerzender Stich durchfährt mein Herz. Ob sie wohl stolz auf mich wären? Ich spreche ein kleines Gebet und bitte, dass, wo immer sie auch sein mögen, es ihnen gut geht. Behutsam streiche ich über das alte Foto, dann nehme ich mein Abendessen und setze mich eingemummelt in einer dünnen Wolldecke auf meinen Balkon. Mein Blick streift die verkümmerte, große Fläche, die einstmals ein Spielplatz gewesen sein muss. Die Überreste einer Schaukel sind deutlich zu erkennen, ebenso wie die Abgrenzung zu einem Sandkasten. Gerne hätte ich den Platz vor den vielen Kriegen gesehen. Voller Kinder mit ihren besorgten Eltern in farbenfrohen Kleidern unter strahlend blauem Himmel, die Luft erfüllt mit dem Lachen und Gesang fröhlicher Menschen. Ich drehe meinen Kopf nach links und sehe auf die Dächer und kahlen Wände der vielen Baracken. Hier und da sehe ich kleine Lichter brennen, das gesamte Dorf scheint noch nicht zu schlafen. Ich schließe meine Augen, doch ich traue mich nicht, mir etwas für mich zu wünschen. Das wäre egoistisch. Stattdessen wünsche ich mir, dass es meinen Eltern gut geht und blase die kleine Kerze aus. Die Sterne funkeln hell am Firmament und scheinen ihn zu umgarnen und zu umschmeicheln – den Mond, der thronend am Himmelszelt steht und majestätisch auf die Erde herabblickt. Keiner von ihnen ist allein. In Scharen leuchten sie miteinander um die Wette, doch kein einziger von ihnen, so besonders er auch ist, kann mit dem weiß schimmernden Mond mithalten, der schöner und heller erstrahlt als jeder andere von ihnen. Ich unterdrücke meine aufkeimende Sehnsucht und genieße meinen Geburtstagsmuffin, der vom silbernen Licht des Mondes beschienen wird.
Kapitel 2
Skip:
Auf vier schwarzen Samtpfoten bahne ich mir meinen Weg in das offene Schlafzimmer der muffigen und mit Dreck übersäten Wohnung. Meine gesamte Aufmerksamkeit richte ich auf mein Ziel: die schlafende Person auf dem knarzenden Bett. Ich brauche mich nicht umzusehen, um zu wissen, dass die Wände mit irgendwelchen laienhaften Schmierereien versaut und zudem mit Postern von nackten Frauen behangen sind. Eine typische Singlewohnung eines Mannes im mittleren Alter. Vor dem verdunkelten Schlafzimmer verharre ich einen Moment und lausche, doch der ahnungslose Tölpel schläft tief und fest. Geschwind husche ich in das Zimmer und springe ohne abzuwarten auf das Bett, denn so wie der schnarcht, wecken ihn keine zehn Pferde auf. Vorsicht kann ich mir somit sparen. Auch gut. Jedoch rümpfe ich angewidert meine Nase bei dem Anblick, der sich vor mir erstreckt. Mein Opfer liegt nackt und auf dem Rücken auf einem speckigen Lacken, seine rechte Hand auf seinem Schritt verweilend, während seine linke Hand ein zerfleddertes Pornomagazin umfasst. Würde ich meinen Rekord nicht um jeden Preis halten wollen und wäre ich nicht zu faul, um mir eine andere Beute zu suchen, würde ich auf der Stelle kehrtmachen und von diesem widerwärtigen Wesen ablassen, doch so bleibt mir keine andere Wahl. Abgesehen davon ist sein Lebensatem recht stark, da er weder krank, schwach oder alt zu sein scheint. Dies wird mir weitere Pluspunkte einbringen und ein erbärmlicher Mann weniger auf dieser verrotteten Erde ist auch keine schlechte Aussicht. Dennoch grenzt es an ein Wunder, dass die Menschen bis heute überleben konnten, getrieben von ihrer grenzenlosen Lust, Gier und ihrem selbstgerechten Egoismus. Angeekelt schleiche ich um die bunten, teils frischen und teils alten Flecken herum, so gut es mir nur möglich ist, bis ich auf der Höhe seines Kopfes angelangt bin. Vorsichtig steige ich auf seinen sich immer wieder hebenden und senkenden Oberkörper, der ab und zu, ununterbrochen von dem ratternden Gesang seines Schlafes, ruckelt. Wiederum warte ich einen kurzen Moment, nur um sicher zu gehen, dass er seinen ahnungslosen Schlummer fortsetzt. Mir jagt ein Schauer über den Rücken, doch da muss ich nun durch. Ungeachtet meiner Abneigung senke ich meinen Kopf zu seinem geöffneten Mund und versuche nicht durch die Nase einzuatmen, damit ich seinen Alkohol dunstigen Atem nicht riechen muss. Vorsichtig nähere ich mein Gesicht dem seinen, sodass sich unsere Lippen fast berühren. Jetzt ist es soweit. Nur nicht hetzen. Ich konzentriere mich, schließe die Augen und spüre seinen Herzschlag, sein Blut, das durch seine Adern fließt wie ein rauschender Fluss, und seine Lebensenergie, die ihn als Aura in einem klaren und kräftigen Rot umgibt. Fast wie ich es mir gedacht hatte. Solche Leben haben einen hohen Stellenwert bei meinem Herrn. Mit einem siegessicheren Grinsen beginne ich mein Werk und nehme mir Stück für Stück sein Leben. Sein Schnarchen verstummt mit einem Mal und sein Körper bäumt sich im stummen Protest vergebens auf. Es dauert nur ein paar Atemzüge in denen ich ihm ganz allmählich seine Lebensenergie aussauge. Ich spüre die warme fremde Hitze, die sich in meinem Innern ausbreitet, rasend schnell wie die Pest im Mittelalter. Er japst erfolglos nach Luft, sein Körper erzittert, dann sackt er in sein versifftes Lacken zusammen und liegt still.
***
Die Nachtluft empfängt mich willkommen kühl und legt sich wie ein sanfter Mantel um meinen warmen Körper. Genüsslich strecke ich mich und sehe mich um. Wohin als Nächstes? Ich habe schon zwei frische Leben in dieser Nacht gesammelt und so viel Zeit übrig, denn die Nacht ist noch lange nicht vorüber. Um meine Spuren zu verwischen, sollte ich das Dorf wechseln. Ich bin zwar das erste Mal hier, aber zwei Todesfälle in einer Nacht von jungen Männern weckt nur unnötig Aufsehen und das kann ich so ganz und gar nicht gebrauchen. In den vergangenen Monaten sitzen mir zwei der sogenannten Anwärter des Lichts besonders im Nacken, sodass ich bei jedem Schritt auf der Hut sein muss … lästig. Einfach nur lästig. Gott muss wohl besonders viel Langeweile haben, um seine Möchtegernengel auf die Erde zu schicken, um uns zu jagen und zu beseitigen. Doch wofür? Für das Ungeziefer, was wir Menschen nennen? Was haben die Menschen aus seiner Erde gemacht, die er ihnen geschenkt hat? Mein Blick streift durch die leeren, holprigen Straßen. Was einst mal schön gewesen war, ist durch die vielen Kriege, Rebellionen und Straßenkämpfe völlig zerstört worden. Die Häuser, falls man diese noch so nennen kann, sind nichts weiter als aufgereihte Trümmerhaufen. Blumen, blühende Bäume und Sträucher – ausradiert. Und dann noch überall dieser grenzwertige Gestank nach Ausdünstungen, Schweiß, Moder und Verwesung … Mir fehlt dafür einfach das Verständnis. Wieso kann Gott der Menschheit nicht entsagen? Jedes verfluchte Mal gibt er ihnen eine neue Chance, nur damit sie diese immer wieder in den Sand setzen. Womit hat das Ungeziefer, das sich wie eine Plage über der Erde ausgebreitet hat, diese fortwährende Güte verdient? Oder ist er einfach nur dumm? Denn wer solche Wesen erschafft und diese krampfhaft versucht am Leben zu erhalten und zu beschützen, obwohl die den Glauben an ihn längst verloren haben und mit Füßen treten, muss einfach nur bescheuert sein! So gesehen geschieht es dem alten Tattergreis da oben ganz recht. Für ein paar Sekunden huscht ein gehässiges und selbstgefälliges Grinsen über mein Gesicht. Doch nur kurz, denn mein inneres Alarmsystem wird sofort aktiviert, als ich ein immer lauter werdendes Motorengeräusch vernehme. Bevor ich realisieren kann, von welcher Richtung das unheilverkündende Geräusch kommt, schlittert ein Motorrad samt Anhänger um die Ecke. Der Beifahrer hat einen Baseballschläger in der Hand, mit dem er wahllos nach Briefkästen und Mülleimern ausholt, als gäbe es dafür Punkte. Ohne zu zögern, beginne ich zu rennen, denn ich kann mir denken, was jetzt passiert. Meine Hoffnung, unentdeckt geblieben zu sein, ist nicht groß und ich soll leider recht behalten. Hinter mir ertönt grölendes Gelächter und ich weiß, dass sie ein neues, lebendiges Ziel haben: mich.
So schnell mich meine vier Pfoten über den holprigen Lehmboden tragen, renne ich davon und versuche meine Verfolger abzuwimmeln, während diese sich bei ihrer Jagd köstlich amüsieren. Wenn ich doch nur meine menschliche Gestalt annehmen könnte, dann würde ich es diesem erbärmlichen Gesindel zeigen! Doch es ist mir nicht erlaubt, meine wahre Gestalt vor dem Pöbel anzunehmen und schon gar nicht, während ich den Dienst für meinen Herrn erledige. So bleibt mir nichts anderes übrig, als in meiner jetzigen Form als mickriger Kater das erniedrigende Spiel mitzuspielen und mich jagen zu lassen.
***
Gefrustet und genervt sehe ich mich aus meinem Versteck um. Doch von den beiden Motorradrowdys fehlt jegliche Spur. Es war ein ziemlich langer Spurt gewesen. Ich habe es in das nächste Dorf geschafft und meine Verfolger zum Glück abgehängt. Dennoch kann ich mich darüber nicht freuen. Ich fühle mich gedemütigt, ausgelaugt und meine Kehle brennt von der Hetzjagd wie das Höllenfeuer selbst. Diese niederen und hässlichen Kreaturen!
Müde springe ich zwischen dem Blechhaufen des ehemaligen Spielplatzes für Bälger hervor und bahne mir meinen Weg zu der abbruchreifen Häuserfront. Ein Haus sieht aus wie das andere. Monotone, halb zerfallene Betonklötze in vertrockneter und verdreckter Landschaft. Sorgfältig lasse ich meine Augen suchend die Reihen analysieren. Ich muss nicht lange suchen, bis ich fündig werde. Es ist die erste Wohnung, die mich einlädt durch das sperrangelweit geöffnete Fenster über den kleinen Balkon einzutreten. Es lebe der Sommer, der immer wieder einfältige Menschen dazu verleitet, achtlos die Fenster zur Lüftung offen stehenzulassen. Dies erleichtert mir die Arbeit und meine Suche ungemein. Sofort setze ich mich in Bewegung und unterdrücke den aufkeimenden Hustenreiz. Das kann ich jetzt gar nicht gebrauchen. Wenn nur meine Kehle nicht so trocken und kratzig wäre!
Mein Ziel liegt im ersten Stock und ist nicht leicht zu erreichen. Abwägend sehe ich mich nach Klettermöglichkeiten um. Die Hauswand ist sehr uneben und brüchig, nicht unbedingt dafür geeignet. Doch so leicht gebe ich nicht auf. Mit Bedacht schleiche ich um die Wohnung herum und tatsächlich werde ich am anderen Ende fündig. Das morsche Gemäuer ist zum Teil so beschädigt und eingestürzt, dass ich es als vortrefflichen Zustieg für den hintersten Balkon nutzen kann. Leichtfüßig springe ich meinen Weg nach oben. Ungehindert und ohne Probleme erreiche ich den ersten Balkon. Von hier aus ist es ein leichtes über die Verandareihe zu dem mit dem offenen Fenster zu springen. Es ist einer der wenigen, die eine alte, wenngleich auch halb verrottete Sitzgarnitur beherbergt. Dem äußeren Anschein nach wird diese regelmäßig benutzt. Noch einmal muss ich mich räuspern, denn das Kratzen in meinem Hals lässt mir einfach keine Ruhe, dann nehme ich die Einladung der fremden Wohnung an und springe auf den schmalen Fenstersims. Dort verharre ich einen Moment, um die Lage zu checken. Wie ich es mir schon gedacht habe, ist das Heim recht karg, jedoch nicht schäbig eingerichtet. Rechts vor mir befindet sich eine mit dunkelbraunem Stoff bezogene Couch an deren Ende zwei Wolldecken sorgfältig zusammengelegt sind. Davor steht eine große hölzerne Kiste, die wohl die Funktion eines Tisches haben soll, wenn man sich die fast abgebrannte Kerze, Feuerzeug und einige Unterlagen betrachtet, die darauf ordentlich aufgereiht sind. Auf der linken Seite des Raumes befindet sich eine alte, aber zur Couch passende Schrankgarnitur. Auf den ersten Blick kann ich nicht sagen, ob es sich um die Unterkunft einer Frau oder eines Mannes handelt. Vielleicht wohnt hier aber auch ein Paar, dann hätte ich gleich vier Leben an einem Abend gesammelt. Zielstrebig hüpfe ich auf den etwas verblassten, dennoch gepflegten PVC-Boden und lausche, doch alles ist still. Eilig husche ich an das andere Ende des rechteckigen Wohnzimmers, wo sich der Zugang zum Flur befindet. Zu spät entdecke ich den Besen, der flapsig an der Ecke angelehnt ist, und stolpere unsanft dagegen. Bevor ich agieren kann, fliegt der Besen, als wolle er sich über mich lustig machen, wie in Zeitlupe krachend zu Boden. Noch nie zuvor ist mir so ein gravierender Fehler unterlaufen. Wie konnte das passieren? Das darf doch nicht wahr sein!
Ich bin starr vor Schreck. Obwohl ich rennen müsste, bleibe ich fassungslos stehen und schaue mit verschleierten Augen auf den Feger, auch als ich im hintersten Zimmer jemand aufspringen höre. Erst als der hintere Vorhang schwungvoll auf die Seite gerissen wird und ein Paar nackte Füße mir entgegen hetzt, bin ich wieder Herr meiner Sinne. Sofort setze ich einen Sprung zurück, fahre meine Krallen aus und fauche ihn bedrohlich an. Ich weiß, dass das nicht viel bringen wird, aber sollte er mich angreifen, würde er es nicht ohne tiefe Kratzer überstehen. Ich werde hier heil rauskommen – koste es, was es wolle.
Bei meinem Gegenüber handelt es sich um einen jungen, nicht unbedingt unattraktiven Mann von circa 20 Jahren, dessen zuerst erschrockenes Gesicht nun pure Überraschung und Erleichterung widerspiegelt. So stehen wir uns eine gefühlte Ewigkeit gegenüber, jeder die Reaktion des anderen abwartend. Schließlich löst er sich zuerst aus seiner Starre. Verwundert streicht er sich durch seine leicht strubbligen, hellbraunen Haare und geht dann langsam in die Knie.
„Hey, wie kommst du denn hier rein?“
Freundlich blicken mir seine hellgrünen Augen entgegen und zögernd streckt er mir die Hand entgegen. Misstrauisch beäuge ich ihn. Zugegeben, ich habe mit einer anderen, der üblicheren Reaktion gerechnet. Oder ist seine Freundlichkeit nur gespielt und dient der Täuschung, um mich einzufangen und mir den Garaus zu machen? Unschlüssig verharre ich in meiner Position und warte auf seinen nächsten Zug. Ich fühle mich deutlich unwohl. Was für eine beschissene Nacht. Dabei hatte sie so vielversprechend begonnen.
„Du brauchst keine Angst vor mir zu haben, ich tu dir nichts“, redet er mir geduldig mit sanfter Stimme zu. Mir fällt auf, dass seine Stimme einen ziemlich angenehmen Klang hat, doch das hat nichts zu heißen. Diese wandelnden Sterblichen sind alle gleich und gehören ausnahmslos von der Erde vertilgt. Ich fauche ihn warnend an, doch dies scheint ihm nicht im Geringsten zu beeindrucken.
„Du bist bestimmt hungrig … etwas Milch habe ich bestimmt noch übrig.“
Mit diesen Worten richtet er sich vorsichtig auf, als könne er mich durch eine ruckartige Bewegung erschrecken. Ich lasse ihn nicht aus den Augen, als er sich mir mit gemächlichen Schritten nähert und kurz vor mir in den Raum zu meiner rechten einbiegt, welcher sich als kleine Küche entpuppt. Argwöhnisch setze ich mich zwischen Tür und Angel und sehe ihm zu, wie er ein kleines Schälchen aus dem klobigen, schwarz-weißen Hängeschrank nimmt, vor dem Kühlschrank in die Hocke geht und ein angebrochenes Päckchen Milch entnimmt. Ich gebe es nur ungern zu, doch bei dem Anblick, wie die weiße Flüssigkeit in das Gefäß läuft, wird mir wieder bewusst, wie trocken meine Kehle ist und wie gut es tun würde, jetzt etwas zu trinken. Für dieses Zugeständnis würde ich mir am liebsten selbst wohin beißen, doch es hilft alles nichts, ich kann meinen Blick einfach nicht von der gefüllten Schale lösen und als er es dann endlich vor mir auf den Boden stellt, gebe ich meinem quälenden Drang nach und stürze mich förmlich auf die Milch. Erfrischend kühl rinnt die weiße Substanz meine Kehle hinunter und ich kann einfach nicht aufhören, bis ich alles ausgetrunken habe. Lächelnd sieht er mir dabei zu und wartet geduldig, bis ich fertig bin. Vorsichtig nimmt er das leere Geschirr weg und legt es in die Spüle.
Was nun? In so einer Situation war ich noch nie und irgendwie ist es mir verdammt peinlich. Ich mag dieses Gefühl nicht. Machtlos. Untergeordnet. Ausgeliefert.
Er schaut mich nachdenklich an, allerdings liegt nichts Bedrohliches in seinen Augen. Im Gegenteil: Sie strahlen eine solche Ehrlichkeit und Sanftheit aus, wie ich es noch nie zuvor gesehen habe. Dann dreht er sich um, holt sich eine Flasche Wasser aus dem Schrank und schlendert ins Wohnzimmer, wo er sich auf der Couch niederlässt. Ohne nachzudenken, setzen sich meine Pfoten wie von allein in Bewegung und folgen dem seltsamen jungen Mann mit den faszinierenden Augen bis vor die braune Polstergarnitur. Ein Ausdruck der Freude passiert seine weichen Gesichtszüge, als er bemerkt, dass ich ihm blindlings hinterhergelaufen bin und auffordernd klopft er leicht neben sich auf die flauschige Couch. Sehe ich denn aus wie ein Schoßhündchen?! Dieser Lackaffe! Doch noch während ich ihn gedanklich verfluche, springe ich auf den mir zugewiesenen Platz und setze mich artig nieder wie ein kleines gehorsames Kind. Ich weiß nicht, warum mein Körper so widersprüchlich handelt, doch gebe ich nun völlig auf und wehre mich nicht, als er anfängt, mich zaghaft zu streicheln. Sachte gleitet seine warme Hand über mein schwarzes Fell und ich lasse es müde über mich ergehen, wobei eine Hälfte in mir seine Zuwendung sehr genießt, auch wenn ich mir schwertue, das einzugestehen. Diese Nacht ist irgendwie verflucht.
„Du hast ein schönes Fell, so glänzend und seidig. Was du wohl alles erlebt haben musst … du hast es da draußen bestimmt nicht leicht. Armes Ding …“
Wenn der wüsste, wer ich bin und vor allen Dingen, weshalb ich hier bin! Na ja, nicht mein Problem. Dennoch muss ich zugeben, dass mein Körper, obgleich der Streicheleinheiten oder dem Klang seiner beruhigenden Stimme, mich urplötzlich entspannen lässt. Meine Aufmerksamkeit schwindet dahin wie ein versiegender Fluss. Jedoch kämpfe ich nur kurz dagegen an. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Gefahr besteht. Schläfrig rolle ich mich neben ihm auf der Polstergarnitur ein und schließe meine brennenden Augen, während er mich weiterhin schmust und mit mir spricht. Ich bekomme nicht mehr viel mit, nur dass er Mick heißt und 19 Jahre alt ist, dann schlafe ich ein.
***
Träge öffne ich meine Augen und sehe mich um. Es dauert einen Moment bis ich mich entsinne, wo ich bin und was vorgefallen ist. Ein verächtlicher Ausdruck über mein erbärmliches Verhalten huscht über meine Miene. Wie konnte ich mich nur so gehen und als Schmusetier herabstufen lassen? Am liebsten würde ich mich selbst verprügeln. So leichtsinnig war ich noch nie gewesen … was geht nur in mir vor? Unverzeihlich.
Langsam rapple ich mich auf. Mein Zeitgefühl sagt mir, dass es Zeit für den Aufbruch ist, bevor die Sonne aufgeht und den schützenden Mantel der Nacht brutal verdrängt. Jetzt erst fällt mir auf, dass er sich noch neben mir befindet. Halb sitzend, halb liegend schläft er friedlich auf der Couch. Vorsichtig, um ihn nicht aufzuwecken, schleiche ich mich zu seinem Gesicht vor, welches seicht vom silbernen Licht des Mondes beschienen wird. Das ist meine Chance, die Tat, für die ich seine Wohnung betrat, zu beenden. Drei Leben mit starker Aura in einer Nacht – sehr verlockend. Behutsam trete ich näher auf ihn zu, sodass ich ganz dicht vor ihm stehe. Nochmals betrachte ich ihn, wie er so nichtsahnend seinen Träumen nachgeht. Unwissend, wie nah er dem Tode in diesem Augenblick ist. Armer, dummer Mensch – selbst schuld. Wenn er sein Fenster so einladend offenstehen lässt, fordert er den Tod heraus und hier bin ich. Jedoch … wieso zögere ich dann? Liegt es daran, dass ich eigentlich meine Chance vertan habe, indem ich tollpatschig den Besen umgeschmissen habe und er mich nicht davongejagt hat? Im Gegenteil, er war ungewöhnlich freundlich für einen Menschen und hat mir etwas zu Trinken gegeben. Allerdings hat er mich unwissend erniedrigt. Ach verdammt! Meine Augen blitzen wütend auf, als ich erkenne, dass ich dies hätte verhindern können und müssen. Ihn trifft somit keine Schuld. Ich beiße mir verbittert auf die Unterlippe, dann wende ich mich von ihm ab und verschwinde auf dem gleichen Weg wie ich gekommen bin. Wir sind quitt, Menschlein. Du hast mir geholfen und ich habe dein Leben verschont. Eilig renne ich über die holprigen Wege, um eine Schnittstelle zu meiner Dämonenwelt aufzusuchen. Wieder endet eine lausige Nacht meines Lebens.
Kapitel 3
Drew:
Auf meinem Gesicht breitet sich ein triumphierendes Lächeln aus. Diesmal kriegen wir ihn! Es gibt keinen Ausweg. Wir verfolgen ihn über die holprigen Straßen seit über zehn Minuten.
„Da vorne! Er biegt nach rechts ab!“, höre ich meine Zwillingsschwester dicht hinter mir rufen. Ich nicke. Lange kann er dieses Tempo nicht mehr durchhalten und dann haben wir ihn! Den pechschwarzen Dämon, einer der Topsammler von Menschenleben des Dämonenreichs. Lange haben wir darauf gewartet und nun soll es endlich soweit sein. Wie gemein und doch so typisch für diese Höllenbrut, sich als so sanfte Wesen zu tarnen! Rasant biegen wir nach rechts ab und ganz kurz verdrehe ich meine Augen, als ich den hindernisreichen Weg erblicke. Das hat es sich ja gut ausgesucht, dieses kleine Biest! Zahlreiche umgeworfene Mülltonnen und Müllsäcke säumen den ohnehin schon holprigen Weg der schmalen Seitenstraße. Doch meine Motivation wird wieder schlagartig angeheizt, als ich unser Zielobjekt geschickt über die Hürden sprinten sehe. Sofort verdopple ich meine Geschwindigkeit und spurte hinterher, dicht gefolgt von meiner Schwester. Es ist nicht leicht, sowohl den Kater in den Augen zu behalten, als auch den im Weg liegenden Gegenständen auszuweichen. Doch der Preis bei Gelingen ist hoch und den möchte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen. Meiner Zwillingsschwester geht es genauso, dazu muss ich mich nicht umdrehen und in ihr Gesicht blicken, um dies zu wissen. Es ist nicht so, dass wir völlig gleich sind, doch in dieser Sache sind wir uns mehr als nur einig.
Schwungvoll meistern wir die Hürden, ohne nur ein einziges Mal zu taumeln. Abermals biegt er in eine weitere menschenleere Seitenstraße ein. Strategisch klug von ihm, muss ich zugeben. Denn im Menschengetümmel wäre er leicht auszumachen und er hätte noch mehr Verfolger. Meine Kehle brennt und Schweiß tropft mir aus allen Poren. Doch ich lasse ihn nicht aus den Augen, den kleinen Dämon mit dem glänzenden, schwarzen Fell. Ein schmerzlicher Stich fährt mir durchs Herz. Wie ich diese Kreaturen verabscheue. Nicht genug, dass die Menschen die letzten Jahre von Kriegen, Krankheiten, Hunger und Tod gepeinigt worden sind, jetzt haben sich auch noch die Dämonen auf der Erde breitgemacht. Dies war allerdings nur möglich, weil die Menschheit den Glauben in das Gute verloren hatte und der Nährboden der Städte nur noch aus Hass und Gewalt bestand. Doch die Hoffnung und die Zuversicht werden wiederkehren. Ich glaube fest daran. Und meine Schwester und ich werden ein Teil des Werkzeugkastens sein, um dies herbeizuführen.
Mist! Er ist wirklich verdammt schnell und ausdauernd. Ich muss nicht zum ersten Mal gestehen, dass sich die harten und unerbittlichen Trainingsstunden in unserer Ausbildung mehr als gelohnt haben und auch jetzt noch ihren Dienst nicht versagen.
Wiederrum biegt der wetzende Fellknäul um eine Ecke, doch diesmal hat er sich vertan!
„Joy, jetzt haben wir ihn! Mach dich bereit!“, rufe ich meiner Schwester zu und zeige ohne anzuhalten auf das Straßenschild mit dem Symbol der Sackgasse. Meine andere Hand wandert im selben Moment in meine Jackentasche und umklammert das kleine Kreuz mit dem geweihten Blut. Gleich haben wir dich! Dann hat dein Morden ein Ende!
Viel zu lange erscheint mir der Augenblick bis ich endlich die Straßenecke erreiche, dabei kann es sich nur um ein paar Sekunden handeln. Dann ist es soweit. Gehetzt, jedoch vollen Mutes, rase ich um die Ecke und bleibe abrupt stehen, so jäh, dass meine Schwester hart in meinen Rücken prallt. Doch dies ist Nebensache. Enttäuschung und Wut fluten meinen Körper und lassen mich zittern.
„Scheiße! Das darf doch nicht wahr sein!“
Verzweifelt springe ich nach vorne, weiter in die Sackgasse herein, und sehe mich hektisch um. Hunderte von bernsteinfarbenen Augen blitzen mir entgegen. Ängstlich, wütend und hungrig drängen sie sich dicht aneinander und betrachten uns – die Eindringlinge, die ihr Versteck gefunden haben.
„Verdammt!“
So sehr ich mich auch konzentriere, ich nehme zwar seine dämonische Aura wahr, doch ich kann ihn unter den unzähligen Straßenkatzen nicht orten. So kann das doch nicht enden! Das ist einfach nicht fair! Er ist hier noch irgendwo, das spüre ich. Das Spiel ist nicht vorbei! Zumindest versuche ich mir dies einzureden, als ich wie besessen die Straße abrenne und versuche, ihn unter all den Vierbeinern auszumachen.
Nichts! Wieso bekomme ich das nicht hin? Er sitzt bestimmt unter ihnen und grinst sich einen ab, dieser elende Mistkerl! Er darf nicht davonkommen! Ein zweites Mal laufe ich die Sackgasse ab, meinen Blick durch die bunte Meute der Straßenkatzen schweifend. Woher kennt er sich nur dermaßen gut hier aus? Diese Stadt kann noch nicht lange zu seinen Jagdrevieren gehören und dennoch … Ist das alles ein Wink des Zufalls, der uns damit auslachen möchte und sich über uns lustig macht? Wir sind so nah dran gewesen.
„Drew … es ist vorbei!“, höre ich meine Schwester kleinlaut hinter mir, welche immer noch stark nach Luft schnappt. Im Inneren weiß ich, dass sie recht hat, doch eine große Seite in mir weigert sich, diese Tatsache zu akzeptieren. Abgespannt renne ich von einer Seite zur anderen, schaue hektisch von einer Ecke zur nächsten, doch das Resultat bleibt genauso ernüchternd wie zuvor. Er ist uns ein weiteres Mal entkommen.
Verbittert bleibe ich stehen, beiße mir auf die Zunge und balle meine Hände zu Fäusten. Jetzt kann ich nicht einmal mehr seine Aura wahrnehmen. Ist er etwa durch einen Schlupfwinkel verschwunden? Wieso ist er uns immer einen Schritt voraus?! Fast würde ich denken, er hätte einen Schutzengel, doch der Gedanke ist zu paradox.
Ich zucke kurz zusammen, als mir meine Schwester beruhigend eine Hand auf meinen Rücken legt und erst jetzt bemerke ich, dass ich vor Aufregung und Wut geradezu bebe.
„Drew, bitte beruhige dich. Wir schnappen ihn uns ein andermal! Er kann uns nicht ewig entkommen. Wir brauchen nur etwas mehr Geduld. Bitte.“
„Es ist nicht fair! Wie oft ist er uns nun schon entwischt? Wie lange sind wir jetzt hinter ihm her? Warum … warum können wir ihn nicht endlich stellen! Wieso kann er uns immer entkommen?“
Ich kann nicht verhindern, dass meine Stimme dünn klingt und kurz vor dem Versagen ist. Und mit einem Mal spüre ich, wie der ganze Druck, die gesamte Anspannung, die ich bei unserer Verfolgungsjagd angesammelt hat, von mir abfällt. So sehr ich mich bemühe, nun kann ich es nicht mehr aufhalten. Ungehindert fließen Tränen aus meinen Augen wie Sturzbäche und ich sinke auf die Knie, lasse meinen Gefühlen freien Lauf. Joy geht nun ebenfalls in die Knie und nimmt mich tröstend in ihre Arme. Ich könnte mich in diesem Moment für meinen Gefühlsausbruch selbst ohrfeigen, wollte ich sie doch immer beschützen und keine Schwäche zeigen, damit sie sich keine Sorgen machen muss, jedoch kann ich einfach nicht aufhören zu weinen. Zu groß ist die Enttäuschung über die erneute Niederlage, zu groß der Frust über mein erneutes Versagen.
„Schon gut, Schwesterherz. Unsere Bemühungen und unser Ehrgeiz werden sich am Ende auszahlen. Diesmal hat er wieder gewonnen, aber das nächste Mal sind wir an der Reihe!“
Sie zieht mich fester zu sich und flüstert mir unentwegt besänftigende Worte ins Ohr. Schluchzend klammere ich mich an sie, umringt von unzähligen, gelb funkelnden Katzenaugen in der trostlosen Nacht.
***
Mit einem herzlichen Lächeln im Gesicht tritt meine Schwester mit mir den Rückweg an. Es ist nicht das erste Mal, dass ich mich frage, wie sie das macht. Im Gegensatz zu mir lässt sie sich nicht so schnell durch eine Niederlage entmutigen. Oftmals habe ich schon gedacht, dass sie die Stärkere von uns beiden ist. Nicht ich, wie es die Priester und Ausbilder immer behaupten. Auch sie selbst ist dieser Ansicht. Doch alle irren sich.
Schweigend laufen wir nebeneinander her, zurück durch die schmalen Gassen, durch die wir vor ein paar Minuten noch in wilder Verfolgungsjagd gerannt sind. Ihr hüftlanger Pferdeschwanz wippt emsig im Takt ihrer federnden Schritte hin und her. Fast erscheint es mir, als würde sie schweben. Ein leichtes Schmunzeln huscht über mein Gesicht, als ich sie so beobachte. Sie erinnert mich an ein kleines Kind, dass gerade auf dem Weg zu einem Spielplatz ist. Ausgelassen, fröhlich und sorglos. Was würde ich dafür geben, ihr alle Ängste für immer fernzuhalten. Ich bin froh, dass sie ein leichtes Gemüt hat, trotz der ganzen Umstände und den alltäglichen Situationen, denen wir uns oft stellen müssen. Wieder wundert es mich, dass wir charakterlich so verschieden sind, obwohl wir eineiige Zwillingsschwestern sind. Beide haben wir glatte, hüftlange Haare, die wir Aubergine gefärbt haben, da wir diese Farbe lieben. Hier besteht der Unterschied allerdings darin, dass meine Schwester sich die Zeit nimmt und immer süße Zöpfe und Frisuren kreiert. Ich bin in diesem Gebiet nicht besonders geduldig und nicht wirklich angetan davon. Ihr steht es wirklich super, es passt zu ihr. Ich fühle mich damit nicht wohl, weswegen ich meine Haare meistens offen trage oder einfach zusammenbinde. Wir haben beide die Augenfarbe unserer Mutter in einem dunklen Saphirblau. Ich ertappe mich oft dabei, dass ich Joy mit einer kleinen Elfe vergleiche. Sie ist zierlich, quirlig und quietschvergnügt. Sie passt so gar nicht in diese raue, von Hass zerfressene Welt … Als hätte sich ihre reine Seele hierher verirrt. Ist es denn ein Wunder, dass ich immer das Gefühl habe, sie vor allem Übel beschützen zu müssen? Vielleicht wird sich dies ändern, wenn wir erst einmal unsere Prüfung bestanden haben und nicht mehr nur Anwärterinnen sind, aber bis dahin ist es ein weiter Weg. Und wenn alle unserer Patrouillen so erfolglos wie die heutige verlaufen …
„Was guckst du denn wieder so unglücklich drein? Ist es immer noch wegen ihm?“
Meine Schwester versetzt mir einen lockeren Schubs in die Seite und zieht eine Grimasse, die mich aufmuntern soll. Ich seufze. Egal wie sehr ich mich auch versuche zu verstellen, sie liest aus mir wie aus einem offenen Buch. Ich kann ihr einfach nichts vormachen. Alle Versuche sind zwecklos.
„Ja, es wurmt mich eben. Wir waren so knapp davor und ich war mir sicher, dass wir ihn diesmal schnappen würden. Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall, na ja … Ich bin enttäuscht, aber du hast recht. Das nächste Mal kommt bestimmt.“
Ihre Grimasse verwandelt sich in ein breites Grinsen und ihre blauen Augen, die gleichen wie meine, funkeln mir frech entgegen.
„Natürlich habe ich recht, ist ja schließlich immer so! Oder hast du etwas anderes erwartet?“
Scherzhaft verziehe ich das Gesicht und schmolle gespielt bis wir beide anfangen müssen zu lachen. Was würde ich nur ohne sie tun? Sie ist mein Sonnenschein, die Rose auf dem kalten Asphalt, der Grund, warum ich es immer wieder schaffe, aufzustehen und nicht aufzugeben.
„Die arme Frau! Drew warte mal, ich …“, setzt Joy plötzlich mitleidig an und läuft mit schnellen Schritten zur gegenüberliegenden Straßenecke, wo eine alte Frau, eingemummelt in fleckigen Stofffetzen, gegen die grauen Hausmauern lehnend sitzt und apathisch vor sich hinstarrt. Ihre Haut ist unnatürlich blass und faltig wie ein zu oft gefaltetes Blatt Papier. Vorsichtig kniet sich meine Zwillingsschwester der gekrümmten Fremden gegenüber und spricht sie besorgt an. Ich bleibe stehen und beobachte gedankenverloren die Szene. Wie aufmerksam doch Joy ist. Ich selbst habe die Frau nicht wahrgenommen und wäre an ihr vorbeigegangen. Doch selbst wenn ich sie gesehen hätte, muss ich gestehen, dass ich, ohne ein Wort an sie zu verlieren, meinen Weg fortgesetzt hätte. Zwar tun mir die Leute leid, die vom Schicksal derart hart bestraft werden, allerdings kann man nichts groß für sie tun. Ich selbst bin nicht besonders gut in Reden und Trost spenden, das liegt mir einfach nicht. Stattdessen versuche ich, der Menschheit zu helfen, indem ich die Erde von den Dämonen säubere, die sich hier wie Parasiten ausgebreitet haben. Mehr kann ich nicht tun, so gern ich es auch möchte.
Tatsächlich schafft es meine Schwester zu der alten Frau durchzudringen. Ich sehe, wie sich die beiden unterhalten und Joy ihr teilnehmend über den Oberarm streicht. Die Unterlippe der fremden Frau fängt an zu zittern und Tränen laufen über ihr faltiges Gesicht. Ich fokussiere meine Schwester, ihr einfühlsamer und barmherziger Blick, ihre feinen und jetzt angespannten Gesichtszüge, welche vom grauen Schleier der Besorgnis getrübt werden. Dies sind die Situationen, die an ihr nagen und sie mitnehmen. Sie hat es mir nie gesagt, doch ich weiß es. Es ist nicht zu übersehen. Schon immer. Ein schmerzhafter Stich durchfährt ein zweites Mal in dieser Nacht meinen Körper und langsam schlendere ich auf die beiden zu.
„Joy, was hat sie?“, flüstere ich fragend meiner Schwester mit belegter Stimme zu.
„Ich glaube, sie ist krank und braucht Hilfe“, antwortet meine Schwester und streicht der Frau über die weiße Wange. Ich betrachte mir die Fremde noch einen Moment, über deren schwarzen Augen sich ein leichtes Tuch des nahenden Todes gelegt zu haben scheint und nicke dann zustimmend.
„Lass sie uns ins Krankenhaus bringen. Sie sollte nicht hier draußen sein.“
„Was ist mit den anfallenden Kosten für die Aufnahme?“, hakt Joy zaghaft nach, doch ich kann ihr ansehen, dass sie meine Antwort bereits kennt. Dennoch bleibe ich ihr diese nicht schuldig.
„Die Gebühren übernehmen wir.“
„Wenn die Priester uns nach dem Grund der Ausgaben fragen?“
Meine Schwester blickt zögernd zu mir auf, doch ich winke flüchtig ab.
„Mir wird schon eine passende Ausrede oder Erklärung einfallen.“
Joy nickt und ich sehe die Erleichterung, die meine Worte ihr geschenkt haben, in ihren glänzenden Augen aufblitzen wie kleine, wertvolle Diamanten. Gemeinsam helfen wir der zerbrechlichen Frau auf und machen uns auf den Weg in das nächstgelegene Krankenhaus. Es wird nicht gern gesehen, wenn wir Anwärter das Geld rausschmeißen. Es ist auch nicht das erste Mal, dass meine Schwester und ich mit einem Verstoß dieser Art auffallen. Höchstwahrscheinlich wird es großen Ärger geben und ich werde versuchen, diesen auf mich zu nehmen. Aber was soll ich anderes tun? Ich kann meine Schwester nun mal nicht so traurig sehen, es zerreißt mir einfach das Herz und außerdem bin ich selbst der Meinung, dass kein Mensch so einsam und verlassen, mit leerem Magen, auf dieser dreckigen Straße, umhüllt vom Gestank des Verfalls, elendig sterben sollte. Das wäre einfach nicht fair.
Kapitel 4
Mick:
Ausgelaugt von der schlaflosen Nacht schließe ich meine Haustür ab. Es dauert eine Weile, bis ich das Türschloss mit meinem Schlüssel treffe und mich danach die Treppen vorsichtig nach unten taste. Die kühle Morgenluft schlägt mir wuchtig entgegen. Benebelt bleibe ich kurz stehen, bis sich meine Gedanken wieder klären und mein Körper das tut, was er tun soll. Es ist noch dämmrig, doch bis ich an meinem Arbeitsplatz ankomme, wird die Sonne schon aufgegangen sein. Ich atme tief durch, während ich die kahlen Straßen zur Haltestelle entlanglaufe und die frische Luft sich auf meiner Haut niederlässt und diese unter regem Prickeln zum Leben erweckt. Langsam beginnt die Müdigkeit aus meinen Körper zu weichen und gibt diesen frei. Meine Gedanken scheinen wirr und unkontrolliert umherzuschwirren, bis einer von ihnen, der mich die ganze Woche heimgesucht hat, es schließlich schafft, sich in den Vordergrund zu stellen und alle anderen beiseitezuschieben.
Wie es dem schwarzen Kater wohl geht? Ob er genug zu fressen hat? Hoffentlich hat er einen Unterschlupf gefunden, in dem er schlafen und sich ausruhen kann …
Ich seufze auf. Die Begegnung mit dem Vierbeiner ist nun schon sieben Tage her und er ist kein einziges Mal erneut vorbeigekommen. Ich weiß, dass es blöd von mir ist, doch ich stelle jeden Abend eine Schale mit frischer Milch hin, nur für den Fall, dass er kurz hereinplatzt und etwas trinken möchte. Die ersten paar Tage nach seinem Besuch war ich sogar extra länger aufgeblieben und habe auf ihn gewartet – vergebens. Ich bin doch einfach nur zu bescheuert. Wenn meine Arbeitskollegen dies wüssten, würden sie aus dem Lachen nicht mehr herauskommen. Ich weiß, wie armselig mein Verhalten ist, doch ich kann und will es nicht leugnen. Zwar habe ich mir in den letzten Jahren immer wieder selbst gesagt, dass es schlimmere Dinge gibt, als allein zu sein, doch es genügt nur ein kleiner Schubs und meine Mauer der Zufriedenheit gerät ins Wanken. Das ist schwach. Geradezu armselig.
Zum Glück habe ich nun die Haltestelle erreicht und muss mich auf die unebenen Stufen konzentrieren, sodass für weitere Haarspalterei keine Zeit bleibt. Aufmerksam steige ich hinauf und genieße gleichzeitig die Stille, denn ich weiß, sobald ich die Straßenbahn betreten werde, wird es damit vorbei sein. Zu dieser Zeit sind die öffentlichen Verkehrsmittel überfüllt mit Halbstarken, die auf ihrem Weg in die Schulen und Ausbildungsstellen sind.
Oben angelangt steht schon eine Gruppe von fünf Schülern am Bahnsteig und starrt mit gelangweilten Blicken durch die Gegend. Ich werde kurz taxiert, da wir uns allerdings jeden Werktag um diese Uhrzeit sehen, verlieren sie ihr Interesse an mir so schnell wie es gekommen war. Keine Konversation findet unter ihnen statt, nur die aggressiven Beats aus ihren kleinen MP3-Playern, welche sie sich lautstark in ihre Ohren zu dröhnen scheinen. Das Bild von langgesichtigen, blassen Aliens schiebt sich in meine Gedanken und ich kann den Vergleich nicht mehr aus meinen Kopf verbannen. Schnell wende ich meinen Blick ab und krame in meiner Umhängetasche selbst nach meinem veralteten MP3-Player, denn den werde ich gleich brauchen, wie mich ein leichtes Dröhnen in meinen Schläfen erahnen lässt. Vorsorglich verstaue ich diesen in meine Jackentasche und befestige die Ohrstöpsel an meinen Ohren. In diesem Moment ertönt das durchdringende Quietschen der bremsenden Straßenbahn. Ich behalte den kleinen Apparat griffbereit, warte kurz, ob jemand aussteigen möchte und betrete die Straßenbahn. Eine gewaltige Flut aus Geräuschen schwappt mir entgegen und reißt mich mit wie eine alles verschlingen wollende Flutwelle. Von allen Seiten prasseln Wortfetzen und Bruchteile von Melodien und Rappgesängen auf mich ein. Aus Gewohnheit halte ich dabei die Luft an, um das Unweigerliche hinauszuzögern und suche mir einen freien Stehplatz, der mehr am Anfang der Bahn liegt, um nicht ganz in dem Lärm unterzugehen. Es fühlt sich jedes Mal an, als würde man vergeblich gegen das Ertrinken ankämpfen. Stoßweise atme ich die angehaltene Luft aus und neue Luft ein, mit ihr den Gestank von verfaulten Eiern, ungewaschenen Körpern und Unmengen von verschiedenen Deos und Parfüms. Ich warte eine Weile, bis meine Nase sich an den penetranten Geruch gewöhnt hat und versuche kurz den Gesprächen der einzelnen Jugendlichen zu lauschen.
„Das nächste Mal, wenn er muckt, Alter, dann hau ich ihm die Fresse ein! Aber so richtig, verstehste? So wie ich den kleenen Pisser aus unsrer Nachbarschaft alle gemacht hab. Ich sag dir, der hat dann nix mehr zu lachen!“
„Männer stehen auf rote Schuhe, ehrlich! Denn rote Schuhe bedeuten, du bist bereit für Abenteuer. Das habe ich erst neulich gelesen und echt, es funktioniert! Jedes Mal wenn ich rote Schuhe anhabe, kann ich mich vor den Typen fast gar nicht mehr retten!“
„Und dann hat die mir ihre Titten gezeigt, voll krass, Dicker! Ich sag dir, dann ging’s richtig ab! Ich hab’s ihr so …“
Hastig drücke ich den Anschaltknopf meines MP3-Players und schalte mit einem Mal alle Geräusche um mich herum aus. Die Welt scheint einen kurzen Moment still zu stehen als die ersten Takte von „Join me in Death“ von „HIM“ erklingen. Ermattet schließe ich meine Augen, tauche in meine eigene Welt ab und vergesse alles um mich herum.
***
„Hey Mick! Wie sieht’s mit ner Pause aus?“
Als ich die vertraute, raue Stimme vernehme drehe ich meinen Kopf nach rechts und sehe direkt auf Jürgens Füße inklusive Waden. Ich überlege kurz, doch wenn ich heute pünktlich gehen möchte, um meine Einkäufe zu erledigen, dann muss ich die Pause durcharbeiten. Deswegen rolle ich mich nicht unter dem zu reparierenden Auto hervor, sondern bleibe, wo ich bin und antworte, ohne von meiner Arbeit abzulassen.
„Danke, doch ich passe heute. Aber morgen wieder.“
„Mmh … alles klar. Doch übernimm dich nicht. Pausen sind dafür da, um eingehalten zu werden, du kleiner Workaholic. Nicht, dass du uns irgendwann aus den Latschen kippst!“
Ich muss kurz über seine Aussage lächeln, auch wenn er das nicht sehen kann, und erwidere knapp: „Keine Sorge, Unkraut vergeht bekanntlich nicht. Aber das müsstest du ja wissen.“
„Hey, hey! Pass auf, dass dir das Auto nicht auf deinen Sturkopf fliegt! Die Jugend von heute, kein Respekt mehr vor dem Alter, tss!“
Er klopft zum Gruß gegen den Wagen und entfernt sich dann mit schlurfenden Schritten in den Hof. Ich atme noch einmal auf, dann konzentriere ich mich wieder ganz auf meine Arbeit. Manchmal fühle ich mich wie ein Arzt in einer Klinik, nur dass ich keine lebendigen Patienten habe, sondern Autos und Motorräder. Sicher, die Werkstatt ist nicht wirklich sehr steril, aber so manch ein Krankenhaus ist das heutzutage auch nicht mehr.
***
Nur noch fünf Minuten, dann habe ich es geschafft. Nicht, dass ich es besonders eilig habe, doch heute ist irgendwie nicht so mein Tag. Die Stunden haben sich wie Kaugummi gezogen und ich bin einfach nur noch müde und möchte meine Einkäufe schnell erledigen, damit ich mich daheim hinlegen kann. Ich stehe auf und beginne erleichtert, das Werkzeug zu säubern und einzuräumen. Aus den Augenwinkeln sehe ich Jürgen und Thomas miteinander tuscheln und ich weiß nicht warum, aber irgendwie macht sich ein ungutes Gefühl in mir breit. Gerade als ich dabei bin, den grauen Werkzeugkasten zuzuklappen, kommt Thomas mit einem fragenden Gesichtsausdruck auf mich zu. Unsicher spielt er an seinem Schlüsselbund und ich warte geduldig, bis er endlich ansetzt zu sprechen.
„Du, hör mal Mick, ich habe da ein kleines Problem. Ich sehe, du möchtest gerade gehen, aber …“
Er stockt nochmals und blickt mich fast bettelnd an. Das ungute Gefühl bestätigt sich sofort.
„Könntest du heute meine Schicht übernehmen? Ich weiß, du hast schon viele Überstunden und ich bin dir auch noch ein oder zwei Schichten schuldig, aber meine Freundin hat gerade angerufen und meinte, dass es unserem Sohn ziemlich schlecht geht. Er muss sich irgendetwas eingefangen haben. Ich würde gerne heim und ihn ins Krankenhaus fahren. Natürlich gibt es auch die Straßenbahn, aber mir wäre nicht wohl dabei, meine Freundin mit dem Kleinen allein rumfahren zu lassen, du verstehst?“
Seine braunen Augen bohren sich in meine und unsicher fährt er sich mit seinen Fingern durch seine blonde Mähne. Thomas soll vor ein paar Jahren ein ziemlicher Schürzenjäger gewesen sein und ich weiß, dass er bei den Frauen immer noch sehr gut ankommt und wohl nicht lange nach einer Bettgefährtin suchen müsste, wenn er wollte. Umso bemerkenswerter finde ich es, dass er zu seiner Freundin steht, die er vor zwei Jahren leichtsinnig geschwängert hat, und, so wie ich bisher mitbekommen habe, sich sehr fürsorglich um seine Familie kümmert. Ich nicke ihm flüchtig zu und lächle beschwichtigend, wenngleich meine Augen vor Müdigkeit brennen und meine schweren Glieder nach meinem Bett geradezu schreien. Doch wenn es um die Gesundheit von Kindern geht, ist nicht zu spaßen, und ich kann seine Beweggründe sehr gut nachvollziehen. Ich an seiner Stelle, hätte meine Freundin und meinen Sohn auch nicht allein durch die Straßen ziehen lassen wollen. Zumal es nicht mehr lange dauern kann, bis es zu dämmern beginnt.
„Hey, ist doch kein Thema. Wenn dein Sohn krank ist, geht das natürlich vor.“
Seine Augen erhellen sich schlagartig und er klopft mir kurz dankend auf die Schulter.
„Klasse, Mick. Danke, echt. Ich bin dir wirklich was schuldig, ehrlich Mann. Die nächsten Schichten übernehme ich bestimmt für dich … du rettest mir damit meinen Arsch!“
„Passt schon. Fahr mit deinem Sohn ins Krankenhaus. Ich drück euch die Daumen, dass es nichts Ernstes ist.“
Thomas nickt mir abermals zu und verschwindet dann mit schnellen Schritten mit Jürgen in der Umkleidekabine. Unmerklich seufze ich auf, nehme meinen Werkzeugkasten und gehe zur anderen Schichtgruppe. Jörn, ein hagerer Mann im mittleren Alter, sieht mich kopfschüttelnd an.
„Übernimmst du schon wieder ne Schicht?“
„Ja … für Thomas. Er muss heute früher raus“, entgegne ich mit einem aufgesetzten Lächeln und stelle meinen Werkzeugkoffer auf den Tisch. Ich merke, wie Jörn mich mit seinem Blick prüfend durchleuchtet, als hätte ich irgendetwas zu verbergen, dann meint er nur: „Du solltest mal auf deine Überstunden achten, Junge, und auch mal zur Abwechslung früher gehen und dich erholen. Siehst heute ziemlich scheiße aus.“
„Wenn sein Sohn krank ist, kann man nun mal nichts machen. Die Familie geht vor“, erwidere ich hoffentlich noch lächelnd und wende mich ihm zu. „Und was hast du denn Schönes für mich?“
Er mustert mich einen Augenblick mit hochgezogenen Augenbrauen, schüttelt nochmals seinen dunkelbraunen Schopf und bezeugt mir mit einer Geste ihm zu folgen.
„Das wird ne lange Schicht heute, Junge. Das kannst du mir glauben. Wir haben noch einige Geräte fertig auszubeulen und zu lackieren.“ Wortlos folge ich ihm zu den zerbeulten Blechen, sammle meine Konzentration und gebe mich erneut der Arbeit hin.
***
Meine Augenlider sind so schwer, sodass ich sie nicht öffnen kann. Erschöpft lasse ich sie geschlossen und lausche in den Raum hinein. In der Ferne höre ich ein leises Klirren, als würde jemand unentwegt Glas zu Boden schmeißen. Erneut versuche ich meine Augen zu öffnen, doch wieder habe ich keinen Erfolg. Vorsichtig taste ich mit der Hand um mich herum. Ich liege auf dem Rücken auf hartem Boden und es scheint, als wäre mein gesamter Körper festgeklebt. Leichte Panik steigt in mir auf und versucht, von mir Besitz zu ergreifen. Mein Herz fängt an, schneller zu schlagen, und ich stoße mich mit aller Gewalt von dem klebrigen Boden ab. Es fühlt sich an, als würde jemand beginnen, mich zu häuten, und leise schreie ich auf, als der Schmerz Überhand nimmt. Ich atme tief durch, japse nach Luft wie ein Ertrinkender, im Hintergrund stets das seichte Klirren von zerbrechendem Glas, eine chaotische Melodie spielend.
Mein Herzschlag beruhigt sich, die Schmerzen glimmen ab. Jetzt versuche ich erneut, meine Augen zu öffnen. Wo bin ich? Was geht hier vor? Ganz langsam, Stück für Stück, schaffe ich es, meine Lider zu heben. Mattes Licht nimmt mich in Empfang, wie ein Vater seinen verloren geglaubten Sohn. Ich muss ein paarmal blinzeln, bis ich mich an die schummrigen Lichtverhältnisse gewöhnt habe. Mein Kopf gleitet langsam von links nach rechts: eine geschlossene braune Holztür, umrandet von blanken Wänden, sonst nichts. Schwerfällig richte ich mich gegen den Willen meines eigenen Körpers auf, der mich mit aller Kraft wieder zu Boden zwingen möchte. Gegen die Wand gelehnt bleibe ich ein paar Minuten lang stehen, riskiere es, die Augen nochmals zu schließen, um den Moment der Erholung auszukosten und neue Kräfte zu sammeln. Die Luft riecht stickig und verbraucht. Intuitiv möchte ich ein Fenster öffnen, doch es ist keins da. Mit wackeligen Beinen taste ich mich an der kalten Mauer vorwärts zur Tür, jeder Schritt ist ein Kampf. Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit, bis ich endlich den kühlen, metallenen Griff in meine Hände nehmen kann. So leise wie möglich mache ich auf und luge in den unbekannten Raum hinein. Ein kleines, gekrümmtes Männchen steht vor einer riesigen Spiegelreihe und klopft mühselig Splitter heraus, die klirrend zu Boden fallen. Unter ihm ein Teppich aus kleinen Glasscherben, die traurig bei jedem seiner Schritte knirschen, als wollten sie schreien. Unsicher betrete ich das langgezogene Zimmer und sehe ihm zu, wie seine kleinen, gebrechlichen Hände angestrengt mit Pflock und Hammer die Spiegel zerstören. Die ganze Zeit über bemerkt er mich nicht. Ich fasse Mut und spreche ihn an.
„Entschuldigen Sie … Was machen Sie da?“
Das Männchen hält in seiner Bewegung inne und dreht sich auf der Stelle zu mir um. Ich erschrecke, als ich sein Totenkopf gleiches Gesicht sehe, welches nur mit einer dünnen Hautschicht überzogen zu sein scheint, um ihn lebendiger wirken zu lassen. Ein belustigendes Grinsen macht sich auf seiner Miene breit, als er mich von oben bis unten mustert.
„Ich zerstöre Spiegel“, antwortet er mir flapsig mit arroganter Stimme und starrt mich unverändert an, als würde er auf etwas warten.
„Warum zerstören Sie die Spiegel?“
„Weil Sie keiner mehr braucht und damit sie keiner vermisst.“
Das kahle Männchen dreht sich um und wendet sich wieder seiner Arbeit zu. Ich überlege kurz und ein mulmiges Gefühl beschleicht mich. Ohne den Blick von ihm abzuwenden, stelle ich die nächste Frage.
„Was sind das für Spiegel?“
Das Männchen entfernt weitere Stücke von den großen Spiegeln und dreht sich dieses Mal nicht zu mir um. Auf seinem schmalen Rücken sehe ich durch die dünne, schwarze Jacke seine Wirbelsäule, die sich hart vom Stoff abdrückt und die sich zu winden scheint wie eine lebendige Schlange.
„Das sind gespeicherte Erinnerungen.“
Ich schlucke. Meine Kehle wird staubtrocken. Aus Angst vor der nächsten Antwort balle ich meine Hände zu Fäusten.
„Sind das … sind das meine Erinnerungen?“
Das Männchen prustet verachtend auf.
„Nein, du Trottel, dies sind die Erinnerungen anderer Leute – Erinnerungen AN DICH!“
Ein polterndes Lachen entrinnt seiner Kehle und hallt im Raum wider. Verzweifelt springe ich vor, will ihm sein Werkzeug aus der Hand schlagen, doch bevor ich ihn erreichen kann, zerplatzen die Spiegel von selbst. Einer nach dem anderen, wie eine sich schnell verbreitende, tödliche Krankheit. Ich stolpere und knalle hart auf den Scherbenteppich auf. Einzelne Splitter bohren sich in mein Fleisch, lähmen meinen Körper vor Schmerz. Als ich aufsehe, steht das Männchen direkt über mir und grinst mir hämisch ins Gesicht.
„Also … und wer bist nun du?“
Ein Schrei entrinnt meiner Kehle und noch ehe ich mich versehe, sitze ich kerzengerade in meinem Bett. Mit weit aufgerissenen Augen blicke ich mich um, bis ich erkenne, dass ich nur schlecht geträumt habe. Mit laut pochendem Herzen wische ich mir den Schweiß aus dem Gesicht.
„Es war nur ein Traum! Beruhige dich, Mick! Nur ein dämlicher, nichtsbedeutender Traum von vielen!“, beteuere ich mir unzählige Male. Doch es nützt nicht. Mein Puls möchte sich nicht so schnell beruhigen. Meine Kehle kratzt unangenehm und zwingt mich aufzustehen. Meine Beine fühlen sich so weich an wie warme Butter, als ich in die Küche wanke, um mir etwas zu trinken zu holen. Als ich die Milch aus dem Kühlschrank nehmen möchte, fällt mir diese aus der Hand und fliegt mit einem lauten Klatschen hinunter. Der weiße Inhalt verteilt sich über den Fußboden und bildet eine Lache. Kraftlos lasse ich mich auf die Knie sinken und kann die Tränen nicht mehr zurückhalten, die sich stürmend ihren Weg aus meinen brennenden Augen bahnen.
Kapitel 5
Skip:
Unzufrieden streife ich durch die eintönigen Straßen. Ein Leben ist zwar nicht gerade viel, dennoch ist es ein gutes Leben mit einer starken Aura, die ich in dieser Nacht für meinen Herrn erbeutet habe. Dennoch, eins sollte ich noch ergattern, wenn ich meinen Rekord halten möchte und das will ich. Nicht, dass ich sonderlich scharf auf das Lob und die Anerkennung bin, nein. So etwas habe ich nicht nötig. Allerdings möchte ich es diesem aufgeblasenen Dummkopf Moritz nicht gönnen, der Favorit meines Herrn zu werden. Ich brauche unbedingt noch ein menschliches Leben.
Ich blicke mich im Schutz des alles umhüllenden Deckmantels der Nacht um. Die sogenannte Oststadt habe ich die Nächte zuvor schon abgegrast. Dort ist nicht mehr viel zu holen. Mein Blick schweift weiter nach Westen. Eigentlich ist dies nicht mein Jagdrevier, doch solange mich keiner der anderen Sammler sieht, wie ich ihre Beute wegnehme, kann es mir egal sein. Wer hält sich schon groß an Regeln? Behände überquere ich die unsichtbare Grenze und erkunde das fremde Gebiet, welches sich nicht wirklich von meinem unterscheidet. Hier sieht ein Weg aus wie der andere. Die ganze Stadt ist eine düstere, unförmige Masse.
Gelangweilt passieren meine Augen die Häuserreihen auf der Suche nach einem offenen Fenster, während ich über die grauen Straßen schlendere. Geschickt weiche ich herumliegenden Dosen, Flaschen und Mülltüten aus, die sich mir immer wieder in den Weg stellen. Menschen sind doch wirklich primitive Wesen, die kein Mitleid verdienen. Lästige Plagegeister, die alles zerstören, was nicht ohnehin durch die Kriege zerstört wurde. Nicht einmal ihresgleichen verschonen sie, auf ihrer egoistischen Suche nach grenzenloser Macht und Befriedigung. Ihnen ist jedes Mittel recht, um ihren Willen durchzusetzen … wie Tiere, gesteuert von ihrem Trieb. Nur dass diese Tierart wohl die nutzloseste von allen ist, die der da oben je erschaffen hat. Eins dieser ekelhaften Exemplare, das überdeutlich meine Meinung der menschlichen Rasse bestätigt, kommt gerade aus einer dunklen Ecke getaumelt. Es handelt sich um einen Mann Ende 40, dessen kantige Wangenknochen stark aus seinem langgezogenen stoppelbärtigen Gesicht hervorlugen. Seine Augen blicken unkonzentriert durch die Gegend und er schwankt gefährlich in meine Richtung, bemüht sein Gleichgewicht zu halten. Ich rümpfe verächtlich meine Nase, als seine Alkoholfahne mir entgegenschlägt. Ein weiteres verkümmertes Geschöpf, das sich lieber gleich zum Sterben in die Büsche fallenlassen sollte, um dort zu verenden.
„Scheieieiß Leben! Diese blö…den Penner! Isch weiß genau, was isch tu! Olles Gesindel, olles!“, lallt er laut vor sich hin und tritt nach Mülltonnen, die allerdings gute zwei Meter weiter weg stehen. Es ist mir ein Rätsel, wie er es schafft, dass Gleichgewicht zu halten und nicht auf den harten Asphalt aufzuschlagen. Genervt tapse ich auf die Seite, um nicht zwischen seinen Füßen zu landen. Da in diesem Zustand absolut keine Gefahr von ihm ausgeht, muss ich mir nicht die Mühe machen, die demütigende Flucht zu ergreifen. Stattdessen widme ich meine Aufmerksamkeit wieder den aneinandergereihten Baracken zu. Irgendwo muss sich doch eine günstige Gelegenheit finden lassen.
„Du besch... Flohsack!“
Ein schmerzerfülltes und überraschtes Maunzen entweicht meiner Kehle, als mich sein dreckiger Schuh hart in die Seite trifft und ich fast einen Meter weit wegfliege. Sofort rapple ich mich auf und fauche ihn an. Was fällt diesem besoffenen, unwürdigen Scheusal ein?!
„Du Unglücksträger, du … verrecke! Verrecken solld ihr allale!“
Gerade noch rechtzeitig springe ich auf die Seite, als der besoffene Idiot eine leere Dose nach mir wirft. Verdammt! Wieso kann der denn noch so gut zielen in seinem Zustand? Er wankt bedrohlich näher und ich kann durch den Schleier der Trunkenheit vor seinen Augen ein mordlustiges Glitzern entdecken. Unsicher mache ich ein paar Schritte zurück. Könnte ich meinen menschlichen Körper benutzen, wäre ich ihm haushoch überlegen, aber so …
Wütend über meinen Leichtsinn, und dass ich meinen Gegenüber falsch eingeschätzt habe, entfährt mir ein weiteres Fauchen. Mir bleibt nichts anderes übrig, als vor diesem trunkenen Versager zu flüchten. Ohne eine weitere Sekunde zu verlieren, drehe ich mich nach rechts und renne zu einer Häuserfront, vor der sich der Müll stapelt und springe dazwischen. Ich suche mir einen Platz mit Guckloch und sehe, wie dieser stinkende Mensch auf die Müllberge zu schwankt. Suchend und verwirrt bleibt er davor stehen, unsicher, was er tun soll.
„Wo bischte? Woho? Kittikatti?“
Als ob ich ihm antworten würde! Wie ist dieser Trottel noch in der Lage, irgendetwas zu treffen? Am liebsten würde ich ihm sein Kittikatti in den Allerwertesten rammen!
„Komm rausch, isch sag’s dir! Jetscht!“
Ja klar, es wird ja immer besser! Wütend fahre ich meine Krallen raus und rein. Ich kann es nicht kontrollieren, mein jämmerlicher Tierkörper scheint von ganz allein zu reagieren. Verbittert beiße ich mir auf die Zunge. Das Ganze ist so demütigend, so erniedrigend! Das ich mich vor einem volltrunkenen Wesen verstecken muss, das locker mein Opfer sein könnte! Wie ein Tier muss ich mich hier verkriechen und hoffen, dass er endlich von dannen zieht. Ein unglaubliches Feuer der Wut beginnt in mir zu lodern. Ich hasse diese unwürdigen Kreaturen, die die Erde bevölkern, und meine Position, die ich habe! Und vor allen Dingen hasse ich es, Situationen nicht im Griff zu haben und das Gefühl der Hilflosigkeit, dem ich momentan ausgesetzt bin. Als ich wieder aufschaue sehe ich, wie er sich hicksend wieder entfernt, empörende Worte vor sich her murmelnd. Hat er also endlich von mir abgelassen, dieser stinkende Versager? Nun gut. Du hast mich herausgefordert und gedemütigt und dafür wirst du bezahlen!
Verstohlen blicke ich mich um, doch außer uns ist niemand mehr auf der Straße zu sehen. Entschlossen springe ich aus meinem Versteck hervor und visiere mein Ziel.
Dein nutzloses Leben gehört mir und du weißt es noch nicht einmal! Genieß es solange du noch kannst, du niederes Wesen! Mich hat niemand zu entwürdigen und schon gar nicht ein versoffenes Menschlein! Das wirst du mir büßen! Dein Lebensatem wird dich noch heute Nacht verlassen und zu meiner Sammlung übergehen!
***
Erleichtert seufze ich, als mein Zielobjekt wieder in eine ruhigere Straße einbiegt. Fast hätte ich ihn verloren, als er durch die vereinzelten Menschengruppen gestolpert ist. Doch ein Blick hat mir genügt, um festzustellen, dass diese mindestens genauso besoffen waren wie er. Ich konnte mich an den Häuserrändern voran schlängeln und gut mit ihm Schritt halten, ohne bemerkt zu werden. Vielleicht war es riskant gewesen und normalerweise hätte ich dies nicht getan, doch ich habe mir geschworen, sein Leben zu holen, und so wird es sein. Ich kann nur noch an meine Rache denken, alles andere ist mir vorerst egal. Ich brauche unbedingt meine Genugtuung. Dies ist auch der Grund, warum ich ihm schon seit über eine Stunde durch die Gassen folge. Wann ist dieser Idiot endlich daheim? Hat der überhaupt ein Zuhause? Hat er womöglich vergessen, wo er wohnt?
Meine Pfoten beginnen langsam zu schmerzen und ich könnte eine kleine Pause gebrauchen. Ich muss ein paarmal blinzeln, da meine Sicht sich leicht zu benebeln scheint. Leise gähne ich auf. In diesem Moment torkelt meine Beute auf eine der vielen Haustüren zu. Ohne zu zögern, springe ich vor, um so nah wie möglich bei den Eingängen zu sein. Jede Sekunde zählt, obwohl … meine Sorge war wohl unbegründet, denn es vergehen gefühlt fünf weitere Minuten, bis er es schließlich schafft, aufzuschließen. Mit wackeligen Beinen taumelt er in das baufällige Gebäude und ich ungesehen hinterher. Das Innere sieht genauso porös aus wie das Häuserwerk von außen. Weiterhin haftet mein Blick fest an seinen zitternden Beinen, wie sie sich schleppend die Treppe hinauf quälen. Lautlos springe ich in sicherem, jedoch nicht allzu großem Abstand hinterher. Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit, bis er es in den zweiten Stock geschafft hat und den Flur betritt. Ich presse mich kurz gegen die Wand, als er anfängt sich summend im Kreis zu drehen. Verdammt! Macht dieser Scheißkerl das etwa mit Absicht? Der da oben hat bestimmt seine wahre Freude an der Vorstellung! Bin ich froh, dass das ganze Tohuwabohu keiner meiner Mitstreiter sieht. Ich kann mir die dämlich und hämisch grinsenden Gesichter der anderen nur allzu gut vorstellen. Wie viel muss ich denn noch auf mich nehmen, um an mein Ziel zu kommen? Wenn er nicht gleich mit dem Unfug aufhört stürze ich mich auf ihn und zerreiße ihm seine hässliche Visage!
Als hätte er meine Gedanken gehört, bleibt er plötzlich benommen stehen und lauscht in den Flur hinein. Ein Gemisch aus wütenden Stimmen, Gesang und Stöhnen durchzieht den Gang des heruntergekommenen Wohnhauses. Suchend blickt sich mein Opfer um. Ich kann es nicht fassen! Jetzt hat doch dieser Versager tatsächlich vergessen, wo genau er wohnt! Zu allem Überfluss fängt jetzt mein Auge an zu zucken. Innerlich schreie ich auf und muss all meine Selbstbeherrschung zusammennehmen, um ihn nicht jede Sekunde anzuspringen und seine gaffenden Augen auszukratzen!
Benommen stolpert er auf die erste Tür zu seiner linken und probiert den Schlüssel aus – nichts. Vor sich hin fluchend dreht er sich um und probiert es bei der gegenüberliegenden Tür. Wieder trifft er das Schlüsselloch nicht sofort und ich kann nur hoffen, dass in der Zwischenzeit nicht Leute den Flur betreten und mich entdecken. Denn dann habe ich ein Riesenproblem. Doch aufgeben kann und möchte ich jetzt nicht. Zu sehr sitzt mir die Demütigung noch in den Knochen. Er gibt ein wütendes Grunzen von sich und wackelt weiter zum nächsten Schlüsselloch. Wieder nichts. Ein amüsiertes Lachen entrinnt seiner Kehle. Na wenigstens einer von uns beiden, der sich über die derzeitige Situation freuen kann!
Ich spüre die Hitze in mir aufsteigen, sowie den betörenden Drang mich endlich auf diesen Wurm zu stürzen und mir das zu nehmen, was mir zusteht. Doch ich tue es nicht. Stattdessen bleibe ich ungerührt an meinem Platz sitzen und sehe der schaurig dramatischen Situation zu, die sich zigmal wiederholt: Er taumelt von einer Tür zur anderen und bemerkt, nach unzähligen Versuchen das Schloss zu treffen, dass sein verfluchter Schlüssel nicht passt! Nun merke ich, dass meine Augenlider schwer werden und ich bin kurz davor, dem Bedürfnis nachzugeben und sie für eine Weile zu schließen. Da sehe ich, wie eine Tür aufgeht, mein Zielobjekt einen glucksenden Laut von sich gibt und in die Wohnung stolpert. Augenblicklich springe ich auf meine vier Pfoten und wetze den Gang entlang. Hoffentlich bin ich nicht zu spät! Er darf jetzt nicht den Zugang vor meiner Nase zuschlagen, sonst wäre alles vergebens gewesen! Nur noch ein Stück und – verdammt! Ich bremse hart ab, als ich die geschlossene, mitgenommene Tür vor mir sehe. Das kann doch jetzt nicht wahr sein! Geht denn heute alles schief? Wieso hat dieser Kerl nur so ein Glück? Diese mickrige, elende …
Wutentbrannt springe ich gegen das Holz und stürze in die kleine, vermüllte Wohnung. Irritiert schaue ich auf und kann mein Glück kaum fassen. Die Tür war nur angelehnt gewesen. Hatte dieser Trunkenbold doch wirklich vergessen, abzuschließen, geschweige denn diese richtig zu schließen. Heute ist wohl doch kein so übler Tag!
Mit einem Schmunzeln im Gesicht stehe ich auf. Das Spiel kann beginnen. Vorsichtig stemme ich mich gegen die Tür, sodass sie wieder angelehnt ist, dann lasse ich meine Blicke durch das unbeleuchtete Heim schweifen. Meine Augen brauchen nicht lange, bis sie sich an das Licht gewöhnen. Ich befinde mich inmitten eines Wohn- und Essbereichs mit einer kleinen Kochnische. Die Möbel sind allesamt beschädigt und fast unbrauchbar. Abgesehen davon scheint er sehr unordentlich zu sein, denn überall liegt schmutzige Wäsche auf dem Boden, sodass ein Teppich völlig unnötig erscheint. Es kostet mich einiges an Mühe, um seinen Dreck herum zu balancieren, um nicht auf seine ungewaschenen Unterhosen zu treten. Angewidert rümpfe ich meine Nase. Ich möchte nicht wissen, wie lange die Kleidung nicht mehr gewaschen wurde, denn der Gestank ist widerlich.
Mein Weg führt mich direkt in sein Schlafzimmer, welches hinten rechts liegt. Ich weiß, dass er darin ist, denn das ohrenbetäubende Schnarchen ist nicht zu überhören. Ohne weitere Vorsicht spaziere ich in den Raum, der sich von der Ordnung nicht von diesem unterscheidet. Es scheint sogar den verehrenden Zustand noch zu toppen. Der Gestank schmuddeliger Wäsche vermischt sich mit abgestandenen Bier- und Kaffeemief. Ein Hauch von Übelkeit überkommt mich und ich halte reflexartig die Luft an. Ich bin mal gespannt, was für eine Aura dieser Schwachkopf hat. Geschickt schlängle ich mich an dem Dreck vorbei und springe auf die verschmierte, durchgelegene und feuchte Matratze. Er liegt bäuchlings darauf und hat es nicht einmal geschafft, sich die Schuhe auszuziehen. Ich schleiche zu seinem Gesicht vor, ohne dabei seinen abgemagerten Körper zu berühren. Dunkle Augenringe sind auf der blassen Haut zu erkennen und ergänzen die scharfen Wangenknochen. Ich beuge mich runter, vor zu seinen geöffneten Lippen und weiche erst einmal zurück. Dieser faulige Mundgeruch, der mir entgegenschlägt, ist einfach scheußlich. Angeekelt drehe ich meinen Kopf von ihm weg und versuche, frische Luft zu schnappen, jedoch ist die Luft in dem Raum so abgestanden, dass mir nur noch übler wird. Genervt verdrehe ich die Augen. Mir bleibt heute aber auch wirklich nichts erspart. Frustriert schnaufe ich aus. Am besten bringe ich es so schnell wie möglich hinter mich, damit ich von hier verschwinden kann. Entschlossen wende ich mich dem weit aufgerissenem Mund meines schlafenden Opfers zu. Es fällt mir schwer und ich brauche ein paar Minuten, bis ich mich konzentrieren kann.
Ein schwaches Blau umhüllt ihn. Seine Aura ist nicht von starker Leuchtkraft, was mich allerdings nicht sonderlich wundert, wenn man seinen Alkoholkonsum und seine Lebensweise betrachtet. Dennoch ist es für heute ausreichend, denn das erste gesammelte Leben dieser Nacht war ein kräftig leuchtendes Violett. Außerdem muss er so oder so daran glauben, denn er hat sein jämmerliches Leben verspielt, seit er mich getreten hat.
Ich beuge mich ganz nah zu ihm, sodass ich seine spröden Lippen fast berühre und beginne mein Werk. Mit jedem Zug, mit dem ich ihm rapide seinen Atem raube spüre ich leichte Hitzewellen in mich einströmen. Sein Körper beginnt im Takt der entweichenden Lebensenergie rhythmisch zu zucken und ohne einen Hauch von Gegenwehr übergibt er mir sein wertloses Sein. Ich stehe noch kurz da und schaue auf den soeben Verschiedenen, bis sich mein eigener Puls wieder beruhigt hat. Ich habe meine Rache bekommen, süß war diese allerdings nicht gerade. Ein bitterer Nachgeschmack des muffelnden Atems hängt hartnäckig in meiner Kehle und löst einen Brechreiz in mir aus. Schnell springe ich aus der versifften Wohnung durch das poröse Treppenhaus hinaus an die frische Luft. Gierig sauge ich die kühle Nachtluft ein, um das unnachgiebige Aroma zu vertreiben. Leider gelingt dies nicht ganz, aber zumindest wird es besser und meine Übelkeit verschwindet. Es ist schon ziemlich spät und ich mache mich auf den Rückweg. Erst jetzt bemerke ich wieder meine brennenden Füße, die bei jedem Schritt schwerer zu werden scheinen, sowie meine vor Müdigkeit juckenden Augen und meine trockene, kratzende Kehle. Ich blinzle kurz in den mit Sternen übersäten Nachthimmel und versuche all meine Gedanken aus meinen Kopf zu vertreiben. Einfach an nichts mehr denken, nur noch zurück und schlafen. Alle vier Glieder von sich strecken und zuvor was trinken. Was würde ich jetzt für eine Schale mit frischer Milch geben. Milch? Was war das denn? Natürlich, das war seine Schuld. Die Erinnerungen an letzte Woche drängen sich schlagartig und ungefragt in mein Gedächtnis. An mein tollpatschiges Verhalten, an die Begegnung mit ihm, wie er abgehetzt und in Alarmbereitschaft in weiter Pyjamahose aus seinem Schlafzimmer gewetzt kam, der überraschte Ausdruck in seinen hellgrünen und ehrlich schimmernden Augen und an seine warmen Hände, die sanft über mein schwarzes Fell gestreichelt haben. Immer wieder – so entspannend – bis ich tatsächlich eingeschlafen war.
Entsetzt bleibe ich stehen. Was ist das auf einmal? Wo kommt diese Gedankenwelle plötzlich her? Das darf nicht wahr sein! Verwirrt schüttle ich meinen Kopf. Solche Gedanken … irgendwas läuft hier schief. Das ist nicht meine Art. Erschöpft seufze ich auf. Natürlich! Es muss an meiner Müdigkeit liegen. Eine andere plausible Erklärung habe ich hierfür nicht. Abgesehen davon habe ich so viel Durst, dass ich jetzt alles trinken würde, nur um diesen zu stillen. Es kann also unmöglich an diesem leichtsinnigen Menschen liegen. Heute ist einfach nicht meine Nacht. Zeit zum Rückzug.
Ich reiße mich wieder zusammen und beeile mich mit schnellen Schritten den nächsten Teleporter zum Dämonenreich aufzusuchen, doch während des ganzen Rückweges kann ich seine hellgrünen und von Sanftmut durchzogenen Augen nicht vergessen und auch seine warmen Hände, die zärtlich über meinen verspannten Rücken streichen, wollen einfach nicht aus dem Kopf weichen …
Kapitel 6
Joy:
Der Duft von frisch angebratenem Gemüse und Kartoffeln hängt verführerisch in der Luft und verheißt ein schmackhaftes Abendessen. Ich atme den verlockenden Dampf tief ein und ein erfreutes Seufzen entweicht meiner Kehle. Herrlich! Es gibt doch fast nichts Besseres als den Geruch frisch zubereiteten Essens. Voller Vorfreude greife ich nach einer Gabel, um unser Nachtessen probieren.
„Mmhh … doch es fehlt etwas – was haben wir denn alles!“, murmele ich nachdenklich vor mich hin und hüpfe schwungvoll vor die Küchenzeile mit meiner geliebten Gewürzsammlung. Suchend lasse ich meine Finger über die unzähligen beschrifteten Gläser streifen. Bei Rosmarin bleibe ich hängen und meine Miene erhellt sich schlagartig.
„Das ist es! Genau das fehlt!“
Summend kehre ich zu der heißen Pfanne zurück und gebe eine Handvoll von dem Gewürz hinzu, ebenso eine Prise Salz und noch etwas von dem schwarzen Pfeffer. Noch einmal atme ich den verführerischen Duft tief ein und schließe die Augen. Oh mein Gott, riecht das gut! Schnell nehme ich die Gabel wieder zur Hand und nehme abermals einen Happen. Das ist es! Einfach köstlich. Ich werfe einen kleinen Blick von der offenen Küche zum Nebenzimmer, wo meine Schwester seit Stunden verbissen über dem Schreibtisch kauert und in ihren Unterlagen vertieft ist. Ich schalte den Herd aus, stelle die Pfanne beiseite und decke eilig den Tisch, wobei ich versuche, den appetitlichen Geruch zu meiner Schwester zu fächern. Erwartungsvoll schiele ich zu ihr rüber, jedoch erfolgt keine Reaktion auf meine Bemühungen. Enttäuscht atme ich aus und schlendere dann zu ihr rüber. Eine große Stadtkarte mit Umgebung ist über den gesamten Schreibtisch ausgelegt. Ich sehe verschiedenfarbige Markierungen an einigen Stellen und kann erahnen, um was es sich dabei handelt. Neugierig stelle ich mich hinter sie und schaue ihr über die Schulter. Sie ist so gedankenversunken, dass sie nicht einmal das bemerkt.
„Suchst du immer noch nach seiner Fährte?“, frage ich leise, um sie nicht zu erschrecken. Dennoch zuckt sie leicht zusammen, wendet ihren grüblerischen Blick allerdings nicht von der Karte ab und umklammert weiterhin ihren am Ende zerkauten Bleistift. Eine Angewohnheit, die sie seit ihrer Kindheit hat und die ich nie so ganz verstehen konnte und kann. Vielleicht liegt es daran, dass ich selbst mich nie in Dinge vollends verbohre, sondern immer eine Pause mache, wenn ich nicht weiterkomme. Meiner Meinung nach lösen sich manche Probleme von selbst. Meistens hatte ich bisher immer recht behalten. Ich denke, hier wird es auch nicht anders sein. Es ist nicht gut, dass meine Schwester sich so in die Arbeit stürzt. Sie braucht eine Pause. Wenn ich ihr doch nur ein bisschen von meiner Einstellung abgeben könnte. Immerhin ist das Leben viel zu kurz, um sich nur eisern in die Arbeit zu stürzen. Wir geben unser Bestes und das muss reichen. Besorgt streiche ich ihr über den gebeugten Rücken. Ich möchte nicht, dass sie an unserer Aufgabe zugrunde geht. Sie ist die Einzige, die ich noch habe.
„Ja … es muss einfach ein Muster geben, wie er seine Jagdreviere festlegt. Wenn wir dahinterkommen, dann können wir ihn abfangen und ihm zuvorkommen! Dann haben wir ihn endlich! Doch ich komme einfach nicht drauf! Seine Opfer, seine ehemaligen Jagdgebiete sind so ziellos verstreut.“
Drew fährt sich mit der freien Hand, die sie zur Stütze genommen hatte, durch die langen Haare, die sie zu einem Zopf zusammengebunden hat. Wie gerne würde ich ihr eine schöne Hochsteckfrisur zaubern. Sie hat so tolle lange Haare, nur leider ist sie der Meinung, dass Hochsteckfrisuren nicht zu ihr passen.
„Manche Gebiete sind unsinnig weit weg, andere plötzlich ganz dicht beieinander und er wechselt anscheinend wahllos die Richtungen. Er muss doch … da muss doch ein System dahinterstecken. Was spielt er nur für ein Spiel? Wo ist nur …“
Gedankenverloren verbindet sie mit dem angeknabberten Stift die roten Punkte auf der Karte, genau in der Reihenfolge, in der der zähe Dämon die Umgebung durchstreift hat. Dann knallt sie frustriert den Buntstift auf den Tisch und fährt sich über die Denkerfalten auf ihrer erhitzten Stirn.
„Nichts! Ich kann einfach kein Schema erkennen! Es ist doch echt zum Verzweifeln!“
„Hey, nicht aufregen! Wir machen das schon. Die Zeit wird kommen, wo er uns nicht mehr entkommen kann. Wir brauchen nur etwas Geduld! Und abgesehen davon stellen wir zwischendurch immer wieder andere Lebenssammler. Das ist auch was! So erfüllen wir unsere Arbeit. Immerhin sollen wir nicht zwangsläufig nur einen bestimmten Dämon jagen. Du brauchst eine Pause, ehrlich. Du arbeitest zu viel, ich mache mir Sorgen um dich, Schwesterherz“, gebe ich offen zu und zwirble ihr dabei durch die in Aubergine getönten Haare. Sie schaut mich kurz an und ich entdecke einen Funken Schuldgefühl in ihr aufflammen. Das wollte ich nicht. Ich möchte nicht, dass sie sich wegen mir ständig Sorgen macht und es ihr dabei selber schlecht geht. Gefühle sind echt kompliziert.
„Ich … ja, schon. Doch dieser Kerl – wir jagen ihn nun schon seit Jahren und immer wieder entkommt er uns. Dieser arrogante Handlangerdämon regt mich dermaßen auf und“, sie druckst kurz und sieht zu mir auf, „und er ist zu gut in dem, was er tut. Wir müssen ihn unbedingt aufhalten. Deswegen ist es mir egal, wie lange ich arbeiten muss oder ob ich weniger schlafe, wenn es nur dazu dient, ihn festzunageln und Menschen das Leben zu retten.“
Gedankenversunken wandern ihre Blicke wieder auf die Karte zurück und sie streicht grübelnd mit den Fingerspitzen darüber. In diesem Moment glaube ich doch, ein Muster zu erkennen. Ich blinzle ein paarmal schnell hintereinander, aber auch als ich die Augen wieder öffne, sehe ich das Bild durch die verbundenen Linien vor mir. Und noch bevor ich es verhindern kann, rutscht es mir heraus.
„Ich glaube, ich erkenne ein Muster! Wenn du die Karte linksherum drehst – ist das nicht ein Stinkefinger?!“
Automatisch muss ich grinsen, denn als ich die Stadtkarte drehe ist es unübersehbar, dass ich recht habe. Vorsichtig luge ich zu meiner Schwester, die erst aschfahl und dann rot wird vor Wut. Ihre Lippen beginnen zu zittern und sie ballt ihre Hände zu Fäusten.
„Dieser verdammte Mistkerl! Will der mich verarschen?!“
Ich kann es nun nicht länger zurückhalten. Belustigt fange ich an zu glucksen und streiche meiner Schwester beruhigend über den Oberarm.
„Komm schon, Drew. Du musst zugeben, dass er einen Sinn für Humor hat!“
Die Gesichtszüge meiner Schwester entgleisen nun vollends, was mich noch mehr zum Lachen bringt. Ich kann einfach nicht mehr aufhören.
„Das Essen ist übrigens fertig“, bringe ich unter lautem Prusten hervor. „Bevor es also ganz kalt wird, sollten wir zu Abend essen, ja?“ Ich sehe, wie sich die Glieder meiner Schwester entspannen. Sie schüttelt leicht den Kopf und schiebt mich in Richtung des gedeckten Tisches.
„Ich finde das nicht mal halb so witzig“, gibt sie trotzig zurück, trotzdem kann ich das schiefe Grinsen sehen, das sich um ihre Mundwinkel zieht.
„Klar, weiß ich doch“, erwidere ich und setze mich lachend für das ersehnte Abendessen an den Tisch.
***
Ich sehe nach rechts zu meiner Schwester, erkenne ihren abwechselnd schwankenden Ausdruck zwischen Konzentration und Enttäuschung und ich kann ihre Gefühle durchaus verstehen. Unsere Patrouille ist fast um und wir haben keinen einzigen Dämon aufspüren können. Die gesamte vergangene Woche tappen wir schon ohne jegliche Spur durch die Straßen und ich weiß, wie sehr solche Misserfolge an Drew nagen.
Ihr verbissener Blick durchsucht taktisch die Gegend und ich kann die Anspannung deutlich in ihrem Gesicht ablesen. Ich selbst wende mich nun auch unserer Umgebung zu, jedoch kann ich mich die letzten Minuten einfach nicht mehr konzentrieren. Nächte ohne dämonische Spuren zu entdecken, sind nicht selten, so wurde es uns zumindest in der Ausbildung gelehrt. Eigentlich auch recht logisch und gut, denn wenn wir jede Nacht dämonische Präsenzen wahrnehmen würden, dann wäre die Erde überwuchert mit Bösem. Ehrlich gesagt ist es mir so viel lieber. Meiner Schwester allerdings nicht. Nicht, dass sie sich mehr Dämonen wünscht, aber ich weiß, dass sie am liebsten alle gleich und auf einmal zur Strecke bringen würde. Daher auch ihr grenzenloser Ehrgeiz. Ich bewundere sie dafür, bin jedoch auch der Meinung, dass gerade dieser Ansporn ihr oft seelische Schmerzen bereitet. Das war schon in unserer Kindheit so. Ob nun in der Schule, bei Hausaufgaben und Test, oder im Sport-und Kampfunterricht, sie hat stets wie eine Wilde gearbeitet. Ich dagegen … Na ja. Ich will nicht behaupten, dass ich faul bin, dennoch muss ich auch immer etwas Spaß bei der Sache verspüren. Dann gehen einem die Dinge viel leichter von der Hand, oder etwa nicht? Deswegen ist wohl meine Schwester in Sachen Leistung um etliches, wenn nicht gar Welten, besser als ich, was mich allerdings nicht stört. Im Gegenteil: Ich bin richtig stolz auf sie. Das war ich immer. Wenn sie in der Schule Auszeichnungen bekommen hat, habe ich meist gestrahlt wie die aufgehende Sonne am Firmament, war aufgeregter als eine Horde Wikinger gewesen, und sie war völlig ruhig und gelassen geblieben, wirkte dadurch meist recht unbeteiligt. Selbst als sie die Ausbildung für die Anwärter als Jahrgangsbeste gemeistert hatte, hatte sie sich keine Gefühlsregung anmerken lassen. Zumindest fast. Denn ich konnte den kleinen Funken in ihren Augen sehen, der Erleichterung und Zufriedenheit ausgestrahlt hatte. Unsere Eltern sind bestimmt auch stolz auf sie. Da bin ich mir ganz sicher. Sie müssen es einfach sein.
„Hey, Joy, pass auf. Ich glaub, wir bekommen gleich Gesellschaft und zwar unangenehme!“
Die Stimme meiner Schwester reißt mich aus meinen Gedanken und ich blicke mich vorsichtig um. Tatsächlich werden wir aus verschiedenen dunklen Ecken beobachtet und ich habe das ungute Gefühl, dass Drew Recht behalten wird. Selbstsicher laufen wir weiter und geben uns unachtsam, als hätten wir sie nicht bemerkt. Doch die Meute lässt nicht lange auf sich warten.
„Wohin des Weges, Sisters?!“, ertönt eine höhnende Stimme mit gefährlichem Unterton und eine Frau Ende 30 tritt vor uns und versperrt uns mit verschränkten Armen den Weg. Von ihren schwarzen, schulterlangen Haaren fallen ein paar Strähnen wirr in ihr ovales Gesicht, das durch eine Narbe auf der rechten Wange entstellt zu sein scheint. Die zackige Form erinnert an eine fallende Sternschnuppe, die alle Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich zieht. Im gleichen Moment höre ich hinter uns Schritte. Langsam drehe ich mich etwas zur Seite und erkenne drei weitere Frauen im gleichen Alter und von gleicher, dünner Statur. Jede von ihnen hat einen Schlagstock in der Hand, den sie spielerisch und voller Vorfreude über ihre Hände gleiten lassen.
„Ich glaube kaum, dass euch unser Ziel ernsthaft interessiert“, entgegnet meine Schwester gelassen und lässt die Wortführerin der Gruppe nicht aus den Augen. „Warum kommen wir also nicht gleich zur Sache und ihr sagt uns, was ihr möchtet?“
Die Sternschnuppennarbe lacht amüsiert auf, funkelt meine Schwester aus zusammengekniffenen Augen an und stemmt ihre Hände in die dürren Hüften. Erst jetzt fällt mir auf, dass sie ziemlich durchtrainierte Arme hat, als ihre Muskeln sich provozierend durch die neue Pose hervordrücken. Kleine blaue Äderchen schlängeln sich auf der weißen Haut hervor wie kleine verstreute Flüsse.
„Soso, eine von der schnellen Sorte. Soll uns recht sein. Dann mal her mit eurer Kohle und eurem Schmuck!“
Mit einem breiten Grinsen mustert sie uns beide auffordernd. Ich tausche mit Drew flüchtige Blicke aus. Es bedarf keiner Worte, denn seit unserer Kindheit sind wir ein eingespieltes Team. Ich spanne meinen Körper an und mache mich bereit, da sich die Situation gleich zuspitzen wird. Meine Schwester bewegt sich langsam näher auf mich zu.
„Sehen wir aus, als würden wir groß Schmuck und Geld mit uns herumtragen? Da müssen wir euch schwer enttäuschen.“
Um uns herum ertönt ein grelles, bedrohliches Lachen und hüllt uns beunruhigend schnell ein wie eine gewichtige Wolldecke.
„Hey Mädels, wie’s aussieht sind uns ein paar ganz vorlaute Puten ins Netz gegangen. Wird Zeit, dass wir denen mal die arrogante Visage polieren! Auf geht’s!“, ruft die Anführerin der Frauengang ihren Mitgliederinnen zu und schwingt ihre Hand zum Zeichen des Starts. Sofort stürmen die drei anderen schreiend mit ihren Schlagstöcken uns entgegen. Dem ersten Schlag weiche ich aus und leite mit meinen Armen den wuchtigen Hieb auf die Seite ab. Bevor meine Angreiferin reagieren kann, versenke ich mein Knie mit voller Kraft in ihren Magen und meinen Ellenbogen unterhalb ihres Genicks. Die in Jeans gekleidete Frau gibt ein schmerzerfülltes Seufzen von sich, dann bricht sie ohnmächtig zusammen. Das Training hat sich wirklich gelohnt. Ich sehe hastig zu meiner Schwester, welche gerade ihre beiden bewusstlosen Angreiferinnen hart auf den Boden aufprallen lässt. Fast gleichzeitig drehen wir uns zu der Verbliebenen um, die plötzlich kreidebleich zu sein scheint. Mit zittrigen Schritten bewegt sie sich einen Meter zurück, den Blick nicht von uns abwendend, als wären wir wilde, unkontrollierbare und hungrige Bestien. In dem Augenblick sieht sie gar nicht mehr so stark und selbstsicher aus. Fast schon tut sie mir leid.
„Was ist? Entweder nimmst du die Beine in die Hand und zwar zackig oder du legst dich zu deinen Kameradinnen dazu!“, wendet Drew sich mit gereiztem Ton an die Anführerin des niedergestreckten Haufens. Die braucht keine zweite Aufforderung. Als hätte meine Schwester bei ihr einen Schalter umgelegt, dreht sie sich um und rennt, schneller als ich es ihr zugetraut habe, von uns davon, ohne sich noch ein einziges Mal umzudrehen. Lange blicken wir ihr hinterher, bis sie schließlich um die nächste Straßenecke verschwunden ist.
„Ist doch echt nicht zu fassen, wie viel Gesindel sich hier herumtreibt! Warum können die Menschen nicht einfach aus ihren Fehlern lernen! Wir sind doch keine Tiere, die nur von ihren Instinkten und Trieben beherrscht werden! Es kann doch nicht sein, dass nur noch das Gesetz des Stärkeren regiert!“, gibt meine Schwester entrüstet von sich und schnauft laut aus. Ich gehe auf sie zu und streiche ihr sanft eine Strähne aus ihrem erhitzten Gesicht.
„Auch dies wird sich wieder ändern, Drew. Da bin ich mir ganz sicher. Du brauchst nur etwas Geduld!“
Ich sehe, wie meine Schwester den Mund öffnet, um zu widersprechen, und lächle sie aufmunternd an. Tatsächlich bin ich von meinen Worten überzeugt. Drew mustert mich und ihre Gesichtszüge entspannen sich wieder. Sie schüttelt leicht den Kopf:
„Wahrscheinlich hast du recht. Hoffentlich.“
Fröhlich drücke ich ihr einen Kuss auf die Wange und ein Blick auf meine Uhr verrät mir, dass unsere Schicht für diese Nacht endgültig vorbei ist. Auch sie lässt ihre Augen auf ihre metallene Armbanduhr schweifen und nickt mir bestätigend zu.
„Es ist Zeit. Lass uns die kleine Kirche aufsuchen und dann nichts wie nach Hause. Irgendwie bin ich gerade richtig müde.“
„Ist ja auch kein Wunder, wenn du ständig am Arbeiten bist und sogar daheim auf Spurensuche gehst“, entgegne ich ihr und zwinkere ihr kurz zu.
„Jaha … ich weiß“, erwidert sie mit einem gespielten Augenrollen, knufft mich scherzhaft und ermahnend zugleich in die Seite, und hängt sich bei mir ein. Gemeinsam schlendern wir Arm in Arm zu der überschaubaren Kapelle, die einzige in der großen Stadt. Einst muss sie in aller Pracht erstrahlt haben. Mit großen Türmen, hinauf ragend in den Himmel, mit bunten Fenstern und vielen edlen Steinfiguren. Heute sind nur noch Überbleibsel der zerstörten Türme übrig, ehemalige Statuen lassen sich nur erahnen und die farbenfrohen Fenster sind zum größten Teil eingeschlagen und zersplittert. Die steinernen Mauern des einstmals prunkvollen Gotteshauses sind mit schändlichen Schmierereien besudelt und von außen sieht es fast aus wie jedes andere gewöhnliche Gebäude. Immer wieder lässt mich der trostlose Anblick aufseufzen.
Gedankenverloren greife ich nach der Türklinke, als mich meine Schwester gerade noch rechtzeitig zurückziehen kann, bevor ich die schwungvoll geöffnete Tür gegen das Gesicht bekomme. Überrascht blickt mir ein junger Mann aus großen, hellgrünen Augen entgegen.
„Ich … es tut mir leid. Haben Sie sich wehgetan?“, fragt er besorgt nach und ich komme nicht umhin, seine sanften Gesichtszüge zu bewundern. Verlegen fährt er sich durch sein mokkabraunes Haar, doch ich schüttle verneinend meinen Kopf, unfähig einen Ton von mir zu geben. Mein Kopf scheint wie leergefegt.
„Okay, tut mir wirklich leid. Schönen Abend noch!“
Ohne eine Antwort abzuwarten, sprintet er los in Richtung Innenstadt. Schweigend starren Drew und ich dem jungen Mann hinterher.
„Also ich bin jetzt ein bisschen baff“, unterbricht meine Schwester die Stille. „Das ist das erste Mal seit wir hier sind, wo ich jemanden aus der Kapelle herauskommen sehe und dann auch noch einen so jungen Kerl. Ich dachte immer, wir wären die Einzigen, die den Ort aufsuchen – du hast wohl doch recht: Es sind wohl nicht alle Menschen gleich.“
Mein Herz macht bei ihrer Aussage einen Sprung, denn ich kann ihr ansehen, dass sie es ernst meint. Freudig ergreife ich ihre Hand und ziehe sie hinter mir in die kleine mit Kerzen gefüllte Kapelle, um unser Gebet zu sprechen.
Kapitel 7
Mick:
Müde gehe ich die Gänge mit dem spärlichen Angebot des Supermarktes durch und erledige meinen längst überfälligen Wocheneinkauf. Länger kann ich ihn nicht mehr aufschieben, denn ich hatte wirklich nichts mehr Essbares im Haus. Es ist nicht meine Art, Dinge hinauszuzögern, doch jedes Mal, wenn ich von meiner Arbeit hatte pünktlich gehen wollen, war irgendetwas dazwischengekommen. Fast so, als hätte das Schicksal selbst etwas dagegen. Auch heute war das der Fall gewesen, denn wir hatten in den letzten Stunden einen ganz wichtigen Kundenauftrag reingekriegt. Unser Chef hatte darauf bestanden, dass wir diesen heute noch erledigen, um mehr Geld aus der Reparatur gewinnen zu können.
Es ist unheimlich still im Laden, da so gut wie kein anderer Kunde hier ist. Leise seufze ich auf, als ich vor der leeren Kiste der Backwaren stehe. Hierfür bin ich wohl zu spät. Dies ist einer der Gründe, warum ich um diese Uhrzeit nicht gern meine Besorgungen erledige. Das, was man möchte, ist meist ausverkauft und ich bin müde und erschöpft vom langen Arbeitstag, sodass ich die Hälfte von dem, was ich brauche, ohnehin vergesse.
Etwas neben der Spur suche ich eine Alternative für das nicht vorhandene Brot zum Frühstück und entscheide mich schließlich für Cornflakes. Zum Glück kann ich noch zwei Päckchen Milch ergattern und ein paar Dosen mit Fertigessen, das nur aufgewärmt werden muss. Das sollte die nächsten Tage reichen. Erleichtert, den lästigen Einkauf hinter mich gebracht zu haben, bewege ich mich schleppend Richtung Kasse. Die letzten Nächte konnte ich kaum schlafen und dieser eine Albtraum vor zwei Tagen und die derzeitigen Überstunden nagen heftig an mir. Ich bräuchte dringend ein bisschen Urlaub, doch bei der momentanen Auftragslage wird das schwierig werden.
Ich kneife leicht die Augen zusammen, denn das defekte und ständig flackernde Licht bereitet mir Kopfschmerzen. Eilig schlurfe ich weiter zur Kasse. Aus den Augenwinkeln registriere ich einen kleinen Jungen im Alter von fünf Jahren. Er sieht abgemagert und blass aus wie ein Gespenst. Mit zittrigen Fingern lässt er etwas Käse und Wurst in seiner ausgebeulten und mit Flicken übersäten, braunen Jacke verschwinden. Er scheint mich nicht zu registrieren, bis er sich mit wackeligen Beinen etwas zu ruckartig umdreht und direkt gegen mich läuft. Seine hellbraunen Augen weiten sich angstvoll und sein Mund öffnet sich entsetzt. Er scheint vor Furcht gelähmt, unfähig auch nur eine Bewegung zu tätigen oder einen Laut von sich zu geben. Wie eine Maus in der Mausefalle kauert er auf dem Gang und starrt mich an, als wäre ich der große, böse Kater, der ihn bei der nächsten Regung tötet. Genauso erstarrt wie der ertappte Dieb verharre auch ich, bis ich die Situation richtig begreifen kann.
„Gibt es da hinten ein Problem?“, die alte Verkäuferin des überschaubaren Ladens kommt mit holprigen Schritten auf uns zu gewatschelt und blickt misstrauisch von mir zu dem Blondschopf, der noch blasser wird, als er ohnehin schon ist. Die Zeit scheint in diesem Moment stillzustehen und mein Gewissen will mich innerlich zerreißen. Zögernd werfe ich noch einmal einen Blick auf den bibbernden Jungen, der kurz vor einer Ohnmacht steht. Die alte Frau mustert den Knirps von oben bis unten, welcher immer kleiner wird. Ihre Augen formen sich zu schmalen Schlitzen und blitzen argwöhnisch auf.
„Alles okay, danke Ihnen“, gebe ich in ruhigem Tonfall zurück und lächle die Verkäuferin beschwichtigend an. Skeptisch betrachtet sie mich. Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor, bis sie endlich nickt und wieder nach vorne an ihre Kasse schlendert.
„Beeilt euch aber – ich möchte den Laden für heute dichtmachen!“, gibt sie murrend von sich, dann ist sie hinter dem nächsten Regal verschwunden. Ich atme beruhigt aus, dann lege ich dem mageren Jungen besänftigend eine Hand auf die Schulter und merke, dass er noch dürrer ist, als er aussieht. Ein leichter Schmerz durchbohrt meine Brust. Ich bemühe mich ihn so freundlich wie möglich anzulächeln.
„Hey Kleiner. Ist schon in Ordnung. Was hast du denn alles eingesteckt? Gib es mir, okay? Keine Sorge, ich bezahle das für dich.“
Langsam richtet sich der fremde Junge auf und öffnet zögernd seine Jacke. Mit immer noch zitternden Fingern reicht er mir seine Beute: eine Stange Salami, etwas Gouda und zwei Äpfel. Ich sehe kurz in meinem Gelbeutel nach, doch mein Geld sollte reichen. Für die nächsten paar Tage heißt es eben etwas kürzertreten. Behutsam nehme ich ihm die Lebensmittel ab und schiebe ihn sacht vor zur Kasse. Der Junge fühlt sich sichtlich unwohl, er kann die Situation wohl noch nicht einschätzen. Die alte Frau rechnet mit einem handlichen Taschenrechner flink die Beträge zusammen und ich zahle eilig die Summe, nehme die Einkäufe und laufe schnell mit dem Kind nach draußen. Dort reiche ich ihm wie versprochen seine Lebensmittel. Seine Augen strahlen, als er bemerkt, dass er das Essen auch wirklich bekommt und er scheint es kaum fassen zu können. Unwillkürlich muss ich schmunzeln.
„Wo wohnst du denn? Soll ich dich heimbringen?“, frage ich den Jungen, der die Vorräte hastig in seiner alten Jacke verstaut. Etwas zu hurtig schüttelt er den Kopf, wobei sein wirres Haar wild durcheinanderwirbelt. Unsicher bleibe ich stehen und betrachte ihn. Es ist mir nicht recht, dass ein Kind um diese Uhrzeit allein durch die Straßen zieht, noch dazu wo sein Gesundheitszustand nicht gerade der beste zu sein scheint.
„Du hast doch ein Zuhause, nicht?“, hake ich sicherheitshalber nach, doch als ich nach seiner Hand greifen möchte, springt er geschickt zurück. Überfordert mit der Situation gehe ich in die Hocke und versuche, ruhig auf ihn einzureden und seine Furcht vor mir zu nehmen.
„Keine Angst. Ich tu dir nichts. Ich möchte nur nicht, dass dir etwas passiert – die Straßen sind nachts gefährlich, weißt du? Es wäre also kein Problem für mich, dich nach Hause zu bringen … du hast doch ein Zuhause oder etwa nicht?“
Der Junge sieht mir tief in die Augen und erinnert mich abermals an eine kleine Maus, die unvorsichtig in eine Falle getappt ist und nicht weiß, wie sie dort wieder herauskommen soll. Wie es aussieht hat er ziemlich Angst vor mir. Das war nicht meine Absicht. Nachdenklich kratze ich mich am Nacken, unschlüssig, wie ich als Nächstes vorgehen soll. Ich kann ihn unmöglich hier allein zurücklassen. Der Kleine nickt missmutig und zeigt nach rechts, dieselbe Richtung, in der meine Wohnung liegt. Langsam richte ich mich auf und biete ihm nochmals meine Hand an, die er allerdings nicht ergreift. Schweigend trotten wir für fünf Minuten nebeneinander her, unfähig ein Gespräch anzufangen. Dann versuche ich es erneut: „Wie heißt du eigentlich?“
„Niklas“, antwortet der Junge mit piepsiger Stimme und seine Augen klappern ruhelos die Gegend ab.
„Ich heiße Mick. Möchtest du mir nun verraten, wo du wohnst?“
Der schmächtige Knirps schüttelt leicht den Kopf, immer noch die Umgebung absuchend. Ich runzle leicht die Stirn. Irgendwie ist die Sache schwieriger als angenommen.
„Wie soll ich aber dann wissen, wo wir hinmüssen?“, hake ich geduldig nach. In diesem Moment bleibt der Kleine auf einmal stehen und richtet seinen verklärten Blick langsam auf mich. Irritiert verharre ich auf der Stelle und sehe ihn wartend an.
„Gar nicht!“, schreit er mir mit halb erstickter Stimme entgegen und noch ehe ich reagieren kann, tritt er mir gegen das Schienbein und rennt fluchtartig in die entgegengesetzte Richtung zurück. Ein ruckartiger Schmerz durchfährt mein Bein und hallt unangenehm nach. So viel Kraft habe ich ihm nicht zugetraut. Es wäre ein leichtes für mich, ihn trotz seines kleinen Vorsprungs wieder einzuholen, doch ich rühre mich keinen Millimeter und lasse ihn ziehen. Vorwürfe kann ich ihm keine machen, denn wer weiß schon, was er alles erlebt hat. Ich hoffe nur, dass er ein sicheres Dach über den Kopf hat.
***
Erleichtert, endlich daheim zu sein, lege ich die Tasche mit den eingekauften Lebensmitteln auf den Tisch und werfe meine Jeansjacke über den klapprigen Küchenstuhl, der das Gewicht gerade noch so auszuhalten scheint. Ein Blick auf meine Uhr verrät mir, dass es schon nach 22 Uhr ist. Ich strecke meine müden Glieder, pfriemle einen kleinen Topf aus dem Schrank und schütte den Inhalt einer eingedellten Dose Ravioli hinein. Auf mittlerer Hitze lasse ich das Ganze erwärmen und verschwinde schnell in mein kleines Badezimmer, um mir eine kurze Dusche zu gönnen.
Das kalte Wasser prickelt angenehm auf meiner Haut und ich schließe für einen Moment die Augen, um meine Gedanken zu ordnen. Heute war wirklich ein merkwürdiger Tag gewesen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass mir alles entgleitet und ich bin mir nicht mal sicher, warum und was genau. Bilde ich mir das ein oder wird es tatsächlich immer schlimmer? Wieder sehe ich den kleinen Jungen vor mir: abgemagert, ängstlich und mit großen braunen Augen, die ziellos umherschweifen. In mir kommt eine Vermutung auf, dass er gar kein eigenes Zuhause hat …
Hätte ich anders reagieren sollen? Ihn festhalten und zwingen sollen, mit mir zu kommen? Habe ich falsch gehandelt? Meine Gedanken wirbeln durcheinander durch meinen Kopf und ich kann mich nur noch schwer konzentrieren. Was hilft es jetzt noch darüber nachzudenken? Ich muss die ganze Sache abhaken. Im Grunde genommen hätte ich eh nicht viel mehr tun können, oder? Doch warum fühle ich mich dann so deprimiert und schuldig?
Ich steige aus der Dusche und versuche, alle Gedanken zu verdrängen. Mit knurrendem Magen gehe ich in meine schmale Küche, wo die Ravioli verlockend vor sich hin blubbern. Ich schalte den Herd aus und gehe mit vollem Teller in das Wohnzimmer zum Essen, denn die Couch ist um einiges gemütlicher als in der Küche zu stehen. Vorsichtig stelle ich mein Geschirr ab und lasse mich auf die weiche Polstergarnitur sinken, als mein Blick auf das Bild meiner lächelnden Eltern fällt. Ein dicker Kloß macht sich in meiner Kehle breit und das Schlucken fällt mir schwer. Minutenlang schaue ich die Fotografie an, während sich ein leichter Tränenfilm in meinen Augen bildet. Mir wird flau im Magen und ein leichtes Schwindelgefühl breitet sich in mir aus. Mir ist, als würde der Boden unter meinen Füßen weggezogen.
„Es tut mir leid“, murmle ich leise vor mich hin und drehe mit zittrigen Händen das Bild um, „doch heute kann ich das nicht, sorry.“
***
Ich liege rücklings auf dem Balkon und betrachte die hellfunkelnden Sterne am Himmelszelt, die mit dem Mond um die Wette leuchten. Einfach faszinierend, wie gut sie miteinander harmonieren, jeder auf seine eigene Art und Weise. Ich schließe kurz meine müden Augen, spüre die kühle Nachtluft auf meiner Haut und bekomme eine leichte Gänsehaut. Etwas entfernt höre ich eine Gruppe Jugendlicher rumgrölen, die nicht mehr ganz nüchtern zu sein scheinen. Irgendwo schreit ein Baby und die letzte Straßenbahn gibt ein warnendes Piepen vor der Abfahrt von sich. Wie vertraut doch alles ist. Ich fühle, wie der Stress der letzten Tage und Nächte von mir abfällt und dem Gefühl der Geborgenheit weicht. Langsam öffne ich wieder meine Augen und blicke fasziniert in den strahlenden Nachthimmel, wartend, als könnte er mir jede Sekunde eine neue Geschichte erzählen. Es ist bewundernswert, wie mich der bloße Anblick der prächtigen Himmelskörper ständig inspiriert. Ich bin ihnen dankbar dafür, wenngleich auch manchmal Gefühle beim Betrachten in mir hochkommen, die ich lieber vergessen und nicht spüren würde. Denn nicht allzu selten wird mir beim Beobachten des Himmels bewusst, wie klein und einsam ich bin – irgendwie verloren. Nachdenklich greife ich zu meinem Block und Kugelschreiber, die ich mir auf die Seite gelegt habe und lasse meinen Gedanken freien Lauf.
Späte Einsicht
Ich renne durch die Straßen und suche dich
Doch dichter Nebel trübt meine Sicht
Hüllt mich ein, nimmt mich gefangen,
wohin bist du bloß gegangen?
Ich bin mir sicher, du wartest dort auf mich.
Halte durch, vertraue drauf und verlass mich nicht.
Ich verspreche dir, mein Bestes zu geben
Denn du bist mein Atem, mein Licht, mein Leben.
Ohne dich erscheint mir mein Sein so schwer,
und ohne dich sein, kann ich jetzt nicht mehr.
Du kennst mich besser als ich mich selbst
Du bist die Person, die mich aufrechthält
Gabst mir Hoffnung, gabst mir Licht
Tränen verschmieren mir die Sicht.
Wie konnte es nur soweit kommen?
Ich war ein Idiot, hab alles genommen.
Zu sicher habe ich mich gefühlt
Und mit deinen Gefühlen gespielt.
Alles auf eine Karte gesetzt
Und dich damit zutiefst verletzt.
Wenn ich dich finde, lass ich dich nie mehr los
Wenn ich dich finde, stell ich dich nie mehr bloß
Werde alles tun, damit du mir verzeihst
Und für immer bei mir bleibst.
Kälte durchdringt meine müden Glieder
Entkräftet lege ich mich nieder.
Meine Gedanken drehen sich jetzt nur um dich,
auch als alles um mich herum mit einem Schlag erlischt …
PAPATACK!
Erschrocken zucke ich zusammen, als ich das fremde Geräusch direkt hinter mir am vibrierenden Geländer vernehme und mich unsanft aus meinen Gedanken reißt. Kullernd rollt mein Kugelschreiber, den ich fallen gelassen habe, von mir weg und direkt vor vier schwarze Samtpfoten. Meine Augen weiten sich überrascht und ich blicke auf, direkt in zwei schmale Katzenaugen, die mich durchdringend und erwartungsvoll mustern. Mein Herz scheint vor Freude einen Sprung zu machen und ich bin im ersten Moment unfähig, eine Bewegung zu tätigen.
„Du bist tatsächlich zurückgekommen“, murmle ich und ein berauschendes Prickeln durchdringt meinen Körper. Beherzt springe ich auf.
„Du hast bestimmt Durst und Hunger – ich hole dir sofort was!“
Ich bin mir der Albernheit bewusst, doch zu groß ist das aufkeimende Glücksgefühl der zerschlagenen Einsamkeit, das sich wärmend in meinen vor Kälte steifen Körper ausbreitet. Eilig haste ich in meine Wohnung, beflügelt von kindischer Freude über meinen nächtlichen, tierischen Besuch.
Kapitel 8
Skip:
Ich kann nicht leugnen, dass ich über seine Begeisterung überrascht bin, die er mir entgegenbringt. Deswegen starre ich ihm verdutzt hinterher, als er bei meinem Anblick sogleich aufspringt und in seine kleine Wohnung eilt, um mich mit Milch zu versorgen. Noch nie in meinem belanglosen Leben habe ich jemanden sich so freuen sehen und schon gar nicht wegen meiner Anwesenheit. Wenn der wüsste, wen er hier durchfüttert! Meine Blicke wandern zu dem Notizblock, den er an Ort und Stelle liegengelassen hat, doch ich komme nicht dazu, mir den handgeschriebenen Text durchzulesen, denn das Klappern von Geschirr und das Geräusch des sich öffnenden Kühlschranks macht mir unweigerlich bewusst, wie sehr ich Durst habe. Leichtfüßig springe ich durch die offene Terrassentür in seine Wohnung und tappe gemütlich, aber auf schnellen Pfoten, in die rechteckige Küche. Er holt gerade ein Päckchen mit Milch aus dem Kühlschrank und geht damit zum Tisch, wo die kleine Schale vom letzten Mal für mich bereitsteht. Geduldig setze ich mich vor den Raum und beobachte, wie er die weiße Flüssigkeit in das runde Gefäß füllt. Für ein paar Sekunden mustere ich seine sanften Hände, dann wandert mein Blick über seinen Körper. Ein leichter Bauchmuskelansatz zeichnet sich auf seinem eng anliegenden T-Shirt ab und trotz seiner etwas zu weiten Jogginghose kann ich einen knackigen Hintern entdecken. Wenn ich so darüber nachdenke, wundert es mich, dass er hier allein lebt, denn unattraktiv ist er bei Weitem nicht. Er dürfte sowohl bei Frauen als auch bei Männern gleichermaßen gut ankommen, denn sein Körper ist wirklich nicht zu verachten.
Ich wende meinen Kopf kurz nach links und schaue genau in das offene Badezimmer. Auf dem Boden liegt noch ein feuchtes Handtuch und ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass ich vielleicht etwas früher hätte kommen sollen, um ihn noch beim Duschen zu erwischen. Ein schiefes Grinsen durchzieht mein Gesicht und ich würde mich am liebsten selber ohrfeigen. Als ich mich ihm wieder zuwende, stellt er gerade die Packung zurück in den Kühlschrank, wobei ihm seine braunen Haare seicht in das Gesicht fallen und seine hellgrünen Augen leicht bedecken, als würden sie ein Geheimnis wahren wollen. Mein Blick bleibt kurz an seinen schmalen Lippen hängen, die watteweich aussehen. Recht ungewöhnlich für einen Mann und ich frage mich kurz, welche sexuelle Neigung er wohl hat.
Ich schüttle kurz den Kopf. So etwas sollte mich nicht interessieren und … das tut es auch nicht. Nicht einmal ein bisschen. Es muss an meiner Müdigkeit und meiner trockenen Kehle liegen. Vielleicht hätte ich doch nicht hierherkommen sollen, doch der Durst und die Gewissheit, dass ich hier etwas zu Trinken bekomme, waren zu groß gewesen.
Er richtet sich auf und nimmt die gefüllte Schale in die Hand. Dann dreht er sich vorsichtig um und wendet sich mir zu. Ein Lächeln spiegelt sich in seinen sanften Gesichtszügen wider, als er auf mich herabsieht, und mich durchfährt ein mir unbekannter Schauer.
„Hey, du kannst es wohl kaum abwarten, wie? Bestimmt hast du auch Hunger!“
Behutsam stellt er die Milch vor mich ab und kramt in seiner Schublade nach einem Unterteller den er mit einem Happen aus dem Topf füllt. Von hier unten aus kann ich nicht erkennen, um was es sich dabei handelt. Gespannt warte ich, bis er auch den Teller auf den Boden abstellt, doch überzeugen kann mich die Pampe nicht, die er da draufgehauen hat. Misstrauisch rieche ich an den lauwarmen Ravioli – Dosenfutter, nein danke. Wie kann man so etwas freiwillig essen?
Angewidert rümpfe ich meine Nase und wende mich lieber schnell der Milch zu, die ich gierig aufschlecke, ungeachtet dessen, dass er mich die ganze Zeit über beobachtet. Zufrieden räkle ich mich und schaue ihn sichtlich entspannt an. Meine Kehle brennt nicht mehr und mein Magen ist etwas gefüllt. Immer noch betrachtet er mich mit leuchtenden Augen, fast als wäre ich ein wertvoller Schatz. Irgendwie regt mich das auf. Diese grenzenlose Naivität, die ihn umgibt. Weiß er eigentlich, in welcher Gefahr er gerade ist? Nein, natürlich nicht. Ich könnte ihm das Leben nehmen, wenn ich nur wollte und er könnte nicht das Geringste dagegen tun. Doch vorerst reicht mir die Verpflegung, die er mir gibt.
Als er sicher ist, dass ich fertig bin, stellt er das Geschirr auf die Spüle und begibt sich in das Wohnzimmer.
„Kommst du?“, höre ich ihn beim Vorbeigehen fragen und schaue ihm schweigend nach. Mein Gehirn ist auf einmal wie leergefegt und ich fühle die Schwere meiner Glieder an mir nagen. Ohne mir darüber Gedanken zu machen, was ich tue, folge ich ihm auf den Balkon, wo er sich auf die Decke setzt, sich an der Hauswand anlehnt, und den Himmel betrachtet. Gemächlich setze ich mich neben ihn und schaue gelangweilt in den Sternenhimmel.
„Ist es nicht wunderschön? Es gibt nichts, was großartiger ist, nicht wahr?“
Ich sehe zu ihm rüber und bin überrascht, mit welcher Bewunderung er zu den Himmelsgestirnen aufsieht. Er scheint es tatsächlich ernst zu meinen. Was soll an ein paar glühenden Steinbrocken so faszinierend sein? Ich wende meinen Blick von ihm ab und starre nochmals zum Himmel empor. Zugegebenermaßen habe ich mir den ihn nie sonderlich betrachtet, doch je länger ich nach oben schaue, desto mehr kann ich seine Begeisterung verstehen. Ein überwältigendes Sternenmeer scheint sich ins endlose Dunkelblau zu erstrecken und inmitten des leuchtenden Meeres erhebt sich der runde Vollmond, heller und strahlender als alle Sterne zusammen. Minuten vergehen in denen wir schweigend nebeneinander sitzen und das Schauspiel der Natur bewundern. Eine innere Ruhe befällt mich, ungewohnt und mir völlig unbekannt. Irgendetwas stimmt hier nicht, doch ich komme nicht dahinter, was es ist.
„Weißt du, es ist doch schade, dass keiner mehr ein Auge für die Schönheit hat, die uns umgibt. Alle sind immer im Stress oder ganz und gar mit sich selbst beschäftigt“, unterbricht er mit nachdenklicher Stimme die Stille und ich schaue zu ihm rüber. Er hat den Blick nicht abgewendet und sein gesamter Körper ist entspannt. In seinen Augen spiegelt sich ein verträumter Glanz wider und sein Gesicht wird von dem zarten Schein des Mondes benetzt, als würde dieser den jungen Mann zärtlich streicheln. Ich weiß nicht warum, doch ich kann den Blick einfach nicht von ihm abwenden, auch nicht, als seine Hand anfängt, sanft über mein Fell zu streicheln und mich im Nacken zu kraulen. Unglaublich behutsam und zart …
Ich schließe kurz die Augen, doch schon im nächsten Moment reiße ich sie wieder auf, um ihn anzusehen. Ich darf mich nicht gehenlassen! Dann könnte ich genauso gut anfangen zu schnurren! Nie und nimmer!
„Wahrscheinlich hältst du mich für total bescheuert und womöglich hast du recht.“
Ein leicht melancholisches Grinsen huscht über sein Gesicht und ich kann eine tiefe Traurigkeit in seinen Augen erkennen.
„Manchmal … manchmal denke ich, dass ich irgendwie nicht dazu passe, dass ich komplett unterschiedlich bin. Verstehst du, was ich meine? Ah, eher nicht!“
Er lacht verlegen auf, bevor er vorsichtig mit den Unterlagen in der Hand aufsteht und sich streckt, wobei sein T-Shirt ein Stück nach oben rutscht und ein Stück seiner weißen Haut preisgibt, welche verführerisch im silbernen Mondlicht glänzt. Ich lecke mir unbewusst über die Lippen und mein Blick haftet an seinem versteckt knackigen Hintern, als er zurück in die Wohnung geht. Ein prickelnder Hitzeschwall durchströmt meinen Körper und lässt mich kurz erschauern. Verwirrt von meinen eigenen Reaktionen folge ich ihm hinein. Er hat gerade eine Kerze angezündet, welche er vorsorglich auf einen Unterteller oben auf der Wohnzimmeranrichte hinstellt. Als er sieht, dass ich reingekommen bin, lächelt er mir sanftmütig zu und schließt die Balkontür. Die Fenster lässt er wieder sperrangelweit offenstehen. Das sollte er sich echt abgewöhnen. Ohne dass er es andeuten muss, springe ich auf die braune Couch und schaue ihn auffordernd an. Verdutzt blickt er zurück, dann beginnt er herzlich zu lachen.
„Du kennst mich aber gut!“
Lächelnd lässt er sich neben mir nieder und beginnt erneut, über mein Fell zu streicheln. Genüsslich strecke ich mich seinen zärtlichen Händen entgegen und schalte alle Gedanken aus. Ich weiß, dass es nicht richtig sein kann, was ich tue, doch der Wunsch, von ihm berührt zu werden, wandelt sich zu einem berauschenden Drang, reißend wie ein Fluss. Im Moment möchte ich nicht denken und mich einfach nur dem seltenen und fremden Moment der Geborgenheit hingeben.
Als hätte er meine Gedanken gelesen, hebt er mich auf seinen Schoß. Mir entfährt ein kurzes, empörtes Murren, ein letzter Versuch meines verbliebenen Ichs sich zu wehren, doch vergebens. Ich lasse es geschehen und lege mich schließlich hin. Während ich seiner beruhigenden Stimme lausche und mein müder Körper von seinen warmen Händen gestreichelt wird, schließe ich langsam meine Augen und ergebe mich den Wogen der Dunkelheit, bis ich nichts mehr höre und sehe.
***
Mit großen Schritten sprinte ich die verlassenen Straßen entlang. Es ist später geworden, als ich geplant hatte, doch ich hatte einfach viel zu bequem gelegen und hatte zu gut geschlafen. Als ich erwacht war, hatte ich mich auf seinem Bauch eingerollt vorgefunden. Er selbst war auf dem Rücken liegend eingeschlafen und hatte so friedlich dabei ausgesehen. Unschuldig. Frei.
Ich schüttle beim Rennen den Kopf und konzentriere mich wieder auf das Wesentliche, denn ich muss mich beeilen, um nicht zu spät zu kommen. Moritz ist bestimmt schon da und wartet, um mit seiner gesammelten Beute zu prahlen. Bei dem Gedanken wird mir speiübel. Nicht mehr weit und ich habe das Portal zur Dämonenwelt erreicht. Wie gut, dass es nahe des Dorfes eins gibt, denn meistens sind diese nur bei größeren Städten vorhanden. Vor den eingestürzten Pfeilern der ehemaligen Rheinbrücke bremse ich ab und schaue mich der Regel entsprechend noch einmal um, um sicherzugehen, dass kein ungebetener Zuschauer in der Nähe ist. Natürlich bin ich allein. Mein Blick fällt kurz auf den grünbläulich schimmernden Fluss, der das schönste Bild in der verkommenen Landschaft bildet. Wenigstens ein Stück Natur, welches von den Menschen nicht gänzlich verunreinigt wird. Dann suche ich mir mühevoll meinen Weg durch das kantige Geröll zu einer steinernen Plattform mit eingraviertem Pergament, welches auf dem Boden liegt. Ich muss gestehen, dass es ein sehr gutes Versteck für ein Portal ist, denn hier kommt fast niemand her und selbst wenn, würde sich kein normaler Mensch die Mühe machen, den großen und zirka neun Meter langen Schutthaufen zu beseitigen. Allerdings war es für uns Sammler jedes Mal eine Qual, dieses Tor zum Weltenwechsel zu benutzen. Auch heute wieder bleibe ich unsanft mit meiner rechten Seite an einem der Steinbrocken hängen und schürfe mir die Haut auf. Ein genervtes und schmerzliches Fauchen entweicht meiner Kehle, doch ich beiße die Zähne zusammen und versuche, das sofort aufkommende Brennen zu ignorieren. Schnell krieche ich auf die Plattform und konzentriere mich in Gedanken auf die vertraute Dämonenwelt, bis das Portal schließlich zu leuchten beginnt und ich mich in meiner bekannten Umgebung wiederfinde. Endlich kann ich meine menschliche Form annehmen. In mir keimt der Wunsch auf, mich zu strecken, doch ich brauche mich nicht umzusehen, um zu wissen, dass ich beobachtet werde. Ich spüre den stechenden Blick und verdrehe genervt meine Augen.
„Hast du denn nichts Besseres mit deiner Zeit anzufangen?“, frage ich gereizt, ohne ihn dabei anzusehen und steige eilig die Treppen vom Podest herab, welches prachtvoll in der Mitte des geräumigen Saales liegt wie ein kleiner Altar.
„Skip, mein alter Nichtfreund! Wieso denn so schlecht gelaunt? Sind wir schon wieder etwas zu spät dran?“, erwidert Moritz gehässig und seine hallenden Schritte verraten mir, dass er genau wie ich auf das Ausgangstor zusteuert, das zu den privaten Räumen zu unserem Herrn führt. Ich versuche ihm keinerlei Beachtung zu schenken und setze meinen Weg zielstrebig fort. Wie erwartet stellt er sich direkt vor das geschlossene Tor und grinst mich herausfordernd an.
„Was denn? Du ignorierst mich? Das ist aber sehr unhöflich, wo ich mir doch nur Sorgen um dich mache! Ist wohl heute Nacht nicht so gut gelaufen, wie?“
Sein Grinsen wird noch breiter als es ohnehin schon ist und seine schwarzen Augen blitzen belustigt auf. Abermals verdrehe ich genervt meine Augen und atme laut aus. Wie gerne würde ich ihm jetzt eine verpassen und ihn an seinen schwarzen Locken durch die gesamte Halle zerren.
„Wie unendlich einfühlsam von dir! Wie du schon sagtest – ich bin spät dran, also zur Seite!“, bemerke ich spitz und greife nach seiner Schulter, um ihn aus dem Weg zu schieben, doch er weicht mir geschickt aus.
„Nicht doch! Du kannst ruhig eine kleine Runde mit mir schnacken, denn im Moment ist Donald bei unserem Herrn, um seine mickrige Ausbeute zu übergeben … apropos mickrige Ausbeute“, sein Grinsen scheint nun ganz sein gebräuntes Gesicht zu bedecken und seine übersprudelnde Gehässigkeit springt mir geradezu entgegen. „Ich habe heute drei Leben gesammelt! Er war sehr zufrieden mit mir. Wie sieht es denn bei dir aus, da du schon so spät dran bist, gab es wohl Schwierigkeiten, wie?“
„So so, drei Leben. Und die Aura? War die wieder verbraucht und qualitativ – nennen wir es mal geringwertig – wie deine übliche Auslese?“, entgegne ich ihm in ernstem Tonfall und blicke ihn mit gelangweilter Miene in seine überhebliche Visage. Ihm vergeht sein Grinsen und seine Mundwinkel ziehen sich schlagartig nach unten, als hätte ich ihm Gewichte an die Seiten gehängt.
„Es waren gute Leben mit stark sprühenden Auren! Zwei orangene und eine gelbe mit starker Farbpracht, dass sogar die Sonne vor Neid erblasst wäre! Abgesehen davon sammle ich nie minderwertige Leben! Es gibt keine besseren mehr! Schau dir doch das Menschengesindel an! Es läuft nichts Hochwertigeres rum!“, schreit er mir entgegen und seine Stimme ist nahe dran, sich vor Hysterie zu überschlagen. Sein ganzer Körper ist angespannt und er hat seine Hände unweigerlich zu Fäusten geballt.
Innerlich lache ich auf, da ich das Spiel gewonnen habe. Dieser dumme Tropf! Wieso muss er mir jedes Mal meine Zeit mit diesen albernen Spielchen stehlen, in denen er ohnehin immer als Verlierer hervorgeht? Ich verharre und behalte meinen gleichgültigen Gesichtsausdruck bei.
„Es stimmt, es ist nicht leicht, wertvolle Lebensenergien zu finden, aber das ist schließlich unsere Aufgabe. Und dass es gar keine mehr geben soll … dem kann ich nicht zustimmen. Denn wie kommt es dann, dass ich heute sowohl ein Leben mit strahlend grüner Aura sowie eine weiße ergattern konnte?“
Seine Kinnlade klappt nach unten und einer seiner buschigen Locken fällt ihm in sein ungläubig dreinblickendes Gesicht.
„Du hast ein reines Leben gefunden? Das glaube ich dir nicht!“
In diesem Moment springt das Tor von hinten auf und stößt Moritz unsanft nach vorne. Ich weiche keinen Millimeter, als er auf mich zu taumelt, und mache mir auch nicht die Mühe, ihn aufzufangen. Wieso sollte ich auch? Kurz vor mir kommt er zum Stehen und springt schnell auf die Seite. Missmutig starrt er auf das offene Tor, aus dem Donald mit gesenktem Kopf herauswatet, ohne uns wahrzunehmen. Niedergeschlagen trottet er durch die große Halle mit den gewundenen Steinsäulen aus Marmor, die an Spiralen erinnern. Anscheinend hat Moritz in diesem Punkt nicht gelogen: Donalds Ausbeute scheint nicht zufriedenstellend gewesen zu sein. Nun denn, nicht mein Problem. Während Moritz mit einem schadenfrohen Grinsen unseren Kameraden hinterherblickt, gehe ich an ihm vorbei und bleibe noch ein letztes Mal stehen, bevor ich die Privatgemächer unseres Herrn betrete.
„Ob du mir glaubst oder nicht ist, dein Problem. Doch es werden eh bald alle darüber reden, dann hast du deinen Beweis, wenn es dich glücklich macht! Unseren Gebieter wird es definitiv friedlich stimmen“, meine ich zu ihm gewandt und schließe die mit lateinischen Zeichen übersäte Tür hinter mir, bevor Moritz auch nur die Chance hat zu reagieren.
Ich atme erleichtert aus, froh darüber, ihn endlich los zu sein. Wieso konnten die Anwärter mir nicht einen Gefallen tun und Moritz bei ihrer nächtlichen Jagd erwischen? Dann hätte ich wenigstens meine Ruhe und eine Last weniger zu tragen. Angespannt lege ich den dunkelblau tapezierten Flur mit großen Schritten zurück. Er hasst es zu warten und ich kann mir gut vorstellen, dass er nach Donalds Pleite nicht gerade die beste Laune haben wird. Dennoch, ein reines Leben findet man in der heutigen Zeit einfach nicht mehr so. Ich muss zugeben, dass es ein reiner Glücksfund war, denn törichte Eltern haben das Kinderzimmerfenster ihres schlafenden Säuglings offenstehen lassen. Ein Leckerhappen, den man sich nicht entgehen lassen sollte, denn spätestens in zwei, drei Jahren hätte die Aura eine andere Farbe angenommen, hätte ihre Reinheit verloren und wäre verkommen, so wie bei den übrigen der typisch Heranwachsenden. Vor der gewohnten Tür zur Übergabe bleibe ich stehen und klopfe an. Es dauert keine Sekunde bis die stabile Holztür von allein aufschwingt und den in Eichenholz gekleideten Audienzsaal im spätgotischen Stil freigibt. Mein Herr sitzt auf seinem rotgoldenen, gepolsterten Thron, einen Ellenbogen gelangweilt auf der hölzernen Lehne abgestützt und mit geschlossenen Augen. Sein langes, blondes Haar ist zu einem Zopf zusammengebunden, aus welchem ein paar Strähnen widerspenstig herausfallen und sein hochmütiges Antlitz umschmeicheln. Er trägt eine milchig weiße Rüschenbluse, welche an längst vergangene Jahrhunderte erinnert und zu seiner honigfarbenen Haut einen faszinierenden Kontrast bildet, sodass man gar nicht anders kann, als hinzusehen. Zumindest Sterbliche dürften dies so empfinden. Er ist wie ein harmlos getarntes Raubtier, das seine Opfer durch seine Schönheit anlockt, um sie dann zu verspeisen.
Als ich mich über den mit Nebel bezogenen Boden auf ihn zubewege, schlägt mir seine missmutige Stimmung unsichtbar, aber wuchtvoll entgegen. Es liegt eine drückende Schwere im Raum, die mir droht, die Luft zum Atmen zu rauben. Ich versuche, möglichst unbeirrt meinen Weg zu ihm fortzusetzen und mich nicht umzusehen. Obwohl es nur einige Meter sind, zieht sich der Weg wie Kaugummi und kann doch nicht lang genug für mich sein. Je näher ich ihm komme, desto kälter und schneidender wird die Luft, wie eisige Nadelstiche, die sich durch meine Haut bohren. Ein kurzer Schauer durchläuft meinen Körper und ich kämpfe mit meiner Gesichtsmimik, um bloß nichts über meine Verfassung zu verraten. Was habe ich schon zu verlieren? Nichts – im Gegenteil: Es sollte jetzt gut für mich verlaufen. Jedoch bleibt ein ungutes Gefühl, das sich mahnend in meine Eingeweide einnistet.
Einen Meter vor dem Thron bleibe ich stehen, gehe gewohnheitsmäßig auf die Knie und senke meinen Kopf. Sekunden vergehen, in denen nichts geschieht. In diesen Augenblicken scheint mich der Schleier der Kälte unbarmherzig zu umhüllen, als wolle er damit meine Glieder lähmen und mein Urteil endgültig fällen.
„Skip … steh auf! Ich hoffe, du enttäuschst mich nicht.“
Seine zuckersüße Stimme mit verbittertem Unterton zirkuliert hallend im Raum und jagt mir erneut einen Schauer über den Rücken. Ich verharre in meiner Position und öffne meine Augen, hebe allerdings nicht den Kopf, denn so wurde es mir beigebracht und so verfahre ich seit eh und je.
„Gewiss nicht, Herr. Bitte überzeugt euch selbst.“
Ich höre wie er sich schwungvoll erhebt, Schritte hallen leise im Saal wider, bis seine glänzenden Lackschuhe direkt neben mir halten. Spielerisch fährt er mit seiner Hand durch meine schwarzen Haare, als wäre ich eines seiner Haustiere. Zweifelsohne bin ich tatsächlich nicht mehr als das. Dafür wurde ich geboren. Das ist meine Rolle. So wurde es mir gelehrt.
„Nun gut, erhebe dich!“
Ich befolge stillschweigend seinen Befehl und er dreht sofort mein Gesicht zu seinem, sodass ich ihm direkt in seine goldschimmernden Augen sehe. So faszinierend, so schön, durchdringend und kalt wie pures Eis.
Als seine Lippen sich den meinen nähern, schließe ich meine Augen und öffne leicht meinen Mund. Ich spüre den Druck seiner fordernden Lippen und sofort ein reißendes Ziehen, als er beginnt, die gesammelten Leben aus mir herauszusaugen. Ich versuche, meine Gedanken auf etwas anderes zu lenken, um die Prozedur besser zu überstehen, denn ich hasse es. Ich finde es unerträglich zu spüren, wie die warme Energie aus meinen Körper herausgezogen wird wie ein versehentlich verschluckter Faden bei einer Katze. Ebenso verabscheue ich den Brechreiz, der mit der Übergabe der Lebensenergien einhergeht. Alle Wärme scheint mit den Leben meinem Körper zu entweichen und Frost durchdringt mich schmerzend. Immer gieriger pressen sich seine Lippen hart gegen meine, als er die weiße Lebensaura des Säuglings erfasst. Seine starke Hand presst mich heftig an seinen Körper und seine Klauen graben sich ungestüm in meine Haut und lassen meine Nerven vor Schmerzen aufschreien. Sein Hunger ist unersättlich. Mir wird schwindelig und ich spüre, wie meine Kraft mich völlig verlässt. Als mir fast schwarz vor Augen wird und der letzte Funke Wärme aus mir herausgerissen wird, lässt er endlich von mir ab. Erstaunt und überaus zufrieden starrt er mich an. Seine Augen funkeln wie Diamanten und er leckt sich lüstern über seine Lippen.
„Ein reines Leben … Skip, ich bin begeistert!“
Er hält kurz inne und mustert mich durchdringend, bevor er fortfährt.
„Auf dich kann ich mich verlassen. Du hast mich bis jetzt noch nie enttäuscht. Das wirst du auch weiterhin nicht, habe ich recht?“
Er fährt mir mit seiner Hand über meine rechte Wange und ich spüre, wie er tiefe Kratzer mit seinen scharfen Nägeln hinterlässt. Doch mein Körper ist durch die Kälte so taub, dass ich keinen Schmerz mehr spüre. Ich bemühe mich, mein Gleichgewicht zu halten und antworte ihm tadellos wie immer.
„Natürlich nicht, Herr.“
Ein selbstgefälliges Grinsen breitet sich über sein erhitztes Antlitz aus und seine goldenen Augen funkeln mich belustigt an.
„Das möchte ich hoffen … dann geh jetzt und ruhe dich aus! Die anderen sollen sich ein Beispiel an dir nehmen!“, befiehlt er streng und der warnende Unterton in seiner Stimme ist mir nicht entgangen. Eilig und etwas wankend bahne ich mir meinen Weg zurück zur Tür und verlasse den Saal. Müde und ausgelaugt lehne ich mich kurz gegen die kühle Wand. Der Drang, meine Augen zu schließen, ist fast übermächtig. Ich muss mich beeilen und in mein Zimmer gelangen, bevor ich noch im Flur einschlafe. Mühevoll taste ich mich stützend mit der linken Hand an der tapezierten Wand entlang und während ich das tue, sehne ich mich mehr denn je nach sanften Streicheleinheiten, Milch und seiner beruhigenden Stimme. Ich versuche, die aufkeimenden Gedanken und Erinnerungen abzuschütteln, doch diese setzen sich mit jedem Versuch tiefer in mir fest wie ein Virus. Auch als ich den privaten Bereich unseres Herrn verlasse und durch die große Empfangshalle taumle, hinter mir Moritz mit seinen treuen Anhängseln, die hitzig auf mich einreden, kann ich nur an seine zärtlichen Hände denken und an das warme Gefühl, das sie mir vermittelt haben. Auch als ich endlich mein Zimmer betrete und mich auf mein großes Bett lege, kreisen meine Gedanken nur noch um Mick, Mick und nochmals Mick …
Kapitel 9
Skip:
Mein Atem überschlägt sich, während ich gehetzt zwischen den schmalen Gassen hin und her sprinte. Ich riskiere keinen Blick nach hinten, denn das könnte mich verlangsamen und außerdem ist es ohnehin nicht nötig, nämlich die Schritte dicht hinter mir peitschen durch die Gassen wie Donnerhallen und lassen keinen Zweifel darüber, dass sie mir dicht auf den Fersen sind. Mein Herz schlägt panisch und schmerzend gegen meinen Körper, auf der Suche nach einem Ausweg. Sie sind mir viel zu nah. So kann ich sie unmöglich abschütteln. Diese verdammten Anwärter des Lichts! Doch ich gebe nicht auf! Noch tragen mich meine vier Pfoten.
Im letzten Moment sichte ich das wässrige Schlagloch vor mir und springe flink darüber. Meine Verfolgerinnen scheinen nicht so viel Glück zu haben, wie das dumpfe Aufschlagen ihrer Körper auf dem harten Asphalt verkündet. Ich höre hinter mir lautes Fluchen, jedoch lässt die Zweite sich nicht davon beirren und verfolgt mich weiterhin. Ich spüre, wie sich Schweiß auf meinem Fell bildet und herabrinnt. Schnell biege ich die nächste Kurve ein, doch auch die Frau nimmt dieses Hindernis mit Bravour und bleibt dicht hinter mir. Lange halte ich das nicht mehr durch. Hektisch blicke ich mich um und erspähe die Anlage der Blechbarraken, die sich über die trostlose Landschaft erstreckt wie ein riesiger Abfallberg. Zielstrebig renne ich darauf zu.
Die Hütten sind so durcheinander und unübersichtlich gestreut, dass es mir vielleicht gelingt, sie abzuhängen oder zumindest einen größeren Abstand zu gewinnen. Der schlammige Boden ist durch den Regen aufgeweicht, dass ich fast das Gleichgewicht verliere. Meine Tatzen fühlen sich taub und schwer an, als hätte jemand Gewichte an ihnen befestigt, um mich in die Tiefen der verrotteten Erde zu ziehen.
Ich höre das schwere Schnaufen der Anwärterin, welches mich zusätzlich anspornt, meine letzten Kraftreserven aufzubrauchen. Meine gesamte Konzentration stecke ich in meinen Sprint und schalte meine anderen Sinne aus. Außer mir und dem schlammigen Weg mit den zahlreichen Hindernissen existiert in diesen Moment nichts. Erst als ich das Ende der schäbigen Unterkünfte hinter mir gelassen habe, komme ich zur Ruhe und drehe mich um. Von meiner hartnäckigen Verfolgerin keine Spur. Mein ganzer Körper ist angespannt und wird von der feurigen Hitze, der soeben veranstalteten Hetzjagd, durchflutet. Meine Augen kreisen suchend und lauernd umher, während mein bebender Leib gierig nach Atem ringt. Ich versuche zu lauschen, jedoch scheint mein überlauter Herzschlag alle Geräusche zu übertönen.
Bin ich wirklich in Sicherheit? Habe ich es tatsächlich geschafft? Ich verharre noch einen Augenblick, dann entscheide ich, dass es besser ist, hier nicht länger zu verweilen. So sehr meine Pfoten bei jeder erneuten Berührung des Bodens vor Schmerz pochen, zwinge ich mich dennoch weiter, um von hier schleunigst zu verschwinden. Micks Wohnung ist ganz in der Nähe. Wenn ich diese erreiche, kann ich mich ausruhen, denn sein Fenster wird bestimmt wieder sperrangelweit offenstehen.
Beflügelt von dem aufkeimenden Gedanken und der Verheißung auf etwas zu trinken und Ruhe, schlängle ich mich durch die dunklen Straßen zu der vertrauten Wohnung entlang. Wie ich es mir bereits dachte, ist das Fenster zum Balkon auf. Gekonnt bahne ich mir meinen Weg dorthin hinauf und springe in die Wohnung. Gerade in diesem Augenblick betritt er das Zimmer. Seine hellgrünen Augen weiten sich vor Freude und er schenkt mir wieder das schönste Lächeln, das nur er zustande bringen kann. Meine gesamte Anspannung fällt in diesem Moment von mir ab und ich atme erleichtert aus. Ich bin in Sicherheit.
Als könnte er meine Gedanken lesen, stellt er mir in der Küche Milch zum Trinken hin und wartet geduldig, bis ich die Schale leer habe. Dann verfrachtet er das Gefäß in die Spüle und führt mich zurück in den schlichten Wohnraum, wo wir uns beide auf der Couch niederlassen. Er nimmt mich vorsichtig auf seinen Schoß, und ich habe nichts dagegen, als seine sanften Hände anfangen, mein schwarzes Fell zu streicheln. Genüsslich strecke ich mich seinen zarten Händen entgegen und kann nicht verhindern, dass ich beginne zu schnurren. Ich erschrecke kurz vor meiner ungewollten Reaktion, doch ein sanfter Blick genügt, um meine Zweifel mit einem Wisch zu vertreiben. Solange ich nur in diese herrlich strahlenden Augen blicken kann, darf er alles tun. Von mir aus sogar ein Halsband anlegen. Solange es nur seine samtweichen Hände tun …
„Verdammt!“, wütend schleudere ich mein Kissen gegen die grau plattierte Steinmauer meines Zimmers. Dies war nun schon der dritte Traum von Mick an diesem endlos erscheinenden Tag. Die letzten drei Tage zuvor war es auch nicht besser gewesen. Mein Körper schreit geradezu nach erholsamen Schlaf, wieso mag das einfach nicht gelingen?!
Meine Hände zittern, als ich meinen Kopf in ihnen vergrabe. So wird das nie etwas. Wann hört das endlich auf? Wo kommen auf einmal diese verfluchten und immer wiederkehrenden Träume her? Ich fahre mir durch mein müdes Gesicht und reibe meine brennenden Augen. Wie ein unerbittlicher Fluch, hartnäckig und an den Kräften zerrend.
Genervt stehe ich auf, denn ich habe keine Lust, ein weiteres Mal einzuschlafen und einem solch erniedrigenden Traum zu erliegen. Wie ist so etwas möglich? Was hat er mit mir gemacht? Das ist doch sonst nicht meine Art! So beschissen ging es mir noch nie. Meine Gedanken fahren Achterbahn, ohne dass ich in der Lage bin, die Notbremse zu ziehen! Wie kann mich ein dummer Mensch nur so verwirren? Was bildet sich dieses niedere Wesen nur ein?!
Aufgewühlt laufe ich in meinem kleinen Zimmer auf und ab, fahre mir immer wieder durch meine zerzausten Haare. Ich versuche, mich zu beruhigen, meinen donnernden Puls zu bändigen, doch andauernd taucht sein lächelndes Gesicht vor mir auf, seine strahlend grünen Augen, in denen eine tiefe Traurigkeit versteckt liegt, und ich erinnere mich abermals an die Wärme seiner Haut und seiner sanften Hände.
Verzweifelt schlage ich gegen die kalte Zimmerwand. Ich weiß einfach nicht mehr weiter. Es kann nicht sein, dass meine Arbeit darunter leidet. Zugegebenermaßen hatte ich die letzten drei Tage Glück und konnte meinen Standard halten, aber wenn der Schlafmangel und die zermürbende Unkonzentriertheit so weitergehen …
Unentschlossen sehe ich mich im Raum um und zum ersten Mal fällt mir auf, wie leer und ungemütlich mein Zimmer ist. Ich drehe mich zu meinem Einzelbett um, die frisch bezogene Decke liegt zerknüllt und lieblos oben drauf und bietet einen trostlosen Anblick meines verlorenen Kampfes. Erneut spüre ich die Wut in mir aufsteigen. Ich hasse Dinge, die ich nicht kontrollieren kann, Situationen, die mir entgleiten. Angewidert von meiner Hilflosigkeit wende ich mich von meinem Bett ab und drehe mich nach rechts, wo mein schmaler Kleiderschrank aus Buche steht. Was soll ich jetzt nur tun? Das Ganze ist so verfahren, so verwirrend, so erschöpfend.
Wieder beginne ich, durch mein kleines Schlafzimmer zu laufen und mein Blick schweift zu meinem kahlen Schreibtisch, den ich noch kein einziges Mal benutzt habe. Wozu auch? Abermals drängen sich Gedanken von Mick in meinen Kopf, wie er bäuchlings auf seinem Balkon liegt, den Blick hingebungsvoll und tief in seinen Blättern vergraben.
Verdammt! Nicht schon wieder! Ist das eine Krankheit? Es fühlt sich zumindest so ähnlich an. Das bin doch nicht mehr ich! Irgendetwas geht hier nicht mit rechten Dingen zu. Es muss sich dabei einfach um eine Art Fluch handeln! Doch egal, was es ist, es kommt nicht infrage, dass ich mich dermaßen erniedrigen lasse! Ich bin ein Dämon und kein abhängiges, kleines Tier. Zwar gehöre ich der niederen Kaste an, aber immerhin tausendmal besser als ein sterblicher Mensch! Ich bin kein niedlicher Mäusejäger, der sich streicheln und füttern lässt, weil ein dreckiger Sterblicher es möchte! Und schon gar nicht lasse ich mir ein Halsband wie ein höriges Haustier umlegen! Ich weiß, dass es nur Träume sind, allerdings lassen sie mich nicht mehr los. Das darf ich mir nicht gefallen lassen! Niemand hat mich fertig zu machen, so zu demütigen! Ich kann das nicht mehr länger hinnehmen! Ich möchte mein altes, gleichgültiges Leben zurück. Genauso wie es vorher war, bevor ich ihn kennengelernt habe! Ich möchte meine Arbeit nachts verrichten, meinen Herrn zufriedenstellen und tagsüber schlafen! Strukturiert, einfach und gut.
Ich atme tief durch und als ein Gedanke durch meinen Kopf schießt wie ein krachender Blitz, gelingt es mir tatsächlich, mich wieder zu beruhigen. Natürlich, das ist die Lösung. Gar kein Problem! Es gibt einen Weg, es zu bewerkstelligen, und ich bin wild entschlossen, ihn zu gehen: Ich werde heute Nacht Micks Leben aushauchen, dann ist ein für alle Mal Schluss mit diesem Chaos!
***
Mit klopfendem Herzen springe ich den Pfad der kaputten Hausmauer hinauf zu Micks Balkon. Wie nicht anders zu erwarten, steht das Fenster wieder einladend offen. Nun gut, bringen wir es hinter uns! Behände hüpfe ich in die Wohnung und warte. Stille. Mein Blick schweift suchend durch den Raum, aber ich kann nichts Außergewöhnliches entdecken. Alles ist aufgeräumt wie immer. Ungeduldig tapse ich in den Flur und bemühe mich, äußerst laut dabei vorzugehen. Allerdings kommt er mir nicht wie erwartet freudig entgegen. Wütend schaue ich in die Küche. Auch hier kein Lebenszeichen von Mick. Wo steckt er nur? Warum ist er noch nicht daheim? Was fällt ihm ein, mich auch noch warten zu lassen, wo er doch der Grund für meinen schlechten Gemütszustand ist?!
Ich spüre eine brodelnde Hitzewelle in mir aufsteigen, unaufhaltsam wie eine rollende Lawine. Meine Krallen fahren in den vergilbten PVC-Boden und unruhig flitzen meine Blicke umher. Immer mehr wird mir bewusst, dass er der Grund allen Übels ist, und dass er mich jetzt auch noch warten lässt. Er wird schon sehen, was er davon hat!
Wie von einer Tarantel gestochen flitze ich ins Wohnzimmer und springe auf die Holzkiste, die als Tisch dient. Noch nie in meinem Leben habe ich mich so enttäuscht und verbittert gefühlt. Erbost schlage ich das Bild und eine Kerze herunter. Etwas lacht innerlich in mir auf und ich gebe nun vollends nach und lasse mich von den schlagenden Wellen des gnadenlosen Zorns treiben. Eilig wetze ich zur Anrichte und schmeiße alles herunter, was nicht niet- und nagelfest ist. Mein Atem rast mit meinem Puls um die Wette, als ich mich nach neuen Gegenständen zum Zerstören umsehe, doch im Wohnzimmer werde ich nicht mehr fündig. Hektisch sause ich in die Küche und setze meinen Weg der Vernichtung fort. Mal sehen, was du dazu sagst, du mickriges Ungeziefer!
***
Müde von meiner Raserei liege ich auf der Couch und warte, bis er heimkommt. Ich möchte sein Gesicht sehen, wenn er das Chaos in seiner Wohnung sieht. Als ich das Klacken des Türschlosses vernehme, öffne ich meine Augen, bewege mich allerdings keinen Millimeter. Er wird schon von allein herkommen. Ein gehässiges Grinsen durchzieht mein Gesicht bei der Vorfreude über seine erboste Reaktion, die wohl gleich erfolgen wird. Ich höre, wie sich die Tür langsam unter Knarren öffnet und schließt. Er läuft in die Küche und plötzlich bleiben die Schritte abrupt stehen. Irgendetwas fällt schallend zu Boden. Ich vermute, dass er seine Umhängetasche hat fallen gelassen. Dann vernehme ich seine schnellen Schritte, wie sie erst in das Schlafzimmer rennen, um den Schaden zu mustern und schließlich in das Wohnzimmer. Ich hebe leicht meinen Kopf und sehe, wie er sich mit weit aufgerissenen Augen panisch umsieht. Zuerst zur Anrichte, dann auf den Boden, schließlich zum Tisch und dann auf mich. Fassungslos verharrt er in seiner Bewegung und mir fällt auf, wie blass er geworden ist. Ich zucke unweigerlich zusammen und weiß nicht einmal warum.
„Du … du warst das?“, höre ich seine leise gehauchten Worte, die voller Verwunderung sind, jedoch gänzlich ohne Zorn. Im Gegenteil: Seine gesamte Anspannung scheint sich mit einem Mal zu lösen und ein erleichtertes Lächeln gleitet über sein porzellanweißes Gesicht. Er atmet tief aus und streicht sich durch seine ölverschmierten Haare.
„Mann, hast du mich erschreckt! Gott sei Dank! Und ich dachte schon, jemand wäre hier eingestiegen!“
Ich starre ihn unverändert an. Natürlich ist hier jemand eingestiegen und zwar ich! Wo bleibt seine Wut über die Verwüstung, die ich angerichtet habe? Wo bleibt der erwartete Gefühlsausbruch? Irritiert sehe ich ihm zu, wie er anfängt, die umgeschmissenen Gegenstände wieder aufzuheben und an ihren ursprünglichen Platz zu stellen. Wie kann er nur so ruhig dabei bleiben? Was stimmt mit diesem Kerl nicht? Das ist doch nicht normal! Der bringt mich total aus der Fassung!
„Du hattest bestimmt Hunger und warst enttäuscht, dass niemand da war, um dich zu füttern.“
Mick blickt mich mitfühlend an und elektrisierende Stromstöße durchschießen meinen Körper. Ich bin gelähmt, als seine warme Hand mich sanft beginnt am Nacken zu kraulen.
„Es tut mir leid, ich musste wieder Überstunden machen. Ich hole dir gleich was. Komm!“
Er gibt mir einen leichten Schubs, sodass ich von der Couch springen muss. Alles in mir sträubt sich, doch meine Pfoten setzen sich wie von allein in Bewegung und folgen ihm. Am liebsten würde ich mir selbst quer durch das Gesicht kratzen!
Wie gewohnt richtet er mir in der Küche eine Schale mit Milch und stellt diese vor mich auf den Boden. Na gut. Tun wir ihm halt den Gefallen, denn immerhin ist heute der letzte Tag seines Lebens. Artig trinke ich die dickflüssige Brühe aus, während er umhergeht und seine verwüstete Wohnung mit einer Engelsgeduld in Ordnung bringt. Gelangweilt bleibe ich im Flur sitzen und beobachte ihn dabei. Als er schließlich ins Badezimmer geht, werde ich schlagartig wach und tappe ihm vorsichtig hinterher. Ich setze mich zwischen den Türrahmen und sehe ihm gespannt zu, wie er gedankenversunken sein weites T-Shirt über seinen Kopf streift und seinen wohlgeformten Oberkörper freigibt. Leichte Bauchmuskeln zeichnen sich auf der blütenweißen Haut ab, noch schöner, als ich es mir vorgestellt habe. Achtlos lässt er sein T-Shirt auf den Boden gleiten. Er scheint mich gar nicht zu bemerken und ich habe auch nichts dagegen. Ich kann den Blick nicht von ihm abwenden, auch nicht als seine Hände verheißungsvoll zu seinem Hosenbund gleiten. Ungeduldig warte ich, bis seine schlanken Finger den Knopf und den Reißverschluss seiner Jeans öffnen und er seine Jeans fast anmutig hinunterfahren lässt. Schwarze, enganliegende Boxershorts lächeln mir verlockend entgegen und machen mir Appetit auf mehr. Ich lecke mir hungrig über meine Lippen und spüre, wie mein Herz immer lauter zu schlagen beginnt wie ein Buschfeuer im tiefsten Dschungel. Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit, obwohl es sich nur um wenige Sekunden handeln kann, bis seine Hände die letzte Hülle entfernen und er völlig nackt vor mir steht. Ich muss schlucken, als ich seinen knackigen Hintern sehe. Sein Körper scheint einfach perfekt. Noch nie zuvor habe ich so ein harmonisches Zusammenspiel von Muskeln und Zerbrechlichkeit gesehen. Wenngleich ich auch merke, dass mir die Entwicklung der Situation nicht gefällt, ich kann einfach nicht wegsehen und starre ihn unverblümt an. Vorsichtig steigt er in seine kleine Duschkabine. Als das Wasser auf seine Haut prasselt wie ein kleiner Regenschauer, schließt er genießend seine Augen und lässt seinen Kopf in den Nacken fallen. Durchsichtig glänzende Tropfen perlen seidig an seiner Haut nieder und vertreiben das schwarze Motorenöl auf seinem Körper, während er fast sinnlich mit dem Wasser zu spielen scheint. Sein Anblick irritiert mich und noch mehr als das: die Reaktion meines eigenen Körpers. Mein Herz rast wie wild, als wolle es aus meiner Kehle springen, und schmerzt. Mir ist unglaublich heiß, dabei hat er keine Heizung an.
Mein Blick wandert immer wieder über seine nackte Haut und ich frage mich, wie er dabei so unverschämt unschuldig aussehen kann. Ich schließe kurz meine Augen. Irgendwie muss ich mich doch seinem Bann entziehen können und wieder Herr meiner Sinne werden.
„Hey, was suchst du denn hier drin? Ich dachte, Katzen mögen kein Wasser?“
Ich zucke kurz zusammen, als ich seine fragende Stimme höre. Er ist mit der Dusche fertig und wickelt sich ein Handtuch um die Lenden. Ich seufze leicht auf, als mir der Blick auf die verführerischen Rundungen seines Hinterns wieder verwehrt wird, und starre ihn so gleichgültig wie nur möglich an, in der Hoffnung, dass er mein überlaut pochendes Herz nicht hört. Mein Atem scheint zu stocken, als er sich plötzlich ganz nah zu mir runter beugt und mich mit zusammengekniffenen Augen und ernstem Gesichtsausdruck mustert. Für einen Augenblick steht die Welt still.
„Wie ungewöhnlich … du hast ja blaue Augen!“
Er streicht mir zärtlich über den Kopf, bevor er mich hochhebt und ins Schlafzimmer trägt. Mir entfährt ein wohliges Schnurren, als ich feststelle, dass seine Haut sich genauso weich und warm anfühlt wie sie aussieht. Ein letztes Mal will ich seine Zärtlichkeit genießen, dann ist endlich Schluss mit dem Spielchen und sein Leben gehört mir.
Kapitel 10
Skip:
Langsam stehe ich auf und strecke vorsichtig meine Glieder. Mit jeder Dehnung meiner ermatteten Muskeln merke ich, wie die Müdigkeit aus mir weicht und mein Verstand wieder klarer wird. Ein schönes Gefühl. Ich blicke nach links, wo Mick auf dem Rücken liegend schläft. Der Halbmond scheint hell durch das große Fenster und hüllt sein Schlafzimmer in schimmerndes Licht.
Leichtfüßig springe ich von seinem Bauch und bahne mir den Weg zu seinem Gesicht, welches er leicht nach rechts geneigt hat. Sein Brustkorb hebt und senkt sich langsam zum Takt einer lautlosen Melodie seines Atems. Seine Haut wirkt im Mondschein elfenblass und seine sanften Gesichtszüge geben ihm in diesem Moment etwas zerbrechlich Wirkendes. Sein Anblick beherbergt in diesem Augenblick etwas Magisches und ich muss schlucken. Mein Herz beginnt wieder schneller zu schlagen und ich schüttle sofort meinen Kopf und schließe meine Augen. Ich darf jetzt nicht schwach werden, nicht wieder nachgeben! Mein Entschluss steht fest: Mick muss sterben und genau das werde ich jetzt bewerkstelligen! Denn er verändert mein Verhalten ins Negative und verschlechtert meine Konzentration und Arbeit! Ich weiß zwar nicht, wie er das macht, doch ich darf es nicht weiter hinnehmen! Die Demütigung, die Erniedrigung, damit ist nun endgültig Schluss!
Entschlossen sehe auf sein friedliches Antlitz. Ich frage mich, was für eine Aura in ihm schlummert und schleiche näher, bis ich dicht vor ihm stehe. Ich hole noch einmal tief Luft und vertreibe den letzten Funken Nervosität. Dann konzentriere ich mich, bis ich den Schlag seines Herzens und den Rhythmus seines Atems deutlich hören kann. Gemächlich zeichnen sich die Konturen der Energien ab, die ihn umgeben. Strahlend hell, wie das Sternenlicht selbst, als wäre er vom Nachthimmel heruntergefallen. Ich kann mein Glück nicht fassen und verharre. Wie kann das sein? In seinem Alter … er hat eine ungewöhnlich weiße und reine Aura.
Abermals muss ich kurz schlucken und etwas tief in mir drin zögert. Woher kommen jetzt diese Zweifel? Ich sollte mich freuen, dass er eine so gute und kräftige Lebensenergie hat, denn die Anerkennung meines Herrn wird mir dadurch gewiss sein. Warum hadere ich mit meinem Entschluss? Er ist nichts weiter als ein nutzloser Mensch und verdient es nicht, hier auf der Erde zu wandeln! Nicht mehr und nicht weniger.
Ich schließe meine Augen und beuge mich nahe zu seinem geschlossenen Mund. Ein kleiner vorsichtiger Schubs mit meiner Nasenspitze an seine federweichen Lippen genügt, um sie zu öffnen. Ich hole tief Luft und spüre, wie sein Lebenshauch hochgezogen wird, genau in meine Richtung, um gefressen zu werden. Ein weiteres Mal atme ich tief ein und verliere mit einem Mal den Halt unter meinen Pfoten, als er sich ruckartig von mir weg und auf die Seite dreht. Benommen taumle ich zurück und knalle unsanft auf den harten Boden auf. Ich unterdrücke einen überraschten Aufschrei und bleibe bewegungslos am Fußboden liegen, während meine Seite schmerzhaft im pochenden Takt aufzuheulen beginnt. Mit weit aufgerissenen Augen schaue ich nach oben, doch keine weitere Bewegung folgt. Ich spitze meine Ohren, aber außer dem Klang meines aufgeregt trommelnden Herzens ist es still. Meine Gedanken wirbeln wild durcheinander und es dauert eine Weile, bis ich diese wieder unter Kontrolle habe. So etwas ist mir noch nie passiert. Wie konnte er das Ritual der Lebensübergabe einfach so unterbrechen? Sind meine Fähigkeiten schon dermaßen beeinflusst?
Verdattert rapple ich mich auf. Das kann ich unmöglich hinnehmen! Noch nie habe ich eine Niederlage einstecken müssen und heute soll nicht das erste Mal werden! Fast geräuschlos bewege ich mich auf und verharre eine Minute. Als ich mir sicher bin, dass er immer noch schläft, springe ich elegant auf das Bett, direkt vor seinen Oberkörper. Seine Miene ist unverändert sorglos, als wäre sie von einem Künstler gemalt worden. Seine linke Hand hat er unter das Kopfkissen vergraben, während die rechte Hand sich in die Bettdecke gekrallt hat, als wolle er sich an ihr festhalten, um nicht zu fallen. Bei dem Anblick muss ich schmunzeln. Irgendwie niedlich …
Ich schüttle energisch meinen Kopf. Ich darf mein Ziel nicht aus den Augen verlieren. So flink wie möglich schleiche ich über die Decke, um wieder zu seinem Gesicht zu gelangen. Doch kurz bevor ich mein Ziel erreiche, zieht Mick ruckartig an seiner Bettdecke und noch ehe ich realisiere, wie mir geschieht, pralle ich ein zweites Mal hart auf den Boden auf. Nun auf meine rechte Seite, die abwechselnd mit meiner linken schmerzend um die Wette pocht. Ein qualvolles Stöhnen entfleucht meinen Lippen und innerlich verfluche ich die gesamte Menschheit und mein eigenes Unglück. Wieso muss das jetzt passieren? Entnervt verdrehe ich meine Augen und bleibe für ein paar Sekunden liegen, bis das Dröhnen in meinem Inneren etwas abflaut. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass heute nicht meine Nacht ist. Mein Blick wandert durch sein Zimmer und bleibt am Fenster hängen, durch das der Mond mit seiner Gefolgschaft hereinblickt. Ein stummer Zeuge meiner bisher missglückten Tat. Abermals spitze ich meine Ohren, nur um festzustellen, dass er auch jetzt seelenruhig weiterschläft. Ich seufze auf und richte meinen schweren und brennenden Körper wieder auf. Erneut springe ich auf das Bett, diesmal am Fußende, und schlängle mir meinen Weg an das andere Ende. Der dritte Versuch muss einfach funktionieren! Sonst fange ich wirklich an, an meinem Verstand zu zweifeln. Unsicher trete ich an ihn heran und beuge mich zu ihm runter, sodass unsere Gesichter sich fast berühren. Ich zähle langsam bis drei, dann schließe ich meine Augen und öffne meinen Mund, um mein Werk neu zu beginnen und zu vollenden.
„Hatschi!“
Erschrocken fahre ich ein paar Schritte zurück, als Mick zusammenzuckt, was sich als dummer Fehler herausstellt. Ich bin näher an der Kante als ich gedacht habe und wetze meine Krallen verzweifelt im Kampf um das Gleichgewicht in die Matratze. Doch zu spät. Ich spüre die Luft um mich herum sausen und pralle ein drittes Mal ungeschickt auf den Boden auf – direkt auf meinen Hintern. Ich fluche leise und verzweifelt vor mich hin. Das darf doch jetzt nicht wahr sein! Wie viel Glück hat der Kerl eigentlich? Wieso kann ich mir nicht einfach sein Leben wie bei jedem anderen Menschen auch nehmen und dann von hier verschwinden? Wie oft muss ich noch auf meinen Hintern fallen? Als ich höre, wie er sich im Bett räkelt, halte ich den Atem an. Sekunden ziehen sich wie Kaugummi, während ich reglos auf dem Boden sitze und warte.
„Verlauf dich nicht in deinen Träumen“, murmelt er im Halbschlaf vor sich hin, dann ist er sofort wieder eingeschlummert. Skeptisch ziehe ich eine Augenbraue in die Höhe. Was soll das denn bedeuten? Schlagartig drängen sich meine letzten und immer wiederkehrenden Träume der vergangenen Nächte in mein Gedächtnis. Ein Schauer läuft mir über den Rücken. Soll das etwa bedeuten, dass ich in meinen Träumen zu ihm finden soll? Ich schüttle meinen Kopf. Meine Gedanken sind purer Unsinn. Er weiß doch gar nicht, was er da vor sich hin brabbelt! Immerhin waren diese zusammenhangslosen Worte im Halbschlaf geflüstert. Sie können also gar keinen tieferen Sinn ergeben …
Wütend über mich selbst richte ich mich auf. Noch nie in meinem Leben habe ich so versagt. Ich nehme leicht Anlauf und springe nochmals auf das breite Bett und beiße mir leicht auf die Lippen, als ein stechender Schmerz sowohl beim Absprung, als auch beim Aufkommen auf der weichen Matratze, meinen angespannten Körper durchfährt wie ein Stromschlag. Das wird richtig blaue Flecken geben, von meinen schmerzenden Gliedern mal ganz abgesehen, und das alles wegen ihm!
Ich blicke auf sein schlafendes Gesicht. Eine Träne fließt über seine Wange und perlt schließlich auf den hellblauen Bettbezug auf, wo sie geräuschlos versickert. Nur ein kleiner dunkler Fleck verrät ihre Spur, doch schon bald wird auch diese getrocknet und verschwunden sein. Als ich auf diese Stelle sehe, überfällt mich eine grenzenlose Wut. Doch nicht über den erbärmlichen Menschen, sondern über mich selbst. Ich bin nicht einmal in der Lage, einem schlafenden jungen Mann das Leben auszuhauchen! Wie armselig, wie beschämend. Noch nie habe ich mich selbst so gehasst wie in diesem Moment. Je länger ich ihn anstarre, desto größer werden das Gefühl und meine Selbstzweifel. Ich schnaufe verächtlich aus. Glückwunsch! Deine Lebensspanne ist soeben gestiegen!
Deprimiert wende ich mich von ihm ab und springe vom Bett. Ich kann nicht fassen, dass mein Vorhaben so ausgeht, doch ich bin momentan nicht in der Lage, meine Arbeit an ihm auszuführen. Meine erste Niederlage in all den Jahren …
Langsam humple ich aus dem Schlafraum zurück in das Wohnzimmer. Seit wann bin ich derartig schwach geworden? Ich war doch nicht immer so? Wann ist diese Wandlung eingetreten? Wieso habe ich nichts davon mitbekommen? Diese Schwäche wird hoffentlich wieder verschwinden. Sie muss einfach verschwinden! Verbittert beiße ich mir auf meine Unterlippe, während ich das offene Fenster ansteuere. Genervt verziehe ich mein Gesicht, als ich registriere, dass es zu regnen begonnen hat. Dies wird eine verdammt lange Nacht werden, denn ich habe noch kein einziges Leben gesammelt und ohne Erfolge kann ich unmöglich in meine Welt zurückkehren. Ich passiere die als Tisch fungierende Kiste und streife mit meinem Schwanz die darauf liegenden Unterlagen, wodurch ein Blatt locker herunterfällt, direkt neben mich. Frustriert bleibe ich stehen und wende mich schließlich den Notizen zu. Auf ein paar Minuten mehr oder weniger kommt es jetzt auch nicht mehr an. Micks geschwungene Handschrift ziert das Blatt und ich lasse meine Augen darüber schweifen.
Der Hoffnungsschimmer
Eiseskälte weht durch die verschmutzten Gassen,
diese Stadt scheint von allem Guten verlassen.
Egal wohin ich seh, egal wohin ich auch geh,
überall tun sie sich gegenseitig weh.
Hauen sich einander ihre Schädel ein
Schrecken nicht zurück vor groß oder klein.
Niemand ist in dieser Stadt noch sicher
Jeder ist sein eigener Vollstrecker und Richter.
Wer nicht schnell genug ist, wird niedergemacht.
Wer nicht stark genug ist, wird ausgelacht.
Was ist aus dieser Stadt nur geworden?
Ich fühle mich, als sei alles verloren.
Tränen laufen über meine Wangen,
ich bin in meiner eigenen Gefühlswelt gefangen.
Fühle mich falsch an diesem Ort.
Möchte eigentlich nur noch fort.
Heraus aus der nicht enden wollenden Dunkelheit
Die mich zu verschlingen droht von Zeit zu Zeit.
Doch je mehr Tage und Nächte verstreichen,
desto mehr spüre ich ein Teil von mir entweichen.
Tränen füllen und spülen meine Augen,
es fällt mir schwer an das Gute zu glauben.
Doch tief in mir drin, fest verborgen,
ist ein Funke Hoffnung noch nicht verloren.
Der Hoffnungsschimmer trägt deinen Namen
Auch wenn ich diesen noch nicht kann erahnen.
So will ich dich suchen und auf dich warten
Und in dieser grausamen Stadt verharren.
Ich bin voller Zuversicht, du tust es auch
Und hoffe, dass du mich genauso brauchst.
Zusammen werden wir die Gefahren bestehen
Und gemeinsam in die Zukunft gehen.
Die Freude auf dich, ist riesengroß.
Wenn ich dich finde, lass ich dich nie mehr los.
Will dir alles, was ich habe, schenken
Und mich nie mehr von dir wenden.
Deswegen bitte ich dich, gib nicht auf
Egal wo du bist, vertraue darauf,
Lass dich von der Hoffnung leiten
Und dich in meine Arme treiben.
Regungslos stehe ich da und starre auf das handgeschriebene Gedicht. Mein Verstand scheint wie leergefegt und ich kann keinen klaren Gedanken fassen. Mein ganzer Körper zittert leicht und mir fröstelt. Mein Herz tanzt wie wild durch meinen Brustkorb, ohne einen richtigen Takt zu finden. Unverändert stiere ich auf das Blatt und lasse meine Augen immer wieder über die einzelnen Zeilen gleiten. Ein ungekanntes Gefühl der Sehnsucht macht sich in mir breit wie eine unaufhaltsame Krankheit. Mir wird flau im Magen und ich muss leicht würgen. Als draußen ein lautloser Blitz die trostlose Nacht erhellt, kann ich mich aus meiner Paralyse reißen und ich komme langsam wieder zu Sinnen. Sichtlich verwirrt sehe ich mich um. Ich begreife einfach nicht, was mit mir geschieht.
Mit wankenden Pfoten laufe ich zum Fenster und meine Schritte werden immer schneller. Ich muss hier raus, einfach nur noch weg! Alles hinter mich lassen. Die Wohnung, das Gedicht und vor allen Dingen diesen ahnungslosen Menschen …
Kapitel 11
Mick:
„Hey, kommst du? Mach hinne, nicht schon wieder Überstunden ackern, Junge!“, ruft mir Thomas spaßig, jedoch mit ermahnendem Unterton zu. Ein missmutiges Grinsen huscht über mein Gesicht. Ich ziehe noch schnell die Schrauben fest, dann räume auch ich mein Werkzeug auf die Seite.
„Keine Sorge, ich bin gleich soweit!“
„Gut, aber dalli, dalli! Wir sind schon in der Dusche!“
Ich höre, wie er die Tür zur Umkleidekabine schließt, und seufze auf. Obwohl ich damit gerechnet habe, dass der Kater heute Morgen nicht mehr da sein wird, trifft mich die Tatsache dennoch ziemlich tief. Ich weiß, wie kindisch das Ganze ist, doch meine Gefühle kann ich nicht ändern. Der Gedanke, dass er jeden Tag vorbeikommen würde und – ich schüttle schnell meinen Kopf. So einsam kann ich doch gar nicht sein, dass ich mich verzweifelt an eine streunende Katze klammere, oder etwa doch?
Diesen neu eingeschlichenen Charakterzug muss ich ganz schnell wieder loswerden, denn damit tue ich mir keinen Gefallen. Habe ich in all den Jahren nichts gelernt? Sich ab und an allein zu fühlen, ist ja schließlich nichts, was einen umbringt oder dauerhaft schädigt. Da haben andere schon größere Probleme und Sorgen. Also kein Grund, den Kopf hängen zu lassen. Schnell klappe ich meinen Werkzeugkasten zu und verstaue diesen in meinem ausgebeulten Schließfach. Vielleicht tut mir dieser Abend mit meinen Kollegen ganz gut. Ich habe zwar nicht sonderlich Lust, mich bei ihrer Kneipentour dazuzugesellen, allerdings kann etwas Abwechslung aus dem Alltagstrott nicht schaden. Außerdem tragen solche Abende dazu bei, das Betriebsklima und den Zusammenhalt zu fördern.
Ich krame meine Kleider aus dem Spint und begebe mich schließlich zu meinen Kollegen in den Umkleidebereich, der für uns sieben Mann viel zu eng ist. Eilig streife ich mir meine schmutzigen Arbeitsklamotten hinunter und lasse diese erst einmal an Ort und Stelle liegen. Ich hasse es, hier zu duschen, und meide es, so oft ich kann.
„Hey Mick! Jetzt musst du dich aber ranhalten, wir sind schon fast fertig!“
Ich verziehe meine Mundwinkel zu einem Lächeln und verschwinde mit einem ‚Geht klar‘ in den kleinen Duschraum, der insgesamt drei Duschköpfe beherbergt. Die Luft ist unangenehm feuchtkalt und ich stelle mich schnell unter eine Dusche und drücke gefühlte Stunden auf den klemmenden Knopf, bis endlich mit einem lauten Brummen das frostige Wasser auf mich niederprasselt wie ein kleiner, harter Regenschauer. Automatisch zuckt mein Körper im ersten Moment zusammen, bis er sich an die Temperatur gewöhnt hat, dann beginne ich hastig den hartnäckigen Dreck von meiner Haut zu schrubben, die sich schmerzlich rötet. Ungeachtet dessen reibe ich weiter, bis die Arbeitsspuren verschwunden sind und wasche im Schnellverfahren meine Haare. Die anderen haben die Kabine schon verlassen.
Behände schnappe ich mir mein Handtuch und eile – noch während ich mich notdürftig abtrockne – zurück in den Umkleideraum. Nur noch Jürgen sitzt dort auf der wackeligen Holzbank und bindet sich gerade seine Schuhe zu.
„Das ging jetzt aber fix. Die anderen sind schon draußen“, äußert er sich kurz und widmet sich dann wieder seinen Schnürsenkeln. Indessen streife ich mir in Rekordzeit meine Wechselklamotten über und frisiere meine nassen Haare. Ohne zu warten oder noch etwas zu sagen, verlässt Jürgen den Raum und ich sehe ihm kurz nach. Ich kann mir schon denken, wie dieser Abend verlaufen wird, doch vielleicht bin ich ja auch einfach nur ein Pessimist, der vom Gegenteil überzeugt werden möchte. Flink ziehe ich meine Schuhe an und springe nach draußen. Der Männerabend kann beginnen.
***
„Hey, seht ihr die Schnalle da hinten? Die ist auch top, zumindest ihre Glocken!“
Zustimmendes Gelächter bricht am Tisch aus, doch ich kann nur ein gezwungenes Lächeln zustande bringen. Dieses Gerede über das andere Geschlecht, als würde es sich hierbei um Schlachtvieh auf dem Markt handeln, mochte ich noch nie. Das Begaffen und Angraben im Konkurrenzkampf, nur um zu sehen, wer welche und wie viele rumbekommt … nein danke. Ich weiß nicht, ob bei mir schlichtweg etwas schiefgelaufen ist, denn immerhin scheinen es alle so zu machen. Mit mir muss also folglich was nicht stimmen. Ich seufze lautlos auf und versuche, meine Konzentration auf die belanglosen Gespräche meiner Arbeitskollegen zu bündeln. Was ich jetzt alles machen könnte, wenn ich nicht hier sitzen würde ...
„Seht ihr die Blonde da hinten? Die steht total auf mich! Ich sag euch, die leg ich heut noch flach! Jede Wette!“
„Niemals, Junge! Guck doch, die lächelt mich an!“
„Quatsch, die zwinkert mir doch schon die ganze Zeit über zu!“
„Junge, bild dir doch nichts ein! Die steht auf richtige Männer!“
„Ich wette mit dir um nen Fuffi, dass ich die heute Nacht noch knalle!“
„Haha! Hört euch das an! Robert wird heute pleite! Also gut. Versuch dein Glück, die Wette gilt, ich bin dabei!“
Mit Feuereifer werden nun Wetten abgeschlossen. Keine Ahnung, für wen oder was ich genau wetten soll, allerdings erledigt sich die Frage von selbst, denn ich werde erst gar nicht gefragt. Gelangweilt nippe ich an meiner Cola, sehe mich in der verrauchten Kneipe um und versuche dabei, nicht allzu desinteressiert zu wirken. Irgendwie ist es ständig dasselbe. Ein Grund dafür, dass ich mich gerne vor solchen Abenden drücke. Vielleicht ist der Altersunterschied zu hoch? Immerhin sind meine Kollegen alle über dreißig und ich habe die zwanzig noch nicht erreicht.
Mein Blick schweift über die poröse, rauchig graue Betonmauer, über die zahlreich überfüllten Tische in der kleinen Lokalität, auf denen sich Bierflaschen und Whiskeygläser stapeln. Überall das gleiche Bild: unzählige Männer gemischter Altersklassen, die massenweise Alkohol in sich rein schütten und sich am Anblick der halbnackten Frauen an der Theke erfreuen, die sich mit hungrigen Blicken in der besoffenen Männerhorde umsehen. Augenpaare suchen und finden sich. Neugefundene Paare tauschen flüchtige, nichtssagende Worte miteinander aus, begrapschen sich prüfend gegenseitig, um dann für ganze fünf Minuten auf den besudelten Toiletten, im Auto oder um die nächsten Straßenecken zu verschwinden. Manche kommen mit einem dämlich grinsenden Gesichtsausdruck wieder in die vernebelte Kneipe, andere sind vorerst gesättigt und besuchen den Ort erst in ein paar Tagen wieder. Ein ständiger Kreislauf zur Befriedigung der Instinkte. Absolut nicht meine Welt. Ich fühle mich völlig fehl am Platz. Wo bleibt die Romantik, die Liebe?
Während das immer gleiche Schauspiel seinen Lauf nimmt, sehe ich zu, wie mein angetrunkener Kollege forsch und selbstsicher zum Objekt der Wette marschiert. Ich höre den Rest meiner Arbeitskollegen hämisch lachen und nippe nochmals an meiner Cola, als ich in die Seite angestoßen werde. Jürgen sieht missbilligend auf mein Getränk und schüttelt verneinend den Kopf. Ich kann mir denken, was jetzt kommt, und meine Befürchtungen werden sogleich bestätigt.
„Micky, das kann jetzt nicht dein Ernst sein, oder? Was säufst du denn da die ganze Zeit? Du brauchst was Richtiges! Was für Männer und nicht so ein Pussygetränk!“
Schnell schiebe ich mein Glas in Sicherheit und lächle ihn gespielt und seelenruhig an.
„Später vielleicht. Für den Anfang soll das erst einmal reichen.“
Jürgen verdreht genervt die Augen und holt mit seinen Händen zu einer theatralischen Gestik aus.
„So wird das nie was, Junge. Schau dir doch mal all die heißen Bräute an! Die wollen einen richtigen Kerl! Mit ner Cola kommst du da nicht weit!“
Ich grinse leicht und zeige in Roberts Richtung, der von der Blondine im knappen Outfit gerade eine schallende Ohrfeige erntet.
„Scheint so, als hätte das bei ihm nicht gerade geholfen!“
Meine Kollegen brechen in schallendes Gelächter aus und Robert schlängelt sich seinen Weg durch die angeheiterte Menschenmasse zurück an unseren Tisch. Die gesamte Aufmerksamkeit richtet sich nun wieder auf ihn, doch schon nach kurzen Wortfetzen kann ich gedanklich dem stupiden Gespräch nicht mehr folgen. Zu niedrig ist meine Konzentration, zu tief meine Lustlosigkeit an dem heutigen Abend. Teilnahmslos sitze ich am Tisch und beobachte das rotierende Trauerspiel der verschiedenen Leute, die sich alle schon längst aufgegeben zu haben scheinen.
***
Meine Augen brennen von dem Zigarettenqualm, der sich in der ganzen Kneipe breitgemacht hat und diese einhüllt wie eine zweite Haut. Selbst die taumelnden Körper sind nur noch unscharf wahrzunehmen und es fällt mir schwer, einen Hustenreiz zu unterdrücken. Ich bin der Einzige, dem es so geht. Wahrscheinlich hilft der Alkohol über die Situation hinweg oder tötet die Sinne Stück für Stück ab. Vielleicht hätte ich doch etwas Alkoholisches trinken sollen.
Ich reibe mir kurz meine juckenden Augen und werfe einen Blick auf meine Armbanduhr. Fast 22 Uhr. So langsam kann ich mich davonmachen. Ich habe es lange genug ausgehalten und meine Pflicht somit erfüllt. Meine Kollegen haben ihren Alkoholpegel schon längst überschritten und nehmen mich ohnehin nicht mehr wahr. Es macht also keinen Unterschied, ob ich bleibe oder gehe.
Ich leere hastig mein Glas und muss husten, als ich mich verschlucke. Da meine Arbeitskollegen momentan zu sehr mit Flirten und Prahlen beschäftigt sind, beschließe ich, sie dabei nicht zu stören und mich ohne Verabschiedung zu entfernen. Ich weiß, dass sie mir das nicht krummnehmen werden. So war es bisher immer gewesen. Denn auch wenn ich mich damals unzählige Male verabschiedet habe, am nächsten Tag wusste davon sowieso keiner mehr etwas.
Entschlossen stehe ich auf, schnappe mir meine Jacke und Umhängetasche. Dann bahne ich mir vorsichtig meinen Weg durch die taumelnde und grölende Masse in Richtung Ausgang, der in diesem Augenblick so verlockend zu sein scheint wie das himmlische Tor zum Paradies. Geduldig schiebe ich achtsam die Leute auf die Seite, obwohl alles in mir schreit, einfach nur so schnell wie möglich aus dieser Räucherkammer zu entkommen. Dabei achte ich sorgfältig darauf, besonders den Frauen nicht in die Augen zu schauen, da ich keine falschen Signale aussenden möchte. Ich habe die Tür fast erreicht, als sich plötzlich eine Blondine im roten Minikleid, das gerade mal das Nötigste verdeckt, vor mich stellt und den Ausgang versperrt. Ihre rotgeschminkten Lippen lächeln mich verschmitzt und etwas schmollend zugleich an und ihre grasgrünen Augen mustern mich von oben bis unten wie einen Gratishappen. Ich kann mir nicht helfen, aber irgendwie kommt sie mir bekannt vor.
„Entschuldigung, kennen wir uns irgendwoher?“, frage ich etwas unbeholfen und könnte mir im selben Moment in den Hintern treten, als mir klar wird, dass meine Frage wie ein einfallsloser Anmachspruch klingt. Ihre großen Lippen verziehen sich gespielt böse und sie fährt sich mit einer Hand durch ihr gewelltes, hüftlanges Haar, wobei mein Blick unweigerlich auf ihren übertriebenen Ausschnitt und auf ihre üppigen Brüste fällt. Peinlich berührt starre ich zur Seite, doch sie dreht mein Gesicht mit ihrer rechten Hand zu sich, sodass ich sie ansehen muss.
„Na hör mal. Da versuche ich, dich den ganzen Abend zu betören, und du würdigst mich nicht mal eines Blickes! Stattdessen kommen deine dämlichen Kameraden und labern mich plump von der Seite an! Und jetzt kannst du dich nicht einmal erinnern, wer ich bin? Ich bin wirklich entsetzt! Dabei habe ich mir so viel Mühe gegeben und das tu ich echt nicht für jeden! Das kannst du mir glauben.“
Sie zwinkert mir verführerisch zu, um dann gleich darauf eine gekünstelte Unschuldsmiene aufzusetzen. Jetzt wird mir auch bewusst, woher ich sie kenne: die Frau mit der schallenden Ohrfeige für Robert. Ein leichtes Grinsen huscht bei der Erinnerung über mein Gesicht.
„Tut mir leid. Heute ist nicht so ganz mein Tag …“
„Aber er könnte es werden.“
Sie tritt auf mich zu, so nahe, dass uns nur noch ein paar Zentimeter trennen, und fährt mir spielerisch mit ihrem Zeigefinger über meinen Oberkörper zu meinem Hosenbund. Mir wird flau im Magen. Wie bringe ich das jetzt, ohne sie zu beleidigen, über die Bühne? Vorsichtig aber bestimmend hebe ich ihre Hand fest und schiebe sie leicht von mir.
„Es tut mir leid, aber ich schätze, daraus wird nichts. Seien Sie bitte nicht sauer, Sie sind eine sehr attraktive Frau, allerdings … ich, ähm …“
„Süßer, ich heiße Jessy. Du musst mich also nicht siezen, immerhin trennen uns höchstens fünf Jahre, die ich älter bin als du.“
Sie grinst mir amüsiert entgegen und kommt mir gefährlich nahe, wobei ihre Hände nach meinen greifen. Durch ihre Absatzschuhe ist sie fast so groß wie ich selbst und sie braucht sich nicht zu strecken, als sie ihre Stirn an meine lehnt und flüstert: „Du bist wohl einer von der schüchternen Sorte. Die trifft man nicht oft und vertrau mir, Süßer, du hast überhaupt keinen Grund so zurückhaltend zu sein!“
Sie beißt mir verspielt in die Lippen und ihre linke Hand wandert auf meinen Hintern, wo sie herzhaft hineinzwickt. Ich zucke automatisch zusammen und schiebe sie nun etwas unsanfter als beabsichtigt von mir. Ihre Gesichtszüge scheinen im ersten Moment zu entgleisen, dann fasst sie sich wieder und schaut mich auffordernd an.
„Das hat damit nichts zu tun. Ich bin nicht der, den Sie … den du suchst. Sorry, aber eigentlich hättest du das schon merken müssen, als ich deine Blicke vorhin nicht erwidert habe“, gebe ich etwas schroff zurück, doch meine Geduld ist nun wirklich aufgebraucht. Ihre Miene verfinstert sich.
„Oh nein. Sag jetzt bloß nicht, dass du einer von denen bist?“
Irritiert blicke ich die Blondine an, doch noch bevor ich nachhaken muss, ergänzt sie von selbst: „Na ein Schwuli! Einer vom anderen Ufer! Verdammt, warum muss immer ich Pech haben? Das ist so ungerecht!“
Sie blickt mich weiterhin an, als erwarte sie, dass ich ihr widerspreche. Ich atme einmal tief durch, ehe ich ihr so selbstverständlich wie möglich antworte.
„Doch, ich steh auf Kerle. Da kann man nichts machen. Schönen Abend noch!“
Noch als ich mich hastig an ihr vorbeischlängle, sehe ich, wie ihre Kinnlade entsetzt nach unten klappt und sie mir mit weit aufgerissenen Augen ungläubig nachschaut.
Geschafft! Ich atme die frische Nachtluft ein, die mir in diesem Moment vorkommt wie die pure Erlösung selbst und blicke erleichtert in den sternenbehangenen Himmel, der mich leuchtend willkommen heißt. Erleichtert strecke ich meine vor Müdigkeit fast tauben Glieder, ein angenehmes Prickeln durchzieht meinen Körper. Dann mache ich mich auf den Weg zur nächsten Straßenbahnhaltestelle. Beim Gedanken an die eben erlebte Szene mit dieser Jessy kann ich nur den Kopf schütteln. Wie können sich Frauen nur so billig hergeben und sich selbst zu Lustobjekten herabstufen? Ich muss zugeben, dass mich ihre Anmache nicht ganz kalt gelassen hat, zumindest schien mein Körper es gar nicht mal schlecht zu finden, aber es geht einfach gegen meine Prinzipien. Abgesehen davon stehe ich nicht auf Frauen mit üppigen Brüsten und losem Mundwerk.
Ganz ehrlich war ich ja nicht gewesen, trotzdem habe ich auch nicht gelogen. Immerhin kann ich nicht leugnen, dass ich gegenüber Männern nicht abgeneigt bin, obwohl meine Erfahrungen in der Richtung recht spärlich sind. Mein Liebesleben sieht überhaupt seit einem Jahr ziemlich dürftig aus. Sicher, schnelle Nummern für eine Nacht gibt es etliche und auch ich habe es ein paarmal versucht, doch hinterher habe ich mich immer leerer gefühlt als vorher. Ausgelaugt. Orientierungslos. Unzufrieden.
Dann bleibe ich lieber allein. Es wird besser so sein. Alles, was geschieht, hat seinen Grund. Zumindest habe ich mir das bisher immer eingeredet.
Nachdenklich gehe ich durch die recht belebten Straßen bis zur Haltestelle. Ein Blick genügt, um zu sehen, dass ich die Bahn vor ein paar Minuten verpasst habe. Die nächste fährt erst in einer knappen Stunde wieder.
„Tja … das ist etwas lang“, murmle ich gähnend vor mir hin und sehe mich nach einem geeigneten Café um, was sich um diese Zeit als recht schwierig erweist. Am Marktplatz werde ich wohl die meiste Auswahl haben und Zeit habe ich ja zur Genüge. Ich schlendere gemütlich die kaputte Straße entlang und werfe ab und an einen Blick in die schlichten Schaufenster, immer meine Umgebung im Auge behaltend. Eine Gruppe von ungefähr sieben Männern fällt mir direkt auf, da sie sich in einer dunklen Ecke schlagartig sammeln und das Unheil liegt förmlich in der Luft. Einer der bunt gemischten Bande mit einer Glatze, die im Licht der matten Laternen schimmert als wäre sie poliert starrt die ganze Zeit wie fixiert nach rechts. Ich folge seinem Blick und erkenne, dass sie es höchstwahrscheinlich auf zwei junge Frauen abgesehen haben, die gerade den Fehler begehen und in eine Seitengasse einbiegen. Die Männergruppe setzt sich sofort mit großen Schritten in Bewegung, den beiden Opfern hinterher.
Kapitel 12
Drew:
„Da haben wir noch nicht nach Spuren gesucht. Lass uns dort abbiegen!“
Ich schnappe meine Zwillingsschwester bei der Hand und ziehe sie mit in die nächste Seitenstraße. Die gierigen Blicke der drei oder vier Männer, die uns aus ihrer dunklen Ecke heraus beobachtet haben, sind mir schon aufgefallen und wir müssen zusehen, dass wir uns so schnell wie möglich aus deren Reich- und Sichtweite bringen. Auf eine Konfrontation habe ich nicht sonderlich Lust und man weiß nie, wie viele von denen noch in der Nähe herumstreunen. Ich möchte meine Schwester auf keinen Fall unnötiger Gefahr aussetzen. Verbittert beiße ich mir auf meine Unterlippe. Es ist doch einfach zum Haareraufen, dass man als Frau nicht sicher durch die Straßen laufen kann! An allem sind nur die Dämonen schuld.
„Und, kannst du schon etwas spüren?“, fragt Joy und blickt sich suchend um, obwohl sie keine dämonischen Auren wahrnehmen kann. Das ist meine Aufgabe. Dafür muss sie stets die Läuterung der Biester vornehmen. Manchmal frage ich mich, ob es umgekehrt nicht besser wäre.
„Nein, leider nicht. Aber lass uns die Gassen durchstreifen, denn unverhofft kommt ja bekanntlich oft …“
„Du hast schon bemerkt, dass man uns verfolgt, oder Schwesterchen?“
„Ja.“
Ich nicke überrascht. Ich habe nicht damit gerechnet, dass sie es auch bemerkt hat. Vielleicht ist es besser so, immerhin sind wir nun beide auf eine Fehde eingestellt. Trotzdem versuche ich, diese vorerst zu vermeiden, indem ich das Schritttempo deutlich anziehe. Unsere Verfolger scheinen es zu bemerken und tun es uns gleich wie Raubtiere, die ihre Beute in eine gezielte Falle locken. Mit vier Männern müssten wir fertig werden, doch ich bin mir nicht sicher, ob sich noch mehr Abschaum dazugesellt. Mein einziger Gedanke gilt meiner Schwester: Ich muss sie um jeden Preis heil herausbringen! Dummerweise kennt sich keine von uns beiden in diesem Stadtteil aus, sodass wir definitiv die schlechteren Karten haben. Die Seitenstraßen werden enger und übersichtlicher. Es dauert nicht lange, bis wir die Orientierung verloren haben. Ich fluche innerlich vor mich hin, die Schritte hinter uns werden immer lauter. Zielstrebig steuere ich das Ende der mit Glasflaschen und Dosen überschwemmten Straße an. Eine lautlose Fortbewegung ist gegenwärtig nicht möglich.
Wir haben unser Ziel fast erreicht, als aus der Kurve ein schlaksiger, in Leder gekleideter Flegel tritt und uns breitbeinig, mit verschränkten Armen den Weg versperrt. Um seine Mundwinkel schlängelt sich ein gefährliches Grinsen und seine Augen funkeln uns vor Vorfreude auf seine bevorstehende Tat belustigt an. Auf seinem Oberarm ist ein riesiger Löwe mit fletschenden Zähnen tätowiert, was mich verächtlich aufschnaufen lässt. Nun gibt es kein Zurück. Die Auseinandersetzung mit der Gang ist unausweichlich.
„Nicht so schnell, Schätzchen. Wir haben noch was vor!“
Seine grelle Stimme hallt durch die schmuddelige Gasse wider und noch ehe ich antworten kann, treten hinter ihm noch zwei Männer in Lederoutfits hervor. Alle drei sind mindestens einen Kopf größer als wir und voller Piercings und Tattoos wie verunstaltete Christbäume. Zeitgleich höre ich hinter uns die Schritte verstummen. Als ich mich vorsichtig umdrehe, erkenne ich aus den Augenwinkeln vier weitere Raufbolde mit aufblitzenden Schlagringen an den klobigen Fingern. Ich muss leicht schlucken. Mit so vielen habe ich nicht gerechnet. Unsere Chancen sind drastisch gesunken. Abschätzend lasse ich meinen Blick schnell in die Meute schweifen: Von der Statur sind unsere Gegner alle gleich, eine richtige Schwachstelle scheint es nicht zu geben.
„Oh, hat es unseren beiden Täubchen etwa die Sprache verschlagen?!“
Ohrenbetäubendes Gelächter hallt durch die schummrig beleuchtete Gasse wider und eine Ratte rennt über meine Füße, um sich in Sicherheit zu bringen. Wie gerne würde ich in diesem Moment mit dem kleinen Nager tauschen.
Ich werfe Joy einen vielsagenden Blick zu und sie nickt leicht. Langsam, ohne die Ledertypen aus den Augen zu lassen, rutsche ich an den Rücken meiner Schwester, sodass ich nun zu den vier Schergen gewandt bin und sie die anderen drei im Blickfeld hat. Lauernd warte ich den nächsten Schritt des Gesindels ab.
„Na, zum Glück verlangt keiner von uns, dass ihr dabei die Klappe aufreißt. Zum Schreien werden wir euch schon noch bringen!“
Mit einem dreckigen Grinsen werden wir nun von oben bis unten gemustert wie ein Stück Fleisch. Ich beiße meine Zähne zusammen und beherrsche mich, nicht gleich den erstbesten dieser ekeligen Typen unüberlegt umzuhauen. Ich muss an meine Schwester denken und die Nerven bewahren. Die Situation ist ohnehin schon heikel genug. Alles in mir brodelt und mein Körper wird von einem nervösen Kribbeln heimgesucht.
Bitte lieber Gott, lass das nur gut gehen! Joy darf nichts passieren.
Ich spüre ein Zucken an meinem Rücken und höre sogleich einen schmerzerfüllten Aufschrei des gepeinigten Angreifers. Ohne abzuwarten, reagiere nun auch ich und springe hastig nach vorne, ergreife den linken Arm von dem, der mir am nächsten steht, und strecke ihn blitzschnell durch eine Armhebel und einem Knieschlag ins Gesicht nieder. Die drei anderen erlangen ihre Reaktionsfähigkeit wieder und stürzen sich mit wutverzerrten Fratzen auf mich. Gerade noch rechtzeitig weiche ich dem Faustschlag des linken Mannes aus, dessen geballte Faust dicht an meinem Gesicht vorbeisaust. Auch der Tritt des mittleren kann ich blocken, sowie die Zielgerade des dritten. Als der Kerl links von mir zum nächsten Schlag ausholt, fange ich seinen Angriff geschickt hab, reiße seinen Arm mit aller Kraft auf seinen Rücken und setze einen Hebel an. Sein schmerzverzerrter Aufschrei hallt durch die Nachtluft, als ich seine Gliedmaßen gewaltvoll nach oben hieve. Der Schurke links von mir schlägt blitzschnell mit seiner Faust zu, doch er trifft nicht mich, sondern seinen Kameraden, den ich durch den Hebelgriff als Schutzschild benutze. Ohnmächtig klappt der Getroffene zusammen und verharrt regungslos am Boden. Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass beide ein Taschenmesser zücken.
Mein Atem rast, die Luft scheint zu brennen und mein Körper schmerzt vor Anspannung. Die nächste Attacke erfolgt von dem rechts außen stehenden Schergen. Er fuchtelt wild und unkontrolliert mit dem Messer vor sich her und ein gezielter Tritt reicht zum Glück aus, ihm die Waffe in hohem Bogen aus der Hand zu kicken. Sofort setzt er ein paar Schritte zurück und sein Kumpan springt hervor und sticht treffsicher nach mir aus. Ich merke sofort, dass er viel geübter im Umgang mit Waffen ist als sein Kamerad. Mühevoll weiche ich seinen Stichen aus und spüre einen Anflug von Panik in mir aufsteigen, den ich schnell wieder hinunterzuschlucken versuche. Ich muss mich konzentrieren, andernfalls bedeutet das unseren Tod. Sowohl für meine geliebte Schwester als auch für mich.
Schweiß läuft mir von der Stirn, doch ich habe keine Zeit, diesen wegzuwischen. Immer wieder springe ich von einer Seite auf die nächsten, um nicht von seiner scharfen Klinge getroffen zu werden. Im nächsten Moment bekomme ich seine Hand zu fassen und entwende im das Messer, wobei es klirrend auf den harten Asphalt aufprallt. In diesem Augenblick lässt mich ein heller Aufschrei meiner Schwester erstarren.
Wie in Zeitlupe drehe ich mich um, noch immer meinen Angreifer im Hebelgriff von mir haltend. Entsetzt starre ich auf den Kerl mit der Löwentätowierung, der hinter Joy steht und sie mit einem Arm würgend und eisern festhält. Mein Herz scheint in diesem Moment stehenzubleiben und ich bekomme kaum noch Luft. Auf einmal ist mir wahnsinnig kalt und Tränen schießen in meine Augen. Ein triumphierendes Grinsen schiebt sich in sein knochiges Gesicht, als er mich anstarrt.
„So, Schätzchen. Wer hätte gedacht, dass wir auf zwei Kampfmietzen treffen! Ich muss schon sagen, ich bin platt. Allerdings hat sich das Blatt jetzt gewendet!“
Sein hässliches Grinsen wird noch breiter, als würde es sein ganzes Gesicht einnehmen wollen. Er verstärkt brutal den Griff und meine Schwester gibt ein erstickendes Röcheln von sich. Ich zucke erschüttert zusammen und schüttle verzweifelt meinen Kopf, der einfach nicht klar werden möchte.
Bitte lieber Gott, bitte!
„Nun, Mietze. Wie wär’s denn, wenn du jetzt mal meinen Kumpel loslassen würdest, damit ich deiner kleinen Freundin nicht mehr wehtun muss?“
Sein schmieriges Grinsen scheint mir entgegenspringen zu wollen, doch ein Blick in das schmerzverzerrte Gesicht meiner Zwillingsschwester reicht, um meinen Willen zu brechen. Meine Hände zittern, als ich das Gangmitglied mit bangendem Herzen von mir schubse. Mein panischer Blick ruht unverändert auf Joy und ihrem Peiniger. Sein Kumpan schüttelt seine schmerzenden Glieder und stellt sich mit wutverzerrter Fratze neben ihn.
„Gerd, nimm das Messer!“
Er neigt den Kopf kurz in Richtung Boden und lässt dabei nicht von meiner Schwester ab. Auch der andere Kerl hinter mir, den ich zuvor entwaffnet habe, hebt sein Messer wieder auf. Ich sehe es zwar nicht, da ich Joy nicht aus den Augen lasse, aber ich höre ein zweites Paar Schritte und das Klirren der Klinge, die unachtsam über den Boden schleift, kurz bevor sie aufgehoben wird.
„So, dann wollen wir uns alle mal ein bisschen amüsieren!“
Er grinst mir vielsagend zu und leckt sich mit seiner gepiercten Zunge über seine schmalen Lippen, sodass mir schlagartig übel wird. Mein Körper ist wie gelähmt, als er meine Schwester, die kaum noch Kraft in den Beinen hat, gegen eine kahle Hauswand auf ein paar vollgepackte Müllsäcke stößt.
„Ihr passt auf die da auf. Es läuft so wie immer. Die anderen haben halt Pech gehabt, wenn sie nicht rechtzeitig aufwachen“, weist er seine beiden Kumpanen an, als wäre es der ganz normale Alltag, dann wendet er sich mir zu und seine Geilheit springt ihm geradezu aus dem Gesicht. Seine gelben Zähne schimmern mir im matten Licht der nahe gelegenen Straßenlaterne abstoßend entgegen. Meine Seele schreit innerlich auf, als sich mir die ganze Fülle meiner Machtlosigkeit offenbart.
„Keine Sorge, Mietzi. Du darfst zusehen und kommst auch noch dran – versprochen!“
Er dreht sich von mir weg und schlendert betont langsam auf meine Schwester zu, die nach Luft röchelnd auf den abgewetzten Müllsäcken liegt. Als ich nach vorne rennen möchte, spüre ich die harten Arme der beiden anderen Männer, die mich mit grobem Griff schroff festhalten. Tränen schießen in meine Augen. Verzweifelt versuche ich, meine Gegner abzuschütteln, doch meine Schläge und Versuche sind unkontrolliert und verfehlen ihre Wirkung. Eine Gedankenflut überrollt mich, zusammen mit grenzenloser Panik. Das darf nicht passieren! Nicht meiner Schwester – ich wollte sie immer beschützen.
Tausende Blitze durchfahren mich und durchbohren mein schreiendes Herz, als ich sehe, wie er sich über meine Schwester beugt, und sich über ihre aussichtslosen Versuche der Gegenwehr köstlich amüsiert. Die Luft um mich herum wird dünn, die Wirklichkeit scheint zu schwanken und ein riesiges Loch versucht, mich in einen tiefschwarzen Abgrund zu ziehen. Ein einziger Albtraum.
„Lass sie in Ruhe! Du Schwein! Du elender Dreckskerl! Nimm deine widerlichen Pfoten von meiner Schwester! Du Abschaum! Ihr verdammten Arschlöcher!“
Noch ehe ich kapiere, dass ich diejenige bin, die die hysterischen Schreie von sich gibt, bekomme ich einen harten Schlag in die Magengrube und für einen flüchtigen Moment wird alles um mich herum schwarz. Voller Furcht beginne ich zu blinzeln, immer wieder, solange bis die Umgebung vor meinen Augen wieder Form und Farbe annimmt.
„Halt die Klappe, du kleine Schlampe, und warte, bis du dran bist!“
„Halt sie doch selber!“, ertönt eine scharfe Stimme hinter mir und bevor weder meine Widersacher noch ich reagieren können, sackt der rechte von ihnen bewusstlos zusammen. Sofort werde ich losgelassen und kippe nach vorne. Unsanft lande ich auf meinen Knien, rapple mich allerdings auf der Stelle wieder auf und stürze mich auf den irritierten, tätowierten Typ, der inzwischen von meiner Schwester abgelassen hat und sich ungeschickt mit offenen Reißverschluss auf die Beine zu hieven versucht. Wutentbrannt schmeiße ich ihn auf den Rücken und schlage zügellos auf ihn ein. Ich kann einfach nicht aufhören, auch als ich merke, dass keine Gegenwehr des am Boden liegenden mehr erfolgt. Zu groß und zu mächtig ist die Flutwelle des Zorns, die mich mitreißt. Auch als meine Fäuste ganz rot von seinem klebrigen Blut werden, prügle ich weiterhin wie besessen auf ihn ein.
„Hey, hey, er ist erledigt! Das reicht! Hör auf, du bringst ihn noch um!“
Ruppig werde ich von dem bewusstlosen Schurken weggerissen und auf meine wackeligen Beine gezerrt. Mit wildem Blick fahre ich herum, benebelt vom Schleier meiner Tränen und der Wut. Vor mir steht ein junger Mann. Mit überraschtem Gesichtsausdruck mustert er mich und in seinen hellgrünen Augen spiegelt sich Mitgefühl und Verständnis wider. Irritiert halte ich in meiner Bewegung inne. Sein sanftes Erscheinungsbild bringt mich in die Gegenwart zurück.
„Alles okay mit dir? Keine Sorge, deiner Schwester – sie ist doch deine Schwester, nicht? Ihr geht es gut. Sieh selbst“, redet er einfühlsam auf mich ein und ich folge sofort seiner Kopfbewegung mit meinem Blick. Joy sitzt leicht gebeugt auf einer Mülltüte und betrachtet sich nachdenklich den verprügelten Kerl.
„Dem hast du’s aber gründlich gegeben … dürfen wir das denn?“, wispert sie mit einem flüchtigen und müden Lächeln in meine Richtung, das als Aufmunterung und Lockerung der Situation dienen soll. Ich spüre, wie die eisernen Fesseln von mir abfallen, und stürme weinend zu ihr. Laut schluchzend reiße ich sie in meine Arme und drücke sie fest an mich. Ich höre, dass sie etwas zu mir sagt, doch ich kann ihre Worte nicht verstehen, denn mein Schluchzen ist viel zu laut, doch ich kann einfach nicht aufhören.
***
„Findest du es nicht tierisch nett, dass er uns sogar nach Hause begleiten wollte? Ein richtiger Gentleman! Und ich dachte, so was gibt es nur in Märchen!“
Quietschvergnügt, als wäre dieser albtraumhafte Patrouillengang heute Nacht nie passiert, wirft Joy ihre Jacke über den Kleiderständer und verschwindet in das Schlafzimmer. Ich atme tief durch und reibe mir erschöpft meine trockenen Augen. Ein kurzer Blick in den Flurspiegel genügt, um zu erkennen, dass sie von meinem Tränenausbruch der letzten Stunde noch völlig gerötet sind. Ich sehe aus, als hätte ich Tollwut. Ein verstohlenes Grinsen huscht bei dem Gedanken über mein müdes Gesicht, denn immerhin hatte nicht viel gefehlt, als ich hemmungslos auf den Banditen eingeschlagen habe. Es war falsch. Ich habe mich von meinen Gefühlen leiten lassen und die Leitsätze des Ordens missachtet. Würde dieser Vorfall gemeldet, wäre ich wohl ganz schnell meinen Posten als Anwärterin los und würde in ein paar Jahren wiedergeboren werden – als ganz normaler Mensch auf dieser verlorenen Welt, getrennt von meiner Zwillingsschwester. All die Jahre der Vorbereitung im Kloster, im Orden und der Ausbildung wären umsonst gewesen. Wir hätten keine Chance mehr, uns unsere Flügel zu verdienen. Nie wieder. Und dennoch: Ich würde es wieder tun!
Ich beiße mir verbittert auf meine schmerzende Unterlippe und hänge ebenfalls meine Jacke am Kleiderständer auf. Wenn ich daran denke, dass diese dreckigen Typen über meine Schwester hergefallen wären … Mir wird abermals speiübel und Kälte durchströmt meinen Körper. Wärmend reibe ich mir mit meinen Händen über meine Oberarme. Wenn dieser junge Mann nicht gewesen wäre, dann – nicht auszumalen, was mit uns geschehen wäre. Verdammt, seit wann bin ich denn so hilflos? Seit wann bin ich nicht mehr in der Lage, das zu beschützen, was mir am meisten bedeutet und das mich am Leben hält? Die Person, die wertvoller ist als jeder Reichtum der Welt?
„Drew, hörst du mir überhaupt zu?“
Joy steht im Türrahmen des Wohnzimmers und sieht mich besorgt an. Ich schüttle schnell meinen Kopf und versuche, ein sorgenfreies Lächeln aufzubringen. Immerhin scheint sie den Vorfall ziemlich gut verarbeitet zu haben, auch wenn ich nicht verstehe, wie sie derart schnell so gut damit zurechtkommen kann. Doch die Tatsache beruhigt mich etwas.
„Tut mir leid, ich bin wohl müder als gedacht“, antworte ich. „Dir geht es auch wirklich gut?“
Lächelnd kommt sie auf mich zu, nimmt mich in die Arme und ich spüre ihre Wärme auf meinen kühlen Körper überströmen.
„Ich habe dir doch schon gesagt: Mach dir keine Sorgen um mich. Es war knapp, doch es ist alles gut gegangen. Immerhin hat Gott uns einen Schutzengel gesandt!“
„Schutzengel? Für mich sah er ziemlich menschlich aus.“
„Für mich aber nicht! Ich finde, er hat in dem Moment heller gestrahlt als die Sterne, und er kam in letzter Sekunde und hat dich vor einen großen Fehler bewahrt.“
„Mmh … das ist wohl wahr. Kaum zu glauben, dass es noch solche Menschen gibt.“
„Eben!“
Sie ergreift euphorisch meine Hände und blickt mich aus strahlend blauen Augen an.
„Genau wegen dieser Minderheit müssen wir unsere Arbeit weitermachen und die Dämonen von der Erde vertreiben! Wenn wir das schaffen, dann wird auch das Böse mehr und mehr schwinden! Ich glaube fest daran! Das sind wir der Menschheit schuldig!“
Sie lässt meine Hände wieder los und hüpft beschwingt zur Badezimmertür wie ein kleines Mädchen, das unterwegs zu seiner Geburtstagsfeier ist.
„Ich lasse Wasser für ein Bad ein, möchtest du auch?“
Perplex starre ich ihr für einen kurzen Moment hinterher.
„Klar, hört sich gut an. Danke dir.“
„Ich weiß!“
Sie streckt mir neckisch die Zunge heraus und verschwindet dann im Badezimmer. Nachdenklich atme ich aus und streiche mir durch mein zerzaustes Haar. Sie hat recht, mit allem. Wir werden als Anwärter des Lichts bestehen und wenn ich jeden dieser verfluchten Dämonen, einer nach dem anderen, ausrotten muss!
Kapitel 13
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„Viel Erfolg oder nein … wie war das gleich? Besser viel Glück, denn das benötigen Versager ja bekanntlich!“
Moritz steht breitbeinig mit verschränkten Armen vor mir und grinst mir arrogant entgegen. In seinen dunklen Augen spiegelt sich blanker Hohn und sein verächtliches Grinsen würde ich ihm am liebsten geradewegs in seinen Arsch schieben.
Genervt verdrehe ich meine von den schlaflosen Nächten müden Augen. Ich kann mir schon denken, worauf er anspielt. Dummerweise hat er recht. Meine Ausbeute der letzten drei Nächte war kläglich gewesen. Natürlich wittern er und die restlichen Aasfresser jetzt ihre Chance, in der Gunst unseres Herrn aufzusteigen. Meine Position ist am straucheln. Und das alles nur wegen dieses Menschen …
Mit finsterer Miene pirsche ich auf ihn zu, so nah, dass ich seinen aufgeregten Atem hören kann. Dicht vor ihm bleibe ich stehen.
„Nur weil meine Sammlung der letzten Nächte nicht ganz so vielversprechend war, heißt das nicht, dass ich mich auf dein Niveau begeben habe. Du kannst mir also durchaus Erfolg anstatt Glück wünschen, andererseits bin ich auf so etwas auch nicht angewiesen – um es verständlich für dich auszudrücken: lass stecken!“, zische ich ihm gereizt ins Ohr und schiebe ihn unsanft beiseite. Überrascht lässt er mich passieren, doch dieser Zustand hält leider nicht allzu lange an. Schnell rennt er mir hinterher, bis er auf gleicher Höhe ist.
„Hey, was sind wir denn auf einmal so empfindlich? Vielleicht solltest du dir mal ne Auszeit gönnen!“
„Du und deine lackaffigen Freunde braucht gar nicht darauf hoffen, dass meine Leistung abnimmt. Ne schlechte Phase hat jeder Mal – das waren doch deine eigenen Worte!“
Schweigend läuft er ein Stück neben mir her. Warum kann er nicht einfach stehen bleiben und mich endlich in Ruhe lassen? Als ob ich nicht schon genug Probleme hätte! Und das alles nur wegen eines Menschen! Seit meinem hoffnungslosen Versuch vor drei Tagen, Mick das Leben auszuhauchen, geht einfach alles schief. Meine Konzentration ist hinüber und es mag mir nicht mehr gelingen, gute Leben zu finden und für meinen Herrn zu sammeln, der langsam droht, mürrisch zu werden. Dieser Zustand muss doch irgendwann wieder verschwinden!
„Du bist ja echt drüber. Was beschäftigt dich denn so? Wir sind doch alle Kollegen und eine Familie“, meldet er sich mit deutlich ironischer Stimme zu Wort. Beißender Groll breitet sich in mir aus. Verächtlich schnaufe ich aus und versuche, ihn zu ignorieren. Keinen weiteren Ton ist dieser Idiot wert, alles nur Verschwendung. Ich rege mich ohnehin genug auf.
Moritz hält weiterhin mit mir Schritt und starrt mich durchaus belustigt an. Wie gerne würde ich meine Hand nur einmal zu einer Faust ballen und ihm diese feierlich in seine nervige Fratze schlagen! Ruckartig bleibe ich stehen und blitze ihn wütend an. Es fehlt nicht viel, dass ich meine Beherrschung verliere. Er stolpert über seine eigenen Füße, kann im letzten Moment sein Gleichgewicht halten. Überrascht, aber dennoch amüsiert, blickt er mich an und wartet auf meinen nächsten Schritt.
„Wie wär’s, wenn du dich mal um deinen eigenen Kram kümmerst und mir meine Ruhe lässt! Vielleicht wird das Ergebnis deiner Arbeit dann qualitativer und du würdest dadurch das Fitzelchen einer Chance bekommen, aus deiner ‚Schoßhündchen-duck-dich‘-Position herauszukriechen und meine abgegraste Steppe zu fegen!“
Seine Kinnlade klappt verblüfft herunter und seine Augen weiten sich entgeistert. Abermals schiebe ich mich ruppig an ihm vorbei und rumple ihn unsanft mit meiner Schulter an. Aus meinen Augenwinkeln sehe ich, wie er regungslos auf der Stelle verharrt und mir perplex hinterher sieht.
Dieser Punkt geht wohl an mich. Meine angespannten Glieder entspannen sich etwas und ich betrete, bereit zur Jagd nach Lebensenergien, den erhöhten Sockel. Diese Nacht werde ich nicht versagen – das Spiel kann beginnen!
***
Einigermaßen zufrieden verlasse ich durch das Loch im Fenster das schäbige Haus. Innerhalb drei Stunden ist es mir gelungen, zwei durchschnittliche Energien und eine ziemlich überragende zu sammeln. Eine Leistung, die sich durchaus sehen lassen kann, meinen Herrn zufriedenstellen und meine Konkurrenz in der Beliebtheitsskala nach unten schieben wird. Nach den Pleiten der letzten Streifzüge endlich mal wieder ein Erfolg und Lichtblick, auch wenn ich gestehen muss, heute mehr Glück wie alles andere gehabt zu haben. Ich kann immer noch nicht glauben, wie mich ein gewöhnlicher Mensch in so ein Dilemma stürzen kann. Wo zum Teufel ist meine Konzentration, Sorgfalt, Aufmerksamkeit und meine Gleichgültigkeit hin?! Und vor allen Dingen: Wie bekomme ich diese Eigenschaften zurück? Wird die Zeit dies von allein bewerkstelligen? Doch mir fehlt die Geduld. Ich möchte wieder hundert Prozent meiner geistigen Kräfte vereint haben. Noch nie in meinem Leben habe ich mich so hilflos und klein gefühlt. Ich mag das nicht. Es soll einfach wieder schnell vergehen! Wenn das so weitergeht, falle ich vielleicht noch den Anwärtern vor die Füße. Diesen beiden Frauen, die mich nun schon monatelang verfolgen. Bisher ist es mir immer gelungen, sie in die Irre zu führen, allerdings ließen sie nicht locker und verfolgen meine Spuren hartnäckig weiter. Ich habe keine Lust, als Nächstes geläutert zu werden.
Missmutig tappe ich durch die dunklen Gassen, umhüllt von meinen drückenden Gedanken und meinem Groll auf die gesamte Menschheit. Eigentlich sollte alles kein Problem sein. Durchhaltevermögen, ich brauche Ausdauer und Gelassenheit. Ich werde ihn ohnehin nicht mehr wiedersehen, da ich mir vorgenommen habe, seine Wohnung zu meiden, um nicht wieder rückfällig zu werden und am Ende doch als Haustier zu enden. Was für eine groteske Vorstellung! Ein Dämon, der von einem jungen Sterblichen gebändigt wird!
Bei dem Gedanken keimt ein Brechreiz in mir auf. Umgekehrt müsste es sein! Die Menschen sollten von uns als Haustiere in engen Käfigen gehalten werden, die wir nach Lust und Laune füttern oder mit ihnen spazieren gehen! Schlagartig bleibe ich stehen, als mir bewusst wird, wo ich mich befinde. Das darf doch jetzt nicht wahr sein. Wie komme ich hierher? Wie dämlich bin ich überhaupt! Das kann alles nicht mit rechten Dingen zugehen.
Empört blicke ich auf das baufällige Gebäude, als wäre es ein riesiger Gegner, der mir den Weg versperrt. Am liebsten würde ich es zerstören, doch das liegt nicht in meiner Macht. Was liegt überhaupt noch in meiner Macht? Niedergeschmettert lasse ich den Kopf sinken. Nicht mal mehr meine Sinne habe ich noch beieinander. Es scheint, als würde mein ganzer Körper machen, was er wolle. Ich atme kurz durch. Auf jeden Fall muss ich hier weg bevor mich jemand sieht oder gar bemerkt.
Ich wende auf der Stelle, als ich im Dunkeln zwei Personen wahrnehme, die sich langsam auf mich zu bewegen. Ich brauche nicht lange, um zu erkennen, dass es sich dabei um eine ältere Frau und um Mick handelt. Hektisch sehe ich mich nach einem geeigneten Versteck um, doch ich finde keins. Also nutze ich die einzige Möglichkeit, die sich mir bietet und sprinte um die Ecke der Hausmauer, wo ich vorsichtig hervorluge. Es ist kindisch und dumm, ganz untypisch für mich, doch ich muss wissen, was die beiden erzählen und was da vor sich geht. Gespannt warte ich ab, bis sie näherkommen und spitze meine Ohren.
„Sie dürfen nicht so schwer tragen. Ich habe Ihnen schon einmal angeboten, Ihre Einkäufe zu erledigen. Sie müssen mir nur vorher Bescheid geben!“, redet Mick besorgt auf die gebeugt laufende Frau ein. Diese trottet stur weiter und schüttelt dabei demonstrativ den Kopf.
„Solang ich laafe kann, mach ich däs ach!“
„Natürlich, da sagt doch auch keiner etwas dagegen, aber …“
Auf Micks Stirn zeichnen sich leichte Falten ab, als er krampfhaft nach Worten sucht. Verlegen streicht er sich durch seine braunen Haare.
„Nur sollten Sie nicht die schweren Einkaufstüten allein heimtragen. Ich kann Ihnen doch helfen. Sie müssen mich nur lassen.“
„Burschel, däs is awer lieb von dir. Doch aweil kunn ich däs sellwer. Dongkschää.“
Mick schnauft leicht aus, nickt dann aber nachgiebig. Mir fällt auf, dass er ziemlich erschöpft wirkt. Er muss einen langen Tag hinter sich haben.
„Okay. Doch sollten Sie meine Hilfe benötigen, dann bitte, geben Sie mir Bescheid. Ich werde Ihnen gerne helfen.“
„Ich wäs doch, Burschel.“
„Um diese Uhrzeit sollten Sie nicht mehr allein durch die Straßen laufen.“
„Awas!“, empört sich die Alte mit einer abwehrenden Gestik, die er zu ignorieren scheint.
Vor der Haustüre bleiben beide stehen und Mick stellt kurz die zwei Einkaufstüten auf den Boden, um den Schlüssel hervorzuholen. Da greift die alte Frau nach den Tüten, doch Mick zieht diese geistesgegenwärtig von ihr weg.
„Was machen Sie denn schon wieder?“
„Awer Burschel, du hasch schunn genug gemocht. Däs kunn ich sellwer!“, wehrt die rüstige Rentnerin uneinsichtig ab, doch Mick beharrt auf seinen Standpunkt.
„Nicht heute, denn dafür bin ich ja da.“
Er zwinkert ihr zu und öffnet mit Schwung die Eingangstür. Dann nimmt er sogleich die gefüllten Taschen und wartet geduldig, bis seine Nachbarin im Gebäude ist, danach betritt auch er das schmutzige Treppenhaus und lässt die Tür hinter sich zufallen.
Verunsichert bleibe ich stehen und blicke auf die geschlossene Tür. Ich habe kein Wort von dem verstanden, was die Alte da gesagt hat. Mit Dialekten hatte ich es noch nie besonders. Doch an Micks Stelle hätte ich sie wohl ihre Einkäufe allein tragen lassen. Er ist einfach zu nett. Ich glaube nicht, dass ich solche Menschen mag.
Wie vom Donner getroffen schrecke ich auf. Moment mal: Ich kann überhaupt keine Menschen leiden! Was sind das denn jetzt wieder für Seiten? Meine Augen ziehen sich zu zwei schmalen Schlitzen zusammen. Das werde ich nicht hinnehmen! Er tut es schon wieder, auch wenn ich nicht genau weiß, was er tut.
Mit großen Schritten eile ich um das Mauerwerk und sprinte meinen Schleichweg nach oben zum Balkon hinauf, wo das offene Fenster einladend auf mich wartet. Leise schleiche ich durch das aufgeräumte Wohnzimmer in den Flur und setze mich, weit weniger geduldig wie Mick, auf den Boden. Ich höre die Stimmen der beiden im Treppengang widerhallen, jedoch kann ich auch bei näherem Ohrenspitzen keine genauen Wörter verstehen. Gereizt wedle ich mit dem Schwanz, bis ich schließlich das Zuschlagen einer Haustür einen Stock höher vernehme und seine Schritte, die die Treppenstufen abwärts gehen. Nach längerem Warten öffnet sich endlich die Wohnungstür mit einem lauten Quietschen, für das man fast Schmerzensgeld verlangen könnte. Mit einem lauten Seufzen schlurft Mick hinein und schließt vorsichtig die Holztür, was angesichts des ohrenbetäubenden Quiekens nicht nötig ist. Genauso gut hätte er sie zuschlagen können. Ich bin mir sicher, dass es die seltsamen Nachbarn nicht minder gestört hätte.
Er bemerkt mich zunächst nicht, streckt sich ausgiebig, wobei seine Knochen laut knacken, und zieht seine Schuhe aus, die er neben dem Eingang abstellt. Dabei fällt sein Blick auf mich und überrascht hält er in seiner Bewegung inne. Seine Augen beginnen freudig zu strahlen und seine Gesichtszüge werden sofort weich. Langsam kniet er sich zu mir nieder und ich kann nicht leugnen, dass mein Herz einen aufgeregten Sprung macht.
„Hey, du bist ja wieder da! Wartest du schon lange? Hast du diesmal meine Einrichtung stehen gelassen? Du hast bestimmt wieder Durst! Dann komm erst einmal mit.“
Er streichelt mir sanft über das Fell und begibt sich zur Küche. Ich mache das Spiel mit und folge ihm. Wie die Male zuvor gießt er mir Milch in ein Schälchen, das er fürsorglich auf den Boden stellt. Er wartet kurz, bis ich ein paar Schlucke von der weißen Flüssigkeit zu mir nehme, und begibt sich dann in sein kleines Badezimmer. Ohne einen weiteren Moment verstreichen zu lassen, wende ich mich von der noch fast vollen Schale ab und tapse durch den Flur vor das offene Bad.
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