Unter Palmen und Buchen. Zweiter Band.
Friedrich Gerstäcker




Friedrich Gerstäcker

Unter Palmen und Buchen. Zweiter Band. / Unter Palmen. Gesammelte Erzählungen





Das Klima der Tropen


Daß es in jenen Ländern, welche innerhalb der heißen Zone liegen und die wir kurzweg »die Tropen« nennen, auch sehr heiß sein muß, gilt als eine völlig feststehende Thatsache, und man hört gar nicht etwa so selten, daß Leute an einem recht warmen Sommertag bei uns die armen Menschen bemitleiden, die »bei der Hitze« auch noch unter dem Aequator sitzen müssen. Zehn gegen eins läßt sich aber wetten, daß in sehr vielen heißen Ländern jene armen bemitleideten Menschen in der nämlichen Zeit sich viel kühler und behaglicher befinden, als wir selber.

Es giebt allerdings Landstriche, wo die Hitze außerordentlich drückend sein und durch verschiedene Umstände noch vermehrt werden kann. So z. B. in den afrikanischen, asiatischen und auch australischen Wüsten, wo der trockene Sand den ganzen Tag über von der Sonne gebrannt wird und noch lange nach Sonnenuntergang die eingesogene Brutwärme wieder aushaucht. Weit anders dagegen ist es in allen übrigen Tropenländern der Erde.

Vor allen Dingen dürfen wir annehmen, daß es dort – so sonderbar das auch klingen mag – doch in der That nie heißer wird, als es bei uns an recht heißen Sommertagen ebenfalls werden kann, keinenfalls heißer. Ich weiß mich nicht zu erinnern, daß ich in irgend einem Lande der Welt – und selbst das nur an einzelnen sehr heißen Tagen – mehr als neunundzwanzig und einen halben oder dreißig Grad Réaumur im Schatten gehabt habe, und das blos in Afrika; in Indien dagegen, in Australien, in der Südsee und in allen Tropenländern Amerika's habe ich nie mehr als achtundzwanzig und einen halben bis neunundzwanzig Grad im Schatten erlebt, und glaube auch nicht, daß es je dort heißer wird.

Was diesen Ländern den Namen der heißen giebt, ist also nicht die größere Hitze, sondern die das ganze Jahr ununterbrochen währende, aber dafür hat man dort wieder andere Vortheile, welche die Hitze lange nicht so empfinden lassen, wie sie bei uns empfunden wird.

Wir in Europa sind nämlich nur auf ein kaltes Klima eingerichtet, und erwischt uns einmal hier eine so heiße Zeit, wie im letzten Sommer, so haben wir keinen Schlupfwinkel, wohin wir flüchten können, und meinen gleich, daß wir schmelzen müßten. In den heißen Ländern dagegen ist man vollständig darauf vorbereitet. Die Häuser sind danach gebaut mit hohen, luftigen Zimmern, durch welche die Luft überall frei aus und ein kann, ohne durch enge Fensterhöhlen einen schädlichen Zug zu erregen; Badehäuser stehen überall, die Kleidung ist ebenfalls dem Klima angemessen und alle Beschäftigungen und Arbeiten sind so eingetheilt, daß sich besonders die Europäer den Sonnenstrahlen nie in den heißesten Tagesstunden aussetzen.

Ein anderer Vortheil, den man dort hat, liegt in den kurzen Tagen. In den Tropen geht die Sonne, mit geringem Unterschied, durch das ganze Jahr jeden Tag um sechs Uhr auf und um sechs Uhr unter. Bei uns, wo sie sich in den längsten Tagen schon gleich nach drei Uhr Morgens zeigt, erhitzt sie um sieben Uhr schon den Boden mehr, als dort um neun Uhr; auch hat sie dort um vier Uhr Abends schon wieder ihre Kraft verloren. Noch angenehmer aber ist das Klima, z. B. in Indien, in der Regenzeit, wo fast jeden Nachmittag um drei Uhr ein kleiner Wolkenbruch, den die Leute dort scherzhaft Regen nennen, vom Himmel herunterfällt und die Erde kühlt und erfrischt. Die Abende in dieser Jahreszeit sind dann wahrhaft wundervoll und von drückender Hitze von der Zeit an keine Rede mehr. Aber trotzdem, daß die Hitze dort eigentlich nie lästig wird, erschlafft sie doch mit den Jahren den Körper, denn nicht allein die kalten Nächte fehlen, sondern überhaupt der Winter, in dem sich Menschen wie Pflanzen wieder ausruhen und frische Kräfte sammeln können. Es ist mit einem Wort nicht heißer dort, als bei uns im Sommer, ja die Hitze wird dort in einzelnen Fällen vielleicht nicht einmal als so drückend verspürt, aber es ist ewig Sommer und das reibt zuletzt die stärkste und kräftigste Constitution auf.

Aber nicht alle Tropenländer sind etwa so heiß; an der Westküste von Amerika z. B. kennt man, selbst unter den niedrigsten Breiten, eine andauernde Hitze nur an wenigen Stellen. Die Ursache davon erklärt ein Blick auf die Karte – das niedere Land ist dort zu schmal und im Osten von den schneebedeckten Cordilleren begrenzt, im Westen vom Meer bespühlt und den Seewinden offen, darum kann es da nie sehr heiß werden, wenigstens hat man immer kühle Nächte.

Es ist eine sonderbare Thatsache, daß ein ganz bedeutender Handel, gerade von Deutschland aus, nach Peru mit den allerschwersten und dicksten Tuchen getrieben wird, und nicht etwa für das innere, hochgelegene Land werden diese allein verwandt, sondern selbst in dem an der Küste und im flachen Lande liegenden Lima (12 Grad südl. Breite) getragen. Sowie aber die Sonne im Meere versinkt und die Luft von den Schneeriesen der Cordilleren herüberweht, wird es auch ordentlich frisch an der Küste, und man kann einen warmen Rock recht gut vertragen. Selbst unter dem Aequator sind die Nächte frisch und angenehm, und da über den ungeheuern Waldungen von Ecuador und Neu-Granada der Himmel fast stets bedeckt ist, die Sonne also auch nie ordentliche Kraft gewinnt, so steigt die Hitze dort über Tag selten höher als 26° – nie aber über 28 – und selbst das nur auf wenige Stunden.

Die Linie des ewigen Schnees wird in den Tropen auf 16,000 Fuß gerechnet und fällt, jemehr sie sich der kalten Zone nähert, bis sie etwa unter 80° nördlicher wie südlicher Breite die Meeresfläche erreicht. Ganz genau trifft das aber auf die Grade nicht zu. Besonders in den Cordilleren Südamerikas liegt die Schneelinie unter 15-17° südl. Breite fast höher oder wenigstens eben so hoch, wie unter der Linie selber. Die Ursache davon sind eine Masse kalter Hochebenen in der Nachbarschaft und eine große Menge schneebedeckter Berge, welche näher zum Aequator liegen und dadurch die Luft unnatürlich kälter machen, als es unter gewöhnlichen Umständen der Fall sein dürfte.

Als ein Beispiel, in wie großer Höhe unter den Tropen noch Menschen wohnen können, während in Europa, z. B. in der Schweiz, die Gletscher an manchen Stellen bis zu 5000 Fuß und tiefer herabreichen, mag die Stadt Cerro de Pasco in Peru dienen. Cerro de Pasco, eine Stadt, die in den Cordilleren unmittelbar an den reichen Silberminen jener Berge entstand, liegt etwa unter 11° südl. Breite, aber 14,500 Fuß hoch über der Meeresfläche – also noch etwas unter der Linie des ewigen Schnees – aber es fällt dort schon ewiger Schnee, wenn er auch nicht immer liegen bleibt, denn fast kein Tag vergeht im ganzen Jahr, an dem es nicht ein wenig schneit. Nur ein dürftiges Gras wächst dort an den Bergen, das immer gelb aussieht, weil die Spitzen stets erfroren sind. Das Futter für die Lastthiere müssen diese selber aus den tiefer gelegenen Thälern heraufholen – Bohnen und Hülsenfrüchte sind dort tropische Gewächse und werden eingeführt, mit ihnen aber auch Ananas und Bananen, denn die Thiere brauchen nur ein Paar Meilen weiter hinabgeschickt zu werden, um die Region des Zuckerrohrs zu erreichen.

Der Aufenthalt in solcher Höhe ist aber trotzdem nicht unerträglich, wenn auch der Neuankömmling im Anfang viel an Kopfschmerzen zu leiden hat und besonders lange einen leisen Druck auf den Schläfen fühlt. Man gewöhnt sich zuletzt daran, und der Beweis liegt schon darin, daß die Stadt Cerro de Pasco nahe an 14,000 Einwohner zählt. Nur sehr viel kleine Kinder sollen dort sterben, und wie ich hörte, vergeht kein Tag, an dem nicht wenigstens eine Kinderleiche beerdigt wird. Cerro de Pasco ist, soviel ich weiß, die höchstgelegene Stadt der ganzen Erde.




El Comisario





Erstes Capitel.

Tomaco


Die Grenze zwischen den beiden Republiken Neugranada und Ecuador an der Westküste Süd-Amerikas bildet der aus den Cordilleren mit wildem Ungestüm niederstürzende Fluß Mira – und auch wirklich nichts weiter, als die Grenze, denn erst ganz nahe der See, im flachen Land, ist es möglich, ihn mit Booten zu befahren. Weiter oben hat er einen viel zu steilen Fall, und riesige Felsblöcke, die er überall aus seinem Bett und von seinen Ufern losgerissen, machen die Passage selbst für Canoes gefährlich.

Durch die Gewalt, mit welcher er aus den Bergen kommt, und bei einer außerordentlich kräftigen Strömung durchriß er aber das niedere fruchtbare Land an verschiedenen Stellen, und bildete so einige kleine Inseln, von denen Tomaco die wichtigste, und ein wirkliches Miniaturparadies ist. Ein Paradies nämlich, was Scenerie und Vegetation betrifft, denn sonst sorgen die Bewohner dieser Republiken schon dafür, daß die paradiesischen Zustände in ihrem Lande nicht zu sehr an die alte Sagenheimath unserer Vorältern erinnern.

Ein vielleicht hundert oder hundertzwanzig Fuß hoher Felsen scheint den Kern der Insel zu bilden, an dem sich die Macht des Stromes in früheren Jahrhunderten brach, so daß dieser gezwungen wurde, sich rechts und links daran hin seine Bahn, dem Meere zu, zu suchen. Aber der fruchtbarste Boden deckt das alte Gestein und, ganz unähnlich ihren Nachbarn an der Küste, die zu faul sind, einen Fruchtkern in den Boden zu stecken, haben die Leute, die sich dort auf der kleinen Insel niederließen, einen wahren Garten aus ihr geschaffen, dessen Producte jetzt Käufer an der ganzen Küste finden.

Fortwährend legen dort kleine Schooner an, die von Guajaquil besonders Waaren und leider auch Getränke bringen, und, dafür mit Cocosnüssen, Bananen, Cherimoyen, Alligatorpears (aguacarta), Ananas und andern kostbaren Früchten beladen, wieder dorthin zurückkehren, oder ihre Fracht auch an den Zwischendörfern absetzen, und dafür Gummi oder Cacao einnehmen.

Im Anfang bestand die kleine Ansiedelung, die sich auf der Insel gegründet, nur aus wenigen Personen, die sich theils mit dem sehr bedeutenden Fischfang, theils mit dem Gartenbau beschäftigten. – Nach und nach siedelten sich mehr dort an, Kaufläden entstanden und Branntweinschenken; eine Brennerei wurde sogar auf der Insel selber angelegt, um das dort gezogene Zuckerrohr gleich an Ort und Stelle zu verwerthen, und der Verkehr wuchs so bedeutend, daß es sogar der kleine englische Dampfer, der seine regelmäßigen Fahrten zwischen Panama und Guajaquil macht, für vortheilhaft fand, dort anzulegen und so eine Postverbindung zwischen Tomaco und der übrigen Welt herzustellen.

Einen Alkalde wählten sich die Leute zwar noch immer selber und aus ihrer Mitte, und sie hatten bis dahin von den gar nicht seltenen Revolutionen Neugranadas eigentlich nur dann erst Kunde bekommen, wenn die Sache vorbei und für eine oder die andere Partei entschieden war. Wie sich der Wohlstand der Insel aber mehr und mehr hob, lenkte sie auch – keinen Falls zu ihrem Vortheil – die Aufmerksamkeit der Regierung auf sich, und die Wichtigkeit ihres Besitzes stellte sich mehr und mehr heraus, als auch das unmittelbar daran stoßende Ecuador Oberhoheitsrechte über Tomaco beanspruchte.

Trotzdem hatte man in der letzten Revolution, die Mosquera gegen die bestehende Regierung anzettelte, noch sehr wenig von den Lasten des Krieges gefühlt, und einzelne Familien zogen sich sogar aus dem, den ewigen Streifcorps beider Parteien preisgegebenen Bogota hierher zurück. Aber dieser Friede sollte nicht lange dauern, denn während südlich von ihnen in Ecuador der Mulattengeneral Franco die Fackel der Empörung in ein ruhiges Land schleuderte und seine Macht mit gemietheten Banden eine kurze Zeit aufrecht hielt, rüstete Mosquera im Norden ein paar kleine Schiffe aus, um auch die Küstenplätze des Reiches zu besetzen, während er mit seinen Truppen das Innere durchzog und mit wechselndem Glück bald Bogota, die Hauptstadt, einnahm, bald wieder daraus vertrieben wurde. An eine Vertheidigung derselben dachte man nie. – Welche Partei gerade die stärksten Banden hatte, rückte ein, und die andere zog indessen ab, um größere Verstärkung zu bekommen.

Ob Mosquera siegte oder besiegt wurde, unruhige und beunruhigende Gerüchte zuckten überall an der Küste auf und ab, und ließen die Eingeborenen, die nicht das geringste Interesse an dem endlichen Ausgang des Kampfes hatten, ihres Lebens sich nie freuen. Was lag ihnen daran, ob ihr Präsident Mosquera oder sonst wie hieß? Sie bekamen ihn auf Tomaco doch nie zu sehen, und selbst zu Ecuador hätten sie sich mit der größten Gleichmüthigkeit schlagen lassen, wenn sie weiter keinen Nachtheil hatten.

Aber es ist eine alte Geschichte, daß weder in Republiken noch Monarchien das eigentliche Volk selber eine Revolution macht, sondern im Gegentheil dazu überredet werden muß. Der materielle Druck einer Regierung wirkt nie so unerträglich, treibt nie so rasch zum Aeußersten, wie der geistige, den das eigentliche Volk nicht so leicht fühlt.

Auch Mosquera's Regierung würden sich die Einwohner von Tomaco mit Vergnügen unterworfen haben, so weit es nämlich die unteren Classen, die Fischer und Ackerbauer betraf, denn sollten sie sich etwa, eines Namens wegen, widersetzen und ihre Netze und Boote, ihre Anpflanzungen und Gärten preisgeben? – Aber in Tomaco befand sich ein unter der alten Regierung gewählter Alkalde, ein Postmeister, ein Steuereinnehmer – lauter Leute, die allerdings in bloßen Füßen und Kattunhemden in der Welt herumliefen, aber trotzdem eine Stellung zu verlieren hatten. Sie stützten mit ihrem Anhang das alte Regime, während die hierher geflüchteten Neu-Granadienser Alles thaten, was in ihren Kräften stand, um gegen Mosquera und die Umsturzpartei zu wirken. Es wurde ihnen das um so leichter, als Mosquera in dem Verdacht stand, eine Militärherrschaft gründen zu wollen, und das war die verhaßteste von Allen, denn die jungen Leute fürchteten, nicht mit Unrecht, ausgehoben und in das innere, ungesunde Land geschleppt zu werden.

Kurz, Mosquera schien in Tomaco, wenn man die Bevölkerung hätte wollen über ihn abstimmen lassen, wenig Aussicht auf Erfolg zu haben. Desto größer war die Beunruhigung der Leute, als der kleine Dampfer, die »Anna«, eines Tages die Kunde mit nach Tomaco brachte, daß Mosquera Buenaventura besetzt habe, und zwei »Kriegsschiffe« schon von dort ausgelaufen seien, um die südlicher liegenden Küstenstädte ebenfalls dem »neuen Präsidenten« zu unterwerfen. Sie hatten wenigstens Buenaventura schon verlassen, als die Anna dort anlief, wenn es auch noch eine Weile dauern konnte, bis sie hierherzu aufkreuzten, da ihnen Wind, wie Strömung an der Küste fortwährend entgegen waren.

Wie ein Lauffeuer zuckte diese Schreckenskunde über die Insel und die Bewohner schienen gar nicht an Widerstand zu denken, bis ein Franzose, der dort eine Art von Hôtel oder Branntweinwirthschaft mit einem Kaufladen hielt und außerdem noch herüber und hinüber speculirte, der Unschlüssigkeit ein Ende machte, und von seinem Ladentisch aus den Einwohnern auseinander setzte, daß sie sich vertheidigen und ihre Freiheit bewahren müßten.

Der Mann sprach jedenfalls als Fremder unparteiisch, denn daß er ein Dutzend alte Musketen und ordinäre, schon halb verrostete Flinten auf Lager hatte, und außerdem Pulver und Munition führte, wovon er in ruhigen Zeiten außerordentlich wenig absetzte, konnte ihn kaum dazu bewogen haben, seinen Mitbürgern einen solchen Rath zu geben. Nichtsdestoweniger versäumte er keine Zeit, um die genannten Kriegsinstrumente, so rasch es anging, wenigstens von außen, wieder etwas in Stand zu setzen und den Rost zu entfernen. Was er an sonstigen Waffen: Pistolen und Messern, besaß, wurde ebenfalls vorgesucht, um zur Schau auf seinem Ladentische auszuliegen.

Unterdessen wirkte das ausgestreute Gift. In seinem Laden sammelten sich vorzugsweise die Müßiggänger der Stadt, um bei einem Glase Aguaardiente oder süßen Liqueurs, den sie sehr gern tranken und den Monsieur Renard so schlecht als theuer führte, ihre zukünftige Haltung zu besprechen. Sie wollten sich zu einem Entschluß hinaufarbeiten, der aber – wie die Meisten recht gut wußten – im letzten und entscheidenden Augenblick doch unausführbar war.

Welchen Widerstand hätten sie einer bewaffneten Macht bieten wollen? Ein einziger Raketenschuß würde ihre ganze aus Bambus und Schilfdächern erbaute kleine Stadt in Brand gesteckt haben. Befestigungen gab es gar nicht – die Straßen lagen sämmtlich offen, feindliche Boote konnten in der Fluthzeit fast an jedem Theile der Insel landen. Dazu war die Bevölkerung fast waffenlos und, wenn sie auch Waffen gehabt hätte, ungeübt in dem Gebrauch derselben. Alle Vernunftgründe sprachen deshalb dafür, etwas, das man doch nun einmal nicht ändern konnte, ruhig über sich ergehen zu lassen, noch dazu, da es ihnen nicht einmal Nachtheil bringen konnte. – Aber der Branntwein! Sobald die Köpfe erregt waren, fingen die Leute an, welche ihre jetzige Regierung ebenfalls nur dem Namen nach kannten, patriotisch zu werden, und eines Tages, ehe es dunkel wurde, hatte Louis Renard seine sämmtlichen alten Musketen an den Mann gebracht, sogar seine eigene und letzte, ziemlich gute Doppelflinte verkauft und mit seiner Munition so weit aufgeräumt, daß ein neuer Auftrag nach Guajaquil oder Panama nöthig wurde.

Am nächsten Morgen waren die Bewohner von Tomaco auch schon mit Tagesanbruch munter, und Kundschafter erkletterten den Felsen, um von dort aus einen besseren Ueberblick über die See zu gewinnen, und etwa ansegelnde Fahrzeuge augenblicklich signalisiren zu können. Ueberhaupt befand sich die Stadt in einer ziemlichen Aufregung, da sich zu gleicher Zeit eine Art von Miliz gebildet hatte, die freilich nur in der einen Hinsicht uniform war, daß sämmtliche »Soldaten« ohne Uniform erschienen. Auch zwei kleine Kanonen wurden vorgesucht, die der Postmeister einmal von der »Anna« erstanden hatte, wo man sie gebraucht, um Signalschüsse zu geben. Natürlich fehlte es an Kugeln dazu, die sich aber durch kleine Stücke gehackten Bleies ersetzen ließen, und es sah in der That so aus, als ob die Stadt entschlossen wäre, ihre »heiligen Rechte« bis auf den letzten Blutstropfen zu vertheidigen – aber es sah auch nur so aus.

Die Leute exercirten allerdings den ganzen Vormittag und als die Seebrise mit dem nahenden Abend das Land bestrich, begannen sie noch einmal, und die Meisten hatten sich schon gemerkt, was Links und Rechts war. Als indeß der ganze Tag verlief, ohne daß sich ein feindliches Segel blicken ließ, und am nächsten und nächstfolgenden Mosquera's Flotte immer noch auf sich warten ließ, erkaltete der Eifer, und man fing an, seinen gewohnten Beschäftigungen wieder nachzugehen. Sie mußten das ja auch, wenn sie überhaupt leben wollten, denn wer denkt in diesem Klima daran, sich Vorräthe von dem anzulegen, was er gerade braucht! An der Insel lagen ein kleiner Schooner und zwei Wallfischboote, die angelaufen waren, um Früchte zu kaufen; diese mußten ihre Ladung bekommen, und die Fischer durften ebenfalls nicht länger müßig liegen, denn Alles murrte, daß kein einziger frischer Fisch im ganzen Orte zu finden war.

Man tröstete sich sogar damit, daß die ganze Flottengeschichte nicht wahr sei. Der liebe Gott wüßte, welches Märchen man den Leuten von der Anna in Buenaventura aufgebunden hatte. Mosquera dachte wahrscheinlich gar nicht daran, sie in ihrem abgelegenen Fischerdorf zu belästigen, und ihre Vorsichtsmaßregeln waren unnütz gewesen – hatten aber freilich nur jenen leichtsinnigen Menschen Schaden gethan, die sich verleiten ließen, so Hals über Kopf Schießwaffen und Munition zu kaufen. Was sollten sie jetzt mit den alten Schießeisen anfangen?

In einem neugebauten Haus, das sich durch die noch nicht wettergebräunten Tragestämme und das helle, frische Dach deutlich von den anderen unterschied, auch auffallend sauberer gehalten war und oben, statt der sonst gewöhnlich halb oder ganz fehlenden Seitenwände, neue Bambusseiten zeigte, deren regelmäßig eingeschnittene Fenster mit einer dort gebräuchlichen Art von Bambusjalousien verhangen waren, wohnte ein Señor Ramos mit seiner Familie, der vor etwa drei Monaten mit seiner Frau, einem Kinde und zwei schwarzen Dienstleuten hierher übersiedelte, gleich nach seiner Ankunft den Platz kaufte und das Haus darauf baute.

In jenen glücklichen Ländern nämlich braucht man zu einem Hausbau keine Maurer, Zimmerleute, Tischler, Dachdecker, Tüncher, Glaser, Schlosser, Tapezierer und wie die schrecklichen Menschen alle heißen, die einem Bauherrn das Leben bis in das innerste Herzblut hinein vergiften, so daß er tagtäglich das Bauen auf ewige Zeiten verschwört. Wer sich ein »Haus« bauen will, accordirt dasselbe mit einem Eingeborenen, der sich entweder von seiner eigenen Familie helfen läßt, oder ein paar Nachbarn zur Arbeit nimmt, dann werden die dazu nöthigen Stämme im Walde frisch gefällt, Einer spaltet die jungen Palmen, die zu Boden oder Wänden benutzt werden sollen, indem man sie einhackt und ausbreitet, ein Anderer holt das Schilf oder die Palmenblätter zum Dach und schnürt sie mit Bast in Büschel zusammen. Wenn einmal die Löcher gegraben sind, in welche die Pfähle zu stehen kommen, die den oberen und einzigen Stock tragen sollen, so ist auch das Haus in einer einzigen Woche fertig, und kann bezogen werden. Die Häuser stehen dort alle auf Pfählen. Es ist das viel gesünder und luftiger und auch des vielen Ungeziefers wegen nöthig, das sich unten auf dem Boden weit zahlreicher einfinden würde. Nur in den kleinen Städten haben die Kaufleute ihre Läden unten, indem sie einen Palmen- oder Bambusverschlag um die unteren Stämme machen, aber auch sie wohnen oben. Ueberhaupt würde es Niemandem einfallen, auf der feuchten Erde zu schlafen, wenn er sich nicht gerade draußen im Wald befindet, und dazu gezwungen ist.

Señor Ramos muthete das nicht einmal seinen Dienstleuten zu, sondern setzte noch ein kleines Nebenhaus für diese an, das zwar seine besondere Leiter hatte, mit dem Hauptgebäude aber im ersten Stock durch einen schmalen und schwanken Bambussteg verbunden war, der Abends durch eine vorgebundene und mit einer Matte bedeckte Gitterthür von dem nämlichen Material abgesperrt wurde.

Señor Ramos mußte – wenn die Vermuthung der Leute von Tomaco richtig war – ein sehr reicher Mann sein, denn er arbeitete nicht allein Nichts – das thaten sehr Viele in Tomaco – er verkaufte auch Nichts, und bezahlte Alles, was er brauchte – wenn das auch nicht viel war – baar und in blankem Silber. Er verließ auch sein Haus nur sehr selten, schrieb aber dort fleißig, und nur, wenn der englische Dampfer kam, fuhr er mit dem Capitän an Bord zurück, blieb dort, bis das kleine Fahrzeug wieder zu arbeiten anfing, und kehrte nachher in seinem eigenen Canoe, das sein Neger ruderte, an Land und in sein Haus zurück.

Er war, wie man recht gut wußte, ein Feind Mosquera's und ein getreuer Anhänger der Regierung von Panama, denn er hatte, als er hierher zog, kein Hehl daraus gemacht. Trotzdem kaufte er sich weder bei Señor Renard eine von dessen alten Musketen, noch exercirte er mit in der Sonne am Strand, und als ihn der Postmeister direct dazu aufforderte, sich an der Nationalvertheidigung zu betheiligen, meinte er, er könne schon exerciren, und wenn es wirklich zum Kampf käme, würde er neben dem Postmeister fechten, – eine Sache, die der Postmeister – allerdings aber nur im Stillen – für sehr unwahrscheinlich fand, denn er selber war noch gar nicht mit sich einig, ob er es soweit würde kommen lassen.




Zweites Capitel.

Die erste Crinoline


Jetzt herrschte wieder Ruhe auf Tomaco. Fünf Tage waren vergangen, seit Capitän King von der Anna die Nachricht gebracht hatte, daß die Mosqueraflotte unterwegs sei. Sie fand aber durch Nichts eine Bestätigung, im Gegentheil war sogar eben ein Canoe von Irapiche eingelaufen, das Gummi geladen hatte, und dafür Aguaardiente mitnehmen wollte, und dessen Leute aussagten, an der ganzen nördlichen Küste wisse man Nichts von einem Einbruch der Mosquera-Truppen. Bonaventura sollten sie allerdings besetzt haben, von dort aber seien die Schiffe wieder nach Norden gegangen, um zuerst Panama zu nehmen, und dadurch die Regierung des ganzen Landes in die Hand zu bekommen.

Der leichte, sorglose Sinn der Bevölkerung verlangte nicht mehr, denn schon die gehabte Aufregung war ihnen unbequem gewesen. Die Fischer schaukelten schon lange wieder draußen in ihren Canoes, während die Landeigenthümer hinaus in ihre Platanare gingen, um die schweren Fruchttrauben derselben an den Strand zu tragen, oder hinauf in die Cocospalmen zu steigen, um die erst halbreifen, aber mit erquickendem Wasser gefüllten Früchte abzupflücken und mit einer geschickten Schwingung der Hand so hinabzuwerfen, daß sie sich in der Luft drehten und dann mit ihrer Spitze in den Sand fielen. Schlugen sie breit auf, so platzten sie leicht durch ihr Gewicht, denn die Nuß ist so mit Milch angefüllt, daß diese herausspritzt, sowie man nur mit einem Messer hineinsticht.

In dem kleinen Städtchen herrschte wieder ganz das alte Leben. Nur die Frauen waren in einer etwas ungewöhnlichen Bewegung, denn »Señor Renard« hatte mit dem Dampfer von Panama einen Gegenstand bekommen und eben ausgepackt, der ihr Interesse wunderbar fesselte, und zu den lebhaftesten Debatten Veranlassung gab.

Der Gegenstand war in der That von großer Wichtigkeit, nämlich nichts Geringeres als – eine Crinoline, und zwar die erste, die in diesem entlegenen Theil der Welt je gesehen worden.

In einem Ort, wo es so viel müßige Leute gab, wie in Tomaco, verstand es sich von selbst, daß die wenigen Kaufleute beim Auspacken ihrer eben angekommenen Waaren immer eine Menge von Zuschauern hatten. Es lag das ja auch mit in ihrem eigenen Interesse, denn es machte eine Ankündigung derselben unnöthig, sobald das schöne Geschlecht Stück für Stück derselben in Augenschein nahm, und dann sicherlich schon an dem nämlichen Abend Stück für Stück einzeln besprach und kritisirte. Selbst schon beim Auspacken wurde manches Stück verkauft, denn darin bleiben sich die Menschen überall in der ganzen Welt gleich, ob sie nun in einer braunen oder weißen Haut herumgehen: daß sie nämlich gern das Neueste haben und sich besonders bei der Auswahl solcher Dinge zu dem hingezogen fühlen, was ihnen aus fremden Ländern gebracht wird.

Auch diesmal hatte sich ein Theil Neugieriger eingefunden, als Renard seine neuen Waaren öffentlich – wie er es stets that – auspackte, und allerdings wäre es nicht leicht gewesen, etwas Derartiges in diesen offenen Häusern heimlich zu thun. Renard kam freilich selbst in Verlegenheit, als er diese erste und einzige Crinoline aus ihrem Versteck hervorzog und entfaltete, denn wenn ihm auch der Verkäufer in Panama angezeigt hatte, daß er ihm in Kiste so und so, einen aus Paris erhaltenen Artikel neuer Damenmoden mitschicke, so war der Franzose, der früher Kellner, dann Matrose auf einem Walfischfänger gewesen und später in Chile desertirt war, doch keineswegs in die Toilettengeheimnisse der Damen soweit eingeweiht, um selbständig gleich an Ort und Stelle beurtheilen zu können, wie dieser höchst durchsichtige Gegenstand zu einer Damengarderobe verwandt werden könne. Den Nutzen begriff er nicht, und als Zierrath oder Schmuck schienen ihm die Drahtreifen nicht elegant genug, um gerade aus Paris zu kommen.

»Que es esta?« (Was ist das?) riefen die Damen wie aus einem Munde, als er das wunderliche Ding entpuppte. – »'donde viene, (wo kommt es her?) Señor?«

»No se,« (Ich weiß nicht) sagte Monsieur Renard achselzuckend, indem er den fraglichen Gegenstand selbst mißtrauisch betrachtete, »alguna cosa por las Señoritas« (Etwas für die Damen).

»Por las Señoritas? Impossible! Que barbaridad!« stöhnte eine dicke Negerin entrüstet, als ihr vielleicht einfiel, wie sie in einem solchen Kleidungsstück aussehen würde.

Das wunderbare Fabrikat ging nun von Hand zu Hand; während aber die jungen Mädchen errötheten und unter einander kicherten, die älteren Damen mißbilligend den Kopf schüttelten, sammelten sich immer mehr Leute vor dem Hause des Herrn Renard, und mit wenigen Ausnahmen fehlte, kaum eine Viertelstunde später, keine von Evas Töchtern – hoch oder gering – um den neuen Putz in Augenschein zu nehmen.

Aber zu einem Resultat kamen sie nicht. Selbst das Wort Crinolina blieb ihnen ein Räthsel, denn Niemand wußte, was es bedeuten solle, obgleich es spanisch klang. Es waren nämlich weder Pferdehaare, noch Leinwand daran, was es allenfalls hätte bedeuten können, sondern nur Baumwolle und Eisendraht.

Endlich machte Señora Ramos' Schwarze, die bei der Versammlung nicht fehlen durfte, den Vorschlag, ihre Herrin zu fragen. Diese hatte sich in Bogota – wenn sie auch hier außerordentlich einfach ging, stets nach der neuesten Mode gekleidet, und ihr Herr bekam immer Zeitungen, in denen lauter Neues stand. Vielleicht wußten die es.

Das war ein Vorschlag zur Güte, und Renard's Frau – eine Eingeborene – wurde augenblicklich abgesandt, um eine Aufklärung, wenn irgend möglich, zu erbitten, indessen die Damen in äußerster Spannung auf dem Posten blieben. Sie mußten doch erfahren, wie dieses neue Kleidungsstück getragen würde.

Nach einer Viertelstunde endlich – und wie lang ihnen diese wurde! – kehrte sie zurück und das Räthsel war gelöst. Dies Drahtgeflecht stellte nur einen Unterrock vor – die anderen Kleider wurden darüber gezogen, um recht hübsch und weit auszublähen. – Das war das ganze Geheimniß, aber die Lösung befriedigte die Damen noch nicht, denn nun wollten sie auch einmal sehen, wie das wunderliche Ding getragen würde, und ob es praktisch wäre – das heißt, ob es vornehm aussähe.

Hier aber fand sich eine andere Schwierigkeit, denn Niemand wollte es anfangs anprobiren – selbst Señora Renard weigerte sich hartnäckig. Eine alte Negerin erbot sich endlich – gegen angemessene Vergütung natürlich – die Probe an sich machen zu lassen. Sie trotzte allen Schrecken. Renard aber war klug genug, darauf nicht einzugehen, denn er wollte die neue Mode, von der er später einen erklecklichen Profit hoffte, nicht gleich von vornherein lächerlich und dadurch unmöglich machen. Endlich bewog er ein junges allerliebstes Mädchen von Halbblut durch das Opfer eines buntseidenen Tuches, die Crinoline unter ihr Kleid zu ziehen. Die Toilette wurde im Laden selber, unter der Beihülfe von Renard's Frau, gemacht, die Thüre indeß verhangen, und die rings versammelten Frauen hielten schon unberufene Neugierige ab, daß sich nicht ein oder der andere junge Bursche gelüsten ließ, durch die allerdings zahlreichen Ritzen des Hauses zu schauen, denn im Stande wären die es gewesen.

Es war ein großer Moment im Leben dieses einfachen Naturvolkes, als Juanna, wie das junge Mädchen hieß, endlich im vollen Staat und Glanz aus der Mattenthür des Ladens trat, denn da sich ihr Kleid als zu kurz und eng erwiesen, hatte ihr Madame Renard für die Probe ihr bestes Sonntagskleid geborgt, das mit seinen rothen und grünen Blumen ordentlich glänzte und funkelte. Verschämt und kichernd ging die junge Dame ein paar Mal vor dem Laden auf und ab, immer dann und wann selbst staunend auf die Pracht niederzuschauen, die sie umgab. Wen störte es, daß sie bloße Füße hatte, und daß ihr das volle lockige schwarze Haar wild und ungeordnet um die Schläfe hing?

Die Damen fingen wirklich schon an, Geschmack an der Sache zu finden. Wie viel schöner sah man das Muster auf einem Kleid, wenn man es so ausgespannt tragen konnte, und wie vornehm schaute das arme einfache Ding, das Mädchen, in dem Gestell aus – und wie viel Zeug brauchte man für einen einzigen Rock.

Juanna selbst wünschte sich in ihrem ungewohnten Staat auch der kranken Schwester zeigen, die daheim lag und Nichts von all den Herrlichkeiten zu sehen bekam. Leichtsinniger Weise erlaubte es ihr Renard – wohnte sie doch nur schräg gegenüber – und Juanita flog der eigenen Wohnung zu, an der – wie bei allen übrigen Häusern, nur eine schmale Leiter – oft nur ein eingekerbter Baumstamm – lehnte, um an diesem auf und ab zu steigen.

Die Meisten der Neugierigen folgten ihr, kaum aber war sie drei oder vier Stufen hinauf gestiegen, als die Zuschauer unten in ein schallendes Gelächter ausbrachen. Das arme Kind merkte jetzt, daß ihr Kleid, das ihr sonst glatt am Körper niederhing, weit auf der Leiter ausblähte. Aengstlich drückte sie es zusammen, aber die elastischen Reifen wichen aus – was sie auf der einen Seite niederdrückte, stand auf der anderen um so viel weiter ab. Vor Scham tief erröthend, sprang sie endlich von der Leiter mit einem Satz hinab, um die häßlichen Reifen so rasch als möglich los zu werden.

Das gab der Crinoline den Todesstoß, denn daran hatte bis jetzt noch Niemand gedacht. Welche Frau oder welches Mädchen hätte mit einem solchen Putz ihr Haus je verlassen oder wieder dahin zurückkehren können? Es war rein unmöglich, denn an allen Häusern lehnten diese Leitern, und Monsieur Renard that das Einzige, was er mit der Crinoline überhaupt thun konnte – denn kaufen wollte sie jetzt Niemand – er hing sie in seinen Laden unter Siebe, eiserne Töpfe, Besen und andere dergleichen im Handel vorkommende Dinge, an der Decke auf, und nahm sich vor, mit dem nächsten Dampfer nach Panama an seinen Correspondenten zu schreiben, ihm doch um Gottes Willen keine weitere Nachsendung derartiger Moden zu machen.

Juanna hieß aber von dem Tag an nur La Crinolita in der ganzen Stadt, und lange noch standen die Leute vor dem Hause und lachten und plauderten mit einander, bis endlich ein tüchtiger Regenschauer sie in ihre Häuser trieb, und sie von dort aus, über die Straße hinüber und unter einander, aber doch unter Dach, das höchst interessante Gespräch über die merkwürdige Neuigkeit fortsetzen konnten. An Mosquera's Flotte dachte Niemand mehr.




Drittes Capitel.

Der Alarm


So rückte der Abend heran. Der Regen hatte aufgehört und am westlichen Horizont wurde eben noch ein rother Gluthstreifen sichtbar, den die untergehende Sonne auf ihrer Bahn nach sich zog, als plötzlich ein Canoe um die nördliche Landzunge bog und, von den Rudern der darin Sitzenden getrieben, wie ein Pfeil über das Wasser dahin und der Landung zuschoß.

»Mosquera!« hieß der Schreckensruf, der gleich darauf durch die kleine, noch ebenso ruhige Stadt zuckte – »Mosquera! – Draußen segeln die Schiffe an und Tomaco ist vom Feinde bedroht.«

Das war ein Durcheinanderlaufen, und wie sich Alles noch vor wenigen Stunden lachend und jubelnd um Renard's Laden gedrängt hatte, so rannten die Leute jetzt nach dem Strande, um von den eingelaufenen Fischern das Nähere über die beunruhigende Kunde zu hören. Selbst Señor Ramos befand sich diesmal unter den Neugierigen. Aber der Bericht, den die Seeleute geben konnten, lautete immer noch unbestimmt, wenn er auch das Schlimmste fürchten ließ.

Sie hatten draußen an der Punta Mariana gefischt, und befanden sich schon wieder auf dem Heimweg, als sie zwei Fahrzeuge bemerkten, die gegen den Wind aufkreuzten und augenscheinlich auf Tomaco zuhielten. Das eine war ein Schooner gewesen, das andere eine Galeotte. Wie sie näher kamen, hatten sie auf dem Schooner eine Flagge aufgezogen, da sie aber von ihnen fortwehte, konnten sie die Farben nicht erkennen, und wahrscheinlich sollte das ein Zeichen sein, daß man sie an Bord verlangte, um dort vielleicht als practicos oder Lootsen zu dienen.

Aus Furcht davor hatten sie sich in die Ruder gelegt und waren geflohen, während das kleinere Fahrzeug, die Galeotte, sobald sie das an Bord merkte, versuchte, ihnen den Weg abzuschneiden. Aber das ging freilich nicht; sie selbst hielten sich in seichtem Wasser, wohin ihnen das tiefer gehende Segelschiff nicht folgen durfte, wenn es nicht auf den Grund gerathen wollte, und als es wenden mußte, trieb es der ungünstige Wind viel mehr zurück, als daß es Fortgang gemacht hätte.

»Und wann könnten sie hier sein?«

Keinen Falls vor morgen früh, denn von der letzten Punta aus hatten sie die beiden Kriegsfahrzeuge nur noch in weiter Ferne gesehen, und ohne Lootsen an Bord durften sie nicht wagen, in dunkler Nacht hier einzulaufen.

Das war der einzige Trost, den sie mitbrachten, aber am nächsten Morgen konnten die Bewohner von Tomaco darauf rechnen, den unwillkommnen Besuch der Feinde da zu haben.

Was nun thun? Ihr erster Nationalitätseifer war schon merklich abgekühlt, und sollten sie wirklich all' ihr Hab' und Gut daran wagen, um der Regierung in Panama, die bis dahin noch gar Nichts für sie gethan, die Insel in treuer Botmäßigkeit zu erhalten? Wer vergütete ihnen den Schaden, wenn die Stadt in Brand geschossen wurde? – Aller Wahrscheinlichkeit nach Niemand, und die Stimmung der Bevölkerung fing an, eine entschieden friedliche zu werden. Selbst Renard, der keine verkäuflichen Waffen mehr an der Hand hatte, hütete sich, ein einziges aufregendes Wort fallen zu lassen, ja er wußte sogar einige Beispiele von andern Städten Neu-Granadas zu erzählen, wo Mosquera – weil er keinen Widerstand gefunden – vollkommen friedlich eingezogen war und Niemanden belästigt hatte.

Nur der Postmeister blieb Feuer und Flammen und war wieder emsig beschäftigt, die Landwehr zu organisiren, die er am liebsten die ganze Nacht durch hätte exerciren lassen. Dazu brachte er die Leute nun allerdings nicht, aber sein Beispiel diente doch dazu, sie wenigstens in etwas aufzuregen. – Schämten sie sich doch, so gar kalt zu bleiben, wo es die Vertheidigung des Vaterlandes und des eigenen Heerdes galt. Sie verstanden sich also dazu, am nächsten Morgen, noch vor Tag, den Strand zu besetzen, die Kanonen zu richten und – wie es der Postmeister verlangte – »mit Gut und Blut ihre Ehre und ihre Rechte zu vertheidigen.«

Der Postmeister sorgte auch dafür, daß sie nicht zu lange schliefen, denn kaum tauchte der Morgenstern über den Baumwipfeln des festen Landes auf, so rasselte, von ihm selber bearbeitet, eine alte Trommel durch die stillen Straßen der Stadt, um in einer Art von verzweifeltem Generalmarsch die Bevölkerung zu wecken, die jungen Männer herauszurufen und die Frauen und Kinder durch den ungewohnten Lärm fast zu Tod zu ängstigen.

Er unterließ auch keine Vorsichtsmaßregeln. Ein Canoe wurde, als noch tiefe Nacht auf dem Meere lag, an die nördliche Punta hinaufgeschickt, um dort auf Wacht zu liegen, bis der Tag anbreche, und dann ungesäumt genaue Kunde zu bringen. Ebenso wurden auf den Felsen hinauf Posten geschickt, und ihnen eine kleine Fahne mitgegeben, durch welche sie bestimmte Botschaften auf eine vorher bestimmte Art herabwinken sollten – was sie aber natürlich vergaßen, ehe sie nur oben waren.

Unterdessen ließ er die beiden Kanonen an die äußerste Spitze der Insel schaffen, von wo er aus beide Canäle – wenn auch nicht gerade beschießen, doch jedenfalls bedrohen konnte, und ebenso mußten die Leute mit Spitzhacken und Schaufeln arbeiten, um eine Art Schanze aufzuwerfen, hinter der sie gedeckt gegen das Feuer der Schiffe stehen konnten. In dem lockeren Sande war leicht zu arbeiten und sie hatten bald eine Brustwehr ausgegraben, die hinreichend schien, sie zu verbergen, wenn sie auch einer wirklichen Kanonenkugel kaum einen Widerstand geboten hätte.

Bis Tagesanbruch waren sie richtig damit fertig. Der Postmeister blickte mit Stolz auf das vollendete Werk, und als der Tag graute, hingen Aller Blicke mit Spannung an dem westlichen Horizonte, den noch ein duftiger Nebel deckte. Kaum aber hob sich die Sonne, so preßte sie auch diese leichten Schwaden auf die Oberfläche der See nieder, von der sie rasch aufgesogen wurden, und »dort sind sie! dort sind sie!« lief der Ruf von Mund zu Mund und fand bald sein Echo in der Stadt, der die geängstigten Frauen und Kinder entströmten, um den Feind mit eigenen Augen zu schauen.

Zu gleicher Zeit winkten die Posten auch auf den Hügeln mit ihren Fahnen, und kam das nach der Punta ausgesandte Canoe in voller Eile zurück. – Sie Alle hatten den Feind zu gleicher Zeit bemerkt, und die Richtung, welche die kleinen Fahrzeuge mit der schwachen Morgenbrise nahmen, ließ keinen Zweifel mehr, daß Tomaco wirklich ihr Ziel sei. – Aber waren es auch wirklich Kriegsschiffe?

In dem breiten weißen Streifen, der um den Rumpf herum lief, zeigten sich allerdings die schwarzen viereckigen Portlöcher – aber ob es gemalte oder wirkliche Porte waren, ließ sich in der Entfernung noch nicht erkennen, und solche gemalte Porte führten fast alle Kauffartheischiffe, während die wahren Kriegsschiffe gewöhnlich ganz schwarz angestrichen waren und nicht die geringste Abzeichnung trugen.

Der Postmeister selber, der eine Art von Telescop besaß, das er einmal einem Walfischfänger um ein Billiges abgekauft, bemühte sich vergebens, etwas Genaueres zu erkennen – das verwünschte Glas hatte so viel gekratzte Risse! – Nicht einmal eine Flagge zeigten sie, und suchten nur mit sämmtlichen beigesetzten Segeln den schwachen Wind zu fassen und dadurch vorwärts und auf Ankergrund zu kommen. Mit der Seebrise, die den Nachmittag etwa um drei Uhr einsetzte, durften sie sicher darauf rechnen, die Einfahrt des Hafens in ihrer Gewalt zu haben.

Es war jetzt in der That nichts weiter zu thun als diesen Zeitpunct eben abzuwarten, denn ein verzweifelter Plan, den der Postmeister entwarf, mit Canoes und Booten nämlich in die offene See hinauszufahren, und die Kriegsschiffe zu entern und zu nehmen fand auch nicht den geringsten Anklang. Die Leute meinten ganz vernünftig: wenn sie das wollten, könnten sie ja nur ruhig warten, bis die beiden Fahrzeuge zu ihnen hereinkämen; dann hätten sie es doch jedenfalls weit bequemer.

Indessen ging der Alkalde, dem nicht wohl bei der Sache wurde, zu Señor Ramos hinüber, um dessen Meinung zu hören; er staunte aber nicht wenig, als ihm dieser ganz ruhig sagte, er würde an seiner Stelle nicht den geringsten Widerstand leisten, denn einem ordentlichen Angriff hielten seine Leute doch nicht Stand, und Widersetzlichkeit würde den Feind nur erbittern, aber nie etwas an der Sache – der Besetzung Tomacos durch Mosquera's Truppen – ändern.

»Wenn Sie das nur dem Postmeister gesagt hätten!« entgegnete, etwas bestürzt, der Alkalde. »Der ist ganz Feuer und Flamme.«

»Der Postmeister ist ein Bramarbas,« sagte Señor Ramos ruhig. – »Lassen Sie den da draußen maneuvriren, er wird nicht den geringsten Schaden thun.«

Dabei blieb es, und die Einwohner von Tomaco beobachteten mit ängstlicher Spannung das zwar langsame, aber doch unverkennbare Näherrücken der »Flotte«.

Den stolzen Namen Flotte verdienten die beiden kleinen Fahrzeuge allerdings nicht. Es waren ein paar ganz gewöhnliche Schooner, wie sie überhaupt an der Küste kreuzten, um Tauschhandel zu treiben und selten größere Reisen als nach Panama und wieder zurück zu machen. Noch dazu wurden zu diesen Fahrten gewöhnlich die ältesten und schlechtesten Schiffe benutzt, da sie in dieser Breite nie eine schwere See oder gar einen Sturm zu fürchten hatten. Das Schlimmste, womit sie kämpfen mußten, waren Windstillen, die ihre Reise oft um das Dreifache verlängerten. Uebrigens fanden sie überall an der Küste kleine Häfen, wo sie einlaufen und frische Provisionen kaufen konnten – Wassermangel fand in einer Gegend nie statt, wo wenigstens einmal an jedem Tag ein kleiner Wolkenbruch fiel, so daß man an Deck, mit einem ausgespannten Segeltuch, leicht auffangen konnte, was man über Tag brauchte.

Die beiden kleinen Fahrzeuge schienen nun auch nicht um einen Grad besser zu sein, als alle anderen derartigen gleichen Gelichters, und möglich, daß der Postmeister, der lange Jahre seines Lebens an der Küste zugebracht, auch der festen Ueberzeugung war, er hätte es nur mit friedlichen Küstenfahrern zu thun und könne, in sehr billiger und gefahrloser Weise, seinen Muth zeigen und seinen Landsleuten imponiren. Mosquera, noch nicht im Besitz Panamas oder irgend eines anderen bedeutenden Hafens, war aber in der That genöthigt gewesen, ein paar ganz gewöhnliche Schooner, wie er sie an der Küste genommen oder aufgekauft hatte, zu bemannen und zu armiren, und da die Bewohner dieser kleinen Hafenplätze auch wohl noch nie ein wirkliches Kriegsschiff gesehen hatten, so konnten sie, seiner Meinung nach, recht gut Alles erfüllen, zu was er sie brauchte – und erfüllten es auch in vielen Fällen.

Die Spannung am Lande hatte ihren Höhepunct erreicht, als beide Schooner, etwa Mittags um 12 Uhr, draußen vor dem Eingange des Canals, neben einander ankerten, und gleich darauf ein kleines Boot in See gelassen wurde – was man mit bloßen Augen deutlich erkennen konnte – in das einige Mann hineinstiegen und dann dem Lande zuruderten. Hinten im Heck des Bootes stand ein Offizier, und als er näher kam, hob er eine kleine weiße Fahne empor – es war richtig ein Parlamentairboot, und da die Leute recht gut wußten, daß sie von den paar Mann keinen Ueberfall zu fürchten hatten, drängten sie mehr und mehr der Landung zu, um dort gleich an Ort und Stelle das Schlimmste zu erfahren.

Selbst der Postmeister, der aber seinen Leuten streng anbefahl, auf ihren Posten zu bleiben, den sie bis auf den letzten Mann vertheidigen wollten, näherte sich der Stelle, um bei dem Kriegsrath zugezogen zu werden.

Still und schweigend ruderte indeß das Boot heran, und die vier Leute an den Riemen – ruppig genug aussehende Burschen, wenn sie wirklich zu einem Kriegsschiff gehörten – warfen bei ihrer Arbeit etwas scheu den Kopf zurück nach den Leuten am Strande, und schienen keineswegs eines ganz freundlichen Empfanges gewiß zu sein.

Vollkommene Ruhe bewahrte indeß der Offizier selber, der, als das Boot den Sand scheuerte, von seinem Sitze aufstand und die weiße Fahne emporhob. Da aber gerade Ebbe war, lag das Boot, wenn auch schon festgefahren, noch immer wohl zehn oder zwölf Schritte von dem seichten Strande ab, und Einer der Leute sprang ohne Weiteres hinaus und in's Wasser, um ihn auf seinen Schultern auf trockenen Boden zu tragen, denn er hatte Stiefeln an, die er nicht naß machen durfte.

Der Offizier nahm das auch an, und zwar als eine Sache, die sich von selbst verstand, wenn es ihm auch in der Würde seiner Stellung und europäischen Augen gegenüber vielleicht Eintrag gethan hätte, so huckepack und nichts weniger als graziös, an's Land geritten zu kommen. Hier aber war man etwas Aehnliches schon so gewöhnt, daß Niemand nur eine Miene deshalb verzog und der Alkalde, in etwas steifer und gezwungener Haltung ihm entgegentrat, um zu erfragen, was er wünsche und was die Schiffe da draußen beabsichtigten.

Der Offizier grüßte freundlich, ohne sich dann aber bei weiteren Höflichkeiten aufzuhalten, sagte er ruhig:

»Señores, ich komme hierher im Namen meines Capitäns und Admirals, des ehrenwerthen Don Juan Salcantra, um Sie aufzufordern, Sr. Excellenz, dem geliebten und tapferen Präsidenten Mosquera, den Huldigungseid zu leisten und zu schwören, daß Sie diesen Platz gegen alle Feinde Sr. Excellenz vertheidigen und ihm überhaupt treue Unterthanen sein wollen.«

Todtenstille folgte dieser Aufforderung, und selbst der Alkalde war in Verlegenheit, was er darauf erwidern solle. Mit der Schlauheit und Geschmeidigkeit der ganzen spanischen Race ließ er aber doch nicht lange auf eine Antwort warten und erwiderte freundlich:

»Señor, wir sind ruhige und friedliebende Bürger auf Tomaco, die mit treuer Anhänglichkeit an ihrer Regierung hängen und erst vor ein paar Tagen erfahren haben, daß eine Revolution im Lande ausgebrochen sei. Daß der neue Präsident in Panama Mosquera heißt, wußten wir noch gar nicht, und wenn Sie uns von dort den schriftlichen Befehl zu dem eben Verlangten bringen, sind wir mit Vergnügen bereit, Ihrem Wunsche zu willfahren.«

»Die Regierung in Panama,« sagte nun der Offizier finster, »ist gestürzt – General Mosquera regiert jetzt allein im Lande, und deshalb haben die verschiedenen Hafenplätze auch von ihm allein Befehle entgegen zu nehmen, die er aber nie schriftlich, sondern nur mündlich giebt.«

»Bitte um Entschuldigung, Señor,« nahm der Postmeister das Wort. »Die Regierung von Panama ist nicht gestürzt, wenigstens nicht, daß Sie etwas davon wissen könnten, denn der englische Dampfer, der direct von Panama kam, hat erst nach Ihnen Buenaventura verlassen, und uns noch Depeschen unserer Regierung mitgebracht.«

»Señor,« erwiderte der Offizier kalt, »die Regierung von Panama ist im ganzen Lande gestürzt, und in Panama eingeschlossen, Sie können dieselbe also nicht mehr Regierung nennen. Aber ich bin nicht hier, um mich mit Ihnen in einen Wortstreit einzulassen. Meine Aufforderung an Sie ergeht nur dahin, ob Sie sich den rechtmäßigen Behörden unterwerfen wollen, wo nicht, werden wir mit unseren Schiffen Ihren Gehorsam zu erzwingen wissen, und die Folgen – haben Sie sich dann selber zuzuschreiben. – Ich bitte um Antwort.«

»Und die soll Ihnen werden,« rief der enragirte Postmeister, ehe der Alkalde selber das Wort ergreifen konnte. – »Kommen Sie nur so nahe, daß wir Sie mit unseren Kanonen erreichen können, so wollen wir Ihnen eine Antwort hinüberschicken, daß Ihnen die Köpfe brummen.«

»Ist das Ihr letztes Wort?« frug der Offizier finster.

Der Alkalde wollte etwas erwidern, aber die Umstehenden, denen die kecke Rede ihres Postmeisters imponirte, brachen in ein donnerndes Hurrah aus, und die Leute im Boote griffen erschreckt nach ihren Rudern, weil sie sich nicht sicher fühlten, daß die übermüthigen Burschen am Ende über sie herfallen könnten. – Was wußten sie von Völkerrecht oder Parlamentairflagge!

Der Offizier mochte etwas Aehnliches fürchten, denn er trat dicht zum Rand des Wassers zurück und sah sich nach seinen Leuten um. Dadurch gewannen die Bewohner von Tomaco nur neuen Muth. Der Alkalde wollte etwas sprechen, aber er kam nicht zu Worte – wieder gaben die Hurrahschreier eine volle Salve, und der Offizier, mit gänzlicher Mißachtung seiner blanken Stiefeln und trockenen Beinkleider, trat in das Seewasser hinein, war mit wenigen Schritten bei seinem Boote, schwang sich hinein, und während sich die Ruderer mit aller Macht in die Riemen legten, glitt die etwas plumpe Jolle wieder in tiefes Wasser zurück und dem Schiffe zu.




Viertes Capitel.

Die Einnahme von Tomaco


Draußen in See hatte indeß die Mannschaft mit großer Spannung dem Erfolg des Parlamentairs entgegengesehen, denn dieser gab ja die Entscheidung, ob sie die vor ihnen liegende Insel ruhig besetzen oder sie erst nach einem vielleicht harten und blutigen Kampfe erobern sollten.

Und eine wunderliche Mannschaft war es in der That, welche die Decks der kleinen Fahrzeuge füllte. Besonders der Schooner, eigentlich das stärkere Schiff von den beiden, zeichnete sich darin aus, denn zusammengeleseneres Volk ließ sich kaum auf der Welt denken. Nicht ein Mann sah aus wie der andere oder hatte auch nur das geringste Seemännische in seinem Wesen. Schmutzig, abgerissen, nicht einmal in ihrer Hautfarbe gleich, die vom tiefen Schwarz des Negers bis zu der braunen Haut des Halbindianers alle verschiedenen Schattirungen zeigte, räkelten sie sich und lagen über Deck, und die drei oder vier Europäer dazwischen schienen einer ganz anderen Welt anzugehören.

Besonders der Steuermann, ein Engländer, und wie alle englischen Seeleute sauber und adrett gekleidet, sah mit unbeschreiblicher Verachtung auf den Troß hinab, als er jetzt oben auf dem Quarterdeck, sein Telescop in der Hand, die Befehle des Capitäns, eines Neu-Granadiensers, erwartete.

Aber die Schiffe wenigstens paßten zu der Mannschaft, denn wenn man ihnen von außen auch erst kürzlich einen frischen Ueberzug von Oelfarbe gegeben hatte, so konnte das doch den Augen eines Kundigen die alten Schäden nicht verbergen, die sich nicht übertünchen ließen. Selbst der Hauptmast war geflickt und die Segel schienen nur aus einzelnen Lappen zusammengesetzt zu sein – die meisten Taue bestanden aus zusammengedrehter roher Haut und aus dem Deck selber hatte Alter oder lange Benutzung schon ganze Spähne herausgefressen, daß es gar nicht mehr ordentlich gescheuert werden konnte. Ueberhaupt sah das ganze Fahrzeug genau so aus, als ob es eine einzige tüchtige See rettungslos in den Grund waschen müsse, während der untere Raum, in dem die Besatzung schlief und aß, gar keine Beschreibung zuließ.

Allerdings hatte der Steuermann versucht, in diese Wirthschaft Ordnung oder doch wenigstens Reinlichkeit zu bringen, aber vergebens. Die ganze Mannschaft trat gegen ihn auf, und da ihn der Capitän in seinen Bemühungen nicht im Geringsten unterstützte, ja seinem Cajütenjungen sogar gestattete, daß er die Cajüte in einem ähnlichen Zustande hielt, so ließ er es endlich gehen; was sollte er sich auch mit den Land-Lubbern die Schwindsucht an den Hals ärgern?

Jetzt kam das Boot zurück.

»Wie die Kerle nur rudern!« brummte er leise vor sich hin. »Ein Heidenglück, daß hier kein Mensch einen Begriff davon hat, wir müßten uns zu Tode schämen mit unserer Bande. Hol' sie der Henker!«

Und er spuckte dabei seinen Tabacksaft mit einem wahren Ingrimm in's Meer hinein.

Das Boot kam indeß näher und der Capitän – oder Almirante, wie er sich stolz nennen ließ – hatte schon ungeduldig mit seinem Fernrohre hinüber gesehen. Der Offizier, der jetzt im Boot aufgerichtet stand, schüttelte die emporgehobene Hand zum Zeichen der Verneinung, und leise vor sich hinfluchend rief der Neu-Granadienser:

»Nun, Señores, wenn Ihr es denn nicht anders haben wollt, so kann ich Euch nicht helfen! – Señor Culpepper,« wandte er sich dann an den Engländer, »geben Sie den Befehl, daß die Kanonen scharf geladen werden, wir wollen den Herren da am Ufer, sowie wir etwas näher hinan kommen können, die in Buenaventura aufgetragenen Grüße bringen.«

Señor Culpepper zerbiß eine Verwünschung zwischen den Zähnen und ging nach vorn, denn was auf einem wirklichen Kriegsschiffe nur durch den Befehl und die Pfeife des Bootsmannes beordert wird, mußte er selber überwachen, und vielleicht auch mit Hand anlegen, wenn er es gethan haben wollte.

Indem stieg eine schmächtige hagere Gestalt in einem blauen Rock mit blanken Knöpfen und straff anliegenden schwarzen Haaren, einen kleinen Panamahut auf dem Kopf, an Deck, wo ein paar Matrosen eben beschäftigt waren, das Sonnenzelt aufzuspannen. Der Neuheraufgekommene aber, wenn er auch selbst vom »Almirante« mit großer Achtung behandelt wurde, hatte kein angenehmes Aeußere. Die gelbe Hautfarbe seines Gesichts trug eine Menge bläulicher Flecke, beinahe als ob er einmal einen Schrotschuß auf den Kopf bekommen hätte, und wenn er auch nicht gerade schielte, hatte das eine Auge doch – was man im gewöhnlichen Leben so nennt – einen falschen Blick. Dabei ging der Mann immer ein wenig gebückt und sah wie lauernd und mißtrauisch um sich her.

An Bord unter den Leuten hieß er gleich vom ersten Tage an »die Ratte«, wenn er auch einen ziemlich hohen Posten zu bekleiden schien und von den Officieren gewöhnlich Señor Comisario genannt wurde – was kümmerte das die Mannschaft? – an Bord hatte er ihnen doch Nichts zu befehlen.

»Nun, wie ist es?« fragte er, sowie er das Deck betrat und den lauernden Blick umherwarf. – »Das Boot noch nicht zurück?«

»Dort kommt es eben langseit,« sagte der Seemann. »Wir müssen, wie ich merke, Gewalt brauchen.«

»Dann lassen Sie das Nest in Grund und Boden zusammen schießen, Señor Almirante!« rief der Commissair, während seine Augen ein unheimliches Feuer annahmen. »Die Canaillen haben es nicht besser verdient, und wenn wir an der Küste einmal ein solches Exempel statuiren, so erspart uns das eine Menge Mühe vielleicht für andere Plätze.«

»Wenn es nicht sein muß,« sagte der Seemann kopfschüttelnd, »so möchte ich es gerade bei Tomaco nicht gern thun. Es ist einer der betriebsamsten Orte Neu-Granadas.«

»Rebellisches Gesindel!« rief der Commissair im Eifer. »Ich kenne sie von früher her und besser als Sie glauben. Verrätherisches Pack die ganze Bande, und seien Sie versichert, daß ich jede Maßregel vertrete, die Sie gegen dies Volk in Anwendung bringen.«

Der Seemann erwiderte nichts darauf, denn der ausgesandte Parlementair stieg eben an Bord und machte seine Meldung.

»Und haben Sie erfahren, ob ein Señor José Ramos hier in Tomaco lebt?« unterbrach ihn der Commissair, ehe er seinen Bericht ganz vollendet hatte.

»Señor,« sagte dieser, »ich hatte an Land mehr zu thun, als mich nach einzelnen Persönlichkeiten zu erkundigen. Der Zeitpunkt war gerade nicht besonders passend.«

»Aber Sie haben doch wenigstens Jemanden von dort mitgebracht, der uns nähere Auskunft geben könnte!« rief der Commissair, indem er einen giftigen Blick nach dem jungen Mann schoß.

»Wir waren froh, daß wir uns selber wieder fortbrachten,« erwiderte dieser, »denn die Stimmung schien eine sehr aufgeregte zu sein. Uebrigens haben sie dort drüben im Sande Schanzen aufgeworfen und dieselben auch wahrscheinlich mit Kanonen armirt, wenn ich das von dort, wo ich mich befand, auch nicht ganz deutlich erkennen konnte.«

»Was für Kanonen werden sie hier am Lande haben!« sagte der Capitain verächtlich. – »Unsere Zwanzigpfünder sollen da schon ganz anders mit ihnen sprechen. Wie steht es mit der Fluth, Señor Culpepper?«

»Fängt eben an zu steigen, Señor,« lautete die Antwort – »vor drei Stunden dürfen wir aber nicht daran denken, die Anker zu lichten, denn wenn wir hier auf dem Sande festfahren, und sie haben wirklich so ein Ding wie ein Geschütz am Land, so können sie mit uns machen was sie wollen.«

Der Capitain erwiderte nichts, sondern ließ sein Boot bemannen und ruderte nach der Galeotte hinüber, während der Commissair, seine Nägel beißend, an Deck auf und ab ging und nur manchmal das Telescop aufnahm, um zu beobachten, was da drüben am Lande vorging.

Indessen schlenderte der Steuermann wieder über Deck, damit dort – soweit das möglich war – Alles in Ordnung gebracht würde, wenn es wirklich zu einem Kampf kommen sollte. Vorn am Gangspill lehnte ein anderer Europäer – ein junger Franzose, der den Posten eines master at arms bekleidete. Er hatte beide Arme auf das Gangspill gelehnt, stützte sein Kinn darauf und blickte in tiefem Sinnen nach dem Lande hinüber.

»Nun Bill,« sagte Mr. Culpepper zu ihm, indem er neben ihm stehen blieb und ihm auf die Schulter klopfte, »worüber denkt Ihr nach?«

»Ich, Sir?« sagte der Franzose, der ziemlich gut englisch sprach, denn er hatte lange in Canada gelebt, und schien auf der See daheim zu sein. Er war reinlich und ganz matrosenartig gekleidet, was man von der übrigen Gesellschaft nicht sagen konnte – »ich überlege mir eben, daß es eine verdammt viel bessere Beschäftigung wäre, da drüben auf dem Rücken unter einer Cocospalme zu liegen, als hier mit einer nichtswürdigen Bande von Land-Lubbern sich zu Schanden zu ärgern. Ich habe das Leben hier bis an den Hals satt.«

»Ich wohl nicht, Camerad?« lachte der Engländer mit einem leisen Fluch. – »Aber was kann's helfen? Heute bekommen wir wenigstens einmal Abwechselung in die Wirthschaft und ich kann Euch sagen, daß ich neugierig bin, wie sich unsere tapferen Neu-Granadienser im Feuer benehmen werden.«

»Im Feuer?« sagte der Franzose verächtlich. – »So lange sie nicht fortlaufen können, werden sie natürlich Stand halten. Uebrigens geb' ich Euch mein Wort, daß es hier an Bord gefährlicher ist, hinter einer von unseren alten Kanonen zu stehen, wie davor, denn ich möchte nicht dabei sein, wenn sie abgefeuert werden.«

Der Engländer lachte laut auf.

»Und habt Ihr sie nicht selber heute zu dem Zwecke geladen?«

»Bah!« sagte der Franzose. – »Die sind schon oft geladen, aber noch nie abgeschossen worden – so lange ich wenigstens an Bord bin – und so lange ich an Bord bin, werd' ich es auch zu vermeiden suchen, darauf könnt Ihr Euch verlassen.«

»Wird aber diesmal nicht gehen,« schmunzelte der Engländer, »denn die Ratte scheint eine ganz besondere Wuth auf das Nest da drüben zu haben, und kann die Zeit nicht erwarten, wo der Befehl zum Feuern gegeben wird.«

»Die Ratte soll – zu Grase gehen,« brummte Bill durch die Zähne. »Ich möchte nur wissen, was der hier schon einmal ausgeheckt hat, daß er so wüthend auf den Ort ist. Habt Ihr je ein freundlicheres Plätzchen in der Welt gesehen, Mate?« fuhr er fort und deutete mit dem Arm nach der reizenden Insel hinüber. – »Kann es etwas Pittoreskeres geben, als jenen alten grauen Felsen mit den Palmen am Fuße, seiner hellgrünen Zuckerrohr-Mantille und den prachtvollen, breitblätterigen Bananen oben auf dem Gipfel? Wie friedlich könnten die Menschen hier leben – und leben auch so, wahrscheinlich – wenn wir sie mit unserer verwünschten Politik in Ruhe ließen und die »Ratte«, statt sie hier an's Land zu setzen, einfach im Canal ersäuften.«

Der Engländer lachte leise vor sich hin und ging wieder nach hinten, wo er jetzt, da die Fluth schon scharf einsetzte und der Bug vom Land abgedreht lag, einen besseren Ueberblick über die Insel hatte. Der Capitain kam ebenfalls zurück und die Mannschaft wurde zum Essen gerufen, um völlig bereit zu sein. So rückte etwa drei Uhr heran – das Wasser war bedeutend gestiegen, und da der Commissair ebenfalls unablässig drängte, um an Land zu kommen, gab der »Admiral« endlich den Befehl, die Anker wieder zu lichten und aufzusegeln.

»Fertig zum Feuern!« lautete dabei der Befehl. Es schien wirklich Ernst zu werden, und der master at arms wurde auf das Quarterdeck befohlen.

»Lassen Sie Ihre Leute bei den Kanonen stehen, Sir,« redete ihn hier der Capitain an, »und beim ersten Schuß, der vom Lande her fällt, geben Sie eine Salve – eine ganze Breitseite (es waren drei Kanonen an jeder Seite) und zielen Sie gut.«

»Sehr wohl, Señor Almirante,« sagte der Franzose, mit der Hand an der Mütze, »aber – wollen Sie mir eine Bemerkung erlauben?«

»Was ist da noch zu bemerken?« fragte der Capitain scharf.

»Weiter nichts,« bemerkte der Franzose, »als daß der Schooner das Abfeuern der Kanonen nicht aushält. Sie sind zu schwer für uns.«

»Mit dem Bedenken kommen Sie jetzt, im entscheidenden Augenblick?« fuhr der Capitain auf.

»Señor,« erwiderte der Mann ruhig, »als ich in Buenaventura der kleinen Prügelei wegen von den Behörden eingesteckt wurde und die Wahl bekam, zwei Monate in einer wahren Pesthöhle von Gefängniß zu sitzen, oder an Bord dieses Kriegsschiffes zu gehen, hatte ich mit der Armirung desselben nichts zu thun. Jetzt haben Sie mich zum Geschützmeister gemacht und es ist meine Schuldigkeit, Sie vor der Gefahr zu warnen.«

»Sie wollen mir doch nicht sagen,« rief der Admiral, »daß wir nicht wagen dürften, einen Schuß zu thun!«

»Allerdings,« erwiderte mit unzerstörbarer Ruhe der Franzose. »Ich habe den Schooner genau untersucht – die Planken und Rippen sind so morsch, daß Sie in keinem anderen Wasser damit fahren könnten, wie gerade hier – sie halten nur noch bei ruhiger Fahrt aus reiner Gefälligkeit zusammen. Ich weigere mich übrigens nicht, zu feuern. Geben Sie den Befehl, und Sie sollen sehen, daß Ihre Geschützstücke ordentlich bedient werden. – Ich kann schwimmen und wenn der alte Kasten auseinander geht und die Kanonen nicht platzen, so hoffe ich an Land zu kommen. Daß wir aber heute Abend, wenn wir nur eine einzige Breitseite abfeuern, die Wand bersten, und eine Stunde später voll Wasser laufen, darauf gebe ich Ihnen mein Ehrenwort« – und seine Mütze lüftend drehte er sich ab und ging wieder ruhig auf seinen Posten.

Der Capitain blieb in einer höchst unbehaglichen Stimmung zurück und auch der Commissair war ein sehr bestürzter Zuhörer der Unterredung gewesen, denn er hatte bis jetzt einen ganz anderen Begriff von ihrer Marine gehabt. Sank das Schiff wirklich, so war er verloren, denn er konnte nicht schwimmen, und ob sie in einem Boot freundlich an der Küste empfangen würden, bezweifelte er sehr.

Der Engländer wurde jetzt gerufen, um seine Meinung über die Sache zu hören, aber er zuckte die Achseln. Der Franzose war, wie er bestätigte, gelernter Schiffszimmermann, und hatte ihn schon ein paar Mal auf den wahrhaft traurigen Zustand der Schiffshölzer aufmerksam gemacht. Er traute selber nicht und wenn sie seinem Rath folgen wollten, so hielten sie mit Schießen wenigstens so lange als möglich zurück. Der Schooner macht jetzt schon so viel Wasser, daß sie auf jeder Wacht eine volle Stunde pumpen müßten, und ihn dann noch nicht einmal frei bekämen. – Wenn sich durch Erschütterung des Feuerns die Hölzer noch mehr lösten, stünde er für nichts. – Uebrigens könne er auch schwimmen.

Und damit spuckte er sein Priemchen über Bord und schnitt sich ein frisches ab, während der Schooner, von der Galeotte dicht gefolgt, mit der jetzt einsetzenden Seebrise rasch seinem Ziele entgegenlief und einem Kampfe, sobald er vom Lande aus begonnen wurde, nun schon gar nicht mehr ausweichen konnte. Gegen diese Brise und die starke Strömung der einsetzenden Fluth wären die erbärmlich segelnden Fahrzeuge gar nicht im Stande gewesen, die offene See wieder zu erreichen.

Der »Almirante« befand sich in Verlegenheit, denn es kann ja nichts Fataleres für den Befehlshaber eines Kriegsschiffes geben, als zu hören, daß die Kanonen, die zu dem besonderen Zwecke an Bord geschafft wurden, um damit zu schießen, nicht abgefeuert werden dürften, wenn man nicht befürchten wolle, nicht etwa Schaden nach außen anzurichten, sondern das eigene Fahrzeug zu ruiniren. Wer weiß auch, was er gethan hätte, wenn gerade Ebbe gewesen wäre und ein günstiger Wind ihm irgend eine andere Bewegung erlaubt hätte, als die, vorwärts zu segeln. So aber befand er sich genau in der Lage eines Cavalleristen, dessen Pferd mit ihm, angesichts der feindlichen Reihen, durchgeht, und zwar gerade auf die Feinde zu. Es blieb ihm nichts Anderes übrig, als zu thun, als ob er das Pferd noch selber regiere und lenke, und nur aus rasender Tapferkeit zu diesem tollkühnen Angriff getrieben werde. Er war auch mit sich einig, denn wenn wir zu einem Entschluß gezwungen werden, ist es nicht schwer, ihn zu fassen.

Jetzt befand man sich der im Sande eingegrabenen Batterie gegenüber. Deutlich konnte man schon die dort am Ufer durcheinander laufenden Soldaten erkennen und der Capitän bemerkte mit seinem Glas, daß sie wirklich mit einem Gegenstande, der einer Kanone ähnlich sah, beschäftigt waren. Es dauerte auch nicht lange, so folgte ein Blitz, dann eine kleine weiße Rauchwolke und während der Schuß zu ihnen herüberdröhnte, sprangen die Leute alle nach dieser Seite des Fahrzeugs, um zu sehen, welche Richtung die Kugel nehmen würde. – Aber keine Kugel kam. Dicht am Ufer spritzte das Wasser allerdings an ein paar Stellen auf, das war aber wenigstens hundert Schritt vom Schiff selber entfernt und nicht einmal in der Richtung, sondern viel weiter nach hinten. Uebrigens erfolgte kein Befehl einer Erwiderung an Bord. Die Leute standen mit brennenden Lunden neben ihren Kanonen, aber sie schossen nicht, und mit wahrhaft majestätischer Ruhe glitten die beiden Fahrzeuge, die zu wenig Tiefgang hatten, um bei steigender Fluth ein Auflaufen zu fürchten, an den so mühsam aufgeworfenen Schanzen vorüber und gerade auf die Stadt zu, bis sie, dieser gegenüber, plötzlich auf ein gegebenes Signal die Segel lösten und die Anker niederrollen ließen. Kaum zwei Minuten später schwang ihr Bug mit der Strömung herum und beide zeigten jetzt der Stadt die drohenden Seiten, mit denen sie jeden Moment den Angriff beginnen konnten.

»Und was wollen Sie thun?« fragte der Commissair ängstlich, als der Capitän sein Boot beorderte, um selber an das Land zu fahren. »Uebereilen Sie um Gotteswillen nichts, daß Sie Ihre Schiffe nicht gefährden.«

»Haben Sie keine Angst,« sagte der Seemann mit einem verächtlichen Lächeln. – »Es wäre ja Schade um das Material. Uebrigens kenne ich meine Landsleute und hoffe das ohne Blutvergießen durchzusetzen was wir durch unsere Kanonen erreichen wollten. Dann werden Sie mir erlauben, nach Buenaventura zurückzukehren und dort diese kostbaren Fahrzeuge der Obhut Sr. Excellenz wieder zu überliefern.«

»Von Herzen gern, von Herzen gern, Almirante,« rief der Commissair rasch. »Auch hoffe ich, Ihnen dann einige wichtige Gefangene mitzugeben. Meine Kundschafter, die mir meldeten, daß Señor Ramos mit seiner Familie nach Tomaco geflüchtet sei, und jetzt hier gegen Mosquera agitire, können sich nicht geirrt haben und dann war unsere Reise nicht umsonst, denn ich gebe Ihnen mein Wort, daß dieser Ramos der gefährlichste und schlimmste Agitator in ganz Neu-Granada ist.«

»Veremos!« erwiderte der Capitän trocken und stieg in sein Boot hinab, mit dem die Leute schon seiner warteten. Er nahm nicht einmal eine weiße Fahne mit, sondern steuerte das Boot direct auf eine sich am Strand sammelnde Menschengruppe zu, weil er an der Stelle ziemlich richtig den besten Landungsplatz vermuthete. Zu gleicher Zeit sah er, wie die an den Sandschanzen aufgestellte Mannschaft im Sturmschritt mit ihren beiden kleinen Kanonen herbeieilte, um – wenn nöthig – vielleicht den Landungsplatz zu vertheidigen, denn daß sie gegen die Schiffe selber mit ihren Geschützen nichts ausrichten konnten, hatten sie wohl bei dem ersten Mal Feuern bemerkt.

Der Alkalde erwartete ihn schon, und diesmal fest entschlossen, sich durch den Postmeister nicht wieder das Wort vor dem Mund wegnehmen zu lassen. Er trat auch dem Capitain, sowie dieser an's Land sprang, entgegen und sagte, indem er ihm die Hand reichte und schüttelte:

»Buenos Dias, Señor! – Sehr angenehm, Ihre Bekanntschaft zu machen. Können Sie uns vielleicht Aufklärung geben, zu welchen Zweck Sie hier Ihre beiden Schiffe vor unserer Stadt geankert haben?«

Ein leises Lächeln flog über die Züge des Seemannes, als er antwortete:

»Mit weit größerem Rechte, mein verehrter Señor, könnte ich Sie fragen, weshalb Sie auf ein paar Schiffe Ihres eigenen Landes, die einen Hafen ihres eigenen Territoriums besuchen, feuern lassen. – Bitte, unterbrechen Sie mich nicht. Wäre ich Ihnen wirklich feindlich gesinnt, was hinderte mich, furchtbare Rache für die Beleidigung zu nehmen, denn Sie werden mir zugeben, daß eine einzige in diese Bambushäuser gefeuerte Kanone entsetzliche Verwirrung anrichten und viele Menschenleben gefährden würde. Um aber kein Blut treuer Unterthanen unseres theueren Vaterlandes zu vergießen, um den Bürgerkrieg nicht auf dies friedliche Eiland zu tragen, komme ich noch einmal zu Ihnen, um Sie aufzufordern, das zu thun, was Sie doch nicht mehr ändern können: Sr. Excellenz den jetzigen Präsidenten der Republik, Señor Mosquera, anzuerkennen und ihm Treue zu schwören. Ich selber komme nur als der Feind derer, die den Huldigungseid verweigern – im anderen Fall sind wir Freunde und Bundesgenossen, und ich stehe mit meiner Person dafür, daß Sie weder an Ihrer Stadt, noch irgend einem derselben angehörenden loyalen Bürger geschädigt werden sollen.«

»Aber bester Herr,« sagte der Alkalde, durch die freundliche und vernünftige Anrede schon halb gewonnen und nur noch in Verlegenheit, wie er vor den Umstehenden eine vielleicht etwas zu rasche Sinnesänderung beschönigen sollte, »wir – wir wissen hier eigentlich noch gar nichts von Sr. Excellenz, dem neuen Präsidenten. Wir sind friedliebende Menschen, die mit keinem Lande einen Krieg wollen – am allerwenigsten mit dem eigenen, aber wie – wie bekommen wir denn eine Garantie, daß nicht – ohne jedoch das Geringste gegen Ihre eigene Person andeuten zu wollen – daß nicht irgend ein Schiff bei uns anlegen könnte, welches irgend einen neuen Namen als Präsident und Regierung aufstellt und Besitz von der Insel ergreift?«

»Darüber beruhigen Sie sich,« sagte der Seemann; »ich handele nicht nach eigener Machtvollkommenheit, sondern habe einen Regierungs-Commissair an Bord, der, von Buenaventura aus mit allen nöthigen Papieren und Schriftstücken beglaubigt, das Weitere mit Ihnen auf vollkommen gesetzlichem Wege in Ordnung bringen wird. Der Herr ist Ihnen auch, soweit ich erfahren habe, nicht einmal ein Fremder, sondern war früher selber, wie er mich versicherte, ein Einwohner oder wohl gar ein Beamter dieser Insel – «

»In der That? Und sein Name?«

»Señor Fosca.«

»Fosca? Alle Teufel!« platzte der Alkalde etwas erstaunt heraus; »Señor Fosca ist Regierungs-Commissair geworden?« Aber es blieb ihm keine Zeit mehr zum Ueberlegen, denn der Postmeister kam gerade mit einem Theil seiner Leute wenigstens herbei, da ihm keineswegs alle folgten. Die Meisten, indem sie eine Beschießung der Stadt fürchteten, liefen nach ihren Häusern, um dort zu retten, was sie retten konnten. Der Alkalde war aber fest entschlossen, diesmal ohne den Postmeister zu handeln, und sagte deshalb rasch und bestimmt:

»Wenn Sie mir Ihr Wort geben, Señor, daß der Stadt kein Schaden geschehen soll, so glaube ich in Uebereinstimmung mit meinen Mitbürgern zu handeln, wenn ich Ihnen erkläre, daß wir den Präsidenten Mosquera anerkennen wollen.«

»Ja wohl! Gewiß! En verdad – con gusto!« tönte es von allen Seiten, denn das entschlossene Aufsegeln der Kriegsschiffe hatte seine Wirkung auf die Gemüther nicht verfehlt.

»Und das Versprechen gebe ich Ihnen,« sagte der Seemann, dem damit eine wahre Centnerlast von der Seele fiel, denn eine Weigerung hätte ihn in die größte Verlegenheit gebracht.

»Und wissen Sie, welche Verantwortung Sie da auf sich nehmen, Señor Alkalde?« schrie der Postmeister, der eben zur rechten Zeit erschien, um zu spät zu kommen. »Wir sind hier freie Bürger, und wenn irgend ein Präsident – «

»Fosca ist Regierungs-Commissair und an Bord,« flüsterte ihm der Alkalde zu, indem er seinen Arm faßte; »halten Sie das Maul.«

Der Postmeister sah ihn verdutzt an. Es war augenscheinlich, daß er den Sinn der Worte nicht so rasch begriff, aber der Alkalde warf ihm einen warnenden Blick zu, und sich auf dem Absatz herumdrehend nahm er den Hut ab, schwenkte ihn in der Luft und rief mit seiner weit hinaus dröhnenden Stimme:

»Compañeros el viva! Viva Sa Excellencia el praesidente Señor Mosquera! – El viva!«

»El viva! El viva!« jubelten ihm die Leute nach, die ebenfalls ihre Hüte schwenkten, und wie ein Lauffeuer pflanzte sich der Schrei durch die Stadt fort. Galt er ja doch als Friedenszeichen und war den Leuten eine Bürgschaft, daß sie von den Schrecken und Gefahren des Krieges verschont bleiben sollten. Mit der Gewißheit hätten sie irgend einen lebenden oder auch todten Menschen – wer er immer gewesen – leben lassen.

Es war in der That ein Jubel auf der Insel, als ob man diesem Augenblick schon seit Jahren mit der größten Spannung entgegengesehen hätte, und daß der Postmeister gerade, der noch vor wenigen Stunden da unten am Strande Sandschanzen aufgeworfen und selbst eine Kanone auf die nahenden Schiffe abgefeuert, in den Ruf mit einstimmte, fiel keiner Seele mehr auf.




Fünftes Capitel.

Baptista


Der Capitän hatte seine Schuldigkeit gethan und sein Ziel viel rascher und vollkommener erreicht, als er je gehofft. Es drängte ihn deshalb wieder an Bord zurück. Aber so bald kam er noch nicht los, denn von allen Seiten strömten Menschen herbei, um ihm die Hand zu drücken und ihm zu erklären, daß sie gute Freunde bleiben und keinen Krieg miteinander haben wollten. Und nicht allein die Männer thaten das, sondern ganz besondere Energie entwickelten die Negerweiber, von denen die Insel ein außerordentlich starkes Contingent stellte, und wo solch eine alte würdige Dame einmal die Hand des Seemannes erwischte, ließ sie nicht sogleich wieder los. Sie versicherten ihm dabei stets mit ihrer gewöhnlich tiefen Baßstimme, daß sie sich unendlich glücklich schätzen würden, wenn er zu ihnen in das Haus kommen und eine Tasse Chocolade trinken wolle.

Er hatte Mühe sich ihrer zu erwehren, und sein Boot endlich wieder gewinnend, sprang er hinein und ließ sich an Bord zurückrudern.

Still vor sich hin mußte er freilich unterwegs lachen, wenn er sich überlegte, daß Tomaco eigentlich nur dadurch friedlich erobert und Mosquera eine neue Stadt gewonnen sei, daß sich beide Theile vor einander gefürchtet hätten, denn wie die Sachen standen, konnten sie sich gegenseitig keinen großen Schaden thun. Die List war aber gelungen; die Bewohner von Tomaco hatten sich durch eine völlig unausführbare Drohung: die Beschießung der Stadt, einschüchtern lassen, und es lag jetzt an Señor Fosca, das Weitere in Frieden und Freundschaft zu arrangiren und sich mit den Behörden zu verständigen.

Als der Capitän sein kleines Fahrzeug erreicht und den Befehl gegeben hatte, Munition und Kugeln wieder fortzuräumen und die »Geschützstücke« auf's Neue zu befestigen – ein sicheres Zeichen also, daß von einem Kampf nicht weiter die Rede war – trat plötzlich der Franzose zu seinem Admiral heran, und seinen kleinen Wachshut abnehmend, wollte er ihn eben anreden, als Señor Fosca mit triumphirendem Blick auf diesen zukam und rief:

»Ich weiß Alles! Schon ehe Sie zurückkamen war ein Fruchtboot hier. – Meine alten Freunde sind noch dieselben – der nämliche Eifer, Einer dem Andern einen Verdienst vor der Nase wegzuschnappen. – Aber ich habe auch Ihren Erfolg erfahren und – daß Señor Ramos wirklich hier mit seiner ganzen Familie lebt. Er kann uns jetzt nicht mehr entgehen und ich bitte Sie also, Almirante, mir nachher sechs Mann von Ihren Leuten zur Verfügung zu stellen, um den Verräther zu verhaften.«

»Mein bester Señor,« sagte der Seemann, dem die Sache augenscheinlich fatal war, – »ich habe den guten Leuten da drüben versprochen, sie nicht weiter zu schädigen.«

»Aber der Verräther war ausgenommen,« rief Fosca rasch, – »gehört er doch auch gar nicht nach Tomaco und geht der Stadt nicht das Geringste an. Señor Almirante, ich habe den strengen Auftrag von Sr. Excellenz, auf diesen gefährlichsten aller Staatsverräther zu fahnden und ihn nach Buenaventura zu liefern. Ich möchte nicht in des Mannes Haut stecken, der ihm Zeit und Gelegenheit ließe, zu entkommen.«

»Ach was!« brummte der Seemann verdrießlich vor sich hin, »so gefährlich wird die Sache nicht sein, Señor. Aber meinetwegen thun Sie, was Sie nicht lassen können und nehmen Sie sich von Leuten was Sie brauchen. Ich mache Sie aber dafür auch für alle Folgen verantwortlich, wenn Sie die jetzt beruhigten Einwohner wieder aufreizen und unser Aller Sicherheit dadurch gefährden.«

»Die Verantwortung übernehme ich,« sagte der Commissair, und ein boshaftes Lächeln zuckte über sein fahles Gesicht, als er sich umdrehte und wieder in die Cajüte hinunter stieg.

»Was wollen Sie?« wandte sich der Capitän nun, eben nicht in bester Laune, an den jungen Franzosen, der indessen zurückgetreten war, um sein Anliegen später vorzubringen.

»Señor Almirante,« sagte der Franzose, »wie ich zu meiner Freude sehe, ist kein Krieg mehr nöthig. Unter diesen Verhältnissen brauchen Sie aber auch keinen master at arms mehr, und da ich jetzt ein unnützes Möbel an Bord bin, so wollte ich Sie ersuchen, mir meine Entlassung zu geben. Ich möchte gern in mein eigenes Vaterland zurückkehren.«

»Thut mir leid,« sagte der Seemann barsch, »Ihre Zeit ist noch nicht um und außerdem brauche ich Sie nothwendig. Sie sind Schiffszimmermann, nicht wahr?«

»Ein sehr mittelmäßiger,« bestätigte achselzuckend der Gefragte.

»Thut nichts! Wahrscheinlich immer noch besser als unsere carpinteros in Buenaventura. – Sie müssen mit helfen, den Schooner wieder in Stand zu setzen, wenn wir zurückkommen.«

»Den Schooner?« lächelte der Franzose. – »Ach ja, es geht, wenn er einen neuen Rumpf und andere Masten bekommt und nachher frisch aufgetakelt werden kann. An den alten Kasten werden Sie aber doch keine Reparaturkosten mehr wegwerfen wollen?«

»Das ist Sache der Regierung,« brach der Capitain kurz ab. »Sie gehen jedenfalls mit zurück und dort findet sich das Weitere. Sehen Sie indessen zu, daß mir das Volk kein Unglück mit dem Pulver anrichtet – daß sie besonders da unten nicht rauchen. Haben Sie mich verstanden?«

»Vollkommen gut, Señor,« sagte der Franzose mit einer Verbeugung, als der Seemann an ihm vorüberschritt und dem Commissair in die Cajüte folgte.

»Abgeblitzt!« lachte der Engländer, der, als er auf das Quarterdeck kam die Unterredung gehört hatte. – »Hätte ich Euch auch vorher sagen wollen, Camerad, denn wenn der Alte uns paar Europäer von Bord ließe, wen behielt er denn da zurück als die Buschläufer, die ein Fallreep nicht von der Besanschote zu unterscheiden wissen. Nein, damit ist's nichts! Ich hätte selber Einsprache dagegen erhoben, also schlagt Euch die Phantasien aus dem Kopfe.«

»Wird wohl nicht anders werden, Mr. Culpepper,« stimmte der Franzose bei, indem er leise vor sich hinpfeifend, nach vorn ging.

Der Nachmittag war indessen schon ziemlich weit vorgerückt; die Sonne stand kaum noch eine halbe Stunde hoch am westlichen Himmel und die Wolken begannen schon die den Tropen eigene, violette Färbung anzunehmen, als Señor Fosca mit seinem Boot an Land fuhr. Statt der erbetenen sechs Mann Wache hatte er sich aber zwölf ausgesucht, die vollständig bewaffnet ihn begleiten sollten, und der Capitain that da auch keinen Einspruch. Er wollte augenscheinlich mit der ganzen Sache nichts zu thun haben.

Am Land wurde er von den Spitzen der Behörden empfangen, der Alkalde, der Postmeister und der Steuerbeamte – dessen Posten er selber früher einmal auf Tomaco bekleidet hatte – standen an der Landung und die Begrüßung – wenn man überhaupt auf äußere Anzeichen schließen konnte – war eine herzliche.

Am liebsten hätte Señor Fosca nun allerdings das vorgenommen, was ihm am meisten am Herzen zu liegen schien: die Verhaftung des Hochverräthers – aber das ging doch nicht – der wichtigere Act und zwar die Uebernahme der Insel und die Huldigung des neuen Präsidenten mußte vorausgehen, und die Spitzen der Bevölkerung, von den meisten dort Ansässigen begleitet, begaben sich demnach in das »Regierungsgebäude« (ein Haus, das sich vor den übrigen nur durch einen etwas größeren Umfang auszeichnete), um den feierlichen Act dort vorzunehmen.

Vorher hatte der Postmeister, der jetzt die Geschmeidigkeit selber zu sein schien und gar nicht so that, als ob er je den geringsten Widerstand gegen Mosquera's Ansprüche geleistet, eine längere und geheime Unterredung mit Señor Fosca, und dann erfolgte in ziemlich summarischer Weise die Uebergabe der Stadt und Insel an den neuen Herrscher, mit der Bestätigung der jetzigen Beamten in ihrem Dienst.

Es war unterdessen vollkommen dunkel geworden und die beiden »Kriegsfahrzeuge« in dem Canal hatten jedes an ihrem Vormast eine rothe Laterne aufgezogen. Wachen brauchte es nicht an Deck, denn die ganze Mannschaft lag zerstreut darauf herum oder saß plaudernd vorn auf der Back oder auf den Railings. Hinten auf dem Quarterdeck ging der Franzose mit verschränkten Armen auf und ab; der englische Steuermann lag bequem auf einer Bank ausgestreckt und rauchte seine Cigarre.

Der Franzose hatte seine Jacke neben sich auf dem Steuerrad hängen, jetzt ging er hin und zog sie wieder an.

»Nun, Bill,« lachte Mr. Culpepper. »Ihr friert doch nicht in der Temperatur?«

»Das nicht, Sir,« sagte der Mann gleichgiltig, »aber der Thau fängt an zu fallen, und da drüben zieht auch wieder ein Wetter herauf. Wir bekommen eine böse Nacht.«

»Ob es in dem verbrannten Lande nicht auch alle Tage vom Himmel herunterschüttet!« brummte der Engländer und rauchte ruhig weiter. – Der Franzose beschäftigte sich damit, einen Theil der noch unordentlich umherliegenden Brassen aufzurollen. Eine davon aber, ohne daß es Mr. Culpepper sehen konnte, nahm er und hing sie über Bord, dann stieg er langsam und gleichmüthig über die Railing, ließ sich an dem Tau geräuschlos hinab und verschwand im nächsten Augenblick unter Wasser.

»Heh, Bill!« rief der Engländer nach einer Weile, ohne jedoch den Kopf zu wenden. – »Wohin wolltet Ihr denn eigentlich, wenn Euch der Alte losgelassen hätte?«

Er bekam keine Antwort und sah sich jetzt erstaunt um. – Das Deck war leer.

»Hm!« brummte Mr. Culpepper vor sich hin. »Habe ihn doch gar nicht fortgehen hören – «

»Du, Juan, da schwimmt ein Fisch!« sagte einer der Leute vorn an Bord. »Wetter! Das muß ein großer Kerl sein. Ich mache meine Angel zurecht, vielleicht fangen wir ihn.«

Es hatte sich für einen Moment ein dunkler Gegenstand über Wasser gezeigt, verschwand aber sogleich wieder und einige der Leute holten ihr Angelgeräth vor. Es gab wirklich viel Fische dort in der Nähe des Landes und das aufsteigende Gewitter begünstigte den Fang.

Bill, wie ihn Mr. Culpepper alter Gewohnheit wegen nannte, hieß eigentlich weder Bill, noch Guillaume, sondern Baptiste Lecomb, und hatte unterdeß seine Flucht so keck und rasch ausgeführt, daß er als ein ganz vortrefflicher Schwimmer das Land erreichte und längst zwischen den dunklen Häusern verschwunden war, ehe er an Bord vermißt wurde. Am Land zog er sich vor allen Dingen aus, und rang seine Kleider soweit als möglich trocken, daß er sich nirgends durch die übergroße Nässe verrieth – eine Erkältung brauchte er in dem heißen Clima nicht zu besorgen – und erkundigte sich dann bei dem ersten Eingeborenen, den er antraf, ob kein Europäer, besonders ob kein Franzose in dem Orte wohne. Er befand sich nicht weit von Renard's Haus und als er zu diesem hingewiesen war, machte er keine weitern Umstände einzutreten.




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